Gritli Letters (Gritli Briefe) 1919

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Januar 1919

1.I.1919

es ist das erste Mal! ein

bös misslungener Versuch!

Liebes liebes Gritli,

das Haus ist leer, Rudi und Emil sind heut früh vor 7 zusammen fortgefahren. Und Mutter hat sich die Erkältung wieder auf die Stirnhöhlen geschlagen und wir waren ziemlich trübselig beisammen, trotz beiderseitigen guten Willens, aber was hilfts, es ist ein gegenseitiges Sichzurückhalten voreinander, das doch der andre wohl weiss und merkt, und da kann keine ruhige und anständige Stimmung mehr aufkommen. Eugens Brief heute und deinen neulich hat sie mir beide nicht gezeigt (obwohl deinen Rudi und Beckerath!), sie meint es mit Wurst wieder Wurst machen zu müssen und ich unterstütze sie durch absolute Unneugierigkeit in dieser Politik, weil ich hoffe, sie gewöhnt sich dadurch auch das Interesse für deine Briefe ab (vorläufig trage ich sie diesmal einfach dauernd bei mir, so dass sie nicht herankommt! Aber was ist das für ein “Zusammen”leben!). Nachmittags waren wir auf dem Friedhof (es ist heut ihr Verlobungstag) und dann hat sie sich zu Bett gelegt. So zu zweien wird es wohl nicht lange gehn, es fehlt die nötigste Grundlage, das Vertrauen. Solange Emil da war, war es gut, manchmal wirklich nett. Aber nun will ich wirklich zu dir kommen, eine ganze Seite ist genug geklagt. Die Post hat es wieder mal gut mit mir gemeint: deine Briefe vom 28., aus dem Bett, und der vom 29., schon wieder auf, kamen zusammen. Marthali doch wohl auch? Oder bist du am Ende noch gar nicht auf? aber Tinte im Bett ist doch unwahrscheinlich. Vor den Tolstoischen Tagebüchern warnte mich Emil auch schon. Ich mag schon in Anna Karenina nicht die Stücke, wo Lewins – oder wie er heisst – Überlegungen vor einem ausgebreitet werden. Heut fand ich in Dostojewskis “litterarischen Schriften – die “politischen” habe ich schon bei Kriegsbeginn gelesen – eine langen Aufsatz darüber, der auch vor allem gegen Lewin streitet; richtig gelesen habe ichs aber natürlich nicht; es bleibt bei mir ja jetzt immer nur beim Finden. Aber eine kurze Stelle über die Karamasoff, eine Tagebuchnotiz stand da und die enthält eigentlich alles was gegen den denkenden Tolstoi zu sagen ist: “…Diese Tölpel (die zeitgenössischen Atheisten) haben sich eine solche Gottesleugnung noch nicht einmal träumen lassen, wie sie in meinem Grossinquisitor und dem vorhergehenden Kapitel ausgedrückt ist und auf die das ganze Buch die Antwort giebt…” Tolstoi weiss nicht, dass in Dichtungen nur solche Fragen vorkommen dürfen, auf die “das u Antwort giebt”, nicht solche die an Ort und Stelle, wo sie gefragt sind, beantwortet werden können.

Mit Hans ist es so wie du schreibst. Ich setze dir eine Stelle aus einem Brief von der Reise nach Heidelberg an mich her: “Meine skeptischen Fragen musst du nicht auf dein sonstiges Antiphilosophieren beziehen. Aber ein System “vor” Deiner religiösen Lebenstat, das konnte ich nicht verstehn; und ich sehe ja nun auch, dass es das System “nach” der religiösen Tat sein soll; so kann ich es umsomehr auch ganz ernst nehmen, ohne zu vergessen, dass dem göttlichen Tore die Tat, ob vor= oder nachhergetan, das Nähere ist”. Wegen der letzten Wendung schreibe ich es dir.

Dass R.Schmidt Eugen wohl will hätte ich wohl gedacht. Mitteis?? Über das “erste Mal” bin ich auch erstaunt. Aber es ist ja wirklich sonderbar, wie sehr “für sich” dieser grundsätzliche “mit andern”= und “mit allen”= Leber meist gelebt hat. Überhaupt komisch, dass sich auf den “Individualismus” immer leichter Vereine zusammenfinden als auf die Parole “Verein”.

Zum Schluss des alten Jahrs kam gestern Abend von Meiner Antwort auf mein am 27ten mit dem ausfürlichen Inhaltsverzeichnis abgegangenes Angebot von Hegel und der Staat; ich solle es ihm ganz oder teilweise schicken, da er Interesse dafür habe. Bisher noch kein Wort vom dicken Ende. Ich fürchte dennoch, er hat sich über meine Interessantheit zunächst einmal im Telefonadressbuch informiert – “Komerzienrat”! Aber das werde ich ja nun bald wissen. Offenbar drucken sie im Augenblick ganz gern, wegen der Arbeitslosigkeit.

Der 1.Januar ist herum und ich komme mir unheimlich allein vor in dem grossen Haus. Ich spüre auch das was du neulich mit dem “Bald in unsern Tagen” meintest, sehr deutlich. So kann es nicht mehr bleiben! Und so hat es ja auch nie länger bleiben sollen. Es ist ja nur eine Selbstverständlichkeit. Freilich ist es auch scheusslich, so alles – und doch nichts – “vorauszusehen”. Und dann gucke ich wieder weg von aller Zukunft ud halte mich ganz fest an dir, an deiner Liebe und Gegenwart. Liebe Liebe – ich küsse deine Hände – – –

Dein.

2.I.19

Liebes Gritli, der ganze Vormittag und noch mehr ist mir heute auf Mutter gegangen. Sie war etwas wohler. Und denk: das eigentliche Malheur war – Eugens Brief. Sie hat sich über die Worte “Es ist ein Kampf auf Leben und Tod. Gott bessers” so masslos aufgeregt. Auf Leben und Tod hat sie verstanden wie auf Mord und Totschlag. Die Nacht wollte sie sich mal wieder umbringen, heut früh wenigstens die Beziehungen zu euch (denn du habest Mitschuld an dem Brief, da du ihn sicher gelesen hättest) abbrechen. Schliesslich liess sie ihn mich sehen. Ich war ehrlich verwundert, weil ich doch mindestens auf einen scharfen Brief gefasst war, und nun war es so ganz andersrum. Ich habe sie auch schliesslich zurechtgekriegt. Die “Eifersucht auf den lieben Gott” stritt sie natürlich heftig ab, und das ist ja ganz gut, denn wenn sie sie abstreitet, so hat sie sie ja auch nicht mehr. Im übrigen kam wieder die ganze Litanei, bei der ich nun schon so ruhig bleibe, durch das oftmalige Hören, dass meine Ruhe sie heute ansteckte und sie die Dinge auch etwas ruhiger ansah. Ich habe ihr aber gesagt, sie solle den Brief ruhig Trudchen, Rudi und Tante Emmy zeigen (das wollte sie zuerst, und nicht mir), damit sie sähe, wie sehr sie ihn falschverstanden hätte; doch scheint sie mir schon so davon überzeugt. Nachher zeigte sie mir übrigens deinen auch, und ich erfuhr die Einzelheiten der Reise. Aber sie ist doch in einem traurigen Zustand; sie sollte besser doch nur mit alten Leuten umgehn; man muss sie eben behandeln wie ein rohes Ei und für “auf Tod und Leben” muss man schreiben “nicht ganz unwichtige Angelegenheit”. Dies eine Wort hat ihr den ganzen Brief verschattet! Geht aber bitte nicht darauf ein, ausser wenn sie es selber in ihrer Antwort noch erwähnen sollte.

Auf mir liegt es nun wieder den ganzen Tag, während sie sich natürlich angenehm erleichtert fühlt. Hoffentlich hält sie nun wieder 8-14 Tahe Ruhe. Es wäre wirklich Zeit, dass ich wieder ordentlich in den * reinkäme. Heut früh vor dem Frühstück und dem Sturm habe ich wenigstens die von Rudi damals mit Recht monierte Stelle vom Gebet des Sünders um dem Tod des Andern korrigiert, nämlich durch eine grosse Einschaltung, durch die es nun ganz klar wird. Ich wusste doch, dass der Gedanke an sich richtig war. Jetzt ist er geklärt durch Hineinziehung dessen, was ich dir im April einmal schrieb: dass der “andre”, solange er bloss “andrer” ist, immer tot ist. Das Ich kann sich nicht denken, dass es auch sterben könnte. Um sich selbst tot zu denken, muss es sich als andern vorstellen, als Leiche. Und der Sünder betet: Lass mich selber Selbst bleiben und den andern Andrer. U.s.w., es ist in Wirklichkeit klarer als hier, es lässt sich nicht so kurz sagen. Vom Tod steht nun allmählich eine ganze Menge drin. Vielleicht mache ich ein – Register dazu, wenns fertig ist!!

Am 12. werde ich wohl in Berlin sein müssen, Bradt schreit nach mir. Es soll mir recht sein; fertig werde ich hier ja doch nicht; es wird wohl noch in den Februar hineindauern.

Nachher werde ich Cohens System wieder weiter lesen und dabei gleich meins verbessern, vor allem sehen, was ich vergessen habe. Das giebt dann eine ganz lebendige Kritik; ich habe es neulich gemerkt, als ich etwas darin las.

Mutter hat neulich die Stelle in II 2 von der Ehe (am Schluss) gelesen, und fand sie doktrinär! Es ist übrigens ja richtig, ich bin ja nicht verheiratet und so ist die Stelle auch. Aber doch nicht doktrinär. Sehnsucht ist doch nicht doktrinär!

Nach diesem wirren Tag komm ich nun zu dir – in deine geliebte Nähe.

Liebes Gritli –

Dein Franz.

4.I.19

Liebes Gritli, da bist du wieder aufgewacht, wenn auch noch ein bischen verschlafen und verfiebert – und am Ende auch etwas sylversterverkatert? Ich bin auch noch immer in so einem dauernden kateroiden Zustand, ein Schnupfen, der – ganz ungewohnt bei mir drin sitzt und nicht recht herauskommt. Gestern Abend war Rudi Hallo bei mir, aber wir waren beide müde und es war langweilig. Und miteinander müde sein zu können, das ist ja das Höchste, wozu man mit einem Menschen kommt. Ich habe ihn übrigens gedrängt, im Zwischensemester doch nach Leipzig zu gehn.

Hans ist ja schon lange fort, am 27. glaube ich. Putzi und “E.S.”? nichts Neues; aber wenn er sie will – an ihr, dass sie ihn nimmt, zweifle ich leider gar nicht; und sie hätte auch nicht unrecht; sie kriegt einen erträglichen Mann und dafür als Zugabe einen sehr netten Schwager und zwei sehr nette Vettern – was will sie mehr. Der erträgliche Mann (von dem Lehmann = Haupt 1914 für die Klio eine Arbeit über Herodot angenommen hatte) setzte übrigens neulich – erzähl das Eugen – Lionis ins 2te Jahrhundert und hielt Polybius für einen Historiker der Bürgerkriege des ersten! Dies ist Eduard Meyers geschätzter Schüler und der sicher erste Ordinarius von allen “meinen” Privatdozenten, (ausser Beckerath natürlich). Und der hat nur Lust zur Wissenschaft, sonst zu gar nichts – arme Wissenschaft!

Auf Eugens Sohmaufsatz bin ich fast ebenso gespannt wie er selbst. Hoffentlich denkt er dran, Sohms Bewusstsein zu schonen; ich meine so zu schreiben, dass Sohm sich nicht im Grabe rumdreht. Die Toten haben ja meistens wirklich Unrecht und die Lebenden wirklich Recht. Aber ich weiss von mir her, wie schwer es ist, bei solch posthumen Vergewaltigungen diese Schonung zu üben, die man dem Lebenden ins Gesicht hinein unwillkürlich geübt haben würde. Wenn ich meinen Aufsatz über Cohen schreiben werde, wird mir alles auf diesen Punkt ankommen, ihn wenn ich ihn mit Gewalt herumgedreht habe dann doch wenigstens so zu überzeugen, dass er sich von selber noch eine halbe Drehung weiter dreht und wieder grade liegt.

Mit Hedi Born ist es so wie du schreibst. Jetzt weiss ich auch, weshalb es mich so gar nicht reizt, aus meiner blossen Zuschauerreserve herauszutreten. Kurios übrigens diese Parallele zwischen den beiden, die mein Gespenst vor ihren vorehelichen currus triumphalis spannen wollten.

Das Papier ärgert mich. Ich werde mich heut doch mal hier nach dem richtigen umsehn. Ich fühle mich so öffentlich, wenn ich dir darauf schreibe. Und möchte doch so gern auch von Papiers Gnaden – bei dir sein.

Dein Franz.

4.I.19.

Lieber Eugen, zwischen Traum und Deutung ist wohl wirklich ein “Styl” = Unterschied. Es muss doch wohl einer sein, sonst hättest du nicht selbst ursprünglich die beiden Teile unterschieden. Beckerath war ja übrigens umgekehrt wie O.Viktor mehr für den zweiten Teil. Ich ja auch (damals; ich habe es jetzt noch nicht wieder gelesen); schon weil ich den ersten ja damals selber auch geschrieben hatte. Kähler (nicht Beckerath; der hat es erst unmittelbar vor der Abreise gelesen) umgekehrt fand den ersten Teil besser, weil er den zweiten, das Kirchenjahr, selber von Haus aus zu kennen erklärte und also dich als überflüssig empfand oder gar auch wieder als Usurpator (“Wenn die Juden anfangen, sich zu germanisieren und christianisieren”, sagte er anlässlich deiner und  – Hans zu Beckerath, “dann sind wir verloren”!!! – Schöne “Wir” !!!!!!

Lies doch ja ruhig Staatslehre, mindestens dann wenn es was einbringt. Als “Kriegs= und Revolutionsrecht” lässt sie sich ja heute wirklich lesen; da steht wenigstens nichts im Titel, was es nicht giebt. Und da es erst im März wäre, so ist es auch keine Überlastung; im Februar wirst du ja reichlich besetzt sein.

Die Frage, wo du wählen sollst, haben wir schon gestern Abend en petit comité, nämlich Mutter Hans Hess und ich entschieden: Zentrum. Wenn du aber doch noch von der zweiten Seele zu sehr gezwickt wirst, so mach dir doch das Frauenstimmrecht zunutze und wähle selber Spartakus (für den Grabowski eine sehr mutige Lanze einlegt!! im neuesten Heft; sicher als der einzige Nichtspartakist überhaupt, da wir ja gelernt haben zu reden ohne zu schreiben). Also wähle selber Spartakus und lass Gritli Zentrum wählen.

Das Besondere an Hans ist ja nicht “das Leben” – philosophieren über diesen Text nicht wir alle und ausserdem “auch die Heiden”? (Sogar Simmel, der tote und neulich sogar noch ausdrücklich verstorbene Simmel, reiste die letzten Jahre u.a. (nämlich unter einem runden Dutzend Gedanken) auch auf diesen Gedanken, dass die Philosophie immer einen herrschenden Begriff gehabt habe, die Griechen das Sein, die Scholastiker Gott, die Neuzeit die Vernunft und heute das Leben). Sondern das Besondere an Hans, was ihn von den Heiden ab und zu uns hinrückt ist der Untertitel (und die bewusste Wichtigkeit des Untertitels) “eine Exegese”.

Durch Hans Hess bekam ich gestern das Oktoberheft der Südd. Monatsh., worin eine Auswahl aus Gorkis Zeitung während der Revolution abgedruckt ist, die einem  ein wirkliches Bild giebt und woraus ich gelernt habe: dass es unerlaubt ist zu sagen: die deutsche Revolution sei keine, sei nur eine Meuterei u.s.w. Sondern: entweder ist die russische Revolution auch “keine” oder die deutsche ist “eine”. Ich bin für das “oder”. Die räumliche Ferne leistet uns für die russische den Dienst, den uns für die deutsche erst die zeitliche leisten wird.

Und ausserdem brachte Hans Hess, der übrigens bei aller Gescheitheit und geistigen Lebendigkeit doch noch immer ganz unlebendig ist und es vielleicht nie wird, – aber er immerhin er machte mich endlich klar, warum ich Scheler nichts glaube: nämlich weil er zwar seines Christentums sich nicht schämt, aber – seines Heidentums. Und er “hat” doch Heidentum (1.) sowieso, wie jeder Mensch mit Aussnahme der zwei Heiligen in der egyptischen Einöde, von denen der eine in Heidelberg privatdoziert und 2.) auch stadtbekanntermassen). Er fertigt das Heidentum immer nur mit so glänzender Didaktik ab, als ob das ein Duell wäre und nicht vielmehr ein Harakiri. Und deswegen ist mir auch sein Christentum unheimlich.

Und endlich habe ich von H Hessens Gnaden endlich (im 2.Zieljahrbuch) Werffels christliche Sendung gelesen, und ihr habt recht, man muss sie lesen. Ich schwimme jetzt überhaupt wieder in Werffel; ich habe das Buch Wir sind wieder; es stehen herrliche Sachen drin, die in der Auswahl nicht stehen. Mit der Zeitgenossenschaft ist es doch eine tolle Sache. Und allenthalben stand Dostojewski Gevatter, nur bei dir nicht; du kommst doch noch richtig von Nietzsche her?

Meine “verruchte” Schrift ist noch böser heut als sonst. Ich habe sie überschrieben heut. Heut morgen ist mir sogar eine kleine antianti= oder vielmehr proalkoholistische Tirade +) aus der Feder gelaufen; ich fühlte mich sehr als pro domo= oder eigentlich pro Lehmkolonie=Schreiber – es ist doch so; sogar die Frauen sind leicht alkoholisch, mindestens von Helene und von Gritli weiss ich es. Und Gritli? ist sie aufgewacht? wenn ja, so grüss sie von Deinem und ihrem – ihrem und Deinem

Franz.

+) d.h. für Brot und Wein zusammen.

5.I.[19]

Liebes Gritli, Rudi ist heut Mittag gekommen. Also nur ein paar Worte und im übrigen als Entschädigung das Umstehende.[Bruchstück vom Maschinenmanuskript des *]

Ich beginne jetzt erst, einigermassen klar zu übersehen, wie sich III im Ganzen ausmachen wird. III 1 wird doch ziemlich lang. Ich bin noch im liturgischen Teil, und vielleicht auf Seite 50 des künftigen Maschinenmanuskripts. Dann kommt noch die Gesellschaftslehre oder wie man das nennen will. (In III 2 die Seelenlehre). Aber es ist eine Menge “Untheologisches” auch schon vorher. Gestern habe ich heftig gegen das Lesen beim Essen geschrieben und gegen die Junggesellen überhaupt. Auf III 2 bin ich nun doch sehr neugierig. Um den 12. herum muss ich in Berlin sein; gestern Abend kamen Briefe von Bradt und Schocken. Denk dir, es wird erwogen, einen Sekretär für die Werbearbeit anzustellen, und zwar – Hermann Badt! Er wäre gar nicht übel dafür. Ich sah gestern eine jüdische Zeitschrift, wo die Akademie als “Hermann Cohens letzter Wille” bezeichnet wurde. Ist es nicht komisch, dass Hermann Cohens “letzter Wille” eigentlich mein erster ist?

Kennt ihr die Briefe und Tagebücher der Paula Becker = Modersohn? (ihre Schwester kannte ich von Freiburg her); es ist nicht ganz so viel wie man daraus macht; sogar ein bischen peinlich, alles etwas wie die Überschrift des Buchs “Eine Künstlerin”; aber schluckt man das hinunter, so bleibt allerlei Schönes.

Ein eiliger Gruss bloss ———

Dein Franz.

6.I.[19]

Liebes Gritli, ich bin noch immer nicht mit dem geistlichen Jahr in III 1 fertig; es geht langsamer als ich will; auch meine dauernde Verschnupftheit stört mich. Dabei bin ich wirklich neugierig grade auf das Stück, das nach der Liturgie kommt und nun wird es wieder übermorgen bis ich dazu komme. Mit Rudi war ich nun gestern endlich bei Tante Julie; die ist merkwürdig unverändert, nur die Hände sind knöchern und krumm geworden; aber geistig ist sie vollkommen frisch. Sie stellte wieder eine ihrer skeptischen Fragen nach dem lieben Gott, die sie uns eigentlich immer fragt und die schwer zu beantworten sind (sie erinnert selber dabei an Gretchen!!!). Woher sie wohl diese Art Zweifel hat? und schon immer oder erst im Alter durch die Söhne? Mit Rudi war es wieder sehr gut. Ich habe Mutter veranlasst, ihm Eugens Brief zu geben; im blossen Lesen merkte er gar nichts, erst nachher als Mutter darüber sprach. Er fand ihn dann nachher (mir gegenüber) “sehr unpädagogisch”. Ich weiss nicht ob er recht hat. Vielleicht hat es ihr gut getan, die “Eifersucht” die ja doch nur in ihrem Unterbewusstsein ist, einmal in ihrem Oberbewusstsein so energisch abzuleugnen; dabei verliert man sie unter Umständen auch im Unterbewusstsein. – Allerdings hat sie bei der Gelegenheit ihre andre Eifersucht, die auf – dich, sehr gemütsruhig und wie eine unabänderliche Tatsache ausgesprochen. – Es ist mir immer sonderbar zu denken, dass du Ältestes zu hause warst. Lange habe ich es auch einfach nicht gewusst. Ich kann mir dich ja überhaupt nicht richtig in der Familie drin vorstellen, immer mehr nur wie auf Besuch. Marlise denke ich mir viel leichter als Älteste. Am Ende hatte sie also mit ihrem Neid auf die “Erstgeburt” ebenso recht wie Jakob, – du würdest sie ja auch um ein Linsengericht verkauft haben. Übrigens war Cecil denn da? du hast gar nichts von ihm geschrieben. – Hedi?, ich schalte mich ja völlig aus, will weder “grob” noch “pädagogisch” sein. Rudis Gedicht hat sie “schön” gefunden, es sei aber “an ihr vorbei gesprochen”. Meinst du, da hülfen Worte? Eigentlich kann grob und pädagogisch nur der liebe Gott sein. Wer nicht hören will, muss fühlen. Aber zum Fühlenlassen haben wir das Recht nicht. – Dein Jeremia Zitat stimmt freilich. Und es sind dieselben Leute, die während des Kriegs immer “Frieden Frieden” schrien – “und ist kein Frieden”; von denen steht doch auch bei ihm. Sie haben das Gesicht des Kriegs genau so wenig vertragen wie jetzt das der Revolution. Und sie fühlen nicht, dass sie ausgeschaltet sind; wir fühlens wenigstens. (Grabowski nicht; der Schluss des Spartakusartikels schwimmt plötzlich wieder in einen fröhlichen Optimismus hinein, wo er aus den Lesern seiner Zeitschrift plötzlich wieder ganz fidel die Partei der Zukunft erhofft!). – Berlin? ich schrieb dir ja. Inzwischen gehts da noch drunter= und drüberer. Aber ich weiss nun schon, dass es keinen so dollen Umsturz geben kann, dass nicht aus den Trümmern plötzlich das Kastenmännlein Bradt emporschnellen würde und rufen: es lebe die Akademie! Und da darf ich doch anstandshalber nicht skeptischer sein als mein – mit Schopenhauer zu reden – Apostel. – Das Goethesche Gebet in deinem Kalender ist aber nicht vor Italien und ich meine eigentlich nur die voritalienischen. – Ich habe immer das Gefühl, ich schriebe dir jetzt gar nicht richtig. Es sind doch erst 14 Tage und ich bin unruhiger und sehnsüchtiger wie sonst nach Monaten. Ich muss zu dir – und zu deiner Fraglosigkeit. Liebe –

Dein Franz.

[7.? I.19]

Liebes Gritli, die Liturgie ist fertig, auf Seite 57 (das ist schon länger als die Einleitung) und nun gäb ich erst was drum, wenn ich nur wüsst, was ich eigentlich morgen noch schreiben werde. Diese Stücke hinter der Liturgie nehmen ja den ersten Teil wieder auf, nämlich in III 1 die Welt, in III 2 den Menschen und in III 3 doch wohl Gott. Während es innerhalb der Liturgie natürlich wie im zweiten Teil geht, Sch. = Off. = Erl. Aber schöner als Breuer ist es wohl geworden, überhaupt wüsste ich wenigstens nichts Besseres, es steht eine Menge drin. Für wen aber ist es eigentlich geschrieben? ich möchte jemand wissen, der alle Anspielungen darin versteht. Cohen hätte sich glaube ich doch gefreut. – Dies Papier ist auch nicht schön; aber es ist mir doch etwas dabei, als wärst du hier und ich könnte dir immer neue Stücke daraus vorlesen; es ist ein zweiter Durchschlag, lang reicht er nicht mehr. Übrigens könnte ich dir aus III 1 gar keine Stücke vorlesen; erst muss auch III 2 fertig sein; erst dann kann ich vorlesen. Dass das bis zum Wahltag sein könnte, glaube ich selber schon nicht mehr recht, und doch habe ich keine Lust, euch auf der Durchreise hier abzuwarten, sondern möchte euch noch in Säckingen sehn. Und dazwischen kommt nun Berlin, wenn die Revolution Bradt am Leben lässt. Allerdings wird III 2 rascher gehn als III 1 weil die Disposition ja genau parallel wird und ich mir dadurch immer leicht ein bestimmtes Pensum für jeden Tag setzen kann. Z.B. dies “ich gäb was drum u.s.w.” Gefühl würde ich bei dem entsprechenden Stück von III 2 nicht haben. – Meine Druckwünsche sind stärker geworden; ich werde wohl, sowie es wieder erst einigermassen billig ist, es als Manuskript drucken lassen, damit ich 50 Exemplare habe. – Ich will zu Trudchen heut Nachmittag, zum ersten Mal seit unserm Hindenburgtag! Und Abends kommen Pragers. – Kluges Ethymologisches Wörterbuch ist angekommen (aber der Notker noch nicht) und ist sehr schön; ich habe schon eine Menge drin gelesen. Von “Trotz” zieht er keine Verbindung zu “Treue”; das Wort kommt sogar nur im Mitteldeutschen noch vor, schon im Altdeutschen nicht. Aber vieles stimmt auch sehr schön. Z.B. “bleiben” ist wirklich = “leben”. – Konjugier es einmal durch —-

Dein Franz.

8.I.[19]

Liebes Gritli, ich bin noch nicht viel gescheiter als gestern, obwohl ich eine ganze Menge geschrieben habe; es wird wohl noch eine richtige kleine Staatslehre. Dieser ganze dritte Teil ist schwerer zu schreiben als der zweite, weil er wortfremd ist, nicht wie der erste, wo das Wort zu gut war für den Gegenstand – im zweiten stimmte es natürlich ganz genau – , sondern weil der Gegenstand hier zu gut ist für das Wort; man müsste ihn einfach zeigen können. Es genügt nicht , dass die Sprache spricht, hier; sie müsste “illustrieren”. – Ich bin also mitten drin bis über die Augen in diesem Schluss des ersten Buchs und weiss nicht ob ich morgen schon fertig werde.

Zwischenhinein lasse ich mich von dem Kluge in Versuchung führen. Es ist herrlich was da alles zwischen zwei Buchdeckeln zusammensteht; es ist das schönste Konversationslexikon. – Bei Pragers gestern abend sah ich, wieviel ich vergessen habe durch das halbe Jahr, wo ich jetzt nichts mehr lese. Ich muss, muss, muss und muss fertig werden. Breuer soll ein neues Büchelchen geschrieben haben: “Messiasspuren”, – nach dem Titel könnte es etwas sein; es wird wohl auf den Zionismus gehn. Ich fragte Prager auch nach dem *, er wusste aber natürlich auch nichts, nur Ps 144,1 und 2 wo es heisst 1.) mein Hort 2.) meine Seite, 3.) meine Burg 4.) mein Schutz 5.) mein Erretter 6.) mein Schild. Aber das setzt natürlich den * schon voraus. – Heut kam ein Brief von dir morgens und einer nachmittags. Das ist eigentlich das Schönste. Ich freue mich, dass ihr im Geist seid. Die Zimmer sind ja nicht schön, aber die Stube unten dafür umsomehr. Von dieser Operationsbasis aus brauchst du dich ja auch vor dem Haus Kantorowicz nicht zu fürchten. Dass ich Marlise nun auch kennen lerne, ist mir sehr recht, und so hat alles “seine gute Seite”. – Liebes, merkst du eigentlich, dass wir uns jeden Tag das gleiche erzählen, du mir, ich dir, du heute von der leeren Kirche und dem “Staubecken der Sehnsucht” und ich mein fertig werden müssen. Ich merke es eben wieder, dass es das gleiche ist. 1919 !

Ich denke an dich und bin um dich und mit dir und in dir. Ich küsse deine beiden Hände. Ich bin dein.

9.I.[19]

Liebes Gritli, III 1 ist fertig, ein bischen frag = mich = nur = nicht = wie. Die Liturgie und was vorangeht ist zwar wohl gut. Aber das nachher ist wohl nicht recht klar, z.T. einfach noch nicht ausführlich genug. Ich bin aber jetzt sehr darauf aus gewesen, zu Ende zu kommen, weil ich in das zweite Buch hinein wollte. Von da aus kann ich dann leicht noch nach rückwärts im ersten verbessern. Die Ausführlichkeit der Politik am Schluss von III 1 muss sich nach der der Ästhetik am Schluss von III 2 richten. Es wäre sehr leicht, z.B. noch etwas über die Verfassungsformen hineinzubringen. Im Ganzen aber, fürchte ich, hält der III.Teil doch nicht das Niveau das zweiten, und das habe ich ja eigentlich gewusst, als ich den zweiten schrieb: dass ich etwas so Gutes nicht wieder machen würde; dies “nicht wieder” gilt eben schon für den * selbst.

Mit Rudi habe ich eben telefoniert, teils um Rudi Hallo auf ihn zu hetzen. Von Beckerath hatte ich einen Brief, er wird im Februar wieder in Leipzig sein. Und zu uns kommt Jonas auf einige Zeit! Ich werde allerdings wohl trotzdem nach Freiburg gehen. Dann habe ich es hinter mir. Schreib mir, wenn ihr wisst, wann ihr von Säckingen fortgeht. Ich möchte ja gern, ehe ich nach Freiburg gehe III 2 fertig haben. Zwischen III 2 und III 3 ist mir eine Pause nur recht. III 3 wird ja kaum mehr sehr parallel werden, sondern eine Kombination über den beiden Parallelen III 1 und III 2 , ein Türsturz über den zwei Pfosten mit den Statuen der Kirche und Synagoge. Aus Berlin wird wohl augenblicklich doch nichts; und da wäre es möglich, allerdings nur bei einem ziemlich dollen Tempo, dass ich wirklich “bis zur Wahl” III 2 schreibe. Morgen früh fängts an.

Diese Bogen sind nun auch zu Ende. Morgen kommt ein Rest von besserem Papier und vielleicht bringe ich es dann auch zu einer gewascheneren Handschrift. Es kommt mir vor, so hätte ich noch nie geschmiert. Ich wunderte mich nicht, wenn du es gar nicht lesen möchtest. Oder magst du es doch? –

auch so?

? [durchgestrichen]

Nein – kein Fragezeichen.

Dein Franz.

10.I.19

Liebes Gritli, es ist wieder H.U. = Luft um euch, aber bis dieser Brief bei euch ist ja nicht mehr. Ich habe heute III 2 angefangen, der übliche erste Tag, das Ankurbeln; ich war sogar ein paar Stunden auf der Murhardbibliothek, um den genauen Wortlaut der Maimonidesstelle, die ich dir zeigte, festzustellen; mit der fängt es nämlich an. Aber es gelang mir nicht. Ganz verstanden habe ich die Stelle aus Hansens Brief ja auch nicht. Deshalb z.T. schrieb ich sie dir ja. Er wird wohl mit der “Lebenstat” das ganze Leben meinen. Und so würde ich es recht wohl verstehn. Denn deswegen war ich doch bis zum 20.VIII. oder 21. oder 22. – so gewiss, dass ich kein opus schreiben würde. Ich meinte ja auch, so etwas dürfte nur als Frucht am Baum des Lebens reifen. Nun sind es Säfte die in den Kanälen des Stamms hochsteigen durch die Äste bis hinein in die letzte Blattspitze. Man kann den Stamm wohl anbohren und etwas Saft abzapfen, aber eigentlich ist er nicht dafür da. – Übrigens pour moi jedenfalls (und ich glaube, auch sonst) ist penser nicht prier. Wer das gesagt hat, hat vielleicht vor dieser Entdeckung gemeint, Denken wäre “Kopfarbeit”; das ists natürlich nicht; es ist genau so sehr Arbeit des ganzen Menschen wie Beten; auch beim Denken ringt man die Hände. Aber es bleibt trotzdem etwas ganz Andres; ich spüre es zu deutlich. Ich muss heraus – übrigens auch noch aus einem andern Grund: ich muss wieder was lernen, ich vergesse ja alles; ein halbes Jahr ohne etwas zu lesen – “im Atemholen sindzweierlei Gnaden” – –

Wenn nun Hans es so gemeint hat, so ist es doch sehr viel; denn gesagt habe ich ihm das nicht; er weiss es so. Ich zerbreche mir über dies Vorher und Nachher ja nicht mehr den Kopf. Es ist wie damals als Hans und ich nach Rom fuhren; wir hatten das Dogma “nach Rom nie unter 6 Wochen” so oft und so gläubig beteuert, dass wir grade deswegen ihm ohne Gewissensbisse untreu werden konnten, fast im selben Augenblick wo wir es zuletzt beteuert hatten. Ich freue mich auf das Papier; ich war schon traurig dass es schon zu spät war dich nochmal dran zu erinnern. – Die Brotkarten sind für 14 Tage – nun habt ihr keine mehr zu beanspruchen. Wählen könntet ihr übrigens auch hier! sodass ihr euch im ganzen vier Seelen leisten könntet. Wollt ihr eure hiesigen Stimmen nicht der demokratischen vermachen? um meinetwillen -, ihr habt doch nun beide ein Interesse daran, dass es keine Pogroms giebt. Aber du musst nicht denken, ich politisierte. Ich lese das Tageblatt nur wie einen Kriminalroman, möglichst zu einem Stück Brot. Liebes Gritli – “lass mich deine Stimme hören”, es ist wirklich das, wonach ich am meisten Sehnsucht habe —

11.I.19

Liebes Gritli — das schönste sind die Couverts, allerdings auch die mit der dummen Lederimitationspressung. Aber es ist ja egal.

Ich schicke dir einen Teil davon – dann sind sie balder verschrieben. Und da ich grade bei den Dehors bin, und auch so bis zur Kehle voll davon bin, dass es doch nötig ist, dass ich es herauslasse: also bitte, solange ich noch hier bin, siegle bitte deine Briefe; ein Siegel ablösen ist zwar leicht, aber es so wieder aufkleben, dass das Gummi nicht übersteht, ist sehr schwierig. Und ich kann den Verdacht nicht loswerden, dass Mutter gelegentlich deine Briefe aufmacht; heute kam eine ganze Gruppe Verdachtsmomente zusammen; und es ist ja nicht das erste Mal, dass es so geht. Und zutrauen tue ichs ihr. Ich mag nicht ins Einzelne gehn. Es scheint mir ein lückenloser Indizienbeweis, aber natürlich kann ich mich auch trotz allem irren. Aber der Verdacht selbst ist mir unerträglich. Damit dass ich ihn überhaupt haben kann – was ja eigentlich das Schlimmste ist – bin ich abgefunden. Aber auch nach dieser allgemeinen Abfindung ist es noch scheusslich; es macht mich auch unruhig beim Arbeiten, wenn ich die Post nicht ruhig unten liegen lassen kann. Und ausserdem benehme ich mich schlecht gegen sie, indem ich ja genau merke (oder mir zu merken einrede) wie sie durch gespielte Harmlosigkeiten und durch Nährung meines vorausgesetzten Glaubens an ihre Ahnungskraft – sie unterhält mich mit Vorliebe über etwas was du geschrieben hast, eben z.B. will sie den Hochlandaufsatz, V.u.S., nochmal lesen; sie habe sich schon neulich überlegt, wie wohl das Hochl. ihn habe aufnehmen können. Beim Krzg. des St.banners habe sie es wohl begriffen aber V.u.S. mit seiner Stellung zwischen den Konfessionen, – Weitherzigkeit? oder Schlauheit? und es müsse doch Erregung hervorrufen bei den Lesern; dazu dann als sie mir den Brief heut nachmittag giebt (auch heut morgen hatte sie die Post abgenommen, und heut Morgen hätte er nach dem Abgangsstempel ankommen müssen) also als sie mir ihn giebt, kuckt sie interessiert nach dem Stempel und sagt: ach, Freiburg!? und wie ich ihn mir ansehe, sehe ich dass er locker zugeklebt ist, und an der einzigen festen Klebstelle das Papier etwas verkrumpelt und der Gummi übergetreten ist, genau wie wenn man frisch gummiert hat. Nun habe ich dir doch meinen Indizienbeweis gesagt. Ach so, da ich schon mal dabei bin: also nachher fragt sie mich noch (was sie sonst jetzt meist nicht mehr tut), was drin gestanden habe, und mehrmals. Ich sage ihr, Ihr wäret beim Zahnarzt gewesen. Gritli auch? Gritli doch nicht? dabei weiss sie, dass du auch zahnarztreif bist. Also aber nun genug davon, und schon damit du keinen solchen Brief wieder kriegst: siegle. Begründen werde ichs schon harmlos, wenn sie mich fragen sollte. Etwa: du hättest das Siegel wohl erst jetzt gekriegt (wenns ein eigenes oder indifferentes ist) und wenns ein fremdes ist: ich hätte dir geschreiben, es wäre ein Brief von dir ganz offen angekommen, das Gummi hielte nicht mehr.

So nun bin ich leichter, und will erst nochmal zurück zum *.

Genug auch davon. Ich bin so sehr jetzt wieder in den einzelnen Büchern, dass ich mich wirklich besinnen musste, was ich denn in Einl.III für die Zuchtlosigkeit des Glaubens plaidiert hatte. Ich bin eben jetzt bei der Kirchenzucht und kucke gar nicht über die Mauer. Rudi hat jetzt den ersten Teil ganz gelesen, d.h. im Manuskript. Vielleicht schicke ich Euch das einfach auch. Denn zum Durchsehen der Mündelschen Abschrift komme ich scheinbar doch nicht. Ist denn Eugen fertig mit dem Sohmaufsatz? Von Krebs hatte ich mir eigentlich schon das Bild gemacht, wie du ihn jetzt beschreibst. Eben weil ich mir einen Typus erwartete. Es ist aber doch ein Glück, dass auch die Muths möglich sind. Es mag ja die einzige Kirche sein, aber Luther hatte doch recht als er ihre Visibilität zu einer blossen Visibilität degradierte. Ich will morgen weiter schreiben. Ich will jetzt Pragers anrufen, vielleicht noch besuchen; Mutter ist in einer Versammlung. Und seit ich III 1 hinter mir habe fürchte ich mich weniger vor den Juden. Ich lese ja wieder Jüdisches, heut morgen wieder auf der Bibliothek und nachher allerhand Jüdisch-deutsches in dem Gebetbuch das ich aus Warschau mitbrachte. Da stehen nämlich ausser den Übersetzungen auch gelegentlich kleine Geschichtchen, Gleichnisse, höchst realistische aus dem ostjüdischen Leben, drin; ich müsste dir mal eins abschreiben. Weisst du wohl übrigens, dass ausser den Psalmen, die den Gebetbüchern meist als Brevier für die 7 Wochentage angebunden sind in diesen östlichen Gebetbüchern als tägliches Lesestück (am Schluss des Morgengebets) das Hohe Lied steht? und für den der sich nicht die Zeit dazu nehmen kann, 4 Verse daraus als Ersatz fürs Ganze, die mit Anfangsbuchstaben zusammen den Namen Jakob geben. Ich hatte es ganz vergessen. Es ist wohl das einzige biblische Buch, das in extenso drin steht.

Bis morgen. Dein Franz.

12.I.[19]

Liebes Gritli, es ging so weiter. Über Nacht hat Mutter V.u.S. zum dritten mal gelesen und heut morgen erzählte sie mir: ja, zwei Religionen, und sie meine, ein protestant. Pfarrer müsse das leichter goutieren als ein katholischer, und sie möchte es wohl mal einem geben. Es sei doch merkwürdig, da ja doch das Katholische mit mehr Sympathie dargestellt sei. Und sie wolle die nächsten Hefte des Hochlands sich verschaffen und sehen, ob nicht Entgegnungen kommen würden von kathol. theologischer Seite. – Alles genau, als ob sie mich auf die Weise dazu bringen wollte, als “wunderbares Zusammentreffen” ihr deinen Brief vorzulesen. Sie baut fest auf meinen gar nicht vorhandenen Aberglauben und ihre Ahnungen. Ich aberglaube aber gar nicht daran. Ihr Paradepferd z.B., der “hohe Berg” in Mazedonien, den kann ich restlos auf natürliche Ursachen zurückführen, vor allem auf Straussens Besuch in Kassel (den sie jetzt krampfhaft nach ihren Ahnungen datiert, er war aber vorher). Sie mag manchmal Hintergedanken erkennen, Hinterdinge aber nie.

Und dann sind Borns ein paar Stunden hier. Hedi hat sich bei Es schlafen gelegt, aber Max war hier; er sah reizend aus; der “Zug um den Mund” steht ihm gar nicht schlecht. Er sprach ruhig und nett. Aber, aber – also Hedi hat die 4 oder 5jährige Irene sexuell aufgeklärt; es sei nicht mehr anders gegangen; sie habe gefragt, ob Vater denn auch im Storchenteich gewesen wäre? und auch ganz klein? und dann also tot? nein lebendig; dann müsse er aber doch gewachsen sein? und hätte also auch nicht ganz klein sein können wie sie. Darauf habe Hedi gesagt, sie wisse es auch nicht, und sei zu Blaschko gegangen, “das ist nämlich” (er sagte: “nämlich”!!) “ein sehr bedeutender” – – – – – – – nun rate: – – – – – “Dermatologe” (mit dem Borns befreundet sind). Und die dermatologische Autorität sagte, das sei sehr falsch gewesen und man solle es den kleinen Kindern gleich alles sagen, damit sie nie zum Erstaunen kämen.

Das ist nämlich das grösste Unglück wenn man zum Erstaunen kommt, und noch dazu über etwas, das nicht zum mindesten zum Erstaunen ist. Und Kinderkriegen ist ja eine dermatologische Angelegenheit; wie schön, wenn man mit einem befreundet ist. Ich konnte mir doch nicht verkneifen, ihm dies und ähnliches zu sagen; er hat es glaube ich für Ernst genommen, obwohl ich fast meine schöne Zigarrenspitze dabei zerbiss.

Im übrigen hofft er natürlich [auf] den bekannten Aufschwung des deutschen Geistes infolge der Niederlage, und sein Geist schwingt sich ja wirklich auf. Ich habe keine Lust, Hedi zu sehen. – Bis nachher – der * wartet.

Guten Abend. Ich bin nicht recht zufrieden mit diesem Buch oder vielmehr: ich bin gar nicht zufrieden. Ich weiss nicht, woher es kommt. Entweder ist es doch verboten,so von aussen über etwas zu schreiben – und nun gar darüber. Denn es ist ja von aussen und Eugens Wort von meiner “christlichen Theologie” war ja nur möglich, weil er, wie alle Christen, nicht wusste, wie weit das Gemeinsame geht. Es kann aber auch sein, dass es einen ganz andern Grund hat: ich bin vielleicht einfach “überschrieben”. Nach den ersten 3 oder 4 Wochen kam die Pause von Üsküb bis Belgrad und dann nach wieder drei Wochen die Pause Belgrad – Freiburg. Seitdem aber habe ich höchstens die paar Tage von Säckingen bis Kassel pausiert und selbst seitdem sind es nun schon 6 Wochen. Es wäre mir beinahe recht, wenn ich jetzt nach Berlin müsste und sonst gehe ich jedenfalls nach Säckingen, auch wenn ich mit III 2 nicht vorher fertig bin. Vorlesen kann ich dann allerdings auch aus III 1 nichts. Ich kann es erst, wenn beides fertig ist. – Im Ganzen hemmt mich wohl im dritten Teil auch, dass ich ihn eigentlich nicht mehr schreiben muss, denn ich weiss ja schon alles was drin steht, wenigstens in den beiden ersten Büchern. Die beiden ersten Teile steckten im Rudibrief, ja in der Konzeption des Nachtwegs nach Prilep. Der dritte Teil wäre mehr eine Bestätigung, – ein Messen des Rudibriefs an meinen Schwarzen Büchern des Winters 1913/14. Ich weiss nicht – und du auch nicht, lass es dir nicht zu Herzen gehn, vielleicht ist es auch alles nicht wahr.

Noch von Born etwas. Er galt bei seinen Kameraden in der A.P.K., in der er ja war, wegen seiner pessimistischen Äusserungen für rot. Infolgedessen kamen bei Ausbruch der Revolution diese Offiziere (genau wie zu Hans in Jüterbog!) zu ihm gestürzt, damit er durch seine Beziehungen, die er aber gar nicht hatte (er kannte nur Bernstein) sie schützte. Das Pack ist also überall das gleiche. Übrigens bestätigte er, dass zwar nicht die klügsten aber die besten Intellektuellen bei Spartakus wären, alle die wirklich etwas tun wollten. (Sag das nicht Eugen, sonst wird er wieder traurig). Über Burfelde wusste er auch ganz richtig Bescheid, offenbar von früher her: dass für ihn Spartakus nicht Gesinnungssache wäre, sondern einfach die nächste Tat; und er sei ein Mensch, der nie warten könne, sondern sich immer ganz einsetzen müsste. Er sagte es anders, aber nett.

Vorhin beim Ausrechnen der Zeiten ist mir klar geworden, dass du ja schon 3 Wochen fort bist. Ich hatte mir vorgestellt, es wäre viel kürzer gewesen; so ist ja eigentlich meine Sehnsucht schon ganz gerechtfertigt.

Zu deinem Brief gestern: hast du wohl schon mal bemerkt, dass die grossen Proselyten, die dem Katholizismus proselthiert sind in den letzten 150 Jahren, gar nicht Eroberungen waren wie die Proselyten, die ihm die Jesuiten zugebracht hatten; sondern sie sind in das gehütete Feuer hineingeflogen wie Insekten an die Lampe. Es war ein ruere in servitium. Die ganz Starken sind nicht dabei gewesen. Und mindestens einer von ihnen, Bismarck, ist doch ein grosser Christ geworden. Vielleicht kommt es daher aber auch, dass die Kirche von diesen Proselyten eigentlich doch nicht viel gehabt hat; sie hat sie eben ohne eigne Arbeit und also ohne Mühen und Opfer ihrer Seele erobert, und so hat sie sich in ihrem Innern wohl wenig erneuert, wie man es doch eigentlich erwarten sollte bei einer solchen nicht abreissenden Heimkehrbewegung seit den Stolbergs. Nimm als Gegenbeispiel dies: die jüdischen Proselyten seit 1800 hat sich die protestantische Kirche durch ihre eigene “Johanneisierung” wirklich erobert; sie hat es sich etwas kosten lassen, sie wurde Kulturkirche; das tat weh aber es hat sich gelohnt; Proselyten wie Neander oder gar wie Stahl hat eigentlich die katholische Kirche von den Protestanten nicht aufzuweisen: so ganz ungebrochene.

Kluge ist in den letzten Tagen verdrängt gewesen durch die Lebenserinnerungen der Schauspielerin Karoline Bauer, glänzende Menschenschilderungen aus den 20er und 30er Jahren, von einem abgründigen Realismus, so wie wohl nur eine Frau beobachten kann, eigentlich erbarmungslos. Sie ist auch innerlich lieblos, hat zweimal eine Versorgungsehe, oder wohl eigentlich nur =”ehe”, geschlossen, beidemal unglücklich. Kannst du dir denken, dass es trotzdem, oder grade dadurch, ein sehr menschliches Buch geworden ist?

Das Dankwort aus der Nuova Vita ist wohl kaum ein Zitat; ein Anklang an die Lukasstelle könnte es allerdings grade dann sein.

Nun lebwohl bis morgen.

Dein Franz.

13.I.[19]

Liebes Gritli, das war schön heut, du kamst gar in dreifacher Gestalt, morgens als Brief und als Muster ohne Wert und nachmittags nochmal als Brief. Ich habe dir heut auch von diesem Papier geschickt, es ist zwar ein bischen gelb, aber dafür sind die Tapeten der Couverts und die Bändchen schön braun, ähnlich wie dein braunes vom vorigen Februar, das du jetzt nur noch zum Haarwaschen trugst.

Mit mir und dem * war allerlei seit gestern Abend. Da fing ich nämlich, im Esszimmer, mit Mutter an, den ersten Teil zu korrigieren, und verstand kein Wort, ich wohl aus Müdigkeit, Mutter sowieso, aber trotzdem war ich doch erschrocken, wie schwer er ist. Und so blass. Ich weiss nicht, ob es etwas am Stoff liegt. Aber jedenfalls – ich war bedrückt, und Mutter nährte die Stimmung kräftig. Natürlich dachte ich dann heut Morgen: nun grad nicht. Und es ging dann auch besonders gut, wenigstens verglichen mit den letzten Tagen. Und nach Tisch las ich in der Frankfurter und siehe da, von Margarete Susmann eine 6 Feuilletonspalten lange Anzeige eines Buchs von Bloch. Bloch macht seit 1911 oder 12 Heidelberg von sich reden, zusammen mit Lucacz, einem Ungarn, der auch schon einiges veröffentlicht hat, Bloch aber m.W. noch nichts; dies ist das erste; diese beiden also traten offen auf als Besitzer einer eigenen Metaphysik, was Hans, der bis dahin sich noch etwas geniert hatte, veranlasste, sich ebenfalls als das was er war zu bekennen. Sodass also mindestens drei Metaphysiken in Heidelberg waren. Hans hat ein paar Nächte mit Bloch und Lucacz disputiert, daher weiss ich allerlei, Lucacz habe ich auch einmal, auf der Strasse, gesehen. Der interessanteste von den dreien schien mir Bloch zu sein. Er schrieb z.B. an den Papst, weil der irgend eine Rolle in seiner Apokalyptik spielte, sozusagen um ihn einzustudieren damit er auch richtig funktionierte. Eine grosse Rolle in seinem System spielten astrologische Parallelen zwischen Erde und Himmel (Lucacz war hauptsächlich Verfasser in spe einer 7 bändigen Ästhetik, die aber auch Metaphysik war, denn sie sollte die Kunst als Teufelswerk zeigen, das “Luziferische” der Kunst, wie er es nannte). Bloch war ganz wild. Z.B. als Naumann mal Webers besuchte und über die Politik des Jahres – des Jahres, nun etwa 1913 1/2 orakelte und alles ihm sehr andächtig zuhörte, unterbrach ihn Bloch: das sei doch alles sehr nebensächlich, da grade jetzt demnächst der Sirius u.s.w. u.s.w. Nun liess er das Gespräch nicht wieder los und redete vom Sirius und der Gegenwart, und Naumann war ganz bestürzt, und auch Webers war es etwas zu viel. Nun also ist ein erster Band von ihm da, gefällt Margarete Sussmann und handelt scheinbar auch vom *. Ich will dir den Artikel einlegen. Die paar Sätze vom * darin haben mir wieder etwas auf die Beine geholfen und ich fürchte mich nun schon wieder weniger vor dem Korrigieren nachher. Die Einleitung war ja wohl auch das Schlimmste. Sie wird nämlich wie du übrigens auf dem letzten Blatt das ich dir schickte schon siehst gleich nach den neuen ersten Seiten ganz und gar “in” oder vielmehr bloss “ad” philosophos. Du wirst es gar nicht lesen können mit Ausnahme ein paar “schöner Stellen”, die ich dir anstreichen müsste, und Eugen nur bei sehr viel gutem Willen.

Weisst du, zum Aufwachen am Münsterplatz gehört auch noch dass gleich nach dem letzten Glockenschlag die Orgel anfängt; in manchen Zeiten ist es so. Vielleicht bin ich nun bald wieder da, und schreibe den Schluss des *.

Ich habe mich heute gar nicht noch dir gesehnt, du kamst ja dreimal und der * schrieb sich gut – du warst eben einfach da. – Mutter wartet unten, ich will aufhören. Aufhören?? – ach nein, Liebe Liebe, wie kann ich denn! – niemals.

Immer –

Dein

14.I.[19]

Liebes Gritli, ich stürze mich wirklich in dies Papier; es gefällt mir auf dem weissen nicht mehr. Ich fürchte, dies III 2 wird nur schlecht, ganz einfach schlecht. Am liebsten setzte ich mich heute auf die Bahn und führe nach Säckingen und dann nach Freiburg. Wenn es nur an überschriebener Feder liegt, dann wird es ja danach wieder gehn. Und sonst? ich spüre es wohl zum ersten Mal wirklich, wie ganz unmöglich es ist, Wesentliches von aussen sagen zu wollen. Ich weiss doch alles, aber ich kann es nicht sagen. Die Feder stockt mir nur, weil mir die Zunge klebt. Du musst mir wirklich eila machen und mir sagen, dass es nicht schlimm ist. Aber heute warst du noch gar nicht da. Auch die Zeitungen noch nicht, so hoffe ich noch immer. Ich rede mir ein, ich hätte dich heut besonders nötig. Ich bin so down, dass ich sogar lange schwankte, ob ich den Vortrag in der “Humanität”, den Prager voriges Jahr hielt, Ende Februar, annehmen sollte. Statt einfach zu wissen, dass ich sowas doch muss. Sag mir worüber ich sprechen soll. Vielleicht fahre ich auf ein paar Tage nach Frankfurt, auf die jüdische Bibliothek dort, sehe zu ob ich was drüber finde, und spreche über den – *, nämlich den auftentischen; es muss doch irgendwas darüber geben. Etwas andres jetzt vorbereiten kann ich nicht und Unvorbereitetes – so komisch es klingt, aber mir ist nichts eingefallen, was ich so präsent hätte, wie ich es dafür brauchte.

Ich will zu Tante Emmy gehn, sie hat den Anfag von Rich. Ehrenbergs “Familiengeschichte” da zum Abschreiben und ich soll ihr ein paar Worte entziffern und es überhaupt lesen; er hat natürlich sich weit und breit über das Judentum überhaupt ergangen und Ehrenbergs finden das “sehr rührend” von ihm. Liebes Gritli, kann ich denn was dafür, dass mir die Welt heut gar nicht gefällt?

Aber natürlich kann ich was dafür – ich vergesse ganz wie gut ich es habe. Ich will einmal daran denken. Also:

Ich bin Dein.

15.I.19.

Liebes Gritli, wo ich gestern stecken blieb und so unglücklich war, das war – an sich schon komisch… – bei Staat und Kirche. Vor dem Schlafengehn fiel mir dann ein, dass ich ja die “stärksten von meinen Künsten” ganz vergessen hatte, da wandte ich sie an, nämlich ich sah mir – den * an! das hatte ich lange nicht mehr getan; und richtig da war plötzlich alles schon da, und heute habe ich also von Staat und Kirche und von Priester und Heiliger geschrieben, alles genau wie es im * zu sehen ist. Aber so down war ich gewesen, dass mir das nicht einfiel, wo es doch das Naheliegendste war: an den * zu denken, wenn man von ihm schreibt.

Und heute früh kamst auch du, und so war alles gut. Liebes Gritli, ich fahre am Montag oder Dienstag, aber dann gleich durch, sodass ich wohl am Mittwoch schon bei euch bin; ich muss ja einmal in deinem Zimmer mit dir gestanden sein, und dazu ist es ja nun der letzte Augenblick. Ich war ja schon einmal mit dir drin, einen ganzen Morgen, – aber das war beinahe zu sehr mit dir; ich weiss nicht, wie ich es sagen soll.

Ich schicke dir diesen Brief als Eilbrief, denn du musst mir wegen der Reiseerlaubnis ein Telegramm schicken, mit irgend einem geflunkerten Grund, etwa: “Beginn der Vorträge schon Donnerstag, reisen Sie spätestens Dienstag. Hüssy”. Ich bin mehr für solche “Wahrnehmung wichtiger Berufsangelegenheiten” als für “Krankheit naher Familienangehöriger”. Übrigens ist es ja noch nicht mal geflunkert. Denn wenn ich bis dahin doch fertig oder sogut wie fertig sein sollte (ich habe jetzt mit dem liturgischen Teil begonnen, der kürzer wird als im III 1, dafür der vorliturgische länger), also wenn ich fertig sein sollte, dann wird ja die Vorlesung auf deinem Zimmer wirklich am Donnerstag beginnen. Und wenn es nun aus irgend einem Grund doch nichts wird – z.B. wenn etwa Montag die Berliner Sitzung sein sollte, so fahre ich euch entgegen nach Frankfurt oder Würzburg oder sonst wohin und ihr fahrt einen Tag früher von Säckingen ab und wir sind dort einen Tag zusammen. An Kassel hatte ich nur gedacht für diesen Fall, weil es ja jetzt Kopfstation geworden ist nach allen Richtungen. Rudi z.B. musste von Gött. nach Lpz. über Kassel fahren.

In Säckingen werde ich ja doch nichts arbeiten, höchstens den Vortrag; ich habe jetzt ein Thema, wozu ich gar keine Vorbereitung brauche: “Geist und Epochen der jüdischen Geschichte.” (Nämlich dass sie nur Geist hat und keine Epochen, – zum Unterschied von aller andren Geschichte – von wegen der Ewigkeit -. Das ist der Knalleffekt. Auch kann ich da grade bei Pragers Vortrag von vorigem Jahr über Grätzens Philosophie der jüd. Gesch. anknüpfen. Und ausserdem kann ich den Leuten da die bösesten Sachen sagen. Also das kann ich mir ja in Säckingen im Fremdenzimmer durch den Kopf gehen lassen – wenn es noch nötig sein sollte.

Liebes Gritli, wenn du dir jetzt “dein Haus zusammenträgst”, darfst du nicht an so böse Geschichten aus dem Evangelium denken. Es ist ja nicht “dein” Haus, es ist “euer” Haus. Und das ist ein grosser Unterschied, an den das Evangelium viel zu wenig denkt.

Hans Hess kommt eben, und auch so – ich möchte doch nur in einem fort Liebes Gritli schreiben, weiter gar nichts, aber dies immerzu. Das ist keine Stimmung für Briefe –

Liebes Gritli liebes liebes —

Dein Franz.

16.I.[19]

Liebes Gritli,

es ist ganz spät und war wieder mal ein nervenzerreissender Tag. Ich beschwor ohne es zu wollen beim Mittagessen das Gewitter herauf und dann tobte es bis gegen 6. Danach kam ein freudiges Familienereignis, das glücklich ablenkte.

Der Vormittag ging mir auf – den “Pilger Kamavita” drauf, den mir Tante Emmy zum Geburtstag geschenkt hatte (d.h. in Wirklichkeit wohl Hans), eine romanformige Darstellung des Buddismus von dem Nobelgepriesenen Gjelerup; anfangs hatte ich mich mehr drüber geärgert als gefreut, aber so in der Mitte des Buchs war ich gepackt und las deswegen heut Morgen in einem Zug zu Ende. In der Mitte stirbt er nämlich und dann spielt alles übrige im Jenseits. Es scheint mir gar nicht verzeichnet, und es ist doch irgenwas dran, obwohl, obwohl natürlich – aber das steht alles schon bei Tertullian und Augustin ganz klar, und der Buddismus ist eben doch bloss Antike.

Bei alledem habe ich aber doch eine Menge geschrieben; die Kunstphilosophie in III wird wohl schön. Es giebt ein Lob der angewandten Kunst: Architektur – Kirchenmu-sik – Tanz. (Das ist eine aufsteigende Linie). (Das ist schon aus Mazedonien vor der Flucht). Dass ich den Tanz zu oberst stelle, wird dir wohl passen? (Ich rechne natürlich auch Prozession, Festzüge, Turnspiele, Paraden, Manöver, Pferderennen u.s.w. dazu).

Rudi Hallo ist nicht bloss befangen, sondern wirklich schon umhüllt von einer dicken Schicht Akademischkeit. (Es ist doch gar kein Wunder, dass ihm hier niemand eine Überzeugungstaufe zugetraut hat; er hat eben eine Façade vor sich aufgeführt.)

Gute Nacht – es ist schon 12, ich denke an dich.

— Dein Franz

17.I.19.

Liebes Gritli, ein Tag zum Verzweifeln. Zwar der Morgen war schön und Nachmittags war sie weg, aber Abends ging es los. Es ist einfach unmöglich für mich, länger als eine Woche hier zu sein; ich werde völlig in diese Strindbergsche Atmosphäre hineingezogen. Ich kann noch nicht zu Bett gehn, obwohl ich auch so kaput bin, dass ich mein überreiztes Wachsein auch nicht zum Schreiben verwenden kann. Hätte ich was zu korrigieren, so könnte ich die Nacht dran sitzen bleiben. Ich gucke jetzt wirklich aus dieser Höllenbolge Terrasse 1 nach Säckingen und nach Freiburg aus wirklich mit dem Gefühl: revider le stelle. – Mit III 2 werde ich hier nicht mehr fertig. – Ich will einmal versuchen, ob ich noch in den schönen Vormittag zurückfinde; da kamen nämlich deine Briefe. Nein, ich kann dir nicht antworten, ich kann dir heut überhaupt nicht schreiben. Es geht nicht.

Dein Franz.

Ich habe gestern Abend oder vielmehr heut früh um 2 nicht zugemacht. Ich wollte dir am Morgen noch ein Wort drunterschreiben. Es geht aber immer noch nicht. Dabei war mir eben als strichest du mir mit der Hand über den Kopf.

Tus – bald.

18.I.[19] – der

erste seit der

Revolution!

Liebes Gritli, Stille nach dem Sturm. Sie hatte einen Kater und war nett. Ich bin nach-mittags zu Trudchen gegangen, um meine Hoffnungslosigkeit herauszuschwätzen und bin nun auch erleichtert, nur müde. Ich weiss so genau, dass das einzige was sie auf die Dauer zufriedenstellen könnte, mein Tod wäre; danach würde sie einen Heiligenkult mit mir treiben, vorher giebt sie keine Ruhe; und da ich nicht vorhabe zu sterben, so muss es mit diesem ersten 6 Wochen = Versuch genug sein. Eine Woche lang wird sie mich ja vielleicht aushalten. Ich bin noch müde und schaukle in meinen Nerven. Die Telegramme kamen. Ich fahre wohl Montag Mittag hier ab, bleibe in Frankfurt über Nacht, im Basler Hof, sehe am Dienstag Vormittag die Stelle mit der ich III 2 anfange, dort auf der Bibliothek nach (hier sind nur zensurierte Exemplare, wo die Stelle aus Angst vor der christlichen Obrigkeit weggelssen ist), fahre Dienstag Mittag weiter, sodass ich Mittwoch auf jeden Fall in Säckingen bin. Fertig werde ich wohl keinesfalls, höchstens wenn ich auf der Bahn noch schreiben kann. Den liturg. Teil hoffe ich zwar morgen zu Ende zu kriegen, und sehr lang wird das nachher dann nicht mehr. – Heute musste ich lachen, dass ich gefürchtet hatte, mit III 2, wenn ichs drucken liesse, mir meine jüdische Karriere ist das ja nur natürlich. Den Unterschied, ob ich etwas selbst erlebt habe oder nur an andern erlebt (und etwa noch von aussen gesehen), muss man ja merken. Und das ist der Unterschied von III 1 und III 2. Ich erkläre das Christentum an meinem erlebten Judentum. Sag das bitte Eugen nicht; ich möchte sein Urteil unbeeinflusst von mir.

Für das Purgatorium hat mich auch erst Dante warm gemacht. Und ist es nicht dichterisch der schönste Teil der Commedia? Es ist eben die Erde zwischen Hölle und Himmel und die Erde ist immer doch der wahre Gegenstand der Kunst, trotz Kamavita, der grossenteils im Himmel spielt, ja und trotz Dante selbst.

Liebes Gritli, ich verstehe doch so gut, dass du dir jetzt endlich dein Haus einrichten musst und musst. Es geht dir ja nur genau wie mir: du willst eben endlich – heiraten.

Und Basel? haben wir denn nie davon gesprochen? es ist wohl die einzige ausländische Stadt, nach der ich während des Kriegs manchmal Sehnsucht hatte. Immer wenn sich meine Phantasie malgré moi ins Akademische verirrte, ertappte ich sie auf dem Ruf nach Basel. Nietzsches Fuxen = Proffessur hat ja ihren Glanz vielmehr davon dass es grade Basel war als dass er noch so jung war. Und Burckhardt.

Spürst du es also auch, dass der Krieg schon so unendlich lange her ist. Obwohl ich doch durch den Stern noch in einem unmittelbaren Zusammenhang mit seinen für mich letzten Monaten August und September bin, ists mir als waren es Jahre.

Auf den Mantel mit der 165 habe ich ja Anspruch; er gehört zum Entlassungsanzug und ist ein notwendiges Kleidungsstück, wie du ja selber weisst –

Deine bibelkritische Frage (aber Gritli!!) nach dem Alter unsres hebräischen Texts beantworte ich dir lieber mündlich. Werden wir dazu kommen? man muss es nämlich an einzelnen Stellen sehn, da wird es erst lustig. An sich ist unser Text erst 3 Jahrhunderte nach Hieronymus festgeworden. Und Luther lebte in der lateinischen Bibel, betete doch die Psalmen als Brevier, gelgentlich in einem Zuge, sodass ihm der Urtext beim Übersetzen dazu dienen musste, ihn von dem auswendiggekonnten lateinischen erst überhaupt einmal frei zu machen (wie heut jeder Übersetzer durch den Urtext erst einmal vom Luthertext freigemacht werden muss). Aber bei diesem Freiwerden ist er dann nicht selten ganz  frei geworden und hat einen ganz eignen Vers gedichtet. – Notker ist noch nicht da; um so schöner, wenn er dann kommt; so ein über Monate verteilter Geburtstag ist grade schön; für den Januar wars der Kluge. – Über Luthers Verhältnis zu den Texten speziell in den Psalmen werde ich später einmal eine Anzahl kleiner Aufsätzchen schreiben, darauf freue ich mich schon lange; es geht das so gut, seit alles was es an Entwürfen von seiner Hand, Sitzungsprotokollen der Übersetzungskommission, Druckvaraianten von ihm giebt, vollständig gedruckt ist.

Dies also nur für den Fall dass wir nicht dazu kommen. Wie wird es werden? Den Brief kriegst du wohl noch am Tag ehe ich komme. Ich freue mich auf dich, deine Augen, deine Hände, dein Herz.

[30.I.19]

Liebes Gritli, es wurde 9, bis ich in Freiburg war, und als ich dann im Geist herunterging zum Essen, wuchs plötzlich riesenlang Beckeraths Vetter (“Herbert”} vor mir aus dem Boden, der ja hier Privatdozent ist; mit dem war ich bis eben zusammen. Nun ists Mitternacht, aus dem Brief an Mutter wirds nichts mehr, und ich bin auch gleich mit Gewalt dadurch in Gespräche gerissen, als ob ich hätte abgelenkt werden sollen. Morgen erzähle ich noch davon, es war glaube ich einiges Merkwürdiges dabei. Ich bin jetzt nur müde und doch voller Liebe und Dank. Gute Nacht, liebes Herz. Es ist noch als wären wir bloss durch ein Stockwerk getrennt und doch seid ihr schon weit weg und bis euch dieser Brief erreicht, seid ihr schon im ersten wirklichen eigenen Haushalt. Ich bin bei Euch – wie ich bei dir bin. Sei auch bei mir – Geliebte. Ich fühle wie du deine Hände um mich legst. Gute Nacht. Schlaf schlaf

– Deiner.

[Telegramm an Eugen und Margrit Rosenstock bei Schumann Haydnstrasse 4 Leipzig]

30.I.19.

guten tag! franz

31.I.19.

Liebes Gritli,

nun seid Ihr schon in Leipzig, habt im Hotel wohl Beckerath getroffen und seid jetzt schon im Haus. Ich habe auch meine verschiedenen Töpfe auf den Herd gestellt; III 3 brozzelt schon leise, und bei Mündel war ich heute Nachmittag 4 Stunden (Ergebnis: Lektüre von 60 Manuskript = 30 Machinenschriftseiten). Rudi hat er schon fertig abgeschrieben. III 3 wird vielleicht doch gut, allerdings ganz anders als III 1 und 2, ja überhaupt anders als alles Vorhergehende. Aber es ist mehr eine Ahnung. So als ob hier erst das philosophisch Wichtigste kommen müsste, das mit der “Tatsächlichkeit”. Übrigens habe ich heute beim Lesen von II 3 gemerkt, dass mir das bei dieser Art Lesen genau so zuwider war wie I, so dass also I vielleicht doch besser ist als ich dachte. III 3 kommt nun wieder auf I 1 zurück, indem es auch vor allem von Gott handelt, I 1 das was ich “vorher” von ihm weiss, III 3, was ich “nachher” weiss.

Ich habe noch viel an das “im Namen” denken müssen. (ejn tw/ ojnomati kommt wirklich erst bei Byzantinern vor, sodass also der weltliche Sprachgebrauch wirklich erst aus dem der Offenbarung stammt). Sag Eugen, es handle sich gar nicht darum, dass man selber das “im Namen” zu seinen Taten dazusagen müsste. Sondern man trägt den Namen an die Stirn gebrannt und die Welt sagt zu dem was er tut, immerfort: aha! Jede Tat wird so zur Heiligung oder Entweihung des Namens. Oder mindestens zur Entweihung. Denn auf die ist die Welt scharf und lässt sich keine entgehn. Die Heiligung, wenn sie geschieht, wird allerdings meist von der Welt geflissentlich übersehen oder weggedeutet. Aber tut die Welt damit nicht gradezu Polizeidienste am Reich Gottes? Denn unser Gewissen muss ihr ja in 99 von 100 Fällen recht geben, wenn sie unsre guten Absichten uns wegstreicht. Wenn wir selbst nicht kritisch sind, so muss es die Welt wohl an unsrer Statt sein. – Und was geschieht dann wirklich unableugbar “im Namen”? Es darf doch nicht alles weggeleugnet werden können? Gewiss nicht, aber deshalb betet ihr: “geheiligt werde dein Name” und wir noch eindeutiger: “er heilige seinen Namen”. Er! das Unleugbare muss er selber tun. Wir bringen es immer nur bis zu dem Leugbaren.

Ich habe mich mit Loofs verabredet. So komme ich immer noch nicht dazu, dir das von Beckerath zu erzählen. Aber morgen.

Bis morgen – liebes liebes

geliebtes Gritli ——- bis morgen

– und immer.

Februar 1919

1.II.[19]

Liebes Gritli, heut nachmittag kam dein erster Brief. Es ist immer wieder wie ein allererster; die Spannung von ein paar brieflosen Tagen geht voran und steigert sich von Tag zu Tag und löst sich dann und diese Lösung ist weich wie deine Hand.

Es ist schade dass ich die Karamasoff nicht jetzt auch grade lesen kann. Oder ist es gar nicht mehr nötig? Dein Erschrecken neulich über Eugens Wort sah ich wohl; ich erschrak sogar darüber, weil du es unnötig schwer nahmst. Es war ja sicher falsch. Was liebst du denn mehr an ihm als dies! Es ist doch sein Innerstes. Und beim “Katholischwerden” ist es doch dies, wofür du fürchtest und was du ihm sogar jetzt schon bei den Anläufen die er dahin macht entfallen siehst. Genug davon. Ich wollte dir noch von Beckeraths Vetter erzählen. Er war ja damals um Emil. Und nun sprach er mir seine Besorgnis aus (in Anbetracht von Emils schwächlicher Konstitution und der erblichen Belastung der Familie mit Geisteskrankheiten) über seine – “mystische Richtung”, über die “extrem christliche Richtung”, die er verfolge. Es drehe sich alles bei ihm um Nachfolge Christi, um ein “gewissermassen mit ihm sich ans Kreuz schlagen lassen”. Ich beruhigte ihn so gut ich konnte, erinnerte ihn an Emils scharfen Verstand, der ihn vor jedem Aberglauben (spiritistischer etc. Art) sicher schützen werde u.s.w. Aber ich war doch erschüttert, teils über die Formulierungen, die Emil offenbar damals ihm gegenüber gebraucht hatte, besonders die letzte, teils auch wie das was uns wie ein Anfang schien, dem andern schon wie ein Extrem vorkam. Dass das alles schon längst vor Dorissens Tod begonnen hatte, wusste er aber auch. – Er ist ein viel netterer und sehr viel klügerer Mensch als ich in der Erinnerung hatte. An Emil will ich nun morgen schreiben. – Zu Kantorowicz gehe ich morgen nachmittag. Mit Loofs gestern war es nicht unlohnend. Am Mittwoch lädt er mich zu einigen Kennenswürdigkeiten zu sich ein (Husserls, Emil Straussens – der Verfasser von Freund Hein, du kennst es sicher, mich hat es als Sekundaner oder Primaner lange begleitet, schon wegen der Antithese Mathematik = Musik; ich sehe noch Tante Ännchens Entsetzen als sie das einmal in einem Gespräch mit mir über das Buch plötzlich merkte. Auch die “Kreuzungen” von ihm sind schön.) Loofs hatte sich eine furchtbar komische gemischt philosophisch = psychiatrische Kunstsprache zurechtgemacht, mit der er mich bombardierte, bis ich ihn auslachte und es ihm verbot. Da war er ganz erstaunt und gestand mir, sonst spräche er gar nicht so, aber er hätte gedacht, ich verstünde ihn so am besten!

III 3 kocht langsam weiter. Es wird ganz anders als das Vorhergehende. Ich schreibe wie in einem leichten Champagnerrausch und ziehe Fäde aus den früheren Teilen hervor. Es wird der eigentlich orchestrierte Schlussteil. “Tor”, dann nur noch der Kehraus, in piano, kleines Orchester. Es wird die übertheologische Theologie wie I 1 die untertheologische war. Eine “Mystik”, aber auf Grund all des Unmystischen was auf den 500 Seiten davor steht und dann ja auch wieder neutralisiert durch das antimystische “Tor”, das noch nachfolgt. Hoffentlich kriege ich es hier fertig. Wird es so, wie ich jetzt ahne, so wird der veränderte Ton von III 1 und 2 im Ganzen nicht bloss kein Fehler, sondern gradezu eine Schönheit. Es ist dann in seiner Deskriptivität wie ein Riterdando vor dem Schlussaufstieg, der “Apotheose” im wörtlichsten Sinn. Ich muss endlich einmal sehen, was Gott “ohne mich”, ja “ohne uns” ist. So wird der III.Teil wirklich das Gegenstück zum Iten. Aber ich bin noch ganz leise und nur ahnend, wie es wird.

Von Cohn hatte ich einen Brief, der mir nicht leicht zu beantworten wird. Er hat mehr Vertrauen zu mir als ich – im Augenblick tragen kann. – Gute Nacht. Bist du bei mir? Ja du bists!

Gute Nacht  –

Dein Franz.

2.II.19.

Liebes Gritli,

das Wasser kocht! es wird wohl so, wie mir vorschwebt. Die Disposition kommt doch in eine gewisse Parallele zu III 1 u. 2. Es wird, wie ich es auch bei der ersten Konzeption damals mir schon dachte, eine Abhandlung vom Schnittpunkt der Parallelen. Und da mir das so wichtig ist, musste es ja wohl doch wirklich an den Schluss kommen.

Eugens Eltern sind eben angekommen, im Beausejour. Ich werde bald hingehn, schon weil ich Angst habe und jetzt keine Zeit zum Angst haben übrig habe.

Von Berlin (Bertha Strauss) habe ich jetzt die Maimonidesstelle, die ich zu Anfang von III 2 zitiere. Sie ist im Original viel schöner als in der Übersetzung, auch viel wüster; man begreift, weshalb sie wegzensiert wurde; das konnte man einer christlichen Obrigkeit nicht bieten. Die vielen “gänzlich ungebildeten” Völker, zu denen die hl.Schrift durch das Christentum gedrungen ist und die mir gleich übersetzungsverdächtig waren, heissen “Völker unbeschnittenen Herzens und unbeschnittenen Fleisches”. So wird das Einleitungszitat jetzt in andrer Weise ebenso schön wie das Schlusszitat.

Übrigens diktiert mir Bertha Str. eine Cohenbiografie zu. Ich werde ihr schreiben, dass ich einen grossen Essay über ihn plane, und ihr vielleicht auch den Plan der ύπομνημο verraten.

Ich muss zu H.U.s  Heilige Margerit, steh mir bei. Übrigens er rief mich heut mittag an, Herr Trescher verstand den Namen nicht, es sei eine “Tante Soundso” gewesen! Tante = Rowitsch!

Mir ist als hätte ich irgend was vergessen; vielleicht schreibe ich dir heut Abend nochmal.

Bis dahin

nimm

Mich.

3.II.19.

Liebe, es ist ein Brief von dir da, der erste aus Leipzig und ich bin froh. Er ist vom gleichen Tag wo ich hier so unruhig herumlief. Du hast das Wort vom Ruhefinden für mich mitgehört. Es ist ja eins das in beiden Testamenten steht. Aber bei Jeremias geht es weiter: doch sie sagen, sie wollen nicht –

So spreche ich ja auch, geliebtes Herz, und küsse deine Hände. Nimm meinen Kopf hinein und halte ihn, halte ihn fest und gut.

– Es wundert mich gar nicht sehr, dass Ihr dort bleibt im März. Und schliesslich, immerhin ist die Thomaskirche da und auch das mondäne Gegenstück, das Gewandhaus; du musst sehen, abends hinzukommen; die Hauptprobe ist nur ein gutes Konzert wie es anderswo auch giebt, aber der Abend ist Musik als Form der öffentlichen Geselligkeit, so wie ich es noch nirgends sonst gefunden habe. (Wenn die Revolution nicht auch das wie die ganze Germania auf den Kopf gestellt hat).

Ich wollte, Ihr könntet die Wohnung an der Thomaskirche nehmen.

Bei Kantorowicz war ich also. Ditha war auch da. Weisst du, dass doch Thea die einzige ist, die mir immer wieder gefällt und bei der ich gar nichts zu überwinden habe. Mit ihm (übrigens die Gela ist ein nettes Kind, Hildedore eklich), also mit ihm hatte ich ein, natürlich unerquickliches, Gespräch über Eugens “ewigen Prozess d.R.g.d.St.” Er war sehr unglücklich darüber, behauptete es sei alles aus dem “Kalauer” fas = fari entstanden. Es sei unverantwortlich, dass er das blosse (geltende, aber nicht beredete) Recht mit der Gewalt gleichsetze. Das heisse, die sichersten Begriffe der Wissenschaft verwirren. Ich versuchte ihm den Aufsatz als einen rechtspolitischen klar zu machen, um ihn aus der Stellung eines wissenschaftlichen Zionswächters herauszutreiben, – aber es gelang mir nicht. Wem gelang es – . Einiges lobte er auch. Aber im Ganzen – und danach sage er sich doch, dass an dem Verdammungsurteil der Germanisten das er nichtnachprüfen könne, doch etwas dran sein müsse, da es immer genau, wörtlich genau mit dem übereinstimme, das er selber fälle, da wo er etwas davon verstünde. Ich sagte ihm ich misstraute dem Urteil der Germanisten, das ich erstrechtnicht nachprüfen könne, aus dem genau entsprechenden Grunde. Das nahm er glaube ich wieder etwas krumm.

Die Wohnung ist schön. In seinem Arbeitszimmer habe ich mich aber vergeblich nach deinem Bild umgekuckt, soweit es unauffällig ging. Wo hängt es denn?

Ach und wo bist du selber? In Leipzig bin ich ja doch nicht bei dir – in Leipzig bin ich überhaupt nicht. Es ist ein zu greulicher Ort. Ganze Stösse braunen Papiers müsste man haben, um es zuzudecken. Ist dies nicht schön? es war wirklich noch das, was ich von damals auf dem Kicker hatte. Komm und schliess dich ein bischen darin ein. Und sei bei mir.

4.II.[19]

Liebes, nur ein rasches Wort ehe ich heraus zu J.Cohn gehe. Ich wollte heute eigentlich in Krebsens Kolleg, aber beides liess sich nicht vereinen.

Mit III 3 bin ich jetzt wieder bei den grossen Rationen angelangt, heut 9 Seiten. Morgen komme ich wohl an den Mittelteil, die beiden Ausstrahlungen des * nach innen und nach aussen. Die nach aussen beschäftigt mich übrigens im Augenblick auf einem dauerhafteren Material als auf Papier. Ich denke nächste Woche wirst du das zu sehn kriegen. Sei ein bischen neugierig.

Und hab mich lieb.

Dein Franz.

5.II.[19]

Liebes Gritli, ich war ganz ausgehungert nach einem Brief von dir, die Zeit von vorgestern bis heut Nachmittag kam mir so unvernünftig lang vor. Dabei war es doch ganz klar, dass du auf Wohnungssuche sein musstest. Und nun – schade schade; aber ich glaube, auch bei normaleren Angebotsverhältnissen wärest du schliesslich in so einer Ferd.Rhodestrasse gelandet. Städte wie Leipzig haben das so auf sich. Die richtigen Wohnungen haben so viel Nebenfehler, dass man sich mit einem hausfraulichen Gewissen doch nicht heranwagt, auch wenn man erst wollte. Aber schliesslich – eine eigene Wohnung ist es doch, und ein bischen kann man sich da die Stadt immer aussperren. Freilich diese nächste Nähe zu Michels den Zeitgemässen –

Es war gestern sehr nett bei J.Cohn; er sprach viel von Spenglers “Untergang des Abendlandes” von dem Eugen neulich auch sprach; er hatte eine Art Respekt davor. Und dann von – Wilamowitzens Plato (wo Eva Sachs im Vorwort ein Lorbeerkränzlein gewunden kriegt). Der scheint meinen Hegel noch zu überhegeln, nennt ein Kapitel “Ein heitrer Sommertag” und so ähnlich. Ich kam mir wieder arg kurpfuscherhaft vor (als Schreiber des *s) und hatte  ein schlechtes Gewissen, wie er so von “Vorarbeiten”, die ihn die nächsten Jahre noch beschäftigen würden sprach. Mein Gewissen wird immer wieder erst besser, wenn er dann von der Sache selbst spricht, und etwa “Budda, Jesus und Jeremias” als religiöse Genies nebeneinander nennt. Mich persönlich amüsiert bzw. ärgert dabei immer am meisten diese Höflichkeitserwähnung irgend eines Profeten, den nun die “Wissenschaft” glücklich nach dem Schema des “religiösen Genies” wiederzurechtkonstruiert hat und der nun gelehrte Modepuppe geworden ist. Mir lag auf der Zunge, ihn mit “Budda, Jesus und Schmeie Tinkeles” zu korrigieren; ich verkniff es mir aber; er hätte doch nicht verstanden, dass es im Judentum “religiöse Genies” gar nicht giebt und geben darf. Und eigentlich im Christentum auch nicht; das ganze Dogma hat doch nur den Zweck zu verhindern, dass man Jesus für ein religiöses Genie erklärte und ihn Jesus Genius nannte statt Jesus Christus.

Am * schreibe ich mit einer Mischung aus Leichtsinn und “Furcht und Zittern”, und dem Gefühl sehr mangelhafter Vorbereitung. Ich weiss nicht – aber vielleicht wird es doch gut.

Heut Abend also wohl Loofs mit Zubehör, ich will nochmal anrufen.

Und? Ach du kannst es dir denken – es ist nicht bloss deine Stimme, es ist alles an dir und in dir, das ganze Gritli, nach dem ich mich sehne,

ich dein ganzer Franz.

6.II.19.

kamst du da

nicht voriges

Jahr nach Kassel?

Liebes geliebtes Gritli,

diesen Brief wollte ich dir schon in der Nacht schreiben, dann lag ich statt dessen viele Stunden wach, heut vormittag schrieb ich am * – ich dachte gestern ich würde es nicht können – und jetzt erst schreibe ich ihn, nachdem eben die Post deinen kurzen Antwortbrief auf meinen langen vom Tag heut vor einer Woche gebracht hat. Die Schleier, von denen du schreibst legen sich immer wieder um uns. Wir zerreissen sie wieder und wieder – und doch, mehr können wir nicht, weder du noch ich, können es überhaupt nicht einzeln, können auch dies, wenn je, nur – zusammen. Mein geliebtes Gritli – ich kann nicht von dir und du nicht von mir. Das bleibt, wie wir uns bleiben. Gieb mir deine Hände, ich muss sie küssen, lang, lang, ohne Aufhören.

Hör von der Nacht: Loofs bestellte mich auf heute um, so ging ich Abends zu Eugens Eltern. Es war übrigens gar nicht so schlimm, er eigentlich gereizter als sie, übrigens aufgekratzter als er sonst jetzt sein soll. Ditha kam auch. Mit der ging ich nachher nach Hause und dann lange in der Ludwigstrasse durch den schönen frischen Schnee auf und ab. Sie hatte vorher bei den Eltern mal so etwas gesagt, als wäre sie sicher, dass Eugen nicht bei der Universität bleiben würde. Ich fragte sie nachher, was sie denn sich denke. Da sagte sie: Landerziehungsheim. Und das ist ja einfach das erlösende Wort, und lächerlich, dass ich noch nie daran gedacht habe. Natürlich müsste man auch erst mal eins finden, wo man ihn will. Aber leichter als eine Fakultät wird das zu finden sein. Und vor allen Dingen, es wäre ja das was er sucht, ohne es zu wissen sogar bei dem “Katholischen” sucht. Es wäre Beruf und Berufung in einem. (Und das sucht er ja, eins so sehr wie das andre). Es wäre ja auch tausendmal besser als der berufsmässige “Essayist” und der gelegentliche, und auch der Einestagesdochverfasser seiner Bücher, würden nicht darunter leiden, im Gegenteil. Du weisst, dass die Schüler der Landerziehungsheime auch nachher noch wiederkommen, sodass man durchaus nicht bloss mit den bis 18jährigen zu tun hat. Ich habe übernommen, ihm das zu schreiben; Ditha wollte es nicht selbst; ich schreibe es also dir. Filtrier es. Ditha hatte es ihm nicht selbst sagen wollen, weil sie sich an seine Erstarrtheit nicht heranwagte. Er ist ihr nämlich ganz starr gekommen, besonders das zweite Mal, als er allein war; so dass sie meinte, das Katholischwerden stände unmittelbar bevor. Sie war aufs höchste erstaunt, als ich ihr erzählte, die Starrheit sei nur ein Zustand und er sei daneben noch genau so bewegt wie früher. Ihr war er nur so gekommen. Und sie war infolgedessen gegen das Katholische eigentlich voller Opposition (auch gegen Krebs, wie mir schien).

Sie sprach so nach und nach von all diesen Dingen, so dass ich auch davon sprechen konnte, was ich ja erst nicht durfte, weil sie ja nicht wissen sollte, dass ihr mir davon erzählt hattet, von ihrer Angelegenheit. Aber sie behandelte es selbst beinahe als wüsste ich davon und zog mich in die Alternative Protestantisch oder Katholisch, als ob die mich etwas anginge. Und ich liess mich ziehen! Und wagte nicht, meinen Mund aufzutun. Dabei hatte ichs vorher bei Rosenstocks absichtlich mal getan, als mich der Vater nämlich plötzlich ganz rund heraus fragte, wie ich es denn eigentlich fertig brächte, mich religiös mit Eugen zu vertragen. Worauf ich erst etwas von zwei Dickköpfen sagte, dann aber etwas über Judentaufen im Allgemeinen so grob formulierte, weil ich hoffte Ditha damit zu ärgern (von 100 seien 99 aus äusseren Gründen, die 100te geschehe aus Unkenntnis des Judentums und erst die 101te aus Überzeugung). Das hinderte sie aber nachher gar nicht, die Taufe überhaupt als etwas ganz ausser allem Disput zu behandeln. Und ich hatte mir eingeredet, ich wäre weitergekommen seit vor 9 Jahren, wo ich Hans, der ja in Dithas Lage war, sagte: Tus. Und wagte nun überhaupt nicht, den Mund aufzumachen. Was hätte ich ihr auch sagen sollen. Sie heiraten kann ich doch nicht, und das wäre das einzige. Alles andre – wo soll sie denn hin? was soll ich ihr denn für einen Weg zeigen? noch dazu ich, der ich – ein Buch schreibe. J.Cohn hatte gesagt, vorgestern als er über Muhamed und die “religiösen Genies” sprach, sie könnten das “Religiöse” nie zum Mittel machen, alles andre ja , aber dies nicht, und das “ganz grosse” “relig. Genie”, “Jesus z.B.” könne selbst nichts andres zum Mittel für das Religiöse machen. Aber das ist ja Unsinn. Dieser “extreme Fall” des “ganz grossen”, ist ja das normale. Es ist einfach unmöglich, irgendetwas zu wollen. So nebenher ja. Aber wo es eigentlich drauf ankommt – es geht einfach nicht. Sowenig wie ich an Mutter etwas wollen kann oder sonst an irgend einem Heiden, sondern immer wieder nur warten, dass etwas geschieht, so ists auch hier. – Gewiss es ist nicht an mir allein, es ist die furchtbare Lage der Westjuden überhaupt. Eugen hat zwar nicht recht, dass man “ohne jüdische Eltern” nicht Jude werden kann; hat man das sichtbare Judentum irgendwo gesehn, so sieht man auch das unsichtbare, nur künstlich unterdrückte, in seinen Eltern. Obwohl ja der Fall der alten Rosenstocks (hier wie in allem) noch unendlich viel krasser ist als der Fall meiner Eltern, die ja beide sogar einbewusstes Anhänglichkeitsverhältnis haben. Aber schliesslich ich springe ja doch darüber weg in die frühere Generation. Denk an das was ich vom Ahn und Enkel schrieb; den Vater schalte ich da eigentlich aus. – Und dennoch trotz und trotz allem, durfte ich denn stille sein? ? Wenn sie nun erwartet hätte, ich würde sprechen? Dies “Wenn sie nun” verliess mich nicht und liess mich nicht einschlafen, und lässt mich auch heute nicht zur Ruhe kommen. Ich habe ihr nichts zu geben und weiss keinen Weg für sie und Eugen hat ihr alles zu geben und weiss einen Weg für sie – und dennoch müsste ich und muss ich. Ich werde sie jetzt gleich mal anrufen. Obwohl ich nichts weiss was ich ihr sagen könnte, was nicht glatt an ihr abspringen wird. Es muss sie ja auch beleidigen, wenn ich ihr sage – und das werde ich ihr sagen – dass ich ihren Fall wirklich nur als Fall behandle und hier nur als Jude überhaupt Eugens in diesem Fall ganz persönlich gemeinter Christlichkeit entgegentrete. Ich mag sie ja einfach nicht recht leiden, obwohl sie grosse Qualitäten hat.

Genug davon für jetzt.

Vielleicht hängt dies alles näher mit dem zusammen, was ich dir zu Anfang schrieb, als ich mir zugeben mag. Ich weiss es nicht, ich will es nicht wissen. Ich muss durch, durch all dies durch. Gieb mir deine Hand. “Lege mich wie einen Siegelring auf dein Herz.”

Auf dem Siegel steht: Dein.

7.II.[19]

Liebes Gritli, ich dachte schon, es wäre kein Brief von dir gekommen, und war ein bischen down , nach dem letzten; ich dachte, ich hätte zu sehr in dir herumgewühlt, da brachte mir eben aber der Kellner den Brief doch noch und ich weiss nun wo ihr seid und wo du bist, du. Weisst du, der Arm von dem du gestern schriebst braucht nicht zu schlagen, er kann es auch ganz gelinde machen, wir wollen uns nicht sorgen. Heute stand ich mal am Fenster und sah auf den Münsterplatz, der wieder ganz zugeschneit war. Plötzlich war mir, du stündest neben mir und lehntest mit der Hand auf meine Schulter. Ich wagte mich gar nicht umzusehen, weil ich wusste, dass es dann ja nicht wahr sein würde. Oder war es doch wahr? Ich war dann trotzdem enttäuscht und traurig, als es nichts war und bloss mein Stuhl da stand mit dem schmutzigen Kissen vom Sopha, das ich drauf gelegt habe. Aber war es vielleicht wirklich doch wahr? Sag Gritli, du bist ja bei mir. Ich bin zum Zerspringen voll Sehnsucht nach dir, du bist mir nah und es ist mir doch als hätte ich dich soviel Monate nicht gesehn wie Tage. Nimm meinen Kopf in deine Hände und sage mir dass du mich lieb hast. Gritli?

Am Montag wird das kleine “lebendige Ding” fertig, auf das du ein bischen neugierig sein sollst. Dann geht es zu dir, ich habe es oft zwischen den Lippen gehabt die letzten Jahre und dann wirst dus zwischen die Finger nehmen, alle Tage ein mal und wirst dabei an mich denken, und ich werde die Spur davon sehen.. – Das ist ja ein richtiges Rätsel geworden, und ich fürchte sogar ein so leichtes, dass du gar nicht mehr neugierig bist. Oder bist du ein bischen dumm? Bitte seis.

Gestern Abend bei Loofs war es sehr nett, ich war nur etwas müde und es dauerte bis 1/2 1. Es war so eine feine Zusammenstellung von Menschen. Husserls, Emil Straussens. Die Frau Loofs (sie hat einen pietistischen Roman geschrieben der in St.Moritz spielt, “das grosse stille Leuchten”) ist blond, dick, älter als er, dabei im Ton ganz jungmädchenhaft und man merkte ihr gestern nichts von Verfasserschaft an; sie hat mir eigentlich gefallen. Loofs selbst, habe ich ihn dir eigentlich mal beschrieben? Er ist kitschig in seinem Äussern auch, trägt z.B. zum Zivil seine Bändchen! hat einen breit schwarz = gelb gestreiften Schlips, aber dabei doch eine kuriose Massivität. Frau Strauss, Schwester von Gerhard Hauptmanns jetziger Frau, grosse Hornbrille hässlich wie die Nacht (oder pfui! die Nacht ist ja gar nicht hässlich), sprach wenig, nur ein paar Mal ganz keifende Alldeutschismen von der jetzt üblichen Sorte.

Frau Husserl, eine angenehme Enttäuschung, kurios böhmisch aussehend trotz jüdischer Rasse, etwas an Tante Emmy erinnernd und mir grade dadurch verständlicher als sie den meisten ist, freilich nicht so echt wie sie, sondern ein gut Stück Affektiertheit; aber nett aussehend, wie die Tochter (die aber übrigens Vaters Kind ist; sie war leider nicht da); sie trug ein kleines Spitzenkrägelchen über dem Kragen …[Zeichnung] was sehr lustig aussah zu dem kleinen Frauchen mit dem scharzen runden Kopfkügelchen. Der Comble waren die beiden berühmten Männer. Strauss sieht herrlich aus, wie Hebbel in jünger (ca 45 Jahr) (nein, er hat Ende der 80er Jahre studiert) und in fein. Sehr klug, ohne die Spur Unechtheit, die sonst Künstler haben. Und nun Husserl. Ein Mensch aud jeden Fall. Wahrscheinlich in seinen Büchern ein schlechter Philosoph, grade weil er im Sprechen ein guter ist. Eine grosse Bescheidenheit, die man ihm glauben muss, weil sie mit ebenso grossem Hochmut zusammengeht. Ein verschwommener nach innen gemummelter Judenkopf; im Ton, besonders wenn er ironisch wurde, in den Singsang des “Lernens” fallend. Sich interessierend und dann wieder dozierend. Sicher für junge Leute sehr anziehend; ich wäre sicher zu ihm gegangen, wenn er damals gewesen wäre, wo ich war. Er ist katastrophal gesonnen, erwartet und wünscht das Chaos, zwecks Rückkehr zur Ursprünglichkeit (das hängt mit seiner “Phänomenologie” zusammen, die auch eine Rückführung des abstrakt und formelhaft gewordenen Denkens auf die einfachen unmittelbaren “Phänomene” sein will) und erwartet die Zukunft aus Russland. – Mich ritt aber der Teufel und ich verteidigte die Gegenwart gegen die Herabsetzung gegenüber 1800 und behauptete die schlechten Briefschreiber hätten damals auch schlechte geschrieben und die guten schrieben auch heut gute, und wer sich nicht zerstreuen lassen wolle, der lese heute die “Woche” eben einfach nicht u.s.w. Es ist ja wahr, aber ich weiss nicht weshalb ichs sagte.

Ists nicht komisch, dass ich nicht bloss keinen Beruf habe, sondern noch nicht mal mein Fach angeben kann? es wurde mir gestern wieder so klar. “Philosoph” bin ich wahrhaftig auch nicht; das merke ich jedesmal wenn ich mit Professionels zusammen bin. Der * ist keine Philosophie, (obwohl Hans, der jetzt bei I 2 ist, die “spezifisch logische (logisch = metaphysische) Begabung” daran rühmt!!) (Übrigens findet Hans “einen gewissen Mangel an Architektonik im Verhältnis zu dem inneren Reichtum”! Ich habe also meine *=förmigen Spuren …[Zeichnung] gut verwischt.) (was ich ja wollte.) (Er fährt fort, – bei I 1 und I 2! -: “Dadurch wirkt es etwas in der Richtung einer Selbstdarstellung).

III 3 wird wohl so lang wie III 1. Ich bin jetzt in der Mitte und habe mit den tümern angefangen. Es ist anders geworden als III 1 und III 2. Vom * wird selbst in diesem Buch, das doch nach ihm heisst, nichts vorkommen, vielleicht. Sodass dann alles, was von ihm gesagt wird, in Übergang, Schwelle und Tor stünde und sonst nirgends.

Wenn ich bis Mitte der nächsten Woche mit III 3 fertig werde, so fahre ich vielleicht wirklich noch ein paar Tage nach Säckingen und schreibe “Tor” an deinem Schreibtisch mit deinem Blick.

Ich habe heut nachmittag wieder ein bischen bei Ragorzy geschmökert; man kann da für 10 M noch ganze Stösse Bücher kaufen.

Mit Ditha habe ich mich für morgen verabredet. Es ist mir noch viel im Kopf herumgegangen, sowohl von Seiten der Hoffnungslosigkeit wie der Trotzdem-notwendigkeit.

Ich wusste gar nicht, dass O.Viktor Eugen ein Kolleg abgetreten hat? und ein bezahltes? ich dachte, es wäre alles unbezahlt. 300 Hörer! – ich bin aber trotzdem für Landerziehungsheim. Du doch auch?

Sie schliessen. Ich auch. Ich auch?

– nein!

Dein.

8.II.[19]

Liebe, heut nach Tisch war ich also bei Ditha. Ich war mit klopfendem Herzen hingegangen und in einer unsinnigen Erregung, aber es war doch sehr gut und notwendig, über Erwarten. Also sie hatte es doch erwartet, dass ich etwas sagen würde und es dann nur auf meine abenteuerliche Freundschaft zu euch geschoben, dass ich es nicht tat. Ich kann dir nicht mehr genau sagen, was wir sprachen; ich sprach nämlich nicht mehr als sie; Schmeie Tinkeles – wie komme ich nur auf den Namen – spielte eine grosse Rolle darin. Aber ich weiss das Einzelne nicht mehr. Dir wäre es auch nichts Neues. Aber das ist es ja: ihr war alles, aber auch alles neu. Und das darf doch nicht sein. Es handelt sich ja nicht um eine Heidin. Der würde man natürlich nicht mehr noch nachträglich ein bischen Heidentum anwünschen, sondern müsste froh sein, wenn es ihr erspart geblieben wäre; denn soviel wie sie zum Christwerden braucht, hätte sie auf jeden Fall in sich, wie jeder Mensch. Aber hier handelt es sich um eine nähere Berufung, die ihr nur noch nicht zu Ohren gekommen war. Eugen selbst hat in dem Brief vom Ende November, den sie mir zum Schluss zu lesen gab, ja etwas Änliches empfunden, aber doch zu formell, wie es ja bei seiner Unkenntnis des Judentums gar nicht anders möglich gewesen ist. Denn ein solcher Besuch beim Rabbiner hätte noch weniger zu bedeuten als ein Besuch beim Pfarrer, weil das Judentum nicht in Worten liegt und auch nicht in Worte zu fassen ist; man muss es sehen; hat man es gesehen, dann versteht man auch die Worte (ich konnte ihr auch nicht sagen: Lesen Sie mal das oder das. Im Gegenteil, ich musste sie warnen vor dem Lesen. Denn das was auf mich den Eindruck macht, weil ich dabei etwas sehe, macht ihr vielleicht gar keinen). Aber ausserdem was wäre ein solcher Besuch, selbst wenn der Rabbiner irgendwie Vertreter des Judentums wäre in dem Sinn wie der Priester Vertreter der Kirche ist, was wäre ein solcher Besuch, der nur in der Absicht geschieht, diese Brücke hinter sich abzubrechen. Eine künstliche Selbsttäuschung. Es ehrt sie, dass sie dieses billige Erkaufen eines guten Gewissens verschmäht hat. Eugen schreibt, dieser erste Schritt sei der leichteste und äusserlichste, oder so ähnlich (im Gegensatz zu dem dann folgenden zweiten und dritten: protest., kathol.). Und das ist eben nicht wahr. So wie der Abgrund zwischen Jud. u. Chr.tum ein Abgrund ist und der zwischen Kath. und Prot. eben doch nur ein Graben, so ist jener “erste Schritt” der schwerste und innerlichste, oder sollte es wenigstens sein, wenn er gemacht würde (sollte, vom christlichen Standpunkt aus) und wird, wenn er das ist, deshalb dann – nicht gemacht werden (sage ich vom jüdischen Standpunkt aus). Über Geschehenes denke ich anders. Den Bruch einer solchen Rückwärtsrevision in ein Leben bringen, darf man nur wenn man die Pflege dieses Menschen für das ganze Leben übernehmen will und kann. Aber hier wo noch nichts entschieden ist im Bewusstsein und das Unbewusste, die Berufung, da ist es ganz etwas andres. Das muss auch Eugen sehen, zumal es ja nur eine Ausführung dessen ist, was er, allzu offiziell, mit einem Besuch beim Rabbiner (wohl als dem Vorsteher des grossherzoglich badischen Konsistoriums der Israeliten, rheinbündischen Ursprungs – etwas andres wüsste ich nicht) erledigen wollte.

Schwer ist es und bleibt es, und ich habe ihr nichts vorgemacht. Aber ihr andrerseits auch gesagt, dass ich glaube, wer sucht, der müsse da auch finden; nur einen Weg ihr sagen kann ich nicht; sie muss selber suchen; ich konnte ihr nicht sagen, wo, nur was; nämlich nicht etwas was ihr gefällt oder nicht gefällt, sondern nach etwas, was sie – ist. Das ist ja eben der Unterschied. Seht, wenn der Heide Christ werden will und sucht und findet etwas, was er ist, so wäre er sicher auf dem Holzweg. Wenn aber der Jude Jude werden will und findet etwas, was er ist, so ist das Zeichen, dass er schon – am Ziel ist.

Liebes Gritli, ich war nachher sehr froh, dass ich es getan habe; noch gestern, das zweite Mal (das erste Mal als ich anrief, vorgestern war sie nicht da) bin ich gradezu zähneklappernd in der Telefonzelle gestanden. Und es kann nicht schlecht sein. Am Montag bin ich wieder mit ihr zusammen. Es musste sein.

Ich war bei J.Cohn; es war ein Dichter Lübbe da den ich nicht kannte, still und nett, mit seiner Frau; er übersetzt Dante, ist schon im Paradiso; grade das erfuhr ich leider erst als er schon fort war. Es war sehr hübsch, aber vielleicht kam es mir auch nur so vor, ich war so von innem heraus froh, nach der Spannung dieser Tage seit Mittwoch Abend wie befreit.

Dazu zwischen hinein auf dem Weg nach Güntherstal fand ich auch noch deinen Brief. Ich zähle auch schon die Wochen, bis ich nach Leipzig komme; es ist nämlich wirklich nicht mehr so lang. Ende Februar bin ich wohl sicher in Berlin. Da wird nämlich Schocken da sein und das Werbebüro organisieren. Das sind doch bloss 3 Wochen; es kommt mir kürzer vor als die 1 1/2 die vergangen sind. Und vorher kommt noch der kleine Vorbote, auf den du neugierig sein sollst, aber du bist ja gar nicht zur Neugier angelegt, – Herr Mündel macht Feierabend. Nur rasch noch – Dein Franz.

9.II.[19]

Liebes Gritli, in der Zeitung lese ich eben die Todesanzeige von Gredas Mutter; ich sitze nämlich in einem Wirtshaus zwischen Herrn Mündel und Loofs. – Im * bin ich jetzt bei den beiden tümern, mit dem Chr. fertig, morgen kommt das Jud. Es geht ihnen beiden schlecht, etwas wie den Oberländerschen Löwen, die sich gegenseitig auffrassen bis nur noch zwei Schwanzquasten auf dem Wüstensand lagen. Was dann danach kommt, ist mir wirklich noch etwas saharahaft; wahrscheinlich eine letzte Aufnahme von dem sehr Wichtigen was vorherging, etwas ins Naturphilosophische gewendet aus dem Logischen. Diese Schlussbogen schreiben sich mit einem sonderbaren Gefühl des Abschiednehmens; bei einzelnen Gedanken muss ich denken: das ist nun das letzte Mal, dass du vorkommst. Denn es kommen ja alle Gedanken fortwährend vor durch das ganze Buch. Es ist wohl überhaupt eine Art System, die es noch gar nie gegeben hat, dass so alles vorkommt aber unter Sprengung all der gewohnten Paragrafen, unter denen es vorzukommen hätte. Es müsste kein Vergnügen sein, so etwas zu rezensieren. Denn “Religionsphilosophie” ist es doch wahrhaftig auch nicht. –

Ich glaube wirklich, III 3 wird besser als III 1 u. 2. –

Liebe, du schreibst in deinem gestrigen Brief, an dem ich, mangels eines neueren, noch zehre, du hättest einen Faible für ältre Herrn die noch jung sind. Ich glaube, sogar für junge, die zu solchen älteren Hoffnung geben. Ich habe bei jungen Mädchen übrigens immer ein ganz bestimmtes Vorgefühl, was für alte Damen sie einmal geben werden. So ist mir bei Mutter schon lange, längst vor ihrer Katastrophe, klar gewesen, dass sie keine “feine alte Frau” werden würde. Es ist übrigens etwas Generationssache; aus der jüngeren Generation – ich meine schon unsre – wird eine ganze Menge kommen. Es ist eine sonderbare Sache ums Altwerden. Vorläufig wollen wir sein wie wir sind und jeden Tag nur um einen Tag älter. – Mir ist so schwätzig, als ob wir nah beieinander sässen. Leb wohl, Liebste, bis morgen nachmittag.

10.II.[19]

Liebes Gritli, der Montag ist ein guter Tag, mit zwei Briefen, aber es war auch gut, dass nachmittags noch der zweite kam. Der erste, des Morgens, hatte mich so irrsinnig sehnsüchtig gemacht, dass ich kaum schreiben konnte, ich rannte immerfort nur im Zimmer herum, wodurch aber die Entfernung nach Leipzig nicht geringer wurde. Ist es mir denn nur so, als ob noch nie das Fernsein so unerträglich, so vom ersten Augenblick an unerträglich gewesen wäre. Wenn ich dich jetzt herbeschwören könnte – o Gritli, es ist gut dass ich es nicht kann. Bis in drei Wochen müssen wir uns sehen, ich werde einfach schon über Leipzig hinreisen, sonst ist es ja wieder eine Woche länger.

Ich habe keine Lust mehr, dir zu schreiben – warum bist du nicht da, warum kann ich nicht sprechen. Ich war bei Loofsens gestern; es sind zwei reizende Töchterchen da, von 2 1/2 und 3/4 Jahren. Die Frau ist wirklich etwas Besonderes. Sie war in der Mission in Egypten. Ich habe die Vorstellung, als ob sie dann an Stelle der Ägypter sich ihren Mann zum Missionsobjekt genommen hätte und als ob noch immer ein grosses ihr noch unereichtes Gelände in ihm wäre; und sie trüge das mit einer himmlischen Geduld und Hoffnung. Vielleicht ist das etwas Phantasie, aber es schien mir so durchzuschimmern. Es war überhaupt ein recht hübscher Abend; er ist sicher etwas geworden, ohne dass ich ihm schon wirklich nah stehen könnte, ihr eher.

Jetzt gleich gehe ich wieder zu Ditha. Es ist eine schlechte “Vorbereitung”, dass ich heut morgen grad die Beschimpfung des Judentums geschrieben habe. Bei unsrer langen Briefentfernung ist es ja beinahe wie in Mazedonien und man muss die gleichzeitig geschriebenen Briefe für Antworten aufeinander nehmen. So deiner vom Donnerstag und meiner. Dithas Idee mit dem Landerziehungsheim ist wirklich eine; hat Eugen vielleicht irgend einen Bekannten, der darin steht? Dass er in dem “besinnungslosen Tanz” um das, noch nicht mal goldne, Kalb der Wissenschaft je eine annehmbare Figur abgeben könnte, glaube ich auch weniger und weniger. Und dann schreibst du grade vom Münster und mir und dir, die immer nur – ich und du sein können, und keine wir. Liebes Gritli, ist es nicht besser? ich will dir gestehn, es war mir manchmal ein guter und stillender Gedanke, dass uns dies immer getrennt hätte, jenseits aller Zufälligkeiten des sich Begegnens. Ich war ordentlich dankbar dafür. Ich kann nicht mehr darüber schreiben.

Und für den Brief neulich würde ich keinen geheimsten Grund suchen, der offene reicht aus. Sieh, dass wir nicht “wir” sein dürfen, das ist keine Geheimnis, es ist so offenbar, dass es jeder sehen könnte; aber dass wir Ich und Du, Du und Ich sind, dass wir es werden konnten, werden durften und – o du Geliebte – bleiben werden, Du mir Du und Ich dir Ich – das ist ein Geheimnis, an dem ich raten würde, solange ich lebe, wenn ich nicht lieber das Raten aufgäbe und das Geheimnis nähme als das was es ist: als ein Wunder für das ich nur danken kann.

Dein Dein – geliebte Seele –

11.II.[19]

Liebes, ein kurzes Wort doch noch; es ist spät geworden und gleich kommt Beckerath. Bei Ditha heut und gestern, jedesmal nur kurz, – es ist schwer für sie und für mich; aber morgen, wo es doch vielleicht das letzte Mal ist, werde ich mir einen Ruck geben und ihr einfach ein bischen vordozieren, gestern und heute das war blosse Zustandsanalyse: so geht es mir, so ist es mir gegangen und so. Sie hat starke und eigentümliche Widerstände gegen Eugen, die es mir grade schwer mit ihr machen; denn ich könnte leichter mit ihr sprechen, wenn ich Eugen bei ihr so voraussetzen könnte wie bei mir. Gegen das Katholische sträubt sie sich überhaupt. Wir waren eben bei Krebs im Kolleg, persönlich fein (etwas mehr “fein” als ich erwartet hatte, und insofern unter meiner Erwartung), als Kolleg sehr gut, aber ganz ausgesprochenermassen nur sehr gut, nicht mehr. Genau wie der Philalethes[?])sche Kommentar.

Ich schreibe jetzt die Schlusspartien von III 3. Heut habe ich dem Judentum wieder Eiei gemacht, das war sehr schön. Ich habe dir ja heut das “Ding” geschickt. Es ist grade das was ich vorgestern oder vorvorgestern geschrieben habe. Ich habe es einmal ausprobiert. Es geht von mir zu dir – und so habe ich heut keine Sehnsucht, es ist als ob wirklich etwas von mir zu dir käme ud du nimmst es in die Hand und es ist –

Dein

12.II.[19]

Liebes Gritli, ich bin greulich verschnupft (heute vor einem Jahr war mein Urlaub ja eigentlich zu Ende!), also ich bin so verschnupft, dass ich wahrscheinlich gar nicht in Säckingen anfrage, ob ich kommen darf; es ist ja auch schon etwas spät geworden; erst morgen früh werde ich wohl mit III 3 fertig, es wird so lang fast wie III 2 . Vom * ist doch darin die Rede aber in kurioser Weise, so dass der Leser nie recht weiss: ists bloss Gleichnis oder die wirkliche Figur. So dass ganz ausdrücklich von der Figur doch erst in “Tor” gehandelt wird. Morgen muss ich dann III 3 auch noch ganz durchlesen, um es Mündel zum Lesen zu geben, falls ich doch Freitag noch auf zwei Tage nach S. fahre. Es wäre ja schade, wenn nicht. Aber wenn ich noch nicht mal vorlesen könnte – so wäre ich doch zu wenig existenzberechtigt. Es war mir ganz recht, dass mir Ditha für heute absagte, so habe ich viel schreiben können und bin nun schon an dem kurzen naturphilosophischen Schluss. Das Buch ist doch das tiefsinnigste des Ganzen geworden, so tiefsinnig dass ich es selber nicht recht verstehe oder genauer: dass ich nachher wieder genau so schwummerig dazu stehe wie vor dem Schreiben. Es handelt ja von dem, was dir Rudi damals schrieb: vom Geborensein, vom Sichvorfinden als der Höhe der Tatsächlichkeit. (Auch die Wiedergeburt ist etwas Vorgefundenes; grade heut schreibst du selbst etwas in diesem Sinn und exemplifizierst auf Schweitzers Kongoentschluss). Dabei wird nun alles Vorhergegegangene rekapituliert, vor allem Gott Welt Mensch. So ist es ein richtiges Schlussbuch geworden. Wie ich Mittags grad daran schreibe, kommt “eine Dame” herauf und will in mein Zimmer; es war aber noch unaufgeräumt, so brachte ich sie wieder herunter und setzte mich mit ihr in den grossen Raum. Es war nämlich “Tante Paula”. Sie wollte, ich sollte abends mit ihr in einen Vortrag über die Offenbarung Joh. gehen; mit Ditha gehen habe keinen Zweck, die verstehe nichts davon, so könne sie mit ihr nicht darüber sprechen. Ich konnte ja aber glücklicherweise nicht, wegen Mündel. So erzählte sie es mir so. Das war nun doch erschreckend. Der Ton und der Blick – ich hatte es mir doch nicht so vorgestellt. Sie brannte in einer Glut, die ich und wir alle vielleicht nicht das Recht haben krankhaft zu nennen, die aber jeder dritte doch so nennen müsste. Weisst du eigentlich die Rolle, die die Off.J. bei ihr spielt. Das neue Jerusalem, so hoch wie breit und lang also ein “Würfel”, aber mit 12 Toren je aus einer Perle, also kein Würfel, sondern eine – Kugel. Und nun Tableau. Sie hat sich das ganze Buch zusammenhängend gedeutet. Hätte sie nicht die naturalistischen Angelesenheiten, so wäre sie einfach jüdisch oder christlich. Es ist etwas Unheimliches um das Blut. Aber sie war überhaupt unheimlich; sie selbst. Man musste sich fragen, ob man genau so ist, mindestens genau so wirkt. Aber dass sie auf mich so wirkt, wo ich doch ihren Gedanken folgen kann, ist das eigentlich Unheimliche. Es fehlt irgendwie der Beisatz von Gewöhlichem, Selbstverständlichem, der jeden extremen Gedankengang erst lebendig macht; dies ist ja alles, als ob sie selber es gar nicht spräche. Vielleicht sollte sie hier doch einfach an der Universität hören, um etwas Entspannung zu haben; so ist sie mit ihrem Dämon so greulich allein. Ich war erschlagen als sie ging. Ich hatte ihr klar zu machen gesucht, dass ihr “heiliges Urganzes” nicht der liebe Gott ist, sondern bloss die Welt. Es gelang mir aber nicht. Abends vor Mündel war ich beim hiesigen Rabbiner, Eva S. hatte nämlich geschrieben, ich möchte ihnen doch schreiben, wie es würde. Der Sitte entspricht es also ganz und gar nicht, dass jemand, der das jüdische Eherecht nicht beherrscht, traut, aber ungültig wird die Trauung nicht dadurch. Es ist also ungefähr, wie ich mir dachte; die Versuchung mich zu drücken trat nochmal sehr stark an mich heran (auch Evas Brief war nicht so dringlich gewesen) aber ich will die Gelegenheit nicht benutzen und wills tun. Aber der Rabbiner! Das wäre allerdings Eugens Mann gewesen! Fürs Katholische muss Muth den Allerausgesuchtesten verschreiben, denn es kommt so unendlich, ja es “kommt alles auf die Menschen an”, durch die man eingeführt wird, aber zur Vorbereitung des Fusstritts, mit dem man das Jüdische abstösst, genügt irgend ein “bestellter Vertreter der Synagoge”. Nein, da muss die Synagoge doch lieber auf die Ehre dieses Fusstritts verzichten. Mit der blossen Erfüllung der Form ist eine Sache wirklich nicht erledigt. Weisst du, es war kein ganz greulicher, nur eben ein junger, ganz uneindrücklicher, so mittelmässiger. Ich bin gespannt und erwartungsvoll auf morgen mit ihr, – ich weiss nicht warum.

Auf Wilamowitzens Plato sind wir also fast gleichzeitig gelaufen. Die Frauen haben natürlich recht; er ist ein unausgebrütetes Küken.

Der Brief ist lang und mir ist als ob ich noch irgend was vergessen hätte. Aber was sollte es sein? An dich denke ich immer, und alles was man vergessen könnte, ist ja nur “etwas”, ist nicht – Du.

Ich bin Dein.

13.II.[19]

Liebe, also ich fahre morgen nach Säckingen und Montag Mittag zurück, Dienstag früh dann fort von hier und Mittwoch oder spätestens Donnerstag Abend in Kassel. Sonntag dann der Vortrag, dann wohl Ende Februar – über Leipzig oder dicht an Leipzig vorbei – nach Berlin. Weiter brauche ich nun nicht zu denken; schon die beiden letzten Worte waren zu viel. Ich bin mit III 3 heut früh fertig geworden, war zufrieden; dann beim Wiederlesen des Ganzen ganz unzufrieden; die zweite Hälfte steht mir noch heut Abend bevor, und ich habe nun Angst. Bei Ditha war ich eben, erst schien es grade nicht so zu werden wie ich mir gedacht hatte; dann fragte sie aber direkt und holte mich aus, sodass es nun genau so wurde wie ich gedacht hatte; sie hatte also das selbe Bedürfnis für heute gahabt wie ich. Ich habe ihr gesagt, sie soll hebräisch lernen; das ist ja das Einzige, was man in ihrer Lage mit Bewusstsein tun kann.

Ein zweischneidiges Schwert überdies, wenn sie es alleine macht; aber auf jeden Fall ein soliderer “Schritt” als der “Besuch beim bestellten Synagogendiener”. Ich muss morgen doch nochmal zu Trömer, da will ich sehen, ob er noch die kleine Stracksche[?] Grammatik hat und sie ihr zur Revanche für die vielen Thees, Brötchen und Gebäcks hinterlassen. – Abends kam Thea und übernachtet bei ihr. – Du hast nie über Eugens Kolleg geschrieben, ich meine, ob er gut zu lesen glaubt oder was er etwa darüber gehört hat. – Ich schicke den Brief Eil, damit du ihn Sonntag kriegst, es ist ja nichts drin, aber es ist doch das Papier, das braune, und schliesslich sind ja alle Briefe nicht mehr als Papier und nur ein einziger Ersatz für das einzige

“Dein” – nein kein Ersatz, aber eine Hülle.

Hüll dich hinein.

14.II.[19]

Liebe Seele, ich bin in Säckingen, aber ich bin getrennter von dir als in Freiburg, wenigstens ich fühle es stärker; du müsstest ja hier sein und bist nicht da. Marthi trug heute die Haare hoch, da musste ich sie immer ansehen, weil sie dir manchmal auf Augenblicke (dir auf Augenblicke) glich. Aber ich wusste immer nur wieder: du warst es nicht. Es mag auch daran liegen, dass ich wieder in Marlieses Zimmer wohne und oben war dein Schreibtisch zu, als ich einmal heraufwischte; ich fasste mir aber ein Herz und fragte deine Mutter nach dem Schlüssel und da sah ich, dass sie doch erwartet hatte, ich würde hinaufgehn, denn sie sagte, sie hätte oben auch heizen lassen. Ich hätte auch hier unten glaube ich “Tor” nicht schreiben mögen, wenn oben der Schreibtisch gestanden hätte und wäre mir zu gewesen. Das kleine Verzichten ist ja soviel schwerer als das grosse. Hast du das nicht auch schon gemerkt? aber was frage ich —

Dabei fuhr mit demselben Zug wie ich dein Brief hierher an deine Eltern, auf den sie schon gewartet hatten und über deren Verzögerung deine Mutter auf dem Weg von der Bahn her mir klagte. Und so warst du ja doch da, aber doch so für alle, ich hätte gern mit dir allein beiseite gehn mögen, in irgend einen Winkel. Warum muss ich dich so lieben – .

Die Zwillinge sangen zu verstimmten Lauten, es war aber doch sehr schön, dann zum Klavier der Mutter. Deinem Vater gehts doch wieder recht gut. Ich las den I.Akt der Meistersinger. Nun will ich noch am Rest von III 3 korrigieren, ich wurde nicht mehr ganz fertig damit. Und vielleicht kommst du dann, wenn ich zu Bett bin, noch einmal rein zu mir und sagst mir gute Nacht.

Liebes liebes —–

15.II.[19]

Liebes Gritli guten Morgen! Nun sitze ich doch an deinem Schreibtisch; ich hatte ja ganz vergessen, dass du selber mir gezeigt hattest, wo du den Schlüssel hinlegtest. Aber die Bücher hier! Ob ich zum Schreiben komme? Heut früh habe ich erst die Lutherpostille entdeckt, 1581 gedruckt, 1740 – 1780 Familienchronik, dann durch Einheften zweier klassizistischer Stücke reinsten Heidentums auf die Höhe der Zeit von 1800 gebracht, und endlich beginnt mit “Weimar 9.Juli 1917” der Rückweg. Wirklich der Rückweg? – Aber ich will nun anfangen mit Schreiben.

Es ist ja noch ein kleiner goldener Siegellackklex auf dem grünen Wachstuch! guten Tag Gritli!

15.II.[19]

Geliebtes, es ist wieder Abend, ich habe die Meistersinger heut zu Ende vorgelesen; ich habe viel am Tor geschrieben, 8 Spalten, und bin herzlich unzufrieden damit, wie auch mit III 3 jetzt beim Wiederlesen; alle sind reizend zu mir, und du siehst schon an dem blödsinnigen Wort, das mir da eben aus der Feder kam, dass es mir gar nicht “reizend” zumute ist. Ich hätte nicht hierher gehn sollen. Ende November war es etwas andres, da war es Ouvertüre und dann fuhr ich zu dir, gleich darauf. Diesmal müsstest du überall sein und bist nicht da. Aber es sind doch wohl höchstens noch 14 Tage. Und morgen früh, morgen früh kommt nachgesandte Post aus Freiburg und du du – du. Komm – ich bin unfähig dir noch zu schreiben. Ich studiere immer in Marthis Gesicht herum und wenn ich gefunden habe was ich suche bin ich erst recht unzufrieden. Sieh, ich liebe ja dein Gesicht gar nicht, ich liebe dich, dich, Dich. Was hilfts mir, wenn ich wirklich nun für Augenblicke in Marthis Gesicht deins entdecke.

Manchmal meine ich, du könntest mich gar nicht lieben wie ich dich, aber das ist ja Unsinn, du kannst es besser und ich bin noch arm gegen dich. O liebe mich. Ich küsse deine Fingerspitzen.

Verzeih ich kann dir nicht schreiben heute Abend. Ich bin zu sehr —

Dein

16.II.19

Liebes Gritli, es ist 12 geworden, ich habe den ganzen Hamlet vorgelesen. Und es kamen zwei Briefe von dir, nach Tisch. Und ich habe Tor fertig. Ich hätte immer gedacht, dies Fertigwerden des * würde mir ein Telegramm an euch wert sein. Aber wie es dann heute kam, war es mir gar nicht zum Telegrafieren. Es gefiel mir nicht genug. Zwar habe ich dann noch allerlei gebessert und morgen vormittag wohl noch allerlei. Aber die richtige erlöste Fertigstimmung ist nicht da. Es kommt aber auch nicht etwa daher, dass ich nun traurig wäre, dass dieser Logierbesuch nun abreist; sondern es war eben wirklich bei diesem ganzen III.Teil schon nicht mehr das Rechte. Beim I. und II.Teil schrieb ich ja im Gefühl, für die Dauer zu schreiben; jetzt habe ich das Gefühl nicht mehr. Vielleicht irre ich mich ja. Aber ich habe z.B. keine Lust dir den Schluss abzuschreiben, obwohl es doch in den April dauern kann, bis ich Mündels Abschrift habe. – Du schreibst, es würde Ditha schwer werden über diesen Schatten zu springen. Sie selbst sagte mir (nach dem ersten Mal), es sei ihr als wäre ihr ein Klotz in den Weg gerückt und sie wüsste noch nicht was daraus werden sollte. Ich sagte ihr, wenn sie ihn umginge, so würde er mit jedem Umgehen etwas kleiner und zuletzt wäre er nicht mehr da; wenn sie aber ihn zu überspringen versuchte, so würde er mit jedem Sprung höher wachsen, obwohl sie immer höher springen würde, bis er zuletzt in den Himmel reichte und nicht mehr zum Überspringen auffordere. (D.h. so ausführlich ists ein Treppenwitz; ihr selbst sagte ich bloss: sie sollte versuchen ihn zu überspringen und ich könnte versichern, er würde dann jedesmal höher wachsen). – Ich habe hier wegen Landschule gefragt, aber deine Eltern haben keine Beziehungen zu einer. Examina? entweder sie werden nicht verlangt, oder sie werden – gemacht; das kostet ihn weniger Mühe als eine Kollegstunde. Aber erst muss ein Direktor da sein, der ihn will. Denn zum selber Gründen und Leiten bist – du nicht tüchtig genug. (Übereinstimmender Befund von “Tante Clara” und mir). – Ich habe unendlich bei dir geschmökert wieder, eigentlich freilich immer nur nach den Inschriften und Jahreszahlen gesucht. – Auf H.E.Meyers Viluspa bin ich geraten, offenbar einen Ragorzykauf, und nehme es mit; ich muss dazu freilich erst mein bischen altnordisch wieder auffrischen, aber das ist bald geschehn und ich komme ja nun wieder zum Lesen. Schon auf der Reise hierher hatte ich mich eigentlich so jenseits des * gefühlt (vielleicht ist dadurch dann Tor misslungen), dass ich mit Sanskrit angefangen habe (ich habe eine Grammatik mit lateinischer Schrift gekauft, darin wird es leicht gehen, du kannst das Beckerath sagen). Die zwei Tage Berlin sind mir noch etwas unwahrscheinlich. Bradt wird mich dort gewaltig beonkeln, wahrscheinlich muss ich sogar bei ihm wohnen. Aber vor allem, ich will nicht mehr so lang warten und entweder fahre ich über Leipzg hin oder wir treffen uns z.B. in Wittenberg, das ist ein merkwürdiger alter Ort und genug für einen Tag. Auch könnte es vor Michels eine Hamsterfahrt sein oder – das gälte auch für Berlin: – ein Rendevous mit Greda. In Wittenberg bin ich mal einen halben Tag gewesen, der Bahnhof liegt weit vor der Stadt und es ist auf der Hauptstrecke, sowohl von Leipzig wie von Kassel aus. Denk, es sind nur noch 14 Tage, etwas weniger oder etwas mehr, wie gleichgültig ist das. Berlin würde dann immer noch gehn. Wie lang mich Bradt da halten will, weiss ich nicht, aber für mich ist der Terminus ad quam durch euren Weggang von Leipzig gegeben. Wieso steht das nun fest? Bloss wegen der Wohnungsnot? oder ist Jacobi (grüss ihn) einverstanden? Hier ist es freilich schöner.

Ob du dich verändert hast zwischen den beiden Daten die im I. Band deiner Karamasoff stehen? Ich habe doch jetzt gelernt, dass du dich überhaupt nicht verändert hast, und habe dich lieben gelernt mit 3 und 12 und 17 Jahren wie heute. Ich weiss wirklich manchmal nicht an welches Gritli ich denke und welche ich eigentlich in die Arme nehme. Wozu übrigens wenig passt, dass ich deine Kinderlocke, die ich in einem Couvert in der Brieftasche trug, jetzt vor der Abreise aus Kassel beim Entleeren dieser Brieftasche höchst wahrscheinlich mit dem Couvert zusammen, dass ich für leer hielt weggeschmissen habe. Aber es ist doch so. Ich weiss nicht mehr wie alt du bist, kaum wie du aussiehst, aber ich will es auch kaum mehr wissen. Ich will nichts mehr von dir wissen und haben als Dich und mein Deinseindürfen.

Du —

Dein.

17.II.[19]

Liebes Gritli,

es ist ja doch einfach schön, ich habe es eben nochmal durchgelesen. Ich werde es jetzt von Mündel nur lesen lassen und dann mitnehmen und ihm erst schicken, wenn ichs dir vorgelesen habe.

Ich versäumte nämlich heut Mittag den Zug, sodass ich nun noch bis morgen früh hierbleibe. Es war auch insofern gut als ich deiner Mutter grade den Schlussakt des Faust II angefangen hatte vorzulesen und nicht fertig geworden war. Mit ihr war ich überhaupt gut zusammen. Heut Abend gingen die Zwillinge früh zu Bett; ich versuchte, um die Abwesenheit der “Kinder” auszunutzen, Heine vorzulesen, es ging aber nicht, trotz Beckerath, – es war mir widerwärtig. Ohne dass mir dadurch die Erinnerung an Emils Heinelesen verdorben wäre, aber ich kann es nicht von ihm trennen; ein unmittelbares Verhältnis zu ihm habe ich nicht und kriege es auch nicht. Nun ist es wieder bald Mitternacht. Ich sitze nocheinmal an deinem Schreibtisch, den ich heut vormittag schon zugeschlossen hatte. Jetzt will ich ihn wirklich zumachen, mitsamt dem Goldklexchen. Sag ihm einen Gruss von mir, wenn du den Tisch wieder aufklappst.

Gute Nacht, Liebes Liebes. Ich habe dich lieb.

18.II.[19]

Liebes Gritli, ich hatte mich auf den ersten gesiegelten Brief gefreut und da ist er nun. Bei Ditha war ich also nochmal. Ich weiss nicht – es ist doch sehr hoffnungslos, wo alle Fäden des Bewusstseins so sauber durchschnitten sind. Das Unbewusste allein tuts eben nicht. Weisst du, sie hat nun, merkwürdig stark, das Gefühl, sich darum kümmern zu müssen, aber ebenso stark – nicht die mindeste Lust dazu. Wäre ich in Freiburg, so würde ich ihr die wohl allmählich machen können. Aber so – sie wird schliesslich doch einfach aus Selbsterhaltungstrieb den “Klotz” umgehen.

Das Unbewusste allein tuts nicht – ich habe es gestern gemerkt, daran wie rasend zuwider mir Heine war. Ich habe die Kühnheit gehabt, die “Disputation” zu lesen (die ich dir zeigte). Leise geht es, aber laut ist es nurgemein. Ich wollte “vorurteilslos” sein, aber man ist nicht dazu da, vorurteilslos zu sein. Ich kam mir noch am Morgen beim Aufwachen beschmutzt vor und hatte das Gefühl mich bei deiner Mutter entschuldigen zu müssen, – was ich auch tat. – Bei dem Hamlet vorgestern hättet ihr dabei sein sollen, das war etwas Besonderes. Eugens Tieckfrage stehe ich übrigens noch genau so dumm gegenüber wie vorher; man braucht sich aber auch gar nicht unbedingt darüber klar zu sein. Die Schlegelsche Übersetzung ist ein rechtes Wunder. Sie ist viel Shakespearescher als Voss homerisch.

Warum Eugens Schwestern – ich meinte bloss Ditha; da war es wirklich nur das “Katholische”, (zu meinem eignen Erstaunen, weil ich mir eingeredet hatte, sie liefe grade darauf; ich hatte es mir ja überhaupt z.T. falsch vorgestellt). Bei Käthe ist es wohl ihre Selbstherrlichkeit, die sie sich gegen ihn zu behaupten trieb. Auch deine Mutter klagte über dies Tyrannische an ihr. Deine Mutter aber überhaupt – aber ich schrieb und sprach dir ja von ihr schon. Es war diesmal noch besser wie im November, weil es mehr beiderseitig war.

Das Säckinger Zimmer habe ich dir nun doch ein paar Tage ähnlich vollgewohnt, wie du mir mein grünes. Es hatte es freilich zum Unterschied von meinem nicht mehr nötig, es war ja schon gut durchgewohnt, und ich konnte bloss meinen Beitrag Bewohnung dazutun.

Bei Mündel bin ich nun auch fertig. Diese Fertigs machen mir wider Erwarten alle keinen Eindruck. Dieser ganze Abschluss des * fällt bei mir einfach ins Wasser, während ich den Anfang doch stark empfand. Es kann doch nicht bloss daran liegen, dass der III.Teil abfiele; schlechter als der Ite ist er ja sicher nicht und über den macht mir Hans immer weiter Elogen. Sondern es wird wohl dasselbe sein, weswegen ich ihm auch den – musikalisch zu reden – Halbschluss gegeben habe (wie wenn man auf der Terz über dem Grundton schliesst), dies offne Ende. Dass ich ihn anfing, war als Anfang wichtig; dass ich ihn abschloss, ist als Ende ganz unwichtig, und als Anfang – ists ja nur ein Wort. – Ich habe ihn Mündel wieder weggenommen, so wirst du ihn zu lesen kriegen. Wo? wann? Aber es kann ja nicht mehr lange dauern.

Gritli —– Dein.

20.II.[19]

Liebes Gritli, gestern fuhr ich also über Heidelberg; mittags war ich da und ging aufs Häuschen, dann kamen Hans und Else aus dem Kolleg. Ich blieb bis heut früh um 5 da. Hans las mir aus seinen neuen Sachen vor, er hat ja drei gleichzeitig in der Arbeit “Tragödie und Kreuz” (in Vorlesungsform, wird ca 15 Bogen stark), das Ketzerchristentum (ca 4 Bogen), soll beides im März fertig werden. Ausserdem schreibt er an “Grösse und Untergang des idealistischen Systems”, das ist auf 3 Jahre veranschlagt und ich kriege es gewidmet. Es ist so schade ums Häuschen, dieser Blick über die Dächer könnte mich sogar mit Elses Anwesenheit versöhnen. Hingegen nicht mit Philipsens. Ich ging abends zu ihm, nachher er mit zu uns, sodass ich von 9-1 mit ihm zusammen war. Du weisst ja, dass ich mir einredete, ich könnte ihn jetzt tragen. Ich hatte ihn wirklich im Ernst jetzt oft in Briefen an Hans grüssen lassen. Aber es ging doch nicht. Es war wieder jene komplette Unverträglichkeit, wo es einem fast noch unangenehmer ist, wenn der andre etwas sagt, was einem gefällt als wenn er auch inhaltlich Zuwideres spricht. Ich glaube ihm einfach kein Wort, und je ernsthafter er spricht, um so weniger. Die 5 1/2 Jahre die wir uns nicht gesehn haben, haben es also nur verschlimmert; und ich war recht enttäuscht, weil ich das Gegenteil so fest erwartet hatte. Monna, jetzt 11 Jahre, ist prachtvoll geblieben, immer noch etwas ganz Besonderes. Auch der Agamemnon soweit ich daraus hörte, scheint gelungen zu sein. Die Chrephoren [?] sind auch fertig. – Hans ist in einem tollen Durcheinander von allerlei Praxis, hält Wahlreden in den Dörfern und in Heidelberg, macht mit in der “Neuen Gemeinschaft”, einem undefinierbaren Verein für alle, die z.B. jetzt die Totenfeier für die Gefallenen der Universität weggeschnappt hat, und vor allem in der Volkskirche (was sagt Eugen zu dem kaltschnäuzigen Ton, mit dem Muth Max Fischer abfertigt?). Hans steckt jetzt also schon viel mehr unter Pfarrern als unter Professoren. Neulich in einer Wahlversammlung sprach erst Hans, dann ein etwas übergeschnappter ehemaliger Pfarrer, der begann: “Gelobt sei Jesus Christus! Nach dem israelitischen Professor..”; er hatte nämlich Hans, weil der viel von Gott aber gar nichts von Christus gesagt hatte, für einen frommen Juden gehalten! Heut früh kam ich nach Frankfurt, traf mich in der Universität mit Eva Sommer, nachher auch mit Putzi. Und Eva erklärte mir, sie habe inzwischen umgelernt, sehe jetzt, dass Heiraten keine Privatangelegenheit sei und da ich ihr selbst geschrieben hätte, mein Agieren sei gegen die Sitte, so wollten sie doch lieber den Rabbiner. Womit ich natürlich nur einverstanden sein konnte. Sie setzte mir das alles sogar mit einem gewissen erhitzten Pathos auseinander. Es spielt aber noch irgend was dahinter, was sie mir offenbar nicht gesagt hat. Mir ist ja nun eine Last von der Seele, auf jeden Fall. Sie haben mir auch geschrieben, weil sie ja nicht wusste, dass sie mich noch selber sehen würden. So hat sich diese ganze Sache zwischen …[Zeichnung Pfeil] Frankfurt und Frankfurt …[Zeichnung Pfeil] ausgesponnen und weiter auseinandergedreht.

Ich bin rechtschaffen müde von der durchschwätzten Nacht. Dabei bin ich schon tief im Sanskrit drin. Und heut abend also Kassel und Post von dir; es ist mir aber gar nicht sehr darum zu tun; ich komme gar nicht los von der Vorstellung, ich führe eigentlich gar nicht nach Kassel, sondern zu dir; und Kassel wäre nur eine Zwischenstation. Fast ist es ja auch so.

Ich will ein bischen schlafen. Einen ganz müden kleinen Kuss von

Deinem Franz.

Ich bin wieder aufgewacht, hinter Marburg. Das Gespräch mit Hans gestern war wieder das übliche; ich war aber besser gerüstet wie früher, weil ich ja wirklich die Notwendigkeit des “Bleibens in dem was einem gegeben ist” erst jetzt begreife, theoretisch begreife. Eigentlich bloss darum habe ich den * schreiben müssen und der neue Begriff der Wahrheit, in den es zuletzt ausläuft, ist wirklich meiner Weisheit letzter Schluss.

Hans meint zwar, dass er Philips jetzt wieder näher stünde als im Krieg. Aber in Wirklichkeit ist er ihm auch mit seinem friedlichen “Aktivismus” jetzt so fern.

21.II.[19]

Liebes Gritli, ich bin in Kassel, Freitag, es ist wirklich nur auf der Durchreise; ich weiss noch nicht wann, aber ich ertrage es nicht mehr lange, ich muss zu dir. Es waren zwei Briefe von dir da, gestern Abend, heut früh kam auch einer. Ich war mit Mutter und Jonas zusammen, und las die Briefe erst im Bett deswegen. Den mit dem Bild machte ich zuletzt auf, liebes Gritli ich bin schwach jetzt und konnte es nicht ertragen, ich war so müde, nun konnte ich lange nicht einschlafen, dies Bild ist zu viel für mich, ich steckte es gleich wieder ins Couvert, aber es war nun einmal da und guckte mich an, ich wollte es dir eigentlich zurückschicken, es ist soviel Wenn darin, soviel Unerfüllbares, schon viel Vergangenes. Ich meinte doch, deine Siebzehnjährigkeit zu lieben wie deine Fünfund-zwanzigjährigkeit, es ist aber nicht so, ich liebe sie schlechter, hemmungslos und verzweifelt. Kommt mit deiner Gegenwärtigkeit, komm und mach mich stille und lass mich wegsehn von Vergangenem und ganz bei dir sein, bei deiner Gegenwart, die mein ist, mein, und der ich gehöre, ganz ganz – o du unsagbar Geliebte, ich küsse deine Kniee, so nimm meinen Kopf zwischen deine geliebten Hände und zieh mich empor an dein Herz – höher ist nicht nötig, aber so hoch muss es sein, dass ich Ruhe finde von dir bei dir. O komm o nimm mich o liebe mich –

Warum denn noch Worte: es ist alles so sinnlos, ausser dem einen und das ist kein Wort. Wie sah es eigentlich voriges Jahr in diesen Tagen in uns aus? Aber was frage ich da.

Ich schicke dir den Brief wieder als Eilbrief. Überhaupt, und dann weil ich etwas hetzen muss: nämlich dass ihr nicht mehr in die Kirche geht, wo es schön war, sondern in die “zuständige”. Das ist wieder so ein “bestellter Synagogendiener”, diesmal mit der Spitze gegen den Protestantismus. Etwas krampfhaftes. Die Katholiken machen doch ihre Wallfahrten und suchen sich ihre Heiligen aus und folgen ihrem Herzen. Und nun macht man sich im Protestantismus künstlich aus der reinen Verwaltungseinteilung, die doch nur um derentwillen geschaffen ist, die zu gleichgültig oder zu herzensträge sind, zu wählen und auszusuchen, eine Art geistliches Verhängnis. Sowenig man etwa gebunden ist, alles nur im Text des Sonntags, der grade ist, zu suchen, sondern es gehört einem die ganze Schrift und die Perikope des Sonntags kommt zwar zu einem und steht auch bereit, dass man zu ihr kommt, aber es ist einem freigestellt, sich selber überall zu suchen was man braucht. Wie da im Kirchenjahr, so ists auch in der Stadt. Das Gegebene ist natürlich der Sprengel, wird man da aber abgestossen, so ists nicht bloss erlaubt, wo anders hin zu gehen, sondern gradezu ein Unrecht, wenn mans nicht tut und sich die Freiheit und Lebendigkeit, die von der Kirche, der protestantischen, selber geschenkt wird, tötet. Die Freiheit nämlich, selbst an die Schrift heranzugehn; und dies Selbstherangehn kann sich ja beim Kirchgehn nur darin äussern, dass man sich den Wortverwalter auswählt; wie man im Lesen blättern darf und soll, so darf und soll man zum Hören sich seinen Sprecher aussuchen, wenn man kann. Auch der Pfarrer selbst muss das wünschen, dass Leute kommen, die ihr Vertrauen und ihre Erwartung zu ihm geführt hat. Wenn das wirklich die Schwäche der prot. Kirche ist, dass da soviel vom Pfarrer abhängt (immer doch auch nur viel, nicht alles), so ist es eben auch die Stärke; und sich an seinen Sprengel gebunden halten, heisst der Schwäche den Zusammenhang mit ihrer Stärke nehmen und sie absichtlich zur reinen Schwäche machen. Und nur um jener Verteilung mit einer neuen Stärke willen durfte man jene Schwächung des Priesters zum Wortverwalter wagen, die der Protestantismus gewagt hat. Das Wort selber hat er schliesslich ebensowenig in die Gewalt des einzelnen Pfarreres getan, wie der Katholizismus das Sakrament. Nur für jene bunte Mannichfaltigkeit des ganzen um das Sakrament als die Aussenwerke herumliegenden kirchlichen Lebens, wo der katholische Einzelne sehr viel Wahlfreiheit hat, – für jene ganze visibile Lebendigkeit gab Luther seiner Kirche zum Ersatz die invisibile Eigenmenschlichkeit der vielen verschiedenen Wortverwalter.

Da hab ich euch einmal in die Kur gepfuscht. Aber schliesslich habe ich den berühmten § soundsoviel für mich, der vom Schutz berechtigter Interessen handelt. Und ich bin doch wirklich daran interessiert, dass du einen schönen Sonntag Morgen hast. Du weisst, – das besondere Glöckchen. Bitte bitte.

Es ist gut, dass das Suchen nach der Wohnung nun ein Ende hat, und – also bleibt ihr denn nun die Ferien da? oder geht nach Säckingen? Ich wüsste es auch wegen Berlin gern. Bei Bradt werde ich wohl nicht wohnen, Mutter meint es auch. Ich habe mir übrigens überlegt, ob Eugen nicht mal diskret mit Hänisch Rücksprache nimmt. Vielleicht doch sogar mit Wyneken selbst auch. Natürlich müsste es diskret sein, damit die Fakultät nicht Anstoss daran nimmt. Und dann bin ich froh, dass du wieder griechisch lesen wirst. Deine Entdeckung des “Schulmanns”, die ich als eigene vortrug, unterschrieb übrigens neulich Philips vollkommen. Ich habe ihm seine schon 8 Jahre alte Übersetzung des 1.Gesangs Odysse mitgenommen, die ich ja für einen genialen Wurf halte; ich wollte sie euch mitbringen. Lies drum doch bitte den 1.Gesang ganz. Der Sprung von I 100 zu V 1 ist sowieso eine kleine Schulbarbarei, mag auch die Wüstheit aller Wilamowitze hier die “Telemachie” “eingeschoben” finden. Eigentlich ist überhaupt Homerkritik viel gemeiner als Bibelkritik. Ich weiss nicht, warum es mir so vorkommt.

Den Vortrag will ich morgen mal Mutter und Onkel Otto halten, die ihn ja beide nicht hören. Ich bedaure, nicht ein etwas weniger wichtiges Thema parat zu haben.

Jonas hat zwei schöne Bilder hier schon gemalt, wirklich schöne, so ganz ohne “Richtung” und dergl., beide übrigens wirklich zum Hinhängen. – Evas Brief: “.. für deine liebe Auskunft danken. Nein: “gegen jede Sitte” wollen wir bei unsrer Hochzeit nichts tun, dafür ist sie uns als althergebrachte und eingesetzte Institution doch zu heilig. Es war uns zu Anfang ein Gefühl des Vertrauens und der Sympathie, dass Du die Handlung vornehmen möchtest, aber grade solche innerlich persönlichste Augenblicke werden durch die Sitte überpersönlich, das ist mir jetzt ganz klar, und ich sehe selbst, dass man als kleiner Einzelmensch kein Recht hat, die begründete Überlieferung nach eigener Willkür anzutasten. Wir werden also zu dem zuständigen Herrn Dr.Seligmann gehen, und das Beste für uns hoffen! Dir danken wir aber noch einmal herzlich für deine Bereitschaft und …”

Ists wirklich das, so bin ich natürlich nur zufrieden. – Putzi war übrigens dumm und ununterrichtet genug, mich in Evas Gegenwart zu fragen: Was sagt denn Rosenstock dazu? Ich habe natürlich geantwortet: “Gar nichts”. Ich konnte doch nicht sagen: Er schämt sich –

Deine Karte aus Basel ist ja angekommen, erst jetzt.

Vom *, die sonderbare Gefühlslosigkeit schrieb ich dir ja. Ich merke nur, dass ich plötzlich furchtbar viel Zeit habe, und bin offen zum Lesen und zu allem Aufnehmen. Dabei werde ich sicher gar nicht zu soviel kommen. Ich werde an Bradt und an Schocken schreiben und ich glaube Ende nächster Woche fahre ich nach “Berlin”. Das liegt dahinter, ganz dahinter und was liegt davor??

Du, du, du. —-

Bald – es ist ja nicht mehr lange.

Ich bin dein.

22.II.[19]

Liebe – denk, ich habe plötzlich Lampenfieber gekriegt und werde mir den Vortrag heut Abend vielleicht richtig aufschreiben und ablesen. Mutters Angst vor der Blamage hat mich angesteckt. Und dabei ist heut kein Brief von dir gekommen. Aber morgen doch? Übrigens gestern kam noch von Freiburg einer nachgereist, der vom 15. mit der Ausmietung. Ich kann mir “Frau Schumann” so gut vorstellen; so was giebts auch nur in Leipzig, und vor allem nur in Leipzig heisst sowas noch dazu Schumann und blasphemiert also schon mit dem blossen Namen. – Gestern Abend waren Gronaus da; Jonas rettete die Situation. Es war hässlich. – Ich werde Jonas sitzen, wenn ich dabei genügend zum Lesen und Schreiben komme. Angefangen habe ich nun schon wieder, mit Lesen. Es ist mir ganz komisch dabei zumut, wieder Publikum zu sein und nicht mehr Verfasser. Dabei kurioserweise schon fast unglaubwürdig, dass ich es einmal war, und ist doch noch keine Woche vergangen.

Heut hatte ich ein paar mehrstündige Geschäftlichkeiten mit Mutter. Sie macht es sich und andern doch sehr schwer mit ihrem ständigen unkontrollierbaren Rekurs auf Vater. Vor lauter Gefühlen erfasst sie den geschäftlichen Kern gar nicht, und kommt dadurch dann zu ganz unbegründeten Aufregungen. Ich werde ihr nun wohl doch diese Sachen allmählich ein bischen abnehmen; mich regen sie ja nicht auf. – Von Hedi hat sie mir einen Brief gezeigt, einen wirklich schönen; es stand ganz Ähnliches drin wie in den mehreren, die ich Mutter über sie selbst schrieb; ich habe aber beim Lesen das Gefühl gehabt, als ob es ihr von Hedi mehr Eindruck machen müsste. Es ist doch wirklich was in Hedi drin, auch Erfahrung und ein Gefühl für andre.

Ein Buch von Schrempf lese ich; ich werde es euch wohl schicken, es ist leicht zu lesen und wie alles von ihm wirklich gesprochen und nicht wie die Schriftgelehrten; es ist sein erstes Wort nach einem mehrjährigen Schweigen, das durch eine persönliche Krise, wie mir scheint in seiner Ehe, veranlasst gewesen sein muss. Der Gegenstand ist die Theodizee, es heisst “Menschenlos” und handelt in 3 Kapiteln von Hiob, Ödipus, Jesus, davor und danach ein kleiner Dialog zwischen dem Verfasser und der andern Seele in seiner Brust.

Ich sehe mir immer Wittenberg auf der Eisenbahnkarte an. Der Zug nach Berlin hat ja ganz sicher einen Zubringerzug von Leipzig nach Bitterfeld oder Halle; da träfen wir uns dann schon. Wie ists in Leipzig mit der Reiseerlaubnis? Wird ein Telegramm worin ich dir den Tod von Fridolin und seine übermorgen statthabende Beisetzung mitteile, ausreichen?

Aber nun will ich wirklich an den Vortrag gehn. Aber morgen früh muss ein Brief von dir da sein. Sonst halt ich ihn keinesfalls.

Also!

Dein Franz.

23.II.[19]

Liebes Gritli, ein Wort nur, ich bin sehr müde, durch den Vortrag. Mein Manuskript war sehr unleserlich geworden durch die Eile, so habe ich es erst direkt lesen geübt, und so ging die Zeit hin. Nachher war es ein grosser Erfolg trotz des Ablesens, weil ich sehr auf interessant las und weil es inhaltlich gut und für das Publikum wenn nicht verständlich so doch packend war. Für euch war es kaum Neues.

Aber am Morgen kamen zwei Briefe von dir und eine ganz löschpapierene Karte von Beckerath, die ich noch nicht vollständig entziffert habe. Vorweg: Merseburg leuchtet mir sehr ein, besonders durch die Elektrische von Halle. Als Hotel kommt wohl die Goldene Sonne in Frage, sie steht am Markt; zu dem am Bahnhof hätte ich gar keine Lust. Und “I.Ranges” “Zentralheizung” “Telefon 339” – was willst du mehr. Meine Weisheit kommt aus dem Automobilisierten Handbuch. Ich glaube, Merseburg ist die von den thüringischen Städten, die ich noch nicht kenne; wenigstens weckt die Beschreibung des Doms im Konversationslexikon keine Erinnerungen bei mir; Dehio hab ich noch nicht nachgesehn. Es ist mir jetzt nach Eugens Brief beinahe leid, dass ich nicht auch III 3 noch von Freiburg wieder mitgenommen habe. Irgendwie haben wir uns da wieder Parallele geschrieben. Oder ist es doch kein Zufall, dass der Brief vom gleichen Tag ist, wo der * fertig wurde? Kommt das wirklich nachher? Ich glaube es doch nicht recht. Aber ich will morgen davon schreiben, heut komme ich sonst nicht mehr zu Bett.

Von Bruckner hatte ich zum ersten Mal einen wirklichen grossen Eindruck auf einem Musikfest Ostern 12 in Meiningen unter Reger. Vorher hatte ich für diese Aufgelöstheit und dieses Sichverströmen keinen Sinn. Danach riss es wieder ab, einfach weil ich nie wieder etwas gehört habe; aber ich wäre nun immer ganz bereit dazu.

Zum vollkommenen Siegeln fehlt dir noch eins: dass du grade siegelst. Es geht ganz leicht weil ja die Griff nicht rund ist sondern flach …[Zeichnung flacher Kreis]. Du kennst “Schwelle” und “Tor” nicht, sonst würdest du wissen, dass der …[Zeichnung Stern *] so: …[Zeichnung Stern als Stern in der Mitte runder Kreis]eine kleine Blasphemie ist.

Und nach dem Vortrag liess ich dann eben noch das Mignon spielen – muss ich dir sagen, was? Es war freilich arg verstimmt, aber doch schön. Liebste  du freust dich schon, dass du bist – und ich, was soll ich denn erst tun? Freuen ist manchmal wirklich kein Wort. Vielleicht ist das einzig Unverbrauchte und Unverbrauchbare das Danken.

Dein.

[24.II.19]

Liebes Gritli, der 24. ist heut und dein Brief ist da wegen Berlin. Aber das geht nicht, glaube ich. Schon Mittwoch zu fahren, würde ich Mutter nicht begreiflich machen können, kriegte auch nur noch knapp das nötige Telegramm von Berlin. Ich muss warten, bis ich von Bradt Antwort habe. Dann wird es vielleicht gehn, dass ich

etwas früher nach Berlin fahre, aber du unterschätzest Bradts Feuereifer; bin ich einmal da, so beschlagnahmt er mich doch; schon weil er mich ja nebenher auch noch verheiraten will, (mit Fräulein Landau). Da hätten wir wenig ruhige Zeit, vor allem keine Abende. Nein, wir wollen ruhig bei Merseburg bleiben; ob ein Tag oder vier – ein paar Stunden glaube ich, ein Augenblick fast wäre mir auch genug. Und in Merseburg ist kein Bradt und nichts. Berlin? ich denke mir viel eher, du fährst mit Eugen hin, wenn er dort aufs Ministerium geht, um den Boden der Schulreform abzutasten. Da würden wir uns zu dreien treffen; und ich kann viel eher mich nachher von Bradt zu Hegelzwecken verabsentieren als vorher. Und geht das nicht, so komme ich nachher nach Leipzig. Vor dem 15ten will ich gar nicht wieder in Kassel sein. Über unserem Berlin steht ein Un*. Lass es bei der Merseburger Goldnen ..[Zeichnung Sonne]. Da “sehe” ich uns, in Berlin nicht.

Ich telegrafiere dir auch, weil der Brief vielleicht doch erst Mittwoch ankommt. Ob ich nachher zum Schreiben komme? heut Morgen wieder ein langer Geschäftsgang mit Mutter. Verschaff dir nur die Reiseerlaubnis nach Halle; denn wenn Bradt mich bestellt, fahre ich gleich los. Es kann nicht mehr lange dauern. Auf die Tage bis dahin — ist es denn nicht ganz gleich, wieviel Stunden nachher, es ist ja nicht “1 Tag”, den wir zusammen sein werden, sondern – ein Tag.

Dein

24.II.[19]

Lieber Eugen, fast hätte ich mit Kähler sagen müssen: “wenn die Christen anfangen sich zu judaisieren, dann sind wir verloren.” Aber das wäre natürlich unrecht. Es ist aber etwas daran. Ungefähr so sagte ja der Ketzerchrist in Heidelberg auch, nur mit ein bischen andern Worten. Ich schrieb Gritli schon, dass wir uns wieder Parallele geschrieben haben, indem ja auch ich die Wahrheit entdeckte, und genau wie du in ihrem Endesein den Anfang, den Schöpfer gerochen habe. Aber, aber, hier kommt der Unterschied. Die Wahrheit ist nicht der Schöpfer, die Wahrheit ist geschaffen, meinethalben als Erstling aller Kreatur, aber geschaffen. Gott ist die Wahrheit, heisst nicht: die Wahrheit ist Gott, – so formulier ichs. Und deshalb hat auch der Kuss, mit dem auch ich – vielleicht zur gleichen Stunde als du deinen Brief [gestr. Schlossest] schriebst – den * schloss, der tötende Kuss der göttlichen Wahrheit, bei mir eine andre Bedeutung. Wie ich ihn ja auch aus einer andern Geschichte nahm, aus der Sage vom Tod Moses, dem Gott das Leben in einem Kuss von den Lippen nahm. Dieser Kuss der Wahrheit ist immer noch ein Kuss der göttlichen Liebe, auch er noch. Der letzte, endende, aber als endender zugleich voll = endender, erfüllender. Das Ende scheint vom Anfang weit getrennt. Aber im Begriff der Erneuerung finden sich Anfang, Mitt’ und Ende zusammen. Und die Erneuerung ist der Begriff der Mitte (euer “Es ist alles neu geworden”, oder das “neue, fleischerne Herz” Hesekiels). Wir nennen die Schöpfung gradezu “Er = neuung der Welt” (“neu” also wie in Neu = igkeit, novum et inauditum) und die Erlösung auch (“neu” da im Sinn von Renovatio). Die Wahrheit ist sowohl als der Weisheit letzter Schluss wie als Erstling der Schöpfung nur – offenbarte Wahrheit. Der Mensch wird von Gottes Finger gebildet, von Gottes Wort erweckt, von Gottes Kuss vollendet. Keins dieser dreie straft das andre Lügen. Der Tod nicht die Liebe, und die Liebe nicht das Leben. Sondern – Gott ist die Wahrheit, in allen dreien. Im Schauen der Wahrheit stirbt der Mensch, aber aus der Kraft der Wahrheit wird er geboren, und im Vernehmender Wahrheit lebt er. Nicht die Wahrheit ist tödlich, sondern der Kuss der Wahrheit, das Schauen der Wahrheit. Die Wahrheit ist ebensosehr gebärend und ernährend, wie verzehrend. Gott ist immer die Wahrheit. Es ist das einzige, was man per “ist” von ihm aussagen kann. Dass er die Liebe “ist” kann man eigentlich nicht sagen, man müsste sagen: er liebt – immer und immmer wieder; dass er die Liebe “ist”, lässt sein Lieben zu einem Sein erstarren. Also Gott ist immer nur die Wahrheit.

Und wir: “was sollen wir nun dann tun?” Wir, die wir nicht wie Gott immer sind, sondern wurden, sind und gewesen sein werden. Das Wahrlich, mit dem wir zu der göttlichen Wahrheit Amen, Ja und Amen sagen, wird sehr [gestr. verschieden] anders klingen, wenn wir geworden sein werden, als solange wir sind und wieder anders damals als wir wurden. Als wir wurden, war es stumm, stumm wie das Schreien des Neugeborenen, das noch kein Schreien ist, kein Schreien das hinausschreit über es selbst, sondern das in den Wänden des Menschen verhallt; das ist der Egoismus der Kinder und der Tiere (solange sie stumm sind, also vor der Brunst und in den Zwischenzeiten) und der Steine. Solange wir sind, ist jenes Ja und Amen das Wort der Liebe. Aber wenn es mit uns zu Ende geht, dann freilich hört die Liebe auf, soll sie aufhören; das ist die grosse Entdeckung die du jetzt gemacht hast, eine unchristliche Entdeckung, etwas was der Christ eigentlich nicht entdecken darf und was ihm deshalb in dem Wort, dass die Liebe nimmer aufhört, verschleiert wird; etwas wogegen du selbst dich vielleicht noch vor kurzem gesträubt hättest; ich weiss wie sehr sich Gritli dagegen sträubte, als ich es ihr vor einem Jahr, als ich von Berlin zurückkam, sagte und ihr die Geschichte erzählte, mit der Cohen mir auf die Frage von Frau Wellhausen, ob es ein Wiedersehen gebe, antwortete, die Geschichte wie sein Vater starb und er, der Vater, ihn noch einmal gross und lang ansah, und der Sohn es in diesem Blick spürte: nun sehen wir uns nie wieder. Der Tod, und erst der Tod zerreisst das Und zwischen Gottes = und Nächstenliebe. Er prüft den Menschen, ob in seiner Nächstenliebe Gottesliebe war. Er macht den Menschen einsam. So erzählt auch Beckerath das letzte Zusammensein mit seinem Vater. Und so gehen auch die Tiere, um zu sterben, in die Einsamkeit und verkriechen sich. Diese Einsamkeit ist die Einsamkeit mit Gott. Und es kann sein, dass die Abstumpfung der Liebe in der Welt das Zeichen ist, dass die Welt alt geworden ist, diese europäische Welt, und auf dem Sterbebett liegt. Obwohl, obwohl: wir wissen es nicht! Wir Einzelnen liegen deswegen noch nicht auf dem Sterbebett. Wenn wir zur Zeit, zu Europa, sprechen, mögen und dürfen wir ihr die Sterbegebete vorsprechen und ihr das Wollen und die Tat verwehren und sie zu lehren versuchen (zu lehren! “Schweigeersatz”!) das Warten auf die letzte tödliche Schau. Aber zum Einzelnen, zum 20jährigen, dürfen wir nicht so sprechen, so wenig wie zu uns selbst. Wir leben noch. Wir müssen aus der Schau immer wieder zurückfinden ins Leben. Uns gilt noch das Ja und Amen der Lebendigen, die Liebe. An uns als Einzelne ist die letzte Prüfung noch nicht herangetreten, und wir haben nicht das Recht, sie uns selbst aufzuerlegen; wir dürfen nicht mit dem Sterben der Zeit durch einen Selbstmord unsrerseits Schritt zu halten suchen. Der Selbstmord, und alles was zum Selbstmord verführt oder verführen könnte, ist noch genau so sündhaft wie stets. Dass du Europa das Sterbegebet vorsagtest, war von dir als Einzelnem selbstverständlich eine Tat der Liebe, denn zwar der Sterbende tritt aus der Liebe heraus, aber der, der zu ihm geht, der Lebende, nicht. [gestr. Aber] Und weil du selbst als Einzelner, solange du lebst, gar

nichts andres tun kannst als Taten der Liebe, so durftest du dem lebenden Einzelnen Weidemann nicht anders kommen oder nein richtiger: du durftest nichts andres von ihm verlangen als das, woraus du selber zu ihm kommst; wie du selber zu ihm kommst aus der Kraft der Liebe, so durftest du auch in ihm nichts erwecken wollen als die gleiche Kraft. Wie für dich die Liebe noch nicht einmal da aufhörte, als du an Europas Sterbebett tratst und sahst wie in seinen Augen die grosse Einsamkeit dunkelte, so darf sie für keinen aufhören, mit dem du Mensch zu Mensch sprichst. Denn du bist Mensch, lebender, nicht schauender. Über die Selbstliebe des Neugeborenen bist du hinaus, seit du das Wort von der Nächstenliebe vernommen hast; aber dies Wort hört dir nimmer auf, bis du wirklich ein Sterbender bist. Gott ist der Herr der Wahrheit. Er teilt sie uns aus, je nachdem wo wir sind, so dass sie stets unsre Wahrheit ist oder besser: so dass wir stets Teil an ihr haben, ein ander Teil als Geborene, ein andres als Lebende, ein andres als Sterbende. So wenig wir in den Mutterleib zurückwollen dürfen, sowenig in den Tod voraus. Denn damit würden wir uns eine Wahrheit nehmen, die noch nicht unser Teil, noch nicht uns zuteil geworden ist, und würden so leben,als ob wir [2 mal unterstr.] die Wahrheit wären und nicht – Gott [2 mal unterstr.]. Gott [3 mal unterstr.] ist die Wahrheit.

Hoffentlich habe ich nicht zu sehr als Kommentator meines eigenen Buchs geschrieben; zu Anfang war es wohl so, fürchte ich. Deinen Brief schicke ich an Rudi. Da du ihn Beckerath vorgelesen hast, tue ichs gleich, ohne erst deine Erlaubnis abzuwarten. – Morgen ist der 25te. Nach 12 will ich an euch denken. Nur “nach 12”? —

Dein Franz.

[24.II.19]

Liebes Gritli, heut tu ich doch den ganzen Tag nichts als an euch schreiben. Nun bist du wieder dran. Nachmittags habe ich ein paar Stunden gelegen, um ein Kopfweh zu verschlafen. Abends war ich bei Prager, wo wir zu vieren, unter der Leitung seines Galiziers, des Althändlers Stretyner lernen wollen; er ist ein guter östlicher Typus; vorläufig geht es mir noch etwas zu rasch (obwohl wir heut in 5/4 Stunden nur 4 Verse gelesen haben; aber wir lesen mit Kommentaren. Deuteronomium. Du wirst lachen, wenn du die 4 Verse siehst. Aber es kam schon Schönes dabei vor. Z.B.: warum Moses diese grosse Gardinenpredigt erst unmittelbar vor seinem Tode halte? Das solle man immer tun, einmal weil einem sonst der Angeredete durch die Lappen ginge, zweitens weil er sich sonst in Zukunft, wenn er einen wiedersehe, schämen würde – ich weiss nicht mehr, es war noch mehr.

Des Nachmittags kam der beiliegende Heiratsantrag. Ich habe sogar geantwortet, indem ich ihr für die gute Meinung dankte (sie hatte eine poste restante Adresse beigegeben), ihren Wunsch nicht erfüllen zu können erklärte, weil das was sie suchte, sich nicht so absichtlich finden lasse, sondern nur wenn man es von selber werden lasse, und sie betreffs ihrer Zweifel hinsichtlich der Natur an “unsern vortrefflichen Rabbinatsverweser, Herrn Seminardirigenten Dr. Lazarus”, verwies. Ich wollte es nicht  ganz unbeantwortet lassen, für den Fall, dass unter der Dalberei doch ein Körnchen Ernst steckte. Du müsstest Lazarus kennen; es ist ein ältliches Männlein, und durchaus kein Wanderer, der sich zu ihr gesellen könnte. Für den Fall dass es ein Ulk ist, wäre es der nötige cochon et demi. Du siehst, auch ich rekurriere bisweilen auf die bestellten Synagogendiener. Aber was sagt Ihr zu diesem Erfolg des Vortrags.

Eugens Debakle ist doch sehr bös. Den Professortitel hätte er doch wenigstens aus seinen 7 Privatdozentenjahren, die so fett im Privaten und so mager im Dozenten waren, mitheimbringen müssen. Schade. Aber um so mehr ist es nun nötig, dass er sich unter der Hand umtut. Am besten wirklich, er geht nach Berlin. Kultusministerium, Grabowski – irgendwo und irgendwie wird er etwas finden. Von selber kommt kein Landerziehungsheim zu ihm gelaufen. Wenn die Vorlesungen um den 8. herum zu Ende sind – was meinst du? Wenn morgen keine Antwort von Bradt kommt, so schreibe ich ihm nochmal. Denn schliesslich wird die Zeit immer kürzer. Und – ach das Und ist ja so selbstverständlich. Merseburg Merseburg – vor 3 Tagen war das Wort noch gar nicht da und jetzt geht ein ganzes Orchester drumherum – nur schreiben kann ich es noch nicht, ich muss es nocheinmal versuchen: Merseburg – es war wieder nichts rechtes, vor dem b giebt es immer einen Kuddelmuddel.

Ich bringe den Brief wohl noch zur Bahn, vielleicht kommt er noch zum 25ten, ich möchte mich zum 25ten unsichtbar, wirklich unsichtbar bei euch in allen Ecken ausstreuen können, nicht in geschlossener Person, sondern verteilt und zerschellt wie Homunkulus zuletzt, bei euch, um euch, mit euch, – und in dir. In dir.

Denn ich bin dein.

25.II.[19]

Liebes, du magst nicht mehr schreiben und ich mag nichts andres mehr. Teils ist wohl auch das schöne, neue Papier dran schuld. Ich habe dir heute auch eine Packung davon geschickt. – Ich war zu einer Beerdigung heut vormittag. Hans Hess seine alte, über 80jährige Grossmutter ist gestorben, eine harte und besondere Frau, an der er sehr gehangen hat; ich habe sie nicht gekannt. Der Pfarrer sprach wirklich schön; man bekam ein vollkommenes Bild von der Toten, vielleicht ein bischen retuschiert nach der Frömmigkeitsseite, das weiss ich nicht, vielleicht aber auch nicht. Grade ihre Absonderlichkeit hat er dargestellt. Auch von der Tischgemeinschaft, an der sie gehangen habe, hat er schön gesprochen als dem grossen Symbol der Gemeinschaft überhaupt. Text war Ps 31,6. Übrigens grade eine Stelle, die mir jetzt wichtig gewesen war, denn was Luther übersetzt “du treuer Gott”, haben LXX und Vulg oJ deoı thı ajlhdeiaı und Deus veritatis.

Heut Nachmittag will ich zu Trudchen oder zu Tante Julie, weil ich doch dann wieder auf 14 Tage fort sein werde.

Mutter habe ich heut Morgen vorbereitet, dass ich in Berlin ausser Bradt noch etwas für mich arbeiten wolle, so 3 Tage würde es mich kosten. Da der Hegel bei ihr nicht zieht, sie hat ihn zu oft schon als blossen Vorwand und Lückenbüsser kennen gelernt, so musste ich auf den * rekurrieren; ich sagte ihr, ich wollte einen Vortrag über seine wirkliche, ich meine seine alte Deutung vorbereiten. Das reizt mich ja wirklich, und sie hat es auch geglaubt. Es ist nämlich viel einfacher, ich bin mit Mutters Wissen und ohne Bradts Wissen in Berlin als umgekehrt. Lädt mich Bradt z.B. erst auf später ein, etwa erst auf den 5ten oder so, dann kann ich leicht vorher nach Berlin fahren und wir können es dann so machen wie dus dir ausgedacht hast. Was ich dir dann zeigen werde, Sanssouci und Tegel und ein bischen in den Museen und in der inneren Stadt, da werden wir ihm kaum begegnen, und wenn – nun dann bin ich eben wegen meiner eigenen Arbeiten ein oder zwei Tage inkognito dagewesen, das nimmt er mir dann schon nicht übel; vor allem haben wir dann aber die Zeit ganz für uns; im andern Fall gäb es ein böses Gehetze zwischen den “ollen Juden” und dem Reginahotel. Wenn Bradt mich aber auf bald bestellt, so dass uns keine Zeit mehr vorher bleibt, dann bleibt es bei Merseburg (ich kanns immer noch nicht schreiben, diesmal gings nach dem b schief) und bei der goldenen Sonne! Liebe goldene — Mir ist als hielte ich dich schon in den Armen. Und dann käme das lange Zusammensein nachher nach Bradt, in Berlin oder in Leipzig, zu dreien. Lang – drei Tage ist ja schon so lang und ein Tag auch, und ein Augenblick kann lang sein bis zur Unendlichkeit. Ist dies Wort mit dem wir siegeln nicht das kürzeste was es nur geben mag? und ist doch unendlich –

Dein

25.II.[19]

Liebes Gritli, als ich abends von Trudchen kam, war dein Brief da. Danach war ich mit Mutter und Jonas in dem 2ten Vortrag des Eschweger Rabbiners, eines jungen süddeutschen Orthodoxen, pathetish, aber im Inhalt sehr gut, über jüdische Philosophen, Gabirol und Juda Halevi; und nun bin ich wieder bei dir. Ich schreibe dir gar nicht bloss pro forma. Es ist bloss, als ob ich dir auf viel grössere Nähe schriebe. So ist es ja auch wirklich. Ein Tag bloss, und das Eilporto – hat es eigentlich Zweck? aber je kürzer die Zeit, um so mehr möchte man sie noch verkürzen. Eben habe ich noch einen Brief nach Leipzig geschrieben, an Cahn, oder wenigstens fertig geschrieben, eine noch von Freiburg liegengebliebene Antwort. Bin ich in Leipzig, so muss ich ihn auch aufsuchen. Es ist wirklich nötig dass wir vorher zusammen sind. An Bradt habe ich eben geschrieben, vielleicht ists aber besser, ich telefoniere morgen mit ihm. Es ist schön, dass es nun auf jeden Fall etwas wird, entweder der eine Merseburger Tag oder die vielen Berliner. Wenn er mich z.B. auf Sonntag bestellt, so würde es wohl noch mit Berlin gehen, aber ich will versuchen, ihn zu etwas später zu veranlassen. Ich telegrafiere dir dann, wann ich nach Berlin fahre, du bestellst dir das Zimmer im Regina möglichst mit Salon.

Falls sich etwas ändert, telegrafierst du mir bahnpostlagernd, da frage ich dann im Lauf des Tages nach oder auch noch ehe ich abfahre. Wegen der Reiseerlaubnis muss man jetzt ja oft zur Bahn. Oder besser nicht bahnpostlagernd, sondern “Rosenzweig ankommend Wartesaal erster Klasse Hauptbahnhof Kassel”. Zur Not kannst du auch Rosenzweig ankommend Personenzug Kassel = Berlin nach Halle Bahnhof telegrafieren; ich gucke da auf alle Fälle heraus. Aber wenn es bloss Merseburg (ich kanns immer noch nicht!) ist, wollen wir wirklich auch nicht traurig sein. Im Gegenteil, es ist so viel einfacher, und dann die “goldene Sonne”, – du glaubst ja gar nicht wie schön die ist, ich habe eine komplette Vorstellung davon. Oder ist es ein Zeichen, dass ich dies M…….g nicht schreiben kann? sollen wir nach Berlin? Ich habe vorhin sogar Trudchen schon auf Vorrat belogen und ihr mein Vorhaben mit der * = Deutung auf der Berliner Bibliothek erzählt, damit sie gegebenenfalls wenn Mutter doch Lunte röche, harmlos wäre; denn Mutter würde sicher bei Trudchen nachforschen. Weisst du dass wir bei all diesen weisen Überlegungen immer noch sehr leichtsinnig sind; es giebt so viele Menschen in Berln die mich kennen. Aber das wird dann alles schon irgendwie werden und unter Umständen wirst du einfach eine alte studentische Bekanntin sein, und ich werde Mutter ausführlich davon erzählen, wie ich die wiedergetroffen hätte, und wir wären nachher abends im Deutschen Theater oder – aber ich will wirklich gleich einmal nachsehen” vielleicht ist nächstens ein Klinglerquartett – ach Gritli Gritli Gritli ich freue mich zu toll auf dich, komm komm. Es ist ja gar keine Sehnsucht mehr, die Sehnsucht ist ganz aufgezehrt in der Freude, die ganz weiss brennt.

In den Berliner Zeitungen fand ich nichts. Es ist aber auch nicht nötig.

Den alten Althaus habe ich mal bei O.Viktor kennen gelernt. Er war auch einer von den vielen Leuten, die nicht begreifen konnten, dass ich nicht Eugen war. Der Pfarrer heut früh, der mir gefiel, muss Stein gewesen sein. Wo ist denn das Haus zu den drei Ringen? das klingt ja wie am Markt?

Aber wirklich nein ich schreibe dir ja auch nur pro forma. Der Inhalt ist ja nur das eine Wort, das kein Wort ist, das Sumbwlon, das Siegel — Dein.

Liebe schon bald 7, und es ist gar keine Post heut nachmittag gekommen, auch keine Zeitung. Es scheint also wirklich zu Spartakussen. Da wäre Merseburg freilich unerreichbar. Ich habe ausser dem Eilbrief heut vormittag noch dringend an Bradt telegrafiert: “Soll ich Dienstag auf eine Woche nach Belin kommen” und Mutter erklärt, wie ich mein Inkognito gegen Bradt einrichten würde. Aber ich habe noch keine Antwort von ihm. Vielleicht fahre ich über Göttingen, dorthin könntest du mich dann auch, wenn es nötig wäre, in die “Krone” antelefonieren; da komme ich schon mal allein vorbei und kann nachfragen, wenn ich ja wohl auch bei Rudi wohne.

So ein Tag verstrich ganz leer; ich habe an Kähler geschrieben, und jetzt gehe ich mit Mutter in den Vortrag von dem Eschweger Rabb., obwohl ich unfähig bin, Kollegs anzuhören. Es ist nichts mehr mit mir. Ich weiss nur noch das eine: wir werden uns sehen. Wir – du – ich – dich. Über die Fürwörter kann ich nicht mehr hinausdenken. Meine —

Dein

Kgl. Sächs. Forschungsinstitut

für

Rechtsgeschichte

Leipzig

27.2.19

Frau Dr. Margrit Rosenstock ist genötigt, sich zur Abfassung einer Abhandlung über byzantinische Urkunden in der Handschriftenabteilung der Berliner Universität zu informieren.

Dr.jur. Erwin Jacobi

a.o. Professor a.d. Univ.

Leizpig.

[28.II.19]

Liebes Gritli, du hattest ja sehr recht mit Mittwoch – da wäre es noch gegangen. Obwohl es vielleicht besser ist, du bist in Leipzig  geblieben. Ich werde nun wohl oder übel meinen Vorwand verwirklichen müssen und, wenn es geht,  von Morgen  ab auf der Bibliothek arbeiten. Wenn sich unerwarteterweise die Sache balder beruhigt als es aussieht, so könntest du ja immer noch kommen; Rudi ist sowieso schon instruiert, eventuell an Bradt ein Telegramm loszulassen, ich käme erst Mittwoch. Also selbst Sonntag oder Montag würde es sich noch lohnen. Aber ist es nicht wahr, dass für uns über Berlin ein Un* steht? – Es war nett bei Rudi, Hilda hat mich freilich nicht recht goutiert. Ich habe vier neue Predigten mitgenommen. Die hättest du nun in Berlin lesen sollen. Jetzt bringe ich sie nach Leipzig mit. Denn ich denke, so nach dem 10ten wird man ja wieder fahren könne. Ich komme mir recht wie ein begossener Pudel vor. Als ich gestern abfuhr, wollte ich einfach die Nachrichten nicht glauben, aber jetzt muss ich wohl. Ich bin zur Sicherheit über Hannover gefahren, weil mir Magdeburg zweifelhaft war. Schocken kommt Donnerstag auf eine Woche nach Berlin, so schrieb er wenigstens gestern. Nun ist das ja auch zweifelhaft. Überhaupt glaube ich diesmal nicht so recht an einen Sieg der Regierung. Ich glaube, jetzt kriegen wir den Bolschewismus. Und, vom Persönlichen abgesehn, müsste man es ja wünschen. O weh! vom Persönlichen abgesehn! uns pfuscht er gleich recht kräftig ins Persönliche hinein, wie er nur anfängt. Am liebsten ginge ich gar nicht ins Regina; da werde ich das lange Gesicht gar nicht los werden.

Zwischenhinein glaube ich noch so ein bischen an ein Wunder. Gestern hättest du ja wohl noch über die Dresdner Strecke gekonnt. Aber das ist ja ganz unmöglich. Eben fällt mir ein, diesen Brief kriegst du ja auch erst wenn wieder Züge gehn! Also viele Tage lang keinen. Aber eines Tages kommt er ja doch . Liebes Gritli, da bin ich also wieder, und wir waren sehr dumm, oder vielmehr: du mit deinem Mittwoch warst gescheit, und dumm war nur

Dein Franz.

Hannover Wartesaal, 28.II. Mittags.

Programm vom Schauspielhaus  Am Gendarmenmarkt

Mittwoch, den 5. März 1919

Die Kreuzelschreiber

auf der Rückseite: handschriftliche  Liste der Schauspieler aus

Nathan der Weise

März 1919

[10.III.19.]

Liebes Gritli, es ist schon der 10te, ganz früh, ich komme eben von Bradt. Ich ging also vom Bahnhof gleich zu Frau Cohen; da wurde ein Mozartsches und ein Beeth. Quartett gespielt, dann gab es Tee mit viel Kuchen, ich sass neben dem einen Bratschisten, einem Rabbiner Hochfeld, den ich von vorigem Jahr bei einer Sitzung bei Cohen kennen gelernt hatte. Ich fragte ihn gleich rundheraus, was mit der Allg.Ztg. des Jud. würde. Also: sie habe zuletzt nur 800 Abonnenten gehabt, Mosse (der Berliner Tagbl. = Mosse) habe 20000 M jährlich dabei zugesetzt und wollte sie eingehn lassen; da sei vorgeschlagen, sie in ein Publikationsorgan der grossen Verbände umzuwandeln. Für den redaktionellen Teil wusste er keinen, der es für Geigers Gehalt (5000 M) tun würde. Darauf sagte ich ihm, ich hätte Lust, zunächst zwar wohl noch nicht die Fähigkeit, aber die würde sich schon einstellen. Er war sehr begeistert davon dass ich wollte, Straussens, denen ich dann auch davon erzählte (sie kamen erst nach dem Essen) auch. Nun gehe ich morgen auf Hochfelds Rat zu einem Mann, der bei Mosse etwas gilt, Kirstein, und auf meinen eignen Rat zu Cassierer, dem Philosophen, der ja das Schellingianum gut kennt, und von dem ich mir eine Empfehlung an Mosse bez. meiner  litterarischen und wissenschaftlihen Qualitäten geben lassen will. Wäre jetzt der Hegel nur gedruckt! Das würde mir ein Relief geben. Und dann also zu Mosse, der alt und schwierig sein soll. Aber da ich schliesslich mit der letzthinnigen Wurstigkeit “wenn nicht dies, dann sonst was” an die Sache herantrete, so wird es wohl grade klappen. Die Schockensitzung ist erst Donnerstag. So komme ich wohl erst Freitag nach Leipzig und dann also nur kurz. Aber wenn es mit Berlin klappt, so fahre ich ja Ende März schon wieder hin und hole dann den Tag nach. Ist es nicht lustig, wie rasch die Sache geht? Dann ging ich noch zu Bradt, da war Rosenzweig = Ost, der herrliche Cohengeschichten erzählte, meist aus der letzten Zeit. Es scheinen noch ganz dolle Sachen in dem Buch zu stehn. Und Rosenzweig = Ost und Rosenzweig = West schwärmten gemeinsam. Ost hat einen dicken Schutzwall von Anmerkungen um das Buch herumgeschichtet, Belege, die Cohen z.T. selbst nicht kannte, (z.B. zu Cohens Herleitung des Individuums aus der Sünde, also mit meinen Worten” der Seele aus dem Selbst, der Treue aus dem Trotz) die Talmudstelle: “Wenn unsre Väter nicht gesündigt hätte, wären wir nicht auf der Welt” wozu Raschi erklärt: “sondern wären Engel”. Dann hinreissende Geschichten von seiner russischen Reise. Bei der Beerdiung waren fast die Hälfte Russen. Es war noch viel. Schade, dass du nun nicht da bist und ich allmählich auftauen würde und es dir alles erzählen. So ein briefliches Gute Nacht – aber stille, ich darf mich wirklich nicht beklagen. Liebes Gritli, ich danke dir. Ich möchte dir alles Glück, was du mir in diesen “neun Tagen, neun Nächten” geschenkt hast anwünschen – es wäre genug für ein Jahr.

Und nun also wirklich, gute Nacht.

11.III.[19]

Liebes Gritli, gestern habe ich dir über Tag nicht geschrieben und abends war ich zu müde und auch etwas desillusioniert. Denn Kirstein, bei dem ich vormittags war, blies ab. Mosse brauche wenn überhaupt einen dann nur einen Mann von Namen. Nachmittags war ich bei Cassierer, dem Philosophen. Es war ganz nett; so ein bischen wie bei Jonas Cahn, mit dem er befreundet ist. Danach bei Dr.Auerbach, dem Präceptor occidentis, Mutters Bekanntem, der alt geworden ist und mit dem ich ein Gespräch vom Zaum brach, um zu sehen ob er vielleicht für die Akademie auszunutzen sein würde. Er war aber wie Nathan der Weise (nur nicht von Lessing. Es war doch schön?). Dann bei Straussens, die nun reizend wohnen; Budko mit Braut war auch da. Heut vormittag entschloss ich mich, es nicht bei dem ersten Fehlschlag bewenden zu lassen, und ging zu Hochfeld. Der wünscht es immer noch sehr und ich habe ihm nun gesagt, er soll sich dafür bemühen, dass Mosse interessiert wird. Das ist besser als wenn ich selber rumlaufe und mir Empfehlungen zusammenbettele. Ich muss mich etwas als die Kraft aufspielen die man gewinnen muss, nicht als den stellensuchenden Jüngling. Wenn Mosse vorbereitet ist, dann schreibe ich ihm einen ganz knappen kühlen Brief, worin ich mich antrage; den lege ich jetzt schon Hochfeld vor, schicke ihn aber erst von Kassel aus. Ich habe Hochfeld gegenüber ausdrücklich auf discrete Behandlung der Angelegenheit keinen Wert gelegt; es schadet gar nicht, wenn nichts aus der Sache wird, so haben immerhin allerlei Leute gehört, dass ich zu etwas derartigem bereit bin und dann kommt eben etwas andres. Dann ging ich zu Budko; er hat wirklich entzückende Sachen da; er ist ein Meister graphischer Kleinkunst (Vignette, Initiale, Verbindung von Text und Bild). Gelernt hat [er] auf Ciseleur. Also es wird sicher schön werden. Dann zu Mittag zu Straussens. (Gestern Mittag habe ich in der Mittelstandsküche gefeiert. Es war gar nicht schlecht! und sehr reichlich). Bei Straussens war ein ganz weicher und bewegter Breuerscher Orthodoxer aus Frankfurt, ein 25jähriger, der Werfel auswendig konnte (aber nicht wusste, dass er Jude ist). Und nun muss ich herüber zu Bradt. Ich habe wohl allerlei vergessen, aber ich will den Brief doch zumachen. Ich fahre gleich nach der Sitzung am Donnerstag; wenn ein Zug geht, nachts. Frau Strauss fragte vorhin, was denn “das Gritli” mache. Ich war ganz erschrocken, wie da plotzlich dein Name so unerwartet auftauchte.

Bis in ein paar Tagen!

Dein Franz.

Curtius Griech. Schulgramm. ist nicht was ich dachte.

12.III.[19]

Liebes Gritli, eben als ich nachhause kam, lag dein Brief da und endlich auch einer von Mutter, vom 6ten. Mir ist auch nur zum Erzählen. Und dabei habe ich noch nichtmal was zu erzählen. Ich war heut viele Stunden auf der Gemeindebibliothek und habe mich richtig verschmökert. Soviel habe ich übrigens dabei doch festgestellt: ich habe keine Vorgänger im *, – leider. Die Grundbegriffe der Kabbala werden unmittelbar zur Figur eines Menschen zusammengestellt.

Schade. Ich habe gar keinen rechten Respekt mehr nun vor dem was ich gemacht habe, wenn es wirklich bloss von mir ist. Für andres habe ich schöne Bestätigungen gefunden, aber der Kopf schwirrt mir von den paar Stunden; ich muss nun bald wieder mit einem ruhigen und regelmässigen Lesen anfangen. Gestern Abend bei Bradt war Landau. Es wurde wieder an den Statuten gedoktert. Heut Abend kommt Schocken, morgen Mittag esse ich mit ihm im Kaiserhof. Abends Sitzung und leider kann ich dann erst Freitag Mittag in Leipzig sein (2 Uhr soundsoviel, denn Nachts geht kein Zug. Ob es Zweck hat, in Leipzig Meiner zu besuchen? Lassons Gegend ist immer noch abgesperrt. Sonst, wenn Ihr wirklich von Leipzig fortgeht – aber nein, das ist ja Unsinn, also ich komme am Freitag.

Ich habe heut Vormittag in der Elektrischen, die wieder geht, Abels “Gegensinn der Urworte” gelesen, das lustiggeschriebene Büchelchen, das mir Eugen im Oktober nannte; es ist wirklich die Illustration zu meinen “Urworten”.

Es ist herrliches Frühlingswetter, aber ich habe eine Unruhe, fort von hier zu kommen, wenigstens fort aus dieser geschäftigen Nichtstuerei. Der Morgen auf der Bibliothek hat mir den Rest gegeben. Ausserdem gestern die schreckliche Frau Bradt, mit der ich eine Stunde allein “plaudern” musste. Ein so grässliches kleines Hutzelchen, so “gebildet”, so betont “unjüdisch”, dabei eine Musterkarte aller “jüdischen” Eigenschaften. Der Mann gefällt mir immer besser.

Liebes Gritli, dies ist vernünftigerweise der letzte Brief; am Freitag komme ich als mein eigener Eilbote. Bringt doch Frau Schumann vorher um, damit es gemütlicher wird.

Dass du gleich zu Hauffe gingst! – ich war auch heute wieder in der Mittelstandsküche, vorher allerdings in 3 Konditoreien. Immerhin –

17.III.[19]

Liebes, nun sind wir also wirklich auseinander, Berlin am 9ten das war ja kein Abschied. Und nun ist es wieder auf – ich will keine Zeit sagen, es war ja noch stets kürzer, als wir bei der Trennung ausrechnen konnten. Es war gut, dass du an der Bahn noch eingriffest und Eugen zu mir beordertest; so fuhr ich mit einem kompletteren Gefühl fort; ich habe dir gestern recht mit meinem Missmut zugesetzt, verzeih und halte mich in besserem Gedächtnis als ich war.      In Leipzig seid ihr nun eigentlich gar nicht wirklich gewesen. Es lag nicht am Chambre garnie überhaupt, es war dieses Chambre garnie und Leipzig und “Frau Schumann” und ein undefinierbares Gefühl von Provisorischkeit, z.T. auch einfach die wenigen Bücher, was alles nicht das Gefühl einer Wohnung – worin doch “Gewohnheit” steckt – aufkommen liess. Dein Futter ass ich natürlich noch gestern Abend bis Mitternacht auf. Auch den Vortrag las ich gleich. Er ist etwas unausgeglichen grade weil er hier und da den doch immer nur flüchtigen und nicht recht ernsten Versuch macht, zur Schule zu sprechen. Sprachlich ist er besonders gut, gedanklich nicht leicht, weil etwas überlastet. Ich muss ihn nocheinmal lesen. Hätte ich ihn vorher gekannt, so würde ich nicht (wie ich gedacht hatte) ihm abgeredet haben, ihn zu halten. Die Angst vor Geist ist doch etwas wirklich Unermessliches. Ich wünschte nun, er versuchte ihn zum Druck zu bringen (freilich wo? versuchen müsste mans bei Grabowski) und schickte ihn dann an V.Ehrenberg und einige andre; sehen sie ihn so gedruckt vor sich, noch dazu in einer konservativen Zeitschrift, so fassen sie sich doch vielleicht an ihre Fachnasen, und das ist ja an sich und von allem Persönlichen abgesehn ein Ziel aufs Innigste zu wünschen. Überhaupt, wenn er nachher einmal den Staub der Fakultät endgültig von seinen Schuhen geschüttelt hat, dann wird ja seine Einwirkung auf sie erst anfangen und weil sie ihn bei Tag nicht zum Meister hat machen wollen, so wird er ihr nun bei Nacht die Fehler ihrer Ständchen aufmutzen können nach den Regeln wie sie der Schuster kennt dem die Arbeit unter den Händen brennt. Ich glaube wirklich dies Debacle wird Origine für irgend eine chose contemporaine. Noch witziger wäre es, wenn ihm Meinecke (Vigener) den Vortrag für die Hist.Zeitschr. abnäme. So dass der Fakultät ad oculos demonstriert wäre, dass sie wirklich nicht einmal bloss in den chinesischen Mauern der weiland Universität überhaupt sässe, sondern ausserdem noch in ihrem ganz speziellen Fakultätsghetto. Es ist nur unwahrscheinlich, dass die H.Z. den Aufsatz genügend schnell drucken könnte.

Hier traf ich Mutter furchtbar kaputt. Als aber nachher Besuch kam raffte sie sich wieder zusammen; es war ein Unterschied wie zwischen sterbenskrank und lebendig. Nach Tisch badete und schlief ich, und nun schreibe ich also wieder an dich und es ist der erste einer langen Reihe von Briefen und ich kucke mit Sehnsucht zu dem entfernten Punkt, wo der letzte dieser Reihe liegen muss, der dreissigste oder vierzigste oder – ?

Eben kommt Mutter aus der Generalversammlung von Frauenbildung = Frauenstudium zurück. Frl.v.Kästner hat in dem Jahresrückblick, nachdem sie Gronauer “für viele wertvolle Vorträge” erwähnt hat, eine wahre Fanfare auf Eugen ausgebracht, auf seine Vorträge die ihr so ganz besonders viel gegeben hätten, und ihr in den seitherigen Wochen immer wieder eine Führung bedeutet hätten! Sie wüsste nicht, ob die andern auch so daran zurückdächten, aber sie könne ihrer nur mit ganz besonders warmem Danke gedenken.  Siehst du? Aber sie verdient doch wirklich ein Exemplar “Chr.und Eur.”

Edith Fromm hat hier verzeifelt angerufen: wer Joh.Müller sei! Ich hatte gedacht, ihr durch “Garmisch” die Sache zu erleichtern. So wusste Mutter also Bescheid, fragte aber nicht weiter. – Das N.D., das ich beilege, habe ich von Putzi, schicke es aber wegen Grabowski und wegen der Predigt über die bisher unentdeckten Verse des 46. Psalms. Es ist dir ja genau so damit gegangen. Ich habe ihn schon in den ersten Kriegstagen oder nein kurz vorher in den Tagen der Spannung auf dies, “der den Kriegen steuert in aller Welt” gelesen. Und bei Delius ist zu lesen, was eigentlich daran sei: virtuosenhaft = leere orientalische Sprüche. So eine Zeitschriftnummer ist ein lustiges Chaos. – Eben nach dem Abendessen fing Mutter wieder von Eugen an, und dabei kam sie auf eine wunderbare Idee: Disputationen! Eugen soll nicht zu Vorträgen mit, sondern zu reinen Disputationen sich engagieren lassen. Er teilt mit der Ankündigung des Themas zugleich seine These mit, und dann lässt er es gehen wies geht. Das wird viel mehr ziehn als die langweilige und ermüdende Form des Vortrags. Den Anfang könnte er etwa jetzt gleich in Heidelberg machen, in Hansens “Gemeinschaft” (das ist nicht die Volkskirche sondern wieder was andres, Universität und Philister gemischt). Thema: Staat und Kirche, oder Deutschland als Staat oder Wilson oder Über Fremdworte oder sonstwas. Er müsste sich natürlich richtig bezahlen lassen wie für einen Votrag. Es würde sicher glänzend werden. Zu verlieren hätte er gar nichts, zu gewinnen alles was er jetzt braucht: nämlich Bekanntheit, ein Publikum das alles von ihm liest, einen Namen auf den hin jede Zeitung ihm seine Aufsätze abnimmt, und endlich irgend was was sich nicht voraussehn lässt.

Es ist ja wirklich seine eigenste Form, das was ihm wirklich kein Mensch nachmachen kann (und auch er selber als Vortragender nicht, er diskutiert eben doch viel überzeugender als er predigt.) Lieber Eugen, wenn du willst, schreib mir (ev. gleich ein oder mehrere Themen dazu), ich werde dann gleich an Hans schreiben, dass er die Sache managt. Was mir so imponiert an dem Gedanken ist dies, dass damit endlich einmal der Anfang gemacht würde mit der “neuen Universität” von der wir sprechen, immer sprechen, ohne zu wissen wie sie kommen soll. Sie muss im Schoss der alten kommen und die alte von innen heraus sprengen. Es muss üblich werden, dass die wissensch. Studentenvereine, vielleicht eines Tages sogar die Seminare bekannte Leute einladen zu mündlicher Aussprache. So allein kann das akademische Eis schmelzen. Fang an! Du bist nicht zum Vergnügen jetzt ein freier Mann geworden. Die Universität konnte dich nicht verdauen und hat dich wieder ausgespien. Jetzt kiekse sie von draussen so, dass sie denkt: hätte ich ihn nur noch sicher in meinem Bauche.

Liebes Gritli, heut war Frau Koch da, die ihren Mann in Weimar besucht hatte (sie erzählte, die Frauen, auch die mitgebrachten, hätten sich streng innerhalb der Fraktionsgrenzen gehalten!!), sie hatte ihren reizenden kleinen Jungen mit, ein 2 1/2 jähriges. Als sie ging, blieb er einfach sitzen und erwiderte auf alle Aufmahnungen seiner Mutter immer ganz einfach und trocken, beide Worte gleich betonend: “noch nicht”. Es geht mir mit unsrer Trennung gestern ganz ähnlich; ich bleibe auch sitzen und spreche: noch nicht.

Dein Franz.

18.III.[19]

Liebes Gritli, heut früh kam ein Brief von Hochfeld: Mosse ist schon aufmerksamgemacht, und so habe ich also meinen Brief an ihn geschrieben. Ich habe so eine Ahnung, dass die Sache wird – und ein gelindes Grauen davor. Jede Woche schreiben! und so viel dummes Zeug lesen müssen, und die ganze Politik! Wüsste ich nicht, dass ich den * geschrieben habe und so das Beste was ich geben kann, das was an mir “verloren geht”, schon unter Dach gebracht habe, so dass es nicht mehr verloren gehen kann – so würde ich es wohl doch nicht wagen. Aber so fühle ich mich doch frei zum Dienst. Dies Ende der Kriegszeit war für mich doch providentiell – wie wohl eigentlich die ganze Kriegszeit überhaupt. Ich versuchte heut früh, wieder die Logik, die Cohensche, anzufangen, – von vorn weil ich nichts mehr davon wusste, aber ich kam einfach nicht hinein. – Mutters “satanische Schläue” ist natürlich doch auf der Spur! gestern dachte ichs schon ein paar Mal, sie fragte mich so genau, ob denn gar keine Möglichkeit gewesen wäre, aus Leipzig heraus zu kommen. Heut sagte sie mir rund heraus, mit Beziehung auf etwas was ich ihr verheimlichen wollte, sie zweifle ob der Eisenbahn = Streik ganz durchgreifend gewesen wäre. Dass wir uns also treffen wollten, hält sie für ganz sicher, ob überhaupt oder auf Grund eines Nachschlüssels zum Schreibtisch weiss ich nicht. Nur ob wir uns nun trotz Streiks getroffen haben, weiss sie nicht. Ich tat dumm, wurde aber gleich nachher so grünblass, dass sie mich ganz erschrocken fragte, was denn wäre. Da wird sie es also gemerkt haben. Liebes Gritli – das ändert aber gar nichts daran, dass wir zusammen waren – mag sie doch denken was sie will. Nun bist du in München, ich wollte euch gern ein paar Sachen von Hans nachschicken, die eigentlich noch zu dem gehören, was ich euch gestern nach Leipzig schrieb (hoffentlich habt ihr es noch gekriegt), aber Mutter will es erst lesen. Ich wollte der Tag morgen wäre erst herum.

Vielleicht geht es nun ganz rasch mit Mosse, vielleicht bin ich schon nächste Woche wieder in Berlin. Berlin – Säckingen ist weit, zwei Tage Brief, das ist fast mazedonisch. Und ich werde deine Worte dann doch sehr nötig haben, die Stenotypistin wird sich wundern, – oder soll ich die Korrespondenz durch mein Faktotum Herrn Katz erledigen lassen? Oder am Ende doch selber? Wie du willst.

Jonas liest Bubers Baalschem, ich las ihm ein paar Originale vor aus einem der Kolportageheftlein, die ich aus Warschau mitgebracht hatte. Es gehört zu allem so viel Zeit, und wenn ich sie nicht finde, so bin ich auch für die Zeitung nichts nütze. Aber ich spreche etwas wie das Lafontainesche Milchmädchen.

Morgen wird wohl ein Brief von dir kommen. Ich sehne mich doch schon wieder ein bischen nach seinem Eiei. Mach es bald

Deinem Franz.

[19.III.19]

Liebes Gritli, es ist noch gar nichts von dir da. Heut ist der 19te, er geht besser herum als ich dachte; die Äusserlichkeiten der Besuche u.s.w. helfen ihr wieder etwas. Sie hat sogar einen Kranz hinausgebracht; es kam mir doch sehr lächerlich vor, ihn zu tragen; aber ich kann da wohl nicht richtig mitempfinden, mich kühlt so etwas nur ab. Ich bin doch überhaupt sehr kühl dagegen geworden, es liegt nun hinter mir, teils abgetan, teils – und das wohl für immer – unabgetan, aber in beidem hinter mir. Auf dem Weg hin steckte ich den Brief an Mosse in den Kasten; ich rede mir nun einmal ein, es müsste etwas werden, – ohne es sehr zu wünschen; Vielleicht grade deshalb habe ich diese kuriose Gewissheit. – Rudi schrieb einen merkwürdigen Brief von dem was er während der Krankheit Helenens erfahren hat. Er ist wieder 5 Predigten weiter. Ich kriege sie und dann ihr, und dann müsst ihr die 10 nach Leipzig an O.Viktor schicken. – Ich habe nun doch sachte mit der Logik angefangen, ohne mich aber schon recht für “andrer Leute Kinderchen” interessieren zu können. Gestern Abend habe ich mit Jonas eine ganze Menge Baalschemgeschichten aus einem der Warschauer Kolportagehefte gelesen, dabei zwei unmittelbare Vorlagen Bubers (nämlich zu Der Fürst des Feuers und Die Predigt des neuen Jahres); sie werden Buber kaum in viel andrer Form vorgelegen haben; danach ist seine Umarbeitung ganz legitim; er hat den ganzen Inhalt einfach übernommen, hat dann aber die katholische Theorie darüber ausgegossen, die in den Geschichten nicht drinsteht weil sie darin vorausgesetzt wird; der Leser von heut und hier, der diese Lehre nicht kennt, kann die Geschichten nur so richtig verstehen. Buber sagt also nicht zuviel, wenn er seine Stellung bezeichnet als die des nacherzählenden Enkels. Eigentlich sollte ich dir mal eine Geschichte übersetzen, aber es hat ja Zeit bis Säckingen, wo du das Buch von Buber da hast. (Hast du es eigentlich?)

Heut Abend habe ich (vor Mutter, Jonas, T.Rosette und – Gotthelfts) “Deutschlands Staatseigenschaft” vorgelesen und grosses Wohlgefallen, aber – wie mir schien – kein Nachklingen erweckt. Mir selbst schien es auch bei diesem zweiten Lesen irgendwie unausgeglichen. Mindestens müsste er es für den Druck noch etwas glätten und einige Gelenkstellen deutlicher herauspräparieren; es sind nicht alle Übergänge durchaus überzeugend.

Hoffentlich bist du noch zu einem Brief an Mutter gekommen. Wie sie nun ist, vermisst sie ihn doch.

Und ich – ich “vermisse” ihn auch, den täglichen Brief. Kommst du morgen früh?

?———— Dein

20.III.[19]

Liebes Gritli,

heut früh kam euer Brief an Mutter und anschliessend daran grosses Herzausschütten. Also, sie hat vom ersten Augenblick an gewusst, du würdest nach Berlin kommen! hat am Tag meiner Abreise einen Brief an uns ins Hotel geschrieben, um uns zu empfangen! den sie dann aber wieder zerrissen hat. Durch den Streik war sie nur wenig irre geworden, weil sie überzeugt war du würdest ein Auto nehmen oder sonst irgenwie herauskommen. Ich war wirklich nahe daran, ihr die Wahrheit zu sagen, weil sie es jetzt wohl ertragen hätte und weil sie es möglicherweise doch einmal erfährt (wissen Ehrenbergs dass du in Berlin warst?); ich liess es aber doch; ich liess sie ausreden, stritt nichts ab, mokierte mich über ihre Kombinationsgabe, und brachte sie dadurch sachte dazu, dass sie nun selber nicht mehr daran glaubt. Aber ein schlechtes Gewissen hatte ich doch. Sie fühlt sich so hintergangen. Dass sie selber mich zu diesem Hintergehen zwingt, ändert ja eigentlich nichts daran. Es war sehr peinlich wie sie zuletzt, nachdem sie anfangs sehr eklich zu mir gewesen war, so eklich dass nur mein böses Gewissen und der Zwang nichts merken zu lassen mich kühl sein liess (kühler als sonst wenn ich mich im Recht weiss), also zuletzt sah sie ein, dass sie mir Unrecht getan hatte in diesem Fall! und revozierte und war wie ein kleines Mädchen, da hätte ich es ihr gern gesagt. Die Mischung ihrer Gefühle gegen dich ist ganz bunt. Die Hauptsache: sie hat sich nun mal wieder für einige Zeit ausgesprochen. Und ich glaube, wir lassen dies “unsern letzten Betrug” sein und versuchen es “das nächste Mal” ihr gegenüber mit Offenheit, ihr Verdacht ist zu wach; sie ist eigentlich, ausser wenn ich mit ihr in einem Zimmer bin, keinen Augenblick sicher, dass ich nicht mit dir zusammen wäre – und eigentlich stimmt das ja auch. Es stimmt sogar wenn ich mit ihr im gleichen Zimmer bin.

Heut also war ich mit dir an der Cohenschen Logik, auf der Bibliothek und bei Prager.

Und dazu kam nachmittags dein erster Brief. Du nennst Bassermanns Hamlet christianissimus, ich empfand ihn damals als stark renaissancehaft (in dem Sinn, dass er ihn nicht auf fin du siècle spielte, sondern auf die neueren Jahrhunderte überhaupt).

Ich adressiere wohl noch eimal nach München. In Säckingen “sehe” ich euch noch nicht auf dauernd. Aber in Leipzig glücklicherweise auch nicht mehr. Und wo nun? ich bin fast ungeduldiger über eure Zukunft als ihr selber wohl. In Säckingen könnte man sich verliegen[?]. Aber ein Hausstand? Heidelberg”??????? Ich weiss nicht wie ich auf Heidelberg komme. Vielleicht entscheidet sich jetzt allerlei bei den beiden Ms, dem katholischen und dem protestantischen.

Du bist ja selber auch ein M! Leb wohl du liebes M, – du Meine, leb wohl bis auf Morgen und wieder auf Morgen und so fort – was ist das ganze Leben eigentlich weiter als ein solches: auf Morgen.

Alle Morgen

Dein

21.III.[19]

Liebes Gritli, ich schreibe auf der L.bibl. – ich habe mir mal die Notkerschen Psalmen bestellt, ich war neugierig.

Heut vor einem Jahr fing Ludendorf seine Offensive an!

Unsre Beängstigungen über den Redakteur kreuzen sich. Trotzdem – ich durfte es doch nicht lassen. Schliesslich ists ein Versuch. Geht es nicht, so komme ich schon wieder heraus. Das andre aber: zu fürchten, dass es geht – und das fürchtet man ja wenn man mich “zu schade dafür” findet – das will ich grade nicht. Ich nenne übrigens “es geht” nur, wenn es mich nicht ganz beschäftigt. Ich kann ja da nur etwas leisten, wenn ich ausserdem noch zu mir selbst komme. Von Nichts kommt Nichts.

Mutter hatte heut auch einen Brief von dir. Die Frau Paul Hofmann ist heut eingezogen (unser Hausfüllsel), sie gefällt mir schlecht.

Weshalb wohl Beckerath alles zunächst kleinmachen muss. Ich gebe ihm einfach nicht das Recht, Hans zu karikieren. Es ist ein Stück Ressentiment bei ihm darin. Er fühlt sich nicht qualitativ, sondern quantitativ angegriffen; er spürt in solchen Fällen im andern nicht das Anders sondern das Mehr als er. Wäre er länger mit Hans zusammen, so würde er sich eines Tages gefangen geben; er hat eben nicht die Vorstellung, dass es seine Aufgabe ist den andern zu entdecken, sondern er wartet bis der andre sich ihm expliziert. So war es jetzt mit Eugen. Mir hat er ihn nicht glauben wollen. Er ist ebensowenig ein Psycholog wie er an Menschen vor dem “Kennenlernen” glauben kann. Und beides, der Unglaube und die Unkenntnis hängen hier irgendwie zusammen.

Ich wollte dir noch mehr schreiben, ich bin aber ganz müde und abgespannt.

Der Notker ist nicht leicht zu lesen, weil der Kommentar überall den Text durchwächst, sodass man ihn kaum herauslösen kann. Und auch weil gar keine Erklärungen zu den schwierigen Worten dabei stehen.

Ich bin jetzt in der Logik wieder durch die Einleitung durch. Ich kann ihn scheints noch weniger lesen als vor dem Stern. Er ist ein arger Idealist.

Bei Eugens Vortrag haben die Juristen doch vor allem gegen seinen Rechtsbegriff revoltiert, der eben mehr der Rechtsbegriff des Richters als des Anwalts ist. Daher Jacobis Einwand mit dem Herrgott. Für ihn ist die Rechtswissenschaft die Schule der Anwälte.

Steiner plädiert also für Einbau des Rätesystems in die Verfassung, wenn ich recht verstehe. Das hätten wir doch auch unterschreiben können.

Verzeih mein Durcheinander.

Gute Nacht — liebes Gritli

22.III.[19]

Liebes Gritli, ich vergass, die neuen Predigten ab 41 gehen nicht nach Leipzig weiter, sondern an Hans. Eben habe ich grade wieder eine Folge gekriegt, die schon tief in den August 14 hineinführen. Dieser Brief geht nun schon, wenn nicht etwa heut noch Gegenbefehl kommt, nach Säckingen. Dabei fällt es mir auf die Seele, dass ich noch gar nicht wieder geschrieben habe, seit ich dort war. Vielleicht tue ichs noch. – Bertha Strauss ist hier und kommt heut Nachmittag zu uns. Sie fragte schon am Telefon, ob ich nach Berlin geschrieben hätte; sie waren ja beide sehr weg von dem Gedanken. Sieh: was sollte ich denn tun? du sagst, das Wichtigste ist das Nebenher. Mag sein, aber ich musste und muss mich davon befreien, es nur als Nebenher zu behandeln. Auch “Nebenher” kann (und muss es sogar) bleiben. Aber nur Nebenher – das ging nicht mehr. Es ging nicht mehr, schon seit 5 1/2 Jahren. Und inzwischen sind nun 5 1/2 Jahre verstrichen. Soll ich noch einmal anfannge, den Mund zu spitzen, um dereinst zu pfeifen? Ich muss etwas ergreifen, wo ich sofort mit Pfeifen beginnen kann. Zu allem andern brauchte ich noch Vorbildung, viel Vorbildung. Ich weiss wohl ziemlich viel, aber ich kann noch erschreckend wenig. Wollte ich – um es nur mal zu sagen; geträumt habe ich vor 5 Jahren ja natürlich nur davon – also wollte ich Rabbiner werden, so würde das drei Jahre Studium bedeuten. Und zuletzt – was wäre ich dann? Stünde ich nicht schliesslich in den selben Schwierigkeiten wie als Zeitungsredaktör auch? Eugen sagt, man kann nicht täglich von 8-9 bekennen. Aber grade das muss man, müsste ich jedenfalls und müsste es in jedem derartigen Beruf. Davor allein, vor diesem Wöchentlichen und Zwangsmässigen fürchte ich mich ja auch bei der Zeitungsredaktion. Geht es gar nicht, so brenne ich eben wieder durch. Aber warum soll es eigentlich nicht gehn. Ich werde weder das Goethe = Jahrbuch nebenher zu redigieren haben, noch Vorlesungen an der Universität zu halten. Vorträge, Kurse u.s.w. werde ich mir so einrichten, dass ich sie z.T. nachher in der Zeitung drucken lasse. Denk auch mal, wie viel Rade noch tut ausser die Chr. Welt schreiben.

Wäre nun der Krieg nicht gekommen, so stünde ich heute ja schon mitten in etwas drin. Ich wollte ja nur den Hegel noch zu Ende schreiben. Den Antibuberaufsatz “Atheistische Theologie” schickte ich damals an das Jahrbuch mit einem Begleitbrief, worin ich schrieb, es wäre mir ganz recht, wenn sie ihn mir refüsierten, denn ich empfände mich auf diesem Gebiet noch nicht als veröffentlichungsreif. Und dennoch war ich bereit, schon anzufangen. Nun kam mir das Gnadengeschenk der Kriegsjahre. Gelernt habe ich wenig in der Zeit, nicht mehr als etwa in 2 Friedensjahren (höchstens), aber Zeit zum Reifen war es voll, dafür waren es wirkliche 4 1/2 Jahre, nicht weniger. Beweis: *. Ich habe ja die Kriegszeit immer so empfunden für mich, als eine Wartezeit, ein Geschenk auf das ich gar nicht gerechnet hatte, ein Nocheinmalatemschöpfen vor der grossen Arbeit. Soll ich nun wo die Arbeit anfängt, nocheinmal “verschnaufen zu müssen behaupten”. Ich will den Schluss des * nicht umsonst geschrieben haben.

Wenn die Antwort aus Berlin negativ ist, oder wenn sich im Laufe der Verhandlung herausstellt, dass ich es nicht annehmen kann (also z.B. wenn M. etwa eine zulange Probezeit verlangt, – bis zu einem halben Jahr würde ich allenfalls gehen) (oder wenn er nicht darauf eingeht das Spaltenhonorar für Mitarbeiter von 2 auf mindestens 8 M zu erhöhen, was freilich pro Jahr fast 5000M Mehrkosten bedeutet), – so greife ich eben nach irgend etwas Kleinkreisigem, einem Vortragszirkel oder so. Aber ich meine, es wird etwas werden; ich habe so das Vorgefühl. Fang ichs dann an, so ist es sicher nur – ein Anfang. Darüber kannst du ganz gewiss und beruhigt sein. Ich bleibe nicht “darin stecken”. Vor dem Wort “Journalist” brauchst du nicht scheu zu werden. Denk doch wieder nur an Rade.

Ich mache den Brief in einem Wirtshaus bei “Musik” fertig, weil ich grade nahe beim Bahnhof bin. Ich gehe vielleicht noch zu Pragers. Ich glaube der Brief wird in Säckingen auf dich warten müssen. Es geht mir diesmal seltsam mit dir. Du bist in zwei gespalten wie die Goetheschen Besen. Von dem einen bin ich überhaupt noch nicht fort, ich bin noch in Gedanken mit diesem Dir in Berlin zusammen, es hat sich gar nicht geändert. Aber dafür bin ich mit dem andern Gritli, dem Dir, das jetzt in München ist, eigentlich ganz fühlungslos, ich bin gar nicht “bei dir” diesmal – du musst es eigentlich meinen Briefen anmerken -, ich bins gar nicht, weil du noch zusehr “bei mir” bist. Das Zauberwort, das das “bei dir” und das “bei mir” wieder zu einem macht, ist mir abhanden gekommen. Es ist aber ganz schön so

— Dein.

23.III.[19]

Liebes Gritli, eben kam das Telegramm. Nun ist schon ein Brief nach Säckingen, der wartet nun dort. An dem Telegramm habe ich übrigens etwas erfahren; ich dachte nicht, dass es von euch wäre, ich meinte, es wäre von Berlin, und ich bekam einen Schreck, ich müsste kommen. Ich bin jetzt wieder so ein bischen im Lesen drin und möchte mich gar nicht aus dem Haus rühren. – Ausser der Logik lese ich das historische Buch von Heim über den Grund der Glaubensgewissheit bei den Scholastikern, dazu auch ein bischen Thomas, den 1ten Band der Summa theol. habe ich neulich in Freiburg gekauft. Und dazu allerlei. Die Baalschemgeschichten. Hier nun wirklich eine: Einmal am Vorabend von Pesach ist der heilige Baalschem sehr eng gewesen und er hat nicht gehabt kein Geld zu kaufen alles was ein Jud gebraucht auf Pesach. Sitzend so verklärt (= in Gedanken) kommt zu ihm plötzlich herein eine Frau und sie verehrt ihm sehr ein grosses Geschenk, was ist genug gewesen auf ‘n ganzen Pesach, und das hat in ihm erweckt eine ungeheure Freude, dass er hat sie gefragt, was für einen Segen sie will von ihm. Sie hat ihm erzählt, dass es ist schon 10 Jahr nach ihrer Hochzeit und sie hat noch kein Kind nicht geboren; und weil die grössten Doktoren haben fest beschlossen, dass sie bleibt eine ewige Unfruchtbare, will sich ihr Mann von ihr scheiden. Hörend ihr Weinen hat sie der Baalschem getröstet und ihr versprochen, dass noch in dem Jahr wird sie haben ein Kind. Die Zusicherung hat im Himmel gEmacht einen ungeheuren Lärm, dass er erlaubt sich oft zu verändern die Natur; und ein Engel hat ausgeschrieen, dass dadurch verliert der Baalschem seinen ganzen Anteil an der künftigen Welt (also seine ewige Seligkeit). Wie der Baalschem hat das gehört, ist er sehr fröhlich geworden und hat mit Courage gesagt: “Jetzt ist wirklich kommen die Zeit, da ich soll anheben zu dienen dem Höchsten in Wahrheit, weil auf einen Anteil an der Künftigen Welt hab ich schon mehr nicht zu hoffen”. Und mit die Wörter hat er gleich still gemacht seine himmlischen Ankläger und man hat seine künftige Welt nicht zurückgenommen und bei Nacht ist sein Meister, Achja ha Schiloni (der ihn im Traum Kabalah lehrt), zu ihm gekommen und ihm erklärt, dass das ist nur gewesen, ihn zu prüfen, ob er wird weiter bleiben bei seiner Frömmigkeit.

Wenn ich erst die Zeitung habe, werde ich der Stenotypistin viele solche Geschichten diktieren, dann kriegst du sie zu lesen. – Da dies doch ein Litteraturbrief wird, so auch noch dies, dass ich die Novellen um Claudia gelesen habe, in den letzten Tagen, und ich finde es ein gutes Buch. Mutter sagte, du hättest es nicht gemocht. Ich finde es gut, wie er aus den Novellen einen kleinen Roman macht und wie die Novellen dabei zugleich alle nur Variationen des einen Themas “und keine Brücke führt von Mensch zu Mensch” sind und wie innerhalb der Novellen jedesmal wieder eine “Novelle” das Zentrum, den “Falken” abgiebt. Jedenfalls ein grosses Kunststück, und in sich viel kompletter als das Ritualmorddrama. – Jonas hat wieder ein sehr schönes Blumenstillleben gemalt, rote, rosa und weisse grosse Nelken in dem langen rubinroten Glas.

Grüss München – ich war seit 1913 nicht dort. Hoffentlich giebts noch was schöneres zu sehen oder besser noch: zu hören, als Machiavell. Seine Staatslehre ist ja im Grunde auch “nur starker Tobak”. Und hoffentlich überhaupt. Ich bin sehr, sehr gespannt. Guten Abend, Liebe – es ist mir immer als müsste ich dich in einer Viertelstunde wiedersehn; diesmal stehen die Kilometer wirklich nur auf der Landkarte.

Guten Abend, liebes Gritli.

24.III.[19]

Liebes Gritli, lieber Eugen,  ich habe also gleich heut morgen die 10 Themen an Hans geschrieben mit einem orientierenden Beiwort. Die “Gegeninstanzen” nehme ich nicht tragisch – was ist ohne Gegeninstanzen? und “planmässiges Arbeiten mit Hypnose” wäre es nur, wenn die Themen Ende und nicht vielmehr Thesen wären, von denen man nur anfinge, um wer weiss wo zu enden. Das Wichtigste aber, das ruhige Wachsen der Bücher, lässt sich nicht erzwingen; wenn etwas anfängt zu kommen, dann muss man ihm eben Zeit und Raum schaffen; aber vorher nichts tun, damit es wächst – also schlafen, damit es einem der Herr gebe – ?? Ausserdem bleibt es ja ein Versuch, ohne alle Konsequenzen ausser den unmittelbaren. Ein Kolleg bedeutet Verpflichtung für ein ganzes Semester. So eine Disputa ist zu Ende, wenn sie zu Ende ist, und es steht ganz bei dir ob du eine neue anzeigst. Ich dächte mir übrigens, du liessest es in Heidelberg darauf ankommen, wie es das erste Mal geht. Wahrscheinlich stellt sich unmittelbar das Bedürfnis heraus, die Diskussion am folgenden Tag fortzusetzen. Jedenfalls immer nur eine These anzeigen. Sie muss wirklich These sein und was der Gegenstand des nächsten Tages ist, darf sich erst in der Diskussion selber herausstellen. Das habe ich auch an Hans geschrieben. – Edith Fromm? will sie mehr als sich totschlagen? Und dafür wäre ja Abitur und Immatrikulation grade recht. Wer Einfluss auf sie hätte müsste ihr doch dies ganze “Etwastreibenwollen” aus dem Kopf bringen. Aber ich scheue jedesmal vor ihr, wenn ich etwas von ihr sehe, so jetzt ihren Brief an Mutter, der gewiss “rührend” war (in dem was sie von sich selber, von ihrem Philosophiehören, erzählte), aber so verzweifelt steif. – Kästners haben Eur. u. die Chr. Ich wusste es neulich noch nicht. (Gelesen hatte es Julie aber noch nicht, als sie die Sätze über dich in ihrem Jahresbericht einflocht). Heut seid ihr bei Müller; ich erwarte mir gar nicht gleich etwas davon; aber doch für irgendwann. – Du hattest Recht mit Hans, aber er denkt ja unwillkürlich für die neue Universität nicht an “Wissenschaft von heut“, sondern an seine Wissenschaft, und wie sehr die von morgen ist, hättest du doch gut sehen können an der Art wie der Wissenschaftler von heut (und der als Wissenschaftler stets “von heut” bleiben wird), Beckerath, noch in der Erinnerung nach einem Vierteljahr darauf reagierte. An der neuscholastischen Universität müsstest du ihm wohl oder übel einen Platz einräumen. Beckerath könnte man freilich nicht dahin berufen. Übrigens allen diesen Sorgen entreisst einen wie stets die Wirklichkeit: die alte Universität kooptiert schon von selbst die Jugend von “heute” in ihre Ordinariate, und speit die Ordinarien der Universität von morgen aus ihren Fakultäten aus. (S. das lebende Bild). – Liebes Gritli, was du von Muth schreibst, von der Kraft zum Dennoch, die ihm ausgegangen ist, hat mich ergriffen, wie Spittlers junge Götter der Ausgang der alten. Denn alles was ich bitten kann und muss, ist

ja nur dass es mir anders geht und ich die Kraft behalte.

Seid gegrüsst und geküsst.

Euer Franz.

25.III.[19]

Liebe – ängstige dich nicht wegen Mutter; wenn sie wirklich mal etwas erfährt, so wird sie etwas Humor dafür aufbringen; du musst doch denken, dass sie im Grunde ja doch ihrem eignen Spürsinn mehr vertraut als meinem Leugnen. Das “Ausgabenbuch” hat sie a tempo gesehen, nämlich die Dresd.Bank hat natürlich jeden Scheck, den sie honoriert hat, gleich an mich mitgeteilt und Mutter hat diese Briefe aufgemacht, (wie sie durfte) und in die Mappe geheftet; das habe ich ihr aber gleich plausibel gemacht: viel Auto und Borchardt und Theater – warum nicht? Aber du hättest ihr mal gesagt, wie gern du mal mit mir in Berlin zusammen sein möchtest, und daher war Mutter ihrer Sache schon ganz gewiss, als ich die Sache mit dem Bradt = Inkognito” anzettelte! Und der Streik hat sie kaum irre gemacht: denn Gritli nimmt ein Auto, oder sie fährt südlich heraus und in einem grossen Bogen – du siehst, sie weiss alles, sie wusste es besser als ich selbst! Die Briefe die ich hierhabe, alle, will ich in ein versiegeltes Couvert tun, ausserdem habe ich ja den Schlüssel zu der Schieblade immer bei mir (sie hat vielleicht allerdings einen zweiten, das kann ich nicht wissen). Du darfst auch nicht denken, es wären so besonders schlimme Bilder in ihrem Kopf; es erklärt sich doch alles aus Eifersucht auf dich und Sorge um mich – das zusammen genügt ja; deine Eltern “und Beckerath” haben beide diese beiden Gefühle nicht, und also regen sie sich nicht auf. Mir ist nur ganz gewiss, dass ich es nicht wieder versuchen werde, sie zu hintergehn; sie ist zu klug und nun zu argwöhnisch. Und das ist dir ja auch klar. Es geht mir ja übrigens genau wie dir, ich habe gar keinen Gedanken an ein “nächstes Mal” und wenn es doch sein wird, ich glaube, wir werden uns gar nicht guten Tag sagen müssen, es ist: wie wenn ich nur mal aus dem Zimmer gegangen wäre. Wie kommt das nur? Ich habe dich lieb ohne alle Sehnsucht. Du bist einfach da. Übrigens langweilst du dich wohl ein bischen “bei mir”: ich arbeite den ganzen Tag, ich lese lese lese und möchte nochmalsoviel lesen, wenn der Tag nochmalsolang wäre. – Einen Brief von Eugen habe ich aus Leipzig nicht gekriegt, nur von dir. Aber Rudi Hallo hat kurz vor dem Streik (und nach meinem Vortrag, also dem 23.II.) an Eugen geschrieben und meint, dass der Brief wohl verlorengegangen wäre. Er war neulich bei mir; es war steif und akademisch; ich liess mir von ihm über Nelson erzählen. – Das Gegenstück zum Hochland (mindestens!) giebt es ja schon: den Buberschen “Juden”. Was fehlt, ist das Gegenstück zur Chr.Welt. Halbmonstsschrift ist allerdings auch noch besser als Wochenschrift.  – Kantorowitzens Aufsatz über Proporz kenne ich in der Urform; er las ihn uns damals in seinem Hausseminar vor. Dass mich Eugen auf Henning und also wieder in die Hegelsche Sphäre lockt, ist sehr brav, aber ich mag noch gar nicht wieder.

Du schreibst mir etwas, worauf ich dir mit keinem Wort antworten kann, weil es einfach wahr ist. Es begleitet mich den ganzen Tag. Nimm mich an dein Herz und lass mich Dein sein.

26.III.[19]

Liebes Gritli, heut geriet ich in den *, das Maschinenmanuskript, und habe in Einl.I, I 1 und II 2 richtig gelesen. Es war doch schön, obwohl freilich nicht leicht. Ich kam darauf durch den Heim, den ich lese; er handelt breit von dem Gottesbeweis Anselms v.Canterbury, den Kant widerlegt haben soll; ich wusste nur noch, dass ich etwas darüber geschrieben hatte, konnte mich aber gar nicht mehr besinnen was; so sah ich nach. Es war wirklich schon beinahe wie das Buch eines andern. Nun habe ich es in Schnellhefter gelegt (zum Klemmen, nicht zum Lochen), da kann man richtig drin blättern wie in einem Buch. Ich möchte dir nur von Büchern erzählen; ich lebe jetzt darin. Mit den Baalschemgeschichten bin ich leider durch; ich muss versuchen noch andre zu kriegen, obwohl es hier in Deutschland nicht leicht sein wird; ich lese jetzt ein Traktätchen über die Kraft des Gebets (oder vielmehr des Bekenntnisses), die Erlösung herbeizuzwingen; es ist moderner im Ton als die Legenden. Heut früh ging mir durch den Kopf, wenn ich im Sommer doch nochmal an den Hegel gehen muss, dies Muss irgendwie auszumünzen, etwa Vorträge über ihn zu halten oder so; ich muss mich ja einfach zwingen, mich nocheinmal ein paar Monate für ihn zu interessieren. In Berlin etwa müsste man doch leicht aus den vielen von der Universität ausgesperrten Studentinnen Hörerinnen gewinnen. Mutter dachte übrigens neulich an dies Publikum für Eugen, aber das ist natürlich ein Missverständnis, denn denen würde er es noch weniger zu Danke machen wie den Studenten. Ich könnte das grade, und wäre dabei gezwungen, Litteratur zu lesen und dergl. Aber es ist nur eine Idee.

Der Neubauer, von dem ich ein Buch (“Bibelwissenschaftliche Irrungen”) gelesen habe, heisst wirklich Jakob und ist es also. Das Buch war gut, wenn auch zu “katholisch”. Dass ichs kannte, durfte er annehmen, denn der “Centralverein dtscher Staatsbürger jüd. Glaubens” hat eine Anzahl Exemplare den Feldrabbinern zur Verteilung überwiesen.

Du schriebst neulich vom Isenheimer Altar und den Reproduktionen. Als ich ihn zuerst sah, gab es wohl noch gar keine. Es war 1906. Hans hatte ihn gesehn und mir gesagt, ich müsste auf jeden Fall hin. Der Eindruck war dann wirklich so unmittelbar, wenigstens bei der Kreuzigung. Wie du schreibst: dass es mit Kunst gar nichts mehr zu tun hatte; und das “haben” nun die Franzosen. Die Kolmarer haben es auch 100 Jahre bald gehabt, ohne zu wissen was sie hatten; ich denke, seit der franz. Revolution.

Was sagt Eugen zu Ungarn? ich meine nicht zu Ungarn, sondern zu Deutschland und Ungarn. Müsste man nicht doch Bolschewist werden?

Hab ich dir eigentlich schon geschrieben, dass das jüngere (1 1/2jährige) Kind von der Grete Hoffmann, im grossen Gegensatz zu seiner 4jährigen Schwester, ein ganz famoses Fräuleinchen ist. Wir sind alle ganz verliebt. Es spricht noch kein Wort, ausser nànà und dàdà, aber mit diesen beiden “Urworten” bestreitet es den ganzen Kreis von Ausdrucksmöglichkeiten. Über sein Gesicht geht es immer wie plötzliche Beleuchtungs-wechsel über eine Landschaft, und immer ganz überzeugend und unwiderleglich.

Dieser Brief geht wieder nach Säckingen. Und morge kriege ich einen Brief von dir, worin steht, ihr bliebet noch bis Anfang nächster Woche in München. Ein bischen gern wäre ich doch mit. Aber wirklich nur ein bischen.

Mehr als ein bischen, mehr als viele Bischen

– Dein

27.III.[19]

Liebes Gritli, es ist spät. Mutter ist in einer ihrer Sitzungen – sie ist eigentlich fast den ganzen Tag unterwegs, Jonas war in einem Vortrag, ist eben zurückgekommen, ich habe mich aber in den Zwischenstock verflüchtigt, um dir zu schreiben. “Mein” Zimmer oben kriegt mich überhaupt nicht zu sehen, es bleibt dein Zimmer, ich kann mich einfach nicht daran gewöhnen. Wenn ich fortgehe, nehme ich ja wohl die Büchergestelle mit und den Schreibtisch wohl auch. Er ist so unangenehm stilvoll, und wenn man selber gar nicht (gar nicht mehr) stilvoll ist, so ist das eine so unbequeme Mahnung. Nachmittags (ehe ich zu Prager ging, da bin ich jeden Montag und Donnerstag von 7-1/2 9) waren Mutter und ich bei Paul Franks zum Thee. Es war sein jüngerer (ca 30) Bruder da, ein sehr hässlicher, grundanständiger, eigentlich kindlicher Mensch. Er erzählte in grosser Naivität und Ehrfurcht von dem, was er unter polnischen Juden im Krieg erlebt hatte. Dabei von Haus aus gänzlich entfremdet. Es war scheusslich, wie er, besonders von Ida, bespöttelt wurde. Dies Geschlecht verdient den Zionismus. Ich konnte gar nichts sagen, es schlug sich mir so auf die Stimmung (die vorher durch Waffeln, richtige Waffeln! und mittags durch Kartoffelklösse!) sehr hoch gehoben war. Herr Strattiner war dann ein richtiger Trost. Wenn es sich herausstellen sollte, das ich etwas länger hier bin – ich habe von Berlin, weder von Mosse noch von Bradt, bisher ein Wort – so würde ich privat bei ihm lernen. Für die Anfangsgründe geht es nämlich wohl nur mit Einzelunterricht, wie bei Musikstunde.

Die 1 1/2 Wochen die ich hier bin, bin ich doch nun noch bei niemandem gewesen! Ich hocke den ganzen Tag über Büchern. Mit der Logik bin ich noch nicht halb durch. Sanskrit habe ich – seit heut vor einem Monat als ich zu dir fuhr – nicht mehr wieder gelernt. So könnte ich immer weiter leben – es ist ein kurioser Gedanke. Es geht ja doch ein Gelehrter an mir verloren; ich merke es jetzt wieder.

Ich las heut wieder im *; es geht so bequem, jetzt wo er geheftet ist. Aber stylistisch ist vieles doch sehr verbesserungsbedürftig; ehe ich ihn nochmal abschreiben lasse, müsste ich ihn nochmal ganz durchgehen. Und dann nochmal Korrekturen lesen! es ist wirklich soviel Arbei, als ob ich ihn drucken liesse. Leicht ist er übrigens wahrhaftig nicht. (Ich las in Einl.II).

Zwei Tage war kein Brief da. Also wart Ihr am Montag in Mittenwald und vielleicht noch länger. Mutter sagt, dass in Holzminden (wo die Kantorowiczschen Produkte aufbewahrt werden) der eine Leiter von den Herrenhutern kommt. Das wäre also wohl etwas. Und eine bequeme Beziehung, eventuell auch eine Gelegenheit, das Terrain erst einmal so zu rekognoszieren und nicht gleich mit der Türe ins Haus zu fallen, wäre da. – Der Weg nach Holzminden geht über Kassel. Es lebe die Geographie!

Dein und Euer Franz.

28.III.[19]

Lieber Eugen, über Spengler schreiben werde ich auch, wenigstens wenn ich “meine Zeitung” kriege. Lesen werde ich ihn aber wahrscheinlich nicht. Diese Entdeckungen spannen mich gar nicht. Selbst nicht die vom Pantheon (die doch wahrscheinlich übrigens von Strzygowski ist). Ich habe mich wirklich, bei Breysig und Lamprecht, schon damit auseinandergesetzt. Seitdem wünsche ich diese Art der Geschichtsansicht, weil sie ehrlich = heidnisch ist und mit dem Christentum nicht (wie die Hegel = Rankesche) konkurriert. Ich habe 1910 darüber einen Brief an Rudi geschrieben der in einen sehr überhitzten Aufsatz (Typus Baden = Baden) ausartete. Die Wissenschaft muss qua “Wissenschaft” darauf verzichten, “Gott in der Geschichte” zu finden (oder selbst auch nur “zuweilen den Finger Gottes in ihr”); dass sie es qua Wissenschaft sich zutraute, war die Hegel = Rankesche Überhebung des Idealismus. In Lamprecht = Breysig = Spengler lernt sie nun fortiter peccare. Die Geschichte war doch nur deshalb die Modewissenschaft des 19.scl. geworden, weil sie sich für Offenbarungsersatz anpries. Wir können nur wünschen, dass sie das verlernt. Und nun hat sies verlernt. Dass Spengler persönlich seine Wissenschaft und sein Leben auf zwei getrennte Blätter registriert, das spricht – wenigstens für seine Wissenschaft. Ich müsste meinen I.Teil nicht geschrieben haben, wenn ich das nicht begrüssen sollte (ich meine: das mit der Wissenschaft. Spengler selbst wäre dabei freilich – wenn man oben so konsequent richtete, absit! – ein rechter Höllenbraten). Entsinnst du dich nicht meines “Übergangs” mit den vielen Vielleichts? Ich las ihn grade gestern, oder vorgestern wohl, wieder. Das eigentlich Entscheidende ist die Zertrümmerung des Alls in die drei unreimbaren “Gott, der Mensch und die Gestirne”. Wer das gesehen hat, dem kann doch Spengler nur wie eine spezielle Ausführung erscheinen. Was er anzettelt, das bleibt ja alles innerhalb der “Gestirne”. Nachdem das grosse All zerschlagen ist, zerschlägt er auch das eine der drei kleinen, die “Gestirne”.  “Ein schillernder Glanz des Vielleicht liegt über Göttern, Menschen Welten. Grade weil es den Monismus eines jeden dieser drei Elemente im Vollendeten Eins = und Allgefühl ihrer Tatsächlichkeit ganz ausgebaut hat, grade deshalb ist das Heidentum – “Polytheismus” nicht bloss, sondern “Polykosmismus”, “Polyanthropismus”; grade deshalb zersplittert es das schon in seinen Tatsächlichkeiten zerstückelte All noch einmal in die Splitter seiner Möglichkeiten, Die vollgewichtige, doch lichtlose Tatsächlichkeit der Elemente zerweht in die gespenstischen Nebel der Möglichkeit. Über dem grauen Reich der Mütter feiert das Heidentum den farbenklingenden Geisterreigen seiner klassischen Walpurgisnacht.” Die “Wissenschaft” muss verspenglern, ehe du überhaupt verstanden werden kannst. Weil du Spengler noch nicht kanntest, so musstest du ihn in der Zeitrechnung dir für dich inventieren (parcequ’il n’existait pas encore). Die Zeitrechnung, deine, spenglert ja selbst. Wir brauchen alle dieses Sprungbrett, diese Unterlage, diesen “ersten Teil”, diese “Elemente”. (Ich fabrizierte ihn mir 1917 in meiner Vergeografisierung der Weltgeschichte. Wir müssen ein jeder uns die Welt von jenem hausgemachten Schein von Überweltlichkeit befreien, mit dem sie der Idealismus auffirnisste. Das ist der Sinn unsres Kampfs gegen desn Idealismus. Deswegen schreist du nach Naturwissenschaft. Deswegen möchten wir Häckel gegen Hegel aufstellen, wäre er nur nicht so grässlich dumm. Und so müssen wir uns die Arbeit selber leisten, obwohl es nur eine Vorarbeit ist. Gut, wenn uns also Spengler diese Arbeit wenigstens der Universität gegenüber abnimmt. Von den verspenglerisierten Universitäten kannst du dir ruhig Leute nach Köln schicken lassen, von den malgré tout immer noch verhegelisierten von heute nicht. Denn obwohl der Geist längst über Hegel hinaus war, schon seit Nietzsche, so waren es die Kinderschulen des Geists, nein seine Kindergärten, die Universitäten, noch nicht. Sie waren eben noch nicht bei Nietzsche. (Denk an Onkel Viktor, oder Meinecke, oder sonst irgend einen dieser älteren Generation, die doch eben noch regierte). Deswegen darf man Spengler nicht einfach ablehnen. Er ist unser Bundesgenosse. (Das Rätsel ist nur: warum glauben sie ihm, und seinerzeit Lamprecht nicht? Z.T. einfach die neue Zeit, Krieg und Revolution, z.T. auch weil Lamprecht den Fehler machte, seine Ansicht als eine neue “Methode” aufzudrängen, statt als “Entdeckungen”. Zweifel an seiner Methode betrachtet jeder Gelehrte als eine Unverschämtheit und wird grob. Mit “Entdeckungen” muss er sich “auseinandersetzen”.

Du könntest also ruhig nach “Köln” gehen. Grade wenn Spengler, was bei 6 Bänden ja so gut wie gewiss ist, sich Berlin Leipzig Göttingen Heidelberg unterwirft. Die vorspenglerschen Universitäten konnten Köln hochmütig ignorieren, denn sie hatten “Moses und die Profeten”, – Kant und die Idealisten. Aber die nachspenglerschen werden sich selbst so leer fühlen und so finster, dass sie das Licht von “Köln” wenn es zu ihnen dringt, mit Löffeln aufzufangen versuchen werden, um es in ihre Säcke zu verstauen. Und die, die dazu nicht genug Schilda in sich haben, werden sich auf die Strümpfe machen und hinfahren dahin wo das Licht aufging.

Nun noch etwas: wenn einer die Gleichung nomen = numen leugnet, so hat er sich schon von vornherein kompromittiert. Das was er sagt, kann nun einfach nicht mehr stimmen. Wenn ich diese Gleichung leugne, kann ich natürlich alles behaupten, was ich nur will. Ich kann dann – geistreich sein. Geistreich ist jeder, der diese Gleichung leugnet. Man kann jeden Geistreichen kennzeichnen, indem man die Stelle bezeichnet wo er dies Gleichung leugnet. Wenn ich “eigentlich” sage, bin ich schon gerichtet. Mit dem Wort “Im Namen” begann die neue Zeit. Vorher lebte sie in numinibus und wusste nichts von einem Leben in nomine. Cohens dantescher “Humor”, den ich nicht aus dem Buch, aber mündlich kenne, war mir stets nur das Symptom dafür, wie er seine jüdische Unfähigkeit zu Dante vor sich selber vertuschte. Ernst habe ich das (quoad Dante, nicht quoad Cohen) nie nehmen können. Ich will dir nun erzählen, wie es sich mündlich ausnahm. 1918 Januar Spätnachmittag, Hausseminar am runden Tisch, ein paar Damen, “Rosenzweig = Ost”, ein kriegsbeschädigter Leutnant (protest. Theol. + Philos.). ich als Gast. Man las absatzweise seine letzte systematische Schrift “der Begriff der Religion im (Cohenschen) System der Philosophie”, die sehr schwer ist. Er erklärte und besprach nach jedem Absatz. Dabei begann er über die Grausamkeit der danteschen Höllenstrafen zu donnern und zu jammern (beides durcheinander) und das könne man sich nur erträglich machen durch die Annahme des Humors. Ich wurde sehr böse und platzte los, erklärte den Unterschied der per contrarium geschehenden zeitlichen Läuterungsstrafen des Purgatoriums und der per idem geschehenden ewigen Strafen des Inferno an einem bekannten talmudischen Wort “der Sünde Sold ist – die Sünde”. Er wollte es aber nicht wahr haben, fand wohl dass ich Dante zusehr “idealisierte”. Am andern Vormittag war ich allein bei ihm und wir kamen nochmal darauf zu sprechen. Da wurde es ganz deutlich, wie er durch den Begriff “Humor” wirklich glaubte, einen ganz verzweifelten Fall – und so erschien ihm dieser Fall Dante vom Standpunkt der Humanität – allenfalls zu retten. Er war doch immer ein grosser Dichter, wenn auch – nun eben ein mittelalterlicher Christ. Er sprach nocheinmal mit tiefem Entsetzen von Dantes Grausamkeit, verglich sie, ungern, aber doch mit dem Gefühl, auch diesen seinen wahren Heiligen nicht reinigen zu können, mit der ebenso furchtbaren Platons in der Tartarosschilderung der Gesetze und endete tief aufseufzend: Was ist der Mensch –  – (sekundenlange Pause, und dann:) – wenn er ka Jid ist.

So da hast dus. Gritli kennt es schon. Nicht zur Verwendung, aber doch zum Trost und zur Stärkung gegen alle Spenglerschen Humore. Diesen lendemain unter vier Augen, wo die “feine” Unterscheidung von nomen und numen fallengelassen wird und einfach ehrlich nomen gegen nomen tritt und also das nomen so ernst genommen wird wie es verlangen kann, diesen lendemain werden wir ja wohl bei Spengler nicht erleben – obwohl wer weiss, ich glaube wenn er 6 Bände schreibt wird er sich schliesslich auch mal dekouvrieren müssen; das hält ja kein Mensch aus. Aber vorläufig können und müssen wir ihn uns dazu denken, – ich meine den lendemain, und müssen der “feinen” Unterscheidung des nomen und des numen die Kraft entgegenbringen aus der sie selber gekommen ist: die Kraft des – Unglaubens, und zwar eines kräftigen, unbekümmerten, vor während und nach dem Lesen fröhlichen.

Morgen höre ich also von J.M. Ich bin sehr gespannt. Ausserdem etwas eifersüchtig (wirklich!) auf die “Berge”. Aber dieser Brief geht ja schon nach Säckingen, und da bin ich wieder ganz “im Bilde”, in jedem Sinn.

Euer Franz.

29.III.[19]

Liebe, liebe – heut morgen kamen deine zwei nachelmauer Briefe. Es ist sicher gut so, gut auch dass zunächst bei Müller noch gar nichts Bestimmtes herausgesprungen ist. Ich glaube vorläufig noch an ein Gemisch aus allem, was nun vorgekommen ist (Landerziehungsheim vielleicht ausgeschlossen). Also “Köln” (= Muth) und die Disputationsreisen und Joh.M. Denn Müller hat ihn ja nicht bloss wegen Eugen sondern auch für sich selbst mal auf 14 Tage nach Elmau haben wollen. Ich meine, er hat einen starken Eindruck von Eugen gehabt; es kommt mir so vor, ohne dass ich weiss warum. Es ist dann wirklich für zunächst egal, ob protest. oder kath., allerdings nur für zunächst, für die Dauer ist der Fels Petri härter und unbeweglicher als alle Weichheit und Beweglichkeit, die im einzelnen Menschen sein mag, und setzt am Ende seine steinerne Gewalt doch durch. Und deshalb wünschte ich, er überstürzte auch jetzt nichts. Muth ist doch eigentlich in dieser Beziehung nur eine Warnung. Denn um “der ideale protestantische Pfarrer” zu werden (ipsa dixisti!), dazu braucht man nicht katholisch zu werden. Und offenbar doch nur um seine lebendige Seele vor dem erstarrenden Gorgonenblick der Institution zu retten, musste er sich persönlich so von ihr auf seinen persönlichen “Protestantismus” zurückziehn. Im Augenblick ist das alles weit, und wenn man so in der Schmiede, nein gradezu auf dem Ambos des Schicksals liegt wie Eugen in diesen Tagen, so ist freilich für den Augenblick keine Not. Aber auf die Dauer gesehen: ich bleibe dabei, dass zum unmittelbaren Wirken (“Disputa” = Teil des Programms) das Katholischgewordensein gar nicht nötig ist; ganz anders läge es, wenn aus “Köln” etwas würde. Ich sehe die Berufs= (von dir aus gesehen: “Hausstands”=) Seite der Sache eben doch nicht für nebensächlich an; sich auf dem Lande Ansiedeln ist kein Beruf; das ist wirklicher “Protestantismus” im Schimpfwortsinn; – das darf Eugen grade nicht. Sein äusseres Leben, sein Haus, seine Siedelung muss irgendwie καθολικως sein, nur sein Reisen protestantisch. Diese Verteilung braucht er, einerlei ob er vor dem Standesamt protestantisch oder katholisch heisst; ohne sie wäre er als Katholik genau so unzufrieden wie als Protestant. Und seine Tendenz zum Katholizismus ist hauptsächlich das Gefühl jenes Mangels eines Stücks Katholizität im Leben. Müller hat wohl sehr wenig davon gehabt, etwas doch auch; er hat doch so eine Art Sanatorium geleitet, für kranke Seelen.

Ein eigenwilliger Weg – nein das ist es sicher nicht. Du siehst doch wie alle, die ihn kennen ihn darauf drängen; es ist ja kaum ein Schritt aus seiner eigenen Initiative geschehen. Ditha, Mutter, Jacobi, von mir gar nicht zu reden. Es ist mir nun ganz sicher, dass ihr gar nicht lange diesen Sommer in Säckingen bleiben werdet; es wird schon im Sommer irgendetwas kommen.

Es ist Hitze und Kälte nötig im Leben. Gehämmert wird das Schwert auf dem Ambos, solang es weich ist. Aber um geschwungen zu werden, muss man es erst in einen Griff passen; und das kann erst mit dem kalten Stahl geschehn. Nur soviel wollen meine Einwände sagen. Ich traue mir selber für mich jetzt auch nur, weil ich kalt und nüchtern bin bei dem was jetzt kommt, mir gar nichts Besonderes vorstelle, ja die gefährlichen und bedenklichen Seiten der Sache ganz klar sehe. Der Entschluss war heiss, die Tat soll kalt sein. Deshalb musste ich dir neulich auch so kurios ausführlich antworten auf deine Bedenken über meinen “Anfang”; ich habe sie eben durchaus auch, und durchdenke sie ganz gern; ich hatte sie grade in den Tagen sehr lebhaft, wo du schriebst, und werde sie wieder sehr haben, wenns Ernst wird. (Ich habe noch keine Antwort von Berlin, es scheint also ernst zu werden).

Ich habe gar keine Lust, dir nochmal wegen der Novellen um Claudia zu schreiben. Aber – freilich die beiden Leute haben gar keinen Humor, aber der Dichter hat ihn ein bischen und ich Leser hatte ihn sehr stark. Aber ich lese jetzt etwas viel Schöneres: den “andern” Buber, die Erzählungen des Rabbi Nachman. Ich hatte das Buch längst, aber nur die Einleitung und die erste Erzählung gelesen. Die Einleitung mochte ich, aber die erste Erzählung muss ich nicht verstanden haben, jedenfalls schnitt ich darauf die andern noch nichtmal auf. Jetzt lese ich sie mit Entzücken. Offenbar waren sie mir damals micht lehrhaft oder wenigstens nicht pointiert genug und zu undiszipliniert. Ich muss damals noch keinen Sinn für die ganze Breite des Lebens gehabt haben; es war vor dem Krieg. Hast du sie? von zweien las ich anderswo die Originalfassung; Buber hält sich ganz dicht daran, offenbar weit dichter als im Baalschem. Zu der kleinen Geschichte, die ich dir neulich abschrieb muss ich dir nun doch sagen, dass die Pointe auch bei christlichen Mystikern vorkommt (z.B. bei Frau de la Mothe Guyon um 1700).

Gestern Abend war ich mit Mutter und Jonas bei Wätzold, deutsche Graphik im 15.scl., sehr gut und ein paar sehr schöne Lichtbilder; so dass ich heut Abend wohl wieder hingehe. Und du sitzest auf der Bahn und frierst. Grüss das Zimmer (besonders den kleinen goldnen Klex auf dem Schreibtisch) und Eltern und Kinder.

Ich habe euch lieb. Ich bin dein.

30.III.[19]

Liebes Gritli, heut früh rief Bradt an und ich muss also am Freitag aus meinem Hieronymusgehäus, das ich hier grade bezogen hatte, wieder heraus. Schon die Antwort auf diesen Brief schreib bitte Berlin postlagernd Postamt Linkstrasse; ich werde wohl nicht im Regina wohnen, ich habe keine Lust dazu, habe es auch geflissentlich hier überall so schlechtgemacht, dass ich nicht gut selber da wohnen könnte. Da bleibe ich eine Woche und fahre am Freitag d.11ten nach Frankfurt. Vielleicht schliesst sich gleich an die Hochzeit eine Expedition der Berliner nach Frankfurt an, dann bliebe ich etwas dort; sonst ginge ich etwas nach Heidelberg. (Ich habe von Hans noch keine Antwort wegen Eugen; vielleicht hat er ihm direkt geschrieben). Ich gehe mit einem kuriosen Gefühl nach Berlin, so als ob es eigentlich ein Irrtum wäre, weil doch eigentlich du da sein müsstest. Es ist aber kein Irrtum —.

– Mir geht das Wort Beckeraths aus deinem gestrigen Brief nach. Es ist ja selbstverständlich richtig, ich werde am wenigsten etwas dagegen sagen. Diese Verpflanzung des Erlösungsgedanken aus dem gestirnten Himmel der Zukunft in das Erdreich der geschehenen Offenbarung ist ja, mit Beckerath zu reden, “eminent christlich”, ist das Christliche. Und für Beckerath ist hier alles am Ende, selbst wenn er eine Verbeugung vor den Russen oder vor Eugens Parusiepredigt macht. Er kann nicht anders: er muss sich “der Wissenschaft freuen”. Das andre ist ihm irgendwie unheimlich und jedenfalls “nichts für ihn”. Aber Eugen und jeder Christ, der heute am Webstuhl der christlichen Zeit sitzt? Für die alle tritt heute ihr Schonerlöstsein irgendwie in den Hintergrund einer ganz innerstpersönlichen Angelegenheit; dahinein zieht sich dieser Christ, der die Zeichen der Zeit versteht, wohl zurück, zurück aus der Zeit, aber sowie er in die Zeit hineintritt, dann muss er – “jüdeln”. Das ist die grosse Wahrheit an Hansens Begriff des Judenchristentums. Eugen kann sich, obwohl er es eigentlich müsste, nicht “der Wissenschaft freuen”. Er kann Gottes Welt nicht “annehmen’, sondern muss mit Iwan Karamasoff sprechen: Ich glaube an Gott aber ich nehme seine Welt nicht an. Er muss “des Heiles harren” so gut wie irgend ein Jude. Er ist auch (deshalb) nicht“glücklich zu preisen”. Die Christen (die am Webstuhl der Zeit) haben aufgehört, glücklich zu sein. Sie sind in all ihrem Tun Unerlöste, und nur am Sonntag wo sie sich aus ihren Werken zurückziehen und sich auf ihren Ausgangspunkt besinnen, nur da sind sie noch glücklich. Der ganze Unterschied von uns ist nur der, dass sie sich handelnd verzehren, wir leidend. In einer der ersten der Rudischen Predigten steht, es wäre nie so schwer gewesen wie heute, ein Christ zu sein.

Ich will dir ein Gleichnis aus dem jüdischen Büchelchen, das ich jetzt lese, schreiben: das Volk Israel ist gleich einem Kaufmann, der in eine ferne Stadt übersiedeln wollte und verkaufte alles was er hatte und kaufte dafür einen einzigen kostbaren Diamanten. Den steckte er zu sich, denn er war gewiss, dass er in der fernen Stadt dafür alles wiederkriegen würde was er dafür gegeben hatte und mehr. Aber unterwegs – so lange er unterwegs ist, was ist natürlicher als dass er sich nichts kaufen konnte und oft Hunger leiden musste, denn er hatte nichts als den Diamanten und für den konnte er erst in der fernen Stadt sich auf den Erlös Hoffnung machen.

Sollte ich dir das Gleichnis ergänzen, so wäre die Christenheit eine Karawane, die alle Güter und allen Bedarf für die lange Reise und reichlich Kleingeld mit sich führte. So kommen sie unterwegs nicht in Not, sie leben von dem was ihr Herr am Heimatort erworben hatte; teils unmittelbar leben sie davon, teils indem sie mit den Leuten der Länder durch die sie kommen gegen die Erzeugnisse der Länder tauschen. Aber freilich die Reise währt immer länger, das Reiseziel scheint nicht näher zu kommen; ja wo sie sich unterwegs erkundigen nach der fernen Stadt in die sie gesandt sind und wo ihr Herr ihnen Quartier gemacht zu haben versichert hatte, nirgends weiss man etwas von einer solchen Stadt. Und die Versuchung wird gross, sich irgendwo anzusiedeln in einer der Städte, die sie unterwegs berühren, denn ihre Vorräte beginnen auf die Neige zu gehn; niemand weiss ja wie weit der Weg noch sein mag und ob das Mitgenommene reichen wird. Wäre es nicht besser, meinen manche, erst einmal irgendwo zu bleiben und durch Fleiss und Klugheit die Vorräte wieder zu ergänzen; dann könne man sich ja wieder auf die Reise machen. Und noch andre meinen, im Stillen zuerst, doch bald immer lauter: man werde wohl gut tun überhaupt zu bleiben; wer könne denn wissen, ob die Stadt, von der ihnen doch allein ihr Herr gesagt hat und von der in den Ortschaften unterwegs kein Mensch etwas weiss, überhaupt existiert. Aber wieder und wieder, wenn solche Gedanken aufkommen, begegnet ihnen ein Mann, ein Fusswanderer, in vornehmer aber abgetragner Tracht, der sich mühsam und hungrig vorwärtsschleppt, und sein Ziel ist das gleiche wie ihres, und er hat sich gar nicht für den Weg versorgt, sondern verkauft was er hatte für einen Diamanten, den will er am Ziel einlösen. Und wie die Leute der Karawane dieses Mannes Zuversicht sehen, da werden die Kleinmütigen, die sich schon sesshaft machen wollten, still; und der Zug zieht weiter.

Guten Abend liebes Gritli, es war ein richtiger Schneetag heute. Du merkst, ich vertrage das Wir=Ihr = sagen nicht mehr, obwohl ichs doch selbst angefangen habe; ich muss bis dahin klettern wo – nicht Wir Ihr und Ihr Wir werdet (dazu hülfe alles Klettern nichts), aber wo es heisst: Wir und Ihr. Du kommst doch mit bis zu diesem Und? Ich brauche nicht zu fragen; du warst da, solange wir uns kennen und solang ich sage, was ich dir sagen darf: Ich bin Dein.

31.III.19

Liebes Gritli, nun bist du also sicher in Säckingen, denn dass du Freitag und Sonnabend in der Bahn gesessen hast, bestätigt mir in zweitägigem Abstand die Briefpause gestern und heute. So friere ich dir innerlich deine äusserliche Erfrorenheit nach. Und morgen früh kommt dann hoffentlich das Lebenszeichen aus der Säckinger Hauswärme und macht mir wieder warm. Aber das ist natürlich nur ein Spass. Ich kann ganz gut zwei Tage ohne Brief sein, — solange hält es vor, nein sogar länger — voriges Jahr in Mazedonien. Es kommt mir schon viel länger vor wie “voriges Jahr”. – Was sagst du zu dem Zeitungsartikel (Schick ihn bitte zurück, wenn Eugen ihn erst auch gelesen hat). Es steht — aber bitte lies ihn erst mal selber.

Hast du? Also es steht sehr viel drin, alles wieder mit dieser merkwürdigen Fühlungslosigkeit mit dem wirklichen christlichen Leben der Gegenwart und doch mit einem unleugbaren Riecher geschrieben. Die “unveröffentlichte Arbeit von 1910” hat er damals aber doch veröffentlicht: nämlich als Vortrag in Baden = Baden. Ich habe damals dadurch Schweitzer gelesen, denn Hans besuchte mich in Freiburg als er daran arbeitete und trug mir auf, ihm Schweitzer von der dortigen Bibliothek zu besorgen, damit er während der Freiburger Tage weiter darin lesen könnte. Und Rudi wurde bei der Vorarbeit zu diesem Vortrag mit in die Fragen hineingezogen, und daraus und aus Baden = Baden überhaupt entstand der Halbhunderttag. Schön ist die Lehre von der Kirche (auf der zweiten Spalte); das hätte er früher nicht so gesagt; es ist ihm wohl erst seit der Revolution aufgegangen, also seit er hier eine Aufgabe für sich entdeckt hat; erst seitdem beginnt er zu wissen was Kirche ist. Aber nun flucht er auch gleich wacker wie ein ganzes Konzil und ruft im ersten wie im letzten Absatz ein förmliches Anathema sit. Wie hansisch ist der Schluss des zweitletzten Absatzes, wo der anerkannte Vertreter der Bildung dem Volk entgegentritt. Das dogmatische Hauptstück von der Nurmensch-lichkeit Christi gehört auch zu dem, was er jetzt Gott sei Dank nicht mehr Juden-christentum, sondern Ketzerchristentum nennt. Von den 4 Glaubensartikeln des Credo oder vielmehr der Confessio Heidelbergana führt er nur den von der Wiederkehr näher aus, das ist auch bezeichnend – die Zukunft! Dass er in diesem Dogma weniger “Heide” zu sein meint als die Verfasser des Apostolicums, darüber schlage ich natürlich meine jüdischen Hände über meinem jüdischen Kopf zusammen; ich sehe den Unterschied nicht. Ob man einen Menschen ruhig Gott nennt oder ob man ihm das Einzige zuspricht, wodurch sich Gott von allem Geschaffnen unterscheidet, nämlich die Einzigkeit (Einzigartigkeit, Unvergleichbarkeit), das kommt mir ganz auf eins heraus. Das “alte Dogma” hätte da wohl sogar den Vorzug grösserer Deutlichkeit und auch grösserer Unmissverständklichkeit, Hansens grenzt so dicht an Hero = worship, dass er, um sich selber unzweideutig zu erklären, am Ende doch auf eine trinitarische Formel herauskommen müsste – und wohl auch würde. Hier nennt er sich doch übrigens nun wirklich beinahe “Johannes Ehrenberg”, um mit Eugen zu reden.

Mutter ist aus ihrer Sitzung zurück und liest auch noch Hans. Cohens Logik ist übrigens doch ein geniales Buch; ich bin jetzt “drin”.

Gute Nacht – Dein Franz.

 

April 1919

1.IV.19.

Liebe, heut ist schon der dritte Tag. Ich baue sowieso hier ab, lese nur noch wenig – denk, ich wusste nicht mehr wie weit ich eigentlich damals im August die Logik gelesen hatte, nur noch ungefähr; heute wie ich an Seite 394 komme fällt ein vertrockneter Grashalm heraus, den ich damals in der Feuerstellung als Lesezeichen eingelegt hatte; ich hätte dir diesen Zeugen vom Aufgang des * beinahe geschickt, aber es war mir doch etwas zu sehr Reliquienkult; aber verwundert war ich doch; so etwas macht den Abfluss der Zeit plötzlich wie ungeschehn. Geschickt habe ich heute sowieso was, ein Packet mit deinen Lyrikern, dem Schubert für Eugen, der ihn mehr goutieren wird als ich, Papier für dich (aber wenn du mir halbe Wochen lang nicht schreibst, wirst dus so bald nicht brauchen, – böses Gritli) und als Zugabe ein Heft “Ost und West” für dich, aber bitte gelegentlich zurück (es steht allerlei drin, ein beinahe Protrait von – Hedi, ich meine den Zwilling; vor allem der Aufsatz “Lehre der Völker”, der Schluss ist vielleicht Erfindung des Schreibers, aber das Büchelchen selbst natürlich echt, wo giebts das noch in der Welt, wirklich 5 M 4,7 und Umgegend; schön ist auch der erste Aufsatz, und kurios an der Warschauerschen Rezension, dass ihr Verfasser offenbar nicht weiss, dass Heiler auch katholisch ist; das Buch von Heiler muss man übrigens sicher lesen, es scheint etwas ganz Bedeutendes zu sein) (und das Blatt von Budko ist schlecht, schön nur die Buchstaben). Ich wollte, ich hätte “meine Zeitung” erst auf diesem Niveau. Ich habe gar keine Lust auf Berlin jetzt, zumal wohl bis Ende der Woche wieder Generalstreik sein wird. Ich fürchte, es giebt dann auch wieder Briefsperre für uns – “wieder” sage ich, so habe ich mich in meine Lüge gegen Mutter hineingelogen, dass ich eben wirklich selber daran glaubte – nein: nicht “wieder”.

Walter Löbs zweites Kind, die unbändige schöne, ist bei Trudchen zu Besuch seit gestern abend; 15 1/2, wieder sehr schön, noch immer sehr temperamentvoll und klug, ich habe sie gleich für Jonas zum Sitzen engagiert: lila Kleid, rote Farben auf gebräunter Grundlage, tiefschwarzes Haar und riesengrosse strahlende schwarze Augen. Sie kommt aus der Odenwaldschule. Die Lehrer sind teils keine geprüften. Der Leiter, Geheeb, wird von den Kindern beim Vornamen geduzt. Gertrud schwärmt von ihm und überhaupt, – trotz hauptsächlicher Breinahrung.

An die Frau Hoffmann haben wir uns ganz nett gewöhnt; sie ist eigentlich weniger langweilig wie ihr Mann, freilich, wie Mutter sagt, “auch nur Subjekt und Prädikat”.

Liebe, ich sehne mich so nach deinen Adjektiven, Attributen und adverbialen Bestimmungen – schreib schreib schreib. Schreib schnell, ehe Spartakus uns voneinander absperrt. Ich bin heut beim Aufräumen ein gute, nein eigentlich keine gute, Stunde in ein bald 10 Jahre altes Stück vergangenes Leben zurückgekrochen, als ich wieder herauskam, standest du da und gabst mir deine Hände. Ich küsse die geliebten beiden, ganz und jeden Finger besonders – und den kleinen noch ganz besonders, und bin

Dein.

2.IV.[19]

Liebe geliebte heut früh lag dein Brief da, du schreibst nichts mehr von dem Besuch bei Muth am Donnerstag, ist da nichts mehr geschehen? Es ist fein, dass Hans gleich auf die Idee eingeschnappt ist. Und Werners Zeitschrift wäre ja wieder eine neue Gelegenheit, die sich übrigens mit Cöln sehr schön kombinieren liesse; ich glaube vorläufig noch an ein Mit= und Durcheinander aller der Möglichkeiten, die sich nun in diesen Wochen aufgetan haben. Aber dein “Beitrag” dazu muss ein “Etwas” sein und kein “Nicht” – um Himmelswillen, wie kannst du oder wie konntest du so einen Gedanken haben, dass Eugen um seiner Wirksamkeit willen ohne “Haus” bleiben müsste; dann hättet ihr nicht heiraten dürfen; es giebt keinen Mittelstand zwischen Ehe und Ehelosigkeit, und wenn die Zeit heut diesen Mittelstand geschaffen zu haben scheint – und es scheint allerdings so – um so schlimmer dann für die Zeit. Für uns ist das nichts. Das ist “Hans und Else” oder die von Philips eingesegnete Ehe. Nein du musst tun was du von dir aus tun kannst. Aus diesem Grund vielmehr als aus dem andern. Denn die Doppeltheit der Organe ist wohl bloss eine Schutzmassnahme des Lebens gegen seine eigene Verfeinerung und Verdifferenzierung. Ursprüngliche Organe sind Mädchen für alles und können gegeseitig noch ihre Geschäfte sich abnehmen. Höher hinauf spezialisieren sie sich mehr und mehr jedes auf sein eignes Geschäft. Jetzt wäre der Leib ein furchtbar zerbrechliches Wesen, wenn nun diese Differenzierung bis ins Letzte ginge (so wie es der Mensch mit seinen Händen ja gemacht hat). Die Natur aber hat da ein System von Stellvertretern eingerichtet, die sich gegenseitig vertreten können. Damit sie aber beide im Gebrauch bleiben, teilen sie sich solang sie beide da sind in die Arbeit und erst wenn eins allein zurückbleibt, übernimmt es schlecht und recht die Arbeit des andern mit.

Liebes, ich werde allerdings nach England fahren aber “ohn Verlangen” und ohne Erwartung. Ich muss das nur hinter mich kriegen. So wie ich jetzt daran denke, nämlich bloss in der dritten Person, – so darf es nicht bleiben. Denn ich denke freilich immer daran, aber ganz bloss äusserlich. Würde ich – so ist es! – heute hören: sie hat sich verlobt, so wäre ich nur zufrieden. Wird es anders, wenn ich sie wiedersehe, nun dann – aber jetzt habe ich das Gefühl, als würde sich gar nichts regen. Manchmal steigt mir ein Bedauern auf, dass ich damals im Winter 13/14 in Berlin nicht zugegriffen habe; aber wie könnte ich auch das im Ernst bedauern; ich sag es dir nur, um dir zu zeigen, wie wenig die innere Nadel noch nach London zeigt. Dass ich dennoch hinfahren muss, ist nur weil ich so bestimmt unter dem Gedanken stehe, dass ich mich “1919” verloben werde; und daran würde mich ein ungelöstes Londonproblem hindern; deshalb muss es so oder so gelöst werden, durch Lösung oder Bindung, einerlei. Wie das dann für dich und mich wird, das kann ich nicht denken, heute. Du magst Recht haben, dass es zuerst unmöglich für sie, für jede Sie, sein würde. Aber auch das ist ja nur ein Gedanke. Er kann sich mir nicht hemmend an den Fuss heften. Das hat uns beide, jeden für sich, das Leben gelehrt, dass es im Leben nur ein Vorwärts giebt und dass alles scheinbar Unmögliche nur dadurch möglich wird, dass man es – verwirklicht. Wir können uns einander gar nicht anders bleiben, als indem wir uns lassen, immer aufs neue, und uns immer aufs neue wiederfinden. Würden wir bleiben wollen, express, so würde uns die Planke des Lebens unter den Füssen wegtreiben; wir müssen auf der Planke stehen bleiben, jeder auf seiner, aber so wird uns das Leben nicht auseinander führen, sondern immer wieder zusammen. Liebste Seele, war es denn je anders, ist es denn heut anders? Reisst uns nicht jeder Augenblick voneinander, und läge ich dir Herz an Herzen; und führt uns nicht jeder Augenblick, wenn wir uns lieben und weil wir uns lieben, wieder zusammen?

Ich liebe dich —–

3.IV.[19]

Liebes Gritli, also ich fahre nicht nach Berlin (ich werde an das Postamt Linkestrasse telegrafieren, dass sie mir deinen etwaigen Brief zurückschicken; ich war so ganz ohne Lust; es wäre doch nichts als Paragrafenformuliererei geworden und die ist mir so gleichgültig. Auch aus Heidelberg im Anschluss an Frankfurt wird nichts, denn Hans und Else gehen nun doch nach München; so bleibt Frankfurt der einzige (vorläufige) ruhende Punkt. Es ist schade; von Heidelberg wäre es vielleicht nah nach Säckingen gewesen. Ein bischen ist es auch um das Zusammensein mit Hans schade. Obwohl ich ja Eugens Abwehrgefühle gegen ihn auch habe; du bist die einzige die ihm wirklich glaubt (Rudi allerdings wohl auch). Es ist ja vielleicht jetzt bei mir einfach etwas Missgunst, dass er schon so mittendrin ist und ich bin noch immer vor dem Tor. Die Akademie empfinde ich ja jetzt gar nicht mehr als meine Sache, seit sie so vornehm und gelehrt geworden ist.

Gestern Abend waren Jonas und ich bei Trudchen. Das Loebkind war ganz hinreissend. Es erzählte und zeigte viel von der Odenwaldschule. Das Beste scheint das Nebenher zu sein, z.B. die ganze Maria Stuart (ungekürzt), Don Carlos, jetzt der Avare französisch. Kostüme vom Frkfurter Theater; die Leistungen z.T., wie Gruppen-fotografien zeigten, ausserordentlich. Der Unterricht selbst wird von den Kindern ebenso abgelehnt wie an andern Schulen auch. Eine Religionstunde von Geheeb selbst lernte man aus einer momentfotografischen dramatischen Szene kennen; viel Auswendiglernen von Sprüchen (statt “Himmelreich” “Reich der Himmel” weil es doch basileia twn oujranwn heisst!), wogegen die Kinder passive Resistenz üben. Einen Jungen, der sich nur für Elektrotechnik interessiert, weckt Geheeb aus dem Schlaf: Jesus hat zwar für die Elektrotechnik nicht das mindeste geleistet, aber du kannst doch aufpassen. Die Besprechung offenbar so phrasenhaft drüberstehend wie man sichs schon nach “Reich der Himmel” nicht anders erwartet. – Trotzdem natürlich für die Kinder herrlich, eben durch das Nebenher.

Du fragtest gestern nach dem Bodensee? Ich bin ja auf deine Berge nur deshalb eifersüchtig weil ich sie nicht mitlieben kann, ich liebe sie nur exzentrisch (in jedem Sinn), (ich empfinde die Zeiten wo ich sie geliebt habe, nachträglich als verstiegen – ein sehr passendes Wort hier). Deshalb war ich froh als du den Bodense mehr liebtest. Da bin ich ganz bei dir. Ich weiss nichts Schöneres, etwa noch neben dem Vierwaldstädter (wo ich mich immer über das Haus des Arztes in Vitznau freute, das in Stein gehauen hat: ού ποτ’ έγω γε ής γαιης δυναμαι γλυκερωτερον αίεν ιδεσθαι). Ich war 1908 acht Tage in Meersburg und von dort überall herum. Seitdem war es jahrelang mein Traum, einmal am Bodensee zu leben, die positive Seite zu meiner negativen Zukunftsidee, der Nicht = Habilitation. Erst seit 1913 habe ich diesen Traum entlassen. Er hatte mich so sehr beherrscht, dass damals Rudis erstes Wort war: nun ists aber nichts mit dem Bodensee. Wenn ihr “irgendwo” leben könntet, à la Johannes Müller (ich wünschte euch aber mehr: “Cöln” und nicht irgendwo) (“irgendwo” ist protestantisch), aber wenn, so solltet ihr dort hin ziehen; so könnte sich doch wenigstens besuchsweise mein Traum erfüllen.

Leb wohl bis morgen, du Traum und Erwachen meines Herzens, – du –

Dein

4.IV.[19]

Liebes Gritli, in der Bahn nach Göttingen – das ist der Rest meiner Berliner Reise. Ich bin dabei wieder so müde wie das vorige Mal. Gestern nach Wätzolds Vortrag war er (mit Gronaus) nämlich noch bei uns. Er ist ein netter Kerl, Gronau neben ihm noch unerträglicher wie sonst. Er erzählte sehr merkwürdig von dem jetzt durch die Revolution verrückt gewordenen Kunsthistoriker Warburg (aus Hamburg), einem Gelehrten der mit riesigem Geldaufwand, den er sich leisten kann, nur Sandkörner von Ergebnissen fertig kriegt. Es war wie eine ganz fantastische Novelle.

Mit Gertrud hatte ich heut Morgen wieder eins ihrer dollen Gespräche. Es ist ein sehr merkwürdiges Kind. Wäre sie nur ein bischen älter, so würde ich mich unfehlbar in sie verlieben. So ist aber, bei aller Verstandesreife, noch etwas Unerwachtes in ihr, das man zu erwecken sich scheut. Sie ist eben doch noch ein Kind, und ihre Klugheit wirkt deshalb fast wie Altklugheit, obwohl sie gar nicht Züsbünzlihaft herauskommt, sondern ganz überraschend. Um ihre Schönheit ists schade, dass Jonas sie malt; er kann einfach nicht genug dafür. Dabei hat sie sogar ganz das Bewusstsein, mitzuarbeiten, und spricht von dem Bild auch per wir, wie ich von meinem.

Ich will noch etwas vorschlafen, für Rudi. Heut vor einem Jahr ist Cohen gestorben.

Dein Franz.

5.IV.19.

Liebe, ich bin schon heut Nachmittag wieder zurückgefahren. Es war nur dein Telegramm da, noch kein Brief seit dem verschnupften kleinen, dafür einer von Eugen an Mutter. Hast du ein oder zweimal nach Berlin geschrieben? Bei Rudi habe ich nochmal Eugens Kaisertoast von 1919 vorgelesen; nun will ich ihn dir morgen schicken, so kannst du ihn selber noch zu Mündel bringen und mit ihm lesen (er ist nämlich grossenteils sehr schwer zu lesen). Mir hat er überhaupt noch nichts geschickt; er schreibt: da ich es ja doch nicht drucken lassen wollte, so wäre es ja nicht eilig. Kann man gegen ein solches “Ist nicht die ganze Ewigkeit mein?” überhaupt noch was sagen?! Rudi hatte zwei neue Predigten, stark politisch zeitgeschichtlich (Lothringer Schlacht, Hindenburg, Russland), sehr gut rückgestimmt auf 1914, sodass man kaum denken würde, sie wären erst von jetzt, nun wird es sich bald wieder zuspitzen, sodass der Schluss wieder auf die Höhe des Anfangs steigt. Aber im Augenblick scheint er zu stocken. Ich wollte, er würde zum Spätsommer fertig. Dann müsste er versuchen, ob es Rade für die Chr.W. annehme, von Advent bis Advent zu drucken, und nachher als Buch. Das wäre doch schön. Eine wirkliche grosse und tiefe Verbreitung. Ein ganzes Jahr würden die Leser mit ihm leben. Das ist ja das gleiche wie Eugens ganzer Tag, wo er sie las. Jede Predigt füllt etwa 2 1/2 Spalten grossen Drucks in der Chr.W., also gar nicht zu viel.

Er selbst ist übrigens noch gar nicht wieder im Stand, er ist so müde wie ich nach meiner Grippe und hat selber noch das Gefühl, das noch etwas in ihm steckt. Das Kind war diesmal zutunlicher, aber doch sehr ernsthaft. Ich habe ein ganzes Buch Mereschkowskischer Aufsätze bei Rudi gefunden, ich schicke es euch in diesen Tagen. Es ist sehr aufregend. In der Bahn hierher liess es sich ein alter Herr von mir geben, der sah, dass ich darin gelesen hatte, und wurde ganz sichtbar aufgeregt und begeistert, ich schielte immer zu ihm herüber. Er hatte auch mit sicherem Instinkt gleich den stärksten Aufsatz, den letzten, gegriffen. Mit Helene habe ich mich über Clara veruneinigt; ich strich Else gegen Clara heraus, und das wollte Helene gar nicht wahrhaben. Rudi wandte sich dabei kurios unterm Pantoffel. Freilich lobe ich Else auch lieber als ich sie – lese, nach dem Lessingschen Sprüchlein. Das ist schon das zweite Lessingzitat in diesem Brief – es ist wirklich Zeit, dass ich schliesse (denkst du noch an unsern Nathan = Abend?). Ich bin in einer Beziehung gespannt auf deinen Brief aus Freiburg (Freitag fahre ich nach Frankfurt, Basler Hof), nämlich auf ein Wort, dein Wort, über den lebendigen Reim auf Sittah, das im jüdischen Haus so erfreulich konfessionslos aufgewachsene Christenkind. Aber schreib doch bitte lieber bald wieder aus Säckingen –

Dein Franz.

6.IV.[19]

Liebes Gritli, ich glaube, ich habe den Brief an dich doch nach Säckingen geschickt! wie ich ihn einwarf, merkte ich es. Der Mereschkowski geht auf dem Umweg über Rudi Hallo an euch. Es steht unglaublich viel drin. Es ist doch 1000 mal wichtiger, dass so einer als dass Spengler unser Zeitgenosse ist. Von dir kamen die Drucksachen und die Briefhüllen. Von Berlin aber noch nichts zurück und von Säckingen noch nichts wieder. Bitte bitte –

Über Hansens Kirchenzeitungsartikel war die Gruppierung wieder die nun schon gewohnte: (du und) Rudi gefangen, Helene, ich (und Eugen) misstrauisch. Ich bin ganz sicher, dass die Paranthesen stimmen. Aber ich habe übrigens ein starkes “Misstrauen gegen mein Misstrauen”; vielleicht bin ich nur neidisch.

An Mereschkowski wird einem auch klar wie unsinnig das Bündnis Russlands mit der Entente war. Stimmen wie diese sind ja freilich in Deutschland auch nicht laut geworden, – leise wohl, aber es war eben bezeichnend, dass sie leise blieben, ungedruckt wie unsre oder ungelesen wie Pichts. Mereschkowski ist aber doch ein berühmter Mann, und die haben bei uns wohl alle versagt. Die blosse Objektivität der Marckse und Meineckes, die eben bloss objektiv sein konnte, weil sie eine “grosse historische Linie in dem gegenwärtigen Geschehen nicht zu erkennen vermochte”, zählt ja nicht.

Von Heidelberg habe ich eine jüdische Einladung zu einem Vortrag gekriegt, für Juli – und zwar auf Anlass von Hans! vielleicht fahre ich doch noch von Frankfurt aus hinüber, Weizsäcker soll ja auch wieder da sein. Es ist freilich eine dumme Vorstellung, dass bei so einem Vortrag Hans und Else und Weizsäcker und – Philips Publikum sein werden. Von Berlin noch immer kein Wort, und am 19. hatte ich geschrieben.

Ich schrieb dir nach Säckingen, du könntest dir III 3 von Mündel mitnehmen; es wird ja leider doch noch lange dauern, bis er so weit ist. Entweder ihr entziffert es selber, oder wenn wir uns einmal sehen, lese ichs euch vor. Ich möchte dich bald wieder sehen, d.h. meine Ohren verlangen noch mehr nach dir als meine Augen. Die Augen halten ihre Erinnerungen viel besser dicht als die Ohren. Bis ich wieder “deine Stimme höre”, musst du wohl noch ein bischen schreiben.

Liebe –

Dein

7.IV.19.

Liebe liebe, es kamen drei Briefe auf einmal, die beiden Berliner und ein Säckinger; du hast so recht mich auszulachen von wegen meiner Unabhängigkeit – o weh! nun habe ich mich recht einwickeln und in die Arme nehmen lassen, es war doch über eine halbe Woche. Der Koffer geht also nun als Eilgut ab, Frachtgut wird gar nicht angenommen; hoffentlich kommt er nun an, ehe der Sommer herum ist.

(Rasieressig habe ich herausgenommen, ein paar schöne grosse Kouverts auch). Mutter hat gestern Abend einen Brief an Eugen geschrieben, ich sah schon an der finsteren Miene, was drin stand, auch fragte sie mich einmal wie man sagte: Surrogat oder Surrugat. (Das geht natürlich auf dich). Heut morgen sagte sie mir aber, ich sollte nicht etwa den Brief an Eugen abschicken, der unten läge; sie würde ihn vielleicht nicht abschicken. Ausser der Surrogattheorie steht natürlich noch eine Anfrage wegen Berlin drin. Wenn sie den Brief doch noch schickt oder einen neuen, so bleibt gar nichts übrig als Eingestehen; aber vorläufig kann man abwarten, ob sie ihn schickt. Es ist sehr eklig, es verdirbt mir nachträglich noch Berlin, – nein doch nicht. Noch etwas: den langen Diktatbrief habe ich gekriegt und mit einem noch längeren beantwortet; der scheint aber nicht angekommen zu sein. Er war an dich adressiert nach Säckingen, obwohl drinnen nur an Eugen. Nun kann es sein, dass ich statt Säckingen Leipzig oder München geschrieben habe. Hast du ihn also noch nicht, so schreib zwei Postkarten an Hauptpostamt Leipzig und Hauptpostamt München und behaupte in jeder keck, es sei Ende März von Kassel ein Brief an dich gegangen und versehentlich ohne nähere Angabe einfach nach L. (bzw. M.) adressiert und du bätest u.s.w. Ich glaube, die Post bewahrt Unbestellbares zunächst eine Weile auf, ehe sie es vernichtet. Es lohnt sich, den Brief zu retten, er handelt von Spengler. – Die neuen Predigten schicke ich bald, tut sie (und die Berliner) doch zu eurem Exemplar und schickt das Ganze dann an Hans.

Die Schule bleibt immer noch; Eugen müsste mal eine sehen. Er wäre ja nie der einzige Lehrer, auch haben es die Landerziehungsheime nicht so mit dem Begriff der “Tüchtigkeit”; der spukt auf den städtischen Gymnasien, bei den Oberlehrern (so übersetzen sie jetzt “virtus”.)

Die Schweitzer = Predigten gehen via Rudi zurück an dich (oder gleich an Picht?) – Das sind ja lauter Bestellungen, und dabei bin ich so voll von Glück aber in diesen Brief will gar nichts hinein – geht es schon wieder nicht mehr mit dem Schreiben? aber es ist doch noch ganz unwahrscheinlich dass wir uns bald sehen; ich will nicht früher daran denken, ehe irgend eine Aussicht ist. – Wie schade, dass du nicht doch nach Heidelberg gefahren bist. – Auf die Frage, ob die Ungarn recht haben wird ja nun in München das Experiment gemacht. “Meinungen” sind immer heute so morgen so, nicht bloss bei dir; erst Erfahrungen sind jenseits von so oder so. Und die werden uns schwerlich erspart. Die Unsicherheit des Lebens jetzt ist eigentlich eindringlicher als sie im Krieg war. Da hatte man im ganzen und von vorherein auf Sicherheit verzichtet. Jetzt macht man den Anspruch darauf und erfährt täglich einzeln, dass man kein Recht dazu hat. – An der bodenlosen Gemeinheit der Franzosen zweifle ich keinen Augenblick. Aber leider doch an der deutschen auch nicht, wenn sie auch wohl nicht bodenlos war. Ich will sehen, dass ich dir noch einen Aufsatz von der Alice Salomon herausfinde, aus dem B.T. von gestern, worin sie, auch sie, jetzt den Schrei nach Bekennen ausstösst, den wie es scheint, nur Juden und Judenstämmlinge ausstossen und über den der Deutsche, ob Christ oder Unchrist oder “Jude”, in so masslose Wut gerät. Das war ja auch der Fall Eisner. Allerdings getrübt dadurch, dass man es immer auf die “andern” (die “Militärs” u.s.w.) ablud. Auch Rathenau hat jetzt in seinem Büchelchen über den Kaiser ihn als Exponenten der deutschen Gesamtschuld und des deutschen Gesamtschiksals beschrieben. Und Eugen auch. Aber die Wachs möchten all solchen Dozenten die Visua entziehen. Die Welt ist noch sehr jung. Und Eugen und Mereschkowski sagen, sie sei am Ende. Offenbar ist das beides das Gleiche. J.Müllers Buch ist nicht zwingend, er selbst auch nicht, und doch ist etwas da, eben wohl bloss das, was Eugen seine “Echtheit” nannte; und das ist doch sehr viel. Der Erfolg beweist doch in solchen Fällen. Weshalb ist mir sein Name eingefallen, als ich mich besann?

Hansens Artikel wirst du wohl nochmal gelesen haben, wenn dir Eugen von Heidelberg erzählte.

Ich habe das Gefühl, ich müsste über diesen Brief herausspringen, unmittelbar zu dir, nur eine Sekunde, nachher könnte dann der Brief seinen Schneckengang ruhig gehen. Aber das Siegel war ja doch noch ganz warm —

Ich bin dein dein dein.

———

8.IV.19.

Liebes Gritli, ich habe eben an Hans telegrafiert, absichtlich so, dass ihr mir leichter ab= als zutelegrafieren werdet (an die “sonstigen Sturmzeichen” glaube ich nicht so recht, obwohl es seit Tagen auch hier in der Luft liegt, und die häuslichen – lieber Gott, ich hätte nicht gedacht, dass Mutter so blass werden würde, wie sie wurde als ich ihr sagte, vielleicht führe ich zu euch nach H., jetzt hat sie sich aber schon wieder zusammengenommen und findet es offenbar selber ein bischen komisch, sodass dies Gewitter also wohl keinesfalls ausbrechen würde; aber ich wusste nicht, ob ihr mich jetzt braucht (nicht “brauchen könnt” – das sicher nicht, sondern wirklich: braucht). Wenn, so ist auch jetzt noch Zeit mir zu telegrafieren, Reiseausweis habe ich schon, Koffer packe ich morgen früh, ich kann mit dem jeweils nächsten 5/37 oder 1/15 Zug auch Donnerstag und zur Not sogar noch Freitag fahren (ich würde dann einfach nach Frkft. erst zur Hochzeit selbst, am Sonntag fahren). Ich habe mich sehr geärgert, dass aus der Disputation ein “Vortrag” geworden ist; das ist viel mehr “Experiment” in dem von Frenger[?] befürchteten Sinn als die Disputio. Und die Angst vor Experimenten und “Ironisierung” – das ist doch ein herrlicher Zug bei einem “Revolutionär”. Vielleicht entwickelt sich aus dem Vortrag doch noch die Disputá, aber es wäre nicht das Richtige. Es ist grade wesentlich, dass nicht der Vortrag mit “anschliessender Disputation” angekündigt wird, sondern das Disputieren als etwas für sich, was keinen Vor = trag braucht, sondern sich selber trägt.

Über Weidemann bist du wohl etwas zu sehr erschrocken (du hattest mir doch noch nichts davon geschrieben), das gehört zu den vielen Dingen, die nachher doch anders werden. Nämlich wegen Weidemann, der bleibt nämlich nicht auf lange. Dass Eugen nun Konsequenzen aus seinem Brief ziehen muss, ist ja nur gut; der Brief war ja nur deshalb unheimlich weil man sich fragen musste: was nun? Nun verkehrt er seinen Nachtwächterruf selber in einen wenigstens persönlichen Hahnenschrei und sagt ihm: komm zu mir. (Während er ihm in dem Brief gesagt hatte: Geh zum Teufel — denn die Glock hat 10 geschlagen). Und das ist freilich Liebe – was sonst. In der christlichen Liebe steckt immer ein Stück Herrschsucht mit drin, die Ecclesia ist ja immer militans, weil sie ja aufs Triumphieren ausgeht. Das ist der fremde Tropfen, das “irgend etwas andres”, was du in Eugens Gefühl für ihn verspürtest. Der gehört aber einfach dazu. Aber du? du musst ihn nicht mitlieben. Das Mitlieben (auf die Melodie: “les amis de mes amis sont mes amis”) ist immer ein heidnisches Lieben; wenn du ihn ohne “auch”, ohne “mit” einfach mit deinem eigenen Herzen lieben kannst, ist es gut, wenn nicht — dies ist der Punkt, wo die Ehe sich nie restlos ins Christsein lösen lässt; da bleibt immer ein sich gegenseitig Tragen und sich gegeseitig Lassen. Man wird nicht Ein Mensch, man wird Ein Paar. – Das was dir an Eugens Gefühl für W. unzugänglich oder nein: aber unfühlbar ist, ist Eugens Verlangen nach dem “Zwanzigjährigen” (dem Nachkriegsmenschen), und das ist grade jener Tropfen “Herrschsucht” in seiner Liebe. (Denn die Herrschsucht ist es, die weiss was die Liebe vergisst: dass der andre ein Alter, ein Junger, ein Mann ein Weib, ein Berühmter, ein Armer und sonst was ist; die Liebe selber weiss nur, dass es der Nächste ist, und sucht sie zu diesem “der” die Gattung, das “ein”, so könnte sie nur sagen: ein Mensch oder gar: ein Geschöpf.

Um dies fürchte ich nichts. Viel mehr hat mich die böse Aussicht mit Säckingen erschreckt; ich bin, ebenso Laie, ebenso pessimistisch wie du. Übrigens aber sind wir alle in der Höhe des Polyphem und das höchste wessen sich einer getrösten kann ist dass er zuletzt gefressen wird; ans Geldverdienen werden wir alle denken müssen. Du aber nicht, da kommt nichts heraus (genau so wie Sparen nicht damit anfängt, dass man von Freiburg nicht nach Heidelberg reist); nur wenn du irgendwie Eugen in seinem künftigen Geldverdienberuf hilfst, das ist das einzige. Und zuerst, nämlich bis die Zeitrechnung geschrieben ist, könnt ihr ruhig vom Kapital leben. Tausendmal schlimmer als für euch ist ein solches Umstellen für die Eltern. Mit “Basel” musst du nun jedenfalls warten, bis sich das entschieden hat – aber deshalb und nur deshalb; man wählt sich nicht die Unbehaustheit. Was würden die Eltern denn tun, wenn es soweit kommt? in die Schweiz gehn? und könnte dein Vater etwas andres anfangen? Du schreibst mir ja bald, – wenn wir uns nicht doch vorher sehen. Es wäre ja lächerlich, ich bin in Frankfurt, ihr in Heidelberg. Mutter ist jetzt schon ganz beruhigt. Nichtwahr, du telegrafierst mir noch, wenn du mir auf mein Telegramm hin abtelegrafiert hast.

Von Hans wirst du gehört haben, wie gut sich meine Hegelsache anlässt: Rickert beisst an. Die Hildebrandplakette ist ganz herrlich, wirklich einmal eine voll erfüllte Hoffnung – (wann kann man das eigentlich sagen, doch sehr selten? es geschieht oft, dass Hoffnung betrogen wird und oft dass die Erfüllung alle Hoffnung weit unter sich lässt, aber eine voll erfüllte Hoffnung, das ist etwas ganz Seltenes.

Liebe, was mit uns geschehn ist, ist von der mittleren Art, wo die Erfüllung über alle Hoffnung geht.

Dein.

Mutter lässt Eugen bestellen, dass sie mehrere Briefe an ihn zerrissen hat und einen aufbewahrt, damit er ihn “in ein paar Jahren lesen soll”. “Obenheraus” mag sie ihm nicht schreiben und “innenrein” zu schreiben unterlässt sie “aus Klugheit”. – Du siehst, es donnert noch.

  1. [?] IV.19

Liebes Gritli, ein etwas schäbiges Kleid, ich will es auch nur mal probieren; ich habe noch ein paar Blätter von dem schönen. Der Tag war wirklich lang genug; um Mittag kam dein Brief. Ich sitze bei Weizsäcker, er ist herunter auf seine Station gegangen. Ich weiss nicht, es ist mir eigentlich doch nicht Angst um Hedi. Wenn es Marthi wäre, ja. Aber Hedi habe ich immer wie etwas Fertiges empfunden, so als ob ihr kein Schicksal mehr bevorstehen könnte. So nimmt ihr diese frühe Entscheidung nichts fort; es wäre auch so nichts weiter gekommen. Und dass er “stumm” ist und eine Mischung aus “Schwerblütigkeit” und Philistrosität – so etwas verliert sich nicht gleich und verliert sich eigentlich überhaupt nie. Da langt es dann eben nicht zur Seligkeit, nur zum Glück, aber das ist auch schon etwas. Und vor allem: für Hedi selbst ist damit wahrscheinlich nichts abgeschnitten, ihr Leben ist wohl im Grunde auch eingespannt in das Entweder – Oder von Glück – Unglück, nicht in das von Leid – Seligkeit. Du darfst sie nicht aus dir heraus verstehen, sie ist doch sehr anders. Wie nehmen es denn die Eltern, vor allem deine Mutter??

An die Mama Curtiussche Erziehungsmethode glaube ich doch nicht, jedenfalls nicht im Haus Hüssy. Es ist schliesslich doch etwas Unvorbereitbares bei der Ehe und das ist das Eigentliche. Es fängt eben schliesslich doch alles erst bei der Eheschliessung selber an, nicht schon bei der Verlobung. Und wie es dann wird, im wirklichen Zusammenleben, da lässt sich gar nichts voraussagen. – Ich habe mir Hedi immer nur in einer normalglücklichen Ehe vorstellen können. So habe ich auch seit Säckingen selber, obwohl du mir doch deine Besorgnis vorher gesagt hattest, gar nicht mehr daran denken müssen, wie es doch sicher gewesen wäre, wenn mich der Gedanke gequält hätte.

Weidemann? Liebes Gritli – “Zuneigung”??? es war doch etwas ganz andres in jener Nacht in der Stiftsmühle. Meinst du, das bliebe in dir verschlossen, was da in dir vorging? und willst es nicht wiedererkennen in dem Wiederhall, der aus ihm kommt? bloss weil er mit dummen jungenshaften Scheidungen dir erzählt, es sei “nur sinnlich”. Würdest du dir glauben, wenn du dir erzählen wolltest, jenes Gefühl bei dir sei “nur geistlich” gewesen? Giebt es solche Nurs? Und wenn überall, hier nicht. Vor ein paar Abenden habe ich im Einschlafen deine Antwort an ihn geträumt. Ungefähr das hast du ihm da gesagt und hast ihm nicht von Zuneigung gesprochen, sondern von dem was in deinem Herzen ist, von Liebe. Wenn ers in seinem 20jährigen Cynismus nicht wahrhaben will und meint alles habe sich “trivial aufgelöst”, – du kannst es ihm sagen, vielleicht nur jetzt, dass das Leben keine Trivialitäten und Auflösungen kennt, sondern seine Knoten verschlungener schürzt als dass wir sie auflösen könnten. Vielleicht nur jetzt ist er fähig das zu hören, vielleicht sonst von jetzt an viele Jahre nicht mehr. Ist es wahr und hast du ihm “kläglich” geschrieben, so schreib ihm noch reich hinterher. Du hast ja im Überfluss, – gieb.

O du Geliebte, auch ich, ich neige mich zum Überfluss deines Herzens. Lass mich trinken – immer und immer.

Dein – Dein –

[vor] 14. IV.19]

Liebes Gritli, nur ein Grüsschen – der Zug geht bald. Ich schrieb Mutter eben schon von der Predigt. Es war nicht bloss das Wie, sondern z.T. auch der Inhalt, der mich so ergriffen hat. Es schlug nämlich etwas in die Kerbe, in die Eugen in Säckingen geschlagen hatte, als er mir vorhielt weshalb ich eigentlich den Zionismus in seinem jetzigen Verwirklichungsstadium nicht für end = gültig nehmen wollte. Die Predigt flocht ein paar Stellen zusammen und erklärte daraus: das Volk habe sich nicht befreien lassen wollen – wie hätten sie sonst noch Brot backen können und gar noch sich ärgern, dass sies nicht mehr hätten säuern können und es gar noch heute “Brod des Elends” nennen (als ob nicht das gesäuerte Brod, das sie bis zu jenem Tag gegessen hätten, das wahre Brod des Elends gewesen wäre und dieses vielmehr das Brod der Befreiung. Und so sei es nach einem “fast blasphemisch klingenden Wort Rabbi Akibas: “”eine Übereilung Gottes”” gewesen – jene erste Befreiung also eine Übereilung Gottes!!! Das Volk war nicht reif – aber Gott kümmerte sich nicht darum. –

Und wir wollen uns darum kümmern??? wo wir das was wir sind nur sind weil Gott sich übereilte?

Ich schreibe dir wohl heut Nachmittag noch weiter. Ich habe dich sehr lieb. Ich bin bei dir und Weidemann.

Dein Franz.

14.IV.19

Liebes Gritli,  das war eine schwere Blamage gestern, mein Toast; es ist alsokein Rabbiner an mir verloren gegangen; das kann ich nicht. Ich war sehr down infolgedessen. Übrigens sind die Züge so dass sie erst heut nach Heidelberg können, aber auch im übrigen war mein Antippen bei Hans erfolglos; Else behauptete, so “zartfühlend” seien Putzi und Eva nicht. Und im übrigen – Putzi ist gar nicht so schlimm und Eva liebt ihn doch – “gewaltig wie der Tod ist Liebe” wie der Rabbiner immer wieder versicherte, es ist doch ein bedenklicher Text, den sich Eva da ausgesucht hatte. Vorher sangen sie ihr ein Bachduett aus einer Kantate (wachet auf ruft uns die Stimme) auf den Text vom Siegelring (als Bassrezitativ) und “mein Freund ist mein” als Duett. Danach den Marsch aus Figaros Hochzeit.

Ich habe Mutter noch allerlei geschrieben, du wirsts ja zu hören kriegen.

Je mehr ich daran denke, um so mehr würde ich meinen, es wäre gut, du führest mit Weidemann (falls der Bär so weit gezähmt ist, dass er mitgeht) zu Rudi. Er muss doch einfach sehen, dass es noch mehr als Einen Menschen giebt, oder da er das ja nun schon sieht, auch noch: dass es noch mehr als einen Mann giebt. Auch dadurch verliert das was ihm droht das Gewaltsame (freilich auch das ganz Unbedingte, – aber darf es das denn haben? vertritt ihm Eugen in seiner Einzigkeit nicht jetzt das Licht, das von einem Lenter [?] ihm kommen müsste? Erst wenn er Eugen und (z.B.) Rudi sähe, würde er den “Verfasser” sehen ” der hinter den Blättern steht”, und von ihm sich vergewaltigen zu lassen, vor ihm sich zu verlieren, von ihm sich lieben zu lassen würde er nicht ablehnen. Er muss ja alle Liebe, die ihm wird mit Hass beantworten, solange es nur Liebe der Menschen ist und also fesselnde, umstrickende, fangende. Erst wenn er sieht, dass die ihn lieben selber es nur können weil sie sich lieben lassen, erst dann wird er die Scheu vor ihm aufgeben.

Liebes Gritli — — — Liebes Gritli, ich bin nah bei dir und weiss genau, dass es gut gehen wird mit dir und ihm. Meine Unsicherheit bleibt über dem was zwischen ihm und Eugen geschehen wird. Weisst du, dass Hans ganz selbstverständlich davon spricht, dass Eugen einer der Ortredaktöre der überörtlichen Zeitung werden soll, zu deren Gründung sie nach Stuttgart gehen? Hans meint, wenns so weit wäre würde er schon bereit sein. Aber das hiesse ja Grossstadt, mindestens Nähe von Grossstadt. Weidemann wäre allerdings da länger in der Nähe zu enthalten als in Unterschüpf.

Bring mir bitte, ausser den Zigarren auch Briefpapier mit; es

liegt ja welches auf dem Schreibtisch. Deinen Brief las ich gestern noch vor der Hochzeit und Abends nochmal. Es wäre besser gewesen, ich hätte ihn noch in Kassel gekriegt; denn dann hätte ich die erste Nacht in der Stiftsmühle – besser geschlafen —: durch die zwei Zeilen: “das meinte ich damals, d.h. Eugen glaubt das und ich weiss es einfach noch nicht”. Nein, wahrhaftig: du weisst es einfach noch nicht, und du darfst es nicht glauben. Es geht manchmal so, dass sich ein ganzes Bündel von Schwierigkeiten in einer Nussschale zusammenlegen lässt; dies ist so eine Nussschale. Erhalte dir dieses Noch-nichtwissen, dieses einfache Nochnichtwissen – es hängt die ganze Echtheit und Wahrhaftigkeit von allem was geschieht daran, an diesem deinem Einfachnoch-nichtwissen. Ohne dies ists ein Gewaltsturm auf das Himmelreich. In tyrannos – wie konnte Eugen das zitieren! es richtete sich doch in jenem Augenblick ganz gegen ihn.

Von Rudi bekam ich Eugens Brief nachgeschickt, ich lasse ihn erst dich sehen, ehe ich ihn zurückschicke; es steht etwas darin, was wir zusammen lesen müssen.

Wie bist du gefahren? die Züge sollen bös voll sein. Dann kommt der Ostertrubel, wenn auch zeitgemäss verkleinert – aber doch -.

Es ist noch keine 24 Stunden her, mein Kopf liegt noch in deinen Armen, wir sind so stille ineinander, ganz still mein und

Dein

Dienstag [15.IV.19 ?]

Liebes Gritli, es ist wirklich Frankfurt, ich sehe es mir bei Licht an und treffe überall auf nächtige Bekannte. Sind wir denn damals so viel herumgelaufen? Wenn du hierherkommst, werden wir wahrscheinlich wieder einen Tag hier sein müssen, wohl oder übel; denn der Kassler Zug soll 7[:]27 kommen, der (einzige) nach Heidelberg fährt 7[:]40. Höchstens könnten wir des morgens früh vor 5 über Eberbach fahren. Hoffentlich bleibt wenigstens dein 1[:]15 Zug bestehn. Es ist wieder eine schwierige Reisezeit. Ob du nach Göttingen kommst? Morgen kommt wohl ein Brief.

Nobel, als er noch in Hamburg war, sah einmal während der Predigt plötzlich einen grossen, sehr breitrandigen hellen Hut, und erkannte daran, dass Cohen da war. Nun sprach er davon, dass das Unendliche überhaupt die Grundlage des Endlichen sei, nicht umgekehrt, und führte das dann auf das Verhältnis von Gott und Mensch weiter. Wie Cohen hörte, wie er so von der Kanzel herunter gepredigt wurde, “fing er plötzlich (erzählt N.) wie ein Kind zu weinen an” und begleitete von da ab bis zum Ende die ganze Predigt mit Nicken und allerlei Zeichen lebhaftester Teilnahme. Für Nobel hatte die Sache aber eine sehr angenehme Folge: es war ein Zionistenkongress in Hamburg und er, als Zionist und Rabbiner, sollte ihn von der Kanzel begrüssen, hatte aber gleichzeitig vom, natürlich antizionistischen Gemeindevorstand, die Weisung, zwar den Kongress zu begrüssen, aber nicht zionistisch! Wie nun der Vorstand sah, dass Cohen weinte, waren sie alle ganz beruhigt, achteten gar nicht auf das Mehr oder Weniger von Zionismus und meinten, antizionistischer als Cohen brauchten sie ja auch nicht zu sein.

Ich habe von Sommers ein Billet zur Passion morgen geschickt gekriegt, ich habe nicht die mindeste Lust; ich habe den Sinn für die Kunst, als solche, fast ganz verloren, ich merke es wieder daran. – Die Kantate habe ich hier gekriegt – komm und hole sie.

Mittwoch [16.IV.19?]

Liebes Gritli, heut morgen kam der Brief vom Montag. Ich wünschte sehr, es käme aus Stuttgart irgendwas heraus; leider kommt Steiner selbst wahrscheinlich erst Dienstag (d.22.) hin. Vielleicht wirst du von hier aus gleich Eugen nach Stuttgart nachfahren oder ich selbst, wegen der Wirkung von Weidemanns Brief (falls er ihn gekriegt hat, und falls ihn nicht ein neuer Brief überholt hat). Aus dem Zu euch kommen Weidemanns wird ja aber auch, wenn du ihn zurechtgekriegt hast nichts werden. Man kommt nicht bloss zu Menschen. Das “Folge mir nach” hat kein einziger Heiliger der Kirche dem, der es gesagt hat, nachgesprochen. Es fällt wieder in das Gleiche, dass Eugen im Augenblick nicht Heiliger zu sein prätendierte, sondern ganz etwas andres. Das ist natürlich “Wahnsinn” – Weidemann hat ganz recht empfunden – aber Eugen ist der Kranke und der Arzt in einer Person, und das ists was das Genie vom “Wahnsinn” unterscheidet: der Wahnsinnige ist nur Kranker, der Normale nur Arzt und allein das Genie ist beides. Und eben da fängt meine Sorge an (wie du weisst): dass Eugen das hohe Fieber plötzlich durch eine Pferdekur kurieren wird; ich fürchte also grade nicht den Kranken in ihm, sondern den Arzt. Mutter schreibt etwas zur Sache: “Man soll sichs doch immer sehr überlegen ob man bei Andern eingreift, wenn sie Einen nicht selbst heftig heranholen. Der Mensch kann und soll sich eigentlich nur selbst helfen, wenn es ganze Lebensarbeit zu tun gilt”. Das ist natürlich falsch. Der Mensch kann gar nichts selbst, sicher nicht “sich helfen”. Aber der andre kann ihmauch nicht “helfen”, weil er eben auch ein Mensch ist und d.h.: weil er eben auch nichts selbst kann. Wann hilft man denn in Wahrheit andern? Doch nur wenn man nicht wollte, wenn man etwa sich seiner eignen Haut wehrt. So hat mir Eugen damals 1913 geholfen, ohne selbst überhaupt etwas davon zu merken (ausser dass er glaubte, sich gegen mich verteidigt zu haben). – Es giebt nur ein Helfen, das man wollen kann. Das ist das Primitive, das leibliche helfen, das “Gut sein” zu einander, – das weswegen Eugen dich zu ihm schickte. Aber Eugen wollte nicht wahrhaben, dass das Recht des Leiblichen viel weiter geht: und dass auch sein Weidemannhelfen einen Leib haben muss, sonst verstört er ihm die kaum aufgeschlossene Seele. Deshalb eben kein blosses “zu uns” = Kommen, sondern ein Komm “zu uns” und zu irgend einer Sache. Auf dies Und kommt es hier wie überall an. Es ist das Und zwischen Leib und Seele, das beide erst zu einem, zum Menschen macht. Und auch den Leib kann man sich nicht aussuchen. Man hat ihn. Und der, den man hat, ist der Nächste. Ihm muss geholfen werden. Also in diesem Fall dem Marburger stud.jur. im ersten Semester, obwohl das – zugegeben – ein sehr hässlicher Leib ist und der Unterschüpfer Jünger ein sehr viel schönerer – wäre, wenn er schon Leib wäre und nicht vielmehr ein fernes Luftgebild und kein Nächster. Um ganz deutlich zu sein: warum nicht Unterschüpf! Aber Weidemanns

Aufenthalt dort als ein Ferienaufenthalt mit dem benennbaren Zweck, dort Sohms Institutionen und Schröders Rechtsgeschichte zu lesen und im übrigen viel mit euch zusammen zu sein. Eugen würde sagen: viehisch. Ja gewiss: der Leib ist “viehisch”, ουδεν γαρ γαστερος κυνερον άλλο, was Hündischeres als den Magen giebt es nicht, sagt Odysseus, als er bei den Phäaken weinte und plötzlich – Hunger spürte.

Nun bekümmere dich nicht, es wird noch alles gut werden. Lies den Schlussvers des 113ten, ich habe ihn in diesen Tagen so oft sagen müssen, du weisst ja dass diese Psalmen 113ff. ein Hauptstück an diesem Fest sind. Es ist ja ganz selbstverständlich, dass ich dich hier erwarte; die Möglichkeiten zum Weiterkommen sehe ich mir vorher an und habe mein Gepäck an der Bahn, sodass wir eventuell doch gleich weiterfahren können. Oder sonst einen Tag Frankfurt. Die Reiseerlaubnis nimmst du dir ja gleich bis Säckingen. Dass wir unmittelbar aus dem Kassler Zug in den Heidelberger können, ist ja mehr als unwahrscheinlich.

An Mutter kann ich jetzt vor Mittag nicht mehr schreiben. Das Unrecht, das wir ihr getan haben, nehme ich nicht so schwer wie du. Sie hat es zusehr selbst herbeigezwungen. Und wäre es gelungen mit der Geheimhaltung, so wäre es kein Unrecht gewesen, sondern nur gut für sie.

Nun kommst du morgen. Ich tue dir die Arme schon jetzt weit auf, komm hinein und sei ganz still. Komm –

Dein.

[ca 24.IV.19]

Liebe – so sind diese Tage wieder herum, und ich sehe dich noch wie ich dich zueletzt durch das trübe Wagenfenster sah in deinen beiden Farben, braun und blau, wie du mir winktest und spüre dich überhaupt noch überall, deine leichten geliebten Hände deine weichen Haare – und bin doch fort, wirklich fort, es ist ja besser so als wie die letzte Nacht in der gleichen Stadt und doch unter getrenntem Dach, das ist gar nicht zu ertragen. Und wenigstens die nächsten Tage sind wir ja wenigstens nur einen Tag Briefentfernung auseinander. Freilich dann – aber ich vergesse, dass es ja auch dann nur an uns liegt, die Briefentfernung wieder einmal ganz auszuschalten und wieder einmal miteinanderzusein, Blick in Blick und ohne alles Erzählen, ohne alles Geschwätz. Briefe sind ja doch nichts – lass mich deine Fingerspitzen küssen. In Offenburg hatte ich ein Malheur: meine Brille zerbrach und ich hatte diesmal vergessen, eine zweite in Kassel zu mir zu stecken. So lebe ich jetzt schon seit Mittag mit blossem Auge, und du hättest deine Freude an mir. Auf die Nähe geht es; sogar Lesen, was ich wirklich noch nie versucht hatte, aber schon auf der Strasse bin ich recht hülflos. Morgen früh kann ichs reparieren lassen. Hans kommt erst morgen Abend. Ich habe mir aber die Wohnung mitsamt den historischen Stätten vom Mädchen zeigen lassen. Wohnen tue ich heute natürlich im Darmstädter Hof. Den Brodschen Roman habe ich unterwegs ausgelesen; er ist noch schlechter als Tycho, ein paar impressionistische Lichtlein sonst alles Gedanke, – der dann freilich immerhin so interessant, dass ich das Buch doch wohl morgen an Eugen schicken werde, aber du brauchst es nicht zu lesen. Das Zionistische sitzt genau wie in dem Zweigschen Drama als ein gänzlich unverbundenes Schwänzlein hinten dran, überhaupt das “Jüdische”; ich bin nicht “Parteimann” genug, um das nicht widerwärtig zu finden. Ich verspreche mir nun eigentlich doch nichts von seinem bevorstehenden Judenbuch. Ob es wirklich kein Zurück giebt? ich habe nie recht daran geglaubt, habe jedenfalls bei mir die geringen Restbestände, die mir meine Erziehung noch zugeführt hatte, immer für wichtiger gehalten als alles was ich mir später auf eigene Faust wieder gewonnen hatte. Mit einer Ausnahme freilich: Cohen. Da ist mir in einem zweiten kindhaft empfänglichen Zeitpunkt meines Lebens abermals eine Quelle der Tradition aufgetan worden; was ich an ihm erlebt habe, sitzt mir ebenso fest und selbstverständlich (oder fast ebenso) wie das was ich als Kind noch habe erleben dürfen. Daraus, aus diesem ererbten, nicht aus dem erworbenen Besitz ist dann auch der * grösstenteils gearbeitet. Ich glaube, er wirkt daher auch nicht als ein blosses Schwänzlein. Aber wirklich – ich muss doch noch zu Lebzeiten sehen, ob es so ist. A Jew, a Jew, a kingdom for a jew. Übrigens ist Brods Roman über das gleiche Thema über das auch Meyrinks beide Romane gehn: Wahl oder Gnade, und über das ja auch der * geht. Aber Meyrink, wenigstens das erste, der Golem, ist viel suggestiver. Ich bin nun zunächst einfach zufrieden, dass ich noch ein paar Tage hierbleibe und nicht weiter fort von dir bin. Vielleicht kommt schon bald dein Telegramm, dass ihr nach Stuttgart fahrt. Über dem Schreibtisch hier steht das Hoteladressbuch und für Untertürkheim steht eins “1 Minute vom Bahnhof” – aber das wird ja gar nicht nötig sein. Eugen habe ich mich heute morgen recht dumm gezeigt – er sich wohl mir auch; er fängt in solchen Fällen manchmal so an, dass man verwirrt werden muss, (wie neulich in der Stiftsmühle and dem ersten Abend), so heut früh mit der “Giftnudel”; so war ich gleich ver = stimmt und wie er dann anfing zu spielen, gab es unreine Töne. Liebes Gritli nimm mich an dein Herz.

Dein Franz.

[ca 25.IV.19]

Liebe es geht gut an. Hier fand ich ein Telegramm vom 19.IV., es sei ein wichtiger Brief von Rickert da, sonst keine Nachricht. Ich fragte gleich telegrafisch an, was drin gestanden hätte und ob sonst etwas geschehen wäre. Wahrscheinlich zuckt Rickert also zurück, aber ich muss es ja wissen, ehe ich hingehe. (Weizsäcker ist heut früh auf 4 Tage nach Stuttgart). Nachher sass ich in Hansens Zimmer, da kam ein Brief vom Trudchen vom 23., ein Wunder von Brief, und darin schreibt sie mir, dass am Ostermontag die Depesche (aus der Bahn) Mutter zu einem Selbstmordversuch veranlasst hat, Trudchen selbst war nachmittags da (weil Tante Emmy ihr vormittags angerufen hatte, dass Mutter rase) und fand sie auf dem Sopha, Couvertierte Briefe und leeres Morphium-schächtelchen; sie rief Onkel Adolf, konnte sie aber noch ehe er kam selber aufwecken. Trudchen schiebt es auf die Form (die Frage). Wie konnten wir wissen, dass ein harmloser Scherz solche Folgen haben würde. Ich bin ganz ruhig. Einmal kommt es doch. Ich bin darauf gefasst, seit Vaters Tod. Ich werde sogar den Brief, den sie an mich schreiben wird, nicht selber lesen. Onkel Adolf “schüttete sie dann ihr Herz aus, er trat ihr ganz sachlich als Arzt gegenüber und brachte ihr medizinische (Sanatoriums) = Pläne nah. Von den seelischen Gründen ihrer Aufregung, dass es sich um Dein Verhältnis zu Gritli dreht, hatte er keine Ahnung gehabt. Ich war sehr erleichtert zu sehen, wie ruhig und anständig er die Sache ansah angesichts ihrer übertreibenden und sich versteigenden Anklagen. Er sagte deiner Mutter, dass es zwischen ihr und dir nicht so weitergehe, dass ihr euch für eine Zeitlang trennen müsstet, um euer Verhältnis zueinander zu bessern”. Dasselbe meint nun Trudchen auch. Ich müsse mir die Abgrenzung meiner Spähre erzwingen dadurch dass ich sie auch mit meinen Sachen ganz in Ruhe lasse. Mutter dürfe keinen Grund haben, meinen Aufenthaltsort in jedem Augenblick wissen zu wollen. “Du musst sie an deinem Täglichen desinteressieren, so wird sie auch ihre Zukunftssorgen nicht durch täglich neue Nahrung zu dieser gespensterhaften Grösse anwachsen lassen und allmählich der Hoffnung wieder Raum geben”. Und dann kommt allerlei was ich nicht abschreiben mag. Nur dies dass Mutter sich jetzt grade bez. der Londoner Reise mit “wilden Befürchtungen” plagt!!! (Trudchen “fürchtet nicht nur nichts, sondern hofft wirklich”).

Übrigens meint Trudchen, ich würde jetzt von verschiedenen Seiten Briefe kriegen – das kann ja schön werden. Hoffentlich werden sie dich wenigstens in Ruhe lassen. Immerhin kommt ja nun eure Ansicht mit der der Kasseler überein, und ich habe nun wirklich keinen Grund mehr, in Kassel zu bleiben; ich tats ja (ausser wegen Bett, Essen und meiner Bücher) nur um Mutters willen. (Für die Parenthese finde ich überall Ersatz; auch die Essfrage verliert ihre Schrecken, seit mir heut morgen ein veritabler Bandwurm abgegangen ist!! daher also meine Unersättlichkeit bei gleichzeitiger Magerkeit). Ich denke aber, es ist besser, ich gehe nicht deshalb, sondern für den Hegel oder aus sonst einem äusseren Grund weg. Das andre würde sie doch auf die Dauer deprimieren. Wenn überhaupt noch von Dauer die Rede ist. Denn so einen Selbstmordversuch wiederholt man bloss dann nicht, wenn einem nach dem ersten Mal ganz gründlich geholfen wird; und das ist ja diesmal nicht geschehn; ihre Lage ist genau wie vorher. Mein Wegziehn ist ja auch keine Hülfe, nicht im mindesten, allenfalls eine Erleichterung. (Dabei glaube ich ihr durch meine Anwesenheit hin und wieder wirklich mal etwas geleistet zu haben; aber das rechnet sie für nichts, weil es natürlich neben dem Haufen ihrer Forderungen an mich wirklich nur ein Nichts ist.) Ihr wirklich helfen – was hiesse das jetzt? Es gäbe nur eins – und dass das um ihretwillen zu tun eine Unmöglichkeit wäre, fühlen wir beide gleich unwiderleglich. Und ist es Selbstbetrug, wenn ich mir einrede, dass wenn wir ihr dies Opfer brächten, sofort die andern Punkte ihres Programms, vom Privatdozenten aufwärts, an die leere Stelle nachrückten? Ist das Selbstbetrug, wenn ich mir das einrede – ein blosser Versuch also, mir jenes Unmögliche gar nicht in die Reichweite einer etwaigen “nächsten Pflicht” kommen zu lassen, weil ich es nicht ertrüge [ertrage?]? Man kann vielleicht Liebe um Liebe opfern – vielleicht, obwohl ich mir auch das nicht vorstellen kann. Aber Liebe um Hass – unmöglich. Und ich könnte sie nur hassen, wenn ich ihr dies Opfer brächte, das zu verlangen sie kein Recht hat ausser dem ihres Hasses gegen mich, gegen alles was mich auf meine eigenen Füsse gestellt und aus der schlechten Luft (oder selbst nur: aus der mir unatembaren Luft) ihres Hauses befreit hat.

Liegt es aber so, kann ihr also jetzt kein Mensch wirklich helfen, so wird sie ganz gewiss wiederholen, was ihr am Ostermontag missglückt ist.

Liebes Gritli, du erschrickst doch nicht zu sehr darüber? Es mag ja auch sein, dass sie sich zunächst durch das Aussprechen ihrer “Besorgnisse” jetzt etwas abregt und dass sie vielleicht selber glaubt, es würde besser, wenn ich wegziehe. Allerdings wahrschein-lich ist mir das nicht.

Ich schreibe ihr jetzt einen reinen Erzählbrief, weil ich fürchte, wenn ich irgendwas sage, so nimmt sie wieder Morphium. Vielleicht nimmt sies allerdings auch weil (“weil”) ich ihr einen reinen Erzählbrief geschrieben habe. Ich habe eben gar keine Fühlung mehr mit ihr. Denk auch, wie ahnungslos ich am Montag war. Die Fäden sind wirklich zerrissen. Und da sollte ich mich, weil die Fäden zerrissen sind, mit Ketten an sie binden?

Bleib stark und ruhig, ich bleibe es sicher.

Dein Franz.

[ca 26.IV.19]

Liebes Gritli, heut ein Brief von Mutter, vom 22., ich schreibe dir ihn ab, damit du selber siehst: Lieber Franz, ich habe gestern gern sterben wollen, es ist mir nicht geglückt. Das Morphium war wohl zu alt und als es grade wirken wollte, rief mich Hedi dringend von Berlin an und ich schleppte mich schliesslich zum Telefon, um kein Aufsehen zu machen. Durch die Bewegung musste ich mich übergeben, so ist wohl auch ein Teil der Wirkung hin gewesen. Das kam mir erst heute Nacht wieder in die Erinnerung wie auch mein letzter Traum. Ich stand mit Vater in einer grosen Menschenmenge im Hydepark ähnlichen Gelände, ein alter wunderschöner Herr mit weissem Spitzbart redete und fixierte uns dabei ganz besonders. Es war Hildebrand, der am Schluss begeistert auf mich zukam, er hätte mich sofort an Vater erkannt und er wäre jetzt selbst über sein Werk erstaunt, für so gut hätte ers auch nicht gehalten. Und ich sollte mich freuen, zuhause läge schon das grosse Relief. Vater war verschwunden. – Mit einer gewissen Dumpf= und Stumpfheit sehe ich auf mein missglücktes Unternehmen zurück. So risslos wäre es gewesen, wenn ich Erfolg gehabt hätte, dass mir auch der Nichterfolg besonders gleichgültig vorkommt. Höchstens dass nicht unumstösslich dasteht, was ich in Kummer und Groll über dich noch aufschrieb, erleichtert mich. Darüber empfinde ich Reue, sonst nur tote Gleichgültigkeit. – Ein Tropfen macht den Eimer überlaufen. Wäre dies Eugen = Gritli = Telegramm nicht grad am “Feiertag” gekommen, diesen Gipfelpunkten der Verlassenheit, ich hätte das stürmende Auf und Ab der Erregung auch gestern überwunden. So bin ich nicht fähig gewesen, mit mir selbst den Kampf noch aufzunehmen und dir die gerechte Beruteilung zuteil werden zu lassen, die du wie jeder in Leidenschaft verfallene Mensch brauchst. – Ich glaube aber, wir trennen uns nun ganz für eine Zeit. Am besten wäre, du reistest direkt von Heidelberg nach Berlin, wo du ja erwartet wirst und ich schicke die Sachen dorthin. – [gestr. Die Natur]{nun einiges andre, dann} Hedi will mit der Kleinen gerne kommen, ich glaube ich werde es einrichten, weil sie mir durch ihre Umgebung auch etwas aushelfen wird. Das überwiegt die Schattenseiten des Wirtschaftbetriebs. Ist sie dann fort und Frau Ganslandt eingewöhnt genug und auch willig, mich zu vertreten, dann soll ich in ein Sanatorium, gegen welche “Folgerichtigkeit” ich mich ja nun nicht zu sträuben habe. Es ist zwar heller Blödsinn, weil ich ja Kummer und Weh mit hin= und wieder herausnehme, aber ich weiss ja dass man nicht anders über meine Handlungsweise quittieren kann. Danach wäre auch der Weg beschritten, den du wünschst. {dann noch Gleichgültiges – Gertrud Loeb, Putzi und Eva} Sei gegrüsst von Deiner Mutter”. Ja da hast dus also. Es ist genau so, wie ichs mir nach Trudchens Brief vorgestellt hatte, auch dies dass sie mir noch eine Giftbombe zur Vergiftung meines ferneren Lebens bereitgestellt hatte, ehe sie aus ihrem herausging. Ich werde ihr ganz ruhig schreiben, denn sonst würde ich giftig. Ich werde ihr schreiben, dass ich doch über Cassel fahren muss, ehe ich nach Berlin gehe, um dort den Hegel fertigzumachen; denn ich muss ja aus Kassel meine Notizen und Bücher zum Hegel mitnehmen. Hans erzähle ich von gar nichts; er ist so gar nicht im Bilde. (Er wunderte sich eben dass ich dir schon schrieb, wo ich doch erst ein paar Tage fort bin). Wahrscheinlich wissen auch in Kassel doch gar nicht viele von Mutters Ostermontag. So bin ich mit Hans sehr gut zusammen. Else ist zwar schrecklich in ihrer parzenhaften Düsternis. Aber Hans – kennst du denn seine beiden Entgegnungen auf die Angriffe? Und den Brief an Max Weber? ich war ganz weg davon und habe seit langem zum ersten Mal ein ganz warmes Gefühl für ihn aufsteigen spüren; ich wäre fast nachts nochmal aus dem Hotel rüber zu ihm gelaufen, als ich die Entgegnungen gelesen hatte. Ich schicke sie dir. Schick sie aber zurück. Nach Berlin muss ich wohl schon vor dem 4.V., weil da die “konstituierende Versammlung” sein soll. Zu Rickert gehe ich morgen. Putzi und Eva hatten sich ganz in das Elsezimmer zurückgezogen, sogar das Sofa aus Hansens Schlafzimmer dort hinüber transportiert. Else war ziemlich unglücklich, weil der ahnungslose Putzi eine ihrer schönen gelben Honigkerzen zum Packetesiegeln verwendet hatte. Du siehst, es ist – ich weiss nicht mehr was “du sehen” solltest, wir waren inzwischen alle in einer Versammlung, wo der Ruge und der bekannte wirklich famose Pastor Samuel Keller sprach, ein Bekenner und Missionär. Nachher war ich mit meinem jüdischen Verbändler zusammen und verabredete den Vortrag für Oktober, im Sommer wollen sie Ferien machen. Und eben als ich zurückkam dein erster Brief und auch der so voll von Selbstmord; nein ich wusste das alles nicht mit Greda, gar nichts, und ich kann und kann nichts verstehen was sich auf den “U” bezieht. Aber fahr doch herauf zu ihr; im schlimmsten Fall musst du wieder herunter, das ist doch beser als dass du unten sitzest und sie oben, und ihr seht euch gar nicht. – Ich bitte dich wieder und wieder, nimm Mutter nicht schwer, ich verhärte mich in mir, anders kann ich nicht ruhig gegen sie bleiben. Am liebsten ginge ich jetzt wirklich an Kassel vorbei und führe erst von Berlin herüber, um meine Sachen zu holen. Ich habe so wenig Lust, lange in Berlin zu sein, dass ich wahrscheinlich den Hegel im Eiltempo absolviere. Rickert schrieb (ich habe jetzt ein Telegramm von Mutter darüber) dass er es der Akademie empfehlen wird. Also muss ich wohl oder übel nach Berlin. Ich werde Trudchen anfragen, ob sie es für besser hält ich komme jetzt, oder erst wenn Mutter das Haus verlassen hat, und hole meine Manuskripte. Zur Not kann ich 14 Tage auch ohne die Manuskripte in Berlin hegeln (indem ich die “neue Litteratur” durchsuche).

Diesen Gedanken des Selbstmords rede ich ihr nun seit einem Jahr aus, zuerst in meinem Brief von der Rückreise nach Mazedonien im April, sie hat es nie begriffen. Es ist das grosse Schiboleth, an dem sich die Menschen scheiden, ganz selbsttätig, heute noch die Einzelnen wie ums Jahr 0 die Zeiten. Aber damit, mit dieser sehr weisen Weisheit meinerseits, ist ihr freilich nicht im mindesten geholfen. Kann ich es denn? Sag ein Wort. Aber alles was ich ihr sage, wirkt falsch und das einzige was ich (“ich”!) tun könnte, ich habe dir gestern gesagt, wie ganz und gar unmöglich es wäre – ich würde wirklich zur “Giftnudel” werden – nein nein nein. Ich wollte du wärest fort von der Tivolistrasse -, krieg ich ein Telegramm wenn es nach Stuttgart geht? es wäre zu schön. – Es ist in mir etwas ganz sinnloses, was mich wie mit Flügeln fortträgt über all das Greuliche, ich denke kaum viel daran, es ist wohl das, was Mutter “Leidenschaft” nennt, es ist aber etwas Besseres, du weissts und ich weiss, was.

Liebe –

Dein.

28.IV.[19]

Liebes Gritli, es ist früh, Hans und Else schlafen noch; ich kam gestern nicht zum Schreiben; es war aber schön, wenigstens den Brief von dir in der Tasche zu haben, den ersten – fast einerlei was drin stand. Des Morgens schrieb ich an Mutter, so, wie ich vorhatte, also indem ich ihr die Entscheidung über das absichtliche Nichteinandersehen zuschob, damit sie sich nicht nachher die Dinge so umdeutet, dass ich sie “aus ihrer Wohnung vertrieben” hätte. Im übrigen so ruhig und beinahe “guter Sohn” wie es wohl in so einem Falle nur geht, wenn man genau das Gegenteil von “guter Sohn” ist; ich bin wirklich ausgedörrt im Innern. Die Heimatlosigkeit muss mir so auch noch äusserlich und ganz unwidersprechlich ins Leben hineingestellt werden. Ich hätte sie wohl vielleicht auf Augenblicke vergessen können, wenn ich wenigstens im massivsten äusseren Sinn gewusst hätte wo ich zuhause bin. Nun kann ichs nicht gut vergessen. Dann war ich bei Rickert, dieser kalten und leeren Maschine. Die Aussichten sind nicht schlecht. Heut gehe ich zu Winter, dem hiesigen Verleger, und zu Oncken, damit Rickert nicht allein den Antrag zu stellen braucht. Rickert verlangte übrigens das Manuskript zerlegen zu dürfen – so geht Mutters “erster Enkel” in die Brüche! Mittags und Nachmittags dann bei Zimmermanns, Hans Herr auch dieser Situation. Der Papa ist mir übrigens sympatisch, die Mutter und Schwester weniger. Dann korrigierte ich an III 3 und Abends kamen Philips und Else Schick (Lehrerin aus Mannheim, seine langjährige amie). Es gab, nach politischen Anfängen ein greuliches (von Hans aber wunderschön gefundenes) Gespräch. Ich hielt den Schnabel. Die einzige, die wirklich einfach und glaubwürdig sprach, war Else Schick; ich habe sie gestern wirklich gerngehabt. Philips ist komplett verdreht und Hans tut ihm gar nichts Gutes damit, dass er ihn dauernd nach der richtigen Seite hin interpretiert, ich meine: ihm die christlichen Fetzen mit denen er sich, neben allerlei mystischen, theosophischen und häberleinschen, kostümiert, sofort mit ein paar raschen Stichen zu einem christlichen Katechumenengewand zusammenheftet. Im Gegenteil: vom Leibe sollte er sie ihm reissen, dass er endlich einmal vor sich selber in seiner ehrlichen namenlosen Blösse dastünde; dann, wenn er also sähe, dass er das nomen Christi missbraucht, dann vielleicht wäre Hoffnung, dass er Christ würde. Jetzt verhindert ihn grade Hans selber daran. Aber auch Hansens ganze Fremdheit empfinde ich, nicht bloss bei solchen Gesprächen; und denk: er kommt mit dem IIten Teil des * nicht recht ins Klare (wie es Eugen vorausgesagt hatte). Mir gehts genau so mit dem Ketzerchristentum (ich bin auf Seite 40 von 140 Seiten); ich sehe sein Christentum, seine Art von Christentum nicht. Auch nicht wenn er ganz autobiografisch wird wie in der Einleitung, die er in diesen Tagen dazu geschrieben hat. Ich sehe es nicht wie ich Eugens oder Rudis oder irgend eines vergangenen

Christen Christentum “sehe”. Das bedeutet dann natürlich: ich glaube ihm nichts. Grade die Art, wie einerseits alles sehr dogmatisch korrekt ist und dann doch im eigenen, wie er es sagt, wieder ganz verdreht herauskommt. – Wir haben offen darüber gesprochen, und dass das geht, ist eigentlich das Schönste und doch eine Gewähr, dass es noch einmal anders werden muss. Den * (II 2, das er jetzt liest) findet er “unaggressiv”! beinahe sagt er: sehr schön. Kurzum: er lobts mit einem Lob zum Davonlaufen. Ist es wohl in einer Geheimsprache zwischen uns zweien und dreien geschrieben?? das wäre bös. Vielleicht ist das nur eine notwendige Gegenseitigkeit wischen mir und Hans , dies Nichtverstehen, oder vielmehr Nichtsehen.

Er hat mich dann heut morgen lang wegen Philips und meiner gestrigen Stummheit “gestellt”. Ich habe geschimpft wie ein Rohrspatz. Ich habe gesagt, Philips triebe Dialektik der Seele, wo schon Dialektik des Geistes ein Laster wäre. Ausserdem käme er mir irgendwie nicht wie ein Mensch vor, sondern wie etwas Gebackenes.

Eben kam Eugens Brief vom 26. mit der Einlage von Tante Emmy. Ich bin froh, dass du dir ein Herz genommen hast und einfach herauf gefahren bist. Eugen braucht freilich keine Reue über Kassel zu haben, noch nicht einmal ich bringe dies Gefühl auf. Nur Scham, dass hier etwas wirklich “Nächstes” ist, das mir so über meine Kraft geht. Seid gegrüsst und geliebt von Eurem Franz.

28.IV.[19]

Liebes Gritli,liebes, liebes – mittags kam dein Eilbrief von gestern. Es geht uns also allen gleich diesmal mit Mutter. Beinahe erschrecke ich, dass du ihr geschrieben hast; es wirkt ja nun alles verkehrt. Aber sag: nennst du denn wirklich eine solche Budenexistenz in Berlin “Selbständigkeit”? Die habe ich ja vor dem Krieg gehabt; ich war damals kaum je länger als 14 Tage in Kassel. Die Selbständigkeit, nach der ich mich sehne, ist wirklich nur eine mit Amt. Das blosse Privatisieren irgendwo tuts nicht. Es wundert mich, dass du 1917 die Unmöglichkeit meines Seins in Kassel so stark empfunden hast, ich selber war damals viel zu sehr im Ferien= oder Urlaubsgefühl, um daran zu denken. Aber es war natürlich so, es stand dahinter, nur wunderts mich dass du es gesehen hast. Wenn ich nun jetzt, des Hegel wegen nach Berlin gehe, irgenwo in einer Pension wohne – es ist eben nur die Entfernung von dem malocchio – freilich das genügt ja schon. Aber besser wäre es gleich mit irgend einem Amt. Vielleicht – aber nein, nichts bei der Akademie. Eugen sieht zu viel Entscheidung in London. Ich erwarte eigentlich nur die negative, aber die brauche ich, um frei zu einer positiven zu werden. Denn “ob überhaupt” – darum handelt es sich nicht, darf es sich nicht handeln. Ich habe etwas Angst vor Eugens Profezeiungen, seit sich die mit dem Hegelbuch damals (1913) so bewahrt hat. Deshalb schreie ich so dagegen; du glaubst doch nicht daran?! Es wäre der Zusammenbruch für mich, wenn er Recht behielte. – Habe ich dir mal gesagt: dass ich immer Angst vor Mutter hatte, wenn ich einmal verheiratet wäre, und mir damals vorstellte, ich müsste vielleicht die ersten Jahre in Italien leben, bis Mutter mir nichts mehr zerstören könnte?

Ja, das Opfer wäre ganz sinnlos. Und übrigens ich könnte es auch nicht wenn es sinnvoll wäre. Ich kann nicht – ich — du weisst.

Was für ein Brief war das vom 21.IV.18? ich weiss gar nichts. Aber Greda hat Unrecht, es war und ist nicht “Sache der Frau”, das Leben der Männer miteinander ins Konventionelle herunterzuziehn. Eugen hatte, ob mit oder ohne mein Gift, Recht. Die Frauen sind doch nicht dazu da, das Wunder zu verhindern.

Das Wunder geschieht nun auch bei Weidemann schneller als wir ahnten. Er kommt also schon zurück. In diesem Jahr der Zeichen und Wunder 1919 geschieht alles in Wochen, was sonst in Jahren geschieht. Es ist doch wirklich “ein Anfang” und nicht “Schluss, Schluss, Schluss”. Alles fängt an und kommt aus dem Nichts. Sei mir gut und halte mich warm im grossen Mantel deiner Liebe. Du magst sie mitteilen und kannst sie doch nie und nie teilen – sie gehört mir ganz so wie ich dir gehöre, nicht dir allein und doch ganz dir – dir, du Geliebte, du Meine.

Ich bin Dein.

30.IV.[19]

Liebes, gestern war wieder so ein von früh bis spät voller Tag – dabei doch nicht wirklich voll. Das ist dies Leben hier überhaupt nicht. Ich bringe es auch nicht fertig, dir zu schreiben wenn Hans oder gar Else im Zimmer ist. Else ist wirklich ganz unmöglich. (Dabei vertrage ich mich sehr gut mit ihr). Und Hans – aber ich will erst rasch von gestern erzählen. Vormittags war ich bei Oncken, der sehr skeptisch, aber andrerseits doch auch sehr bereitwillig war, und muss nun heut nochmal zu Rickert. Oncken meint nämlich, es wäre ausgeschlossen von der hiesigen Akademie alles zu kriegen, dagegen ev. von der hiesigen und der Freiburger “Gesellschaft” zusammen. Dann war ich bei Winter. Der berechnet aber seine Unkosten genau wie Meiner und schlug den Zuschuss auch auf ungefähr 100 M für den Bogen an, (immerhin weniger als Meiner, der 120 rechnete). Nach Tisch ging ich zu Weizsäcker. Der las mir eine Sache über Glauben und Wissen vor, die ganz zu uns gehört. Er ist ja sicher der einzige Naturwissenschaftler, der so etwas sieht. Und so muss er es auf jeden Fall einmal ausführen. Denn mit dem blossen Bekennen ist es dabei nicht getan, weil er ja nicht den Glauben neben dem Wissen bekennt, sondern das Wissen als die Frucht des Glaubens, das muss man machen, ausführen, zeigen, sonst bleibt es bloss ein erbauliches Kuriosum. Aber von diesem Ausführen ist er irgendwie noch weit. Dabei hat er einen besseren Grund zu seinen Büchern als wir oder mindestens – nein, Gritli – einen ebensoguten: nämlich einen alten 60jährigen Mann, der danach verlangen würde, Krehl; und das ist ihm selbst klar. Nachher ging ich bei Hans vor, wollte noch zu Rickert, blieb aber hängen, denn Hans hatte seine Gymnasiasten; ich blieb dabei. Es kamen bloss 4, obwohl Hans dem Manager, dem kleinen Wolfgang Frommel, gesagt hatte, er täte es nur weiter, wenn er ihm 10 zusammenbrächte. Aber das war nicht gelungen, wegen F..[?] und wegen Seelenangst vor den Sozialdemokraten (ein Vandale, der ein Zimmer bei Hans mietete, sagte ihm, er habe ein Telegramm gekriegt: Spefüxe vermehren sich kaninchenhaft – erzähl das Eugen). Hans machte es schon zum 4. Mal; er las Humboldts “Hellas und Latium” mit ihnen und Grillparzers Libussa besprach er; diesmal nur Grillparzer. –

Dann kam Hans, Else, Frühstück, und dann dein Brief und ich verkroch mich in die kleine Thestube vorn links in der Hauptstrasse und schreibe dir weiter. Um mit deinem letzten zu beginnen: das Bandwurmmittel habe ich mir gleich damals gekauft, es aber bisher noch nicht angewendet, denn man muss einen ganzen Tag Brei essen vorher. Über die Schicksale des Kopfes weiss ich selber nichts. – Du schreibst von Mutter. Gewiss – nur eins: wenn es gelungen wäre, wenn nicht Hedi antelefoniert hätte, das wäre doch schrecklich; nur weil es nicht gelungen ist, deshalb kommen wir so glatt drüber weg; und doch kann ich mit diesem “wäre” gar nichts machen. Ich habe noch nichts wieder von Kassel gehört, das geht wohl so langsam; von ihr selbst erwarte ich ja nichts oder wünsche wenigstens nichts zu hören, aber von Trudchen. Dieser vollkommene Abbruch der Ruinen meines Hauses, der mir wirklich geschieht, den ich so gar nicht selber veranstaltet hatte, im Gegenteil – das ist doch auch 1919.

Hansens reiner Ton – aber ich höre ihn nur da, nur in solchen Äusserungen, nicht in seinen theoretischen. Ich komme nicht heran an das “Ketzerchristentum”, ich glaube, es liegt nicht an mir, sondern es würde Eugen genau so gehn. Die Jungens gestern waren hinreissend, Hans zunächst nur ein sehr guter Deutschlehrer, aber die Jungens selbst zwangen ihn vom “Gegenstand”, der langweiligen Libussa (für die Hans einen alten, gestern aber selbst als solchen erkannten, Faible hat) ab auf wirkliche Fragen, und da wurde es fein; besonders ein Schweizer, dann der kleine Frommel, aber auch die andern. Ich hatte Neidanfälle. Wenn ich in Berlin hegele, möchte ich mir gleich etwas ähnliches zusammentrommeln, aber so was lässt sich natürlich nicht zusammentrommeln.

Ich lese Spengler, mit brennendstem Interesse, es ist ein wahrhaft geniales Buch. Ich verstehe doch jetzt erst, dass es Eugen wichtig genug war, dagegen zu schreiben. Die böse Moral von der Geschicht’ vergesse ich beim Lesen über der toll spannenden Geschicht’ selber. Ich las bisher 100 Seiten. Übrigens finde ich es ja nur gut, dass so ein Buch geschrieben wurde. Und Eugen muss sich eigentlich über das christliche Recht zu Zeitgleichungen doch nun wirkliche Bedenken machen, nachdem er sieht, wie elegant der Heide bzw. der Leibhaftige selber die Zeitzahlen vergleicht. Weiter: sein Begriff von der Antike (All als abgeschlossner nach aussen ausschliessender “Kosmos”) ist ja genau was ich in der Metalogik I 2 entwickle; und es gehört dazu, wie Eugen ihm aufmutzt, dass sein eignes Buch selber ohne es zu wollen antikelt, die Geschichte in Kosmosse zerstückelt u.s.w. Das ist genau das Verhältnis von antiker Wirklichkeit und dem heute als Voraussetzung alles Weltdenkens wieder herzustellenden ehrlichen Heidentum, also genau das Verhältnis wie ich es in meinem ersten Teil behaupte, also das was Spengler meint und das was er, wie Eugen feststellt, tut – zusammen.

Hans sagt er hätte dir damals aus “Tragödie und Kreuz” ein Stück vorgelesen? Hast du gemerkt, wie sich das aufs engste mit mir berührte? Auch ich habe diese Dinge ja zuerst an der Tragödie entdeckt. Die Nähe ist so gross, dass mir beinahe nichts Neues mehr übrig bleibt. Nur dass bei ihm vorläufig noch alles im Ästhetischen stecken bleibt. Aber im Ästhetischen sieht er schon die Sprache (und spricht sie infolgedessen auch); und es ist nun wohl entscheidend für ihn, ob er sie auch unmittelbar sehen wird, nicht bloss unter den tragischen und komischen Masken. Denn bis jetzt ist sein Christentum, wo es geistig sein will, einfach sprachlos, eben – “verdreht”. Seine letzthinnige Verständnislosigkeit für den II.Teil des * sucht er sich krampfhaft zu erklären an meinem Judentum, es liegt aber nicht an meinem Judentum, sondern an seinem noch unlebendigen Christentum. Ich habe daher auch gar nicht das Gefühl, mich gegen ihn wehren zu müssen, während ihm mein Nichtsehn  und =hören beim “Ketzerchristentum” sehr auf die Nerven fällt.

Weidemanns, des “Jünglings”, Brief, was du mir heut daraus schreibst, ist wieder herrlich, in seiner Ahnungslosigkeit, wie er so vor lauter Ehrlichkeit gar nicht wagt, alles was ihm in einem geschehen ist, so in eins zu sehen und zu glauben wie es ihm geschehen ist und Eigentliches und Uneigentliches, Lächerliches und Ernsthaftes meint auseinanderklauben zu können. Es geht fast zu rasch bei ihm, oder wohl nicht bloss fast, sondern wirklich zu rasch. Sonst wäre er jetzt schon ganz bei uns und mit uns.

Ich schicke den Brief schon nach Säckingen – teils weil es wahrscheinlich ist, dass er euch da trifft und teils weil ich froh bin, euch mir dort vorzustellen. Grüss deine Eltern. Und du selber? –

Ich bin dein.

[30.IV.19]

Liebe – mittags kam ein Brief von Trudchen, genau auf unsre allgemeine Melodie, auch sie: “Ja ich glaube auch, du wirst erst einmal zu ihr kommen. Sie spricht zwar von “nicht sehen” wälzt aber dabei den Gedanken, dass du von Berlin nach Heidelberg über Kassel kommen und eine Nacht bei ihr sein musst. Und natürlich hofft sie im Untergrund ihrer Seele hierauf und auf eine Aussprache. Obwohl davon nichts zu hoffen ist. Ich habe diesmal aus ihren Worten und ihrem Verhalten, wie es ganz gemildert in ihrem Brief an dich {den ich Trudche abgeschrieben hatte} noch nachklingt, deutlich gesehn was du immer schon gesagt hast und was ich einfach nicht glauben konnte, dass es ihre Verlassenheit, ihr Einsamkeitsgefühl, ihre Ansprüche an dich und ans Leben sind, die sich die Sorge um die Ehre ihres Namens, ihres Hauses, und um deine Zukunft zum Vorwand nehmen. Mein ursprüngliches Mitleid mit ihr hat auch eine starke Abkühlung erfahren. Nicht mitzuhassen, mitzulieben bin ich da. Und doch – wer ist bedauernswerter als wer so lieblos ist. Es ist zum Heulen wirklich. Nie würde ich dich gebeten haben, ihretwegen den Briefwechsel mit Gritli zu lassen. Jetzt nach so vielem Gezeter darum würde sie ihres Erfolges nicht froher als kleine Kinder die mit Geschrei und Geheul ihren Willen durchgesetzt haben. Sie hat auch andre Dinge, von denen sie dich durch ihr verzweifeltes Gebahren abgebracht hat, nicht weiter verdammt, nachdem sie ihren Willen hatte – im Gegenteil hinterher hat sie ihr Verhalten bereut. Dies ewig wiederkehrende “Hätte ich doch nicht..” das zeigt doch eigentlich die Wurzel= und Grundlosigkeit ihrer Wünsche und ihres Begehrens. Du kannst das Übel nicht an der Wurzel heilen, du wirst nur für ein oberflächlich freundliches Verhältnis sorgen können; wenn du zu Besuch bist dich ganz ihr widmen, ihr Bücher empfehlen….. Das grade dies freundlich konfliktslose Zusammensein schwierig ist ohne inneres Einverständnis, ist klar; aber ich denke, für immer nur wenige Tage wird es einfacher sein als für längere Dauer. Dass du den Wunsch der Trennung ganz ihr zuschieben willst, finde ich sehr richtig….

So nun hast du eine ganze Briefseite Trudchen auf unserm brauen Papier. Es ist wie ein Gast im Haus, in diesem unserm braunen tapezierten zweidimensionalen Häuschen, in dem – und nur in dem – und ach wie herrlich und wie unerschöpflich reich ist auch dies arme Nur –

Du mein bist und ich

Dein.

Mai 1919

1.V.[19]

Liebes Gritli, Gott sei Dank, dass du nun sicher wieder in Säckingen bist. Es ist wie ein Geschenk für mich. Heut kam mit deinem Brief von gestern zusammen einer von Rudi, er war bei Mutter, spart sich das meiste für mündlich. Mutter hofft nun also leider schon wieder, dass ich über Kassel komme. Die “Aussprache” – oh weh. Dabei ist mir aber im Grunde gar nicht unwohl, trotz der Elsischen Atmosphäre hier und trotzdem ich in Heidelberg wirklich nichts zu suchen habe. Gestern bei Rickert – ich merkte wieder wie grundunsittlich (Hans hatte wirklich einfach simpel recht, Max Weber abzuschreiben) auch schon ein blosses Gespräch mit so jemandem mit dem man nicht sprechen kann wirkt. Man müsste ganz frei sein, um wieder sprechen zu können auch mit solchen. Ganz frei, also das genaue Gegenteil von dem was ich hier bin. Der Hegel zieht mich gradezu ähnlich in einen mir ungemässen Betrieb hinein, wie es eine Habilitation tuen würde. Am wahrhaftigsten wäre es, ich machte Eugens alte Profezeiung wahr und liesse ihn. Aber das hiesse die Rechnung ohne den Wirt, nämlich ohne die Juden, gemacht. – Von Weizsäcker las ich gestern, nach den “Thesen” von vorgestern, eine zweite Gefangenschaftsarbeit: 2 Dialoge (der dritte fehlt noch) zwischen “Arzt” und “Theologe” (wobei der Arzt der Theologe und der Theologe bloss Idealist ist). Sehr gut, und wenn der dritte abschliesst glatt zu veröffentlichen. Er sieht bisher nur, was ich als letztes sah: dass die Wahrheit geschaffene Wahrheit ist (er beginnt also mit dem Naturbegriff, den ich am Schluss von III 3 erst – habe); er sieht also bloss die Schöpfung, nicht die Offenbarung (nicht, dass die Wahrheit uns gegebenist. In dem “uns gegeben” sieht er vorläufig bloss einen Grund der Unsicherheit, die beseitigt wird nur durch das Geschaffensein. Er weiss nicht, dass die Unsicherheit der “uns” (dass es Viele sind) in sich selbst ein Heilmittel trägt: die Einheit der Uns, die von der Offenbarung gestiftet wird. Eugen dürfte doch nicht auf den “Geist” schimpfen, Denn er ist der Irrtum, aus dem der Weg zur Offenbarung führt, während aus dem Irrtum “Natur” der Weg nur zur Schöpfung geht.

Hans hat infolge meines Widerstands und zugleich nach meinem Rat das Ketzerchristentum neu begonnen: es heisst jetzt Die Ketzerkirche, beginnt erst bei den Aposteln und drängt das ganze missratene erste Drittel in ein kurzes und gutes Kapitel über Jesus zusammen, aus dem ich ihm alle Bibelkritik einschliesslich Schweitzers bis auf unschädliche Reste herausgeholt habe. So kann es nun gut werden. Dies neue erste Kapitel ist jetzt ganz einfach im Ton und doch wissenschaftlich. So hat II nun wahrhaftig schon eine wissenschaftliche “Wirkung ausgeübt”! (Übrigens nicht Scheinsprache meinte ich, sondern Geheimsprache).

Und nun plant Hans seit gestern Abend und infolge von Weizss erstem Dialog, der ihm einen grossen Eindruck machte:

Das Wort                                        Natürlich nur einmalig. Allenfalls

Versuche zu christlichem Denken                        zweimalig. Inhalt:

Ein Jahrbuch                                               Eugen: irgendwas grösseres

Verlag Siebeck.                                   Hans: Ketzerkirche

Weizsäcker: Dialoge

Picht: ?

Zweck: einmal als                                            Siebeck: ??

Masse, als Lehmkolonie,                            Ein Münchner: ?

hervorzutreten. Danach wird erst jeder Einzelne sichtbar. Auch die Aktivisten wurden erst sichtbar durch ihr Jahrbuch, das Ziel. Der Titel stammt natürlich vom Welterhalter. Giebs Eugen weiter, falls er noch nicht in Säckingen ist. – Der Profet, der nichts in seinem Vaterlande gilt, wird wohl kaum im Talmud vorkommen. Doch weiss ichs nicht.

Ich fahre mit Hans nach Mosbach, um ihn dort maifeiern zu sehn. Aber meine eigentliche Maifeier ist das nicht. Die ist, dass ich dir heute als am 1.Mai das gleiche sage wie an allen Tagen:

Ich bin Dein.

2.V.19

Liebes Gritli, es ist “früh”, 8 durch, von Hans und Else also noch nichts zu hören. So setz ich mich zu dir. Und nehme deine Hand. Und erzähle.

Also ich war gestern mit Hans in Mosbach. Wir wurden von den Parteihonoratioren abgeholt, Mosbach ist ein wirklich hübsches altes Städtchen an der Strecke nach Würzburg, um nicht zu sagen: nach Unterschüpf. Es regnete Ströme; trotzdem kam zu Fuss mit Musik die Partei aus dem Nachbardorf (Hans, der Nachbarstadt in seiner Rede gesagt hatte, wurde extra eines bessern belehrt!) Neckareltz; sie sang ein Lied und dann fing Hans an (es waren auch die Bourgeois eingeladen, und auch viele gekommen). Er redete über eine Stunde, bandwurmhaft, nicht unverständlich, trotzdem Niviau, aber keine Rede. Ich glaube, die Leute habe sich sanft gelangweilt. Dann war schon Zeit, dass wir fort mussten. Abends gab es eine lange Auseinandersetzung mit Else. Sie ist doch wohl einfach gemütskrank (nicht was die Ärzte so nennen mögen, sondern wirklich gemütskrank). Hans hat eine rührende Art, sie zu behandeln, aber es hilft ihm nichts. Es wäre wirklich furchtbar, wenn diese Frau je ein Kind kriegte, ganz abgesehen davon dass sie sie hasst (sie erzählte mit entsetzlicher finsterer Entrüstung von einem Vorfall beim Maifest in der Stadt, wo Verwundete ins Gedränge geraten waren und Kinder auch “ja wenns bloss Kinder gewösen wören, was liegt an Kindern, aber Verwundete!!!”). Ihre Unglücklichkeit reflektiert sich nun in einer bei ihr sehr komischen Prüderie und einem erbarmungslosen Richten über andere, besonders über Frauen. Sie ist eben kleinbürgrlich ganz und gar. Übrigens nicht bloss über Frauen richtet sie vom hohen Tron ihrer Tugend ab, sondern selbstverständlich auch über alle Männer; wenn man ihr glauben müsste, gäbe es keinen Pfarrer und keinen Mädchenschullehrer, der kein Schwein gewesen wäre. Erzählt sie dann die Belege, so sind es meist nur komische Geschichten. Aber sie hat selbst nicht den mindesten Humor, wirklich kein Fünkchen. Wie hässlich sie bei solchen Gelegenheiten aussieht (trotz “ordentlicher Haare”) weiss sie wohl selber nicht, sonst liesse sies bleiben. Dabei von einer Heftigkeit, wenn Hans nur entfernt scheint etwas gegen ihre Herrlichkeit sagen zu wollen; sie wird in solchen Augenblick eben richtig zum bösen Weib. (Hans will übrigens gar nicht; aber bei seiner unvollkommenen Beherrschung der normalen deutschen Sprache passiert es, dass es so aussieht). Das Gespräch gestern Abend mündete in eins über die Kirche; sie geht nämlich öfters zu den Adventisten, und bildet das nun zu einem Punkt des Widerstands gegen Hansens volkskirchliche Absichten aus (believers church gegen diese Kirche, wo die bösen Pfarrer den lieben Gott blamieren, der doch wenn er wüsste wie diese seine nächsten Diener wären ihnen “isch wüll nicht sogen einen Blitzstrohl, aber eine Blinddarmentzündung schicken müsste”). So nun habe ich mich ewas ausgeschwätzt. Dass ich hier bin, ist doch irgendwie gut, mindestens für mich und Hans. Hans ist ja so sehr impressibel – oder genauer: so usurpatorisch und assimilatorisch gegen alles was ihm zunächst fremd ist, dass es auf dasselbe  herauskommt, als wenn er impressibel wäre.

Liebe, du hast dir doch nicht von Gredas “mehr an Institutionen als an Menschen glauben” (“glauben”!!!) imponieren lassen? Wenn übrigens irgendwo die Institution wirklich ihr Urteil gesprochen hat, so ist es ja in Leipzig gewesen. Aber das meint sie vielleicht grade. Aber dann – auf das Zeugnis welcher Institution hin glaubt sie denn ihrem eignen Mann? der ist doch auch noch nicht abgestempelt. Nein, ich bin ganz unverändert gewiss,dass du in Leipzig nichts versäumt hast. Die Hoffnungslosigkeit der Situation war uns ja seit dem Sommer schon gewiss.

Ich lese den Spengler weiter, mit unverminderter Spannung. Eugen tat dem Styl des Buchs doch irgendwie Unrecht; es ist nicht “welk” geschrieben. Es ist nur nicht nachnietzschesch. Eher ein etwas lotterig gewordenes Goethesch. Aber wirklich, selten habe ich bei einem Buch so sehr das Gefühl, dass es geschrieben werden musste. Erst jetzt traue ich Eugen zu, dass er seine Zeitrechnung wird schreiben können; denn durch Spengler wird ihm die Selbstkritik aufgezwungen, die ihm bisher fehlte; er muss sich jetzt überlegen, was er dabei denkt wenn er von Zeit = rechnung spricht. – Rickert vorgestern erzählte: Spengler habe das Buch noch an Simmel geschickt, mit der Bitte darüber zu schreiben; Simmel habe sofort erwidert, er schriebe nie über Bücher. Darauf aber habe ers, schon seines Todes gewiss, angefangen zu lesen, und habe dann Bänsch, der von Strassburg nach München fuhr, aufgetragen, Spengler aufzusuchen und ihm auszurichten: er sei ein Sterbender, aber sonst würde er darüber schreiben. – Simmel glaubte selber an den Untergang Europas. (Rickert natürlich nicht).

Wenn ich mich wirklich hier noch über Sonntag (wo ich zu Rickert gehe, der bis dahin sich den Hegel angesehn haben will) herumdrücke, so werde ich wohl Montag und Dienstag nach Frankfurt gehen, um meinen Hemden= und Kragenvorrat zu ergänzen. Mir wird bei meiner Akademiebettelei etwas schwummerig. Aus der einfachen Lüge, dass ich das Buch drucken lasse, mache ich dadurch dass ich jetzt soviele Leute persönlich darum bemühe, eine komplizierte. Das einzig Ehrliche wäre, ich liesse es ganz.

Sogar Hans fand heute, ich müsste mir “einen Wohnsitz” zulegen!!!

Dein Franz.

3.V.19

Liebe, wieder ein Regenmorgen, und auch heute nichts von dir da, aber der Tag ist ja noch lang. Auch von Mutter kriege ich nichts zu hören. Ich werde ihr heut vielleicht über Trudchen hin schreiben, sodass Trudchen ihr den Brief geben kann, wenn sie meint, dass nicht grade einer der Tage ist, wo sie sich daraufhin umbringt. Denn ich muss sie doch über die Verzögerung der hiesigen Akad.angelegenheit benachrichtigen, da sie mich vielleicht in diesen Tagen in Kassel erwartet; ich habe zwar von Bradt direkt nichts gehört, weiss also nicht, ob die Konstituierende Versammlung in diesen Tagen nun wirklich stattfindet. Dies hier ist ja wahrhaftig nur ein Herumdrücken. Zwar mit Hans ist es nett. Aber allzulange möchte ich es doch nicht. (Ich muss Mutter auch schreiben, weil sie mir noch keine Lebensmittelkarte geschickt hat, seit ich fort bin). Zwischen Weizsäcker und Hans war gestern ein langer wirklicher “Dialog” über Natur”wissenschaft” und Natur”philosophie”. Es sind natürlich zwei Seelen in seiner Brust, (in Weizsäckers), die des Schülers seiner Lehrer und die des Lehrers seiner Schüler. Vorläufig kriegt der Lehrer noch ein schlechtes Gewissen, wenn er sich erinnert an das was er auf der Schule gelernt hat. Aber es ist mir doch sicher, dass er machen wird, was – höchstwahrscheinlich – er allein unter allen Heutigen kann. Sieh – und sieh, Eugen – hier ist ein Fall, wo wirklich weiter nichts zunächst zu wünschen ist als dass einer ein Buch schreibt. Das ist in diesem Fall viel mehr “christliche Tat” als alle Taten im engeren Sinn. Es liegt natürlich an dem besonders verlorenen Zustand der Naturwissenschaften und daran, dass der Christ der hineingeriet bisher stets nur ins Apologetisieren verfiel.

Ich war gestern etwas erschrocken als mir Hans seinen Brief an Eugen gab und ich darin las “Franz liebt Spengler”. Aber es wird wohl schon wahr sein. Ich meinte, ich wäre nur verliebt. Aber das dann allerdings sehr heftig. So sehr, dass ich darüber vergesse, dass wir Feinde sind, er und ich. Es ist zuviel darin, was ich früher auch wollte. Eugens Kritik und jede Kritik kann dagegen höchstens als eine Verwahrung wirken, wirklich umbringen liesse er sich nur durch ein ebenso starkes Buch. Eugen wird nun wohl oder übel die Zeitrechnung doch schreiben müssen. Mit der Kritik hat er sich nicht losgekauft. Übrigens bin ich überzeugt, dass er den 2ten Band nicht bloss schreiben wird, sondern schon geschrieben hat und ihn nur noch zurückgehalten hat, weil er erst ein bischen den Gang des Kriegsendes abwarten wollte. – Das Buch bringt das Grösste fertig, was ein philosophisches Buch fertig bringen kann: es zwingt dem Leser die Intuition des Schreibers auf. Es zwingt einen spenglersch zu denken. Mit andern Worten: ich habe schon jetzt nach 250 Seiten das Gefühl, ich hätte viel mehr gelesen. Kurz, er mag “der Teufel” sein, aber kein dummer. Und das Sonderbare ist, dass eigentlich nur ein millimeterbreiter Abstand seine Hölle vom Paradies scheidet, man möchte ihm immer zurufen: geh doch, nur einen Schritt, so bist du drüben. Aber er geht natürlich nicht, er fühlt sich ja wohl wo er ist, er ist eben der Teufel. Vorhin kramte Else unter Hansens Manuskripten, da kam auch allerlei Eugensches zum Vorschein, darunter sein (anlässlich der finnischen Krone) Schwanengesang auf die Monarchie oder vielmehr Schwanenge-sang eines Monarchisten.

Die Sonne kommt heraus, ich hatte es gar nicht mehr gedacht. Nun kommt wohl auch ein Brief von dir? ich bin verwöhnt hier, es ist wirklich nur ein Katzenzprung. Mein Brief springt ihn. (Magst du eigentlich Katzen? ich mag sie lieber als Hunde.) Und dann nimmst du ihn, machst ihn auf ich bin wieder bei Dir –

Dein.

4.V.[1919]

Liebes Gritli, mittags als ich von Rickert heimkam, war auch dein Brief da. Ich hatte schon bei Eugens gedacht, dass er Vorsehung gespielt hätte. Nun warst dus. Aber es wäre vielleicht auch Vorsehung spielen gewesen, wenn du es hättest gehen lassen. Und jedenfalls habe ich Hedi einfach nicht gekannt, war auch durch die Rolle die F.K. immer bei ihr gespielt hatte, irre geworden. Er tut mir übrigens doch leid. Ich kann ihn mir irgendwie vorstellen. Hoffentlich geht es mir einmal besser. Ich meine doch wohl? ? [zweites Fragezeichen ausgestrichen]

In Trudchens Brief hast du richtig (mit wahrhaft philologischem Instinkt – Kunststück, wenn man die “Materie” mich so beherrscht wie du -) die Auslassung gerochen. Hinter dem Satz vom Abbringen stand nämlich: (Taufe). Das gehört nämlich zu Mutters unerschütterlichen Überzeugungen und so hat sie es auch Trudchen erzählt. Ich habe ihr auf diesen Punkt eine Berichtigung geschrieben, weil es mir doch peinlich ist, dass sie glauben konnte, ich hätte in so etwas nach Mutters Verzweiflungen gehandelt. Aber für Mutter ists doch auch bezeichnend. Sie macht sich sogar (mir gegenüber) ein Verdienst daraus: ihr verdankte ich es doch! Und dabei schrieb ich ihr damals, als ich ihr schrieb, dass ich es nicht tun würde: sie würde aber damit noch viel weniger  einverstanden sein als wenn ich es getan hätte. Wie ja auch eintraf.

Ich merke dass die Rückseite ganz gut zu beschreiben ist. Aber ich werde es doch nicht mehr. Es hanselt im Zimmer, und so braun ist kein Papier, dass ich dann noch richtig mit dir zusammen sein könnte. Bis morgen früh also. (Ich freue mich schon darauf!) Guten Abend.

4.V.[19]

Lieber Eugen, du wirst sehr böse oder vielmehr, was schlimmer ist, etwas traurig sein, denn hier ist die Adresse und weiter nichts: Georg Gabler bei Frau Black (seiner Schwester), Floring. 3. Ich habe bloss im Haus nachgefragt; hineinzugehn habe ich nicht fertiggebracht.

Ich kam grade von Rickert und war noch bedrückt von der Unsauberkeit meiner Stellung in dieser Sache. Wenn ich mich selbst diesen Leuten präsentierte, würden sie nichts für das Buch tun. Das einzig Mögliche wäre, es selber zu bezahlen, und das einzig Anständige, es überhaupt nicht drucken zu lassen. Auf eins von diesen beiden wird es herauskommen und hoffentlich auf das zweite (nicht bloss, auf dass das Wort erfüllet werde, das gesagt hat der Profet Eugen).

Spengler berauscht mich dauernd weiter. Im Anfang stehen ja grade schlechte Sachen, so die törichten Definitionen, die er glücklicherweise nachher selber fortschwemmt.

Dein + Schema zwingt nicht.

Hans wünscht du möchtest ausser dem über Rel.pr. u. Off. auch etwas über Sprache schreiben (bzw. etwas Älteres herausrücken). Schon weil es doch Das Wort heissen soll.

– Inzwischen ist es Abend geworden, und Rickert hat einen guten Gedanken zur Welt gebracht, nämlich: er hatte das dicke Manuskript mit meiner Erlaubnis in mehrere Kapitelteile zerschnitten. Als ich nun zu Hans sagte, ich würde es vielleicht einfach der Akademie hier oder sonst irgend einer Stelle, der Berl. Bibliothek etwa, schenken und nur in den Zeitschriften eine Notiz veröffentlichen, es läge ein Buch von mir da= und darüber dort und könnte von Interessenten eingesehen werden, meinte Hans, ob ich es nicht lassen wollte, wie Rickert es gemacht hatte: nämlich zerschnitten in mehrere Zeitschriftenaufsätze, Akademieabhandlungen und etwa das grosse Preussenkapitel als Buch (ca 8-10 Bogen). Und so wirds nun, und du behältst wirklich recht. Morgen gehe ich zu Winter und biete ihm an: “Hegel und der preussische Staat. Ein geschichtlicher Kommentar zur Hegelschen Rechtsphilosophie”. Und ev., wenn nötig, werde ich dafür von der Akademie hier wohl den Zuschuss kriegen. Ausserdem aber ist ein Buch über dies “aktuelle” Thema von 7 M Ladenpreis immerhin verkäuflicher, als eins für 22 M.  – Meinecke in der Hist. Zeischr. nimmt mir glatt ab “Studien zu Hegel (I Napoleon  II Restauration  III Julirevolution)”. Bleibt noch “Die Geburt der Hegelschen Staatsanschauung. Eine biographische Untersuchung”. Und “Hegels ursprüngliche Staatsphilosophie. Eine Studie zur Entwicklung der Hegelschen Systematik von 1801 – 1806”. Daran muss entweder eine Akademie glauben oder Zeitschriften. – Das Vorwort kann in die Preussischen Jahrbücher, die Einleitung in irgendwas und der Schluss ins Scheisshaus. Es ist doch sehr bezeichnend, dass das geht. Der Schluss war die Klammer die das Ganze hielt; die Klammer ist 1918 zerbrochen, nun fällt es in Stücke. Und ich bin das Ganze los, prätendiere nicht mehr, ein Buch geschrieben zu haben, und kriege noch Geld drauf statt was zahlen zu müssen. Es ist doch gut so?

An den Zeitgleichungen beängstigt mich immer noch dasselbe wie 1917, nämlich das primitiv (euklidisch!) Arithmetische. Grade aus Spengler musst du doch sehen, dass die Zeit ihre eigene Mathematik hat. Deine Zeitgleichungen verglichen zwei Zeitspannen als wären es wirklich Spannen, Raumstücke. Während in Wirklichkeit zwischen der Schuld= und der Sühneepoche nur eine funktionelle Beziehung zu sein braucht. Ein Geschlecht kann in wenigen Jahren ausbaden, was ein andres in Jahrzehnten gesündigt hat. Gott zählt nicht, er wägt.

Liebesersatz? oh weh, du bist kein Ersatz, aber unersetzlich –

auch deinem Franz.

Sei mir nicht mehr böse wegen dem Jungen mit der Hose (oder vielmehr ohne Hose),

5.V.19

Liebes Gritli, heut früh endlich von Mutter ein Brief, eigentlich 2 Kärtchen; sie dachte wohl, es ginge alles auf eins. Immerhin also doch ein Brief und ohne “Aussprachen”. Sie schreibt, dass sie dir geschrieben hat, “aber es greift mich zu sehr an, und schliesslich hat niemand was davon, wenn ich schreibe”. Von Rudi hatte ich auch einen, ausführlichen, Brief; er stimmt eigentlich im wesentlichen mit Trudchen überein, alle wollen mich fort von Kassel haben, am besten “motiviert durch eine Anstellung” (O.Adolf) – ja woher nehmen und nicht stehlen. Von Bradt hatte auch Mutter kein Wort mehr gehört; es wird also wohl noch nicht konstituiert sein. Bei Winter war ich eben und trug ihm meine Alternative: das Ganze oder ein Stück vor. Kruioserweise schien er aber Blut geleckt zu haben, und sprach als ob er lieber das Ganze wollte und sagte gar nichts von Zuschuss. Ich werde nun ein paar Tage warten. Irgendwie werde ichs ja nun los. Verlangt er Zuschuss, so kapriziere ich mich auf den Teildruck. Übermorgen gehe ich wieder hin. – Rudi schreibt: (übrigens schreib ihm doch vielleicht ein Wort über Weidemann oder beser noch: schick ihm den grossen Brief an Eugen, von dem ich Rudi geschrieben habe, damit er etwas im Bilde über W. ist. Übrigens: der Brief, den er zwischen Stiftsmühle und deinem Kassler Aufenthalt an Eugen geschrieben hat, den hast du nie erwähnt; wie war er?). Also Rudi schreibt: O.Adolf “sah aber ein, dass auch der Privatdozent nichts Endgültiges helfen würde {meiner Mutter}. Ich sagte, dazu könne ich dir nur raten, wenn er dir für deine übrigen Pläne nützen würde. Wie denkst du darüber?” Nun natürlich, dass es nicht geht; denn zwar würde er mir nützen, ähnlich wie das Buch; aber er würde mich, anders als das Buch, mit Beschlag belegen innerlich; niemand kann zweien Herren dienen. Deshalb geht es nicht, obwohl es nützen würde. Rudi schreibt noch: “Hat Dir Deine Mutter geschrieben {nein}, dass Hans Hess bei ihr war, um ihr wegen Ws und Eugens sein Herz auszuschütten: – W. ziehe sich ganz zurück und beharre auf der Wahnsinnstheorie, er erzähle allerhand Christusartige Aussprüche Eugens. Ich wünschte, die Briefe von denen du sprichst {es war natürlich nur der eine} auch kennen zu lernen. Natürlich glaube ich Eurem Urteil, aber hat W. dann nicht umsomehr einen eigenen Weg? – Wie denkst du denn jetzt über die Vergewaltigung des Himmelreichs? – Stuttgart wäre freilich schön in jeder Hinsicht, ist es politisch bedingungslos? – ”

Ich muss zum Mittagessen herüber (ich schreibe im Wartesaal -). Es ist wieder ein Brief mit lauter Gästen geworden. (Das Hegelbuch ist doch auch bestenfalls ein Gast, eigentlich dir wohl fast so unheimlich wie der Gast Kähler). Aber einen Augenblick auf der Treppe sehn wir uns und ich sage dir schnell:

Dein.

5.V.[1919]

Liebes Gritli, du rätst nicht, wo ich dir schreibe. Ich bin in Mannheim und höre heut Abend das Klinglerquartett, “nachträglich”. Ich hatte eigentlich keinen Mumm, zuletzt bin ich doch herübergefahren. Nun sitze ich in Elsa Schicks Zimmer, die keine Ahnung hat, dass ich hier bin. Es ist ein sehr drollig und hübsch vollgefüllter kleiner Salon, und was tue ich – nun ja.

Mittags fand ich deinen Brief. Ich werde wohl Mutter erst auf ihrer Durchreise “nach Konstanz oder Badenweiler” sehen, hier oder in Frankfurt und zusammen mit O.Adolf. Das kann nicht so schlimm werden. Geschrieben habe ich ihr zwar: in Kassel auf der Durchreise oder hier, aber es wird schon hier werden. Das Gute dabei ist, dass es dann bei ihr steht, hier zu bleiben oder weiterzureisen, sodass sie sich nicht als von mir verlassen fühlen kann. Die Zeitung über die sie so stöhnt wird ja nun sicher nichts. Es lohnt sich kaum, nochmal zu schreiben, nur der Ordnung wegen will ichs. In den nächsten Tagen fahre ich nach Frankfurt; vielleicht weiss mir Lazarus, der ja aus Berlin stammt, Rat.

Ich habe dich neulich mit Hans = Else geplagt, einen ganzen Brief lang. Aber es musste heraus. An sich wäre es ja eine grosse Taktlosigkeit gewesen, aus ihrem eignen Haus so zu schreiben, aber an dich wars mir nur wie Selbstgespräch.

Empfindest du das mit dem Hegel also auch so entwürdigend. Ich bin in einer ganz unklaren Stellung dabei. Das kann man nicht immer vermeiden. Das Schlimme fängt erst da an, wo man bei sowas nicht einfach kurz und knapp selber handelt – mögen dann die Leute einen verstehen oder nicht – sondern andere für sich interessiert und in die eigne Unklarheit hineinzieht. Das ist Missbrauch der Liebe. Denn schliesslich steckt doch in der Hülfsbereitschaft, die man beansprucht, ein Kern Liebe. Und den verunehrt man. Das Buch einfach an einen Verleger verkaufen, – das ist ein trocknes Geschäft, “abgemacht” und abgetan. Erst durch das Hinlaufen zu Rickert, Oncken und dann noch wer weiss wem, Gradewitz, Meinecke, Below! – erst dadurch wird es widerwärtig. Ich war einmal schon in etwas ähnliches verwickelt: als ich als Krankenpfleger nach Asien wollte. Frühjahr 15. Da setzte ich auch wer weiss wen in Bewegung, und konnte meine Motive auch keinem sagen, aus ganz ähnlichem Grund wie jetzt. Auch da war es einfach eine Erlösung als mich das Rote Kreuz vor die Alternative stellte, wieder hinauszugehn oder auszutreten, und mir dadurch das Warten auf die asiatische Expedition abschnitt. Nun siehts ja fast aus, als ob Winter es für möglich hielte, den Hegel ohne Zuschuss zu verlegen. Er fragte mich wenigstens, ob ich an Honorar dächte (ich sagte natürlich: nein, nur Gewinnbeteiligung).

Von dem Brief an Werner und von der Volkshochschulbroschüre schreibst du noch nichts. Hans hat mit Weisbach gesprochen wegen etwaigen Verlags des “Worts”; der hat Lust. (Es ist der Verleger der “Gesetz d. Menschen unsrer Zeit”, von der übrigens jetzt immerhin schon 500 Stück verkauft sind!)

Es spenglert noch immer bei mir. Meinethalben dürfte er ruhig 6 Bände schreiben, ich läse sie alle. Er hat eigentlich alles in dem Buch, es fehlt immer nur ein ganz kleines Bischen, immer nur das Tüpfelchen auf dem I. Wir werden nun in unserm litterarischen Leben nichts mehr zu tun haben als Ipünktchen machen. Braucht sich Eugen jetzt etwa noch die Finger krumm zu schreiben, um den Leuten sein Jahr 1000 beizubringen? Man braucht wirklich die von Spengler zerstückelte Welt nur in den Medeakessel des Glaubens zu werfen, so ersteht sie herrlich wieder auf. Also genau das, was bei mir vom ersten zum zweiten Teil hin geschieht.

Spengler spricht nicht, gewiss. So wenig wie Goethe. Aber er schaut an, wieder wie Goethe. Er hat eine für mich gradezu zwingende Kraft des Anschauens. Dabei laufen ihm wohl auch Gezwungenheiten unter, aber wie wenig! Es ist doch eine schöne Sache um ein Genie. Erfüllst du deine Geniuspflicht, frag ich nach deinem Glauben nicht.

Elsa Sch. scheint zu kommen. Leb wohl.

6.V.[19]

Liebes Gritli, als ich Nachts von Mannheim zurückkam, fand ich ein Telgramm von Trudchen: “deine Mutter infolge Enttäuschung über dein Nichtkommen übererregt. Hatte dich trotz Brief erwartet. Komm sofort auf einige Tage.” Es passt mir denkbar schlecht, da sich doch wohl in dieser Woche die Sache mit dem Hegelbuch ordnet. Ich warte jetzt auf ein Telefongespräch mit Trudchen. Denn sonst muss ich fahren, nicht grade Mutters wegen, der ich sicher nicht gut tue, sondern weil Trudchen so kategorisch telegrafiert hat und ich sie nicht vor den Kopf stossen kann. Was kann das für Tage geben! Selbst wenn Hedi dabei ist. Und dazu dann O.Adolf, T.Emmy, Hedi selbst nicht zu vergessen, allen Rede stehen, “was hast du vor, was hast du vor?” und ich habe gar nichts vor, ich weiss nur, was ich nicht vorhabe. Unter dieser allgemeinen Kontrolle darf ich dann nach London fahren! Ich danke! – Vielleicht kriege ich ja noch Aufschub von Trudchen. Sie wird sich eben einfach selbst nicht mehr zu helfen wissen und die “Verantwortung mir gegenüber” nicht ertragen. Dabei ist mir wirklich egal, was geschieht; ich bin auf alles gefasst. Das einzige, was mich etwas irre macht, ist der Gedanke, dass es vielleicht in ihren Jahren liegt (allerdings war sie eigentlich immer so), dann wäre dies also in einigen Jahren wieder gut. Tante Julie ist glaube ich ein paar Jahre lang, zu Lebzeiten ihres Mannes, auch in diesem Alter, in einer Anstalt gewesen. Dann würde es also genügen, sie nur jetzt über den Berg wegzubringen.

Liebes, es ist zu scheusslich, womit sich jetzt die Briefe füllen. Dabei hatte ich mich auf heut Morgen gefreut, ich hatte dir viel mehr zu schreiben. Von der Musik hatte ich zwar nichts, aber es ging mir so vielerlei durch den Kopf. Jetzt weiss ichs kaum mehr. Es kam vor allem dabei heraus, dass ich den Stern doch wohl drucken werde. Das hat Spengler gemacht. Ich empfinde ihn jetzt plötzlich, anders als damals als ich ihn schrieb, als ein Zeitbuch. Um so komischer ist, dass ich mich noch um den Hegel bemühe.

Über kurz oder lang ist nun die schöne Nähe nicht mehr. Sie kommt mir viel näher vor als zwischen Kassel und Leipzig, und bloss weil man weiss, man braucht es nur zu wollen, so ist man beieinander. Mehr als das zu wissen, ist ja gar nicht nötig; schon dadurch schrumpft jede Ferne zu einem “Katzensprung” und ist keine Wand mehr, an der man sich den Kopf einrennt, sondern nur wie eine Tür zwischen zwei Zimmern.

Was du mir vom Opfern und Schadennehmen schriebst, hat mir ja neulich, in ihrem ersten Brief, auch Trudchen noch viel besser geschrieben. Es ist sicher so. Aber es ist nichts was mir heute vorstellbar ist, und darfs wohl auch gar nicht sein. Heute bin ich dir nah, und ich kann mir nicht denken, dass diese Nähe je Ferne werden könnte. Denn du bist mir Nahe und Nächste zugleich. Ich liebe dich wie mich selbst. Denn

– ich bin dein.

6.V.[19]

Liebe, ich bekam das Telefonat doch noch und kurz zuvor einen Brief von Trudchen. Ich erbat mir Aufschub, weil ja vielleicht mein letzter Brief, den Mutter morgen haben wird, sie schon beruhigen wird. (Vielleicht allerdings auch grade das Gegenteil). Ich sähe sie wirklich lieber hier als in Kassel. Sie wird sich hier sicher mehr zusammen nehmen als in Kassel, wo sie schon gewohnt ist zu toben. Hedi wirkt scheinbar nicht beruhigend auf sie; sie lamentiert über “die fremden Menschen im Haus” u.s.w. Zu Trudchen hat sie gesagt, du habest ihr Hoffnung gemacht, “den Briefverkehr mit mir verebben zu lassen”. Trudchen schreibt gleich dazu, sie habe nicht geglaubt, dass du das gesagt hast. Siehst du? – Mein ganzer Wunsch ist jetzt, sie so wenig als möglich zu sehen. (Und deiner wohl, so wenig als möglich davon zu hören; aber es hilft nichts: es geht mir zu andauernd im Kopf herum, wenn auch nicht im Herz; was da noch war, hat sie durch ihren Selbstmordversuch totgeschlagen).

Trudchen kam noch so früh, dass ich noch zu Hans ins Kolleg konnte. Es war ausserordentlich, ganz einfach, primitiv sogar. Er erzählte den Studenten – sein Leben, etwas obenhin, einiges – Verhältnis zu den Georgianern in Berlin – genauer. Das Kolleg, 4stündig, giebt ein System; er will zwischenhinein Fragen stellen; und um die Atmosphäre zu schaffen, vorweg diese Visitenkarte. Alles sehr souverän, erfahren, unpathetisch, menschlich. Lange kanns nicht her sein, dass er so etwas konnte.

Morgen höre ich vielleicht doch schon was von Winter. Und dann, wenn ers annimmt, fahre ich (falls Mutter nicht grade in den Tagen hier durchkommt) nach Kassel und von da baldmöglichst nach Berlin. Das ist eine unheimliche Entfernung.

Ich war bei Weizsäcker, den ich zwei Tage nicht gesehen hatte. Er sprach viel Merkwürdiges. Von der Jugendlichkeit katholischer Pfarrer und Nonnen. Katholische Schwestern würden keine “alte Jungfern”.

Ein Kolleg heute wie Hansens ist schon nicht mehr Blüte der alten, sondern schon neue Universität. Man hätte Zwischenrufe machen mögen, – unerhört für frühere Vorstellungen. Ich werde ihn hören, solange ich noch hier bin. – Eugen wird am 14.VII. in der Gesellschaft sprechen über “die Institution im Recht und Staat.” Den Folie = Vortrag dazu (das Individuum in Recht und Staat) hält Fehr. Das muss ihn ja an sich reizen. Übrigens gereizt oder ungereizt – das Programm wird schon gedruckt. Falls ihn das Fremdwort (trotz des Schlusssatzes von Rathaus und Roland) ärgert, kann er ja mit einer Schimpfrede beginnen. Der ewige Prozess kam heute. Ja gewiss, es ist alles ganz einfach, aber die Menschen – der Prediger Salomo weiss etwas darüber (vgl. Konkordanz unter “einfach”). Ich jedenfalls möchte ganz einfach sein: Dein.

7.V.19

Liebe – beinahe “meine Liebe”,  stell dir mich vor in einem Hemd und einem Kragen von Hans und “gieb dich zufrieden und sei stille”; und auch mit den Brotkarten will ich Else lieber nicht beunruhigen; ich habe ja Mutter geschrieben, dass sie welche schickt, übrigens auch gleich an dich. Nach Frankfurt wäre ich zwischenhinein ja hauptsächlich wegen Lazarus gefahren, so in der vagen Idee, er würde mir etwas wissen. Aber wenn sich Winter wirklich hat dumm machen lassen, so fahre ich ja ohnehin fort von hier. Nein, ich brauche nichts von dir ausser – dich. Ich könnte dir den ganzen Tag schreiben.

Rudi muss erst mit den Predigten fertig sein (er ist an der 4tletzten). Eher braucht er keine Attaken. Nachher schon. Weidemanns erster grosser Brief, wenn du ihn ihm schickst, ist eine Attake. Dass seine Ehe das war als was er sie empfindet, kann man vielleicht nur verstehn, wenn man die Jahre 1910-12 mit ihm erlebt hat. Es ist natürlich etwas ganz Persönliches, aber so empfindet er es ja auch. Nur in der Projektion katholisch = protestantisch wirft es einen Schatten ins Überpersönliche hinaus. Ein Massstab für andre ist es nicht. Was dich daran anfremdet, ist dass die Ehe ihm nicht bloss Anfang war, sondern ebensosehr Ende. Man muss ihn eben gekannt haben, wie er vorher war. Helene ist freilich “fertig” – sie ist ja katholisch.

In Rankes Weltgeschichte habe ich grade in diesen Tagen auch etwas gelesen (in einem Inselbändchen), “Muhamed”; ich war enttäuscht.

Gösta Berling ist ihr Erstlingswerk. Denk, ich habe es nie gelesen, immer bloss drin geschmökert. Daher bin ich nicht bis zu deiner Ablehnung gekommen. Aber offenbar war es doch ein solches Gefühl. Überhaupt lese ich scheints Erstlingswerke nie richtig. Sowohl die Räuber wie den Götz kenne ich vollständig nur vom Theater, und auch den Werther habe ich noch nie durchgelesen. Was hätte wohl die Agnes Günther gemacht, wenn sie länger gelebt hätte? Erstlingswerke von Genies sind doch immer so. Kennst du Michelangelos Centaurenkampf = Relief? Es ist immer dieselbe unzusammengefasste Massenhaftigkeit, alles schon da und doch noch unerträglich, mehr bedrängend als befreiend.

Ich gehe jetzt zu Winter, um ein Stück für Oncken abzuholen, das ich ihm versprochen hatte zu bringen, weil eine Schülerin von ihm daran arbeitet. Vielleicht kriege ich da schon überhaupt was zu hören. Ich lasse den Brief jedenfalls offen. Leb wohl bis bald. (So ein paar Mal am Tag schreiben, ist wirklich als wäre ich bei euch zu Besuch in Säckingen. Da sehe ich dich ja auch nicht den ganzen Tag.)

Inzwischen war ich also bei Winter. Ergebnis: 50 M Zuschuss pro Bogen. Das wären also 1500 M. Damit und mit dem Mskript ging ich zu Oncken. Der war sehr entgegenkommend und will ein Gutachten machen, ev. schon für die nächste Ak.Sitzung, die am 17.V. ist. Bewilligt die Akademie mir nur die Hälfte, so würde ich den Rest selber zahlen, um nicht auch die Freiburger noch belaufen zu müssen. Dass ich an Meinecke schreibe, wünscht allerdings Oncken auch, aber offenbar nur, weil er Wert darauf legt, dass Meinecke erfährt, dass man sich für einen Schüler von ihm bemüht, für etwaige spätere Gegenleistungen. In dieser ganzen Sache werde ich also eigentlich mehr weitergeschoben als dass ich selber was tue. Mittags fand ich ein Telegramm von Trudchen. Neue Komplikation: “Onkel Adolf jetzt nicht abkömmlich. Du musst Mutter fortbringen. Drahte Ankunftszeit. Muss dich zuerst sprechen”. Ich habe wieder Telefon bestellt und sitze nun und warte. Es ist natürlich sehr unangenehm. Genau das Gegenteil von dem, was einstimmig alle für richtig hielten. Statt dass ich ihr möglichst wenig unter die Augen komme, muss ich sie jetzt zwingen, irgendwohin zu gehn. Wodurch sie natürlich noch wütender auf mich wird. Ausserdem halte ich es für ganz falsch, sie alleine irgendwohin zu setzen. Es handelt sich ja gar nicht um ärztliche Aufsicht. Eugen sieht die Sache ganz falsch an. Sie ist zu klug für die Doktors. Das Zusammengehn mit O.Adolf wäre das einzig Mögliche gewesen. Jetzt wüsste ich nur diese Frau Löwenherz, die sie wohl eine Zeit lang mit Vergnügen auf ihr hannoversches Gut nehmen würde und an die sie selber früher auch schon gedacht hatte. – Da ich hier erst Rickert (und vielleicht auch noch mal Winter und Oncken) sprechen will, so werde ich wohl erst morgen Nachmittag oder übermorgen früh fahren; ich telegrafiere auch noch. Schreiben tu mir dann via Trudchen. Falls es sich in die Länge zieht, natürlich auch nach Terrasse 1, damit Mutter keinen Verdacht schöpft. Aber die Aufregung der täglichen Briefe möcht ich ihr dann ersparen. Auf den langen braunen Couverts hält übrigens das Siegel meist nicht; da benutz lieber welche von deiner Mutter. Und noch was: schick doch an Trudchen die Einleitung zum IIten Teil, sie ist mit dem Iten fertig, und der Durchschlag, den ich in Kassel habe, ist scheusslich verwischt geschrieben.

Ich schreibe dir jetzt Briefe, die ich am liebsten gleich wieder durchstreichen möchte. Und aus Kassel werde ich überhaupt nur ganz verstohlenerweise dazu kommen. Ich weiss überhaupt nicht, wie es werden soll. Sie wird mich künftig aus der Ferne noch ärger beaufsichtigen als aus der Nähe. Im Hintergrund immer die ultima ratio der Zäpfchen. – Ich weiss jetzt, was ich tue. Ich werde sie überhaupt zu nichts veranlassen. Sie will natürlich von mir zu etwas “gezwungen” werden. Ich werde sie aber zu gar nichts zwingen, sondern einfach sagen, ich sähe gar nicht ein, warum sie nicht in Kassel bleiben könne, wenn sie das wolle. Soll dann ihre geliebte “Familie” sehn, wie sie mit ihr fertig werden. Ich gebe ihrer Wut dann wenigstens keine neue Nahrung. Ich fürchte mich vor diesem Dämon.

Eben Telefonat mit Trudchen. Grund: sie hat zu Hedi gesagt: wenn ichs ihr klar machen würde, dass sie fort müsste, so würde sie gehen. Es ist also ganz klar: sie will bloss mich für die Verantwortung haben. Da kommt sie an den Verkehrten. Noch etwas: Eugens Brief “war eine Katastrophe”. Also er darf ihr nun wirklich nicht mehr schreiben. Wer es nicht muss, sollte es überhaupt bleiben lassen. Hier ist nichts mehr zu machen ausser sie toben lassen. Ich bin eben am Telefon schrecklich erregt geworden. Und ich möchte wirklich nicht von ihr mitgerissen werden. Obwohl sie ja dann zufriedne wäre.

Genug davon. Ich weiss nicht, wie das werden soll. Ich habe Trudchen gesagt, ich wüsste noch nicht, ob ich kommen würde. Ich weiss es wirklich noch nicht.

Dein Franz.

7.V.19

Liebes Gritli, nur schnell noch, wie es wird: Hans hat einen Weg gefunden, wie ich den Kasslern genug tun kann: ich fahre hin, bespreche alles mit ihnen (Trudchen, O.Adolf, ev. Tante Emmy) und in Göttingen mit Rudi, bleibe vor Mutter Inkognito. Nur wenn es wirklich nicht anders geht, gehe ich dann noch zu Mutter, aber ich hoffe es mir und ihr ersparen zu können. Jedenfalls muss ich rechtzeitig vor dem 17. (mehrere Tage vorher) wieder hier sein. Aber jedenfalls habe ich auch dann erst alles durchgesprochen, sodass die Familie und ich d’accord sind. Hans sprach von der Möglichkeit von Hypnose. So scheusslich es ist, hier handelt es sich ja nicht mehr um eine lebendige Seele. Und da die andreMöglichkeit Selbstmord heisst, so wäre gar nichts mehr gegen Hypnose einzuwenden; es ist ja weiter nichts als auch ein Mord, nur ein reparabler. Schreib mir also an Trudchens Adresse, (aber an sie oder an beide kouvertiert, weil die Kinder nicht zu wissen brauchen, dass ich da bin. – Freitag Abend also voraussichtlich Kassel, Sonnabend Abend Göttingen, Sonntag entweder zurück oder eventuell (hoffentlich nicht) Abends in Kassel (“soeben unangemeldet aus Heidelberg ankommend”.) Am Dienstag müsste ich jedenfalls zurück hier sein. – Ich werde möglichst veranlassen, dass sie mit O.Adolf reist, im übrigen Kassel überzeugen, dass die première idée der Trennung (auf ca 1/2 Jahr) wirklich das einzig Richtige ist.

Schreib mir ein gutes Wort, ein besseres als ich dir schreiben kann; ich habe es nötig. Liebes Gritli –

8.V.[1919]

Liebes Gritli, also morgen fahre ich und weil ich ja schon Montag wieder zurückfahre, so kannst du mir schon auf diesen Brief wieder nach Heidelberg antworten. Du hältst mich an einem kurzen Fädchen, ich komme schon wieder zurück zu dir geflogen. Wirklich, Heidelberg ist fast als wäre ich bei dir. Dass ich nicht länger bleibe, auch wenn ich Mutter sehe, ist mir jetzt ganz sicher. Werden sie sehr dringlich, so verspreche ich schlimmstenfalls, wiederzukommen; aber Dienstag muss ich auf jeden Fall wieder hier sein, wegen Oncken u.s.w. Daraus kann ja sogar Mutter nur entnehmen, dass ich mich wirklich nur sehr schwer von hier freimachen konnte und müsste also – eigentlich – meinen “guten Willen” sehen. An Meinecke habe ich heute auch geschrieben und ihm dabei in Kürze mitgeteilt, dass ich nicht auf Habilitation spekuliere. Rickert und Oncken habe ich es dieser Tage auch gesagt. Es ist freilich nichts Rechtes, nur das Nicht zu wissen und nicht das “Was denn [dann?]?”. Ich habe Meinecke von meinen hiesigen Schritten verständigt und ihn anschliessend an die Erklärung dass mir das Buch “einen Abschied und keinen Anfang” bedeute, einen “Abschluss einer Lebens= und Bildungsepoche” und nicht den Anfang einer “beruflichen Laufbahen”, gebeten es ihm widmen zu dürfen. Ich bin etwas neugierig, wie er antwortet.

Hansens zweite Kollegstunde ging fort wie die erste begonnen hatte. Hans macht da wirklich was Eugen hätte machen müssen. Aber Eugen hätte es nicht gekonnt. Ich glaube so simpel und menschlich sprechen kann man in dieser vergeistelten Atmosphäre nur wenn man einmal so sehr reiner Geist war wie Hans. Es ist eine Freude zu sehn, wie nun der Schmetterling aus der Puppe kriecht. Er sagt ganz vergnügt zu den Studenten:” ein Professor ist kein Mensch”. So hin, so ohne jede Ausdrücklichkeit. Nächste Stunde beginnt das Kolloquium. Leider sitze ich da auf der Bahn.

Deinen Breirat befolge ich heut aus andern dringenderen Gründen. Immerhin doch prompt, ehe dein Brief kam; schon zum Kaffe gabs Süppchen. Aber leider kann ich die zweite Fliege, welche hier – o Wunder der Natur! – ein Bandwurm ist, nicht mit dieser Klappe schlagen, denn morgen sitze ich vgl. den Schluss des vorigen Absatzes.

Das “Wunder” Trudchen = Louis begreife ich auch erst seit dem Brief, den sie mir neulich schrieb. Es ist “kein Wunder” und doch eins. Ob bei Hedi die Bedingungen dafür da gewesen waren? Wohl nicht. Doch man weiss es nie vorweg. Übrigens habe ich viel zu viel Vertrauen zu dir, als dass mein Widerspruch, wenn du locuta es, länger als einen Tag anhielte. Du hast getan was du musstest, also ist es gut. Auch mein Widerspruch gegen deinen Weidemannbrief hat sich verkrochen. Ich lasse mein Herz sich ganz still zu deinem legen, ich will gar nichts weiter, bewahr es gut und halt es sanft in deinen Händen diese Tage, die ich fort bin in Kassel. Ich komme wieder und dann hol ichs mir wieder von dir. Bewahr es gut, geliebte Seele – es ist

Dein.

9.V.[1919]

Liebes Gritli, es war schon später als ich dachte, so schreibe ich im Zug weiter. Ich habe nun keine eigentliche Angst mehr. Ich habe mein Retourbillet, das nur bis Montag gilt, in der Tasche – in jeder Beziehung. Beinahe hoffe ich selbst wenn ich Sonntag bei Mutter bin doch “Aussprachen” zu vermeiden. Ich will versuchen, auch ihr gegenüber alles auf das “Was ist zu tun” herauszuspielen. Übrigens bin ich arg müde, ich habe nur ein paar Stunden geschlafen, wir waren nämlich gestern Abend aus, bei Hellers, d.h. weiland Emma Lantz. Es kam so: ich traf vor ein paar Tagen eine Berliner Bekannte aus dem Ballmonat 1914 (die, die mich damals malgré alle bei Buber einführte) und sie wohnte hier bei ihrer Freundin Frau H. Daher die Einladung. Es war ein sehr netter Abend. Es waren zwei wirklich feine Mediziner da, nämlich der Mann, jünger wie sie und gut aussehend und ein andrer Assistent. Nur gab es leider trotz runden Tisches und schönen kleinen Zimmers (ganz pompejanischrot) kein gemeinsames Gespräch der 7 Menschen, sondern immer 2 oder 3 gleichzeitig. Das macht mich kribbelig, wenigstens wenn, wie gestern, ein paar Mal die schönsten Ansätze dazu da waren. Es gehört eben offenbar zur Geselligkeit, dass jeder dauernd schwätzt und das geht ja nicht, wenn 7 gemeinsam sprechen. Frau H. ist reichlich intellektuell, aber doch nett. An dich erinnert nichts an ihr, ausser etwa der Handrücken (die Finger nun schon wieder nicht im mindesten). Der Mann scheint jünger wie sie. – Else war wieder sehr komisch; sie ritt eine Attake gegen die Natur, vor der sie sich “fürchte” und die sie nur “durchs Fenster” möge, wo sie am Zimmer “Rückendeckung” hätte. Man hörte ihr auch andächtig zu! Jetzt wo ich fort von Heidelberg bin, ist mir doch ein bischen, als wäre ich aus der Klause eines Hexenmeisters heraus, so etwas wie im Goldnen Topf. Nun komme ich ja in Kassel gleich wieder in die Hexenküche hinein, – so bleibt also nur die Bahnfahrt dazwischen, – eine kurze und etwas zu ambivalente Entzauberung. Richtig entzaubert bin ich jetzt doch nur an einem einzigen irdischen Ort – brauch ichs dir zu sagen, wo?

Geliebtes Herz – dein.

10.V.[1919]

Liebes Gritli, Hedi und Trudchen waren an der Bahn, Hedi um mich gleich zu Mutter mitzuschleppen, was ich aber energisch verweigerte. Hedis Taktik (die sie auch mir empfiehlt) ist: à la Putzi: “ooch Muttchen”. “Hingegen”, wirklich “hingegen” empfiehlt Onkel Adolf bei dem ich abends noch war, vollkommene Offenheit, einfaches Aussprechen der Wahrheit – der “Wahrheit”, nämlich: Liebe Mutter, wir wollen doch beide das Gleiche: du willst nur mein Glück, ich will nur mein Glück; auf die Art wie du es meinst (Privatdozent) würde ich unglücklich, das kannst du doch nicht wollen. – Dies ist also die lautre Wahrheit. Ich habe mir gar nicht die Mühe genommen, dass das eine noch gröbere und plumpere Lüge wäre als das à la Putzi und dass Mutter sowenig darauf hineinfallen  würde als auf jenes. Auch Trudchen ist inzwischen soweit gekommen wie ich schon war: dass es nur mit Taktik, nur mit Lügen geht. Ich habe keine Spur Gewissen mehr. Wichtiger als Onkel As gute Rate war mir seine Bestätigung, dass es sich höchst wahrscheinlich um eine Alterserscheinung handelt und dass man also hoffen darf, es wird besser wenn sie erst über die kritischen Jahre hinaus ist. Der Nervenspezialist, dem er den Fall in 3 Sätzen vorlegte, sagte sofort: hat also Suicid = Ideen (übrigens eine Wortbildung deren glatte Möglichkeit doch sehr bezeichnend für beide Bestandteile ist, sowohl für den “Suicid” wie für die “Ideen”). – O.Adolf erzählte allerlei Interessantes: z.B. dass sie früher wenn sie eine 2 statt einer 1 geschrieben hatte zuhause tobte wie jetzt bei andern Gelegenheiten. – Eugens Brief hatte Trudchen gelesen und die Wut darüber auf den Gipfel getrieben, indem sie ihn sehr schön fand. Das scheint er – sie erzählte ihn mir genau – ja wirklich gewesen zu sein, aber wie zwecklos ist er für Mutter. Es ist doch zu spät für sie. Sie hat ja keinen Hausstand mehr zu gründen, sondern alles hinter sich. Und wie sie das Wir = sagen missverstand: sie sagte Trudchen, das könne sie ja nicht, ich würde ja nervös wenn sie nur von dir den Mund auftäte. So wenig begriff sie, dass es nicht so gemeint war, zu andern Leuten “wir” zu sagen, sondern erst einmal in foro interno.

Ich habe nun zum ersten Mal bei Trudchen in dieser Wohnung übernachtet, schreibe jetzt im Wartesaal vor Göttingen. Mutter werde ich heut Abend meine Odyssee richtig erzählen; es schadet gar nichts, wenn sie weiss, dass ich mich nicht mehr unvorbereitet an sie traue.

Morphium hat sie keins mehr. Sie redet jetzt mehr von “Ausdemfensterstürzen”. Na – es wid ja auch mal übermorgen werden.

Und morgen kommt ja ein rotbezettelter blaugesiegelter Brief – etwas Gutes bringt jeder Tag.

Ich küsse deine lieben Hände.

Dein.

11.V.[1919]

Liebe Liebe Liebe, ich muss erst einmal wieder untertauchen in dich –

Ich bin heut Mittag abgefahren. Es war schrecklich. Noch in Göttingen war ich vollkommen ruhig, aber als ich sie dann sah, verlor ich jeden Halt. Den Abend waren Kästners (ausserdem Frau Ganslandt, Jonas, Hedi) da, nachher um 12 kam sie auf mein Zimmer und dann fing es an. Dabei hatte sie den besten Willen, aber ich nicht. Mich ritt ein Teufel mindestens so schlimm wie ihrer. Ich sprach fortwährend was ich nicht sprechen wollte, (nämlich dass wir uns trennen müssten). Ich hatte weder Mitleid noch Liebe für sie. Es kam genau so wie ichs vorher gefürchtet hatte. So ging es den andern Morgen wieder los bis zum Mittagessen. Nach Tisch ging sie auf ihr Zimmer, ich auf meines und suchte die Manuskripte zum Hegel; ich wäre am liebsten Abends mit Hedi abgefahren, so kaput war ich. Denn weder hatte ich vernünftig mit ihr sprechen können, noch mitleidig. Weil mir eben beides, Vernunft wie Mitleid bei ihrem Anblick verschlagen waren. Wie ich dann die Manuskripte suchte, fand ich dazwischen versprengt einen einzelnen Brief von Vater vom Oktober 14. Ich entsann mich noch wohl, ich hatte mich damals darüber geärgert, über diese betuliche und feige Fürsorglichkeit, derer er sich so gar nicht schämte. Jetzt las ich ihn trotzdem mit einer Art komischer Rührung wieder – und da konnte ichs plötzlich, ging zu Mutter herunter und war “nett” zu ihr und bliebs bis heut Mittag zur Abreise. Sie zeigte mir dann auch Eugens Bief und log mich kräftig an, wie schön sie ihn fände u.s.w. ( Auch über dich, über den “Redaktör” u.s.w. lügt sie so hartnäckig, als ob ich nicht genau wüsste, wie sie zu andern darüber spricht). Mag ja sein, dass er irgendwann einmal wirkt (obwohl sie an sich “Briefe” nicht ernst nimmt – und andres natürlich auch nicht; sie nimmt ja gar nichts ernst). Es ist nichts bei ihr vorauszusehn. Es ist mir auch ganz lieb, dass mir alles Planmässige missglückt ist. Es schadet nichts dass sie mich in gemessenen Zeitabständen immer wieder in ihre Hölle hineinreissen wird. Ich habe gar kein Recht, mich dem zu entziehen. Im Grundsätzlichen mache ich ihr ja sowieso keine Konzessionen. Aber dass sie mich von Zeit zu Zeit mal verprügelt, muss ich ihr wohl gönnen, es ist das einzige, was sie noch vom Leben hat; auch ihre Liebe zu Vater nahm ja wohl meist diese Gestalt an. Ich erwarte also in 14 Tagen also neues Toben, neue Reise u.s.w. ad finem. Jedenfalls wird sie, wenn je, nur so einmal wieder zurechtzukriegen sein, nicht durch noch so kluge Pläne von Trennung u.s.w. Die Trennung muss von selber kommen. Ende des Monats geht sie hoffentlich nach Konstanz. D.h.: sie geht nur, weil sie die Vorstellung hat: es hilft doch nicht. Denn sie will [doppelt unterstr.] ihren Teufel behalten, er ist “ihr Leben”. – Ich habe jetzt Mitleid mit ihr, aber die Angst ist noch viel stärker. Es liegt in jeder Kleinigkeit bei ihr so viel unbewusste Bosheit. Wirklich “Strindberg”.

Trudchen war Mittags da und brachte mich zur Bahn (Mutter war so kaput, dass sie nicht konnte, sie konnte kaum eine Treppe steigen, nur wenn ichs hätte tun müssen, und sie mir also ostentativ dadurch zeigen konnte, was ich für ein böser Mensch bin, dann sprang sie plötzlich wie ein Eichhörnchen.

Ich wünsche jetzt selber, dass sie unter Sanatoriumsdisziplin kommt. Sie zu veranlassen, sich gleich mal 2 Tage ins Bett zu legen, (was sie jetzt gut könnte) ist mir wohl nicht gelungen. Genug, genug.

Ich habe dir wohl recht verworren erzählt. Ich bin es auch noch. Ich weiss gar nicht mehr, wie ich dazu kam, dass der * gedruckt werden müsste; du schreibst davon. Mein “Sanatorium” ist ja glücklicherweise sehr gross – die ganze Welt ausserhalb von Terrasse 1. Mit Rudi wars wie stets. Er ist bei der zweitletzten Predigt. Ein Buch, das er las, schicke ich euch von Heidelberg aus, hoffentlich habt ihrs noch nicht (Eugen zitierte nämlich an Hans neulich einen Nietzschebrief, der da auch zitiert wird). Es macht vieles überflüssig, was sonst wer und vor allem Eugen sagen müsste.

Eine Weile, 8 Tage oder 14, werde ich ja nun Ruhe vor ihr haben. Und heut Nacht oder morgen Mittag Heidelberg und Briefe von dir und überhaupt – nur ein Katzensprung. Ganz nah – und ganz Dein. Nimm mich, Geliebte.

13.V.19

Liebes Gritli, es ist wieder Tag und ich bin wieder bei dir. Ja ich bin glücklich, es dir wieder und wieder, täglich und stündlich sagen zu dürfen, dass ich dich liebe. In Kassel hätte ich es nicht gekonnt. Da konnte ich nur nach dir japsen wie ein Ertrinkender nach Luft. Aber nun haben sich die Wasser verzogen und der Bogen deiner Liebe steht wieder hell und herrlich über der wieder aufgetauchten Erde meines Lebens. Ich küsse deine Hände und deine Knie.

Ich kam spät Nachts an. Hans und Else waren schon zu Bett. Aber du warst noch “auf”. Ein Brief von dir und das schreckliche Logenbuch lagen da. Das werde ich aber vor Hans sekretieren. Es ist  mir ja grade wertvoll dass er den * liest, ohne eine Ahnung von dem * zu haben. Das ist mir eine gewisse Gewähr; dass meine Gedanken, obwohl aus * entstanden doch nicht an diesen Ursprung gebunden sind. Er liest ganz harmlos, obwohl ich ihm das Titelblatt und die drei Untertitelblätter aufgemalt habe. Er ist ja ein Mensch ohne Hintergedanken. Und wirklich, wozu braucht er davon zu wissen; ich habe ihm zwar den Rudibrief vom November 17 mitgebracht; ich wll ihn ihm vorlesen, wenn er mit II 3 zu Ende ist; ich bin selber wieder neugierig darauf. Aber der * – es ist genug so; denk grade gestern Nacht auf deinem Brief hatte endlich einmal wieder das Siegel gehaftet; so grüsste es mich. Ist es nicht besser, es bleibt so zwischen uns?

Ich darf doch nicht aufhören zu hoffen, dass es einmal anders wird mit Mutter. Es ihr ins Gesicht zu sagen, hat ja keinen Sinn. Sie versteht nichts. Trudchen hat ihr, als sie ihr Eugens Brief zu erklären versuchte, instinktiv meine Taktik angewendet (die ich am Sonntag Nachmittag auch anwandte): ihr nämlich gesagt: dass es auf den Namen Gott gar nicht ankommt; dass das Wir = sagen der Anfang ist und Gott höchstens die Folge, um die sie sich aber nicht zu sorgen braucht, denn sie kommt von selbst. Sie hatte sich natürlich zurückgezogen dahinter, dass es doch jetzt (sie sagte allerdings ausdrücklich: jetzt, später vielleicht einmal nicht) eine Heuchelei wäre wenn sie “Gott” sagte und dass sie also deshalb auch nicht “Wir” sagen könnte. Trudchen hatte ihr damals als sie so lamentierte, dass ich nun in Säckingen wäre statt bei ihr und überhaupt dass ich in Säckingen wäre, gesagt: sie solle doch ein Mal versuchen: statt immer zu denken: wie schrecklich, dass der Junge jetzt bei Gritli ist, lieber: wie schön, dass er jetzt u.s.w. wie oben. Da rief sie ganz entgeistert: nein, das könne man nicht von ihr verlangen!!!! – Wie sie von Berlin sprach und ich sagte ihr: o, es wäre sehr nett gewesen, sagte sie: ja das glaube sie schon, aber warum käme ich nicht auf die Idee mal mit ihr nach Berlin zu fahren. Und so komisch dieser naive Eifersuchtsausdruck ist, so hat sie doch eigentlich recht. Ich müsste wirklich, so schwer das für mich ist, ein “besserer” Sohn gegen sie sein. Vielleicht mache ich es ihr nämlich wirklich etwas schwer. Freilich sonderbar ist es doch, wie alle eigentlich mir recht geben, auch die die nur von ihr wissen und gar nicht von mir (wie Hedi und Onkel Adolf. Hedi sagte das selbst). Auch Hans erzählte mir heute früh, seine Mutter habe ihm früher die Situation so beschrieben: ich hätte eine Lammsgeduld. Mir war das gar nicht so bewusst; es stimmt wohl auch nicht. Ich hatte ja leicht, Geduld haben, weil ich ja nur wieder “zuhause” (so nannte ich ja ungewollt immer meine Studentenbude) war, so konnte ich auf alles pfeifen und fühlte mich gleich wieder gesund.

Ich habe ihr die Huch auf dem Schreibtisch liegen gelassen, vielleicht guckt sie mal herein. Erst nach diesem Buch, nach dem Luther wahrhaftig nicht, habe ich den Wunsch, sie kennen zu lernen. – Ich muss aufhören, weil ich in Hansens Kolleg will. Nachher Oncken. Bis nachher, ich glaube ich schreibe dir nochmal heute. Ich möchte dir ja den ganzen Tag schreiben. Eigentlich tue ichs. Und doch ist das nur ein Zeichen. In Wahrheit möchte ich nur bei dir sein, an deinem Herzen – und ich bins. Ich bin ja – Dein.

13.V.19

Liebes Gritli, bei der Huch auf Seite 51 steht eine ganz unerwartete Bestätigung für mein äusserstes Δ. Ihr entsinnt euch der Kritik des Christentums: “Vergeistigung”, “Vermenschlichung”, “Ver[natur gestr.]weltlichung” Gottes. Im Einzelnen konnte ich das wohl vertreten; aber für die Zusammengehörigkeit dieser dreie fehlte mir der Beleg und grade die Zusammengehörigkeit (wenn auch starr, und in keinem Fluss mehr aufzulösen) behauptete ich. Und nun steht es bei der Huch: Unsre Religion lehrt, dass eine lebendige Willenskraft sich zwiefach offenbart, in der Natur und im Geiste, welche zwiefache Offenbarung imMenschen eins wird: Gott ist ein dreieiniger Gott. Das ist die stärkste Bestätigung, die ich für mein Ganzes wünschen konnte; grade weil sie eine äusserste Konsequenz bestätigt, jenseits deren (wie du schon auf deinem unserm Siegel siehst) nichts mehr ist. – Beim “bon pasteur” war ich wirklich nur froh, dass keine “Bestätigung” darin vorkam. Es war überhaupt wohl gut, das ich mich  früher noch nie um den * gekümmert hatte, im Gegenteil eine Abneigung dagegen hatte. Nun habe eben ich gefunden, was er bedeutet.

Der Hegel – also Rickert hat den Antrag gestellt, Oncken wird ihn mündlich unterstützen, und so werde ich wohl am Sonnabend erfahren, wie es wird. Ich glaube, wenn sie mir 1000 bewilligen, so lasse ichs gut sein und lege die 500 selber zu; das Prinzig ist ja dann gerettet. – Es passt mir gar nicht, dass ich vielleicht schon am Montag nach Berlin fahren werde; ich habe gar keine Lust dazu. Obwohl – es fahren ja in Norddeutschland jetzt wieder Schnellzüge, so ist es gar nicht mehr so weit.

Hans ist im Zimmer – da kann ich dir nicht recht schreiben. Nur ein ganz kleines aber ganz ein Gutes –

Dein.

13.V.[19]

Liebes Gritli, dies ist der dritte Brief heute, es ist nach 11, aber es war ein Zusammentreffen von Szenen, wie es sich kein Theaterdichter erlauben dürfte, ohne unnatürlich gescholten zu werden. Hans Hess kam nach dem Abendessen, er ist seit Mittag hier, um hier zu studieren. Hans war dabei, so kamen wir nicht zum

Sprechen miteinander, erst auf der Treppe um 11, als ich ihn herunterbrachte. Wir sprachen rasch ein paar Worte von Weidemann, der seine “Freundschaft sucht, aber er weist ihn ab; er ist ganz unbedeutend, unglücklich, liest den ganzen Tag auf dem Sofa Romane”. Ich wiedersprach dem “unbedeutend”, rühmte ihm den grossen Brief (den bismarckschen), ich wollte aber nur auf den an dich heraus, denn ich hatte plötzlich einen Verdacht. So sagte ich: ausserdem habe er sich euch doch schon wieder genähert, denn er habe euch seitdem schon wieder geschrieben. Ja gewiss, aber das sei keine Annäherung gewesen, sondern – nun wollte H. Hess nicht mit der Sprache heraus, wusste aber offenbar von Weidemann selber davon; es sei ein Brief an dich gewesen, ein ganz verrückter, nur zu dem Zweck, ein Ende zu machen und Ruhe vor Eugen zu bekommen, Ruhe um jeden Preis. So habe er eine Komödie aufgeführt, auf die hin nun alles zu Ende sein müsse. Er (Hess) könne nichts weiter darüber sagen, wenn ich es nicht von Eugen selber wisse. Ich tat unwissend. Wie ich ihm die Türe aufschliessen wollte, steht draussen ein Eilbote mit deinem Brief; mir fiel vor Entsetzten über das Zusammentreffen der Schlüssel aus der Hand, so dass Hans, der den Eilboten gehört hatte, herunterrief, was denn gefallen wäre. Ich schickte Hess schnell fort und ging mit deinem Brief hinauf. Während ich hinaufging, war mir klar, dass ich dir auf jeden Fall gleich schreiben müsste, was Hess gesagt hatte, und dass dennoch also dein erster Instinkt damals besser gewesen wäre als mein Traumbrief (1te und 2te Treppe), aber freilich (3te Treppe:) möglich, nein wahrscheinlich ists doch, dass die Komödie eine Komödie “auf Grund einer wahren Begebenheit” gewesen ist, – was er dann natürlich H.Hess nicht gesagt hat. Aber weshalb hat ers ihm dann überhaupt gesagt? doch um die Komödie vor sich selber recht ganz zur Komödie zu machen und das “auf Grund einer wahren Begebenheit” vor sich selbst zu verleugnen, indem er es vor einem andern verleugnet. Da war ich oben und machte deinen Brief auf, Weidemanns kam heraus; ich las ihn nun wie du dir denken kannst ohne erst deine ausdrückliche Aufforderung gelesen zu haben, vor deinem Brief. Ich spürte also sehr stark die Komödie auch in diesem Brief, das Zweckhafte. Der erste Brief hatte nicht genügt, so wurde er diesmal faustdick, in der tollen Vorstellung, er dürfe noch einmal wiederholen, was ihm das erste Mal misslungen war. Es steckt Komödie auch in der Mitte (nicht bloss am Anfang und Ende, wo er selber den Zweck demaskiert und doch auch wieder verbirgt); so ist auch in der Mitte etwas Unechtes; er wollte dir das abschreckende, nach seiner Meinung abschreckende, “nur Sinnliche” ad oculos demonstrieren. Wäre es wahr gewesen, so wäre es viel zarter, viel weniger Schema F (Schema F der Empfindung, nicht Schema F des Aussprechens) herausgekommen; er ist ja soviel “jünglingshafter”, (nicht grade in Rudis Sinn). Aber nun muss er erfahren, dass man nicht ungestraft mit sich selber Komödie spielt und “Zwecke verfolgt”. Er muss lernen, dass das Wort dem Menschen nicht in die Hand gegeben ist, dass ers gebrauche als ein Werkzeug, sondern in den Mund gelegt, dass ers – spreche. Und so wird er aus deinem Brief, daraus einfach, dass du ihm geantwortet hast – und du musstest ihm antworten, das wusste ich ehe ich deinen Brief las – also so wird er aus deinem Brief mehr lernen was christlich und was heidnisch ist, nämlich heidnisch: Herr des Worts sein wollen und christlich: Diener des Worts sein dürfen – er wird es mehr daraus lernen als aus den Tagen in der Stiftsmühle, die sich ihm doch nicht zu Unrecht in so verzerrtem Bilde eingeprägt haben. Er wird es lernen, auch wenn er (wohl möglich) zunächst aus Schrecken über den Misserfolg dieses zweiten Briefs (den er eben doch auch um des Erfolgs willen schrieb und nicht um sich auszuschütten) auf den Mund geschlagen schweigen wird. Du hast ihn viel gelehrt, weil du ihm geglaubt hast und doch anders gehandelt hast als er wollte. Er wird die Zuversicht auf den Erfolg seines Wollens und seiner Vorausberechnungen verlieren müssen. Nicht Eugen hat ihm den Dostojewski-schen Christuskuss auf den starren Wort = ohne = Antwort formenden Mund gedrückt, wie ers (hier undnur hier wirklich “frech”) sich erlaubte voraussagen zu wollen, dieser freche Vorauswissenwoller der Erfolge seiner Taten, – sondern du. Weil du ihm antwortetest, als er rings um sich Schweigen erzwungen zu haben meinte.

Geliebtes Herz, halte dich fest und stark über dieser Erkenntnis dessen, was als Komödie gemeint war. Es ist schon keine mehr, denn du hast sie zerstört; die Erkenntnis war schon veraltet, sie hatte schon “aufgehört” (έπαιρατο!!!), als du liebtest – weil du liebtest und “nimmer aufhörst”.

Geliebte Liebende – liebe mich.

14.V.19.

Liebes Gritli, ich ging ganz spät zu Bett, denn ich las dann noch Rudis Predigten, heut Morgen habe ich sie euch geschickt. Und nach ein paar Stunden Schlaf wachte ich wieder auf, ich hatte Weidemann am Schlafittich, diesmal ganz persönlich nicht durch einen Traumbrief von dir hindurch. Heut morgen war ich auf der Bahn und habe mich wenigstens mal nach den Zügen nach Marburg erkundigt. Er hat ja heute deinen Brief. Und er ist, bei dem tollen Spiel, das er mit sich selbst vor sich selbst spielt, im Stande den Brief nicht – an Eugen zu schicken, sondern an irgend einen Hans Hess. Um sich selber zu beweisen, dass es “nur Komödie” war. Wenn er nicht mit einem Male endlich in sich zusammenstürzt. Aber nach so plötzlicher Ergreifbarkeit sieht er eigentlich nicht aus. Ich muss heute Hans Hess ausholen, ob er ihm nur von seinem ersten Brief gesagt hat oder auch von deiner Antwort und dem neusten. Fast glaube ich, nach gestern Abend, nur von dem ersten. Und dann wäre alles gut. Sonst aber muss jemand hinfahren und ihn beim Kopf rütteln, bis ihm hören und sehen vergeht und er endlich merkt, dass es keine Unver=antwort=lichkeit giebt. Sei ganz ruhig, ich mache gar keine Dummheit dabei; ich komme als Eugens Freund zu ihm und ausserdem, weil ich “sowieso” etwas da zu tun habe. Im übrigen ist ja das, was er braucht: sehen, dass Eugen nicht allein stand als er mit ihm sprach, sondern dass er einer von vielen ist. Dies “einer von vielen” – vielmehr diese vielen, das ist mir gestern, als H.Hess da war, so sehr aufgegangen. Den habe ich 1916 im Februar aufgegabelt. Jetzt lebt er einen grossen und den besten Teil seines Lebens zwischen uns allen hin und her. Er kommt nach hier, um Hans zu hören; denn er ist sich höchst zweifelhaft, “ob Eugen recht hat oder Spengler”. Eugen selbst – denk einmal wie sehr sich sein Kreis verändert hat, seit damals wo du ihn kennen lerntest. Den einen Picht ausgenommen. Sonst ist er ganz Hans Rudi ich Beckerath Hess Hallo Weizsäcker – es ist eine ganz neue Luft für ihn. So breite “Masse” sind wir nun schon. Ein Mit= und Füreinander das doch keiner von uns “gewollt” hat.

H.Hess – lupus in fabula – taucht am Horizont auf, ich will ihn gleich stellen, der blinde Gockel sieht mich nicht. Er sieht eigentlich furchtbar komisch aus.

Bis nachher. Und immer.

Dein.

14.V.[19]

Liebes – Hans Hess wusste also auch, dass du W. geantwortet hattest, freundlich humoristisch eingehend, ganz gegen sein Erwarten, und ihn dadurch in Verlegenheit gesetzt hattest. (Er hat ihn zuletzt am 7. oder 8. gesehen). Er erzählte mir jetzt auch einfach, was W. dir das erste Mal geschrieben habe. Ich fragte ihn darauf, ob er nicht meine, es könne vielleicht doch Ernst gewesen sein und nicht blosses Mittel zum Zweck. Er meinte, möglich wäre das wohl. Denn W. habe nach Stiftsmühle eigentlich mich in Kassel aufsuchen wollen, um mich zu veranlassen, Eugen in eine Anstalt zu sperren und dich so vor ihm zu retten!! und er habe sich dann gefragt, ob er das etwa auch nur aus Liebe zu dir gewollt habe! Ich bin mir nun doch ganz sicher, dass wirklich beides in ihm war (und – mindestens bis zum Empfang deines letzten Briefs – ist): die “Komödie” und die “wahre Begebenheit”. Und so bin ich eigentlich ziemlich beruhigt; denn wenn es nur “Komödie” gewesen wäre, so wäre es eine Teufelei gewesen, in die alles was du hineingeworfen hättest rettungslos verschluckt wäre. So aber ist es Teufelei und Engelei in einem, und also zu deutsch: menschlich.

Ich sehne mich nach einem Wort von dir. Es geht wieder im Schnellzug zwischen uns hin und her. Wir sind uns so herrlich nah. Fast meine ich, du müsstest mich hören, richtig mit den leiblichen Ohren hören, wenn ich zu dir spreche. Hörst du mich?: Liebe

— ich bin Dein.

14.V.[19]

Lieber Eugen, eben erst kam dein Brief aus Kassel zurück, ich habe gleich Schmeidler und einen unbemerkten bösen Fehler (Das neue Wesen wird chr. Anschauung sein) verbessert und es per Eil an Kösel geschickt; es ist sehr schön, schon genau so frech wie die Spenglerkritik (Hans schwärmt unmässig von “Recht und Staat”, es gefällt ihm besser als alles andre!); verstehen werden es natürlich nur wenige, von den Alten ohnehin niemand (ich meine das Universitätspamphletchen). Anonym, um die Wirkung zu erhöhen? damit die Bonzen fragen: Wer ists? ? Aber im Hochland kannst nur du es sein. Übrigens dasselbe ausführlich, so dass es vielleicht – wenigstens im Negativen – auch Alte verstehen, wäre etwas fürs “Wort”.

Von II hast du schon in Säckingen die Einleitung. Buch 1-3 sind hier; ich glaube Hans wird sie leicht herausrücken, denn im Grunde lässt es ihn ziemlich kühl, kommt mir vor. Er liest noch an II 3; aber so ganz “ohn Verlangen”, ohne Spannung, alle paar Tage 4-5 Seiten. Statt I liesse ich am liebsten ein leeres Blatt und schriebe darauf: An Stelle des I.Teils bitte ich den geehrten Leser, lieber Spengler zu lesen. Aber das geht doch nicht gut. Und so werde ich wohl noch durch Dazuschreiben es ein bischen deutlicher machen. Ganz neu schreiben geht nicht, weil es eben doch das Fundament oder vielmehr der Keller des Ganzen ist. Mehr als das Druckproblem interessiert mich im Augenblick, wann ich eineAbschrift des Ganzen haben werde. Mündel hat noch nichts wieder geschickt! – Ob ichs drucken werde, hängt nicht von mir ab. Und wiederum dein K.d.W. (habe ich diesen Kalauer schon mal gemacht?) hängt nicht davon ab, ob der * gedruckt ist. Wir kennen unsre Sachen doch auch so. Und öffentlich aufeinander beziehen wollen wir uns ja gar nicht. Sonst hätte ich ja doch den Anfang machen müssen damit. Ich habe es aber nicht getan. Nocheinmal: ich habe zwar, mit Schrecken wie du, gesehen dass der * ein Zeitbuch ist; grade Spengler hat mich das gelehrt. Aber lieber soll er untergehn als dass ich mich von ihm in die Rolle seines “Verfassers” drängen und damit vom Leben abdrängen lassen würde. Die Wahl zwischen “Redaktör” (et hoc genus omne) und Verfasser des höchst interessanten und bedeutenden Buchs Der * der Erl. — darf mir nicht schwer fallen.

Mutter – ja du hast recht, natürlich, die Wirkung der Tat vom 21.IU ist weggeschwemmt. Aber so welterhalterlich kann und darf ich hier nicht handeln, wie dus mir zumutest. Ich musste zu ihr und muss es immer wieder. Gewiss Palliativ. Aber wenn Palliative das Nächste sind!? Sieh, es kommt alles darauf an, dass sie eines Tages mir glaubt. Durch Behandlung aber lässt sich allenfalls das vorbereiten oder auch verzögern, aber nie erreichen. Dein Brief an Sie war auch keine “Behandlung”, sondern ein rechter unmittelbarer Versuch, der ganz gut hätte gelingen können. Obwohl es eben doch nichts helfen würde, wenn sie dir glaubte, sie muss lernen, mir zu glauben. Wozu ich zuerst einmal glaubwürdig werden müsste. Wunderst du dich nicht manchmal, dass wir uns einander glauben? Es ist doch zum Wundern! Ja es ist ein Wunder. Wir müssen ganz dankbar sein, schon dafür, – einer dem andern und alle dem einen.

Dein Franz.

15.V.[19]

Liebes Gritli, Alterserscheinung? gewiss, es war immer so, aber trotzdem ist es in dieser vollkommenen Hemmungslosigkeit doch erst jetzt. Es kommt eben allerlei zusammen: Vaters Tod und das “gefährliche Alter”. Jedenfalls ist mir das ein beruhigender Gedanke, auf den ich gar nicht gern verzichten würde. Sonst könnte ich beinahe wirklich wünschen, sie wäre nicht wieder aufgewacht. Denn die blosse Hoffnung, dass vielleicht doch ein Wunder an ihr geschehen würde – und ein Wunder, das ihr doch zugleich die letzten Wurzeln ihrer bisherigen Sozusagenexistenz nehmen würde wenn es geschähe – ich weiss nicht. – Eugens Brief ist ja nun schon längst ein “schöner Brief” geworden. Briefen glaubt man nicht. Überhaupt glaubt man nicht. Das einzig Glaubwürdige in der Welt sind im Grunde eben doch Exzellenzen, und selbst dass man denen glaubt, will man nicht wahr haben und glaubt also auch wieder das nicht. Aber ich beginne es wirklich wieder zu vergessen.

Wie gut, dass die Kinder nicht in die frz. Schweiz müssen. (Weisst du übrigens, dass ich mit dir meinen unsinnigen Gedanken, sie sollten nach Kassel, wohl grade zur gleichen Zeit besprach, wo Mutter damit beschäftigt war, sich umzubringen?) Wenn sie nun auch noch [mit der] Klimperei aufhörten – aber die Huch sagt auch, junge Mädchen müssten “beschäftigt” werden. Übrigens wäre es schliesslich vielleicht sogar möglich, dies unfruchtbar vertane Kapital von zehn Jahren nachträglich noch fruchtbar zu machen, nicht durch “Klavier”= sondern durch Musik = Unterricht. Ich meine, so etwas müsste es geben, wenn auch natürlich nicht grade in Säckingen. Vielleicht sogar da. Der Schulrektor versteht wahrscheinlich mehr von Musik als das Klavierfräulein. Schwetz-ingen ist uns gestern missglückt; so waren wir Abends im Bergkaffee (hinter dem Schloss); wir trafen Frau Lissauer, eine geschiedene Frau, Sozialistin (die aber die drei Parteien schon hinter sich hat), eine ganz nette Person, die vor allem den Vorzug hat, während des Kriegs Cohen gehört zu haben und für ihn zu schwärmen.

Ich habe heut früh II 1, 2, 3 an Eugen geschickt. Mit Hans sprach ich gestern über den * und wir formulierten unsre Differenzen. Es kam eigentlich darauf heraus, dass ich Eugenianer bin und nicht Hansianer. Was ich ja auch so schon wusste. Jetzt will ich zu Hans ins Kolleg. Er wird es übrigens von jetzt ab dauernd lesen, jedes Semester, und zwar unter dem Titel: “Die Lehre und die Weisheit (Einführung in die Theologie und die

philosophische Systematik)”. Ich glaube, das ist auch nur ein Stadium.

Ein rascher Gruss und ein Kuss auf die Fingerspitzen –

Dein Franz.

21.V.[19]

Liebes Gritli, nur ein kurzes Wort, du bist ja noch gar nicht weg, jeden Augenblick könntest du noch wieder zur Türe hereinkommen. Hans und Else sind nach Wiesloch zu einer Versammlung wo Hans spricht. Ich wäre mitgegangen, aber darauf entschloss sich Else mitzugehn, so blieb ich hier, denn sie war heut besonders unausstehlich (wirklich an sich, nicht bloss weil ich von dir kam,) sie misshandelte Hans scheusslich, und dabei ist sie so dumm. Ich blieb also, und nachher gehe ich noch zu Weizsäcker. Ich habe allerlei für den Hegel getan: Briefe an Winter und Meiner, ein Besuch bei Bezold. Es kommt dieser Tage schon in die Zeitung!, dass die Heid.Ak. dem Doktor Franz Rosenzweig aus Kassel 1500 M zum Druck seines Werks H. und der St. gegeben hat; dies Geschoss war schon aus dem Rohr, als ich zu Bezold kam! Nun fehlt also nur noch das Wunder; die Profezeiung ist schon heraus.

Ich kann dir wirklich noch nicht schreiben, ich bin noch zu sehr bei dir, ganz eingesponnen in dich. Ich glaube diesmal sind die Fäden in die du mich gelegt hast, dehnbar: Wenn ich übermorgen nach Berlin fahre – ich glaube, ich werde nicht das Gefühl haben,ich führe weiter weg von dir. Es ist ja auch so, du hältst mich am Bändel. War es nicht auch ein schönes Abschiednehmen heute? wie erst noch ein paar Minuten lang das Geleis zwischen uns war, so dass wir noch uns mit der Stimme erreichen konnten und doch schon nicht mehr sprechen mochten, und dann erst der fahrende Zug und das letzte Winken. Ich denke, so müsste der Tod sein: auch so, dass man ihn erst eine Weile lang schon wüsste und er doch noch nicht da wäre und erst dann, nachdem man das ausgekostet hätte, diesen letzten Becher, den noch das Leben dem Tod kredenzt, erst dann käme er selbst. Ich habe mir immer gewünscht, bei Bewusstsein zu sterben. Die Verheimlichungstaktik der Ärzte wäre mir sehr zuwider, – in meinem Fall.

Aber Liebste – noch ist es nicht der Tod, noch ist es ein kurzer Abschied im Leben, ein Abschied zwischen einem Beisammensein und einem andern Beisammensein. Und was dazwischen liegt – ist es denn eigentlich etwas andres als auch ein Beisammensein? Nein, ich bin bei dir und du bei mir, ganz nah, ganz dicht, ganz Herz bei Herzen, ganz, was mein ist, Dein.

[22.V.19]

Liebes Gritli, ich bin noch hier. Ich fahre erst heut Abend, bin morgen ganz früh in Kassel und werde also wirklich zur Sitzung in Berlin sein. Von Winter hatte ich eine etwas einlenkende Antwort, die ich aber erst von Berlin aus beantworten werde, weil ich erst Antwort von Meiner und von Diederichs abwarten will. Winter begrenzt meine Haftpflicht auf 100 Exemplare und ist einverstanden mit 2800 Buchstaben (sodass also das Buch nicht über 30 Bogen anschwillt). Im übrigen bleibt er hart.

Ich habe gestern noch ein paar Besuche gemacht. Schrieb ich dir, das ich vorgestern bei Bezold, dem Assyriologen, war, – ein ganz entzückender alter Mann. Gestern bei Rickert, Oncken wo nur die Frau da war, Zimmermanns, Hellers. Abends Weizsäcker. Vorher war ich mit Else allein, die zu beichten anfing, was ihr glaube ich gut tat. Ich habe ihr in aller Höflichkeit etwas den Kopf gewaschen und ihr einmal gesagt, was sie eigentlich an Hans hat. Es ging mir leicht vom Munde, ich bin ja selber voll davon. Ich freue mich dass ich sein Kolleg heut Morgen nochmal höre.

Schwelle habe ich gestern korrigiert und schicke es noch von hier an Eugen. Vergiss nicht ihm II 1,2,3, mitzubringen, er schrieb [neulich] an Hans darum, weil er nicht wusste dass es schon in Säckingen ist. Hast du eigentlich mal versucht, I zu lesen? über vieles müsstest du ja weglesen. Aber vieles doch auch nicht.

Ich komme hier nicht mehr recht zu was. Und nachher in Berlin wirds mir auch etwas über dem Kopf zusammenschlagen. Ich weiss nicht, ob ich schon Pfingsten nach Stuttgart komme, vielleicht auch erst später, so im Laufe des Juni. Ich muss einmal sehen, in was für einem Tempo das Buch sich abmachen lässt. Doch weiss ich noch nichts sicher. Ich werde ja nicht an Ferien gebunden sein, sondern kann fahren wie ich will.

Hoffentlich kriege ich nur Mutter weg ins Sanatorium. Ich füchte, sie tuts nicht.

Ich muss in Hansens Kolleg. Ob ich nachher noch mal ruhiger zu dir komme?

Sehr – dein Franz.

23.V.[19]

Liebes Gritli – im Frankfurter Wartesaal. Ich habe einen ganz schönen Drang nach vorwärts. Heidelberg hat sich so schön abgewickelt. Ich habe noch einmal so recht das grosse Glück empfunden das mir diese Wochen gebracht, wiedergebracht haben: Hans. Du hast es ja von Anfang an miterlebt, wie ich mich erst sträubte; es ist gut, dass du nun auch selber da warst und ihn jetzt gesehn hast. Wie hast du recht behalten. Du hast ihn besser erkannt als wir dummen Mannsleute. Seit 1911 hatten wir uns immer mehr entfremdet. Nun sind wir wieder zusammen, und können uns – jetzt erst – wirklich erzählen, wo wir während der Trennung waren. Ich habe ihm heut den Rudibrief vom Nov.17 vorgelesen. Auch Philips habe ich heut Nachmittag noch besucht und war ganz zahm, ich frass aus der Hand (er hatte freilich auch ein wahres Wunder von Caffee gebraut). Mit Weizsäcker war ich noch, auch nochmal bei Oncken, der mich bat, ihm die Korrekturbogen zu schicken, damit er das Buch möglichst bald lesen könnte – dies Buch für alte Herren und solche die es werden wollen. Vor der Arbeit grauts mich ja nun freilich; so obenhin wird es sich nicht machen lassen. Im übrigen aber fahre ich mit einem freien Gefühl nach Berlin, habe keine Angst, weder vor Mutter morgen noch vor Bradt übermorgen. Und am Sonntag, wenn ich in Berlin bin, fährst du nach Stuttgart und unsre Briefe haben einen direkten Schnellzug zur Verfügung – was wollen wir mehr. Liebes Herz, heut vor einem Jahr muss es gewesen sein, dass ich nach Warschau fuhr und du fuhrest mit nach Kreiensen, ich in meinen hohen Stiefeln, ich spüre heut noch den leichten Druck darauf -. Es ist doch besser jetzt. Obwohl es mir grade heute wieder das Herz etwas abschnürte, als Else ein altes Zeitungsblatt vom 1.VIII.18 brachte mit fetter Überschrift: Der Kaiser an Volk, Heer und Flotte. – Das ist alles nun weg, nicht bloss die 4 Substantiva, sondern auch das “und”, es giebt keins mehr in Deutschland. Geblieben ist von all den Worten nur das eine, das “an”. Und das ist der Gewinn. Statt des einen “an”, das es damals gab – eben jenes – ist nun ganz Deutschland voller ans geworden; jeder wendet sich an jeden, es ist ein lustigeres und luftigeres Leben geworden.

Und ich – ich schreibe “an” dich

–           und bin Dein.

[24.? V.19]

Liebes Gritli, ein schöner Thee! Onkel Adolf riskiert die Reise nach Konstanz nicht, (wegen Besetzungsgefahr – und die wird ja für die Ängstlichen noch vielleicht Monatelang über uns hängen) – und so bleibt Mutter in Kassel. Sie schreibt mir einen sehr durchsichtigen Beruhigungsbrief. Nun werde ich O.Adolf und Trudchen mobilisieren, dass sie in den Odenwald oder wo dies Asbach liegt hingeht. Die Berliner Sitzung ist eine reine Formsache: die Stifter sind dazu geladen. Also werde ich dabeisitzen und vor Wut bersten. Indem ich dabei höflichst erwähnt und für das fossile Institut, das sie da herstellen, verantwortlich gemacht werde. Das einzige bleibt, dass ich mich dabei zeige. Vielleicht wars ein Fehler, dass ich nicht in den inneren Ausschuss gegangen bin, was ich damals vor 2 Monaten ablehnte weil mich noch das sachliche Interesse leitete (die Akademie braucht “Namen”). Jetzt wo es mir nur noch Sprungbrett sein soll, müsste ich drin sitzen, und könnte es quant à jüdisches Wissen ja wahrhaftig so gut wie Cassierer. Auch vor dem Hegel ists mir schwummerig. Ich reise recht gedrückt nach Berlin.

In diesen meinen Trübsinn kommt eben endlich von Mündel ein Lichtblick: Schwelle und Einl.III, leider nun doch auf einmal, sodass ich es so bald nicht mehr korrigieren kann. Immerhin.

Es ist doch ein Glück, dass ich den * geschrieben habe.

Und noch ein andres ist ein Glück –

Ich bin Dein.

24.V.[19]

Liebes Gritli, es wird schon dunkel und gleich bin ich in Göttingen; ich habe Rudi gebeten mich von dort bis Hannover zu begleiten. Er ist jetzt an der Reihe, Mutter zu zwingen, ins Sanatorium zu gehen; O.Adolf sieht, wie Trudchen sagt (ich habe ihn selbst nicht gesehn), nicht dass es so nötig ist; er hat Mutter eben nur das eine Mal so gesehen. Ich selber halte es jetzt für nötig, nicht an sich, sondern damit Mutter das Gefühl hat, ihre Tat vom Ostermontag durch irgend was sühnen zu müssen; indem sie sie so ausdrücklich verleugnet, tut sie sie von sich ab; sonst würde sie ihr einfach gleichgültig und hätte gar nichts bedeutet. Also ich will sie aus dem Grunde ins Sanatorium haben, aus dem Eugen meinte, ich dürfe nicht zu ihr gehn. Ich werde dann (direkt oder durch Rudi oder durch O.Adolf) einfach über ihren Kopf weg alles vorbereiten und dann nehme ich (oder Rudi) sie huckepack und bringe sie hin. Sie ist passiv genug, sich das gefallen zu lassen. – Es war übrigens ganz erträglich heute mit ihr.

Jonas schwelgt in Akademie, er ist ganz selig! und singt wie sein Heros eponymos Psalmen im Bauche des Walfischs, – der ihn doch auch wie jenen nicht ewig sondern nur “drei Tage” will sagen 3 Monate behalten soll. Ich glaube, es giebt einen Durchbruch für ihn. Er hat Riminis [?] Bild in 20 Minuten in Pastell skizziert, ganz prächtig, mit wirklichem Humor.

Der Brief soll rasch fort. Ein Gruss –

Dein Franz.

Was sagt Ihr zu diesem Titel fü die Christl. Welt:

Aus Anfang in Eingang

Ein Weg von Advent zu Advent.

25.V.[19]

Liebes Gritli, also ich bin in Berlin, in “unserm” Berlin; wirklich habe ich mich heut Nachmittag immer auf Vergessenheiten betroffen. Aber wegen der Sitzung wäre mein Kommen nicht nötig gewesen. Trotzdem ich mündlich und schriftlich fast mythisch gefeiert wurde. Die Sache war nämlich schlecht vorbereitet und so lief alles auseinander. Anfangs, als ich den Saal voller Menschen sah, war mir noch etwas kurios, weil ich dachte: das habe ich nun also angerichtet. Aber nachher kam es mir bloss noch dumm vor. Einstein habe ich bei der Gelegenheit gesehen. Er macht schon einen grossen Eindruck (etwas Typ Louis Mosbacher ins humoristisch = groteske gesteigert), freilich wie alle Naturwissenschaftler, wenigstens seit dem 19.scl., mit einem kindlich unentwickelten Zug im Gesicht. Man könnte sie sich alle im Wägelchen vorstellen. – Ob nun die ganze Sache verkorxt ist? Der Täubler war mir wieder sehr ärgerlich. Heut Abend gehe ich zu Bradt. Er hat es vorher überall als “historischen Moment” ausgerufen, und nun ists gar keine konstituierende Sitzung geworden, sondern die kommt nun erst. Es war schlechte Regie – und obendrein warens Juden –  – was konnte es da anders geben als ein grosses Pele – Mele. Ich hatte aber das Gefühl, als ginge es mich gar nichts an. Hermann Badt traf ich, der seit 4 Wochen hier bei Heine im Minist. d. Inn. arbeitet und jetzt seine Familie nachkommen lässt. Ich ass mit ihm zu Mittag. Dann suchte ich Wohnung, fand noch nichts. Die Nacht war ich von 9 bis 4 Uhr früh mit Rudi. Ich habe ihm den Brief an Rade entworfen, den er heut abschicken wird, sehr ausführlich; Rade soll sich die Predigten nur schicken lassen, wenn er nicht grundsätzlich ablehnt, sie ev. in der Chr.W. zu drucken. Das war beser als der Rummel heute. So viel Honoratioren sind schwer zu verdauen. Ich fühle mich heute vom Leben und der Zukunft, meiner Zukunft ganz besonders weit weg. Da ist kein Platz für mich. Ich muss ganz klein aber als ich selbst anfangen. Wie mag das aber geschehn?

Dein Franz.

26.V.[19]

Liebes Gritli, ein ganzer Tag Wohnungssuche, am Spätnachmittag nahm ich dann schliesslich ein Zimmer, ziemlich übel, tageweise, so kann ich heraus, wenn ich was Besseres finde. Ich werde ja, ausser zum Schlafen, kaum drin sein; für die Dauer wäre es auch zu unsinnig teuer. Nun kann ich also morgen früh auf die Bibliothek. Ich glaube, es wird sehr fix gehn; ich kann ja von meinem Geschriebenen nie los. Das Beste bisher hier war der Abend gestern bei Bradt, wo Täubler auch war; mit dem platzte ich heftig aufeinander. Anfangs warfen wir bloss Giftbomben gegeneinander, nachher gingen wir aber zur blanken Waffe über. Und das war besser. Er ist sicher eine Kraft. Mir so konträr in all und jedem wie man nur denken kann. Auf Cohen hat er einen grenzenlosen Hass. In vielem ist er (wie Spengler, an den er überhaupt stark erinnert) das was ich einmal war. Es ist ja ganz natürlich, das ich so einem gegenüber in meinem augenblicklichen Stand der Unterlegene bin, denn er ist und ich bin noch nicht (der * als das Geheimbuch das er ist stärkt meine Position dabei gar nicht; im Gegeneil, ich vergesse selber dabei, das ich ihn schon geschrieben habe, und komme mir vor, als müsste ich auch ihn erst noch versprechen). Das Gute war, dass wir uns beide etwas gesehen haben, und ich habe jetzt ein Herz für ihn. Während er  – mich managen möchte! (ist das nicht reizend? ich habe ihm gesagt, ich würde mir alles gefallen lassen, es wäre mir alles recht. Verstehst du, mich managen nicht etwa nach seinem, sondern nach meinem Sinn, den er ja nun zu sehen glaubt.

Auf dem Postamt Linkestrasse war noch nichts von dir. Ich bekam einen kleinen Schreck, aber dann wischte ich ihn gleich wieder weg. Es kann dir nichts passiet sein.

Ich wollte, ich fühlte micht erst ein bischen fest hier. Vorläufig komme ich mir noch ganz schattenhaft vor. Und nun noch dieser Rückgang zu Hegel, der ja auch ein Weg ins Reich der Schatten ist – Ich klammre mich daran, dass ich sowie ich erst einmal mich durch diesen Hirsebreiberg halb (bis an das Kapitel “Restauration”) hindurch-gefressen haben werde, ich herunter zu euch fahre. Anders, ohne diesen Gedanken, würde ichs hier schlecht aushalten.

Ich muss wissen, ob Eugen bez. des III.Teils der Spenglerkritik gegen Picht hart geblieben ist. Ich fürchte etwas das Gegenteil, weil ihm ja der Brief imGanzen mit Recht Eindruck machen muss.

Ich schreibe am Potsdamer Platz im Freien vor der Wirtschaft wo wir auch einmal waren. Überhaupt verwechsle ich die Zeiten. Ich habe einen so schwierigen Kalender dies Jahr.

Leb wohl und gut Nacht, liebe Kalenderheilige.

Dein Franz.

28.V.[19]

Liebes Gritli, heut war also der erste Tag wieder auf der Kgl.Bibliothek, – die nun ja keine Königliche mehr ist. Ich war zum ersten Mal seit Kriegsausbruch drin. Auch die neuen Räume kannte ich nicht. Unter den Beamten fast alles alte Gesichter. Ich stürzte mich also kopfüber hinein – das neuste Heft der Histor.Zeitschrift war, offenbar zu diesem Zweck, gänzlich verhegelt – gleich 2 grössere Aufsätze die ich “lesen musste”. Und dem Einleitungskapitel habe ich ein bischen die Runzeln wegmassiet, ich bin ja wirklich seit Anfang 1911, wo ich es schrieb, um 8 Jahre jünger geworden. Nach Tisch ging ich aufs Postamt, da waren zwei Briefe von dir da. Nun ist mir wieder wohler, obwohl sie eigentlich beide ein bischen traurig sind. Ich habe dir ja in den letzten Tagen in einem ähnlichen Gefühl geschrieben. Aber die Flucht nach dem Osten fliehe ich nicht. Ich gehöre in den Westen, sogar in den “W”. Berlin W oder Frankfurt W – nichts andres wird einmal mein Feld. Ich habe eine grosse Scheu vor allem Gewaltsamen und Gewollten. So lasse ich mich auch von meinem Schicksal ruhig reiten und bocke nicht dagegen auf. Was ich erlebt habe und wie ichs erlebt habe, davon will ich nicht “absehen”. Ich drehe niemandem und nichts den Rücken – das wäre es wenn ich nach dem Osten ginge -, es ist genug, dass man auch wenn man nichts weiter tut als grad aus gehen schliesslich doch allerlei in den Rücken bekommt – das ist die einzig erlaubte Art, Menschen den Rücken zu kehren: grad aus gehen.

So will ich mich jetzt auch um den Hegel nicht sorgen, nachdem ich nun einmal entschlossen (worden) bin, ihn zu machen. Gewiss ists eine Maskerade. Aber ganz ohne Maske lebt man ja überhaupt nur selten. Und diese setze ich nicht lange auf. Wer weiss überhaupt: vielleicht springt doch etwas bei der Arbeit heraus. Z.B. ich muss Hölderlin lesen, es ist seit damals viel Ungedrucktes gedruckt. Ich will etwas Lassalle lesen, etwas Marx und Engels – das lohnt sich doch auch. Und die Akademie – sie hat mich vorgestern Täubler gegenüber zu einer so vollkommenen Demaskierung gebracht – man kann eben wirklich nicht wissen, aus welchen Winkeln einem die Gelegenheiten und Augenblicke zugelaufen kommen. Heut Abend gehe ich wieder zu Bradt. Ich habe allen Menschen gegenüber das Gefühl, wenn sie etwas von mir verlangten, müsste ichs tun. Ich habe eben keine Spur von “Lebensplan” mehr.

Am Donnerstag ist ja die Bibliothek zu, da will ich die Einl.III korrigieren, damit Eugen zum Sonntag sein in Tyrannos lesen kann. Obwohl es nun, nach Picht, gar nicht mehr nötig ist. Weisst du noch: als du von Kassel zurückkamst, rechnete ich mit Picht als ultima ratio.

Guten Abend – ich möchte dich ganz still bei den Händen nehmen – Kloster ist das nicht, aber doch auch “eine Ruhe”. Lass dich ganz einschliessen und sei still bei mir. Das andre kann nicht ich dir geben; aber was ich kann das gebe ich dir. Liebes Herz – ich bin dein.

[28.V.19]

Liebes Gritli, gestern Abend wieder Täubler (bei Bradt) und heut Mittag zufällig in der Bibliothek wieder. Mein Respekt vor ihm wächst. Er erzählte gestern die Geschichte seiner Habilitation, er hat sich ja erst vor kurzem habilitiert. Vorher, seit 1912, war er an der Lehranstalt gewesen. Seine Gründe weshalb er sich nicht gleich habilitiert hatte, sind etwas ähnlich wie meine. Er hat alles jetzt ganz grob und unverblümt in seine Vita geschrieben gehabt und wurde daher auch von jedem einzelnen Professor darüber interpelliert. Überhaupt hat er eine grosse Schärfe und Offenheit. Er ist eben “Zionist”. Da sagt man einfach: “ich musste mit dem Judenprolem ins Klare kommen” – und alle andern Leute die auch an nichts glauben, verstehen einen vollkommen. – Ich kam mir heut recht dumm vor, als mich Bradt fragte, was für eine Art Stelle ich eigentlich wünschte. Ich weiss ja wirklich nichts, was ich ausfüllen könnte. Wo ich Lehrer sein wollte, müsste ich immer zugleich auch mein eigner Schüler sein. Der Hegel ist da wirklich eine ganz gute Gelegenheit, sich zu verkriechen. Ich werde aber “trotzdem” ein starkes Tempo anschlagen. Das Buch ist so gut, es ist gar nichts dran zu verbessern. Jetzt, wo ich, seit gestern, wieder “Litteratur” lese, sehe ich, dass es sich wirklich neben allem sehen lassen kann. Die “Litteratur” ist eben durchweg frisiert, wie die Studentinnen im Kolleg und nicht wie –

Erzähl Eugen, dass die Kgl.Bibl. fast leer ist, jetzt mitten im Semester! Die Studenten arbeiten eben nicht mehr, scheints. Und die andern Menschen wohl erst recht nicht. Über die “Universitätsdämmerung” hat der Hebbel = Albert Malte Wagner (während  des Kriegs in Warschau) einen offnen Brief an und gegen Eduard Meyer geschrieben im Neuen Deutschland von Anfang Mai. Überhaupt habe ich gestern und heut Zeitschriften geschmökert. Im Ganzen wirds mir wohl mit meinen 4 3/4 Jahren so gehn wie Goethe als er einmal 4 Wochen keine Zeitungen gelesen hatte und nachholte: er fand, dass er eigentlich nichts versäumt hatte.

Ich freue mich auf morgen, wo ich für einen Tag zum * zurückkehre. Was für ein Glück ist es doch, dass ich ihn geschrieben habe. Ich hielte jetzt diese Zeit schwer aus, vor lauter Zweifeln an mir selbst. So aber zweifle ich gar nicht. Ich habe den Beweis ja schwarz auf weiss. Und freilich nur schwarz auf weiss. Und das ist wieder das Schlimme.

Ich lege dir etwas Werbematerial bei, wie es neulich vor der Sitzung verschickt wurde. Nur der Kuriosität halber, nicht dass du es liest. Apropos lesen: ich lese Cohens Ethik, ich bin noch im Grundsätzlichen zu Anfang. Da widerspricht mir fast jeder Satz. Ich weiss nicht, ob ich den Aufsatz oder die Aufsatzreihe über ihn je schreiben werde. Aber eigentlich müsste ichs.

Erst 2 Tage Hegel, und es kommt mir schon vor, als wären es Wochen.

Ich bin müde vom Tag. Es war auch kein Brief von dir da. Das postlagernde Fräulein in der Linkestrasse grient mich schon an, wenn ich komme. Aber nun beginnt ja bald der direkte Verkehr wieder. Das Zimmer werde ich übrigens nicht lang behalten.

Es ist nichts mit Schreiben, ich bin zu müde. Gute, gute Nacht.

29.V.19.

Liebes Gritli, dein Brief lag schon seit gestern Mittag im Kasten, aber weil die Wirtin den Schlüssel verlegt hatte, konnte ich ihn erst heut früh kriegen! Leider, ich hätte gern gleich geantwortet. Ich hatte mich so eingedacht in den Werkzeitungsplan für Eugen, einschliesslich der Enttäuschungen, – dass es mir jetzt leid tut, wenn gar nichts daraus wird. Wann soll er denn endlich einmal mit den Menschen im Plural zu tun kriegen? Riebensahm ist ja wieder ein Mensch. Eugen muss seinen Glauben an das Volk doch einmal im Leben – leben. Anders als mit “Mannschaftshäusern”. So hoffe ich, das auch wenn R. ihn nimmt, dabei schliesslich doch auch mal so etwas herausspringt. Unbasiert ist ja die Stellung bei R. auch, alles “Private” ist unbasiert. Die Basierung, die das vor dem Werkzeitungsplan voraus hat, ist doch nur die fananzielle. Und grade um die war mir auch bei dem Zeitungsplan nicht bang. Noch etwas: ich weiss es ja nicht, ich war nicht dabei, aber ich bin mir ganz sicher, dass R. von Eugens Innerstem gar nichts weiss, selbst wenn ihm Eugen davon “erzählt” hat (er hat das dann einfach überhört oder nicht ganz schwer genommen), und dass er sich also einestags, wenn Eugen sich einmal durch eine Tat dekouvrieren wird, als der Getäuschte vorkommen wird: ja wenn ich das vorher gewusst hätte. Dagegen würde auch ein noch so ausdrückliches Bekenntnis Eugen nicht schützen. Denn die Menschen glauben Bekenntnissen nicht – und haben Recht daran.

Das Katholische würde ich auch jetzt noch als einen Kopfsturz empfinden. Als ein Sich = die = Welt = ersparen. Er muss erst einmal in die weltliche Ordnung irgenwo eingewachsen sein; wenn er dann noch katholisch wird, dann ists kein Ersatz für weltliche, sondern einen geistliche Tat. Die Welt lässt sich umgehen, sie ist geduldig. Aber wehe dem der es tut.

Meine Kriegsküchenerfahrungen hier sind ähnlich wie deine. Aber es ist etwas Gewöhnungsfrage.

Dass euch dieser Brief in Stuttgart trifft ist mir ganz sicher. Denn auch ein Nein von Rübensam würde so gesagt sein, dass es euch festhielte.

“Ausgang” geht nicht, weil es ja in Verbindung mit Eingang nur den Sinn von exitus hat und gar nicht den von initium. Auch ist Anfang deutlicher. Denn es meint ja: Anfang > Eingang

Tat        > Tod.

Ich habe noch nichts wieder gehört von meinen verschiedenen Verlagssachen. Dabei wollte ich eigentlich morgen Winter antworten. Vormittags werde ich wohl Meinecke nach dem Kolleg aufsuchen um vielleicht von ihm etwas geraten zu kriegen.

Es ist ein übles Leben hier für mich. Hätte ich wenigstens noch Loebs hier. Das blutete auch wieder frisch, seit ich hier bin.

Es ist nichts mit mir. Hab mich trotzdem lieb.

——

30.V.[19]

Liebe – gestern habe ich wirklich den ganzen Tag fest an der Einl.III herumgemalt und heut früh sind die drei Exemplare nach Göttingen (> Kassel), Heidelberg, Stuttgart gegangen. Abends wollte ich zu Straussens, sie waren aber nicht da, so lief ich auf dem Rückweg in einem Kino auf und blieb das ganze Stück lang, so hübsch war es; ich habe nun wieder grosse Lust, mehr zu sehn. Es war ein Detektivfilm oder mehr ein Kriminalfilm, gar nicht sehr gepfeffert (es war nachher gar kein Mord, sondern bloss ein Unglücksfall gewesen), das Hübsche war die Technik der Rückblicke, nämlich bei den Verhören u.s.w. sah man immer wieder Teile des Vorgefallenen, die Ermordete also noch am Leben, etwas furchtbar Eindrückliches, was so auch nur der Kintopp geben kann.

Nun denk, die Allg.Ztg. taucht wieder am Horizont auf. Bradt in seiner Angst, mich zu verlieren, hats gemacht. D.h. eigentlich wars ein Zufall. Er war mit dem Sohn von Steinthal, einem alten Arzt, zu sammen, und der klagte dass dies alte Blatt nun eingehen würde. Ich war heut bei ihm. Er schwört, mein Brief müsste verloren sein; unhöflich wäre Mosse nicht. Ich hatte einen Vorgeschmack von dem was kommt, indem er mich auf entschieden liberale, antizionistische Gesinnung festlegen wollte, kein Liebäugeln mit dem Zionismus. Ich sagte,liebäugeln würde ich auf jeden Fall. Er wird nun an Mosse herangehen lassen durch einen Oberbonzen, namens Minden – ich sah ihn neulich, ganz scheusslich – und so wirds vielleicht doch. Besser als dieses Nichts ist es auf jeden Fall. Es mag ja sein, dass es so kommen wird wie du meinst und dass es mir zwischen den Händen zerrinnen wird, alles wobei ich den * im Hintergrund habe statt ihn vor mir her zu tragen. Aber das gehört dann zu den Dingen, die erfahren werden wollen. Es muss mir einmal erst etwas zerronnen sein, ehe ich Konsequenzen daraus ziehe. Tröste dich übrigens: wenns zerrinnt, dann sehr rasch. Es geht jetzt alles sehr rasch bei uns. Und so und deshalb wird nun also die Spenglerkritik ungedruckt bleiben. Was für ein Jammer! Weshalb ist er denn von Leipzig weg, wenn er nun den Mund halten will. An der Grenze des Aussprechbaren? Ja an der Grenze des in Leipzig (von dem zukünftigen “grossen Gelehrten”) Aussprechbaren. Aber eben über diese Grenze ist er hinaus. Dass er jetzt vielleicht schon wieder nicht mehr so sprechen kann, weil er schon wieder in etwas hineinwächst – ändert nichts daran, dass er das Zeugnis dieses Augenblicks auf der Grenze zwischen Etwas und Etwas heraus = geben muss. Mindestens muss ers Muth schicken. Nimmt ders, dann – es gehört wirklich nicht mehr Ihm, dass er es zurückhalten könnte nach Belieben. Du weisst wie sehr ich Picht beistimmte. Aber hier ist er einfach noch universitätsverblendet. Sollen Leute wie A.M. Wagner das letzte Wort gegen “Eduard Meyer” gesprochen haben. Und die, die wirklich das letzte Wort zu sprechen haben halten den Mund?

Die Wohnung wäre herrlich. Aber könnten nicht Donndorfs sie vermieten? warum diese doppelte Vermieterei, erst an euch und dann weiter.

Rudi ist auf der Rückfahrt des Morgens von Hannover ein – Einakter eingefallen, den er jetzt schreibt. Er sagt nichts vom Inhalt, meint aber er könnte vielleicht ins Jahrbuch. Ich dachte, er hätte sich ausgeschrieben. Nun schreibt er also weiter. Ich denke, es wird trotz christlichen Problems eine Erholung von den Predigten sein, vielleicht von ihrer allzu männlichen Atmosphäre.

In den Hegel komme ich nun wirklich wieder etwas herein und könnte mich nun für “Probleme” interessieren. Z.B. für Montesquieu jetzt, über den es auch weiter viel schlechte Litteratur gegeben hat, Kantorowicz ist nicht der Letzte geblieben, der ihn nicht verstanden hat. Ich habe mit Behagen die lange, hasserfüllte Anmerkung gegen ihn wiedergelesen, die ich 1911 geschrieben habe; wenn ich irgend Platz habe, lasse ich sie stehn. Es macht mir Spass, dass ich ihn nie habe leiden können. Nächste Woche lasse ich mir die grosse Hölderlinausgabe von dem gefallenen Sohn des bayr. Kriegsministers v.Hellingrath geben, darauf freue ich mich. Mehr wie die ersten 160 Seiten will ich vor Pfingsten gar nicht durchgesehen haben. Pfingsten will Bradt ev. nach Frankfurt, da müsste ich mit und da würde ich dann Stuttgart anschliessen, auch wenn ich noch nicht so weit bin. Im Ganzen ist ja dies Durcharbeiten ziemlich ergebnislos für das Buch (nur ich selber komme wieder herein, und auch das ist ja gleichgültig). Wenn ich das Manuskript in einer Woche fertig zur Druckerei geben müsste, ginge es auch. Es ist nur eine alberne Gewissenhaftigkeit. Den Altmännerstyl kriege ich doch nicht heraus, auch wenn ich gelegentlich ein “eigentlich” (à la Ranke – “hier eigentlich begann..”) wegstreiche.

Mein Zimmer ist ein dumpfes Kabüschen; gestern der Tag darin hat mich fast krank gemacht; Blick auf einen Hof, so einen schachtartigen Berliner Hof, ist etwas Scheussliches. Ja auf dem Libanon ists besser. Deshalb gehe ich heut Abend nach dem Essen zu Straussens, – Libanonersatz, eigentlich sehr komisch dass Straussens mir Libanonersatz sein müssen und mein wahrer Libanon mir dort steht, wo du deine Briefe einwirfst – meine Schwester, liebe – ich kann es nicht zu Ende schreiben, es steht ja doch in keinem Buch ganz so wies ist, auch nicht im lebendigsten von allen. Nur eins steht ganz so darin wie es wahr ist:

Ich bin Dein.

31.V.[19]

Liebes Gritli, es ist offenbar wieder nichts; der Besuch bei Minden zeigte mir, wie aussichtslos die Sache ist. Diese und jede. Nächstens hänge ich mich auf oder habilitiere mich für neuere Geschichte. Es war überhaupt ein dies ater: des Morgens bekam ich von Hans einen Brief von Winter, worin er von dem bisherigen Vertrag überhaupt zurückspringt, und einen von Meiner, worin er ca 5-6000 M Zuschuss (ausser den 1500) verlangt, (also noch beträchtlich unverschämter als Winters erster Vertrag). Ich bin nun wieder bei dem Zerschlageplan angelangt, obwohl auch das wieder ein elendes Korrespondieren mit Zeitschriften und so giebt. Hätte ich dies Buch nur 1915 abgestossen! ich verbessere jetzt gar nichts Wesentliches. Ich war ein Esel. Diese Veröffentlichungsdinge sind das Einzige in meinem Leben, was ich bereue. Aber das ist natürlich nebensächlich. Viel übler ist das andre, dies nichts = über = das = eigne = Leben = sagen = können, denn das “nicht habilitieren” ist doch etwas Negatives. Ich möchte mich vor den Menschen verkriechen. Wirklich, ich schäme mich zu Meinecke zu gehen. Dabei muss ich es nun, schon wegen des Hegel.

Und die Juden – gestern “Muttel Badt”; ich hatte doch vergessen was für ein Greuel sie ist. Kein einziges natürliches Wort, lauter “Herzlichkeit”, und dazu noch zu wissen wie hart und scheusslich sie gegen die “Friseurstochter” ist, (so nennt sie nämlich die Schwiegertochter! wenn es eine Geheimratsgöre wäre, so hätte sie ihr ihre Abstammung sicher längst verziehen). Übrigens war es ausserdem nett bei Straussens. Es waren viele Leute da. Ein Arzt, Geh.rat Rosin, der ein sehr sonderbares Erlebnis in Babelsberg erzählte: er war aus Versehen in den inneresten Teil des Parks geraten und stiess auf die Kronprinzessin, die bekam erst einen Schreck und wollte sich verstecken! sie war mit einem Jungen; er grüsste sie und darauf führte sie ihn, ohne ihn zu kennen, durch den Park, zeigte ihm alles, sprach ganz offen, viel von ihrem Mann, etwa 1/2 Stunde lang. Er sagt, sie müsse offenbar ein ungeheures Sprechbedürfnis haben; sonst hätte sie es ja nicht getan.

Aber etwas Schönes habe ich noch: denk, der “Freund”  an den “Luthers Glaube” geschrieben ist, ist Wölfflin! Ich war ganz erschüttert als ich es hörte. Für beide Teile, und für den “Dritten” dazu. Dies hat sich also zwischen den 50 jährigen abgespielt, das gleiche wie in unsrer Generation, aber mit welchen Hemmungen und doch auch wieder mit welch tieferer Resonanz. Mich hatte ja schon damals der “Roman” darin fast stärker gepackt als das Theoretische. Nun wo ich weiss, wer der Luzifer ist, und N.B. auch endlich, (aber nun mit einem Schlage) weiss wer Wölfflin ist – und wie lange wollte ich das wissen! Er ist ja von allen lebenden Gelehrten der der mich am stärksten beeinflusst hat, der der mir den Anstoss zur Produktivität gegeben hat. Nun weiss ich also, wer er war. Ich muss nun Luthers Glauben nochmal lesen.

Heut Abend werde ich endlich mit Badt zusammen sein; er fährt Nachts nach Breslau, um seine Frau zu holen, er ist seit gestern Dezernent im Min.d.Inn. (bei Heine). Ich wollte, ich wäre auch was.

Ich muss dir so vorlamentieren. Und die Post hat mir nichts von dir gebracht. Ich brauche dich sehr, ein Wort ein gutes jeden Tag.

Liebes liebes Gritli –

Dein Franz.

 

Juni 1919

1.VI.[19]

Liebes Gritli, der Sonntag Morgen hier in dem Büdchen war gar nicht so schlimm diesmal, der Berliner Hof zeigte seine gute Seite: so zwischen 9 und 10 kamen etwa ein Dutzend Jungen mit einem Lehrer, wohl Waisenkinder und sangen zweistimmig ein paar Lieder, keine alten, sondern neue Machart und schlecht gesungen und kümmerlich und verhungert anzusehn, aber es war doch nett wie der Hof lebendig wurde und aus allen Fenstern die eingewickelten “Sechser” regneten. Das dritte Lied fing sogar an: Du bist der Stern auf den wir schauen.

Ich habe es satt, Absichten zu haben. Es muss jetzt etwas von selbst kommen. Vielleicht übernehme ich einfach das Korrespondenzblatt der Akademie und was so an kleinen Sachen kommt und arbeite viel für mich bis ich mich an der Lehranstalt habilitieren kann; das ist ja eigentlich das Natürlichste; einmal muss ich doch dazu kommen. Auf jeden Fall gehe ich Pfingsten mit nach Frankfurt, wenn etwas daraus wird (und komme dann anschliessend zu euch; sonst später). Ich muss eben jede Gelegenheit suchen, bekannt zu werden. Dann kann ich übrigens den * ruhig veröffentlichen, da ich dann ja eben gar nicht auf etwas Sofortiges und Offizielles reflektiere. Im Gegenteil, es ist dann sogar gut, wenn ich ganz in der Gestalt bekannt werde, die wirklich meine Gestalt ist; dann wird am ehesten das Richtige für mich kommen. Schade, dass es dabei dann wohl Berlin wird, nicht Frankfurt.

Eben da kommt dein Eilbrief vom Freitag, ich hatte meinen Hunger schon bis auf morgen beschwichtigt. Du hast mir gar nicht schlecht geschrieben, ich hatte es mir so vorgestellt, wie du es jetzt beschreibst. Aber deswegen bleibt es doch schade, dass nun wieder einmal “die ” Menschen “die” Menschen bleiben. Denn als Privatsekretär des Direktors verkehrt er, mag er denken was er will, mit den Arbeitern doch nur wie mit den Soldaten im “Mannschaftshaus”. Und das bleibt schade. Es hat sich einmal wieder die Gemeinschaft von zweien (= vieren) vor die grosse Gemeinschaft geschoben. Und grade weil Eugen nach der verlangt, müsste er sie endlich auch einmal haben. Zweie sind nie die Welt. Es ist doch ein Klebenbleiben. Auch für die Werkzeitung wäre es nötig gewesen, dass Riebensam Eugen liebte und nicht bloss über ihn erschrak, eben deshalb war mein Gefühl, dass du auf jeden Fall mit nach Stuttgart musstest, als du nach Marburg wolltest. Nun ist es anders gekommen. Was nur nötig gewesen wäre für das andre, wird nun das Einzige. Sehr gut und sehr schön, eine “Lösung”, auch für dich sehr einleuchtend, weil ganz übersehbar (denn eines Menschen kann man immer gewiss sein, vieler nie). Aber nicht das was er braucht, nicht das weltlich = katholische, das protestantisch = katholische. Und darum erschrecke ich auch, dass prompt als Ergänzung dazu das katholisch = Katholische wieder am Horizont aufsteigt – wie ja gar nicht anders sein kann.

An Riebensam selbst zweifle ich gar nicht, an Eugens Verhältnis zu ihm nur an dem einen Punkt, den ich dir schrieb, du antwortest grade darauf nicht.

Sieh, ich müsste doch erleichtert sein: ich bin ja eine Verantwortung los, denn mein schrankenloses Zustimmen zu der prekären Stellung mit der Werkzeitung war ja ein Wagnis. Aber ich hatte dabei das bestimmte Gefühl, dass er da einmal hinein musste: nicht wegen “Sanierung” irgendwelchen “Werks”, sondern um seine alte Liebe zum Volk einmal zu büssen. Jetzt fehlt etwas: diese Liebe zum Einzelnen mag vielleicht Schmerzen bringen, aber keine Enttäuschungen. Und das ist der Unterschied von Mann und Frau (und deshalb verstehst du hier nicht, worum es geht, und spricht dein Herz erst jetzt und nicht schon beim Arbeiterplan): dass die Frau nur die Liebe sucht, die Schmerzen bringt, der Mann aber ausser dieser auch noch die andre suchen muss, die Enttäuschungen bringen kann. Und deshalb traue ich mir hier mehr als dir. – Wäre nicht die andre Aussicht vorhergegangen, die jetzt zurückgeschoben (und damit aufgehoben) ist – denn en passant lassen sich “die” Menschen nicht lieben -, dann wäre ich ja jetzt ganz bei euch. Denn R. sah ich schon vor Deinem Brief so wie es ist. Aber nun kann ich nicht davon los, dass hier etwas zergangen ist, was gut und hart und nötig war. Aber ich hadre freilich nicht mit euch, sondern mit dem Gang der Dinge, der wieder einmal eine Entscheidung aufgespart hat. Vor Jahren (1916) schrieb mir Eugen mal (vgl. Briefbuch, hrsg. vom fleissigen Gritli, S.xyz): ich Sonderling redete ökumenisch wie ein Konzil und er Katholik redete immer nur zu Einem. Soll denn das immer so bleiben? Und nun war ein Konzil da und grad wie er hineingehn will und seinen Platz einehmen, stellt ihn Kaiser Konstantin am Eingang zum Palast, worin die Bischöfe schon versammelt sitzen und nimmt ihn mit in sein Privatkabinett.

Es ist schwer immer Ja zu sagen zu allem, was der da oben anzettelt.

Immerhin da zettelt er doch wenigstens. Mich aber lässt er hier unten herum laufen und nicht wissen wohin. Wo ich hier auf einen Menschen stosse, tut sich ein Abgrund auf. Der andre merkts gar nicht, aber ich. Die Leute haben mich ja sogar gern – aber doch nicht mich! So gestern Abend Badt, so heut Nachmittag Rosenzweig = Ost, den ich zufällig traf (nachdem ich eine Stunde zuvor an ihn gedacht hatte). Es ist etwas nicht richtig mit mir.

Heut früh las ich in einem Notizbuch von Anfang Januar 14, – überall Ansätze zum *, auch manches was schon darüber hinaus weist und schon mehr Predigt als Gedanke ist. Wann? wann?

Du darfst mir nicht böse sein, dass ich dich quäle. Wenn ich mich selber quäle, quäle ich dich eben mit. Das ist nicht anders. Du hast mich doch sehr lieb, ich komme zu dir und lege meine Stirn in deine Hände. Liebes –

——-

2.VI.[19]

Liebes Gritli, heut früh kam dann unerwartet noch dein Himmelfahrtsbrief nach, der worin du von Frau Rs Alleinbesuch erzähltest. Er trug aber nur nach; ich bin mir ganz sicher, weil ich all dies Positive, das menschliche, das “Unter 8 Augen” ja genau so schon gesehen hatte, – schon einfach deshalb weil ich esvorausgesehen hatte. Meine Sorge , die bleibt, hat nichts damit zu tun, sie greift darüber hinweg. Sie ist so unabhängig von dem, was ihr augenblicklich tut, dass ich gar nicht wünschen oder wollen könnte, ihr tätet es anders. Eben wie ich dir gestern schrieb: ich widerspreche nicht euch, sondern der Vorsehung.

Die Napoleonmaske kenne ich wohl, aber sie “kann nicht lügen??” Wenn ich eine illustrierte Ausgabe vom NT zu machen hätte, so würde ich sie zu dem Vers abdrucken vom Satan, der sich verstellte in einen Engel des Lichts. Wäre er anders gewesen, meinst du die ganze Welt wäre auf ihn herein gefallen, von Goethe abwärts? Aber gewiss, wenn Satan in einem Menschen Fleisch wird, so muss er irgend eine Schönheit in ihm schon vorfinden. Und die Totenmaske lehrt, welche das war. Es ist das erste Bild wo er wieder aussieht wie auf Davids Zeichnung zum Arcolebild der 26 oder 27jährige. Nur dass das Hamletische jenes Jugendbilds auf der Totenmaske cäsarisch versteinert ist; er ist hinaufgelangt und hat sich höchst königlich bewährt und alles ist schon wieder vorbei. Weisst du, welches Gesicht auf der genauen Mitte zwischen jenem Noch nicht und diesem Vorbei steht, das Hamletische und das Cäsarische in eines verschmilzt: Amenophis in Berlin.

Dabei fällt mir ein, ich war noch weder in einem Museum noch in einem Theater und habe auch gar keinen Mumm dazu. Obwohl Koriolan gespielt wird, nach dem ich mich von Kind auf gesehnt habe – es war mein erstes Shakespearestück das ich las. Übrigens aber vor Landschaft hätte ich jetzt auch Angst, ich bin ganz froh, dass ich wenigstens zwischen Steinen sitze. Ich würde mich genieren, und hätte keine Ruhe.

Ich habe von O.Adolf wegen der Sanatoriumssache, die er auf meine Verantwortung und Kosten einleiten sollte (über ihren Kopf weg) noch keine Antwort! Ich fürchte es wird nichts.

Den Hegel machen eigentlich die Heinzelmännchen. Ich lese ihn bloss und finde ihn sit ut est aut non sit. Von Diederichs habe ich Antwort: augenblicklich nicht; ich soll, wenn ich ihn bis dahin nicht untergebracht habe, im Herbst wiederkommen; ev. fahre ich daraufhin doch mal nach Jena. Ich muss aber erst sehen, was Meinecke über Oldenbourg sagen wird, doch war der schon im Frieden an unsinnige Zuschüsse gewöhnt. – Viel dran arbeiten also keinesfalls! Ich werde wohl sachte in Judaica hinübergleiten, damit die Zeit nicht so verloren ist und die Germanica den ohnehin ja germanischen Heinzelmännchen überlassen.

Bei Frau Cohen war ich gestern; sie zeigte mir ein paar Briefe von ihm aus dem Anfang der 70er Jahre, an ihre Eltern. Wie seine frühen Bilder, ein viel ruhigerer, klassischerer, bourgoiserer Mensch. Die Risse in ihm die später zu Klüften auseinanderklaffen sollten noch höchstens als feine Linien zu erkennen. Auch im Einzelnen viel Interessantes. Ich habe ihr sehr zugeredet, ein Briefbuch vorzubereiten, sie hat ja die Schreibmachine noch und kann die Briefe leichter bekommen als später Fremde. Nachher bei Bradt, wo Rosenzweig = Ost war, mit dem er lernt. Ich blieb dabei. Rosenzweig = Ost ist wirklich ganz blinder Cohenschüler, in verba magistri. – Klatzkin übersetzt die Ethik ins Hebräische. – Ich lese sie doch mit grossem Erstaunen und fortdauernder Spannung. Hast du sie eigentlich da?

Dein Franz.

3.VI.[19]

Liebes Gritli, – grade da kommt der Brief von deiner Mutter, sehr mütterlich warm und säckingisch in meine Berliner Hofhöhle. Aber nun doch erst: Liebes Gritli – dein Sonntagsbrief ist heut morgen früher aufgestanden als ich, ich schlief bis 1/2 10 obwohl ich vor Mitternacht im Bett lag; es war ein Vorhang vorgezogen, daran lags. So lag der Brief schon draussen auf meinen Schuhen und erwartete mich. (Sonst kommst du meist Nachmittags gegen 5; es ist wohl schon der neue erweiterte Fahrplan, seit dem 1ten). Du weisst doch inzwischen, dass ich mit euch ganz und gar einig war, nur mit dem alten Herrn nicht. Er hat mir eben für mein Karlsruher Welterhalten einen kleinen Nasenstüber gegeben und die Sache gründlicher zu Ende geführt als ich meinte. Er will sich eben nicht ins Handwerk pfuschen lassen.

Ich war gestern Mittag bei Budko wegen der Grabangelegenheit. Wunderschöne Blätter sah ich, auch Entwürfe zu einer hebräischen Psalmenausgabe, die ein christlicher Verleger bei ihm bestellt hat, das Schönste eine Initiale zum 90. Psalm (mit dem ja das 4te Buch nach der Büchereinteilung des Urtexts anfängt): unter einem grossen ..[hebräisches Tet] eine weite gewölbte Ebene, die die Vorstellung der Erdkugel heraufruft, eine ganz kleine einsame Figur  eines stehenden Beters mit erhobnen Armen …[Zeichnung].

Nachmittags habe ich angefangen bei meinem östlichen Namensvetter zu lernen; ich werde es jetzt in der nächsten Zeit so oft als möglich, damit ich endlich einmal diese gröbste Lücke ausfülle. Wir haben nichts Schönes genommen, sondern etwas richtig Schweres, rein Juristisches, über Verjährung; vielleicht heut, sonst morgen gehts weiter. Es geht eben doch nicht, dass ich Ansprüche mache und gar nichts Rechtes zu bieten habe. Heut Abend gehe ich zu Täubler in seine Übung und dann mit ihm zu Bradt; er will mir einen Vorschlag machen, sagt er. Ich weiss nicht was, aber ich werde wohl Ja sagen. Wahrscheinlich handelt es sich um das Korrespondenzblatt.

Neulich, auf dem Weg von Straussens zu dem Kino kam ich an dem hiesigen Daimlerhaus vorüber.

So schlimm fand ich die Anna D. nicht, wohl weil ich schon wusste wie sie war und mir gar nichts Besonderes drunter gedacht hatte. Sind die Kinder nicht nett?

Deine Mutter schreibt, Ameisenberg passte zu dir. Wenn sie nun gar vom Libanon wüsste – ! Aber bitte lern keine Graphologie – “gibt eben das Geld aus”. Wenn du zuviel Zeit hast, so lies doch Griechisch oder diktier am Briefbuch (??) oder besser noch (kein Fragezeichen!) schreib

Deinem Franz.

4.VI.[19]

Liebes Gritli, ich schreibe dir nur ein kurzes Wort zwischen Rosenzweig = Ost und Badts (die ja nun hier sind, ich fürchte mich etwas vor der Frau; dass er ein Dezernat im Min.d.Inn. gekriegt hat, schrieb ich dir wohl schon. Vielleicht schrieb ichs dir sogar schon ein paar mal; sowas imponiert mir ja jetzt. Aber grade dazu müsste ich sehen, dass zu all so was doch auch Vorbedingungen gehören und dass ich sehr wenig davon aufzuweisen habe. Gestern Abend bei Bradt eine dieser endlosen Statutsberatungen, die ebenso nötig als unfruchtbar sind. Täubler mit unermüdlichem Interesse. Ich war vorher bei ihm in der Übung. Sehr guter Universitätsdurchschnitt. In seinem Organisationseifer hat er nun auch endlich meine Beteiligung festgelegt: eine monumentale Mendelssohnausgabe (Leitung: “Cassierer”, “Max Herrmann” und ich; ob ich auch mitarbeite, steht bei mir). Es ist eine sehr gute Idee, grade in meinem ursprünglichen Sinn: junge Litteraturhistoriker (“Germanisten” a non Germanico) und Philosophen aus dem allgemeinen Betrieb in diesen Garten hinüberzulocken. Ich selber werde etwa “Jerusalem” übernehmen, die grosse Emanzipationsschrift, die ich seiner Zeit für den Hegel durcharbeiten musste, weil H. zeitweilig von ihr beeinflusst war; sie hat in der Zeit (z.B. bei Kant) eine gewisse Sensation gemacht (wie alles was von diesem Naturwunder eines “jüdischen Sokrates” ausging), hat nach der Vergangenheit zu interessante Anknüpfungen (an Spinozas Staatsschrift, sowie an unsre Scholastik) und nach vorwärts ins jüdische 19.Jahrhundert hinein ist sie von verhängnisvoller Wirkung gewesen – also genug, um eine schöne und ein bischen böse Einleitung und interessante Anmerkungen dazu zu schreiben. Auch der Bibelübersetzer interessiert mich natürlich. Grade auch in seinem Verhältnis oder Unverhältnis zu den volkstümlichen jüdisch = deutschen Bibelübersetzungen, die er verdrängen wollte, und zu Luther und dem Jahrhundert Klopstocks andrerseits.

Ich werde eben ins Gelehrte hinübergeschoben. Es ist vielleicht richtig so. Das Eigentliche darf man wohl nicht suchen; das muss von selber kommen.

Mit Rosenzweig = Ost werde ich schnell vorwärts kommen. Ich bin doch weiter als ich selber dachte. Ich habe eben in den Kriegsjahren eine Menge dazugelernt, mehr als ich wusste.

Und schliesslich wäre es ja gewaltsam, wenn ich mich den Konsequenzen von Zeitists, also schliesslich der Abhängigkeit von der Kreatur, die ich machte, entziehen wollte. Es ist ja eigentlich das Natürlichste von der Welt, dass ich auf diesem Geleise zunächst einmal laufe und nicht auf neue Eingriffe von oben warte.

Den Hegel mögen inzwischen die Heinzelmännchen machen.

Ob ihr schon im Schwalbennest wohnt? Bei deinem Wort von der Fürstengruft fiel mir ein, dass mich eigentlich die ganze Zeit etwas bei der Vorstellung von eurem Wohnen dort im Haus bedrückt hatte. Das ist nun fort; oben passt ihr besser hin.

Liebes Schwälblein, wann — ?

Dein Franz.

5.VI.[19]

Liebes, es war mir heut morgen zu lang mit Warten, dein Brief war ja schon 3 Tage alt; so telegraphierte ich. Über diesen Klotz dürft ihr ja jetzt nicht mehr stolpern. Allenfalls müsste sonst doch wieder der erste Plan, die “unbasierte” Werkzeitung, aufs Tapet gebracht werden. Aber von Stuttgart weg dürft ihr nun auf keinen Fall wieder.

Ich wollte, ich hätte erst ein Wort. Es ist mir, als ob Berlin und Stuttgart im Augenblick sehr weit von einander wären. In der Pfingstwoche gehe ich wohl nach Leipzig und Jena (ich telegrafiere noch rechtzeitig); Jena wegen Diederichs und S.Fischer. In Leipzig werde ich Rudi sehen. Er schrieb mir, dass Eugen ihm die Frucht des Todes geschickt hat.

Denkst du gar nicht mehr an Weidemann? ich muss noch viel an ihn denken. – –

Gestern bei Badts wars wirklich nett. Sie wohnen bei einem Bekannten, dessen Frau und Kind auf Monate aufs Land sind, einem Kaufmann mit einigen fast leidenschaftlichen litterarischen Interessen. Die Frau war doch nett. Sie hat damals als ich sie in Breslau sah für mich darunter gelitten, dass ich so absichtlich, beobachtend und mich verstellend zu ihr kam. Es ist ein grosses Unrecht was ihr von der Familie geschieht; allerdings weiss ich nicht, ob es nicht angenehmer ist von diesem Scheusal von “Muttel” geschnitten zu werden für eine Schwiegermutter (und selbst für einen Sohn) als von ihr umgeben und bemuttelt zu sein. Ich verstehe jetzt auch ein bischen, wieso eine solche Frau wie die Frau Cohn (= Vossen) (mit der ich 1918 damals den kleinen Briefwechsel hatte) sie schätzt. Und dann ist ein Clou da: der zweijährige Wolf. Der aber wenn man ihn fragt wie [gestr. man] er heisst, diesen Namen verleugnet und sagt – ja was wohl? – du rätst es nicht, und zwar sagt ers mit Inbrunst und Überzeugung: Franz! Und weil es spät ist, ich noch essen will und zu Straussens gehen (um unsre seiner Zeit durch den Krieg bei Jes.47 abgebrochne Lektüre mit Jes.48 wieder aufzunehmen), so sage auch ich mit Inbrunst und Überzeugung:

Franz.

6.VI.[19]

Liebes, dein Eilbrief brachte die Antwort auf mein ungeduldiges Telegramm. Ich bin froh, das ihr noch in Stuttgart hängen bleibt. Irgendeine Form muss und wird sich finden. Die Gefahr dabei sehe ich unverändert und es hätte gar nicht des Eintreffens des damals vorausgesagten Zeichens – das wieder Akutwerden des Katholischen – bedurft, dass ich sie hätte sehen müssen. Aber ich wüsste und wünschte kein Zurück. Dass es nicht das Gleiche ist als Sekretär und Freund des Direktors vor den Arbeitern zu stehen und als freier Litterat, müsstest du doch schon ganz äusserlich einsehen. Ausserdem ists aber doch innerlich ein ungeheurer Unterschied, ob man aus Liebe zu Einem handelt oder aus Liebe zu Vielen. Ich schrieb dir ja neulich schon davon. Aber das ändert nichts an der nächsten Notwendigkeit. Wie sehr ich die spüre, habe ich ja gestern früh selber an dem Anfall von Telegrafitis plötzlich gemerkt.

Es ist ja das grösste Glück, unter einer nächsten Notwendigkeit zu leben. Du hast ganz recht, dass ich nicht in Ordnung bin, und dass du es mir ansiehst. Aber ich komme allein nicht heraus aus dem Schleier. Vor dir trag ich ihn ja nicht. Und deshalb kannst du mir auch nicht helfen – bei dir ist mir ja schon geholfen. Ich habe nun in diesen ganzen Wochen hier eigentlich doch noch mit keinem Menschen wirklich gesprochen. Es ist eine Wand zwischen mir und Badt, mir und Straussens, mir und R.= Ost, mir und Bradt, mir und Täubler. Dass der * allein, wenn er gedruckt wäre, das bessern würde, glaube ich nicht; er ist doch schliesslich nur ein Buch – was ist ein Buch! Um anschaulich zu bleiben: meinst du, es hätte mir damals bei Ditha im mindesten geholfen, wenn der * gedruckt gewesen wäre. Wenns brennt (und wo brennts nicht!), lesen die Menschen keine Bücher. Heut Morgen war ich bei Meinecke; nach Besprechung der Hegelei fragte er mich auch, was ich vorhätte; ich sagte ihm, frei nach Täubler, bei dem ich ja nun gelernt habe wie das in der Professorensprache heisst: mich hätte schon seit Jahren, schon vor dem Krieg, das jüdische Problem gepackt, und dem müsste ich nun leben; in welcher äussern Form, wüsste ich nicht, danach suchte ich noch. Er sagte, das sei (wir waren auf der Strasse) sehr schade, denn es sei unlösbar bzw. lösbar nur so dass man es nicht zu lösen versuche, sondern in der allgemeinen Kultur aufginge; worauf ich: ich sei mir der Unlösbarkeit und dass es im einzelnen Fall und in meinem Fall vielleicht ein ergebnisloses Opfer würde, bewusst, aber ich wollte trotzdem  und grade. Darauf er: es sei auch deshalb schade, weil wir alle jetzt uns zurückziehen müssten in die innerste Zelle des Lebens (er meinte: die Philosophie u.s.w.), worauf ich: diese innerste Zelle sei mir allerdings grade das Judentum, und Philosophie und Historie dürften mir nur Hausgerät in dieser innersten Zelle sein, nicht mehr. Dann sprach er sehr viel pessimistischer und mit Jahrhunderten rechnender als in dem Groninger Vortrag (für Eugen: Maiheft der Deutschen Rundschau), eigentlich in seiner Weise auch ganz richtig vom Weltuntergang, freilich immer wieder mit kleinen Unsicherheiten und mit Schwankungen ins Prinz Maxsche. Immerhin für ihn alles Mögliche. Neulich sei er mit Gertrud Bäumer und Tröltsch zusammengewesen, da hätten sie alle gemeint, es sei jetzt Zeit Orden, Bünde zu stiften, kleine Kreise in die sich das Leben zurückzöge. Ich sagte ihm, das sei ja schon da, da sei nichts zu stiften. Aber genug – das Eigentliche war ja doch das andre, und das ging so vorüber, ohne viel Mühe aber auch ohne viel Gewicht. Was sag ich denn gross, wenn ichs nun sage? Das blosse Bekenntnis, die blosse Absicht – wie leer ist das. Du wirst sagen: der * ist mehr als blosses Bekenntinis und blosse Absicht – und da hast du recht. Übrigens vorerst machen wir jede Rechnung ohne den Wirt Mündel. Der hat wieder seit 4 Wochen nichts geschickt. Ist eigentlich Schwelle und Einl.III angekommen?

Ich muss herüber zur Universität, Bradt und Täubler zu sprechen. Da entscheidet sichs mit Frankfurt. Ich bin gar nicht dafür, jetzt, dass wir uns schon jetzt sehen. Wir müssen beide, ihr und ich, erst 14 Tage älter sein, ihr in Stuttgart, ich in Berlin. Aber ich schreibe wohl noch nachher ein Wort heran. Und sonst für alle Fälle schon – du hast mich doch lieb auch mit dem verschleierten Gesicht? du —

dein.

7.VI.[19]

Liebes Gritli, ich kam wirklich gestern Abend doch nicht mehr zum Weiterschreiben, durch Bradt und Täubler. Ich merke, dass ich da ganz von selbst in irgendwas hineingerate, und widersetze mich nun also auch nicht mehr. Schliesslich – morgen sind es 14 Tage dass ich hier bin – was erwarte ich denn eigentlich? das ist ja noch gar keine Zeit. Heut Abend bin ich wieder mit ihnen zusammen, bei einem Russen, einem Flüchtling, der viel gegeben und noch mehr versprochen hat. Nachher fuhr ich heraus zu Badts, der Proteststreik setzte ein, so blieb ich über Nacht da, auf einem herrlichen fast quadratischen Chaiselongue und ging heut früh mit ihm in die Stadt, es ist ein Weg von 5/4 Stunden. Recht ansehen kann ich die Frau doch nicht; sie schielt so komisch. Eine heftige Abneigung widmen sie beide – Bertha. Hermann sagte, er habe sie nie als verwandt empfunden, sie hätten nie über das kleinste Ding sprechen können, ohne zu streiten; und über ihren eignen Fall sagt er, wohl mit Recht: wenns Litteratur wäre, wäre sie ganz entzückt davon, und weils Leben ist, wird sie nicht damit fertig. Herr Sachs war verreist. Seine Frau ist mit Cassierers verschwägert, muss selber japanisch aussehen und er hat viel Japanisches u.s.w. und auch über Japanisches.

Aber sieh nun: H.Badt hört mir zu und verlangt mich zu hören, und ich habe auch gar keine Gêne mit ihm zu sprechen. Und doch ists mir hinterher als hätte ich gar nichts gesagt. Es kommt eben nicht auf das Sprechen an. – Übrigens hemmt mich die Erinnerung an den * beim Sprechen mehr als sie mich fördert. Es geht etwas, wie in der Becherrede – ich messe meine Worte an dem “ausgeführten Konzept” und das ist besser als die Worte und so werden die Worte schlecht. Wenn der * einmal spricht, muss er für sich selber sprechen. Ich kann ihm nicht helfen dabei.

Von Kassel, nämlich von O.Adolf und von Trudchen, die ich als er schwieg in Bewegung setzte, kein Wort! Nur Mutter selbst schrieb neulich, sie wolle etwas “noch vor ihrer Abreise” erledigen. demnach denkt sie selber daran. Warum man mir nichts sagt, weiss ich nicht.

Das Schicksal der Spenglerkritik darf aber mit einem ablehnenden Bescheid Muths nicht entschieden sein. Sie ist mehr als katholisch oderprotestantisch.

Mit Frankfurt wirds nun, nach dem Ergebnis gestern Abend, bis Anfang Juli dauern. Doch liegts ja ganz bei uns, ob ich nach Stuttgart vorher oder nachher fahre. – Die Cohensche Ethik ist vergriffen, ich versuche, aber anscheinend vergebens, ein Exemplar noch in irgend einer Buchhandlung aufzutreiben. Gelesen habe ich erst 10 Bogen; es fällt mir bisher genau so schwer wie die Logik und reizt mich zu fortwährendem Widerspruch, aber eigentlich zu unfruchtbarem. Ich könnte kaum gegen ihn sprechen; ich müsste nur alles anders sprechen – oder ja vielmehr: ich habe alles anders gesagt. Wir haben eben verschiedene Fronten.

Ich fahre wohl sicher diese Woche. Ich warte noch auf einen Brief von Rudi und einen von Rich. Ehrenberg, an den ich wegen des Verlegers S.Fischer = Jena geschrieben habe. Meinecke will übrigens in München, wohin er fährt, mit Oldenbourg sprechen (was er aber selbst für aussichtslos hält) und ausserdem mit Below wegen eines Zuschusses der Freiburger Gesellschaft, auf den er scheinbar rechnet. Ich fürchte, dass ich damit auch nicht viel weiter bin.

So ein paar Stunden in meinem Hofloch können einen ganz trübsinnig machen. Ich brenne gleich durch, obwohl es noch zu früh ist zum Essen. Ich habe übrigens Bradt wegen des Bandwurms interpelliert und er will (natürlich) eine grössere Aktion unternehmen, mit 2 Tage Bettruhe etc! – also behalte ich ihn wieder einige Wochen -.

Was ist das für ein Schwätzbrief! ich komme mit so leeren Händen.

Und bin doch – Dein Franz.

8.VI.[19]

Liebes, ich dachte das Telegramm gestern wäre schon durch meine Briefe überholt und du wüsstest schon, dass ich erst später nach Frankfurt u.s.weiter gehe. Nun ists also sicher, dass ich Dienstag fahre und wohl erst mit dem Nachmittagszug. An deiner Statt kam eben der langerwartete Brief von Trudchen. Am 17. erst entscheidet sichs also, ob O.Adolf geht und bis dahin soll ich noch warten. Und dann schreibt sie mir ein paar Worte über den *, über die ich froh bin. Ich habe es ja doch gut und darf wirklich nicht lamentieren.

Badt war gestern beim Lernen dabei und wirds nun auch weiter, soviel er Zeit hat; er ist mit seiner juristischen Bildung und Versiertheit sehr gut; ich selber hatte es mir schon angewöhnt, immer ja zu sagen, wenn ichs nur sprachlich einigermassen verstanden hatte; in der Beziehung habe ich schon in den paar Malen sehr viel gelernt.

Jetzt warte ich auf Täubler, um mit ihm und Bradt zu dem Russen zu gehn, einem dollen Kerl, der neulich Einstein aufs Korn genommen hatte und ihm begeistert auseinandersetzte, dass “Schaie” die Akademie geweissagt habe! Einstein wusste aber doch gar nicht, dass “Schaie” Jesajas ist – geschweige denn. Solche reiche russische Juden haben, wenn sie das “Chlad” ausgezogen haben, etwas ganz Russisches, etwas wie der Fürst Galitzin oder eine Romanfigur. Heut Abend lernen wir bei Badt.

Ich bin auf Buddes Hiobkomentar geraten und sehr entzückt. Er ist im Wesentlichen ganz konservativ, hält nur kleine Stückchen für unecht; erst jetzt verstehe ich das Buch. Ich will dir die Hauptverse, aus denen er es erklärt, mal herausschreiben, wenn ich das Buch da habe. Jetzt muss ich herüber.

Es ist noch niemand da. Ich will dir inzwischen das Stück aus Trudchens Brief abschreiben: “Während ich an deinem Stern lese. Immer nur ganz wenig weiter, weil ich nämlich sehr in Anspruch genommen bin, aber doch jeden Tag ein Stückchen. Noch bin ich im ersten Buch, bei der Schilderung des Idealismus. Ich bin ganz verblüfft von der Einfachheit und Klarheit der Formel auf die du ihn bringst – und wie alles andere in diesem Licht auch wieder klarer scheint. Überhaupt wirft jeder neue Gedanke immer Lichter zurück, sodass ich nun auf einmal auch das Vorhergehende, die A= und B= Symbole verstehe. In das 2.Buch habe ich bisher nur zufällige Blicke geworfen, aber da hatte ich Mühe, artig zu bleiben und mir das Vorweglesen zu versagen, und geduldig weiterzugehn, bis ich im Zusammenhang daran komme. Aber indem ich mich heimlich darauf freue, regt sich auch schon eine innige Dankbarkeit in mir dafür, dass ich werde wissen dürfen, was “von Menschen nicht gewusst oder nicht bedacht”, nur gelebt wurde. Es ist doch herrlich, wie du es weisst und sagen kannst.”

Ja, Liebste!

Dein.

8.VI.[19]

Liebes, seit Tagen nun kein Brief, ich weiss schon gar nicht mehr wie lange. Es wäre wirklich kein Wunder, wenn ich Dummheiten machte, wenn du mich so laufen lässt. Also hör, ob es eine Dummheit war; ich weiss selber nicht recht. Ich hatte Täubler gestern also verfehlt, traf ihn aber abends in der Stadtbahn als ich zu Badts fuhr und verabredete mich für heut wieder mit ihm. Und er hat mich richtig für die Akademie geworben, zum Leiter des Verwaltungsbüros (der Rechtsanwalt, der es jetzt macht, wird beseitigt, dafür eine Sekretärkraft engagiert) und der Agitation einerseits, des künftigen Korrespondenzblatts anderseits. Grade diese Doppelseite der Stellung hat mich gewonnen. Das Korrespon-denzblatt soll erst in 2-3 Jahren öffentlich werden (tant mieux), dann soll es aus den Arbeiten der Akademie essayistischen Honig für das Publikum saugen. Dadurch habe ich also sofort (d.h. im Lauf des Jahres) eine Stellung, die mich mit allen möglichen Leuten zusammenführt, mir soviel Einfluss auf der Akademie eröffnet wie ich will, und mir sicher weniger Zeit nimmt als die Zeitschrift nehmen würde. Diese Notwendigkeit, dass ich noch viel Zeit zur Weiterbildung brauche, sieht Täubler ganz stark.

Nach einem qualvollen Abend bei Frau Cohen weiter; ich muss mich wirklich erst wieder zusammenfinden. (Auch Rosenzweig = Ost, der auch da war, psychologisiert dass es eine schlechte Ehe gewesen sei, das sehe man jetzt). Das Gute ist die Allmählichkeit und die Zwangsmässigkeit. Es kommt einfach von selber. Dass Schlechte, dass es ohne Liebe geschieht. Es springt kein Funke zwischen mir und Täubler über. Er ist scharf und doch geleckt. Ich habe es ihm nicht leicht gemacht, habe mich ihm von den Seiten gezeigt, die ihm einfach verrückt erscheinen mussten. Er hat alles geschluckt, mit der Miene eines geistigen Warenhauschefs. Das Ekligste dabei, dass mir selber meine Worte auch hohl vorkamen, wie ich zu ihm sprach, so steifleinen und dogmatisch. Das “Grossinquisitorische” wächst in mir auf. Je l’ai voulu. Ich darf mich nicht beklagen. Eines Abends geht man noch schlafen als ein Mensch und am andern Morgen wacht man auf und ist Papst geworden!

Franz.

10.VI.1919

Liebe – es ist schon spät, der Nachmittagszug, mit dem ich fahren wollte, ging nicht; so wird es nach 10 bis ich in L. sein werde. Dafür wird nun aber dort morgen und übermorgen der Wurm erschlagen: ich bringe eine ausführliche Anweisung von Bradt mit, mit einer Diät, die Tante Lene zwar entsetzen wird, der sie aber dennoch nach allem was ich höre gewachsen sein wird. Es ist so dunkel im Zug, ich sehe mein Geschriebenes gar nicht. Ich fahre gern von Berlin weg, aber ich bin doch beruhigter als die Tage zuvor, ich sehe doch jetzt etwas in die Zukunft, – wenigstens soviel, um nun wieder ruhig in der Gegenwart leben zu können.

Und in Leipzig muss ein Brief von dir liegen. Du hast mich nun seit Freitag hungern lassen. Was das bischen gelbe Papier doch tut! Aber voriges Jahr war es eine andre Karenzzeit. Ich muss wirklich ganz stille sein. Ich kann übrigens kaum an voriges Jahr denken, meine Gedanken ziehen gleich die Fühler ein, so schmerzt es, und kriechen lieber in das vorvorige. Da verkrochen sie sich ja voriges Jahr auch immer hin.

Bist du mir denn gut? Heut Abend werd ichs schwarz auf weiss haben. Ich darf doch so sicher sein. So unverschämt sicher, zu wissen, was du mir schreibst. Ich weiss es: dass du mein bist und ich

Dein.

11.VI.[19]

Liebes Gritli, also in Leipzig und nun trotz allem doch etwas enttäuscht, dass Ihr nicht mehr da wohnt. Aber in 14 Tagen oder 3 Wochen – es ist ja nicht mehr lange; ob vor oder nach Frankfurt wird auch von Mutters Abreise abhängen. Bis dahin wird uns beiden schon wieder gut geworden sein, ich glaube, sogar schon bälder; ich bin eigentlich schon seit den beiden Gesprächen mit Täubler wieder obenauf; diese 14 Tage Berlin – ich merkte es erst, wie ich sie Rudi referierte – waren doch sehr inhaltsreich; es hat sich sehr viel darin entschieden: dass der Hegel en bagatelle behandelt werden kann, dass ich die Konsequenzen meiner Vaterschaft bei der Akademie ziehe, den gewaltsamen und mich vergewaltigenden Zeitungsgedanken aufgebe und den * drucke – eigentlich genug für 14 Tage. Und nun muss dir auch wieder besser werden; zum grossen Teil habe doch einfach ich auf dir gelastet. Sei wieder sehr, ganz sehr, – du sehr Geliebte. – Die Frucht des Todes lassen wir durch Helene nachschicken, ich fahre frühestens Sonnabend (ich bin mit Hirzel in Verbindung getreten; vielleicht wirds was; obwohl ich den Eindrücken solcher ersten Besuche gegenüber nun skeptisch geworden bin); den letzten Brief hatte Rudi ja da. Der beruhigt mich auch, nicht ganz, aber doch mehr als das was Rudi von den früheren erzählt. Es quält mich zu denken, dass Krebs glauben darf, Eugen gebe ihm zu, dass “die Kirche von Christus gestiftet ist”. Das ist – nicht so wies Eugen “zugiebt”, aber so wies Krebs aufnimmt – in Eugens Mund eine Lüge. Für Krebs ist das, grade das, ein juristischer Akt (also grade das woran sich Eugen noch stösst), ein juristischer Akt mit juristischen Folgen. Für Eugen hat Christus doch indem er die Kirche stiftete, die protestantische Gegenkirche genau so sehr mitgestiftet wie die Petruskirche in Rom (vom “johanneischen” “Ketzerchristentum” ganz zu schweigen.) Ich fürchte den Zwang zur Lüge, den solch Zugeben über ihn ausüben müsste und würde. Ich habe noch mehr zu sagen, aber ich habe mich schon gestern Nacht bei Rudi ausgelassen. Grade bei Rudi bin ich mir dabei so ganz sicher, weil ich dann nämlich immer spüre, dass es gar nichts gegen den Katholizismus ist; denn bei Rudi würde ich gar keine Sorge haben, wenn er katholisch würde; weil es da ganz einfach und ohne selbstmörderische Konsequenzen (und selbstmörderischen Sinn – Frucht des Todes! – ) geschähe. Auch weil Rudi nicht dem Geist lebt und der Tat, sondern allein der Seele, es steckt eben kein Gelehrter und kein Politiker in ihm nur ein Dichter. Und die röm. Kirche hat zwar den Geist an Aristoteles verraten und die Tat an die Juristen, aber die Seele, die Dichter lässt sie vorläufig noch frei.

Es ist nicht genug, aber lass es für den Augenblick genügen. Und für den Augenblick kann mich ja der Pfingstsonnabendbrief auch wirklich beruhigen.

Liebes Gritli, giebst du mir denn deine Hännde herüber, dass ich sie lang, lang küsse?

Dein.

11.VI.[19]

Liebes Gritli, ich habe mir ein Lob verdient und ein Eiei dazu. Denn ich habe die anbefohlene Bandwurmkur gemacht (dafür das Lob) und leider umsonst (dafür das Eiei) – der Kopf ist nicht mitabgegangen. So scheint mir wenigstens; ich habe es Rudi noch nicht gezeigt, weil er fort ist. So werde ich also meine Backenfalten, die ich “seit dem Stern” und in Wahrheit wohl seit dem Bandwurm habe, noch nicht loswerden. Denn gleich wiederholen soll man diese Pferdekur auch nicht. Am Ende erst in Stuttgart!! For God[‘s] sake.

Heut Abend werde ich Rudis neuen Einakter vorlesen. Ich bin neugierig was andre dazu sagen. Bühnenwirksam ist er sicher sehr. Aber er grenzt an christliche Kunst im bösen Sinne des Worts. Rudi meinte, es wäre was fürs Jahrbuch. Einen naturwissensch. Artikel hatte er dafür angefangen, aber – trotz guter Gedanken – nicht ausführen können; es war kurios unlebendig geworden, so als ob er den Leser nicht vor sich sähe. Er wird aber demnächst einen Vortrag in Göttingen draus machen. – Heut hat er hier die Predigten fertig vorgelesen; seine Eltern waren von den beiden letzten ungeheuer ergriffen. Beckerath habe ich noch nicht allein darüber gesprochen, bin aber auch nicht begierig darauf.

Ich sitze auf der schönen schattigen Veranda. Onkel V. hat mir eben Eugens Brief aus der Stiftsmühle (von meinem Ankunftstag) gezeigt. Ich fragte ihn darauf direkt, ob er trotzdem die saure Traubentheorie hätte, da verneinte er aber, wollte es höchstens als mitklingend gelten lassen; und das darf man ja ruhig zugeben. Er sagte selbst: Eugen habe doch schon längst so gesprochen.

Von Winter habe ich ein Angebot, das Buch bei weiteren 1500 M Zuschuss zu drucken. Gewinnhalbierung vom 200. Exemplar an, Verlustbeteiligung keine. Darauf gehe ich ev. ein, besonders da ich die 1500 M vielleicht ganz oder teilweise von Freiburg kriege, Meinecke will mit Below darüber sprechen. Doch will ich vorher noch Hirzel abwarten, und für alle Fälle doch auch nach Jena fahren und mit S.Fischer und Diederichs sprechen. Buchwald kennen zu lernen, hat sowieso Wert; ich kann vielleicht auch etwas Dampf hinter ihn machen für Hansens Tragödienbuch.

Sagte ich dir, dass ich meine “Wohnung” in Berlin aufgegeben habe (ich habe zwar noch meine Sachen da stehn, aber sowie ich wieder in B. bin, suche ich mir eine andre; so ein Hofzimmer ist unerträglich. So ist meine Berliner Adresse zunächst noch postlagernd, aber nicht Linke= sondern Dorotheenstrasse (wo wir auch mal nachts telegrafiert haben, weisst du noch?) Ich telegrafiere dir aber noch. Heut war nichts von dir da. Und wenn es nur ein Wort ist, so ist es doch von dir. Liebe Seele –

12.VI.[19]

Liebes Gritli, denk es gefällt mir diesmal gut in Leipzig. Nach der Berliner Kälte ist mir ordentlich warm geworden. Ich habe Rudis  Einakter gelesen, ein christlicher Reisser. Beckerath macht mir wenig Freude. Auch Rudi spricht jetzt von der “ständigen psychologischen Notwehr”, in der er sich befinde. So ist es wirklich.  Es ärgert ihn alles – und dabei hätte er es doch gar nicht nötig. Die Wirkung Eures Zusammenlebens hier scheint mir ziemlich weggewischt. Er ist doch der Christ, der sich aus dem “Schon erlöst sein” ein Kissen zurechtgeschneidert hat. Im Libertusaufsatz sieht er nur Ressentiment. Und mit der Konvertitin fühlt er sich in Anspruch genommen “auf Grund einer Übereinstimmung zwischen ihm und Eugen, die so doch nicht vorhanden ist” (wobei er natürlich Eugen auch für katholischer halten muss als er ist; aber das ist ja Eugens Schuld). Wenn ich über Rudi hinaus noch hier bleibe ziehe ich vielleicht 1-2 Tage zu ihm. – Er besinnt sich sogar, ob er für das Jahrbuch was schreiben kann, denn es fehle ihm die wissenschaftliche Reife! Dabei liest er Geschichte der sozialen Theorien (vor 100 Hörern, zweistündig!) und behandelt die christl. Theorien natürlich ausführlich darin. Aber einen grundsätzlichen Gegensatz zu Tröltsch scheint er nicht zu verspüren, er findet ihn bloss nicht gründlich genug (im Sinne wissenschaftliche Exaktheit). Wie steht geschrieben? “Wer heut der Universität dient -” Die Germanen sind und bleiben schlechtes “Material” für das Reich Gottes. Jedes Wirtshausschild “zum unheiligen Geist” oder “zur schönen Heimat” lockt sie unwiderstehlich von der Strasse weg, und dann kneipen sie sich fest und bleiben sitzen.

Mein Leipziger Wohlsein wird wohl noch etwas von der Hirzelaussicht bestimmt. Obwohl ich mir doch Mühe gebe, sie nicht zu sanguinisch zu nehmen. Vielleicht sitze ich in einer Woche schon wieder am Hegel und finde Blatt auf Blatt unverbesserlich, bis ich die grosse entsetzlich störende Lücke im Restaurationskapitel erreiche, die unbedingt ausgefüllt werden muss, schon wegen der – Restauration. Ach Gritli –

Dein Franz.

13.VI.[19]

Liebe, ho capito. Aber es ist hoffentlich nicht mehr nötig. Die Bude habe ich ja schon aufgegeben, meine Sachen stehen gepackt, und wenn ich wieder nach Berlin komme – es wird wohl Mittwoch werden – so suche ich mir eine bessere, schlimmstenfalls nicht in der inneren Stadt, obwohl es schön ist, über Tag mal hinlaufen zu können und sehen ob ein Brief da ist. Mit dem Bandwurm wirds ja nun nach dem vergeblichen Versuch wieder Monate dauern, bis in den Hochsommer; da wirkt das Mittel auch besser, denn da kann es aus frischenFarrenkräutern gemacht werden; da werde ich auch die Hungerkur vorher gründlicher machen. Ein paar Monate muss man immer nach einem “Abgang” wieder warten, weil das Viech erst wieder wachsen muss, ehe man ihm ans Leben kann. Und essen tue ich reichlich, nicht Kriegsküche, sondern Wartesaal Bhf.Friedrichstr. II.Kl., grosse Gemüseportionen, mit viel Kartoffeln. Also als Kinderfrau brauche ich dich nicht, für mich jedenfalls nicht, vielleicht für Mutter, da O.Adolf nun nicht geht und ihr dummerweise erklärt hat, es sei nicht nötig. Rudi fährt morgen nach Kassel, spricht mit O.Adolf, auch mit Trudchen, dann wird Gewalt angewendet und ev. holst du sie dann ab. Ich fürchte freilich, vor dem 2.VII., Vaters Geburtstag, geht sie keinesfalls. Aber wenn sie nur überhaupt geht.

Abends las ich versammelten Ehrenbergs und Beckerath den Einakter (Das Letzte. Ein Gleichnis in einem Akt.) vor; es ist doch gut und vielleicht geht es auch fürs Jahrbuch. Auf dem Theater würde es ihm das Tor des Erfolgs wohl aufreissen. Heut Abend kommen Wildhagens, da werde ich es nochmal vorlesen, die haben ja Bühnenbeziehungen, und das giebt dann vielleicht was.

Heut vormittag war ich bei Beckerath. Allein war er besser. Wirklich schon die Universitätsluft dieses Hauses genügt, um ihn zu akademisieren. Allein hatte ich ihn bald soweit, dass er, als ich ihm die neue Universität beschrieben hatte (die nicht auf der Freiheit und Voraussetzungslosigkeit der dozierenden Individuen beruht, deren Gemeinsames nur das gemeinsame “Objekt der Wissenschaft” und allenfalls noch der gemeinsame Zweck des Unterrichtens ist, sondern wo gemeinsam der Grund und Boden der Weltanschauung ist und die verschiedenen Wissenschaften alle in diesem gemeinsamen Boden wurzeln) – und ihn dann fragte, ob er nun, wenns diese neue Universität mal gäbe, dorthin gehöre (“in zehn Jahren”) oder auf die alte, er doch glatt antwortete: in zehn Jahren – natürlich dorthin. Man muss ihn eben allein haben und ihn nicht in Ruhe lassen; ich verstehe gut, wie Eugen, solang er ihn allein hatte, meinte, er hätte ihn wirklich. Aber es ist schwer.

Gestern Abend im Bett las ich noch die Frucht des Todes. Ich war doch erstaunt. So gewichtig wie Eugen meint, ist es sicher nicht. Ich war erstaunt, weil das was Eugen neu darin ist (“Gott will uns wieder haben”), ja eigentlich das ist, wovon niemand anders als er mich befreit hat. Das ist ja das Thema des Halbhunderttages: “Du grosser ewiger Gott darfst wieder leben, – es starb ein Mensch für dich”. Das Thema meines Briefs an Rudi vom September 1910 (ich zeigte dir mal die Abschrift, die Hedische, davon).Das Thema meiner Schechina = Sonette an Rudi von 1911. Das Thema des Rilkeschen Stundenbuchs. Das Thema von Max Brod (in Tycho Brahe u.s.w.). Das Thema des ganzen Buberschen Kreises. Das Thema der Kaffehäuser. Es wäre ganz schlimm, hätte Eugen nicht doch auch noch die andre Hälfte: weil Gott gestorben ist, darf der Mensch leben. Obwohl auch hier eine kaffeemystische Färbung hineingekommen ist, indem er das was nur für die Offenbarung zutrifft, für die Schöpfung behauptet. Ich habe deshalb im * (II 1) so gegen die Auffassung der Schöpfung als eines göttlichen Liebesaktes (“Einsam war der Weltenmeister..”) polemisiert; sie nimmt der Offenbarung, was ihr gehört. Die Schöpfung sagt “Ja”; erst in der Offenbarung “verneint” Gott sich selber (schenkt sich, “verkauft” sich, steigt hernieder, ist “demütig”). Aber das ist nebensächlich gegen das andre, das Missverständnis der (mit dem * gesprochen) Erlösung, das er nicht begeht, aber doch bedenklich streift. Wir streifen es alle, ich sicher auch. Achte mal in II 3 und “Schwelle” genau auf die Stellen, wo ich davon spreche, dass Gott in der Erlösung sich selbst erlöst oder gar selber erlöst wird – inwiefern allein man das sagen könne; ich führe da geradezu Eiertänze auf, weil ich es sagen will und doch so vorsichtig sagen will, dass es nicht missverstanden werden kann; es ist eben ein gefährlicher Gedanke, wie jeder Gedanke, der einem über der Zeitlichkeit der Schöpfung und Offenbarung die Ewigkeit des Schöpfers und Offenbarers vergessen machen könnte. Rudi fragt ganz mit Recht: Was giebt uns dieser Gedanke eigentlich, ausser dass es ein sehr angenehmer Gedanke ist? Wozu verpflichtet er uns? ausser dass er uns aufs hohe Pferd setzt. Ich möchte noch dazu sagen: im Innern der Kirche schadet er nichts, aber sowie man aus diesem Innersten herauskommt und in der Welt wirken will, darf man dies Gefühl, Gott bemuttern zu müssen, nicht mehr haben, sondern braucht das andre, dass er uns – bevatert.

Ein paar Stellen sind herrlich in dem Aufsatz. Ich muss ihn übrigens nochmal lesen.

Ich bleibe noch hier, um Kahn zu sehn. Morgen früh habe ich mich mit ihm verabredet. Ich bin gespannt, aber ich habe wenig Vertrauen zu mir. Am Telefon war er ganz fortissimo, dass ich da war. Also übel genommen hat ers mir nicht, dass ich ihm nicht geschrieben habe.

Das Haus ist wieder aufgewacht. Ich schreibe natürlich auf der Terrasse. Der Magen grummelt mir noch von der wüsten Misshandlung gestern nach. Aber es ist wirklich hübsch diesmal in Leipzig. Doch du sollst lieber in Stuttgart bleiben. Ich denke mir euch gern da. Hoffentlich kannst du mich nun bald in Berlin auch gern denken, – ich will das Meinige dazu tun. Aber am schönsten wäre es schon wir brauchten uns bald einmal nicht zu denken, weder gern noch ungern – sondern würden uns sehen. Aber es ist ja nicht mehr lange. Gieb mir deine Hand – bis dahin.

Dein.

14.VI.[19]

Liebes Gritli, ich bin recht unausgeschlafen, eben habe ich Rudi forgebracht und gestern Abend war es eine lange Sitzung. Das Stück hat Eindruck gemacht, aber wie langsam sind die Leute mit dem Gedanken an Helfen bei der Hand, man musste sechsmal bohren, bis sie sich endlich auf ihre Beziehungen besannen. Und dabei braucht ja der Bann der Namenlosigkeit nur ein Mal durchbrochen werden, und nachher vor dem anerkannten Namen liegen sie alle auf den Knien. Wildhagens sind ein unerfreuliches Ensemble, am nettesten doch die Tochter, noch hübsch, sehr hübsch, aber ganz unentwickelt geblieben; sie wird es wohl jetzt nachholen, denn sie hat durchgesetzt, Schauspielerin zu werden und gleich, nach Vordeklamieren bei Ernst Hardt, dem neuen Weimarer Intendanten, dort eine Volontärstelle gekriegt; im Herbst debutiert sie mit Bertha Bruneck. Beckerath war auch da, sass neben ihr und es war schön zu sehn, mit welch vollkommener innerer Freiheit und Drüberweggetragenheit er sich mit der schönen Person unterhielt.

Ich will zurück in die G.A.strasse – ich schreibe im Wartesaal – vielleicht ist doch noch ein Brief von dir da. Nächste Woche ist nun das Adressentelegrafieren an dir. Ist die Post nicht eine herrliche Einrichtung? Sie allein machts schon lohnend, in der “Neuzeit” zu leben. Vive la civilisation, trotz und trotz allem, trotz missglückter Bandwurmkur, Wildhagenscher Gestalten, Emilscher Akadämeleien und allem was sie sonst noch auf dem Gewissen hat. Schreib und schreib und schreib – das eine Wort um dessentwillen Sprache und Schrift erfunden sind.

Liebe —- Dein

14.VI.[19]

Liebes Gritli, es ist zwar schon spät, und ich bin ganz müde, ich komme von Beckerath, wo ich Mittags war, dazwischen eigentlich den ganzen Tag Kahn. Und das war schön, obwohl durcheinander; denn er war ganz aufgetan, aufgeschlossener als im Sommer, nicht mehr so intelligent, wenn auch noch immer ein bischen zu viel. Er hatte mir gar nichts übelgenommen, sondern rannte einfach auf mich zu. Da habe ich anders als in Berlin gespürt, wozu ich unmittelbar da bin. Auf den * brennt er, obwohl ich ihm nichts davon erzählt habe. Zufällig sah ich auch seinen nächsten Freund, einen schönen, aber ganz stumm = verschlossenen Jungen. Morgen nachmittag gehe ich zu seiner Mutter, lerne da wohl auch seine Freundin kennen. Und für nächste Woche haben wir Berlin verabredet. Er hat viel erfahren in diesem Jahr und viel Dummheit abgestreift. Mich hat er neues am Zionismus sehen gelehrt, das ich heute in meiner Müdigkeit noch gar nicht recht verdaut habe. Sein äusseres Leben werde ich auch zu managen versuchen, im ganz uneugenschen Sinne, nämlich indem ich dafür sorge, dass seine reichen Verwandten ihn studieren lassen. Der gute Onkel Viktor muss dazu morgen einen Geheimratsbrief an sie schreiben, den ich ihm aufsetze! Sein grosses Manko ist, dass er noch an Begriffe glaubt, statt nur an Namen. Ich habe es ihm an einer neuen Geschichte erklärt: zu Frau Cohen ist doch jetzt eine Krankenschwester (in Civil) getan. Als Frau Cohen neulich von ihr verlangte, sie sollte sie umbringen und ihr allerlei zu schenken versprach wenn sie es täte, sagte die schliesslich, weil sie sich gar nicht zu helfen wusste, zu ihr: “Aber Frau Geheimrat, was verlangen Sie da von einem jüdischen Kind!!?” Da sei sie wie zurückgeprallt und habe nichts mehr von ihr verlangt. So bannt der Name die Gespenster. Das andre parallele dazu ist eine Variante in Rudis Stück, die ich euch aber erst erzähle, wenn ihr es gelesen habt.

Wirklich lag heut früh, als ich heimkam ein Brief da – aber vom 7. (oder 6. – Datum wie immer jetzt nur der Poststempel, – Eugens gute Erziehung hat ihre Kraft verloren, seit eure Briefehe zu Ende ist; darunter muss ich nun leiden).

Gewiss wir wachsen einmal in die Welt hinaus jetzt – aber ich könnte den Spiegel nicht entbehren. Liebe – und bald sehe ich wieder in den geliebten Spiegel deiner Augen und sehe darin, was ich weiss, dass ich — dein bin.

Habt ihr die Polyglott auch verloren? dann kriegt ihr sie, ich habe sie hier gekauft, sonst kriegt sie Beckerath.

15.VI.[19]

Liebes Gritli, ein Eilbrief von dir, aber sonst Schlechtes: Von Kassel – Rudi erzählte am Telefon, es hat wieder einen grossen Krach gegeben. Rudi meint, ich müsste alles laufen lassen. In ein Sanatorium ginge sie nicht. Dann: Rade hat abgelehnt, sich die Predigten schicken zu lassen (Rudi hatte ihm geschrieben, er möge sie sich nur dann schicken lassen, wenn er der Veröffentlichung in der Chr.W. nicht grundsätzlich ablehnend gegenüberstehe). Raummangel. “Mit schwerem Herzen”. Nun geht also das Herumlaufen los. – Von Hirzel ist für mich übrigens auch nichts mehr zu erwarten; der Geschäftsführer zieht die Segel ein und so habe ich O.Viktor gesagt, er solle nun auch nicht mehr durch einen Brief an Hirzel Wind zu blasen suchen. – Heut früh habe ich den Brief an Kahns Onkel aufgesetzt. Mit Menschen= und Engelszungen.

Weisst du dass ich solche Geschichten wie die Verlobungsgeschichte von Frau R. einfach nicht ertrage. Dieser Freiheitsbegriff, mit dem sich seit 20 Jahren die Mädchen herumquälen, geht mir auf die Nerven. Es ist eigentlich das Symptom der Krankheit der Zeit.

Ich war heut vormittag ganz auf das Maul geschlagen; der arme Kahn war sehr verduzt. Ich glaube, es lag daran, dass ich dir noch nicht geschrieben hatte.

Der * – denkst du aber daran, wie es ist, wenn einem so was nachher durch den Dreck der Rezensionen geschleift wird. Und schon vorher: es zu Verlegern tragen, es zurückgeschickt kriegen u.s.w. – Deine eigene Verbundenheit mit der Veröffentlichtheit des * fühle ich dir ganz und gar nicht nach. Im Gegenteil eigentlich. Ich finde, die nimmt ja schon von der Handschrift zum Maschinentext ab und erst recht weiter zum Druck. Nein, das verstehe ich nicht.

Sag, hat Eugen am 4ten oder 5ten Juli Geburtstag? (wegen der Polyglott).

Ob ich dir heut noch weiter schreibe? Jetzt gehe ich zu Beckerath. Anbei der Brief an den Onkel Geheimrat.

Dein Franz.

16.VI.[doppelt unterstr.[19]

Liebes – das Papier wird immer sommersprossiger; du auch? Der 16te ist heut, der immer ein grosses Datum in meinem Leben war; vor nun 18 Jahren war es mein “alter dies natalis”, der Tag des “Überfalls des Dämon” auf *sch gesprohen, so habe ich ihn alle Jahr gefeiert; was ist mehr in der Ordnung als dass es dann vor 2 Jahren auch wieder dieser Tag war. Vor 2 Jahren – erst so kurz! Ist es dir nicht auch, als wären es ebensogut auch 20? Du liebste, ich könnte glaube ich noch viele Nullen hinzugeben, aber ich bin ja kein Inder, die mit den Nullen freigebig sein können, weil sie sie erfunden haben, – ich bin bloss, was ich dir vor 2 Jahren des Morgens früh sagte oder wenigstens du zuerst von mir hörtest: Ich, – und auch das bin ich nicht mehr; denn ich bin Dein.

Es wurde noch ein guter Tag gestern. Es hatte wirklich am Vormittag bloss auf mir gedrückt, dass ich dir noch nicht geschrieben hatte. Mittags also bei Beckerath. Ich habe ihm diese ganzen Tage viel von der Akademie erzählt, um ihm Gelegenheit zu geben, an Eugens Brief anzuknüpfen oder sonstwie darüber zu sprechen, weil doch Eugen offenbar meint, das würde ihm gut tun. Aber er hat die Gelgenheit nie benutzt, ist im Gegenteil immer gern in der akadämeligen Sphäre geblieben, ohne den Übergang ins Akadämonische zu provozieren. Sowas ist eben auch nicht zu erzwingen. Auf Eugens Römer XI wird er mit Galater X,Y antworten – das hat mir schon Rudi gesagt. Auf Schrift eben mit Schrift. Um zu glauben, will er sehen. Und das ist nicht einmal das Schlechteste an ihm. Er ist eben Skeptiker bis zur letzten Sprosse der Himmelsleiter. Aber er steigt sie trotzdem. Das meine ich damit, dass ich sage: es ist bei im kein Fehler, sondern beinahe das Gegenteil.

Was er braucht, ist einfach, dass man ihn umgiebt. Briefe tuns nicht. Briefe stehn ihm “auf einem andern Blatt” als Menschen. Er macht keinen Brei aus beiden, wie wir es tun. Daher kann man den Einfluss seiner akadämeligen Umgebung (Voss, Süss u.s.w.) nur neutralisieren indem man ihn auch umgiebt. Ich fahre wohl bald, vielleicht noch vor Stuttgart (oder auf dem Weg dahin) ein paar Tage zu ihm und wohne bei ihm.

Von ihm fuhr ich heraus zu Kahn. In der elektrischen las ich einen kleinen Aufsatz von ihm, den er an den Jerubaal geschickt hat, schön in der Tendenz und oft auch in der Form, teils auch zu verdacht, immerhin als erstes gedrucktes Wort doch gut, weil es ein breites und programmatisches Sichhineinstellen in die Öffentlichkeit bedeutet und eine Kampfansage. Er knüpft an an ein zionistisches Fest, wo für den Nationalfonds gesammelt wurde (wie üblich) und ein schönes junges Mädchen dafür Küsse à 100 M verkaufte! Leider gerät er zwischenhinein ins Systematisieren. Also ich kam hin, sein Freund war da. Die Mutter ist eine kleine abgemagerte kaputte und heftige Person, die in der kleinen ärmlichen Dachwohnung noch ganz heimatlos herumgeistert; sie ist erst seit dem Krieg in Leipzig. Der Vater sah fein aus, kaufmännisch und geistig zugleich. Mawrik hat nach den Bildern schon mehrere entzückende Epochen hiner sich, eins hätte ich stehlen mögen, wo er etwa 9 jährig ist und einen runden Jungenskopf hat. Danach musste ich noch mit den beiden auf seinem Zimmer allein sein und wurde philosophisch interpelliert, wobei aber die Ismen alle Ortsnamen hatten: das sagen unsre Münchner Freunde u.s.w. Ich suchte ihnen den Idealismus mit der Schöpfung zu verekeln. Und da passierte mir etwas Tolles. Mawrik, der Platon liest, wandte ein: man könne doch den Schöpfer schliesslich auch – “platonisch, wenn es meinetwegen auch bei Plato nicht steht” – als die höchste Idee denken, sodass also zwar die Idee der Wahrheit die Welt, aber die Idee Gottes wieder die der Wahrheit erzeuge. Also genau das neuplatonische, das Emanationssystem, das ja wirklich grade nach “mir” (II 1) die Reaktion des Heidentums auf den (isolierten) Schöpfungsgedanken ist. Da blieb mir nichts andres übrig, ich musste ihnen auch von der Offenbarung sprechen, um ihnen zu zeigen, weshalb Gott auch als Schöpfer schon keine “Idee” sein kann. Und weil sie dann a tempo weiter fragten: wie ich denn dann, wenn ich Gottes Geschaffenhabenund Sichoffenbaren behauptete, zu dem Prager (Buber = Bergmann = Brodschen) Gedanken stünde, dass Gott erst durch die menschliche Hingabe lebendig wird(die Frucht des Todes!), da musste ich ihnen auch von der Erlösung sprechen. Nun habe ich endlich jüdische Leser für den *. Mawrik brennt darauf – obwohl er glaube ich noch gar nicht weiss, dass diese Dinge drin stehn; sondern er meint, es wäre ein “philosophisches System”. Am nächten Sonntag in acht Tagen kommen die beiden vielleicht auf ein paar Tage nach Berlin, auf ein bischen Schuleschwänzen kommt es nicht an. Armer Hegel! da müssen nun wieder die Heinzelmännchen dran.

In einer Stunde bin ich in Jena, und da bist du wieder und rufst: Ik bün all da. Es lebe die Post!

Liebe mich und sei mir “all da”!

Heut und immer

Dein.

  1. und 17.VI.[19]

Liebe, also in Jena. Zuerst in der Universität. Der Hodler ist wirklich noch grösser geworden, so scheint es. Dabei steht er immer noch auf dem Flur, an einem unmöglichen Platz. Ich hatte oft an das Bild denken müssen, es ist ja wirklich die Vorwegnahme des August 1914 und vielleicht wird man es später gar nicht mehr verstehen (weil man später den notwendigen Zusammenhang der Aufbrechenden des Vordergrunds mit den Inreihundgliedmarschierenden des Hintergrunds, die Verwandlung der Einzelnen in Masse nicht mehr begreifen wird.

17.VI.[19]

Inzwischen war dann allerlei, nur kein Brief von dir; das postlagernde Fräulein, obwohl es mir schon gestern beim Kommen einen Brief von Rudi auslieferte, hat schon ordentlich Mitleid mit mir. Bei S.Fischer war ich [mit] einem jungen American, der “vergeblich viel, um zu versagen” sprach. Um 6 ging ich zu Nohl, er hatte mich in das Büro der Volkshochschule bestellt, wo er von 6-7 sitzt. Das war was. Du entsinnst dich: Nohl hatte mir damals anlässlich des Schellingianums den netten Brief geschrieben. Er selber ist noch netter. Sehr hübsch, gut gepflegt, kindlich heiter und unmittelbar. Zwischenhinein kam Rein, der Pädagoge, und besprach allerlei mit ihm; sodass ich in Kürze einen Blick in das Thüringsche Volkshochschulwesen tat, das üppig ins Kraut schiesst. Die Macher sind Nohl und Weinel, er für die Städte, Weinel[?] für die Pfarrer und Bauern. Nohl sieht die Sache ganz ohne “Ideen” einfach als einen verlängerten Kriegsdienst an (und zwar einen, den er im Gegensatz zum Krieg gern tut, aber eben doch nur vorübergehend, bis die Sache auf eignen Füssen steht und genug “jungverheiratete Doktoren” überall einer die Sache als Lebensberuf aufgenommen haben.) So umfasst er auch alle Seiten mit gleichem Interesse, den Anstandsunterricht wie die Sprachkurse wie die Geschmacksbildung und die Algebra. In diesen Tagen ist alles Faust. Denn auch eine Wanderbühne gehört dazu. Heut Abend werde ich es sehen: beide Teile in einem Abend. Und Nohl selbst hat nun sowie er sich aus der Volkshochschule herausgelöst hat, einen andern Plan. Auf Dornburg, dem Schloss hier in der Nähe – kennt ihr es? – ein Internat für zukünftige Oberlehrer = Studenten. Verbunden mit Schule. Die Studenten sollen von vornherein als Lehrer miteinander und mit Schülern zusammenleben, einige “ältere” (d.h. in unserm Alter) als Lehrer der zukünftigen Lehrer. Die Universität nur noch Hilfsmittel, die eigentliche Bildung im Arbeiten und Besprechen, immerfort Besprechen, Zusammenleben in Dornburg. In Nohls Beschreibung kam so oft das Wort “Besprechen” vor, dass ich ihm schliesslich sagte, er wäre gar kein Professor mehr, er sprenge ja die Universität; das wollte er aber für sich nicht wahrhaben und rühmte die Notwendigkeit des “Orare” neben dem Laborare. Sogar die protest. Geistlichen sähen es jetzt ein. Dann noch über Dilthey, seinen Lehrer. Im Kolleg legt er auch Diskussion ein, hängt allerdings trotzdem an der Idee, das Kolleg müsse Gestalt haben — und ist überhaupt so lebendig wie ein Ästhet nur sein kann. Heut Nachmittag gehe ich zum Thee hin. Gestern Abend waren wir bis 8 zusammen. Dann suchte ich meinen Flakkameraden vom Mai und Juni 16, den Architketen Rohde auf. Er erkannte mich nicht. Die Frau ist von Arbeit ausgesogen, sie ist Klavierlehrerin oder Geigenlehrerin; sie gehören zum Nohl = Buchwald = Diederichkreis. Er zeigte mir Pläne zu einm Städtebauprojekt für eine Strasse hier in Jena, ich habe viel gelernt, weil er mir alles bis ins Einzelne erklärte.

Aber meinen Friedensansprüchen genügt er weniger als meinen mazedonischen. Er ging damals fort ehe ich auf den Dub ging – vor 3 Jahren schon. Und 6 Jahre ist jetzt der Sommer 13 her!

Heut ging ich früh zu Diederichs. Sprach Buchwald und ihn selbst. Er ist ein Hüne, etwas Mischung von Faust und Falstaff. Ein bischen hohl. Den habe ich nun glaube ich richtig genommen. Er machts abhängig von – Nohl. Und zwar davon ob Nohl ihm sagt, es sei ein Standartwerk der Hegellitteratur. Das ists ja nun wirklich. Also ob Nohl ihm sagt: das müssen Sie nehmen (nicht vom Rentierstandpunkt, sondern qua Standartwerk). Und das wird Nohl wohl sicher. Dass aber D. es ernstnimmt, merkte ich daran, dass ich immer sagte, es wäre mir gleich, ob es erst 1920 gedruckt würde, er aber zuletzt die anfangs vorgeschobene Papierknappheit fallen liess und mich fragte, ob es druckfertig sei, denn wenn Nohl es ihm empfehle, wolle er es sofort und sehr schnell drucken! der Druck dauert dann keinen Monat! ich sagte natürlich zu allem Ja. Das heisst dann freilich, dass es so bald nichts mit Stuttgart wird. Ich werde sogar auf alle Fälle mich gleich in Berlin dran machen müssen, damit ich wenigstens das halbe Mskpt hinschicken kann, wenn D. es annimmt. Und die Korrekturen muss ich in B. lesen weil ich anderswo keine Bibliothek habe. Es war übrigens ein kurioses Gespräch und ich hätte gewollt, du hättest Zaungast spielen können. Empfangen tat er mich übrigens mit einem Brief von – Trudchen, die an seine Adresse geschrieben hatte! ziemlich das gleiche, was Rudi schreibt (schick mir seinen Brief zurück).

Es wäre doch gut, wenn der Hegel Ende Juli im Satz stünde! Bei Nohl musste ich aber denken, was doch alles im Rahmen der Universität immerhin möglich ist! Und was für ein Zufall eigentlich doch, dass Eugen nicht mit so einem zusammengeraten ist. Es wäre auch gegangen. Aber “wäre” gilt nicht. Es gilt nur wer ist und wird. Ich wäre ja auch nicht, nein ich bin – dein.

[17.VI.19]

Liebe, es war nur nett heut nachtmittag bei Nohl. Vorher war ich noch mit Rohde zusammen. Die Diederichssache scheint wirklich was zu werden. Und auch das Tempo, wenn es etwas wird. Täglich so ein Bogen Korrektur! Ein schöner Thee! Aber dann bin ichs los. Jetzt sitze ich in Nohls Büro und nachher bringe ich ihn noch ein Stück. Mit Nohl nun die üblichen gemeinsamen Bekannten in der kleinen Welt. Er wohnt schön, hat sehr moderne Bilder. Heut Abend dann der Faust.

Heut Nachmittag dann auch dein Brief. Und nun wirds so lang bis wir uns wiedersehn. Und wir dürfens noch nichtmal anders wünschen. Denk doch, wie gut das wäre, wenn der Hegel in ein paar Wochen aus meinem Gesichtspunkt verschwunden wäre! Nohl meint übrigens, bei Ds Bereitwilligkeit spräche eigentlich etwas Steuerflucht mit. Da müsste ich ja eigentlich gleich sehen, ob ich nicht den * ihm auch noch anhänge! Vielleicht hält ers für ein maurerisches Symbol! Aber das hebräische Motto würde er freilich nicht schlucken. Schade.

Wirst du wohl den Mut haben, Marthi abzublasen? Ich hätte ihn nicht. Freilich wärs einfacher, wenn er sie so kenngelernt hätte, dass er glaubte, sie hätte auch nichts. Ich bin viel mehr mit Marthi als ich mit Hedi war. Doch wohl nur wegen dem bischen Ähnlichkeit.

Du darfst keine Schmerzen haben. Heile heile Segen. Ich kann so bald nicht kommen. Das hab ich dir ja schon mal geschrieben. Aber es ist ja auch bloss um dir noch guten Abend zu sagen.

Es war doch in Weimar genug für 2 Tage? das hattest du nicht gedacht.

Morgen nun Berlin und dann ein par Tage brr brr Hegel. Dann bin ich ein Ertrinkender und meine Briefe sind die Hand die ich herausstrecke. Aber heut bin ich noch ganz über den Wassern

– Dein.

18.VI.[19]

Liebe – wieder in Berlin, und schon ein Brief von dir und von Hans eine lange Antwort auf meinen, den ich nach Stuttgart geschickt hatte, und ein Wohnung. Ich lief sehr müde herum und dachte schon, ich würde nichts finden. Als ich  alles in der Nähe der Bibliothek abgeklappert hatte, fuhr ich zum Bahnhof Tiergarten, ging am Tiergarten entlang, aber das einzige was da war, war besetzt. So kam ich zum Bahnhof Bellevue und in die Claudiusstrasse, wo Hans in unserm gemeinsamen Berliner Winter 07 auf 08 gewohnt hat. Da fand ich ein grosses Doppelzimmer (nämlich durch einen Längsvorhang geteilt in Schlaf= und Wohnzimmer) im Parterre, es ist eine Strasse mit Bäumchen, so ist es nicht grad sehr hell, aber es hat einen Erker, und einen Balkon daneben. “Simonsohn” sind die Fräuleins, das Zimmer wird erst am 1ten frei, mein Vorgänger ist Vorsänger, synagogaler natürlich. Solange wohne ich in einem kleinen Kabüffchen nach dem Hof heraus, wenigstens nicht nach Norden. Ich glaube, ich habe es trotz hohen Preises (130 M) gut getroffen. Die Wirtinnen gefallen mir. Dazu die Nähe des Tiergartens, die mich vielleicht doch auch mal lockt. Und vor allem, ich bin untergebracht. Ich hatte ordentlich Angst, wie das würde. Übrigens noch: eine schöne Chaiselongue und ein herrlicher Schreibtisch. Abends sah ich noch in Mündels Packet herein. Ich freue mich doch darauf. Es ist 67 Blatt lang.

Gestern Abend der Faust war ein rechter Reinfall. Die Stilbühne (Samtvorhänge!) ist ein reiner Unsinn. Der Regisseur (Haas = Berkow) glaubt, der Faust wäre von Robert Kothe. Ich mag gar nicht davon erzählen. Es war eigentlich alles schlecht ausser den ersten Gretchenszenen, wo Gretchen nämlich nicht im süsslichen “Naiven”ton sprach, sondern im genauen und akkuraten Ton eines artigen Kindes. Aber sonst war alles höchstens Durchschnitt, meist weniger. Das Publikum langweilte sich bei der ersten Hälfte; das ist eben kein Volksstück. Die Zwillinge hatten ganz recht. Kurz es war kein schöner Abschluss der schönen beiden Jenaer Tage. Ich bin nun sehr gespannt auf Nohls Ergebnis. Ich fürchte, er wird sich zwischen mir und Diederichs durchwinden, mit einem sehr freundlichen Brief an mich und einem Abraten an Diederichs. Ich habe ihm selber (weil er sagte, es wäre ihm eine peinliche Sache, weil er wisse, Diederichs würde hier glatt tun, was er ihm sage) also ich habe ihm selber gesagt, er dürfe es nicht sehr schwer nehmen, da ich es immer noch bei Winter unterbringen könnte. Das wird er mir dann “raten”, fürchte ich. Na ich muss abwarten; er wird sehr rasch handeln, da er offenbar jetzt nur einen Blick hineinwerfen will.

“Die” Oper eine unmögliche Gattung? ich glaube, die Madam Butterflys sind in jeder Gattung unausstehlich. Gegen die Gattung an sich ist gar nichts zu sagen (obwohl es heute, wo alles auf Wagner herumhacken zu müssen meint, üblich ist). Denk einmal, es gäbe noch keine Oper, und ein Dichter – aber es könnte nur ein ganz grosser, ganz phantastischer sein – erfände in einem Roman diese Kunstgattung, ein gesungenes und orchesteruntermaltes Schauspiel; man wäre doch ganz weg bei dem Gedanken (so etwa wie bei Brods symfonischer Reise zu Anfang des grossen Wagnisses). Die Oper ist aber so herrlich, wie man sie sich nur erdenken könnte – nur verträgt die Form keine Überlastung, nämlich keinen vollkommenen Ernst. Es ist etwas so Phantastisches dass Menschen singen statt zu sprechen, dass die Oper rettungslos bombastisch, schwerblütig, gemacht wird, sowie sie ganz aus der Sphäre einer gewissen Ironie (eines “Es ist ja alles nicht wahr”) heraustritt, wie sies bei Wagner, Beethoven, auch Gluck tut. Die komische Oper ist schon als Gattung etwas Herrliches. Auf dem Gebiet sind auch Durchschittssachen schon vollkommen schön. Bei Mozart ist bekanntlich sogar der Don Juan = Stoff in diese Form der “opera buffa” gegangen, ein bischen komisch ist sogar Donna Anna, ein bischen heiter. Und die Zauberflöte bleibt Singspiel bis in die Pristerchöre hinein (bis in die Knabenterzette und die Zornkoloraturen der Königin ohnehin). Und wo er ernst, nur=ernst sein wollte wie im Titus, da hat er etwas ebenso Unausstehliches gemacht wie alle opera seria.

Wann werden wir einmal eine Oper zusammen wieder hören? Allein gehe ich ja nirgends mehr hin.

Ich hatte Kahn über die 2 Jenaer Tage fast vergessen. Erst dein Brief rief es mir wieder zurück. Ja gewiss, das ist das “Eigentliche”. Aber ein Leben, wo man das Eigentliche 2 Tage lang vergessen kann – was ist das? Und ob die Akademie schliesslich nicht die Menschen mehr abschreckt als fängt, die wirklichen Menschen?? Kahn jedenfalls würde mir da nicht in die Finger gekommen sein. Er sprach von der jüdischen Universität in Palästina, und sagte, er sei sicher, sie würde nicht wie die deutsche sondern eher wie die russische, disputativ und ohne den Unterschied von Studenten und Dozenten. Er wird wohl recht haben. Man hat ja Exempel!

Ist dir denn wieder gut? du schreibst nichts mehr von Schmerzen, bloss von normaler Müdigkeit. Ja, ich muss alle Tage ein Wort von dir haben, nur Ein Wort, das Wort das überflutet, auch wenn “Ebbe” in dir ist. Hier schicke ichs dir, schicks mir zurück, wieder und wieder, dass es wie ein Ball zwischen uns hin und her geht, von einem geworfen, vom andern gefangen:   Dein.

19.VI.[19]

Liebes Gritli, der erste Tag wieder hier. Ich war fleissig und las den Hegel, um gegebenenfalls Diederichs gleich das halbe Mskr. schicken zu können. Inzwischen hat Meinecke, den ich mittags im Seminar abfing, mit Oldenbourg in München gesprochen; von dem kriege ich nun auch in kurzem ein Angebot. Diederichs wäre mir aber lieber, schon weil ich den Verlag später mal eher für irgendwas brauchen kann als den rein wissenschaftlichen Oldenbourg. Meinecke war kurios verzweifelt über das bevorstehende Unterschreiben. Ich sagte ihm ins Gesicht, ich hätte seit November nie an diesem vollkommenen Untergang mehr gezweifelt und spürte deshalb jetzt keinen Ruck mehr. Er hatte also immer noch gehofft. Er erzählte mir, gestern im Mittwochskränzchen hätte er über die antike Parallele gesprochen: Pydna (wo Griechenland durch Roms Sieg über Mazedonien aufhörte). So gründlich sieht er immerhin. Was er nicht sieht ist, dass mit Pydna auch Roms Ende anfing – und dass eben Griechenland und Rom beide in den “Untergang der Antike” hineingerissen waren. Aber überhaupt ist es mir an ihm neu, dass er weltgeschichtlich zu denken versucht, und wohl auch erst ein Ergebnis des Zusammenbruchs. (Als ich 1910 ins Lenzsche Seminar kam, roch ich zum ersten Mal seit meiner historischen Fachzeit wieder weltgeschichtliche Probleme) (nach 4 Semestern Meinecke!). Nachmittags kam ein Brief von Mutter, ganz ruhig und freundlich, statt der von Rudi und Trudchen vorausgesagten Wut. Vielleicht hatte sie schon abgewütet (aber sie sprach selbst ganz objektiv von ihrem Benehmen bei O.Adolf), vielleicht hatte auch die Einlage auf sie gewirkt, nämlich eine von Winter geschickte Rezension des Schellingianums von dem Breslauer Theol.professor Scholtz (Schüler von Dilthey und Harnack), in ganz überschwänglichen Tönen, so wie man sich vor dem Druck manchmal Rezensionen ausphantasiert, wider Willen. Sie steht in der Theol. Litt.ztg. Nr 9/10, wenn Eugen sie nachlesen will. Tadeln (aber mit einem ängstlichen “m.E.”) tut er nur den letzten Abschitt, der “in Hinsicht auf Klarheit und Präzision m.E. hinter den vorigen zurücksteht”. Kunststück! er enthält mein eigenes “Systemprogramm”, und das konnte wohl damals noch nicht klar und präzis sein. Weizsäcker ist seinerzeit grade auf die Andeutungen dieses Abschnitts hin wieder zu mir gekommen. Aber so gut hat Scholtz es gelesen, dass er das gemerkt hat.

Ich selber habe mich heut auch gelesen, nämlich das erste Viertel von III 1. Es hat mir gut gefallen. Weisst du eigentlich, dass in III eine unbewusste Parallele zu Hans steckt. Hans teilt doch ein: “die Lehre” und “die Weisheit” (vor beiden vorher kommt Natur und Geschichte). Natur und Geschichte kongruiert mit

meinem I; die “Lehre”, was bei Hans die Theologie ist, natürlich mit meinem II. Die “Weisheit” aber enthält 1.)”Politik” 2.)”Ästhetik” 3.)”Logik”. Nun entsinn dich, dass ich die genau so in dieser Reihenfolge in III abhandle: die Lehre von Volk und Staat in III 1, die von Kunst und Leben in III 2 und die von Wahrheit und Wirklichkeit in III 3. Hier ist nun wirklich keine Spur von Einfluss, sondern eine reine Parallele. Es muss also doch wohl stimmen. – Von Trudchen hatte ich ein paar Worte über II 2.

Manchmal hatte ich heute zwischendurch die Vorstellung, du wärest da und ich brauchte bloss aufzusehn, um mit dir zu sprechen. Und ich war doch nicht mal enttäuscht, wenn es dann nicht wahr war. Es war wohl doch wahr?

Liebe, Liebe —

20.VI.[19]

Liebes Gritli, du bist immer noch krank, hilft denn kein Heileheilesegen aus der Ferne? Vielleidht hilft die Polyglott, ich will sie nicht versparen.

Über deinen Gedanken, den * im Jahrbuchverlag zu drucken, musste ich doch lachen, – warum nicht gleich im Jahrbuch selbst? Nein, – wenn, dann muss ich schon in den sauren Apfel beissen und es bei Verlegern herumschicken; es ist an sich übrigens verleglicher als ein “wissenschaftliches” Buch. Fünfhundert Exemplare ist sowieso schon öffentlich, – da ist nichts mehr mit “Herumgeben” und “Weitergeben” und mir genügen dann die üblichen 20 Freiexemplare. Zuschuss kann ich ja einem Verleger ruhig geben, aber “Geschäft” muss es bleiben. Wenn schon, denn schon. Wenn schon Veröffent-lichung, dann auch richtige Veröffentlichung und keine private Geheimtuerei dabei. Zuschuss und dafür Gewinnbeteiligung. Ich begreife eben noch heute nicht im mindesten, weshalb du eigentlich darauf überhaupt drängst; nach meinem Gefühl müsstet du dich dagegen sträuben. Wenn es gedruckt ist, hast du ja die Handschriften nicht mehr. Überhaupt wie dieser ganze Entschluss zustande gekommen ist – als reines Produkt der Erfahrungen, die ich in der ersten Berliner Woche bei den “ollen Juden” gemacht habe – schon das müsste dich abstossen; auch mir wird etwas übel dabei. Ich brauche eben Bekanntheit à tout prix, sogar um den prix der Berüchtigtheit. Das hat mich die erste Berliner Woche gelehrt. Dafür wird nun der * prostituiert. Glücklicherweise ist ja die posthume Wirkung solcher Bücher fast unabhängig von ihren ersten Schicksalen. Sonst dürfte ichs wirklich nicht. Denn nur die posthume Wirkung ist hier wichtig. – Da sind wir sehr konträr. Dagegen garnicht bei dem “Typ”. Ich hatte ja damals nicht gegen R. aufgemuckt, sondern gegen das “der andre” Typ. Ich wollte doch nicht “der eine” sein, sowenig wie Eugen, – eben weil ich überhaupt nicht dein Typ sein will und es auch wahrhaftig nicht bin. Ich will ja nicht “von Natur” geliebt werden, sondern – “von Herzen”.

Deine Freundinnen? – bei dieser käme es, zum Unterschied von der andern, auf den Versuch an; ich glaube nämlich, sie würde mir gefallen. Sie ist ja nämlich eben gar nicht mehr so wie in der Verlobungsgeschichte. Auch steckt darin eben wirklich viel mehr Zeitsünde als Persönliches. Während bei Greda alles sehr persönlich ist.

Helene hatte an der Frucht des Todes das “Asketische” Eindruck gemacht. Ich muss es übrigens nun bald nochmal lesen und zurückschicken. – Über Rade bin ich nur traurig. Wenns nun wirklich Kurt Wolff druckt oder S.Fischer – was ist das dann!

Kähler hat sich also hier gemeldet, ich will ihn jetzt anrufen. Überläufts dich? Wir treffen uns immer in den kritischen Tagen. Obwohl diese jetzt an mir ablaufen wie Wasser; ich habe den ganzen Einsturz im Oktober – November verspürt, seitdem – ich glaube, in unsern Briefen steht seit Monaten kein Wort Politik mehr?

Dies gleichzeitige Korrigieren der Mskripte von “Hegel” und vom * ist sehr drollig. Und nun werde gesund, bitte, bitte. Ich habe dir heut so voller Widerspruch geschrieben, gar nicht gut und sanft wie dus brauchtest. Liebe du – von Herzen

Dein

20.VI.[19]

Liebe ich muss dir nochmal schreiben, obwohl es spät ist. Ich habe dir vorhin so verärgert und borstig geschrieben. Vielleicht bin ich krabbelig in der Ungewissheit mit Jena; von Nohl kriege ich nämlich vielleicht schon morgen Bescheid. Ich ärgere mich auch, dass ich bei ihm selber entgegengearbeitet habe, aus Anständigkeit und vor allem weil er mir so gut gefiel. Denn vor allem möchte ich doch den Stein mit Anstand los werden. Aber nun war ich also sogar eklig zu dir und habe dich mit dem * geärgert. Wir wollen von der ganzen dummen Druckerei nicht reden (obwohl Mündel jetzt im Eiltempo schreibt, ich habe schon III 2 hier und von III noch keine 30 Blatt korrigiert) (auch den 29 Blatt langen Rudibrief schickt er mit!) – aber vorläufig ists ja noch nicht so weit, und nachher werde ichs zuerst bei den beiden in Frage kommenden jüdischen Spezialverlagen (“Jüdischer Verlag” und Löwit, eventuell auch im Verlag der J.Monatshefte) versuchen, dann bei Rütten und Loening; irgeneiner wirds ja wohl nehmen, da ich ja ein paar Tausend Mark Zuschuss anbieten werde. Nun habe ich doch wieder davon geredet. Es geht mir eben doch viel im Kopf herum, jetzt wo ich grade die kritischen Partien korrigiere. Ich glaube, sie sind gar nicht so gefährlich.

Der Gedanke, die Predigten stückweis zu veröffentlichen – was war denn das Schönste am *? doch auch, als du ihn “stückweis” kennen lerntest, jeden Tag wie er entstand. Was ist dagegen ein einmaliges “zusammenhängendes” Lesen. Gut Ding will Weile haben. Aber es ist nun nichts damit; man müsste Rade schon persönlich aufs Dach steigen, und wer kann das? Eugen doch nur, wenn er selbst ebenso überzeugt von dieser Notwendigkeit wäre wie ich.

Aber lass das alles – ich musste dir bloss nochmal eine gute Nacht sagen, eine gute Gute Nacht. Ich habe Sehnsucht nach dir und muss sie doch noch einen Monat zurückhalten Und du? ist dir heute gut??                                           Gute Nacht.

[21.VI.19]

Liebes Gritli,  du sollst doch nicht krank werden. Wart nur, sonst komm ich mitten zwischen dem Hegel zu dir und lasse Herrn Diederichs warten. Der übrigens (oder vielmehr Nohl) vorläufig mich warten lässt und vermutlich durch den thüringischen Eisenbahnstreik mich noch eine Weile warten lassen wird (übrigens wäre heute der früheste Tag wo ich Bescheid haben könnte). Es war gar nicht schlimm mit Kähler. Er war viel runder (soweit er es sein kann) als er im Winter war. Es waren ein paar ganz hübsche Stunden. Ich musste für Hans einen Gang schlagen, Kähler hatte “Heidelberger Nachrichten” und sagte ihm allerlei auf den Kopf zu. Danach habe ich gehegelt und gesternt in der fidelen Abwechslung, die jetzt schon zur Gewohnheit wird, so hin und her zwischen dem guten und dem schlechten Buch (obwohl natürlich das schlechte die guten Kritiken kriegen wird). (Beim guten vertrage ich gar keine, noch nicht mal Eugens sehr sanfte; ich finde es je weiter es zurückliegt nur immer wunderbarer, dass ich es habe schreiben können; ich bringe es drum auch gar nicht fertig was dran zu ändern; es käme mir wie eine Unverschämtheit vor, wenn der jetzige wieder dummgewordene Franz dem damaligen was verbessern wollte.

Ich kann dir gar nicht recht schreiben, wenn ich denke, dass du nun schon Tage lang krank bist. Du weisst doch, dass du mir kein Wort zu schreiben brauchst, vielmehr keins schreiben darfst. Das “eine Wort” reicht für viele Tage, solange du willst. Werd nur gesund.

Ich will Eugen noch schreiben, nach Heidelberg. Werd gesund, werd gesund. Ich möchte dich ganz weich in meine Hände nehmen und dir alle Schmerzen wegstreichen. Spürst du es denn nicht? Mach einmal die Augen auf und kuck mich an. So.

Geliebte du – ich bin dein.

21.VI.[19]

Lieber Eugen, dasselbe habe ich neulich Meinecke gesagt, wie er so klagte, ich verspürte nicht den mindesten Sturz; nach dem Oktober = November hätte es nicht mehr tiefer hinab gehen können. Aber es ist, wie du sagst. Auch Kähler bestätigte mir heute, M. habe eben doch an den Völkerbund (als politische Karte in unsrer Hand) geglaubt. Und mir sagte er (M.), es hätte aber doch besser und schlechter enden können. An mir gleitet nun fast alles ab. Man kann eben nicht zweimal “erschrecken”.

Warum nicht …[Zeichnung XX]? weil die Punkte des 2ten …[Zeichung ▼] gar nichts andres wollen und sollen als dies eine: den Liniencharakter von …[Zeichnung ▲] verderben. Dazu müssen sie aber ausserhalb der Linien liegen. Denn durch 3 Punkte lässt sich nur dann keine mathematische Linie ziehen, wenn sie – nicht in einer Linie liegen. …[Zeichnung] sind mathematische Punkte (daher die Scheusslichkeit des ersten Teils).Aber GW, GM, MW sind keine mathematischen Linien (daher die Vergnüglichkeit des zweiten Teils). Und des zum Zeichen müssen die Punkte, die ihnen den Namen geben, die Punkte Sch., Off., Erl. ausserhalb von ihnen liegen. Ich meine übrigens, so habe ich es in Schwelle selber schon erklärt. Aber ausserdem: …[Zeichnung XX] würde ja bedeuten, dass Schöpfung und Offenbarung zu ihren “Elementen” anders stünden als Erlösung. Und dafür ist doch gar kein Grund. Oder auch, dass der Mensch näher der Erlösung wäre als der Offenbarung, die Welt näher der Erlösung als der Schöpfung, und nur Gott gleich sehr Schöpfer und Offenbarer. Was doch auch wieder falsch wäre. Die Abstände sind nämlich auch immer sehr wichtig. Und endlich würde …[Zeichung XX] heissen, dass Gott unmittelbar aus seiner Verborgenheit heraus (denn die bezeichnet der Punkt G) schüfe und sich offenbarte, – ohne also Schöpfer und Offenbarer zu sein (es gäbe also Schöpfung und Offenbarung, aber keinen Schöpfer und Offenbarer, nur einen verborgenen Gott – ein Gedanke für idealistische Ordinarien à la Tröltsch). Und weiter (immer noch zu …[Zeichnung XX]) würde dann die Welt unmittelbar, ohne erst wachsen, der Mensa unmittelbar ohne erst lieben zu müssen, erlöst sein. Die Erlösung wäre also beiden schon geschehen, nur die Schöpfung bzw. die Offenbarung müsste ihnen noch kommen (denn die geomtrischen Orte der Kreatürlichkeit – des “Daseins” – und der Geliebtheit …[Zeichnung XX] wären ja noch da). Siehst du aber wie richtig es war, dass ich dies ganze Gerüst abgebrochen habe und dem Leser es nur ganz kurz andeute, wo es gestanden hat? So ist es ja entstanden, aber was haben all dies Um= und Holzwege für ein Interesse. Ich bitte dich auch Hans nichts davon zu sagen; ich glaube er wird überhaupt nichts davon merken, trotz der drei Übergangskapitelchen, wo ja sapienti sat (superque) drin steht.

Beckerath – du hattest sicher recht. Nur wird er nicht anbeissen. Könnte sich das Fräulein Kühn nicht rasch habilitieren? Das ist etwas die Voraussetzung dafür, wenn B. sich für jemanden interessieren soll. So müsste sie schon direkt zu ihm hingehen, und das geht doch auch nicht.

Von Ditha hören ist mir noch Verlegenheit. Ich hatte lange nicht an sie gedacht. Aber es ist mir wohl gesund, an sie zu denken. Jeder kriegt seine eigene Rute gebunden.

Die Frucht des Todes – ich schrieb ja wohl selber, dass es bei dir nicht “Prag” oder “Rilke” oder dergl. ist, weil du ja das “andre” (Schöpfung und Offenbarung) auch glaubst, – was doch die Prager (Rilke ist ja auch aus Prag, fällt mir ein) nicht glauben. So gut wie es bei Lippert (in der Jesuitenpsychologie) oder in der Kabbalah was andres ist als bei den Pragern (aus dem gleichen Grund). Aber der ton faisait la musique. Und der ton war der der Entdeckung. Und so war es übermässig unterstrichen und konnte deshalb verwechselt werden. Und grade weil du es früher (im halbhunderttag etwa – bitte nimm dir doch das Exemplar, das Hans hat; es steht in dem Bücherschrank auf dem Flur, mit) also weil du es früher scharf abgewiesen hättest, deshalb war es jetzt so auffallend. Ausserdem auch weil du überhaupt solchen Wert auf den Aufsatz legst, und man weiss nicht recht warum; so viel steht gar nicht drin. das geht ja meist so, bei Konzeptionsdokumenten; im Gritlianum steht auch herzlich wenig, und doch nahmen wir es alle drei damals übermässig schwer; wir spürten eben, dass es die Vorfrucht zum * war, dessen Abfassung du mir ja dann in deinem Antwortbrief darauf prompt anbefahlest. (Warum ich nicht “Von der Erlösung” schriebe! ich müsse doch meine Begriffe nun auch endlich mal laut werden lassen! Worauf ich protestierte, “noch lange nicht” sagte und – es tat).

Hoffentlich, hoffentlich trifft dich dieser Brief nun wirklich in Heidelberg. Ich habe Sorge um Gritli; es kam so langsam herauf, als ob es lange bleiben wollte.

Was du von Gritli und dem Katholischwerden sagst ist mir lange, sehr lange schon klar. Aber es ist nicht wahr dass es Wahl und Aktivität bei ihr wäre. Dann wäre es schlecht. Dann “dürfte, müsste, würde” sie nicht. Sie darf nur, weil es – ohne Wahl ist und auch gar nichts Wahlartiges bei ihr bedeuten würde. Wählen würde ja heissen: eins besser finden als das andre. Und das wäre heute nur eine Apostasie von der Kirche, der ihr in Wahrheit angehört und die nicht katholisch oder protestantisch ist.

Lieber Eugen, in deinem Brief steht dazu eine Illustration, die Korrektur von “gebe es Gott” in “giebt es Gott”. Die Korrektur ist mir lieber als die ganze “Frucht des Todes” In Wahrheit korrigiert sie überhaupt ihn, ich meine den Aufsatz.

Grüss Hans. Ich vertrage es nicht mehr, wenn jemand ihn “verwirft”. Ich habe zu lange selber diese Sünde begangen.

Dein Franz.

[2.Hälfte Juni 1919 ?]

Lieber Eugen, der Schluss ist schlecht, er müsste ebenso simpel sein wie das übrige und dürfte dem Leser nicht in aller Eile noch schnell dein Apostolicum zumuten (eigentlich dein gewöhnlicher Fehler). Mach es doch ganz aus dem Gedanken des letzten Satzes heraus, und rede dabei nicht viel vom Kreuz.

Im übrigen – Gritli hat recht (sie ist übrigens eine verwöhnte Person geworden) aber du hast auch recht. Und diesen Streit kann nicht ich schlichten (denn ich gebe naturgemäss jedem von Euch beiden recht), sondern hier müssen zwei Leute entscheiden: Riebensam, ob es ihm Spass machen würde, wenn es nächstens rot eingeheftet in den Stuttgarter Läden läge, und irgend ein Stuttgarter Lokalverleger, ob er es auf Anhieb nimmt (Broschüre von 1 Bogen, Preis 91+9 Pf.). Denn ob so etwas gesagt werden muss und so gesagt werden, darüber kann nur an Ort und Stelle entschieden werden. Erst in Stuttgart ist dir dies Zwiegestirn als solches Aufgegangen. Also musst du in Stuttgart darüber reden. Vielleicht übrigens besser reden als schreiben. Es liest sich etwas wie der Entwurf zu einem Vortrag oder genauer: wie ein Referat eines Vortrags, ein sehr gutes Referat.

Aber es würde mich schmerzen, wenn so etwas gedruckt würde – was doch nur eine fulminante Rede aus deinem eignen Munde ist – und die Spenglerkritik wo du Mundstück warst als du schriebst und wo das Schicksal Europas durch dich hindurch Sprache gewann, bliebe ungedruckt. Bring sie unter. Nimmt sie Muth nicht, dann versuchs als Broschüre, es lohnt, die 500 M, die es im Selbstverlag kosten würde, zu riskieren. Dass es jetzt dir schon wieder irgendwie fern gerückt ist, ist ja der Beweis dafür, nicht dagegen. Wärs von dir gemacht, so hättest du Vatergefühle, so ists durch dich geschehen und nun siehst dus verwundert und befremdet an. Aber grade! du bist nur der Nährvater. Giebs heraus.

Den Blüherschen Aufsatz gieb auch Hans, wenn er kommt.

Dein Franz.

Der Entartungsaufsatz muss übrigens heissen:

Müller und Steiner.

Ein Doppelportrait.

22.VI.[19]

Liebes Gritli, wieder so ein Hinterhofsonntag. Aber es ist wenigstens etwas Grün darauf, sogar zwei Gartenzwerge! (warum treten die immer mindestens paarweise auf?) Und du liegst noch. Es ist doch gut, dass ich mir wenigstens das Zimmer genau vorstellen kann, so kann ich dich viel leichter besuchen an deinem Bett sitzen und dir die Hand auf den Kopf legen. Ich war heut oft da. Hast du es gemerkt?

Im übrigen wieder Heringssalat, ich meine kleingeschnittenen Hegel und * durcheinander. Bald beginne ich die beiden Bücher zu verwechseln und weiss nicht mehr welches mir gefällt und welches nicht. Mutter macht wahrhaftig schon den Vorschlag, ich sollte den * “auch” bei Diederichs drucken! das habe ich davon!

Heut Abend wird mir einer meiner frühesten Theaterwünsche erfüllt: Koriolan. Es war das erste Shakespearestück, das ich las. Ich gehe mit Badts Frau hin, Plätze vom Ministerium. Hoffentlich hat sichs nicht bald ausgeministert. Obwohl ich glaube, er hat sich auch so schon unentbehrlich gemacht; er ist ja ein grosser Arbeiter. Ihn davon erzählen zu hören, ist herrlich, schon weil er litterarisch genug ist, auch ein bischen dazuzuschwindeln, damit die Geschichten hübscher werden. Das ist wenigstens ein Eindruck, den man nicht loswird bei ihm; ertappt habe ich ihn eigentlich noch nie.

Kahn und sein Freund kommen erst Mitte Juli. Es ist mir ganz recht, dass sie es verschoben haben. Obwohl der Hegelfleiss ja sofort aufhören wird, ganz selbsttätig (oder vielmehr selbstuntätig), wenn ich negativen Bescheid von Diederichs kriegen sollte.

In Kassel waren Spartakistenkrawalle mit Lebensmittelraub und tapfer zurück-weichender Einwohnerwehr. Ich habe zu telefonieren gesucht, es ging aber nicht.

Frau R. ist nun wohl doch bei dir? trotz Frau D. Ist der

Mann D. denn eigentlich auf die Dauer zu ertragen? Mir gefiel er auch gar nicht recht.

Ich habe Eugen nach Heidelberg geschrieben. Nun ist er ja wieder zurück, wenn er dort war. Er schrieb mir vom August in London. Ich “sehe” mich freilich in London, aber sonst sehe ich gar nichts. Oder vielmehr: ich sehe das Gegenteil von Etwas. Ich bin so gar nicht eroberungssüchtig; ich müsste schon erobert werden – und das liesse ich mir freilich ganz gern gefallen. Antworte mir nicht hierauf, es ist schon zu viel gesagt. Oder antworte auch, wie du willst, ich kann dir doch keine Vorschriften machen. Nur die, dass du überhaupt nicht schreibst, solange es dir noch schwerfällt und dir keinen rechten Spass macht. Und noch die eine: Werde gesund. Und die letzte (und erste und ewige): Liebe mich.

Ich bin dein.

23.VI.[19]

Liebes Gritli, ein wirklicher geschriebener Brief von dir, als ich heut früh, später als sonst, aufstand. Ich komme ja bald, nach dem 2ten, das ist ja besser wie vorher, da kann ich länger bleiben. Wenn nun wirklich Tante Clara auch da ist, wir vertragen uns ja. Sonst kann sie ja erst übernächste Woche kommen. Ich glaube, du bist noch nicht übern Berg, wie der Doktor auch sagte. Ich hatte neulich nur das Gefühl du wärest schmerzfreier, nicht schon wieder gesund. Aber ebenso bestimmt habe ich die ganze Zeit die Gewissheit, dass du nach ein paar Wochen bis Monaten wieder ganz gesund bist. Ich kann keinen Augenblick schwarz sehen. Ich bin mir so sicher, dass ich es ruhig wagen kann, es sogar zu schreiben – vielleicht nicht grade auf jedes Papier, aber auf dieses unser braunes wohl.

Die Eisenbahner sollen nicht streiken, heisst es heute. Heut abend um 6 Sitzung wegen und mit Badt bei Landau, oder eigentlich keine Sitzung, nur Bradt ist noch da. Es giebt keinen sofortigen Coup de mains, andrerseits hatte Landau von Badt, Badt von Landau sehr guten Eindruck; so werde ich ruhig fortgehen können, es wird schon was werden. Schliesslich, wenn für Badt ein spezielles jüdisches Dezernat im Min.d.I. geschaffen würde, könnte er es unter Umständen doch neben der Akad.stelle bekleiden. Seine Wirkung da würde dann ja nur gestärkt, wenn er eine solche amtliche Untermalung hätte. Es hat freilich auch  seine Bedenken.

Ich will fort, um Meinecke nicht wieder zu verfehlen.

Guten Morgen, Liebes. Wir sehn uns bald. Eigentlich doch schon jetzt?

Dein.

23.VI.[19]

Geliebtes, nun ist Eugens Telegramm gekommen, und es ist also so. Und ich kann mir nun noch nichtmal vorstellen wie und wo du liegst; “Hegelplatz” sagt ja sehr wenig, wenns wenigstens “am kleinen Stern” wäre. Und Stuttgart wird bös heiss sein zum Liegen. Von Nohl noch kein Wort, so wird es wohl mit D. nichts geben, und dann bin ich ja gar nicht so mit meiner Zeit gebunden. Il y a encore des chemins de fer en Allemagne (feu Allemagne und auch feu chemains de fer). Wie gut, dass ihr Rs da habt. Gritli ich darf dir doch die Hand streicheln, bleib ganz still liegen.

Ich war also gestern im Koriolan; der erste Rang war ziemlich leer, ich vermute lauter so Minister wie wir (14 giebts glaube ich, also 14×2 = 28 Plätze). In das Stück kam ich erst nicht herein, teils weil die Volksszenen zu schlecht gespielt wurden, teils weil sie auch zu schlecht gedichtet sind; bei Masse versagt Shakesp. ja immer, und teils weil das Aktuelle einen immer wieder aufschreckte. Aber dann kams doch. Es kamen eben ein paar grosse Szenen von Mensch zu Mensch, am stärksten die wo Koriolan zu seinem Feind Aufidius kommt und sich ihm anvertraut; die Szene spielte in einem Vorraum beim brennenden Hausaltarfeuer; man hörte zuerst aus dem Innern her eine Musik von einem Diner. Und dann nachher die Szene mit der Mutter und Frau und Kind. Sie war so erschütternd, weil sie eigentlich undramatisch ist, nämlich innerlich vom ersten Augenblick an zweifellos entschieden; so spielte es wenigstens der Schauspieler (Somerstorf, wir sahen ihn wohl als Saladin? Nathan war doch Krausneck? Eugen wird das wissen.) Jedenfalls er war sehr gut. Sprach auch die grossen Anpöbelungen des Volks prachtvoll (obwohl er mir dabei jetzt eigentlich nur unsympatHisch war, während ich als Junge das Gelbertsche Bild wo er verbannt wird abzeichnete und mit Begeisterung drunter schrieb: Plebejerhunde.. Ich verbanne Euch. Damals war ich eben für die Übermenschen. Das Publikum klatschte auf offener Szene bei allen Stellen, die man auf Ludendorf beziehen konnte, und merkwürdigerweise: dies offne Klatschen war nicht mehr störend, während vorher der stille Zwang, selber an Beziehungen zu denken, mich ganz störte: Nun spielte man eben einfach mit. Diese Lebendigkeit des Theaterpublikums ist ja wohl auch eine gute Revolutionsfrucht. Es ist neulich bei Reinhard noch etwas viel dolleres passiert. Da wurden Stücke von einem jungen Expressionisten, Kokoschka glaube ich, uraufgeführt. Als es fertig war, stand ein Herr im Parkett auf und erklärte es für eine Schande, dass so was aufgeführt würde. Darauf blieb alles sitzen und es gab eine lange Debattte mit Hin= und Widerreden, fast 1/2 Stunde lang!

So, und nun will ich wieder an den Heringssalat. Bis nachher. Ein kleines Gutes. Sei gut.

Dein Franz.

[23.? VI.19]

Lieber Eugen, ich denke ja auch natürlich fortwährend daran wann ich komme. Hätte ich nur Bescheid von Diederichs. Vorhin hatte ich mir ausgerechnet, ich würde von hier am Dienstag nach Kassel fahren, am 2. als an Vaters Geburtstag bei Mutter sein, am Mittwoch oder Donnerstag zu euch; alles übrige – Unterbringung und Tätigkeit – so wie dus gemeint hattest, höchstens dass ich etwas archivhegeln würde. Das letztere, und die Unsicherheit Diederichs’ ist der Grund weshalb ich nicht vor dem 2. komme; ich müsste ja dann spätestens am 1. nach Kassel fahren, also wenn ich hegeln will, schon morgen hier fort oder übermorgen, und bis dahin bin ich nicht so weit, dass ich schon wieder weiss, was im Restaurationskapitel steht oder vielmehr nicht steht. Und von Diederichs hätte ich auch noch keinen Bescheid, wahrscheinlich. Ich will jetzt Nohl schreiben, damit er mir antwortet, wie die Aussicht ist; ich werde ihm schreiben – Gritli wäre krank und ich müsste es wissen. Antwort kann ich natürlich frühestens Donnerstag haben, wenn sich mein Brief nicht mit einem von Jena kreuzt. Komme ich nach dem 2ten, so bin ich zum 6. noch da, ich habe etwas Sehr Schönes für dich, in 3 Bänden, (nämlich “soweit erschienen”); du wirst es nicht erraten, es liegt jetzt dauernd bei mir auf dem Tisch. Übrigens das katholische Sederlein habe ich hier und brings dir nun wieder; ich habe es verbummelt.

An das Sabbatjahr und das Jubeljahr als die grösseren Zyklen (den 7 und den 50 jährigen) habe ich doch natürlich gedacht, aber es fehlt ihnen eben die Natürlichkeit. Sie sind bloss menschgesetzt. Die Planetenjahre sind für den Menschen nicht da! Ich weiss auch nicht: was hat das denn zu tun mit der Frage: Sonntag oder Werktag? Und Rudi bleibt doch so genau im Kirchenjahr wie nur möglich. Die “tiefe Wahrheit, dass die Schöpfung vom Sonntag, vom ersten Tag der Woche (es ist ja der erste nicht der siebente) her neu erbaut werden muss” ist doch kein “erst jetzt”, sondern ist das Christentum, das ganze Christentum. Wenigstens habe ich sie so in III 2 vorgebracht, weisst du das nicht mehr? es ist eine alte Fixidee von mir.

Dass du als Zeitrechner auch die grösseren Zyklen brauchst, ändert nichts dran, dass sie nicht natürlich sind. Sie sind eben – (wenn sie sind) geschichtlich. Da sieht man eben, dass der Unterschied von Natur und Geschichte doch seinen guten Grund hat; er meint ja eben nur den Unterschied von Schöpfung und Offenbarung.

Für die Becherrede hast du recht, hier nehme ich das technische Versagen selber für symbolisch. Aber das technische Gelingen des Kassler Vortrags nicht. Der war auch klug, auch taktvoll, und höchstens darin echt, dass ich das Kassler Publikum wirklich umwarb, bei Putzi und Eva aber nur so tat als ob.

Aber nimm mirs nicht übel, das ist mir alles im Augenblick egal. Und dir ja auch.

Dein Franz.

23.VI.[19]

Liebes nach dem Telegramm kam auch noch der Brief, von Sonnabend. Bitte schreib mir alles nur an die Zimmerdecke, ich lese jedes Wort. Oder besser noch, lass alles Schreiben und Denken und spüre nur wie meine Hände um dich sind, immer wenn Eugens müde werden. Liebstes, denk wenn die Schmerzen kommen dass ich dich lieb habe. Liebes Herz –

Dein

24.VI.[19]

Liebes, ich bin ganz früh aufgewacht, so aufregend war gestern der Nachmittag. Erst lag da ein Brief von Hans, worin er mir beizubringen sucht, ich müste den * im Christlichen Verlag – oder wie soll er heissen? – erscheinen lassen. Halt, nein, der Brief lag erst Nachts da, als ich zurückkam. Und ich muss es ihm gar ernsthaft beantworten, wahrscheinlich sogar mit “Gründen”. Es ist das 1000 M = Projekt, von dem du neulich auch schriebst. Die Naivität ist komisch, aber ich muss doch ernsthaft denken, ob es nicht richtiger ist, ihn zu sekretieren, wie ich anfangs wollte; es war doch ein richtiges Gefühl, dass ich mich vor solchen Missverständnissen (und Erschwerungen des Lebens, bzw. natürlich Verbequemlichung, denn was ist bequemer, als “der geistreiche Schriftsteller F.R.” zu sein) schützen müsste. Wenn es schon jetzt angeht, und bei Leuten die mich kennen, wie soll das später werden. Also aber nun vor allem: Um 5 Sitzung bei Landau; das schöne Haus am Pariser Platz (das ehemals Meyerbeersche). Täubler war nicht da, nur Landau, Brasch (der “Syndikus”, dieser unglückliche ehemalige Leutnant, sehr anständig, sehr langweilig, ganz unwerbekräftig, Bradts Neffe, ich hatte von Anfang an gegen ihn protestiert, er war damals aus Billigkeitsgründen statt des von Schocken vorgeschlagenen H.Badt genommen, nach und nach haben Landau und Täubler den Missgriff eingesehn), ich, und 2 junge Kaufleute Goldschmidt und der sehr feine Typus Pariser (mit dem Täubler mich zwecks so einer Art jüdischen Privatunterrichts zusammenbringen wollte). Und die beiden Kaufleute regten nun (ohne es zu wissen) das alte Schockensche damals von Bradts Kleinleutigkeit zu Fall gebrachte Projekt wieder an: Büro von 30000 M jährlich mit einem ständigen hauptamtlichen “Sekretär” als Leiter (1000 M Anfangsgehalt) und vertraten es sehr energisch, stellten auch das Geld für das erste Jahr sofort als “Garantiefonds” zur Verfügung; dann würde es sich schon gezeigt haben, ob es sich rentiere, in solchem Umfang zu arbeiten. Da griff ich ein und schmiss Brasch, in seiner Anwesenheit, aus dem Amt heraus! Es war sehr lustig, aber auch sehr aufregend. Ich schlug gleich H.Badt vor, mit dem und mit Täubler ich heute sprechen will. Ich will durchsetzen, dass Badt (mit zunächst 2 Typfräuleins und 4 Bürozimmern) die ganze Werbe= und übrige Büroarbeit übernimmt und dass er sich bereit findet, sich wirschaftlich unmittelbar von dem Wachstum der Einkünfte abhängig machen zu lassen, so dass sein Einkommen bei 10 Millionen auf 50-60000 M gestiegen sein würde. Das wird schwer halten, nach beiden Seiten, es durchzusetzen. Aber ich halte es für die einzige Möglichkeit, dass die Sache nicht klein und kleinlich wird. Brasch sind Hoffnungen weggeschwommen, er wird um seinen Posten kömpfen. Er tut mir leid, er ist ein anständiger Kerl, aber brauchbar nur für etwas Fertiges, nicht für etwas was erst werden muss. Es war aber mal wieder so: die einzigen mit denen ich glatt zusammenkomme, sind die Kaufleute. Es sind wirklich meine “Naturwissenschaftler” (d.h. bei mir ist es eine Erfahrung, Eugens “Naturwissenschaftler” sind ja eine blosse Idee). Das technisch Neue an der Sache war der Gedanke des Garantiefonds, der grade hier, wo es sich um eine werbende Anlage handelt, absolut am Platze ist (während ich wissenschaftlicheUntersuchungen nicht darauf bauen möchte, weil die ja nichts einbringen). – Vater wäre gestern mit mir zufrieden gewesen, und ich musste viel an ihn denken (nur hätte er mir immer leise gesagt: ruhiger! Ich war nämlich scheusslich scharf und tyrannisch!). Bradt war nachher ganz niedergeschlagen. Der Kampf mit ihm beginnt erst. Ich werde heute früh Badts vorläufiges Einverständnis holen, Mittags mit Täubler sprechen, nachmittags vielleicht nochmal mit Landau, damit der bei der Stange bleibt, er ist ja herrlich, aber auch schon ein bischen senil. Seine Frau lernte ich auch gestern kennen, klein, sehr dick, aber proper. Ganz nett, aber mit ihm nicht zu vergleichen. Die Wohnung ist sehr vornehm altmodisch (ob echt oder archaistisch weiss ich nicht) eingerichtet. Nun merkst du ja: Badt tritt an die Stelle, die (nicht als tagausfüllende, sondern als 2 Stundenstelle) ich haben sollte. Das giebt mir auch die Kraft, die Sache zu betreiben. Es ist wirklich wahr, in dem Büro muss den ganzen Tag einer sitzen. Man muss “die Akademie” besuchen können, wenn man von auswärts kommt. Meine Stellung wird sich schon finden. Erscheint der Hegel, so kann ich ja auch, besonders da Cassierer zwar im Vorstand bleibt, aber doch nach Hamburg geht, in den Vorstand gehn und die “Philos. Sektion” übernehmen (der Mendelssohnplan, von dem ich dir schrieb). Mit Badt würde ich gut zusammenarbeiten können; so etwas ist doch auch sehr wichtig. Schliesslich ist ja alles noch im Fluss. Um Mittag werde ich schon klüger sein.

Bis dahin leb wohl, Liebste.

Franz.

Liebe ich lese eben in der Zeitung Brockdorfs Abschiedsgesuch. Er ist ja der Einzige, der spricht wie ein Mensch -, und grade er ist von Berufswegen “Diplomat”. Eberts Antwort dann wieder ganz konstitutionell = monarchisch = verblödet.

Von Diederichs noch immer nichts.

[24.? VI.19]

Lieber Eugen, ich komme wohl sicher nächste Woche. Was mich einzig hindern könnte, wäre die Sache Badt, die ev. meine Anwesenheit hier erforderlich machen wird, falls es mir nicht gelingt, sie entweder vorher zu erledigen (unwahrscheinlich) oder sie auf 8 Tage zu vertagen. –  Scapa Flow ist freilich das erste Ereignis seit dem Verrat am Kaiser. Dazwischen war nur Gespenstertanz, und dass die Leute das alles für ernst genommen haben (Wahlen, Nationalversammlung, Putsche, Strassenkämpfe, Versailles) beweist nur, dass sie selber Gespenster sind.

Meine Sternerklärung neulich war auch nur zu verstehn, wenn du sie partout verstehen wolltest. “Schwelle” ist nicht der Prozess des Gusses, sondern – eine methodologische Rechtfertigung. Der Geist, den ich gesehen kann ein Teufel sein. Hier wird nun der Geist, nämlich das Bild *, “genauer geprüft”, ganz einfach gefragt: ist es denn nicht vielleicht glatter Nonsense? Warum grade *? warum nicht …[Zeichnung]? oder …[Zeichnung]? oder …[Zeichnung]? oder sonst was. Zu dem Zweck reflektiere ich auf den verschiedenen Charakter der Punkte von …[Zeichnung] und der Punkte von …[Zeichnung]. Nur …[Zeichnung] sind Punkte. …[Zeichnung] sind keine Punkte, sondern kurzschriftliche Zeichen für Linien, nämlich für …[Zeichnung]. Jede dieser drei Linien wird durch einen ihr zugeordneten Punkt bezeichnet, z.B. …[Zeichnung]. Diese drei Punkte geben dann zusammen wieder ein Dreieck – wenn man will. Man könnte es auch unausgezogen lassen, so wie ichs seinerzeit im Rudibrief ja tat, wo nur die Punkte …[Zeichnung] und die Linien …[Zeichnung] da waren. Will man aber das Ganze auf Punkte bringen, dann allerdings giebt es nur ein Bild: …[Zeichnung]

Interesse hat das aber alles nicht, und ins Buch gehört nur, was interessiert. Übrigens gilt alles was für Schwelle gilt auch für Übergang und Tor. – Und das Wort “Schwelle” bezieht sich nicht auf den Inhalt des Kapitels sondern auf seine Stellung im Buch; es ist nur Ortsangabe (Länge und Breite am *himmel), nicht Ergebnis etwa der Spektralanalyse.

Was ich zu einem Buch “Die chr. Volksordnung” sage? Ja.

Dein Franz.

24.VI.[19]

Liebes Gritli, eben Eugens Brief vom Sonntag. Inzwischen ist, wie du an dem Umschlag siehst, schon die Erfindung gemacht für dich und deine ungeschriebenen Briefe. Was sagst du dazu? (Sags aber nur als “Sprachbrief”). Wie dann man aber eine “schlechte Schrift” haben und eine “schöne Stimme”? Was sind schön und hässlich für dumme Worte. Es sollte nur heissen: geliebt und ungeliebt. Geliebtes, ganz und gar, mit Schrift und Stimme und allem was zu dir gehört -.

Das wird schwer halten mit Badt und wird mir fürchte ich in den nächsten Tagen viel Zeit kosten. Heut er selbst und Täubler. Täubler war sehr schwierig, sprach immer zwischen hinein von andern Dingen. Ich habe seinen Hauptschüler gesehen; er sieht nicht sehr grossartig aus. Der Tag ist mir so ziemlich draufgegangen. Badt wird dadurch aus einer aussichtsvollen Carriere herausgerissen. Dass er aber der Richtige ist, ist mir fast unzweifelhaft.

Mutter ist nach Lauenförde, zu Frau Löwenherz.

Nebenan bei Simonsohns, wo offenbar eins Geburtstag hat, ist doller politischer Lärm. Alles spricht von “den Deutschen” in der dritten Person. Ich will noch etwas an III 2 zu korrigieren anfangen.  Guten Abend – ist denn der Abend jetzt manchmal wirklich etwas gut? Aber sonst kann man ihn doch wünschen[doopellt unterstr.]. Jetzt gehts doch per Wir drüben. “Hassen müssen wir lernen.” Es mag ja wahr sein. Aber ich lese die Zeitungen schon beinahe unbewegt. Der Vorwärts hat heut gut und stolz geschrieben.

Also schlaf ein bischen gut.

Bis morgen

Dein Franz.

25.VI.[19]

Liebes Gritli, wie immer, wenn man schreibt; heute Morgen war Antwort von Diederichs da. Ablehnung. Ausdrücklich: trotz Nohl. Aber “Papiernot”! Ich war Optimist genug, dass ich jetzt traurig bin. Es wäre so hübsch gewesen. Ich war so flott am Fertigmachen. Nun wirds der eklige Winter. Ab mit Schaden! Immerhin fühle ich mich verpflichtet, hier noch einen letzten Versuch zu machen, bei der V.W.V. (Vereinigung wissenschaflicher Verleger). Ich will nicht so schlapp sein, es zu lassen; ich möchte es schon. Überhaupt bin ich unlustig. Aber es hat ja auch sein Gutes, nun komme ich ja ganz sicher, ich denke, gleich nach dem 2ten, nachdem ich bei Mutter gewesen bin. (Von Prager hatte ich eben einen Brief. Mutter ist bei ihm gewesen, hat ihm etwas vorerzählt und ihn dann einen Brief an mich schreiben lassen, Sanatorium wäre ganz verfehlt, sie dürfe nur dahin gehen na wohin sie eben gegangen ist. Offenbar hat sie gedacht, dass “er auf Prager doch was giebt”!) So wirds also die zweite Hälfte der nächsten Woche. Und nun werde ich überhaupt wieder Zeit haben, danach. Aber eigentlich ists mir gar nicht recht.  Ich will sehen, dass ich nicht bloss noch ein Stück Hegel, sondern auch III 2 vorher fertigstelle. Auf die Bibliothek bin ich dabei schon tagelang gar nicht mehr gekommen! Ich muss auch noch zu Landau heute, wegen Badt. Zuletzt wirds nichts und bleibt doch auf mir hängen.

Da hast du ein richtiges wehmütiges Geschreib, ich glaube das möchtest du gar nicht gesprochen hören, mit Sprechdraht – zu komisch!  Aber ich habe seit gestern und heute sogar stark das Gefühl, du hättest weniger Schmerzen. Ist das wohl wahr?

Bis später.

Dein Franz.

25.VI.[19]

Liebes Gritli, etwas erholt hab ich mich schon wieder von dem Diederichschreck. Zum Teil auf meine Weise: nämlich indem ich in meinem Brief an Nohl heut nochmal eine kleine Angel auswarf, nämlich ihm den Zuschuss von 50 M/Bogen, den ich Winter ja zahlen werde, anbot. Es wird zwar nichts helfen, aber ich habe doch wieder so ein bischen zu hoffen. Diederichs wäre ja 1000 mal netter wie der grässliche Winter. Ausserdem aber habe ich auch an diesen grässlichen geschrieben. Denn vom Halse schaffen muss ichs mir nun auf jeden Fall. Heut Abend gehe ich zu Landau, wegen Badt; ich habe auch zur Abwechslung mal wieder einen “Aufruf” für die Akademie gemacht, um den mich Landau gebeten hatte, scheusslich schwungvoll, – um meine Unentbehrlichkeit zu zeigen; so hoffe ich wird mein Wort für Badt mehr Gewicht haben. Übrigens ist diese Sache hoffnugslos verkutzelt schon durch die Unauseinanderhaltbar-keit der drei Namen Bradt, Badt, Brasch. Wenn man gar müde ist (wie ich, ich schlafe jetzt immer wenig, ich weiss nicht woran es liegt). Und du?? heut war keine Nachricht da, also ich habe so das kurios sichre Gefühl, es ginge dir besser. Ich bin so froh, dass ich in 8 oder 9 Tagen bei dir sitzen werde. Du brauchst nicht zu denken, ich ginge viel ins Archiv; so 2-3 Stunden am Tag, mehr sicher nicht. Ich habe sogar Mündel geschrieben, er soll die letzten Stücke an euch schicken; dann kann ich sie noch da unten korrigieren vielleicht und würde dann “daraufhin” noch ein bischen länger bleiben, wenn das Drucken nicht drängt, – und woher sollte es jetzt drängen.

Ich habe ein merkwürdiges Buch gelesen, den neuesten Emil Strauss. Verfehlt im Ganzen, sehr schön im Einzelnen, und stofflich so dass ichs euch bringen muss. Magst du aber denn lesen? Ich glaube nicht, ich glaube, du liegst ganz müde da und bewegst dich nicht. Das sollst du auch nicht. Ich komme bald zu dir. Weisst du wie lieb ich dich habe? Ja? Schade, ich weiss es nicht.

Ich bin dein.

  1. und 26.VI.[19]

Guten Abend, das war ein netter Abend bei Landau. Er kam aus der medizin. Gesellschaft, es war schon 1/2 10, anfangs war noch das kleine Elefantenweibchen dabei, dann war ich mit ihm allein und sehr d’accord in allen schwebenden Fragen. Ich glaube, ich kriege Badt durch. Landau ist von vornherein dafür. Bradt macht vielleicht schon bloss noch ein Rückzugsgefecht. Und mit Badt wird glaube ich aus dem Ganzen was werden. Es gehört eben ein gewisses Quantum persönliches Harmonieren dazu, wenn man zusammen arbeiten will. Auch den Mendelssohnplan besprach ich mit Landau; er ist grossenteils von ihm, auch die gute Idee “durch Harnack”. Von Täubler ist nur (natürlich!) der Punkt, dass es eine Mendelssohnausgabe sein muss. Ich sehe schon, dass ich das wirklich machen werde, als Oberleitung. Eine Denkschrift für Harnack darüber, zur Weitergabe an Mendelssohns, habe ich ihm schon versprochen. Das kann natürlich nicht aus dem Ärmel geschüttelt werden; ich brauche mindestens 14 Tage, wenn nicht 4 Wochen, um “Mendelssohnkenner” zu werden. (Meine “Schellingkennerschaft” seinerzeit hat mich 4 Wochen gekostet, bis sie da war). Aber es ist 12. Gute Nacht.  Aberwirklich gute Nacht, bitte –

26.IV.[=VI.19]

Und schon wieder guten Morgen. Es ist schön draussen, sicher bei dir auch. Weniger vom Himmel als ich in meinem Hof kannst du von deinem Bett aus sicher auch nicht sehen. Sieh, es genügt, wenn nur das Wenige schön ist. Ob heut ein Wort von Eugen kommt? Die erste und zweite Post wart ich auf jeden Fall ab. Die Zeit gehört dann dem Mündelschen *. – Der Anrufr gestern war übrigens, wenn ichs nachher überlege, richtige Privatsekretärsarbeit. Landau hatte neulich bei der Sitzung aus dem Handgelenk ein paar Punkte genannt, die “hinein müssten”; die hatte ich mir notiert und gestern einfach als Disposition benutzt. Eigentlich ist es ja nichts andres, als wenn ich für Rudi Verlegerbriefe dichte. Für die Akademie schreibe ich auch wie für einen andern, wenn auch für einen Freund.

Eugens Karte vom 24. – Gritli du sollst doch nicht schreiben, ich brauche gar keine “Geduld”, ich wäre jetzt einfach böse, wenn ich deine Handschrift sähe. Und dann, ich komme ja bald, heut ists nur noch eine Woche. Und dann lege ich meine Hände auf dein Gesicht. Liebes, armes

Dein.

26.VI.[19]

Liebes, ich schreibe dir in einem kleinen Sitzungszimmer, der Unabhängige Cohn, den oder dessen Frau du ja aus Eugens Unabhängiger Zeit kennst, spricht grade. Ich bin da, um Badt mit Landau bekannt zu machen. Es ist noch nichtmal ganz uninteressant. Meinecke habe ich heut Mitttag verfehlt, so bleibt das für morgen.

Erst heut habe ich den Weismantelschen Aufsatz gelesen. Die Einführung Eugens darin hat mich völlig überrascht und ganz unabhängig von dem Wie sehr gefreut. Denn es ist doch das erste Mal, dass ausserhalb des Hochlands oder nein dass überhaupt Eugen einmal als Grossmacht behandelt wird. Zwar nur in einem Winkelblättchen, aber doch überhaupt.

Weismantel hat mir wieder nicht unbedingt gefallen. Er hat, trotzdem er parteimässig zu uns gehört, doch etwas Philipssches. Ob übrigens wohl Eugen sich richtig verstanden fühlt? Ich hoffe nicht ganz. Wo würden  bei dem Baumgleichnis, das Weismantel macht, die Heiden bleiben? Oder anders: Weismantel stellt ihn zusehr auf die Erhaltung und zeigt nicht, welche eigene Rolle bei ihm die Erneuerung spielt. Ich bin aber überhaupt froh, dass Eugen mal so fortissimo proklamiert wird. Der Soziologe ist übrigens eine komische Etikette.

Ich fürchte, es wird nichts mit der Reise, es giebt Streik. Sonnabend soll er ausbrechen.

Ich kann dir nicht schreiben, in diesem Durcheinander an diesem grünen Tisch. Bis morgen. Schlaf gut. Ich wollte, ich schliefe auch schon.

Dein Franz.

27.VI.[19]

Liebstes Gretl (auch anders lesbar!)

also die Besserung hält schon den dritten Tag an –  – du wirst doch nicht etwa schon gesund sein wollen bis ich komme, warte nur! ich will doch p=flegen. Ich bin immer noch so froh über deinen Brief von heut morgen. Dabei ist er so mit einer andern Handschrift geschrieben, eben vom Bett aus; manche Worte sehen fast aus wie von Eugen (trotz Hansens andrer Verwechslung). Noske hat den Streik verboten, so were ich ja sicher am Dienstag hier fortkönnen. Gebt mir dann nach Kassel Nachricht, ich bin noch Mittwoch da und vielleicht, wenn Mutter zu unzufrieden ist, auch noch Donnerstag. Länger als eine Woche wird “Tante Clara” wohl nicht da sein? Ich werde sie wohl grad noch treffen. Den * Schluss von Mündel habe ich mir schon nach Stuttgart bestellt! Mit III 2 werde ich noch vor meiner Abreise fertig; es gefällt mir übrigens grade besonders gut. Die Änderung des Tons gegenüber II in III zum Monumentalen und doch Ungenierten (durch die ganze Skala vom Zarten bis zum Derben) ist ja grade richtig. III ist eben beschreibend. Nicht analysierend wie I, und nicht erlebend wie II, sondern malend – eben “Gestalt”. Die drei Worte Elemente, Bahn, Gestalt waren eben richtig, das sehe ich jetzt grade an den drei Stylen, die durch sie erzwungen worden sind. Es ist doch ein dolles Buch.

Heut Nachmittag musste ich denken, wie nun durch die Akademie, und insbesondere wenn ich Badt hineinkriege (der freilich nur etwa 3 Jahre noch hierbleiben möchte; dann wenn Wolf {= Franz} auf die Schule kommt, möchte er hinüber), also wie mein Leben dann doch am Wissenschaftlichen ankrystallisieren wird. Die Mendelssohnausgabe ist eben eine glänzende Idee. Und mein Anteil daran, den ich mir schon jetzt vornehme, der “Jerusalem” = Band, kann sehr schön werden, so ein Spezimen des “solchen Herausgebers”. Es giebt ja nicht viele, die so die beiden Seiten des Buchs gleichmässig erleuchten können, die naturrechtliche der ersten Hälfte, die religionsphilosophischjüdische der zweiten. Und auch die merkwürdige sprachgeschicht-liche der Bibelübersetzungsausgabe ist ja ein gefundenes Fressen für mich, wo ich immer wusste, dass ich grade auf dem Gebiet nochmal “fachwissenschaftlich” arbeiten würde. Obwohl ich da wohl nicht selber edieren, sondern bloss “anregen” werde. Im August oder September will ich mal eine Denkschrift über den ganzen Plan machen. – Und der andre wissenschaftliche Adler, den ich weder mir noch der Akademie schenken werde, ist der grosse Cohen = Essay, seis für das “Korrespondenzblatt”, seis für eine eigene “Abhandlung”. Alles andre muss sich dann von selbst geben. Das Praktische allein würde mich in kurzem auffressen, wenigstens so wie es hier in Berlin ausartet, als ein stundenlanger Kampf um Telefonverbindungen. Die letzten Tage war ich manchmal einfach am Ende; ich weiss nicht wie das die Menschen hier aushalten, – aber sie halten es ja auch nicht aus.

Eigentlich bin ich in diesen Berliner Wochen toll herumgeworfen. Ich erlebe so in kleinen Dosen die Vorschmäcke meiner Zukunft. Auch gestern Abend der grüne Tisch war eine Erfahrung. Ein Leben, das in so Sitzungskram aufginge – entsetzlich. Ich begreife nicht, wie das Vater gerngehabt hat. Denn schliesslich ists ja überall so, mit entsetzlich viel Gerede und mit furchtbar wenig Inhalt. Und doch muss es wohl sein. Für Badt wars freilich gar keine übele Einführung. Überhaupt waren auch sonst ein paar Jüngere da, die sich gut aufführten. Und dazu der wirklich feine, kluge und ruhige (er soll aber im richtig Politischen nicht so ruhig sein wie hier wo er sich neu und etwas dilettantisch fühlt), Cohn. Du schriebst damals (über ihn und Haase): so gute Leute, die machen nie Revolution. – Na ja!

An den Hegel bin ich seit Montag nicht mehr gekommen. Leise ziehen natürlich in das Vacuum schon wieder die Judaica ein. Ich habe zwei lateinische Übersetzungen von Jesajaskommentaren da, in denen sich bequem lesen lässt. Wieviel Jahre mag es noch dauern, bis ich solche Eselsbrücken entbehren kann!

Heut Morgen nun schon wieder zwei Abwehrbriefe an die Gemeinschaft der christlichen Szientisten. (Du gehörst ja auch dazu). Ich kann ja nicht anders. Wie könnt ihr plötzlich den Namen [gestr. plötzlich] so als quantité negligeable behandeln! “Name ist nicht Schall und Rauch”. Vielleicht müsstet ihr mal den Kassler Vortrag vom Februar lesen, damit ihr einmal deutlich fühlt, dass wir nicht als visibile Verlagsgemeinschaft auftreten könnten (obwohl darin nichts steht, was nicht auch im * stehen könnte oder steht).

Bist du denn so wohl, dass du so einen langen und gescheiten Brief lesen kannst? ? Aber wenn ich komme und du solltest wirklich schon wieder ganz gescheit sein, dann stell dich doch bitte noch ein bischen dumm. Ich möchte so gern nichts tun als still bei dir sitzen, die Hand auf deiner Stirn.

Liebes liebes Herz – sei still und hab mich lieb.

27.VI.[19]

“Nee mein Lieber”,

so wird es nichts. Auf die Weise erreichst du nur, dass ich den *überhaupt nicht drucke. Ich hatte eben doch recht damit, dass er mich zum Litteraten macht. Wenn selbst du – bei Hans wunderts mich ja weniger – mich daraufhin als einen behandeltst! Der 23.Juni bedeutet mir gar nichts. Mögen Katholiken, Heiden, Protestanten bei der Gelegenheit in den Käfig Deutschland gesperrt sein (wann waren sies nicht?), wir Juden sind es nicht. Beweis: der nächste Pogrom, bei dem Kath. Heid. Prot. in schönster Eintracht sich auf ihren jüdischen Mitgefangenen stürzen werden. An die Wiederauferstehung glauben “selbst wir Juden” schon einige Jahrtausende länger als die Christen, aber an die Wiederauferstehung Deutschlands glaube ich genau so wenig – wie du. Vielleicht sogar noch ein bischen mehr. Denn ich sage ja; es kann wiederauferstehen, und du leugnest sogar dieses Kannsein. Aber mein  Kann bedeutet ja auch herzlich wenig, denn ein “wiederauferstandenes” Deutschland fährt deswegen auch noch nicht gen Himmel. Das sind alles höchst irdische Angelegenheiten. So billig wie die Blühers u.s.w. möchten, ist die “Verjudung” für ein Volk nicht zu haben. Die Deutschen sollen erst einmal versuchen, Christen zu werden.+) Dann wollen wir uns wiedersprechen.

Was ist eine “Sparte”? ich kenne das Wort nicht.

Euer “trotzdem” kann ich mir nicht leisten, hoffentlich wenigstens. Denn es ist nur der Beweis dafür, dass ihr alle noch ein bloss papierernes Christentum habt. Denn sonst dürfte auch das Papier nicht trotzdem sein. Es ist ja aber auch gar nicht so. Sondern es ist eben einfach ein Christlicher Verlag und weiter nichts. Und da gehört ein jüdisches Buch, ein Buch worin das Christentum von oben betrachtet wird, ein Buch worin das Christentum ein “Wahn” genannt wird, nicht hinein. Der II.Teil könnte dort eventuell abgedruckt werden, als ein interessanter Versuch, das Gemeinsame vom Boden des Judentums aus darzustellen; der dritte unmöglich. Denn innerhalb des Judentums bedeutet er bloss eine Kühnheit, für den Christen aber eine Blasphemie.

Wolfenbüttel wäre ein böser Witz. Ich hänge weder mit Hans noch mit Rudi über Wolfenbüttel zusammen, mit dir nun schon gar nicht.

Die Konstruktion deines Schlusssatzes geht dir so leicht von der Feder “Du bist hier, bei uns. Ausserdem bist du bei den Juden”. Gewiss, so ist es. Aber ich bin verloren, wenn es so bleibt. Such is life. Und der * ist eine einzige Lüge, wenn es so bleibt. Aber das wäre ja schnuppe. Geschriebenes (γεγραμμένον, nicht γραφόμενον) wird ja ohnehin zur Lüge oder ist es schon geworden. Aber dass ich verloren sein sollte das ist mir noch kein so in Gemütsruhe festgestelltes “Ohnehin”.

Nein, auch Gritlis Stille hilft dir in diesem Fall gar nichts zum Sichtbarwerden. Denn ich sehe in diesem Fall auch ihren eignen Grund, weshalb ihr eigentlich auch nur das Mindeste an der Veröffentlichung dieses Buchs liegen kann, nicht mit Augen. Sie hat ihn mir geschrieben, aber ich sehe ihn einfach nicht.

Also wenn du mir hiermit “auf die Bude steigen” willst, so wundre dich nicht, wenn ich mich verleugnen lasse. “Mitarbeiter des Verlags für christliches Denken” lasse ich mir nicht auf meine Visitenkarte drucken. Am liebsten würde ich à la Weidemann “Schluss” machen, z.B. euch anbieten mich unter strenger Anonymität geldlich zu beteiligen!!!

Schade um den *; es ist ein hübsches Buch. Aber offenbar zu “hübsch”, so dass man nicht mehr recht achtet auf das was drin steht –

Dein Franz.

+) in extremis – es ist also jetzt grade der richtige Augenblick dazu.

Lieber Eugen, noch etwas: Ihr hattet recht, als ihr meinen Gedanken, den * nicht zu veröffentlichen bekämpftet, weil das ein Lenkenwollen bedeutet hätte; denn er ist ja einmal da. Etwas ganz andres aber ists doch, ob ich ihm nun durch Veröffentlichung in irreführendem Rahmen selber nun gradezu den Weg versperre. das ist doch auch ein Lenkenwollen, nur diesmal nicht von mir, sondern von euch. Es mag ja sein, dass das Buch eines Juden auf Christen wirkt, aber dann müssen doch die Christen schon so gut sein und hingehen und sich es holen da wo es entstanden ist, eben “beim Juden”. Und dürfen nicht erwarten, dass es der Jude ihnen bringt. Übrigens aber – doch das schrieb ich schon, dass du übersiehst, washalb es auf Christen ganz anders wirkt als du jetzt aus Kenntnis meiner Person meinst. Ich verbiete ja die Übersetzung ins Lateinische nicht. Aber veranlassenwerde ich doch nur die Übersetzung ins Hebräische.

[Folgender Satz am Rand angestrichen:] Noch etwas: die Juden müssen mir mehr werden, als dir die Katholiken, Rudi die Protestanten, Hans die Heiden –bis jetzt sind. Unsre Lage ist gar nicht so verschieden (Hans ist am weitesten – schliesslich ist er ja auch ein paar Jahre älter, sogar älter als Rudi). Aber da darfst du mir doch nichts zumuten, was mir den Weiterweg gradezu versperren würde, eine Tat die ganz unnatürlich wäre. Denn gewiss habe ich euch alle plagiert. Aber die Kraft es zu tun habe ich doch nicht von euch. Dass ihr meine ersten Leser seid, sagt noch weniger. Denn ich bin auch für euch oft genug erster Leser gewesen und trotzdem würde ich eure Bücher nicht in den “Abhandlungen der Ak. f. d. W. d. Jud.” veröffentlichen wollen. Das Publikum aber würde weder wissen was es von euch noch was es von mir halten sollte. Denk an Picht! er ist wirklich der sichere Barometer für die Unmöglichkeit so eines Vorschlags.

Aber nun wirklich “SCHLUSS”.

Franz.

28.VI.[19]

Und guten Morgen! ich habe grade wieder meine Reflexmorgensonne aus einem gegenüberliegenden 4terStockFenster im Zimmer, die mich in den ersten Tagen immer weckte, bis ich anfing, “Massnahmen dagegen zu treffen”. Also das war ein heisser Kampf gestern Abend. Bradt wie eine Löwin für ihr Junges (welches aber in diesem Fall ein Eselein war) für seinen Neffen Brasch. Nur etwas heimtückischer und schläuer als eine Löwin. Er hat mir wenig gefallen gestern. Um so besser Landau. Aber Bradt wird Stein auf Stein in den Weg wälzen; ich habe gestern schon seinen Kriegsplan entziffern können, werde heut noch allein zu Landau gehen und mit ihm sprechen. Dabei habe ich gestern mal einen Einblick bekommen, wie komplett hausierermässig die Korrespondenz durch Bradt geführt wird, ich sah ein paar Briefe von ihm; um all das sich auch nur zu kümmern, war Brasch viel zu interessenlos; so blieb es alles auf Bradt hängen und der machte es auf posensch. Ich glaube, er hat eine Menge Leute durch seine Besuche gradezu verdorben. Tietz (!!) hat 10000 M gegeben – ein Trinkgeld! Er  dankt ihm “für diehochherzige Gabe, durch die er sein Interesse für das epochale Unternehmenbestätigt” habe. Aber ärgerlich war mir gestern die Hinterlist, die er dabei entwickelte, und doch so plump, und so giftig.

Eben sehe ich in der Zeitung Beilegung des Eisenbahnerstreiks. Na also. Und die Post bringt Antwort von Nohl, auch schon auf meinen letzten Vorschlag, negativ. Und von dir eine Eugenkarte, auf die ich ihm wieder selber antworten muss. Er zwingt mich jetzt zu dauernden Verteidigungen. Schwer sind sie freilich nicht. Er ficht mit ungestählten Klingen.

Dein Franz.

28.VI.[19]

Liebes, wie mir jetzt die Tage weglaufen, sie sind herum, ehe sie angefangen haben. Dies giebt nur ein ganz kurzes Guten Abend. Aber bald bin ich ja in St. Ich bin auch einfach froh, von Berlin wegzukommen. Berlin wächst mir über den Kopf. Dabei hat mich Landau, den ich heut vormittag aufsuchte, energisch beschwichtigt, er würde es schon machen. Ich glaube es zwar nicht; man wird ihn schon machen. Immerhin, ich habe hier nichts mehr zu tun. Die Vorstandssitzung, in der sich Badts nebenamtliche Anstellung entscheidet, ist erst in 14 Tagen. Das, oder vielmehr etwas vorher, ist dann auch der Termin, bis wann ich auf jeden Fall wieder hier sein muss.  Heut war Louis Oppenheim hier, das hat mir auch einen Teil des Tages genommen. Überhaupt lebe ich ja hier jede Woche in einem andern Styl, diese also in der Vielgeschäftigkeit.

Hat dir Eugen den Brief an Krebs vorgelesen? Findest du ihn auch so schwer? ich finde er ist jetzt besonders abrupt und unverständlich. Es liegt sicher daran, dass ihm da irgendwas neu ist, es purzelt ihm noch alles heraus, er stellt nichts hin.

Sind die Schmerzen wohl noch immer fort? das wäre schön. Und wenn nicht – Liebe du weisst doch dass ich bei dir sitze, immer zwischenhinein auf einen Sprung und manchmal auch länger.

Heut Abend werde ich Straussens mal ein unverblümtes Wort über ihr Benehmen gegen Badts sagen. Es ist zu eklig.

Dein Franz.

[28.? VI.91]

Lieber Eugen, Dank für den Krebsbrief. Wäre er nur nicht so furchtbar schwer geschrieben (wie übrigens alles, was du auch mir über dies Thema geschrieben hast in diesen Tagen). Es wird Krebs gehen wie mir, er wird nur ahnen können was du meinst. Du bist ja brieflich leicht überhaupt schwerer als gedruckt.

Es ist dir offenbar selber so neu, dass du daher noch gar keinen Ansatzpunkt findest, um das was du meinst überzeugend zu sagen. Ich verstehe dich nur, wenn ich ganz von dem absehe was du schreibst und einfach auf das reflektiere was ich selber darüber denke. Meine Formel, mit der ich das was du sagst (vor dem Krieg schon) zu fassen suchte, war: Anstelle des Verhältnisses Kirche = Staat ist das Kirche = Gesellschaft getreten. Gesellschaft ist ja im Gegensaz zu Staat das Formlose und das Grenzenlose. Also wohl genau was du meinst. Dieser Gedanke lässt sich sehr leicht illustrieren, man braucht noch nicht mal historisch zu werden. Man braucht blos daran zu erinnern, dass der Staat tolerant (d.h. indifferent), die Gesellschaft aber ketzerisch (d.h.: fromm!) geworden ist. Das konnte man schon zwischen 1789 und 1914 sehen. Bei der grossen weltgeschichtlichen Rollenverteilung, die du dann vornimmst, geht mir etwas der Atem aus; so was muss man ein bischen breit machen, wenns der Leser begreifen soll. Ob also die Deutschen wirklich jemals nochmal lebendig werden, ob der commonwealth of the Jews länger Bestand haben wird als das Englische Empire (also 50-150 Jahre) – ich weiss es nicht. Müssen wir wirklich Gott in die Karten sehen wollen? Den Untergang, den müssen wir sehen und spüren, und nach dem Ewigen sollen wir die Arme ausstrecken aus der Flut die uns alle in Europa umgiebt, aus diesen “Stricken des Todes”. Aber Wege suchen? Pläne machen? Rat dichten, wo es hinaus gehen mag? Wozu?! Hat Augustin über die Germanen kluggeschissen? Nein, er hat der Not der Zeit gedient und dazu die Civitas Dei geschrieben. Tun wir das Gleiche, dann wird einst über 400 Jahre wohl irgendwo ein Kaiser [Zeichnung Gekrakel] (lies: Kurulutsch) (was ist das für eine Sprache und Schrift? Ja das weiss ich eben nicht und brauch es nicht zu wissen, “Gott wird wissen” sagen die Russen) also Kurulutsch der Grosse wird sich vorlesen lassen was wir geschrieben haben und wird danach sein Reich regieren. Oder, ein Kaiser wirds wohl nicht sein, sondern ein Volkswirtschaftsoberdirektor oder was weiss ich – Gott wird wissen.

Nimm dir ein Beispiel an deiner Frau und sei ein bischen – dumm.

Oder sei viel ausführlicher!

Dein Franz.

29.VI.[19]

Liebes Gritli, es war gestern, wegen der Schulferien, das letzte Zusammensein mit Straussens für 6 Wochen, so war es gut, dass ich meine Attacke ritt. Natürlich hatten sie auch einen Standpunkt, darauf war ich ja gefasst, hatte es Hermann auch im voraus gesagt, dass es mir ganz schnuppe wäre, wer recht hätte. Ich glaube aber, ich habe Berthas gepresstes und verschnürtes Herz gestern etwas erweicht. Viel kommt ja nicht dabei heraus, weil sich die beiden Schwägerinnen gegenseitig offenbar nicht vertragen und auch Hermann  mit Bertha nie gestimmt hat. Es ist soviel Hass in allen Familien. Die Blutsverwandschaft zerstört sich eigentlich wirklich selber und erzwingt dadurch schon die neue Familienstiftung, einfach weil kein Mensch es in seiner alten angeborenen aushält.

Dieses kritische Lesen der kritischen Bibelerklärer zusammen mit den unkriti-schen alten ist wirklich lehrreich. Duhms Jesajas, den wir zugrundelegen gilt als das Standartwerk der Bibelkritik überhaupt. Und er ist so grenzenlos dumm, so vollkommen beschränkt,  so – rabulistisch in den Schwierigkeiten die er findet, dass man wirklich jedes Vertrauen zur Kritik verliert. Ihre “sichersten Ergebnisse” beruhen auf der kompletten Unfähigkeit, sich in eine andre Logik hineinzudenken als in die des eignen hohlen Kopfs. Sie reden immer von den Profeten als ob es Dichter wären und dann korrigiern sie sie, als wären es Schulaufsätze von Tertianern. Wenn es heisst: die Fische faulen und sterben vor Durst – so muss da der Text verderbt sein, denn erst müssten sie doch sterben und dann faulen. Und so ist es fast überall.

Heut will ich nun mal sehen, dass ich mit III 2 zu Ende komme. Es geht dir noch immer gut? heut glaube ichs selber. Ob ich eine Nachricht kriege? die Post brachte nichts. Denkst du an mich? Meine Gedanken sind immerfort verreist zu dir. Sie küssen deine Fingerspitzen. Ich auch.

Dein Franz.

29.VI.[19]

Lieber Eugen, ich beginne dich jetzt zu verstehn. Du hattest mich anfangs irre gemacht, weil du das was du sagtest als etwas Neues zu geben schienst. In Wirklichkeit ist es ja aber nichts andres als die Ansicht von der kirchengeschichtlichen Endzeit, in der wir alle, insbesondere Hans und ich, ich dachte aber du auch, schon lange übereinkamen. Dass du dich selbst im Brief an Krebs auf die Johanneskirche beziehst, war mir erleuchtender als alle Worte davor und danach (eben weil nur Namen deutlich sind). Mit “Wochentag” giebst du die Formulierung des Ketzerkirchlichen Dogmas, zu der du als Verfasser vom Volksstaat und Gottesreich die natürliche Veranlassung hast (kath.: die Festtage, prot.: die Sonntage, johanneisch: die Werktage – Summa: das Kirchenjahr). An all dem ist ja wirklich nichts Neues und freilich ist der Mensch, dem man das als etwas Neues sagen muss, ein katholischer Priester – oder allenfalls auch ein protestantischer Professor oder besser noch Beamter; – dass du es zu mir als etwasNeues sagtest, hat mir das Verständnis verlegt gehabt.

Neu bleibt dann nur die Verphilosophierung des 23.VI.1919. Ich halte ja unsern alten Gegensatz hie 1789 hie 1914 als Anfang der dritten Zeit für einen rein taktischen – und finde immer wieder, für die Ruhe und Überz[eug]ungkraft der Darstellung bewährt sich das Rückgreifen auf 1789, einfach weil dann zur Illustrierung 130 Jahre zur Verfügung stehen und man nicht immer auf die Zeitungsnachrichten von gestern früh angewiesen ist (oder gar von heut früh?). Z.B. der Judenstaat allein (1919) würde wenig Gewicht haben, dass er aber das Ende des 130 jährigen Prozesses der Judenemanzipation ist, dieses Rückgreifen auf 1789 macht seine symptomatische Bedeutung deutlich. –

Die Grenze zwischen zwei Flächen ist in der (unmathematischen) Wirklichkeit eben selber eine Fläche, die erst ihrerseits begrenzt wird von mathematischen Linien, den Scheidejahren 1789 und 1914 (die natürlich bei näherem Zusehen und wenn man sie einem andern als Scheidejahre deutlich machen will sofort auch wieder zu “Flächen” werden müssen). Auch dass du die “Frucht des Todes” schreiben musstest, verstehe ich nun. Denn was du darin beinahe überstark unterstrichest (wieder, weil es dir neu war – neu natürlich nicht als Gedanke, sondern als Dogma – ), das ist ja auch wieder “johanneisch”. Es ist das weshalb ich über die “dritte” Epoche” das Kennwort der “Hoffnung” schreibe. Und genau wie diese Unterstreichung der noch erst zu erwirkenden bzw. ersterbenden Erlösung nur erlaubt ist wenn man das “Schon = Geschehen = Sein” der Schöpfung sogut wie der Offenbarung keinen Augenblick vergisst, so ist auch die “Johanneskirche”, die Ketzerkirche oder wie dus nun nennen willst, nicht eine eigene neue Kirche, sondern nur möglich auf der Grundlage und sogar auf dem Boden und in dem Rahmen der beiden alten Kirchen. (Denn, – gegen deinen Protest schon gleich im voraus -: die Krebssche Kirche ist wirklich seine Kirche, nicht die Kirche, wie es deine Feder als Dienerin deines ersten Gedankens bekannt hat und erst dein korrigierender Wille wieder gestrichen hat. (“die Kirche” – die Philologie ist docheine fröhliche “Fachwissenschaft”, wenn auch ein bischen boshaft).

Ich fahre wohl schon Montag Abend nach Kassel, bin Dienstag Mittwoch, ev. noch Donnerstag früh da.

Dein Franz.

29.VI.[19]

Gut Nacht, du schläfst hoffentlich schon, es ist über dem Korrigieren 1 geworden und ich will auch gleich zu Bett. Nur gute Nacht –

30.VI. Es ist spät geworden auch mit dem Guten Morgen. Viel Post war da, aber nichts von Euch. Ob Eugen schon nach Kassel adressiert? Ich wollte, ich sässe erst wenigstens in der Bahn.  Rudi erzählt mir von dem Wiesbachschen Verlagsplan und ist dagegen, aus sehr richtigen Gründen. Wenn schon Christlicher Verlag, dann auch christlicher Verleger und nicht ein Ästhet, ders im Nebenamt “macht”. Vorläufig jedenfalls wird Rudi mal anfangen, zu suchen. Ich hielte ja auch die Eroberung eines alten Verlags für das Richtige. Die Constituierung als Christian Science geschieht durch das Jahrbuch. Dann ist es “der Wortkreis”, und die übrigen Bücher des Wortkreises (à la “Ziel = Kreis”) gruppieren sich um das Jahrbuch herum. Aber das Kurioseste: ich hatte neulich Eugen im Spass, und um mit einer Beleidigung à la Weidemann die Schreiberei über diesen Punkt abzubrechen, geschrieben: finanziell (bei strenger Anonymität) würde ich mich natürlich beteiligen, wenns nötig wäre. Und heute schreibt mir Hans ganz vom Himmel herab: “Deshalb frage ich dich trotz deiner Ablehnung des Sterndrucks nocheinmal, ob du dich mit Geldmitteln an einem Verlag beteiligen könntest, den wir für unsre Bücher auftäten, besonders wegen Rudis Predigten.” Ja natürlich – das könnt “Ihr” haben. In dieser Form will ich euch gern “der Jude” sein. Schriebe ich nicht selber auch, so wäre da noch nichtmal Anonymität nötig. Warum soll ich nicht mache a Geschäftche mit meschuggenen Büchern von christliche junge Lait?! Ich war doch etwas paff. Nun habe ich sogar dir geschrieben, was ich ihm schreiben muss. Hansens ganzer Brief war mir überhaupt so unerfreulich – nun wie mir all diese Anzapfungen auf den * hin allmählich werden. Er sagt es sei eine Tatsache, dass der Stern “beinahe auch von einem Christen geschrieben sein könnte”. Gewiss, das könnte wohl jedes jüdische Buch. Genau wie umgekehrt. Und trotzdem wären wir alle verloren, wenn wir daraufhin anfangen wollten, Kirchen und Synagogen einzureissen. “Beinahe”! Bloss das bischen “Schall und Rauch”! Ungefähr so sagts der Heide auch, nur mit ein bischen andern Worten. Hoffentlich habe ich heute noch Zeit, Hans zu antworten. Aber schliesslich ist diese Vorantwort, die mir da aus der Feder gerutscht ist, auch für Eugen “gut und nützlich zu lesen”. Für dich doch nicht? bitte nicht! du musst verstehn, dass es nicht auf das theologische Geschwätz ankommt, sondern auf die Wirklichkeit, – von der diese Mannskerle eben doch nichts wissen; sie glauben ja beide, trotz aller gegenteiligen Beteuerungen, im Grunde, Bücher wären lebendig.

Liebes Gritli – ich komme bald selber, nur noch eine halbe Woche. Schreiben hat keinen Zweck mehr.

Dein Franz.

30.VI.[19]

Liebes Gritli, endlich bin ich so weit. Aber das war ein wütiger Tag. Meinecke verfehlte ich – zum dritten Mal, aber es schadet nichts; dann heut Morgen bekam ich u.a. auch einen Brief auf den hin ich wenig Lust habe, mich noch an die Freiburger Gesellschaft zu wenden. De Gruyter rief ich an, kriegte ihn aber nicht. So wirds bei dem Halunken Winter bleiben. Und da wird sicher noch mancher Ärger kommen. Aber das lief alles nur so nebenher.  Auch ein Besuch bei Budko; ich fürchte das Grabmal wird nichts besonders Schönes; er ist ein sehr begrenztes Talent.  Aber den ganzen Tag brannte mich der Brief von Hans weiter, überhaupt die Tatsache dieser Front Hans = Eugen (wer hätte das vor einem halben Jahr noch gedacht!) gegen mich. Ich habe es wieder und wieder geprüft, es bleibt unsinnig. Ich begreife diese Verständnislosigkeit nicht. Die (masslos überschätzte) Tatsache meines “Wiedergeborenseins” – gewiss das entschuldigt den Irrtum. Aber eigentlich doch nicht. Ich bin Jude weder durch noch seit 1913, sondern wirklich, soweit ich es bin, ganz von 1886 ff. Dass das sehr wenig ist, ist wahr; aber es ist alles was ich habe. 1913 hat diesen Schatz um keinen Pfennig vermehrt. Was hat sich denn 1913 geändert? Bloss dass ich vorher dachte: mit 70 Jahren werde ich den * schreiben (denn das stand mir immer fest!) und seit 1913 wusste ich, dass ich ihn schon mit 30 schreiben müsste. Es ist wirklich weiter nichts Neues in mein Leben damals gekommen als dies Sofort. Und dies Sofort ist ja nun etwas sehr Halbes geblieben, es ist (denn der * ist geschrieben) und ist auch nicht (denn ich bin noch nichts). Mein Judentum ist nie wiedergeboren. Meine Weltlichkeit ist damals wiedergeboren, das ist richtig. Ich habe seitdem die Welt ernst nehmen können, weil ich seitdem die Welttätigkeit des Christentums ernst nahm. C’est toute ma renaissance.

Ich habe furchtbar scharf heute an Hans geschrieben, so Sachen wie ich sie wirklich ungern schreibe und deshalb auch im * nicht so brutal geschrieben habe – obwohl es so beiläufig wohl auch drin steht. Es ist mir aber peinlich zu denken, dass mich der gedruckte * nun auch dazu zwingen könnte, dies Dinge ebenso nackt = brutal öffentlich zu sagen. Und doch merke ich jetzt an Eugen und Hans, das das die Folge sein würde. Denn wenn meine nächsten Freunde nicht verstehn, was ich über das Christentum im * gesagt habe, wie werdens da Fernstehende begreifen ohne die knüppeldicksten Worte.

Wahrhaftig, wärest du nicht, ja eigentlich: wärest du nicht krank, so führe ich jetzt nicht nach Stuttgart, denn das brieflich angezettelte Malheur müsste erst brieflich aus der Welt geschafft werden; so giebt es ja noch nächtliche Prügeleien zwischen Eugen und mir oder gar – noch schlimmer – am Tag an deinem Bett. Oder verträgst du das schon wieder? Aber ich will ja gar nicht. – Freuen tue ich mich jetzt nur auf Rudi. Er ist der Einzige von den Dreien, der noch bei Vernunft ist. Und jedenfalls der einzige der weiss, dass man mit solchen Gewaltsamkeiten den andern grade in die entgegengesetzte Richtung treibt als man will. Ich schwanke jetzt zwischen gar nicht veröffentlichen (wogegen sich meineEitelkeit sträubt, – weil es doch “ein so schönes Buch ist”) (und Veranstalten der hebräischen Ausgabe), oder pseudonyme Veröffentlichung. – Rudi hat kurioserweise grade III 1 gefallen. Offenbar sogar besser als II. Da kann ich natürlich nicht mit. Aber als Gegengewicht ist es mir schon recht.

Inzwischen setzt sich die Bahn in Bewegung und nun freue ich mich doch nicht bloss auf Rudi. Sprich mit Eugen ein Wort, er soll mich in Ruhe lassen. Auch mit Samsonschule und ähnlichen Einfällen. (Ich erfahre von Rudi, dass er es ihm auch geschrieben hat; ich hatte es für einen blossen Witz gehalten). Die Samsonschule ist heute eine ganz normale Realschule; ob überhaupt noch jüdische Schüler hingehn, weiss ich nicht. Aber was ich ausgerechnet in einer deutschen Kleinstadt soll, wäre unerfindlich. In Deutschland kommt nur eine der 3 oder 4 Grossstädte für mich in Frage, und da die Ak. hier ist, eben Berlin. Ausserdem nimmt die Samsonschule natürlich nur einen normal gebildeten Oberlehrer. Immerhin machts mir einen gewissen diabolischen Spass, dass das also ein ernsthafter Gedanke von Eugen war und kein Witz; und im gleichen Brief die Auseinandersetzung, dass ich unter die christlichen Denker gehöre.

Komisch dass ich mich nach 3 Jahren wieder genau an dem Punkt finde wie zu Anfang unsrer 1916er Korrespondenz: ich muss ihn wieder erst mal benachrichtigen, dass es eine Synagoge giebt. Schade dass das Strassburger Münster nicht mehr zugänglich ist, ich dachte freilich ich hätte im III 1 und III 2 einen litterarischen Ersatz gemacht, aber das ist ja schon passée; irgend eine der zahlreichen neuen weltgeschichtlichen Epochen, alle 14 Tage durchschnittlich eine, hat es abrogiert.

Kurzum es war ein wütiger Tag. Und ich hätte  wohl deine Hände heut nötiger gehabt als du meine.

Aber nun will ich schlafen bis Göttingen,

Dein Franz.

[Ende Juni 1919 ?]

Lieber Eugen, also schon wieder eine “Epoche”. So geht es aber nicht. Du machsts wieder wie gewöhnlich: du denkst ein dickes Buch, dann statt es zu schreiben und zu drucken und lesen zu lassen, verlangst du dass alle Menschen a tempo alles wissen was drin stehen – würde, wenn du es schreiben, drucken, lesen lassen würdest, und bist sehr verwundert, wenn sie ein Wort, das in nuce den Inhalt des ungeschriebnen Buchs meint, nicht verstehn. “Der christliche Wochentag” ist ein Buch von E.R. (München 1912), aber kein Jahrbuchtitel. Was “das Wort” heisst, weiss jeder, weil ja z.B. das Johannes-evangelium nicht erst 1921 erscheinen wird, sondern schon lange veröffentlicht ist. Auch die Sprache lässt sich nicht überstürzen; auch wer an ihr den tyrannus spielen will und Worte als geflügelte in die Welt schicken möchte, die eben erst gezeugt, noch lange nicht geboren, geschweige denn grossgezogen sind, – auch der wird gestraft, indem er ins Leere redet. “Der christliche Wochentag” ist also höchstens (und sehr wahrscheinlich) ein Aufsatz für das Jahrbuch. “Das Wort”; und der Untertitel “Versuche deutsch zu sprechen” hat keinen andern Vorteil als dass der Käufer statt vor den Kopf gestossen und erweckt zu werden, irregeführt wird.

Zu der “vergangnen Epoche”, die noch nicht im mindesten vergangen ist: Ihr dürft genau so gut für mich mitdenken, wie ich für euch. Das ist nämlich beides nicht zu vermeiden, es hängt gar nicht von uns selber ab, und ist deswegen auch immer so gewesen. Maimonides hat für die Scholastik “mitgedacht”, andrerseits Kant für Cohen – u.s.w. Aber daraus folgt genau so wenig, dass ich mit euch gehe, wie ihr mit mir. Gehen ist nichts Unwillkürliches. Es denkt in einem, aber man geht. Zusammen schreiben könnten wir nur an einem Jahrbuch: Die Offenbarung. Gefechte gegen das Heidentum. Aber wie lahm wäre schon dieser Titel. Aber so gehts, wenn man “Christum verleugnet”. Bist du bereit es zu tun? Nein? Nun, dann erwarte auch von mir kein “nomina sunt “adiafora”.

Dass den Expressionisten Kirchenzucht nötig wäre, ist auch meine Meinung.

Dein Franz.

Juli 1919

 

1.VII.[19]

Liebes Gritli

Wartesaal in Göttingen; es ist noch zu früh, um bei Es einzubrechen. Ich habe dir die Nacht etwas arg geschrieben, ich weiss wohl. Aber ich muss mir diese Konstruktionen und Gewaltsamkeiten vom Leibe halten. Da soll das Judentum mitwirken bei der “Vergesetzlichung des Werktags”. Wohl weil es “Gesetz” ist? nichtwahr? Es ist aber nicht “Gesetz”, sondern wenn denn einmal diese christliche Terminologie auf es angewandt werden soll, genau so sehr Gesetz und Liebe (“alter” und “neuer” Bund) wie das Christentum – nur in andrer Verknüpfung. +) Also mit dieser Rollenverteilung ist es nichts. Und so muss ich mich gegen diese Konstruktionen überhaupt wehren. Ich glaube, ich bin nicht gewaltsam gegen “euch”. Ich nehme das Christentum ja, wie es sich selber nimmt.

Und Eugen unterschätzt die “ollen” Juden. Er hat es eben noch nie erfahren, wie es tut, wenn man wirklich in einer Kirche drin steht und als selbstverständlich genommen wird. Er ist bisher noch immer “originell” gewesen und als originell geschätzt. Bei mir weiss kein Mensch, dass ich “originell” bin, selbst wenn ichs sage. Ich kann es ruhig sagen, das regt die Leute gar nicht auf. Siehe mein Kassler Vortrag. Was sie hören ist einzig das Bekenntnis, der Name. Aber sowie der verleugnet wird, hilft umgekehrt die grösste dogmatische Richtigkeit nicht mehr, dann gehört man nicht mehr dazu. So ist eine wirkliche Kirche. Das ist ein grösseres Wunder als das papiererne Idealgebäu[de], von dem wir die grossen Töne reden.

Am Donnerstag treffe ich mich vielleicht in Frankfurt mit dem Heidelberger Marx, dem Jugendverbands = Vorsitzenden. Dann käme ich erst Freitag nach Stuttgart. Ja sieh, meinst du ich könnte mich mit dem, – dem es an sich gar nicht beikommt, mich zu katechisieren – meinst du, ich könnte mit ihm nur noch ein Wort sprechen, wenn ich mich zum Kreis der Mitarbeiter am Jahrbuch für christliches Denken rechnete? Und so ists überall. Christ ist, wer getauft ist. Und wer nicht getauft ist, hat im Christentum nichts zu suchen.

Liebes Gritli, du musst dafür sorgen, dass ichs in Stuttgart aushalte. Ich habe diesmal Angst davor.

Dein Franz.

+) vor allen Dingen nicht so sauber, ach allzusauber getrennt, wie in der christlichen Welt, wo die Liebe so sorgfältig abgekapselt wird, dass sie nur ja den blutigen Kreislauf des Gesetzes nicht stört.

[Auf der Rückseite:] Das lustige Bändchen war um die Kakes die ich eben gegessen habe. Es ist heut netter wie ich. Darum schicke ich es dir.

1.VII.[19]

Liebes, das war gut bei Rudi. In allem, – und vor allem steht er ganz mit mir gegen Hanseugen. Noch ehe ich ein Wort gesagt hatte. Im Gegenteil: ich fragte ihn ganz ruhig: ja warum soll ich denn nicht? (Weil ich sehen wollte, wie er ganz von sich aus urteilen würde).

Im Gespräch nach ihm wurde mir auch klar, weshalb Hans und Eugen es auch selbst vom “Parteistandpunkt” aus gar nicht wünschen dürfen. Was wäre denn dabei, wenn nun wirklich ein Jude ein “christliches Buch” geschrieben hätte? Was bedeutete das mehr als jede Judentaufe bedeutet? Das Zeichen, das sie verlangen, liegt doch nur dann vor, wenn der Jude ein jüdisches Buch im jüdischen Rahmen erscheinen lässt. Nur dann liegt “Annäherung” vor, wenn keineVerschmelzung stattfindet. Wenn ein Ich und ein Du eins werden, nicht das Ich Ich bleibt und das Du Du, wenn das Wörtlein Und geleugnet wird – das ist Tristan und Isolde “so stürben wir nun ungetrennt, ewig einig ohne End u.s.w.” also nicht Liebe. Die Liebe erkennt die Getrenntheit der Orte an und setzt sie sogar voraus oder vielleicht gar setzt sie sie überhaupt erst fest (denn was hinderte in der Welt der lieblosen Dinge, dass eins den Platz des andern okkupierte!). Die Liebe sagtnicht Ich bin Du, sondern – und nun musst du mich doch ganz verstehn und mir recht geben -: Ich bin

Dein.

2.VII.19

Liebe,

Kassel und noch frühmorgens, ehe Mutter auf ist. Mutter u.s.w. haben Budkos Entwurf (mit Recht) abgelehnt, nun macht Jonas einen Gegenentwurf, nach dem soll er dann diesen umarbeiten. Mutter hatte ja ein Telegramm vom Sonntag, so weiss ich, dass die Besserung anhält. Gestern dachte ich schon, ich sollte für meine leichtsinnigen Behauptungen gestraft werden, denn ich hatte mir am Morgen das Knie an Rudis Hausecke unten angerannt und im Lauf des Tages kams mir vor wie ein Erguss. Es ist aber glücklicherweise keiner geworden. Sonst hätte ich hierbleiben müssen!

Eugen hat schon deine böse Technik angenommen, mich wenn erst ein Wieder-sehen greifbar nah ist, auf kleine Rationen zu setzen; ich glaube Sonnabend habe ich das Letzte gekriegt. Ich habe ihm wahrscheinlich durch meine bockigen Antworten (“vorläu-fig”! nicht?) wohl auch die Lust zum Schreiben verdorben. Dies “vorläufig”, das ich im Brief an Rudi sah (“Franz wehrt sich natürlich {vorläufig!}”), hatte ich ja aus seinem und Hansens Briefen längst herausgehört und grade deshalb so heftig geschrieben. Aber ich finde, seit gestern ist die Sache erledigt. Rudi fragte mich übrigens allen Ernstes, warum ich nicht einfach schon mit einem Verlag angeknüpft hätte, um die ganze Diskussion abzuschneiden.

Rudi ist im vollen Dichten. Ein zweiter Einakter (als Gegenstück und Fortsetzung zum ersten) (Der Abend heisst: Tod und Auferstehung. Zwei Einakter.

D a s  L e t z t e

Personen

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D a s  E r s t e

Personen

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Ausserdem die Vorarbeiten zu dem historischen Drama. Eugens Stoff ist zu schwer für ihn. Das würde er wohl nur können, wenn er Eugens ganzes Wissen hätte. Übrigens (und vor allem) roch es mir auch etwas nach “Jambendrama”, weisst du so “der Menschheit grosse Gegenstände”, ich könnte es mir von einem Schillerepigonen der Mitte des 19.scl., allenfalls auch noch von Hebbel denken. Heut hat eine Tragödie einen Helden oder mehrere, aber nicht zwei. Im 19.scl. hatten alle Tragödien 2 Helden. Aber da gerate ich mitten in mein feu livre sur la tragédie hinein, und spiele Totenerweckung.

Ich fange an zu frieren, so im Hemd. Ich will Tag machen. Vielleicht kommt doch ein Brief von Eugen. Von dir ist nicht nötig. Ich freue mich, freue mich, freue mich

auf Dich. (das soll aber kein Vers sein, trotz Rudi)

2.VII.[19]

Lieber Eugen, Krebsens Brief habe ich gleich damals per Eil zurückgeschickt. Zu grausam fand ich ihn nicht, bloss (wie alles was du jetzt äusserst) zu schwer ausgedrückt. Es mag jetzt nicht anders gehen bei dir. Du sprichst noch in Hieroglyphen, eines Tags wirst du schon dahin kommen, auch das in Buchstabenschrift umzuschreiben.

Das deutsche “auserwählte Volk” – wenn du nun partout ein auserwähltes Volk haben willst, das hättest du billiger haben können. Nun aber kannst dus nicht mehr haben. Die Deutschen sind und bleiben (solange sie bleiben) eins von den 72 “christlichen Völkern” (christlich von heut oder von morgen). Auserwählt ist kein Volk, dessen Beste sprechen: ich würde auch Gott den [gestr. preisgeben] Rücken kehren um meines Volkes willen. So spricht Picht. So sprechen in dem einen einzigen ewigen Volke nur die Schlechtesten. Das ist der ganze Unterschied. Über den hilft keine “weltgeschichtliche Epoche” (aus dem Morgenblatt des Stuttgarter Anzeigers oder Schwäbischen Merkurs) hinüber. Das sind ewige Tatsachen, die älter sind als die Zeitungen und sie überleben werden.

Und also – drängle nicht. Es liegt in deiner (und Hansens) Hand, ob ich mich “verstocke”. Wenn ihrs für nötig haltet, mir Luft und Boden zu bestreiten, so wird mir nichts andres übrig bleiben als mich gegen euch verstocken. Aber es wäre so ganz und gar nicht nötig. Es wird an euch liegen, nicht an mir. Ich bleibe wie ich war. Hans kommt relativ neu heran, ihm nehme ichs nicht übel. Du kennst mich genug und hattest mich schon verstanden, dir nehme ichs übel. Der “Eintritt in eure Vier” (du zählst Rudi mit, der ja abgesehn von dem Punkt F.R. auch wirklich dazu gehört; aber wer ist denn der Vierte?) also dieser Eintritt geschieht durch die Taufe, anders nicht. Wenn ihr Ketzer eurer Kirchen das nicht begreift, um so schlimmer für euch. Aber um auch das zu sagen: ein getaufter F.R. müsste als erste Tat seines Christenlebens diese Tun: den * in sämtlichen Exemplaren nebst allen Entwürfen und Notizen dazu in den Ofen stecken und die Asche in alle 4 Winde zerstreuen. Denn der * beruht ganz und gar auf der einen Voraussetzung, dass das Christentum Lüge ist.

Dixi tibi et salvavi animam meam.

Dein Franz.

2.VII.[19]

Liebe, dein Briefchen heut Morgen war so als wenn es das erste wäre das ich kriegte; ich mochte es erst gar nicht aufmachen, und mich nur am Siegel freuen. An Eugen hatte ich schon des Morgens geschrieben, auf seine Karte aus der Bahn; mir war ja alles seit gestern, seit Rudi schon abgetan; nun musste ich es doch nochmal aufrühren, ich bin nun auch gegen ihn einmal so massiv geworden wie neulich gegen Hans; das musste wohl sein, – obwohl es mich noch immer wundert dass es sein musste. Ich weiss nun ganz gewiss, dass du mir beistehst, du kannst gar nicht anders; und Eugen muss sich nun auch zurückfinden. (Er hatte geschrieben: Bitte hör auf, Rudi Verlagsbriefe zu diktieren. Bis Du Dich zum Eintritt in unsre Vier entschliesst, ist dir das verboten! Denn die Revolution ist zu Ende. Und so verlässt dich jetzt der innere Daimon für uns, falls du dich verstockst.)

Liebste du darfst schon ruhig ein bischen gesund sein, bis ich komme. Du wirst es vielleicht doch nötig haben, wenn Eugen auch jetzt noch nicht weiss, was er verlangt oder verlangen müsste. Es giebt ja nur einen “Eintritt”.

Tu dein Herz für mich auf. Ich schicke dir diesen Kuss voraus – und komme bald nach. Bald

Liebe Seele  –  Dein.

[Juli 1919?]

Geliebte,  ich will dir ja gar nichts schreiben als das eine Wort, liebe liebe Seele

– Dein

[Juli 1919?]

Liebes, ich sitze wirklich im Zug. Ich schlief gestern bis spät um 10. Da hatte ich schon kein Fieber mehr. So fürchte ich, es wird heute wiederkommen, ehe ich in Kassel bin und ich müsste in Frankfurt liegen bleiben.

Von gestern weiss ich wenig. In deinem ungewohnten Kleid war es mir ordentlich schwer, dich zu erkennen. Ich wusste wohl, dass du es warst, aber – so als ob ich nicht wüsste, dass du von 1919 es warst, es hätte auch du von 1917 sein können. Das Schreiben fällt mir schwer, nicht bloss durch den fahrenden Zug. Nur den Abschiedskuss nimm, den wir gestern versäumt haben, – er steckt nicht an.

Und grüss alle in Säckingen.

Liebes Gritli – Dein Franz.

21.VII.[19]

Liebes Gritli, der Tag scheint fieberfrei zu bleiben, ich hätte also ruhig nach Heidelberg gekonnt. Aber es schadet doch nichts. Ich hätte mich nicht gern in ein grosses Gesprächs = Pêlemêle begeben, nachdem ich mit Eugen noch auf so einem etwas dünnen Seil tanzte; ich will ihm lieber erst schreiben. Das Auseinanderpurzeln gestern auf der Bahn war so dumm; der Zug rangierte, nachher war Eugen fort, offenbar um zu telegrafieren (höchst unnötig, denn er wusste dass der Zug gar nicht über Heidelberg kam), und so wartete ich noch eine gute Viertelstunde aber er kam nicht wieder. Hier schwillt nun wieder allerlei andres um mich in die Höh, die Wohnungsfrage, ich werde morgen in die Höhle der Löwin Capelle gehen und Fraktur mit ihr reden, so geht es nicht; und dann: ich suchte für Eugen meine erste “wissenschaftliche Arbeit”, das Berliner Referat von 1907 “Physiologie und Empfindungsqualitäten” – ich sah es mir wieder durch, es markiert eine erste Station auf dem Eroberungszug in das feindliche Reich Verstand, ungefähr ein Jahr nachdem ich ausgezogen war; es ist sehr schwer in seiner ganz klaren und kühlen Durchsichtigkeit und wer mir zwei Jahre zuvor gesagt hätte, das würde ich mal machen, den hätte ich wohl bloss dumm angelacht. Aber dabei hob sich dann allerlei andres aus der Kiste, die Nachschrift von Eugens Kolleg vom Sommer 13, das doch sicher ein gutes Kolleg war, trotzdem es auch aus der Gärung herausbrach; aber er gab uns überall Anschlüsse und Hinweise und lehrte, kurz man war eben doch in der Universität; also ganz wie ichs in der Erinnerung hatte. Dann aber der grosse Briefwechsel Hans = Rudi = ich aus dem Winter 13/14, d.h. nur Hans und Rudi, von mir nur ein paar Notizen zu Briefen, offenbar wenn ich mir den Brief nicht gleich losschreiben konnte, vorher aufgeschrieben, dann ein vollständiger Entwurf zu dem grossen Brief an Beckerath vom November 13, der noch heut z.T. eine böse Aktualität hat, ich wusste doch nicht mehr wie dringlich ich geworden war, endlich von Anfang November Stichworte zu dem grossen Brief, in dem ich Rudi das im Oktober in Berlin an mir Geschehene mitteilte. Ich hätte dich da haben müssen, soviel abschreiben kann ich gar nicht. Hör dies (vom Jan. oder Febr. 14 an Hans, Notiz zu einem Brief) “aber ich bin so sehr geändert, dass ich ….. Ruhe brauche, um gewisse Dinge …(System!) mit mir allein auszudenken. Die Geschichte ist mir absolut Weltgeschichte geworden, und ich würde den Namen Philosoph, als Bezeichnung meines Ziels, nicht mehr ablehnen dürfen. Die Unfruchtbarkeit der Correspondenz hing darin, dass dir vieles fragmentarisch bei mir erschien, was es zwar war, aber nach meiner Intention nicht sein soll. Deshalb brauche auch ich Ruhe.” Er hat doch eben solche Sachen einfach nicht hören wollen oder können; gesagt habe ich sie ihm also dennoch. Auf einem andern Zettelchen (ebenfalls an Hans:) “aber nur auf Grund dieses “Nichtphilosophentums” in deinem Sinne bin ich “Philosoph”

geworden; nur dorther stammt mir die Unbedingtheit.” Da konnte mich doch wirklich Eugens Anzeige vom Sommer 16, er sei unter die Philosophen gegangen, womit er mir aus fröhlichen Höhen lockend herabpfeifen zu können meinte, gar nicht so imponieren. Aus dem langen Konzept an Beckerath nur dies, weil es plötzlich durch seinen letzten Brief an Eugen wieder ganz aktuell ist:”…Sie sollen und müssen sich einen Heidenrespekt aneignen vor dem, was Ihnen fremd ist, und nicht wie bisher in ihren Respektgefühlen (Schmoller!) nur Orgien Ihrer Selbstzufriedenheit feiern.” Davor: “…und wäre es auch nur das Pathos derVerneinung, aber dann bitte das Pathos der Verneinung, und nicht ein biegsam = schmales >Es ist mir unsympatisch< oder >Ich habe keinen Sinn dafür<. Und: “Helfen Sie sich über meine Worte nicht durch eine Ablehnung meiner Persönlichkeit weg. Erklären Sie nicht den Geist wieder für ein Gespenst. Geister pflegen sich von Gespenstern dadurch zu unterscheiden dass sie reden. Da sehen Sie aus dem Hamlet sehr gut, dass ein und dieselbe Erscheinung sich dem einen nur als Gespenst zeigen kann und dem andern als Geist. Es kommt da eben darauf an, ob man Horatio ist oder Hamlet.” Und doch noch dies: “Was ich verlange? Nicht, dass Sie in die Hände spucken und sich eine Weltanschauung machen, aber dass Sie es grundsätzlich sich innerlich schwer machen (wieder schwer machen, darf ich sagen auf Grund unsres ersten Jahres). Alexander hat dem Artisten Erbsen anweisen lassen {der Erbsen in ein Mauseloch blies, weisst du, worauf ihm Alexander zur Auszeichnung – einen Sack Erbsen schenkte}, aber den Aristoteles hat er ernst genommen; Sie haben sich mit der Zeit gewöhnt, überall Erbsen anzuweisen. Sie merken nicht, dass da allmählich nur noch die Männer es bei Ihnen aushalten werden, die nichts andres verlangen als Erbsen (oder in den betr. Stunden nichts andres verlangen), weil sie nichts andres sind als Kunstschützen. Wenn es wirklich {wie er offenbar auf meinen ersten Brief genotwehrt hatte} mein Fehler ist, die Menschen, mit denen ich zu tun habe, leicht zu ernst zu nehmen, so wünsche ich Ihnen recht viel von meinem Fehler. Es mag bei mir einer geworden sein, für Sie ist er noch dringend zu erwerben nötig [“].

Es ist ein unheimlicher Umschlag, eben beim Zusammenlegen kriecht gleich wieder allerlei heraus.

Aber – nun das ist wie ein Vorlesen am Bett. Nun bin ich ja  wieder ganz gesund, und die Rollen sind wieder vertauscht, oder vielleicht? geht es doch schnell zu hause? Ich bleibe nicht lange hier. Hier sind zu viel alte Papiere. Ich möchte gern mit dem * abschliessen; ich glaube hier komme ich doch nicht dazu; er liegt ja auch in Berlin. Leb wohl – im Haus darinnen Milch und Honig fleusst.

Dein Franz.

22.VII.[19]

Liebes, die Fieberfreiheit hält an. Heut Abend kommt Rudi und bleibt bis morgen Abend. Denk, er hatte seinen Anteil an der Correspondenz 13/14 herausgesucht und bringt ihn mit. So wirds tief ins Biographische hineingehn. Das Frauenstück schreibt er wirklich neu! hatte gestern schon 30 Seiten. Ich hatte ihm aus der Bahn meine Fieberträume für den Schluss geschrieben, er braucht sie aber schon nicht mehr. Gestern Abend haben wir uns sehr aufgeregt über den Juli 14, ich hatte in der Bahn die neuste Nummer der Zukunft gelesen, und meine Illusionen reissen eine nach der andern – ich hatte doch noch immer welche, ich merke es an den Schmerzen, mit denen sie reissen. Es ist zu furchtbar mit Deutschland und nichts kann einen darüber weg bringen. Ich nahm mir Schach von Wutemow mit ins Bett, um mich ein bischen an 1806 abzuregen, ich kannte ihn noch nicht. Aber es hilft alles nichts, alles bringt einen nur noch tiefer rein.

Heut früh lag aber ein Brief von dir da. Ja, es war durcheinandrig, aber schliesslich doch schön, unsre Seelen schwirrten so umeinander, – etwas gespensterhaft, aber da fühle ichs grade wie eng sie verbunden sind, sie lassen sich auch nicht, wenn die eine für sich hinträumt und zu schwach ist, der Schwester die Arme aufzutun. Ich spüre grade diesen letzten Augenblick wie du aus dem Zimmer gingst und ich spüre ihn mit einem tiefen sprachlosen Glück, – wie ich selber mich nicht regen konnte und es dir den Atem verschlug und nur eine spinnwegsdünne Brücke noch zwischen uns lief, spinnwebsdünn und doch so unzerreissbar. Nun hast du deinen Faden weitergezogen bis nach Säckingen ich mein Ende bis zur Terrasse, und fühlst du nicht jede Regung, als sässe ich bei dir in der Dachstube im Zauberkreis des goldnen Klexchens? Geliebtes Herz – grüss deine Mutter. Und sieh es wieder, unser altes Wort und Sumbolon:

Ich bin Dein.

[Juli 1919?]

Liebste,  vor lauter Mündlichkeit bin ich noch nicht zum Schreiben gekommen. Auch dies nur schnell zwischen zwei Menschen: dass ich dich liebe, und ihn.

Dein Franz.

23.VII.19.

Liebes Gritli, nur rasch ein Gruss, von der Bahn wo ich eben Rudi hinbegleitet habe, ich muss gleich nachhause. Die Chininkur strengt scheusslich an, täglich 4 Pillen von dem Gift – man merkts.

Mit Rudi wars gut wie immer. Wir haben unsre Teile des 13/14er Briefwechsels zusammengelegt, doch ist er sogar heute nicht Hans zeigen könnten [sic].

Ich vermisse sehr ein Wort von Eugen. Von dir kam heut auch nichts. Aber das vermisste ich nicht. Du bist doch bei mir. Und ich Dein.

24.VII.19

Liebes Gritli, morgen fahre ich wohl auf ein paar Tage nach Berlin, um die * Manuskripte einzuholen, mit Badt zu sprechen (er ist angestellt!! ich bin sehr zufrieden, es hat also nichts geschadet, dass ich nicht da war), und um mit Meinecke zu sprechen. Währenddem unterbreche ich die angreifende Chininfresserei; dann fahre ich wieder hierher und bleibe wenigstens 8 Tage, esse und schlafe viel, korrigiere den * = Rest – und lese für Indien und China, womit ich heute schon begonnen habe. Vielleicht bin ich schon Montag zurück, also ists nicht nötig dass ich dir meine Adresse telegrafiere.

Von dir kam ein Brief und einer an Mutter; etwas gehts mir wieder wie nach der Flucht im vorigen September, wo ich auch schon über die Not heraus war als deine Briefe kamen, die noch ganz drin waren. Ja, du kannst wieder schon ganz zu mir kommen, ich bin nur etwas müde, aber nur von dem ekligen Chinin. Ich bin froh, dass du selber rasch aufblühst, zuhaus.

Du schreibst nun an Eugen, ich müsste es wohl auch, denn er schrieb mir noch kein Wort; es waren eben doch nicht bloss die Nerven in jener Nacht; es war vielleicht gut, dass er gesprochen hat und in meinem Auszug am andern Morgen gleich Folgen sah. Ich muss ihn, durch mein blosses Dasein, immer wieder daran erinnern, dass es Kirchen giebt, und dann wieder dass es keine giebt. Beides immer abwechselnd zu erfahren, ist sein Schicksal; und ich bin offenbar dazu bestimmt, ihm dies Schicksal immer zu vermitteln. Liebste, kannst du ihm jetzt sagen dass es “keine Kirchen giebt”? denn das muss er ja nun hören. War es denn gar Absicht, dass er an der Bahn plötzlich fort war? ich glaube es nun, denn sonst hätte er wohl ein Wort geschrieben.

Rudi las übrigens hier die Umarbeitung seines Stücks; es ist keine Spur kitschig mehr, war aber durch die Nacht etwas auseinandergelaufen, sodass ers jetzt nochmal resolut zusammenstreicht damit es wieder dramatisch wird; mit diesem dritten Akt wird dann die Entstehungsgeschichte wohl zu Ende sein; Ende der Woche schreibt ers neu ab; dann wirst du es also wieder lesen.

Vom * I könnte ich dir höchstens die alten Handreinschriften schicken; aber da ich nicht weiss, ob ich die Änderungen so rasch machen werde, so werde ich sie wohl auch noch brauchen. Aber allzulange dauerts ja sowieso nicht mehr. Was sagst du übrigens hierzu: wenn es in Würzburg erscheint, so würde ich zu sicherem Unterschied auf dem Titelblatt überhaupt keinen Namen nennen; sondern auch meinen Namen nur auf dem Schlussblatt. Aber zunächst werde ich ja “zu den Meinen” gehn und sehn ob sie mich “aufnehmen” werden.

Ich halte dich fest auf der schmalen Planke – und spüre wie du mich hältst. Liebes liebes –

  1. VII.19.

Lieber Eugen, ich erwartete eigentlich immerfort ein Wort von dir, aber ich schrieb dir ja selber aus der Bahn auch nur ganz dürftig. Dies Auseinanderplumpsen an der Bahn geht mir noch nach. Wir dürfen uns grade um “Willkommen und Abschied” nicht betrügen lassen. Das Adieu ist unser Amen. War es etwa gar Absicht dass du es vermiedest?? Aber du erzwingst uns keine gemeinsame Form, die wir nicht haben und nie haben können, wenn du auf die verzichten wolltest, die wir haben und haben dürfen. Und die wir doch nicht aus uns haben! Diese Gemeinschaft, die zwischen uns ist, ob sie sich auch allen kirchlichen Formen entzieht, kommt doch von dem, von und zu dem alle kirchlichen Formen sind. So müssen wir sie achten, und dürfen nichts andres daraus machen wollen. Soll doch etwas daraus werden, was über uns hinausführt – unsre Sache jedenfalls ist das nicht, wir können davon nichts wissen. Wir dürfen nichts daraus machen, wir müssen es empfangen wie es uns gegeben ist. Wozu “gegeben? – wer darf so fragen!

Schreib mir ein Wort oder entzieh dich jedenfalls nicht diesem nachträglichen schriftlichen Abschiedskuss

Deines Franz.

25.VII.19

Liebes Gritli, ich bin noch hier geblieben und fahre erst Sonntag; dann ist die Unterbrechung der Kur kurgemäss, denn nach 8 Tagen unterbricht man sowieso auf drei Tage und da kommts ja dann auf etwas mehr auch nicht an; dann fahre ich also nochmal auf etwa 8 Tage hierher zurück – das giebt zusammen 14 Tage Mastkur, und das muss auch deinen Ansprüchen genügen! Was tue ich denn seit Februar als “mich erholen”, ich habe doch in der ganzen Zeit seitdem noch nicht wieder länger hintereinander gearbeitet, es ist ordentlich komisch; übrigens giebt es nichts so anstrengendes als “Erholung”, und man braucht immer wieder eine Erholung, um sich von der Erholung zu erholen. (Speziell mit den “Erholungen” in Kassel geht es so; im Augenblick ist alles ruhig, aber nach einiger Zeit kommt ja doch wieder ein Donnerwetter). Um den 10ten herum will Mutter mit Hanna fort, nach Lauenförde glaube ich. Frau Löwenherz war vorgestern hier, ich vergass dir davon zu erzählen; sie ist sicher eine vortreffliche Frau, aber ich halte sie nicht aus, sie ist wie lackiert, immer lächelt sie und immer ist sie “fein”, – unerträglich.Ich kann doch nicht zu ihr mit Mutter, wie ichs schon halb und halb vorhatte. Ausserdem, wie gesagt, bis dahin habe ich genug “erholt”. Nun musst du aber auch zufrieden sein und darfst nicht mehr drängeln.

Heut früh kam die Broschüre von Eugens Mutter, es ist ja gut, dass sie nun gedruckt ist; ich werde ihr wohl ein paar Worte schreiben. Was sie drin lehren möchte, bedrängt mich in diesen Tagen viel stärker von anderswoher, aus den Indern, in denen ich lese. Es ist so unrecht, dass ich mich nicht einfach freue an diesen ganz echten Tönen, die nun hier wirklich unleugbar ganz von draussen kommen, sondern ängstlich und kleinlich ein Privileg unsrer Offenbarung festzustellen suche. Und dabei hatte ich mir eingeredet, ich fasste nun den Gedanken der Offenbarung ganz frei und weit und ohne künstliche Scheidungen von der Schöpfung. Ich habe also immer noch einen geistig = geistlichen Hochmut, der nun durch dieses Purgatoriom hindurch muss, damit ich lerne, dass nichts aber auch wirklich nichts uns (= uns und euch) von den Heiden scheidet als die Berufung. Also etwas was wir durch keinen Beweis beweisen, nur durch Taten bewähren können. Die Geschichte von den drei Ringen kriegt ihr ganzes Gewicht erst da, wo wir ganz draussen plötzlich Brüder finden, von denen wir gar nichts wussten, und auch sie haben Ringe gleich dem unsern und auch sie haben die ihren vom Vater.

Der * drängt mich gar nicht so zum Fertigwerden – das kannst du dir danach denken. An sich möchte ich viel lieber den Hegel vor dem Stern gedruckt sehn. Nur die Würzburger Druckgelegenheit hätte mich zur Eile gedrängt, im übrigen mags ruhig noch ein halbes Jahr dauern. Nur binden will ich ihn bald.

Rudi rechnet: 8 Tage Borns, 14 Tage Hans, dann Stuttgart, wo er beim Vater Kern wohnen will. – Von Eugen kein Wort. Ich habe es nicht mehr ausgehalten und ihm eben geschrieben. Ich musste das Loch dieser Viertelstunde,die ich auf dem Bahnhof auf sein Wiederkommen wartete, wenigstens schriftlich füllen –

Dein Franz.

26.VII.19.

Liebes Gritli, morgen fahre ich nun wirklich nach Berlin; auf Badt bin ich wirklich ein bischen gespannt, sonst eigentlich auf nichts, auch auf Meinecke nicht. Von dir kam nichts heut, Hans schweigt beharrlich trotz Brief und zweier Rückantworttelegramme (er scheint die * Manuskripte verlegt oder höchst überflüssigerweise an Weismantel verschickt zu haben; dabei muss ich ev. in Berlin solange warten, bis er sie dorthin geschickt hat und deswegen habe ich versucht, durch RPTelegramme zu ergründen, ob und was er damit getan hat). Gestern waren Gottschewskis bei uns, Kunsthistoriker (Florenz, Gronau), jetzt Kunsthändler: euer Porzellangrüppchen ist unecht – was mir leid tut, denn nun werdet ihr es behalten und dafür ist es eigentlich zu hässlich. – Pichts Brief an Rudi lautet: Lieber Herr Ehrenberg, Eben schickte ich Ihren Uboot Einakter an Ihren Heidelberger Vetter weiter, nachdem ich ihn gestern Abend von Eugen Rosenstock erhalten hatte. Sie haben Tiefstes in mir aufgerührt, und ich habe das Bedürfnis Ihnen dafür zu danken. Wenn uns so ganz unliterarisch, aber gestaltet, ganz untendenziös, aber werbend, ganz ohne dogmatische Fessel, aber ohne Scheu vor alten Formen des Glaubensausdrucks christliches Leben und Zeugnis wieder zuwächst, so haben wir das Recht auf Hoffnung auf eine Renaissance des Christentums in Deutschland und damit der deutschen Seele. / Meine Frau und ich waren tief erschüttert und geben die aufgepeitschte Dichtung der Kriegsneurastheniker vom Schlage Unruhs billig für Ihre schlichte Wirklichkeitsgestaltung. / Und ich glaube, dahinter eine innere Haltung zu spüren, die mir tief entspricht. Die Sorte revolutionärer Gesinnung, die an der Hand des Schicksals über die Vergangenheit hinausschreitet, hinausgezwungen wird ohne Fusstritt nach rückwärts, ohne ein Urteilen, das über die Predigt der Steine hinausginge, ohne Rausch und Programme und Fahnenschwingen. Sie lieben Brodersen, nicht wahr? (Aber wen liebten Sie nicht!) Und Sie achten ihn tief. Ja Sie geben ihm eine Tat der Barmherzigkeit zu vollbringen, zu der keiner der anderen fähig wäre. Aber dabei wissen Sie, dass er mit seinem Faust in furchtbarer Einsamkeit zurückbleiben und als einziger die Waffe gegen sich kehren muss. / Machen Sie mir die Schrift zugänglich, wenn sie, wie ich nicht zweifle, veröffentlicht wird. Auch seien Sie versichert, dass es mir eine grosse Freude wäre, wenn Sie das Bedürfnis verspüren sollten, eine Beziehung wieder anzuknüpfen, aus der Kriegsumstände nichts haben werden lassen. Was wurde aus Ihrem damals geplanten Werk? / Es grüsst Sie in herzlicher Gesinnung Ihr..

Rudis Hildchen hat Masern. So kann Helene nicht nach Attendorn. Aber Rudi reist doch.

So ein Tag ohne Brief von dir ist nichts Rechtes.

Dein Franz.

27.VII.[19]

Liebes Gritli, im Wartesaal in Kreiensen – auch schon einer unsrer Orte, wenigstens der Bahnsteig. Heut früh kam dein Brief, du mahnst jetzt immerzu zur Faulheit; als ob das noch nötig wäre. Ist dir denn wieder ganz gut? kommen gar keine Erinnerungen mehr von den kranken Stellen? und willst du wirklich nicht wieder nach Stuttgart zurück vor Eugens Urlaub? ich weiss doch nicht – allerdings Frau Rs Mädchenschwierigkeiten grade Anfang August

Ich fuhr eben in der Bahn mit meinem alten Klassenkameraden Sichel und hörte wieder eine Menge von alten Kom[sic]pennälern. Irgendwie am Anfang oder Wiederanfang stehen doch manche

Der Zug wird abgerufen – ganz schnell ein – Dein

28.VII.19.

Liebes Gritli, wie schlapp ich noch bin, habe ich heute gemerkt; bloss weil ich nachts nicht so lang geschlafen hatte wie jetzt gewöhnlich, war ich zum Umfallen müde heute. Nach Tisch habe ich mich einfach ein paar Stunden hingelegt.

In meiner Abwesenheit von Berlin haben hier wirklich die Heinzelmännchen gearbeitet. Badt ist “ganz Akademie” geworden. Und Bertha hat noch vor ihrer Abreise die Schwägerin besucht. Also alle meine Intrigen sind zu Ende gelaufen.

Gestern Nacht blieb ich noch lange auf über III 3 und Tor; ich hatte soviel vergessen. Nun tat es mir wirklich gut, besonders nach den vielen alten Indern. Etwas auch nach Eugen. Das frisst nämlich noch an mir. Schreiben muss er mir ja nun, nach meinem Brief. Aber warum war das erst nötig? Ich begreife es nicht.

Ich will wieder zu Badt, und dann auch zu Landau und Bradt. Morgen dann Meinecke. Vielleicht kann ich schon morgen zurück.

Ich lese Pichts Volkshochschulbroschüre und bin nach allem was ich darüber gehört hatte, angenehm überrascht.

Dein Franz.

29.VII.19.

Liebes Gritli, es ginge ganz gut dass ich schon heute abführe, aber es fährt nur ein Nachtzug, so fahre ich erst morgen früh. Eigentlich war diese ganze Reise nach Berlin ein Unsinn. Das einzige sind die Mündelschen Manuskripte (die Abschrift des * hat mich alles zusammen rund 1000 M gekostet!) heut werde ich nun noch zu Bradt gehn, der krank sein soll. Er wird mehr und mehr an die Wand gedrückt; meine Attake damals gegen Brasch war eigentlich das Beste was ich bisher für die Akademie getan habe; gestern wie ich Badt und Landau zusammen sah, wurde mir erst ganz klar, wie gut das war, was ich da angerichtet habe; das Stadium des Dilettantismus ist erst jetzt überwunden. Mit Meinecke heute früh, nur kurz; es scheint nun wirklich Oldenbourg zu werden; ich bin nun ganz wurstig geworden und lasse es kommen wies kommt. Nur hätte ich gern, der Hegel erschiene vor dem *. Obwohl ja die Identität der Verfasser doch nicht leicht bekannt werden wird. Das einzige was mich jetzt interessiert, sind die alten Inder; ich habe hier ein paar Bücher gekauft. Ob ich den Mut zu den nötigen Einschaltungen in I aufbringen werde, weiss ich aber nicht. Heut früh traf ich meinen alten Führer, Leutnant Ruhbaum; es war ein sehr komisches Wiedersehen, ich hatte es gestern schon “geahnt”. Er war mir trotz konsequenten Antisemitismusses immer sympathisch gewesen, wegen seiner für einen aktiven ungewöhnlichen Intelligenz und Bildung, eben Ministerial-geheimratssohn.

Hans schreibt (auf meine Anfrage): “Eugens Würzburger Vortrag gehört zu den grössten Eindrücken, die ich je gehabt habe. .. Wüsten war .. auch ganz hingerissen. Und obwohl die Studenten eigentlich nichts davon hatten, konnten sie doch nicht dagegen etwas haben; es war einfach “trotzdem”. Das Stenogramm ist ja immer unmöglich.” – Es ist also eine wirkliche Rede gewesen, wo das was man sagen will, unmittelbar auf den Hörer überspringt, – unabhängig von dem was man wirklich sagte.

Über III 2 schreibt Hans etwas verschnupft. Was er eigentlich dagegen hat, wird nicht recht klar; es ist mir aber auch nicht sehr wichtig; dass er was dagegen hat, ist die Hauptsache.

In Kassel werde ich nun auch Rudi noch sehn, ehe er zu Hans und zu euch fährt. Und nun noch etwas: dem englischen Parlament geht nächstens ein Gesetz zu, das die Einreise (nicht etwa Niederlassung) von Deutschen auf 3 Jahre hinaus verbietet, und wird sicher angenommen; Badt hatte es von einem englischen Zionistenführer der hier war. Ausnahmen bedürfen Spezialerlaubnis vom engl. Minister des Inneren. !!! ? ? ?

Mein Vertrauen auf das “Jahr 1919” kriegt einen Stoss. Denn die Assemblée in Holland oder St. Gallen hilft mir gar nichts; da brauche ich gar nicht hinzufahren.

Dein Franz.

30.VII.19.

Liebes Gritli, wieder in der Bahn, zurück zu den heimischen Fleischtöpfen. Es war noch ein ärgerlicher Abend gestern. Zwar zu Bradt brauchte ich nicht; er fürchtete, ich würde mich anstecken. Aber mit Täubler war ich abends zusammen und wir hatten wieder einen der üblichen Zusammenstösse; es ist ja eigentlich doch eine Lächerlichkeit, dass ich mit dieser Sache, die wirklich nicht das Mindeste mit mir zu tun hat – Täubler ist ganz allmächtig jetzt – noch immer bekannt tue. Ich könnte eigentlich mit gutem Gewissen keinem mehr zureden, Geld dafür zu geben, ausser er verklausuliert sich so sorgfältig wie ich es für Mutters Stiftung gemacht habe. Aber der nähere Weg zu dem, was ich wollte, wäre jetzt Förderung der Volkshochschulbewegung. Es ist eigentlich viel verlangt, dass ich Vatergefühle für diesen Wechselbalg haben soll; denn das ist es, und nicht etwa ein “ungeratenes Kind”. Die Kobolde haben das echte gestohlen und ein dummes Allerweltskind untergeschoben. Ich hatte etwas vergessen, wie die Dinge liegen. So fahre ich recht down und aussichtslos von Berlin weg. Auch Badt, der dabei war, muss einen tüchtigen Stoss gekriegt haben; ich sprach ihn nicht mehr hinterher. Er hatte sich ja auch unter der Akademie bisher immer noch eine jüdische Angelegenheit vorgestellt. Mir wäre jedenfalls die Stellung, die mir damals zugedacht war, ganz unmöglich gewesen; ich hätte mich in dauerndem Kampf mit Täublers Universitätsfimmel aufgerieben; hoffentlich nimmt Badt die Sache gleichgültiger.

Ich bin wirklich froh, dass ich nochmal fort von Berlin bin auf 1 oder 2 Wochen.

So einen Wutbrief schreibe ich dir nun! Du kannst doch wirklich nichts dafür!

Dein Franz.

30.VII.[19]

Liebes Gritli, als ich eben heimkam, lag dein Brief da und eine Karte von Eugen. Die Karte las ich zuerst, natürlich; und sah daraus, dass ich wirklich keine Gespenster gesehn hatte – ich hatte es mich inzwischen in Berlin manchmal gefragt – und dass es wirklich so schlimm ist, wie nur möglich. Er kann mir auf meinen Brief nicht antworten, er muss noch um mich herumdenken!! Er schreibt, ich solle ein bischen Geduld haben! Ich solle die Pause benutzen, um gesund zu werden! (ich! dabei bin ich gesund seit Sonntag vor 8 Tagen und bedarf nicht der geringsten Schonung, wenn er mir was zu schreiben hätte). “Ich bleibe trotzdem dein Eugen”. Er ist also, trotz deiner Briefe, noch ganz durchei-nander. Es wäre wirklich gut, du hättest unsern 1916er Briefwechsel schon abge-schrieben, damit er sieht, das nichts, aber auch nichts [doppelt unterstr.] Neues passiert ist, und dass er längst schon fertig damit war. Das Wort, was ihn jetzt erschreckt hat, habe ich ihm 1916 schon genau so geschrieben. Zwar wenn er abgeschrieben ist, der Briefwechsel meine ich, dann wird er ihn gleich veröffentlichen wollen, es “giebt ja nichts Privates”. So ists vielleicht besser, es bleibt wie es ist; denn sonst giebts darüber einen neuen Streit. Vor allem aber, er soll sich jetzt nicht hinter ein angebliches Erstnochgesundwerdenmüssen meinerseits zurückziehn. Er soll mir schreiben, was er noch auf dem Herzen hat, und weshalb er – “nicht daran denkt, Riebensahm zu bekehren”, sondern ausgerechnet mich.

Ich habe übrigens in Berlin durch Badt eine Zusammenstellung von Flugblättern, in denen der deutsche Christ seinen geliebten Mitchristen zu Judenpogromen auffordert, gesehen, – eine erbauliche Lektüre zum Thema Bekehrung; Eugen hätte wirklich reichliches Material zu Bekehrung da und könnte sich die Juden ruhig auf den jüngsten Tag aufsparen.

Soll er wirklich noch 3 Wochen lang, denn solang dauerts ja bis Rudi kommt (selbst wenn er erst auf den Feldberg geht und dann erst zu Vater Kern), soll Eugen also wirklich noch soviel Wochen an dieser tollen Vorstellung kauen? Ich glaube, ich werde keine “Geduld haben” und ihm, sowie ich mich erst etwas beruhigt habe, schreiben. Augenblicklich bin ich noch übererregt; ich hatte die ganzen Tage auf die Antwort gewartet und nun kommt eine, die mir erst zeigt, wie schlimm es noch aussieht, schlimmer ja offenbar als auch du ahntest. Heute könnte ich ihm auch nicht schreiben; es kocht in mir über diesen christlichen Hochmut, der weil er die “Liebe” gepachtet hat, den Balken des Hasses im eignen Auge nicht sieht.

Verzeih diesen Brief. Aber ich muss mich ausschütten. Ich bleibe nicht“trotzdem”, sondern so wie ich bin und auch mitsamt diesem bösen Brief

Dein Franz.

(Datum!!):31.VII.19

Liebes Gritli, schon um deinem Fluch zu entgehn – und ausserdem wegen der furchtbaren Gefahren, die mir Rudi in Aussicht stellt – und ausserdem sowieso bleibe ich ja noch bis Mutter fortgeht hier in Kassel. Aber nun lass dieses Thema wirklich fallen, ich bin ja denkbar brav und erhole mich in einem fort, bis mir der Arzt Arbeit verschreibt, weil er sieht dass mir das dauernde Erholen schadet. – Die Náná war da heut Nachmittag, morgen kommt Rudi (und jetzt Jonas auf ca 1 Monat nach Bromberg). (Mutter ist seit sie wieder in Form kommt, mit ihm immer zufriedener und schimpft gar nicht mehr auf seine Langweiligkeit; er ist übrigens auch wirklich umgänglicher, seit er “Akademiker” geworden ist. Ja, die “Akademien”).(Apropos: an den Palälstinaschriften bin ich unschuldig. Es wird eine kleine Bosheit von H.U. sein. Oder hast du noch eine unbekannte Palästinaquelle??) – Ich war wirklich so sehr in meiner eignen Not mit Eugen befangen, dass mir von deinem ganzen langen Brief nur die eine kleine Notiz sich einbrannte, dass es ihm zum Herkommen nach hier war. Ich will und kann nun wirklich “Geduld haben”. Herkommen und Sehen ist ja ganz unnötig; es genügt vollauf, wenn ers nur erst wieder fertigbringt, mir zu schreiben. Er – aber ich bin es müde, von ihm per Er zu schreiben.

Was ist Picht für ein Mensch! Aber was stellt er für Ansprüche ans Leben. Er meint, die “Notwendigkeiten und Gesetzlichkeiten” müssten ihm wie gebratene Tauben ins Maul fliegen. Das ist vielleicht das sublimst “Heidnische” an ihm. Er weiss nicht, dass die Notwendigkeiten an deren pflanzenhafte Fix und Fertigkeit er glaubt, so scheinlebendig und scheinschön sind wie die Wunderblumen in Klingsors Zaubergarten, die mit einem Mal verwelkt sind, und dass die echten und unverwelklichen Notwendigkeiten nur aus den schiefen und krummen, tauben und blinden Bettlergestalten des Lebens, “wie es nun einmal ist“, wachsen, durch die Wunderkraft der lieben Not, die er selber an sie wendet, – und sonst nirgendwoher. So wie auch die echte und dauerhafte Gesetzlichkeit sich nur dem zeigt, der sich selber einsetzt, nicht dem der sie als sesshaftes Gesetztes irgendwo vorzufinden hofft.

Es ist spät geworden über Korrigieren von III 3, ich will noch herunter, weil es Jonasens letzter Abend ist. Gute Nacht, Liebes – ich fühle jetzt wie es besser wird und wie sich die Wunde dieser

1 1/2 Wochen zu schliessen beginnt. Ich war unwirsch und verletzlich, auch wenn ich an dich schrieb, ich konnte dir gegenüber am wenigsten etwas was an mir zehrt verbergen. Ich weiss aber, dass du mir die Arme doch auftust, und grade dann.

Mein liebes Herz – ich bin dein.

August 1919

1.VIII.19.

Lieber Eugen, du brauchst gar nicht selber zu kommen, ich bin schon froh, dass du mir wieder schreibst. Auch wenn es noch ein bischen Unsinn ist. Aber selbst der Unsinn wenn er einem nur ins Gesicht springt ist besser als die Zurückhaltung und das Nichtkönnen. Das habe ich in diesen 14 Tagen am eignen Leibe erfahren.

Sieh ich kann es von mir aus nicht begreifen, wie man etwas verlieren kann. Was ich habe, das halte ich auch und lasse es mir nicht nehmen. So musste mich deine erschreckende Fähigkeit zu vergessen und plötzlich wieder irgendwo zu stehen wo du vor Jahren standest, als ob inzwischen nichts geschehen wäre, – das musste mir den Boden unter den Füssen wegziehen. Ja, wenn ich selbst mich im gleichen Augenblick auch wieder auf das Damals zurück schrauben könnte! Aber das kann ich nicht. Wofür ich 1913 offen war, dafür bin ich 1919, eben weil ichs 1913 war, nicht mehr offen. Wir dürfen  uns doch nicht immer wieder mit dem gleichen Stachel stacheln. Sollen wir selber wachsen und allein der Stachel soll nicht mitwachsen?

Für Mutter ist der Ostermontag wirklich eine Krise gewesen; es geht dauernd bergauf. Ich kann jetzt freilich ebensowenig etwas dafür wie vorher. Ich kucke einfach zu und freue mich, ohne zu begreifen woher es eigentlich kommt; denn alle Gründe sind unverändert, sie “müsste” eigentlich genau so sein wie vorher; es ist eben weiter nichts dazwischen getreten als das Ereignis. Ich bin nun jetzt sehr vorsichtig und mute ihr nichts von mir zu, sondern lasse mirs und ihrs einfach wohlsein. Es ist nun eine ganz andre Luft hier im Haus, man kann wieder atmen. Und ich kann wieder mit reineren Gefühlen an Vater denken, was ich eine Zeit lang wirklich nicht konnte, weil ich ja ihm die Schuld an der stickigen Atmosphäre, die Mutter ausatmete, zuschieben musste. Ich hätte gedacht, die Veröffentlichung würde deiner Mutter gut getan haben. Freilich hätte wohl dazu gehört, dass sie irgeneine Ansprache daraufhin erfahren hätte. Von irgendeinem 50 jährigen Naturwissenschaftler oder so. Ich hatte ihr auch schreiben wollen, tue es auch noch, aber das ist natürlich nicht das Richtige.

Rudi wird übermorgen früh in Marsch gesetzt; bis dahin behalte ich ihn hier. Jonas reist heut oder morgen. Und die arme Frau Ganslandt wartet.

Dein Franz.

I.VIII.19

Liebe, heut ist ein Brief von Eugen gekommen und ich bin froh, einfach über die Tatsache; was drinsteht, verstehe ich nicht recht, aber ich kann nun wirklich leichter geduldig sein; dass ichs bisher nicht war, hast du ja gesehen; ich weiss auch nicht recht, wie er jetzt zurechtkommen soll; wenn er die letzten Bücher vom * wieder lesen wird, so wirds ihm auch nochmal einen bösen Stoss geben; ich habe doch nun an III 2 gemerkt, wie es auf Hans und Rudi wirkt; und III 3 ist ja noch ungleich schlimmer, weil es ja nicht bloss schildert, sondern kritisiert. Jedenfalls wünsche ich eine Weile schrifltiches Verfahren und bin ganz zufrieden, dass er nicht hierher gefahren ist. Er wird so ein Stück formulierter Klarheit brauchen, wie es sich nur schriflich herstellen lässt. Die grössere Langsamkeit und Umständlichkeit gegenüber dem mündlichen Verfahren ist jetzt nur gut. Die Hauptsache ist, dass er nun überhaupt wieder sprechen kann. Ich verdanke es ja wohl Picht.

Ich bin heute wieder müde. Diese Chininfresserei! Nach Tisch kommt Rudi. III 3 und Tor sind durchkorrigiert.

Liebste —- Figaros Hochzeit, 2tes Finale: Es fehlte —– Was denn? —– Ein Geringes —– ….[Notenschrift, Auszug Partitur]

Ich vermisse es wirklich!

Dein Franz.

2.VIII.19

Liebes Gritli, Rudi ist da, nur ein paar Worte. Er hat mir allerlei aus Eugens Brief erzählt; so sehe ich jetzt klarer, was ich gestern in seinem Brief nicht verstand – und zugleich, was ich immer noch nicht recht glauben wollte: wie tief es ihm geht; er hat es plötzlich wirklich wieder mit dem Judentum zu tun, gar nicht mit mir. Er macht gar das Judentum für seinen Weidemann April verantwortlich – und doch war ich es damals, der ihm sagte, wenn er auf diesem Weg bliebe, so gingen unsre Wege auseinander. Ich weiss nicht recht, was ich ihm schreiben soll; gestern habe ich ihm so dürftig geschrieben, weil ich ihn ja nicht recht verstand; so würde ich ihm gern gleich nochmal schreiben.

Ich habe Rudi III 3 und Tor vorgelesen. Ich denke im Stillen, wenn er den * jetzt wieder liest – er hat ihn ja sicher vergessen – so werden manche Gespenster sich ein[?]fach auflösen. Rudi brachte mir auch ein paar alte Briefe von ihm an mich wieder (von Anfang 1917), ich war nachträglich erschrocken über den furchbar scharfen und schroffen Ton, den er da gegen mich anschlug; ich muss gute Nerven gehabt haben damals. Er hat sich mir damals eigentlich viel mehr verborgen als ich ihm, – und doch habe ich durch die Schleier durchsehn können –

Kann ichs denn jetzt nicht??

Hilf mir dazu.

Dein Franz.

3.VIII.19

Liebes Gritli, so ist es nicht. Lass dich nicht irre machen. Wenn ich das Christentum eine “Lüge” (besser, korrekter: einen “Wahn”, denn zur Lüge gehörte ein Lügner, zum Wahn nur Wähnende) nennen muss, so müsst ihr nicht <immer wieder hoffen, dass der Jude “bekehrt” werde>. An den Strichen, die ich dir in deine Worte hineingemalt habe, siehst du schon, dass sich das nicht entspricht. Entsprechen würde sich und so erkenne ichs stets an: dass ihr hoffen dürft, dass die Juden “bekehrt” werden, dass ihr das Judentum für verstockt, meinethalben für verflucht haltet, selbst es hasst – denn wie könntet ihr über Christus hinaussehn, wie könntet ihr, da ihr ganz und gar auf dem Weg seid, wirklich fühlen dass der Weg am Ziel aufhören muss (selbst wenn ihrs mit dem Paulus des Korintherbriefs theologisch “wisst”). Aber der Jude, zu deutsch: ich, dieser einzelne Jude, den ihrliebt, den dürft ihr, wenn es euch nun einmal geschehen ist, dass ihr ihn in seiner Jüdischkeit von Gott geschenkt bekommen habt und ihn als Juden lieb = gewonnen, nicht “bekehren” wollen, dem müsst ihr von Herzen wünschen, dass er Jude bleibt und immer jüdischer wird, und müsst sogar verstehen, dass eure Hoffnung für die Juden davon abhängig ist, dass dieser euer jüdischer Nächster und nächster Jude unbekehrbar bleibt. (Denn sonst hätte euer Kirchengebet, dass die “Bekehrung für Israel” gesondert erbittet neben der Bitte um Bekehrung der Heiden, keinen Sinn und kein Daseinsrecht). Wolltet ihr aber darauf bestehen, mich den einzelnen Juden zu bekehren zu hoffen, so würde dem entsprechen, wenn ich nicht das Christentum Wahn, sondern euch einzelne Christen – Lügner nennen wollte (Schema: “Was? Augustin? – der Spitzbub!!”) und das konnte zwar H.Cohen, aber ich kann es nicht, will es nicht und werde es nicht, und ihr könntet mir, soviel ihr wollt, jenes Unrecht antun, ihr würdet nicht erreichen, dass ich euch das “entsprechende” antäte.

“Ihr” – ich schreibe immer von “Ihr” —- du bist es doch! Du!! Und du willst mich doch wahrhaftig nicht “bekehren”. Denn freilich in der Hoffnung halten wir uns gegenseitig fest als die “…tümer”, “wir” und “ihr”. Aber zwischen uns Einzelnen allen ist ein Wunder geschehn, das uns über die überlieferte, offenbarte Gemeinschaft der Hoffnung hinaus verbindet, verbindet durch das Band nicht der Hoffnung, sondern der Liebe. Und wolltet ihr mich bekehren, so fiele ich dadurch aus eurer Liebe heraus; genau wie ihr aus meiner, wollte ich euch – brr! – Lügner nennen. Und so war unser Band doppelt geflochten, aus der überlieferten gemeinsamen Hoffnung und aus dem uns geschehenen Ereignis der Liebe – und es war alles gut, bis Hans als ein Neuling hineinkam und als erster Papst der “Ketzerkirche” – schreckliches Wort und schrecklicher Gedanke, sich selbst für “Ketzer” zu erklären, fast so schlimm wie Eugens Ausfertigung von Prophetendiplomen – also bis Hans als erster Papst der Ketzerkirche in das zwiegeflochtene Tau noch den dritten Strang, den des Glaubens, der dogmatischenGemeinschaft, hineinflechten wollte. Die aber ist und bleibt uns versagt. Oder, ich will nicht mehr sagen als ich weiss, also: die ist uns nicht gegeben. Ob sie je einmal uns gegeben wird,  – “über tausendtausend Jahre” – das weiss ich nicht; ist sie gegeben, so werde ich es wissen; aber heute ist mir auch nur die Vorstellung unvollziehbar; heute weiss ich nur, dass wir hier getrennt sind, dass wir nicht gemeinsam beten, jedenfalls nicht (denn die Gemeinschaft, nämlich Gleichzeitig-keit, des Gebets kann uns wohl geschenkt werden; sie ist ja weiter nichts, als dass zweie im gleichen Augenblick im gleichen Gefühl sind; und das kann die Liebe wahrhaftig wirken, – ja was wirkte sie denn sonst!) aber jedenfalls nicht gemeinsam Amen sagen können. Sollen wir aber nun deshalb, weil wir nicht unter einem Dach zusammenkom-men können, um zu knien, sollen wir deshalb vermeiden, uns zu begegnen und aus dem Ereignis der Begegnung heraus miteinander zu reden wie es uns ums Herz ist? und die Gemeinschaft der Liebe, die uns gegeben ist, verleugnen aus einem kindischen Trotz weil uns nicht auch die Gemeinschaft des Glaubens dazu geschenkt ist? Wo doch die Gemeinschaft der Liebe, wenn wir denn wirklich ungläubig genug wären, einmal daran zu zweifeln, ob sie uns denn auch wirklich von Gott gegeben ist, uns in alle Ewigkeit verbürgt ist durch die längst und über unsre einzelnen Häupter weg gegründete Gemeinschaft der Hoffnung!

Dieser Brief ist nun im Schreiben schliesslich auch zu einem Brief an Eugen geworden, zu dem, den ich ihm ja schon gestern am liebsten noch gleich geschrieben hätte. Schick ihn ihm also gleich, liebes Gritli.

Liebes Gritli, lieber Eugen  –

Euer Franz.

3.VIII.19

Liebes Herz, heute Morgen der Brief, als er mir unter den Händen zu dem Brief an Eugen geworden war, musste fort. So schreibe ich dir jetzt erst auf deinen noch ein paar Worte. Zunächst noch ehe ichs vergesse, zwei Bestellungen: wenn du die neue Fassung des Ersten noch nicht weitergeschickt hast, so tus auch nicht, denn es kommen noch eine Reihe teils unwichtiger teils wichtiger Änderungen; sonst halt es vielleicht bei Eugen noch auf, ehe ers an Picht weiterschickt. Dann: O.Viktor hat Eugen geschrieben (diskret natürlich) dass die Fakultät ihn zum Professortitel eingereicht hat und dass Eugen also, solange das in der Schwebe ist, alle etwaigen Schritte gegenüber der Fakultät (Urlaub oder sonstwas) nur nach vorhergehender Besprechung mit ihm vornehmen soll. Sorg also auch du dafür, dass er keine Dummheiten macht; es ist ja nur für kurze Zeit. Seine Stuttgarter Stellung ist sofort eine ganz andre, wenn er “Professor” ist; das versteht sich ja. Also bitte.

Ich bin wie entlastet, seit ich heut Morgen Worte an Eugen gefunden habe; er muss doch nun hören! Ich verdanke übrigens die Lösung der Zunge dir, nämlich dem Ärger, ja beinahe Zorn über das was du mir geschrieben hattest, was sich “entsprechen” sollte, – grade weil du es geschrieben hattest. Das “Persönliche”, zu deutsch die Liebe, muss doch vorbehaltslos und rückhaltslos sein; wie könnte ich zugeben, dass du (oder irgend ein “Du”) für mich über meinen Kopf weg und also hinter meinem Rücken eine Hoffnung anheftetest, die nur “ihr” für “uns”, (aber nimmermehr “du” für mich) haben dürft. Ich wäre ja keinen Augenblick mehr sicher, ich müsste mich ja immerfort umkucken; und wenn ich das müsste, wie könnte ich dann noch dich (irgend ein “Dich”) – ankucken. Nein du schreibst: sieh mich an,  – und wahrhaftig: ich will dich ansehn und nicht hinter mich sehen müssen, keine “Rückendeckung nehmen” müssen, “rückhalts”los sein können – wie ichs bin – und wie du Geliebte es bist. Ja du, ich sehe dich an, es ist kein Raum zwischen uns, du sitzest hier ganz dicht vor mir und ich kucke dir ins Auge und nehme dir die Worte von den Lippen, die paar Worte, die vielleicht noch nötig sind – nein sie sind nicht mehr nötig, ich schliesse dir den Mund.

England, Täubler – das läuft ja in diesen Tagen alles ab von mir, es traf mich nur wie von aussen; was mir mit Eugen geschah das ging mir an die Wurzeln, da hab ich das andre kaum gespürt; ich hatte es vergessen; auf deinen Brief hin habe ich dann heut Morgen gleich an Badt geschrieben, wie ich es eigentlich gleich gewollt hatte als ich herkam. Und London? Wenn es jetzt nicht geht, dass ich sie sehe (und um Augenblick kann man noch überhaupt nicht herüberfahren; von England nach Dtschland natürlich, das wird man immer können, wir können uns keine Repressalien leisten, aber von Deutschland nach England nicht) also wenn es so kommt, dass ein Zusammenkommen auf unabsehbare Zeit vertagt werden muss, dass wird das für mich sein als wenn ich da gewesen wäre und es wäre nichts geworden, und ich werde irgendwie mich frei fühlen. Das meine ich heute zu wissen.

Gestern Abend las Mutter das “Erste” vor (schlecht); es wirkte meist schlecht; ich fand es nur noch etwas lang, wir haben dann noch allerlei gestrichen. – Es war schön mit Rudi. Obwohl ja auch ihn III 2 nach III 1 verschnupft hatte (wegen “Wahn”) und er selbst die blosse Verlagsgleichheit nicht gern sah (die ja aber sowieso ja noch in weiter Ferne liegen würde und mir gar nicht sicher ist). III 3,  das ich ihm dann am folgenden Tag vorlas, hat ihm dann, wie es schien, die Wirkung von III 2, statt sie noch zu verstärken (wie ich erwartet hätte), eher paralysiert, – wohl weil er fühlte wie ich hier wirklich an die äusserste Grenze dessen was man noch aussprechen, ja auch nur wissen, kann, gehe.

Eugens Brief – verzeih, aber ich war zerstört genug, um selbst an ihm nur zu sehen, wie sehr nötig es (für mich, gewiss für mich! für ihn vielleicht, wenigstens heute, nicht) also wie sehr nötig es für mich war, dass ich die Sprache wieder fand. Ich bin nun kaum gespannt und gar nicht ängstlich, wie er antworten wird; ich habe ein ganz sicheres Gefühl.

Ich liebe dich und ihn.

Franz.

4.VIII.[19]

Liebe – dennoch vertrage ich es noch kaum, wenn mich die Post wie heut Morgen ohne Brief von dir lässt, ich muss noch täglich dein Eia spüren.

Hans Hess war gestern Abend da, erzählte viel von Heidelberg; Eugen hat ihn gewaltig vermöbelt, in Weismantels Gegenwart, mit allerlei Geheimtuerei, die ich mir dann erlaubte zu zerstören, weil ich sah, dass es ihn quälte (es habe ihn “jemand” für den Teufel gehalten, ich sagte ihm der “jemand” wäre Weidemann gewesen, da war er beruhigt, denn das wusste er schon; Weidemann selbst hatte es ihm gesagt, um ihm zu erklären, warum er plötzlich angefangen habe zu schreien). Weismantel habe er nachher leid getan und er habe ihn daraufhin etwas unangenehm salbungsvoll getröstet und ihm gesagt, Eugen reisse ein und dann baue er wieder auf, – was ich ja nun schon wusste. Ich möchte übrigens nicht dass sich Eugen darauf festlegen lässt, ich denke er wird auch einmal zum Aufbauen kommen. Mir gefiel Hess gestern im Grunde doch gut, und ich sprach ganz ruhig mit ihm, wohl das Gleiche was Eugen ihm auch gesagt hatte, aber so dass ers anhören musste, ich zeigte ihm wie leer und “litterarisch” grade seine Skepsis, sein “Zweifel an Allem” wäre und dass ihn das Leben, das unlitterarische Leben, ja schon mehr als einmal zum Glauben genötigt habe (selbst Hans hat er jetzt, persönlich wenigstens, glauben müssen) – und dass diese Punkte des Glaubens eben die einzigen Wirklichkeiten auch in seinem Leben seien und es unwahrhaftig sei, dann noch vom allgemeinen Zweifel zu reden. Während er ja Recht und Pflicht zum Zweifel übrigens immer behalte, schon nach der Melodie ich glaube hilf meinem Unglauben. Nur dürfe er, woran er schon glaube nicht mit dem woran er zweifle vermanschen.

Den Vortrag fand er sehr gut, obwohl er mehr historisch gewesen wäre und das Eigentliche nur durchgeschimmert habe. Und so sei ihm das Positive an Eugen schwer sichtbar, weil er es ja immer nur andeute – und das ist ja eigentlich nicht seine Schuld.

Ich hoffe, Rudi kommt nach Säckingen; ich habe ihn etwas auf deine Mutter scharf gemacht; ich wollte für beide, sie lernten sich kennen.

Was ist das für ein sonderbares Bedürfnis, dass man die Menschen durcheinander bringen muss und nie zufrieden ist solange man sie bloss so …[Zeichnung] hat, sondern erst, wenn man sie so…[Zeichnung] hat. Eigentlich ist aller Kummer im Leben nur, dass das so schwer ist.

Liebste, zwischen uns gehen die Linien wohl wie in einem magnetischen Kraftfeld:

[Zeichnung] – Dein.

5.VIII.19

Liebe, ich habe mich so gefreut, wie ich wieder das Siegel sah; ich hatte es so entbehrt. Eine Karte von Eugen, einer Nachricht wegen, war auch da. Mutter ist wirklich besser und ich hoffe eigentlich sicher, dass das dauernd und (in den Grenzen die ihr nun wohl mal gesetzt sind) wachsend sein wird; aber natürlich ists noch über einer dünnen Decke und darunter sind noch Löcher und Moräste. Du schreibst ihr ja wieder; es ist jetzt leicht, nett zu ihr zu sein, und ist das einzige was im Augenblick nötig ist.

Was ist denn mit Frau Riebensahm? ich habe doch kein wirkliches Gefühl für sie, sonst müsste ich es so wissen. (Ich meine: ich weiss natürlich, was du mir gesagt hast; aber das sind doch Nöte, die vorübergehen können, und Eugen selbst wird sie doch

vorübergehen machen, wenn er den Mann erst mal wirklich entlastet.

H.Hess erzählte übrigens: die Professoren in Würzburg hätten vor Schreck über die Revolution ihrer Studenten beraten, ob sie nicht einen von den beiden Unruhstiftern, Eugen oder Weismantel, zum Professor machen und so den Sturm beschwichtigen sollten!!!!

Heut nachmittag habe ich Rudi Hallo hier.

Ich sitze über Indern und Chinesen und werde hin und her geworfen. Als du meintest ich schlief schon, werde ich wohl auch grade im Bett gelesen haben. Aber du hättest ruhig hineinkommen können, ich hätte das Buch schon weggelegt und deine Hände genommen und ihnen gesagt: Ich bin Dein.

5.VIII.19.

Lieber Eugen,

das Geld an Mündel ist schon seit Tagen unterwegs; ich konnte es ihm nicht eher schicken, als ich die Rechnung hatte und die war in Berlin in dem Manuskriptpaket. Übrigens sollte er ganz stille sein: die Seite Schreibmaschine für 1,50 M – das kriegt er so leicht nicht wieder. Die ganze Abschrift hat 1000 M gekostet.

Ich hab Meinecke gesagt, ich würde den Hegel an Oldenbourg geben, wenn der sein Angebot aufrechterhielte. Nun warte ich auf Nachricht von Oldenbourg; Meinecke hat ihm geschrieben. Aber natürlich wird O. nicht bei seinem Angebot bleiben und so giebts wieder neue Hinzieherei. Das ist mir aber gleich; ich arbeite doch erst wieder daran, wenn ich sicher weiss, dass es gedruckt wird, vorher fehlt mir jede Lust.

Beckerath kommt übermorgen auf einen Tag; da werde ich ihm zusetzen, wegen des Werkzeitungsartikels.

Weidemann? ich glaube, nicht. Was soll er denn mit mir anfangen, wenn ich plötzlich mit meiner Allwissenheit und Dabei = doch = ihm = völlig = Unbekanntheit auf ihn einstürze. Dagegen hatte ich vorgestern Hans Hess hier, und habe den armen Jungen etwas beruhigt zunächst und ihm dann deine Scheltrede aus der Sprache der Götter in die Sprache der Menschen übersetzt. Ich glaube wenigstens. Jedenfalls schien er mir nachher, nachdem er anfangs von Heidelberg her noch einfach verstockt war, etwas aufgeweicht. – Übrigens was ist das für eine tolle Geschichte von der Würzburger Universität, die er erzählt? Sie habe dich oder Weismantel, um euch unschädlich zu machen, berufen wollen??

Hatte denn Goethe und Bismarck eine Umarbeitung nötig? Wolltest dus nicht einfach als ein Dokument der Revolution vor der Revolution geben?

Bist du mit dem umgearbeiteten “Ersten” zufrieden? – Wie hast du bez. des Hölderlinbuches entschieden?

Und wie bist du? was bist du? Ich möchte so gern sein

Dein Franz.

6.VIII.19

Liebe, ein Morgen ohne dich. Böse Post!! Statt dessen von Rudi Nachricht aus Heidelberg. Denk, Hans will mir den zweiten Teil von “Tragödie und Kreuz” widmen (also das Kreuz), den ersten Philips. Ich habe heftig abgewinkt. Aber du siehst, es geht immer noch weiter, und Hans als der eigentliche (diesmal) Ursprung des Übels hält auch am längsten daran fest. Rudi selbst hat ihm natürlich schon heftig abgeraten.

Morgen kommt wohl Beckerath.

Rudi Hallo war hier. zwischen ihm und mir steht seine Taufe, wenigstens von mir zu ihm. Ich kann ihn nicht einfach als Christen nehmen – denn er ist es ja nicht; ich weiss und fühle, wie luftig der Boden ist auf dem er steht. Ich komme nicht darüber weg, dass es eine einfache Übereilung und innere Hülflosigkeit war, und dazu die (übliche) Oberflächlickkeit und Bequemlichkeit der Mutter. Eugen kann nun Mitleid und Geduld mit ihm haben; ich hingegen muss mich beinahe hüten, dass ich ihn nicht hasse – und er kann doch wahrhaftig nichts dafür. – Sein grosser wissenschaftlicher Plan, den er mir gestern erzählt hat, ist ja weiter nichts als Verzweiflung. Ein Meer ohne Land. In 2-3 Jahren wird er abgründig gelehrt, in weiteren 5 Jahren Professor professoralissimus sein. Ich habe es ihm gesagt; sehr erschrocken ist er aber nicht; er will, scheint es, so einen sturmsicheren Winkel. Es ist nichts an diesem Plan, was nicht z.B. Hans Hess in seinem augenblicklichen Zustand, sich auch vorgenommen haben könnte. Oder noch krasser ausgedrückt: mit dieser Arbeit dürfte auch ich mich habilitieren. Denn es ist eine ganz seelenlose Fragerei: wer hat? wann hat? wo ist zuerst? hats der von dem? oder der von dem?

Komisch und tragikomisch, wenn so die Universität mitten unter uns und gar unter der nachwachsenden Generation wieder Boden gewinnt. Denn es ist die alte, die olle unehrliche Universität.

Er erzählte übrigens, dass der Göttinger Philosoph Misch, ehe er seinen Freund Nohl auf das andre Ordinariat hinbrachte, bei Spengler angefragt hat. Der hat aber abgelehnt, weil er frei bleiben wollte! Muss man nicht beinahe sagen: solchen Glauben habe ich in Israel nicht gefunden?? –

Ob die Post heut Nachmittag ein Einsehen hat? Weisst du wie ich mich nach deinen Briefen sehne? Nur nach deinen Briefen. Aber nach denen auch so, als wenn es gar nicht bloss Papier und eingetrocknete Tinte wäre. Es ist ja auch mehr. Soviel mehr.             Geliebte –

Dein.

6.VIII.19

Liebe, Geliebte  so brieflose Tage, da ist einmal schreiben nicht genug. Ich hatte vor ein paar Tagen in der grossen Schreibtischschieblade ein Couvert mit Briefen von dir gefunden, September und Oktober 1918, auch das Büchlein mit Durchschlägen; ich weiss nicht woher ich sie verschlumpert hatte; heut Nachmittag verkroch ich mich hinein, ich habe ja sonst keine alten Briefe von dir hier; so war ich über den Zufall froh, einerlei ob Mutter sie nun sicher gelesen hat, das wird ja nachträglich so gleichgültig. Ich war nur froh, dass ich sie da hatte und lesen konnte, und es wurde mir ganz warm vor Liebe und Sehnsucht. Es waren auch erste Antworten auf die ersten Nachrichten über den *, nun alles schon längst erfüllte Profezeiungen. Liebe, wie gut ist uns das Leben gewesen. Ich spüre deinen Herzschlag, wie in den alten Briefen als ob sie von heute wären, so über die paarhundert Kilometer weg als ob du hier vor mir sässest und ich könnte meinen Kopf in deine Hände legen. Es ist nichts zwischen uns.

Ich bin Dein.

7.VIII.19 [rotumrahmt]

Mein liebes Gritli, ganz müde bin ich heute. Chinin (nur von Sonntag bis Dienstag habe ich immer frei) und spät eingeschlafen (durch den tollen Chinesenroman, “Die drei Sprünge des Kwang = Lun” von Döblin, das Kostüm ganz stupend echt, es steckt viel mehr Arbeit darin als in einem durchschnittlichen “wissenschaftlichen” Buch über so einen Gegenstand; aber das Aufregende ist der Inhalt, das Buch ist von 1915 und handelt vom Bolschewismus, d.h. vom wirklichen, es ist ein Spiegel des jetzigen russifizierten, tolstoiisierten Europa). Aber es war ein Brief von dir da. Ich bin froh.

Zwischen Frau R. und mir kann es aber noch nicht aus sein. Ich habe ja keine bewussten Widerstände mehr gegen sie; und sie, – wenn sies nur aufgäbe mich durch künstliches und schematisches Unterscheiden und Entgegensetzen von meinem Doppelgänger abrücken zu wollen, ich bin ja ganz anders; das wird sie aber freilich nicht sehen, solange sie meint, sie könne das nur bewähren, indem sie mich hasst, weil sie ihn geliebt hat. Ich empfinde und weiss eure Zusammengehörigkeit en quatre als zu notwendig; die Störung, die ich hineingebracht habe, kann und darf nicht endgültig sein.

Ich habe gestern auch 2 Briefe Eugens vom Juli vorigen Jahres gefunden, weisst du ins Lazarett. Sie waren auch vis-à-vis du rien. Er spricht darin auch, als wenn nie etwas zwischen mir und ihm geschehen wäre und zerbricht sich den Kopf, ob es am Ende eine Sprache geben könnte, in der sich zwei Menschen auch ohne das gemeinsame Credo verständigen könnten.

Mein Brief neulich wurde mit für Eugen, aber er war für dich; bitte lass ihn dir von Eugen wiederschicken und leg ihn zu deinen. Zwischen mir und Eugen ist die Liebe nicht so natürlich und unbezweifelbar. Wohl von mir zu ihm; mir war es natürlich solang ich ihn kannte; aber er hat sich lange versagt und hat über meine steile umdüsterte “Stirn” meine “bösen jüdischen Ewigkeitsaugen” +) und was weiss ich noch für Körperteile so lange philosophiert, während ich ihn längst mit Haut und Haaren verschlungen hatte. Beinahe ists mir jetzt schon gleich, wie er antworten wird; ich lasse ihn doch nicht.

Und dich, dich halte ich nicht einmal – meine Seele schmiegt sich an deine, nicht wie eine Hand die andre ergreift und hält und nicht lässt, nein grifflos, handlos, Schulter an Schulter, Wange an Wange aneinandergelehnt, und Herz an Herz.

Du meine – Dein.

+) die stehen im letzten Brief!

7.VIII.19

Liebe, ich sitze wahrhaftig schon wieder bei dir, das braune Häuschen hat mich verlockt. Und morgen, wenn Beckerath da ist – aber nein, er kommt erst nachmittags. Wie fandest du Rudis Stück denn sonst? Kitschig ist es ja nicht mehr. Aber hat es den nötigen Zug und Schmiss – und die innere Wahrscheinlickeit, vielmehr Wahrheit? Ich bin durch Mutters heftige Reaktion dagegen wirklich unsicher geworden. Sie (und auch die andern, auch Trudchen) fand das ganze Problem gekünstelt. Ist das nur der Hochmut der “anständigen Frauen” gegen “solche Personen”? Die Leipziger Ehrenbergs gar fanden die erste Fassung unvergleichlich besser! Mir bedeuten ja beide Stücke nicht sehr viel und ich gebe sie beide billig für die letzten Predigten, in denen ja dasselbe steht. – Ich merke, dass dieser Brief wohl grade ankommen wird, wenn Rudi kommt. Er scheint ja früher zu kommen als er erst vorhatte.

Ich hatte ganz vergessen, dass für mich mein Verhältnis zu Kähler sich durch die Tage hier und die geschlossene Front die er gegen sich fand, wirklich verschoben hat. Allerdings war dies Verhältnis selber noch ein sehr blasses und mageres Geschöpf, dem man die lange Krankheit, an der es daniedergelegen hatte, noch ansah.

Weidemann? du schreibst: “Eugen hofft – du “hoffst” also nicht und hast recht damit. Es wäre ganz unmöglich. Ich schrieb es selber schon Eugen. Wer bin ich denn für ihn? und soll ich mich vorstellen? als Confident? das hätte doch nur was Beleidigendes für ihn und müsste ihn grade stumm machen. Überhaupt war die Gewaltsamkeit, mit der er sich Ruhe ertrotzt hat, eigentlich respektabel. Ich glaube nachträglich eigentlich ganz an das Theaterspiel. Dass es schändlich war, weiss er sicher selber, aber er wusste sich einfach nicht zu helfen. Im Kleinen und Abgeblassten hat doch Rudi Hallo ähnlich reagiert, auch als er Eugen bat, ihm “nicht so oft” zu schreiben: Bei Weidemann, diesem jungen Riesen, kam alles, Aktion und Reaktion, entsprechend riesenmässiger. (Schwankt dir nicht auch noch alles vor den Augen, wenn du wieder daran denkst, an diese Apriltage?) Man muss ihn wohl wirklich in Ruhe lassen. Und warten, bis er einmal von selber wieder kommt. Oder sonst einen Weg findet. Es geschieht eben vieles ins Leere und geht scheinbar verloren. Und ist doch sicher nicht verloren.

Grüss Rudi wenn er da ist. So lernt ihn ja nun wenigstens Hedi auch noch kennen.

Ob ich in der nächsten Woche es wage, die Einschaltungen in I zu machen?

Sehr sehr     Dein.

8.VIII.19

Liebes Gritli, statt von dir oder von Eugen brachte die Post etwas von Hans, die zweite Nummer seines Traktätchens, mit einem herrlichen ganz kurzen Aufsatz von ihm, dem von den Zugvögeln. Du wirst das Blatt wohl schon haben. Er spricht wie in den schönsten Augenblicken des Kollegs. Mir ist wohl heute, weil ich ausgeschlafen bin – soweit es einem an diesen Chinintagen wohl sein kann. Ich will heut Morgen mal zu Trudchen gehn.

Weisst du eigentlich, dass wir hier in Wohnungsnöten sind genau wie ihr, nur umgekehrt. Sie sind sehr chikanös hier. Der Plan mit Kästners – davon schrieb ich dir doch und von meinem Besuch bei der Kapelle – ist misslungen; Julie laudabiliter se subjecit. Die Kapelle, das Viech, hat auf einen wirklich prachtvollen Brief von Mutter überhaupt nicht geantwortet. Nun ist uns diese ganze Lösung gar nicht so unrecht, – so schade es auch für Julie (und Hanne!) ist. Denn sie wären uns möglicherweise gar nicht angerechnet. Mutter denkt nun an Zieglers oder eine derartige Familie und hat es sich so ausgedacht, dass dann das Haus im Ganzen doch gerettet würde. Z.B. würden wir im Oberstock Euer Appartement als Fremdenzimmer behalten. Abgeben würden wir die drei andern Zimmer im Oberstock (abgegebene Küche würde das Mädchenbad im Souterrain), Mädchenzimmer würde das Schrankzimmer im Mittelstock, Mutters graues würde mein “Arbeitszimmer”. Die beiden Zimmer im Oberstock besetzte nominell Jonas als “Schlafzimmer” und “Atelier”; in Wirklichkeit schliefe er, wenn ich nicht da bin in meinem Schlafzimmer. Die Möbel würden sich verteilen lassen. So würde der Unterstock gerettet werden und das Appartement im Oberstock. Hoffentlich gelingts. Ich wünschte Mutter so sehr diese Erhaltung des äusseren Rahmens ihres Daseins, den sie jetzt allmählich wirklich wieder innerlich zu erfüllen beginnt.

Rudi (kannst du ihn grüssen?) schloss seine Briefe immer mit so einem kleinen herausfordernden “schreib mal”. Also: Schreib mal!

Dein Franz.

9.VIII.[19]

Liebes, ein Wort nur, ganz spät. Ich lag sogar schon im Bett, aber ich kann nicht einschlafen. Es war ein schlechter Tag heut, das Chinin wirkt ganz mörderisch, ich war zu nichts zu brauchen vor lauter Nervosität. Dazu hatte mir Mutter am Morgen auch noch den Arzt bestellt, wozu weiss ich nicht, der mich in einem fort fragte, ob ich auch wirklich gewillt sei, die Kur zu gebrauchen, worauf ich ihm ebensooft versicherte, ich hätte noch nie etwas andres beabsichtigt. Kurz – na.

Emil hat heut Abend den Eisenbahnaufsatz für Eugen geboren, wenigstens im Entwurf, morgen muss er ihn ausarbeiten. Eugen kann sich bei mir bedanken. Übrigens bei der katholisierenden Dame hatte er ja den besten Willen. Er hat Eugen eine Postkarte geschrieben, damals auf seinen Brief hin, und gebeten, dass du das Äusserliche mit ein paar Zeilen an sie veranlassen solltest, weil er doch nicht selbst an sie schreiben könne. Darauf habe er von Eugen keine Antwort bekommen und so die ganze Sache für “wieder vorbei” gehalten. – Ist denn die Karte nicht angekommen?

Eugens Fabel hat ihn gewaltig verschnupft wegen dem was die Taube tut. Er fand das takt = geschmack = gefühl = etc. = los. Dieweil es doch der heilige Geist oder sonst was Christliches ist. Ich musste meine Inkompetenz erklären. Er meinte, wer drauf und dran sei, katholisch zu werden, wie könne der gleichzeitig sowas. Überhaupt Beckerath – ich weiss nicht, oder vielmehr ich weiss. Ich habe ihm das Friedrichshafener Datum gesagt, damit er ev. von Honnef dahin kommen kann. Aber im ganzen, er ist wirklich Mutters “Bundesgenosse” als den sie ihn denn auch kräftig in Anspruch nimmt.

Von Eugen eine Karte, wo er einen Brief für morgen verspricht.

Und von dir? wohl einen Gutenachtkuss.

Gute Nacht.

Dein Franz.

10.VIII.[19]

Liebes Gritli, du setzest mich ja richtig auf halbe Rationen, jeder zweite Tag ein Fasttag. Von Eugen war die Daimlerzeitung gekommen, sehr zu pass, indem nun Beckerath das Niveau sehen konnte. Ich hoffe, ihn jetzt zur Ausarbeitung des Aufsatzes zu kriegen. Aber wenn ich herunterkomme wird er wohl wieder über der ersten Zeile brüten. Ich beschimpfe ihn heut den ganzen Morgen. Erst in seiner Abwesenheit vor Mutter, die ihn wegen seiner “Lebensnähe” “uns andern” rühmend gegenüberstellte, diesen Bücherwurm und homo = nichts = als = academicus. Dann ins Gesicht, anlässlich allerlei “kluger” Bemerkungen über die Daimlerzeitung. Rudi hatte ihm Eugens Aprilkrise angedeutet, er fragte danach, denn sein Misstrauen und Ihmnichtglaubenwollen hatte sich dahinein verschanzt; so erzählte ich ihm etwas davon. Es ist eben alles Lebensangst in ihm, er geizt mit sich. Ich wurde zuletzt ganz grob und exemplifizierte mit dem Verhalten des Helden im peau de chagrin, der sich zu Bett legt, nur um ja keine Freude und keinen Schmerz zu erfahren, denn von beidem nimmt das Chagrinleder, an das sein Leben magisch gebunden ist, ab.

Die Lionardonummer ist wirklich schön geworden. Auf das Couvert hatte Eugen wieder die “Landaustr.15” geschrieben. Aber ich tue nichts. Ganz abgesehen von allem bin ich auch körperlich im Augenblick so herunter durch das Chinin; ich spüre zum ersten Mal was Nervosität ist, ich sitze vom frühen Morgen wie auf einem Pulverfass. Und das soll noch 4 Wochen so weitergehen. Also ich möchte es im Augenblick wirklich machen wie der Balzacsche Romanheld, – wenigstens mit den Schmerzen –  – wenn das ginge.

Darum schreib, Liebe, und wenn es nur ein paar Worte sind oder nur ein einziges – du weisst schon welches.

Dein.

11.VIII.19.

Liebste, Emil ist noch nicht auf, so kann ich früh zu dir kommen. Es waren ja zwei Briefe von dir da. Es geht dir ja genau wie mir, wenn ich nicht schreibe; vorgestern trieb es mich noch nachts aus dem Bett heraus. Das Abschicken ist es dann weniger; wenn nur das geschlossene Couvert erst mal in der Tasche liegt – es sind ja geweihte Kugeln, die sicher treffen, so ists beinahe gleich, wann sie aus dem Rohr herauskommen.

Das rot eingerahmte Datum? Ich denke zwar viel an jetzt vor einem Jahr, auch an das Gritlianum habe ich manchmal gedacht und an die brieflose Zeit. Aber der rote Rahmen sollte dich bloss aufmerksam machen auf den guten Gebrauch, Briefe zu datieren – und das hats gewirkt: du hast daraufhin zum ersten Mal wieder, seit ich fort von Stuttgart bin einen Brief datiert. Nun bist du wieder ganz gesund, und kehrst zurück in die Zeit? Ja?

Weismantels Brief ist wieder so nett. Schade, dass ich Kunstwerken gegenüber so anspruchsvoll bin wie Picht gegen Menschen. Die Kunst darf man ja – oder kann man ja nur heidnisch lieben, mit der Liebe zum Vollkommenen. Hoffentlich wird nun sein neues Buch so, dass ich heran kann.

Ich wollte, Rudi liesse sich nicht abschrecken, zu kommen. Freilich in diesen babylonischen Turm, das wünsche ich beinahe wieder nicht.

Aus Eugens versprochenem “Morgen” ist nun schon ein “Übermorgen” geworden – und immer noch nichts. Es fällt ihm also immer noch schwer. Wahrscheinlich meint er, er müsste mich “widerlegen”. Ich will aber gar nichts als das Ja oder Nein. Das Drumherum – oh weh. Aber er hat freilich wohl jetzt durch den Hauskauf tief im Durcheinander gesteckt.

Ich glaube Emil ist heruntergekommen. Ich schreibe dir wohl heut Abend noch weiter. Bis dahin – und immer, immer

Dein.

11.VIII.[19]

Liebes Gritli, Emil ist fort, ich bin sehr müde. Wir hatten gestern und heute doch noch ein gutes Gespräch, dessen dritter Teilnehmer Eugen war, allerdings sehr passiv. Ich erzählte Emil, soviel ich durfte, von der Aprilkrise. Es war nötig, denn was er von Rudi davon wusste, genügte grade, dass er sich davon absetzte als eine andre Art Christ. Ich zwang ihn dieses Sichabscheiden von diesem ihm “durchaus unsympathischen Christentum” aufzugeben, und es als einen Mangel in sich selber zu empfinden dass es ihm so “durchaus unsympathisch” war. Wir sprachen in aller Ruhe und ganz leicht, – so wie es ihm allein eingeht. Er begriff ja einfach den Missionär nicht. Sein Christentum ist eine Art Buddismus: Selbsterlöstheit, von der man wohl Zeugnis ablegt, die man aber nicht mehr dem Wind und dem Wetter aussetzt. Er begreift auch jetzt nicht, aber er ist wieder aufgeschlossen geworden und weiss wieder dass er erst im Anfang ist.

Mir sind, wie ich es so erklären musste, die Ereignisse vom April auch wieder wach geworden; ich sehe sie jetzt ganz klar und auch weshalb sie vorausgehen mussten, ehe Eugen Hans finden konnte – denn erst danach hatte er ihn und grade ihn nötig. Denn bei Hans fand er den Weg, den er selber nicht gefunden (und sich deshalb verstiegen hatte), den Weg, der auch die “Ketzer” wieder in eine “Kirche” versammelte und ihnen damit das Recht gab, weiterzuleben. Dem einzelnen und zur Einzelheit verurteilten “Ketzer” bliebe ja wirklich nur – Eugens Aprilweg.

Du schreibst von Hansens Wort zu dir. Er hat etwas leicht, von “Opfer” zu reden, wo er in diesem Fall kaum aus eigner Erfahrung weiss, was er “opfert”. Meine Ansicht über die “Ketzerkirche” kennst du: sie (die Johanneskirche) besteht aus lauter Menschen, die in der Petrus= oder Pauluskirche zu hause sind. Aber dies “Haus” gilt ihnen, seit sie sich im Geiste in der Johanneskirche vereint wissen, nur als Haus und nicht mehr als Burg. Aber zu “warten” braucht man also gar nicht. Selbst in Säckingen hast du doch nun mindestens einen Menschen, Hedi, mit dem du zusammen hingehn könntest. Und in Stuttgart käme es sicher nur auf den Versuch an, ob unter den 30 oder wieviel Pfarrern da nicht einer oder zwei wären, zu denen man gern ginge. Mit der “Ketzerei” ist es ja gar nicht so dogmatisch, wie Papst Hans I. es gern machen möchte. Ich hatte übrigens einen langen Brief von ihm; er verzichtet kampflos auf eine Widmung, glücklicherweise.

Aber ich bin ganz müde. Gute Nacht, gute Nacht – gutes Gritli – ich bin dir gut.

12.VIII.19.

Liebes Gritli, ich habe mein Hauptquartier in dem kleinen Gartenhäuschen aufgeschla-gen, so schön ist das Wetter geworden. Und also mit den Einschaltungen in I angefangen, heut in I 1, das dadurch von ca 20 auf ca 30 Seiten angeschwollen ist. Ich habe nichts weggelassen, denn es stimmte auch nach meiner jetzigen besseren Kenntnis; es ist alles mit Einschüben gegangen. Die vorher nur ganz dünnen Anspielungen und Vordeutungen auf das, was erst in II kommen wird, sind sehr vermehrt, sodass das Stück nicht mehr so trübetrostig heidnisch grau in grau schliesst, sondern mit allerlei schönen Ausblicken. Doch habe ich noch nicht gewagt, es wieder durchzulesen. Nun werde ich die Chininpause noch etwas verlängern und morgen und übermorgen die Einschübe in I 2 und I 3  (und wohl auch ein bischen in “Übergang”) machen. Sodass ich vielleicht noch vor meiner Abreise das Ganze einbindefertig habe.

Das ist lange her, dass ich dich so brieflich an meinen Schreibtisch geholt habe. Jedenfalls I 1 ist nun nicht mehr so viel dürftiger als I 2 und I 3. In I 2 und I 3 werden die Einschübe kürzer.

Nachmittags war Hallo da, den ich gestern in der Bibliothek getroffen hatte, wo ich Beckerath zur Materialbeschaffung hingeschleppt hatte (der Aufsatz ist denn auch gestern noch fertig geworden und per Eil an Eugen gegangen); Hallo fragte ob er kommen dürfe, aber es war trotzdem für uns beide sehr langweilig; er interessierte mich geflissentlich weiter für seine Zahlengeschichte, obwohl ich es wieder en bagatelle behandelte. Nur als er von Hans Hess sprach, wurde er etwas aufgeknöpfter; facit indignatio versum. Er hatte übrigens einen langen Brief von Eugen vom 5ten. Ich habe keinen und möchte beinahe, Eugen quälte sich nicht damit. Er braucht am Ende nicht zu antworten. Warum soll ich denn nicht mal einfach “recht gehabt” haben?

Hans hat den schönen Gedanken das Herausgeberkreises auf den Titelblättern als “pretiös” zu Fall gebracht. Sehr schade! Was ist denn “pretiös”? Dann wäre es doch vor allem die ganze Selbstverlagsidee. – Übrigens zu dem was Weismantel schrieb: sie wirkten abstrakt – gegen diesen Vorwurf hilft kein Umstylisieren sondern einzig das Veröffentlichen selber. Eine sichtbare Menschengruppe wirkt nie abstrakt – und wenn sie nichts reden als mathematische Formeln. Und ein Einzelner wirkt immer abstrakt – und wenn er ein Deutsch schreibt wie Jakob Grimm.

Ich weiss nicht recht, wohin ich diesen Brief schicken soll. Säckingen? Hinterzarten? Aber wo er dich trifft, einerlei, er sagt dir das Gleiche:

Dein.

13.VIII.19.

Liebes Gritli, heut früh kamen eure Stuttgarter Briefe. Eugen spricht von meinem “Nicht = Antworten” – da ist also irgend eine Tücke der Post im Spiel gewesen. Es ist ja aber jetzt gleich; c’est le ton qui fait la musique, und der “ton” ist fast wieder rein.

Der Hauskauf oder vielmehr die Miete klingt etwas erschreckend. Wirst du denn mit dem grossen Garten fertig werden? (Ehrenbergs erzählten dies Detail. Ehrenbergs erzählten auch, Peter Donndorf halte es für ausgeschlossen, dass das Werk Eugen anstelle, aber darauf gebe ich nichts; was weiss Peter D. von den Absichten des “Werks”).

Hoffentlich geht ihr mit Rudi nach Säckingen; ich möchte so sehr gern, dass er es (etc.) kennen lernt. Mit Hans und Else ist er ja dann nachher immer noch zusammen, besonders, wenn ihr alle nach Fr.hafen geht.

Ich habe die Einschaltung in I 2 geschrieben. Nachmittags waren Walter Löbs ältestes und jüngstes Kind da, die bei Trudchen sind, vormittags Trudchen. Das Jüngste, Eva, 10 jährig ist ganz kostbar, jungensmässig frech und reizend. Trudchen ist erst in III 2. Sie ist sehr kühl gegen III und findet es nichts gegen II. Es passe ja alles sehr gut , aber es sei doch als ob es von irgend jemand andrem auch hätte geschrieben werden können. Ein bischen, glaube ich, hat sie bei III 1 die “Tendenz” (das Jüdische) verschnupft, aber übrigens hat sie ja recht und ihr und ich urteilen ja genau so.

Nun also Hinterzarten. Denk zwischenhinein manchmal an

mich.

13.VIII.[19]

Lieber Eugen,  ist etwa ein Brief von dir verloren gegangen? weil du einen “Schreck über mein Nicht = Antworten” gekriegt hast. Ich habe ja immer geantwortet.

Ich schreibe die asiatischen Einlagen in I, sodass ich wohl schon einbindefertige Exemplare nach Berlin nehmen kann.

Weizsäcker a) persönlich b) sachlich ???? geht das? Wirds nicht grade dir ein bischen schwummerig bei dieser Curie [?]? Ich habe zwar gestern als ich an Hans schrieb Weizsäckers Partei genommen, weil er ihn zu heftig kritisiert hatte, aber “unter uns” – ist es nicht doch sein persönlicher Fehler wenn er sich von Hans persönlich gequält fühlt? Mir hat er im Frühjahr auseinanderzusetzen gesucht, Hansens volkskirchliche Bestäti-gung sei taktlos, weil er noch nicht lang genug getauft sei! Er ist eben auch “sachlich” noch nicht wirklich gewonnen, solange er sich an solchen Personalien stösst. Die Zugvögelpredigt in der 2.Nummer vom Chr.V. müsste ihn ja allein schon umschmeissen, wenn er wirklich schon soweit wäre und ihm eben nicht – Sachliches und Persönliches (auch in ihm selber) noch auseinanderklafften und zwar nicht auseinanderklafften wie in jedem Menschen in fortwährenden Verschiebungen (….[Zeichnung] und wieder zurück ad infinitum), sondern ganz starr noch. Sein Metall muss wahrhaftig erst mal durch die Schmiede gehn.

Muff ist doch viel besser als ich dachte. Mindestens schiedlich = friedlich = gegenseitighochachtungsvoll wirst du mit ihm doch sicher auskommen.

Wie bist du mit dem Eisenbahnaufsatz zufrieden? Es war eine schwere Geburt, er hat viele viele Stunden daran gearbeitet.

Wenn wirklich was aus Friedrichshafen werden sollte, sieh doch zu, ihn dorthin zu bringen. In der Konvertende = Affäre scheint ihm Unrecht geschehen zu sein von dir. Er hatte dir eine Postkarte geschrieben wegen der Formalien der Bekanntmachung; darin exakt zu sein, war sein gutes Recht und entspricht seiner Art. Ist die Karte etwa verloren gegangen? Komisch – lauter “verlorengegangene” Briefe.

Dein Franz.

14.VIII.19.

Liebes Gritli, diese Nacht von 10 Uhr ab habe ich nun auch noch die Einlage in I 3 gemacht. Und das kam so: Vorgestern früh kam ein  Telegramm von Kahn aus der Lüneburger Heide, ob er über Kassel zurückfahren solle. Mir passte es gar nicht, wegen meiner allgemeinen Nervenkaputheit und weil ich den * bindefertig machen wollte. Ich telegrafierte also: “Durch Chininkur ungeniessbar. Kommen Sie trotzdem, wenn momentan unbedingt wichtig” – damit er nur käme, wenn er unbedigt wollte; ich wusste ja nicht was mit ihm war. Gestern Abend ist er plötzlich da. “Auf Ihr Telegramm hin musste ich ja kommen, da gab es nichts”. Es stellte sich heraus, dass aus dem “wenn” ein “denn” geworden war!!! Aber trotz dieses offenbaren “Finger Gottes” ists bisher für uns beide sehr unerquicklich. Ich bin geladen und wütend und vertrage ihn nicht. Um nun wenigstens heute für ihn frei zu sein habe ich mich dann nachts hingesetzt und das Pensum von heute vorweggeschrieben. Aber dadurch bin ich nun heut auch wieder müde und nervös und unwirsch. Es ist schade für uns beide. Er will mich diesmal hauptsächlich zum Zionismus bekehren, da er selbst inzwischen sich ihm wieder genähert hat. Er sagt, in den drei Jahren, seit er sich nicht mehr darum gekümmert hätte, sei alles anders und besser geworden. Er ist entsetzt über meine Enttäuschung an der Akademie. Als wir uns zuletzt sahen, war ich ja grade wirklich hoffnungsvoll für sie und mich in ihr. Ich habe selber jetzt mit Schrecken den Unterschied von jetzt und damals erkannt.

Ich bin müde und kaput, – dabei werde ich dick und fett und die Falten, die ich von Mazedonien mitgebracht hatte, verschwinden zusehends. Ich kriege wieder das breite Gesicht wie auf den komischen Fotografien von Edith, die Mutter heut für Kahn hervorkramte.

Dein Franz.

15.VIII.19

Liebes Gritli, “momentan unbedingt wichtig”? ich weiss nicht, ich merke es noch nicht recht. Der Junge ist zwar wieder hinreissend, es ist schade dass du ihn nicht zu sehen kriegst. Er brennt lichterloh und ist dabei ganz ehrlich. Von vollendeter Kritik gegen mich, an der Eugen seine Freude hätte. Denn er sagts mir jeden Augenblick ins Gesicht, wenn ich bin (oder spreche oder aussehe) “wie ein deutscher Professor” – Gegensatz dazu natürlich: ein Jude (womit er etwa das gleiche meint, was Eugen “Christ” nennt). Über meine alten Photografien, die ihm Mutter gezeigt hat, hat er gerast; da hat ihm der “Professor” noch nicht genügt, “wie ein Assimilant” sähe ich da aus. Kurz er weiss genau, was Universität ist, und wird nicht mehr darauf hereinfallen. Dann wollte er von dir Bilder sehn! schwärmte von dem blauen Tuch im grauen Einerlei des Lazaretts! Über Ediths Fotografie von dir war er ein bischen ernüchtert, eben weil er dich vom “blauen Tuch” her in Erinnerung hatte, fragte dann, ob du katholisch wärest? du sähest da aus wie eine katholische Heilige! Und weil er so selig vom blauen Tuch sprach, konnte ich mich nicht halten und zeigte ihm auch das Bild das auf Mutters Schreibtisch steht und stellte ihm so sein Erinnerungsbild wieder her.

Jetzt ist er bei Prager. Gestern Abend rief – Schocken an, der auf Wilhelmshöhe ist! damals im Lazarett war er auch grade als Mawrik neben mir lag. Vielleicht habe ich sie heut Nachmittag alle hier. Abends reist Mawrik ab. Aber die zweite Hälfte des Winters kommt er vielleicht nach Berlin. Mutter ist auch ein bischen bezaubert von ihm, jedenfalls überwiegt die Bezaubertheit die übliche Verschnupftheit. Doch gewöhnt sie sich ja überhaupt zunehmend an die Juden.

Heut kein Brief, gestern kein Brief, – liebe katholisch = protestantische Unheilig = Heilige, willst du mich denn ganz verjuden lassen? Ich weiss ja, dass du jetzt vor lauter Leben und Menschen schwer den Augenblick für dein = mein kleinens goldbraunes Tabernakel erübrigst. Aber mir deinen heilig = unheiligen Segen zu spenden, genügt ja ein ganz kurzer Augenblick. Sieh, es ist so rasch hingeschrieben und ist doch alles, alles drin, das Wort, unser Wort, unser heiliges:

Dein

16.VIII.19

Liebes Gritli, der dritte Tag und nichts von dir. Ich weiss ja noch nichtmal, ob wirklich ein Brief von Eugen verloren gegangen ist. Es fällt mir ein, dass ich jetzt vor einem Jahr auch so von Tag zu Tag vergeblich auf einen Brief von dir gewartet habe. Endlich kam einer von Eugen, und von dir aussen auf dem Couvert ein “Auf Morgen” – ich fand das Couvert neulich wieder. Und jetzt? wieder “auf morgen”??

Kahn ist gestern Abend abgefahren, Nachmittags hatten wir nichts Rechtes mehr voneinander, weil Schocken da war, der aber auch ganz verliebt in Kahn ist, er war vorher alleine bei ihm. Abends habe ich dann mit dem Diktieren der Einlagen begonnen. Morgen wird alles fertig, und dann beginnt das Spiessrutenlaufen durch die Verlage. (Ich werde wohl übrigens weder “bedeutet” noch “Eine Deutung” aufs Titelblatt schreiben, sondern einfach “von Franz Rosenzweig” – obwohl mans ja dann auch für einen Roman oder sonst was halten kann. Von dir und Eugen hab ich ja gar keine Antwort bekommen, was ihr zu den verschiedenen Vorschlägen meintet.

Mit dem Hegel wirds nun wahrscheinlich zum Klappen kommen. Bei Oldenbourg. Er ist entgegenkommend und scheint bald drucken zu wollen. So werde ich wohl Dienstag nach Berlin fahren (NW 23. Claudiusstr.14), ich telegrafiere aber noch vorher (wenn ich bis dahin weiss, wohin – ?)

Hier ist nun wirklich noch richtiger Sommer geworden. Selbst ich kann den Garten nicht mehr ignorieren. Mutter fährt am Dienstag zu Frau Löwenherz, mit Hanna. Es war so friedlich diesmal wie noch nie. Sie selber nennts freilich noch “Abgstumpftheit”.

Dein Franz.

17.VIII.19.

Liebes Gritli, es fehlt mir sehr, sehr ein direktes Wort von dir. Ich habe einen langen Brief von Rudi, aus dem ich, ohne dass es grade drin steht, merke dass Eugen hart geblieben ist und dass jeden Augenblick sich wiederholen kann was damals geschah. Vielleicht war es wirklich gut gemeint von der Post, dass sie mir seinen Eilbrief unterschlagen hat. Ich kann dir nicht weiter schreiben, gleich kommt die Schreibmaschi-nöse und überhaupt bin ich zu sehr bedrückt, auch über andres noch.

Muss man sich dann alles Gute was einem geschehen ist durch die verdammten Dogmen zerstören lassen? Muss alles “stimmen” und irgendwo “geschrieben ” sein und “öffentlich” bekannt gemacht werden? Im Grunde war doch Eugens letztes Wort an mich (vielmehr an “den” Juden, denn ich existierte ja da nicht mehr für ihn) nur die Fortsetzung von der Hanseugenschen Attake auf den *.

Schreib ein Wort, ich halte es nicht mehr aus.

Dein Franz.

17.VIII.19.

Lieber Eugen

ich muss dir wohl, nachdem ich zwei Briefe nach Säckingen kouvertiert habe, auch noch ein Wort schreiben. Ich weiss nicht, ob ich mich freuen oder ärgern soll, dass dein Eilbrief – lucus a non lucendo oder “nun grade nicht” – sich nicht hierher gefunden hat. Rudis Brief hat mir, ohne dass ich wüsste warum, bange gemacht. Ich fürchte, (um es nur zu sagen), du hast mir gescheit geschrieben. Schliesslich wäre ich ja daran dann selber schuld gewesen, denn ich hatte dir eine “Theorie” geschrieben, und davon gilt das “auf einen Schelmen anderthalbe”. Aber es handelt sich ganz und gar nicht um Theorien. Es handelt sich nur um mein Mit = dir = leben (mit allem, was daran hängt). Was ich dir geschrieben habe, mag geklungen haben wie eine Auseinandersetzung (auf die du dann mit “Gegengründen”, “besseren Gründen” und was weiss ich) antworten konntest, aber es war keine, es war ein Ultimatum, auf das es also nur Annehmen oder Ablehnen giebt. Sowas tut man nicht, wenn man nicht muss. Denn es ist eine äusserste Zumutung. Trotzdem habe ich es getan. Und ich bitte dich mit aller Kraft und so wie man Menschen sonst nicht bittet, schreib mir dass du “angenommen” hast oder jetzt annimmst oder einmal annehmen wirst (auch das genügt mir) – das “Ultimatum” meine ich, die “Gründe”, die Theorien, die Motivationen magst du in kleine Stücke zerreissen und in den Rhein werfen für die Fische und die allierten und assozierten Mächte.

Bitte!

Dein Franz.

gleich hinterher [17.8.19]

Lieber Eugen,

kaum ist der eine Brief zur Post, so mache ich Ordnung auf meinem Schreibtisch, ärgere mich über das Riesenkouvert von der Lionardonummer das noch da lag, lege es weg, dabei durchzuckt es mich plötzlich, ich greife hinein – wahrhaftig da kommt der Brief heraus, der seit einer Woche also schon bei mir war. Warum ich erst so herunterkommen musste, wie meine Briefe von vorhin zeigen, weiss ich nicht. Aber es wird schon nötig gewesen sein.

Und nun ist der Brief da. Lieber Eugen, es ist ja der “gescheite” Brief und mit “Geist” deckst du mich wirklich und wortwörtlich zu, aber zugleich ist es ja auch die “Annahme des Ultimatums”. Und so bin ich froh und danke dir so sehr wie ich vorhin gebeten habe – bitten und danken gehört ja zusammen –, verschiebe das Antworten und das Denken auf morgen (denn gleich kommen Ehrenbergs und Onkel Viktor). Denn freilich, geantwortet muss werden und es war nur die Verzweiflung in der ich war, ob der Boden auch noch trug, nur diese Verzweiflung war es, die mich auf das Denken schimpfen liess solange ich eben nicht wusste, dass der Boden hält. Nun weiss ichs und nun geht wieder alles, auch das Denken, auch der “Geist” (und Geist).

Lieber Eugen, dir und überhaupt————–Dank!

Dein Franz.

17.VIII.19.

Lieber Eugen, es ist Nacht, Ehrenbergs sind fort; ich sitze wieder vor deinem Brief und will nun also “gescheit” sein.

“Ad 1)”: Dass wir Juden nicht “der jüngste Tag sind”, ist selbstverständlich richtig. Der jüngste Tag geht die ganze Welt an. Wir sind nur, wie du schreibst, “der erlöste Bestandteil der Welt” und also “bis zum jüngsten Tag”. Aber umlernen brauchen wirs dann nicht. Sondern nur umleben. Die jüdische Welt, die Welt des Gesetzes, in der wir lebten, zerbricht dann. Aber der jüdische Gott wird nicht zur Lüge. Er bleibt, was er war: Gott. Und darum kann ich das Judentum nicht Wahn nennen, sondern wenn ich denn wirklich schimpfen soll, so müsste ich Verstocktheit, Härte, Schirm vor den Augen und was du sonst noch willst, zugeben – alle Untugenden des Lebens; aber die Wahrheit haben wir. Dem Christentum gehts umgekehrt. Seine Welt wird ihm nicht zerbrechen. Aber der den es Gott genannt hat – den wird es nicht mehr so nennen können, sondern wird nur noch Gott selber Gott nennen.

Es ist eine Frage der terminologischen Sauberkeit, dass ich die beiden Begrenztheiten, die ich sehe, nicht über einen Kamm schere. Aber ich muss es auch ausserdem. Ich kann allenfalls zugeben, was uns fehlt; aber dass ich nun auch verleugne, was wir haben, das kannst du nicht verlangen. Es wäre als verlangte ich von dir, du solltest sagen, euer Weg wäre ein Irrweg. Und das verlange ich wahrhaftig nicht. Ich weiss ja, dass er keiner ist. Es wird mir sogar immer ein bischen unheimlich, wenn ich auch nur sehe, dass einer von euch wider alle christliche Sitte einmal das Ziel sieht oder wenigstens sieht dass der Weg nicht das Ziel ist. (Wie mir dein Lob des Schweigens, des Todes, der Wahrheit – kurzum der Weidemannbrief und was ihm folgte – unheimlich war. Wie mir Hansens Christologie zum Teil unheimlich war). Ich erwarte von Christen gar nicht, dass sie etwas andres sind als – Christen.

Aus meinem “Judenstolz” zu reden habt ja wirklich erst du und Hans mich gezwungen. Sonst behalte ich ihn da wo er hingehört: in mir. Aber ich finde, in all diesem sind wir uns ziemlich einig, waren es vor Hans und sind es nach Hans wieder geworden.

Anders ists mit dem andern. Nur dass ich dir da nicht, wie du glaubst, als Jude widersprach. Was du da zuletzt über den Mord, den die Juden alle Tage begehn, schreibst, verstehe ich überhaupt nicht. Ich widerspreche dir hier nicht anders wie dir auch ein Christ widersprechen könnte und vielleicht schon widersprochen hat. Ich sehe dich da ganz nah bei Hans. Du formulierst Dogmen für die Ketzerkirche, mögen dir auch beide Worte unangenehm klingen. Ich wiederhole, was ich dir neulich schon schrieb: es kann sein, dass wir “institutionell” sind. Aber wir können es nicht wissen; es geht uns gar nichts an, wenn es so sein sollte; und wenn wir es in Dogmen zerschwatzen, so ist uns das Leben, das uns geschenkt ist, dahin, und wir behalten einen kalten theoretischen Rückstand im Kolben, mit dem weder wir selbst noch irgend jemand etwas anfangen kann. Du schriebst, der Geist wehe von wannen er will. Aber du schreibst ihm ja seine Bahn vor. Er soll und muss in uns auf unsrer besonderen Platform fahren. Aber ich spüre nichts von ihm da. Ich glaube nicht das Gleiche, was du, Gritli, Rudi, Hans, Emil glauben. Und ihr nicht das, was ich glaube. Was helfen da deine Kommandos und Hansens Konzilsbeschlüsse. Er weht doch, wo er will. Und so weht er unter die Christen und weht unter die Juden. Aber von den “Judenchristen”, “Christenjuden” und dergleichen Hansischen Hirngespinsten weiss er nichts. Unser Glaube spricht zweierlei Sprache. Und wir wären einander fremd geblieben, wenn nur aus dem Glauben geprochen werden könnte. Aber dem widersprechen die Tatsachen. Wir sind uns nicht fremd geblieben. Es ist einfach nicht wahr, dass sich “Liebe und Hoffnung keine Briefe schreiben”. Von der Liebe wirst du es selbst nicht aufrecht erhalten. Aber die Hoffnung – wir haben uns aus der Hoffnung geschrieben von 1916 an, und auch heute dieser Brief ist aus der Hoffnung geschrieben. Aus dem Glauben (deinem? meinem?) könnte ich ihn dir wahrhaftig nicht schreiben. Was ist mir der, cui credidisti?! Aber die vita venturi saeculi – die ist mir was sie dir ist, und das hierzu gehörige Amen wird uns gemeinsam sein.

Aber in diesem saeculum habt ihr “einen andern Geist als wir”. Mit Gewalt und Dekretieren ist da nichts zu machen. Sowenig wie mit welthistorischen Konstruktionen (unserm gemeinsamen Fehler). Gott lässt sich den Anfang des venturum saeculum nicht mit Gewalt abzwingen und nicht mit spekulativem Tiefsinn ablisten. Warten wir ab. Was uns gegeben ward, wollen wir nicht verleugnen. Es giebt eine Sprache der Liebe und eine Sprache der Hoffnung. Ich spreche sie z.B. in dem Buch von dem dies Papier ein missratenes Titelblatt ist. Aber höre: ich könnte sie nicht sprechen, wenn ich nicht zuerst und zuvor die Sprache des Glaubens sprechen gelernt hätte. Denn es ist ja einfach nicht wahr, dass der Glaube aus Liebe und Hoffnung wächst. Umgekehrt. (Erst wenn Liebe und Hoffnung aus ihm gewachsen sind, erst dann fängt die Wirkung an die du meinst und die eine Rückwirkung ist). Wäre deine Reihenfolge richtig, dann hätten ja die Heiden recht, die vom Menschen den ersten Schritt verlangen. Aber Gott tut den ersten Schritt. Gott weckt den Glauben. Die Begeisterung ist wirklich das erste. Wir müssen sie haben, um lieben und hoffen zu können. Und Gott giebt sie im Glauben. Deshalb, weil ich das weiss, respektiere ich euren Glauben, den ich doch weder sehe noch verstehe; denn ich weiss, dass aus ihm eure Liebe, die ich spüre, eure Hoffnug die ich teile, hervorwachsen. Nicht entgeisten  will ich diese Liebe und Hoffnung; ich könnte es ja gar nicht auch wenn ich es wollte; denn der Geist kommt ihr ja von daher, wohin mir Zutritt und Einblick verschlossen ist: aus eurem Glauben. Wäre in eurer Liebe und Hoffnung ein eigner nicht aus eurem Glauben gekommener, sondern unmittelbar in sie eingeblasener oder aus ihnen gar erst gewachsener Geist dann wäret ihr mir nicht Christen, sondern Menschen mit denen ich zufällig zusammengekommen wäre, und das Wunder wär nicht mehr da. So aber ist es da. Ihr habt einen andern Geist wie ich. Ihr wachst aus andern Wurzeln. Und trotzdem verschlingt sich ineinander, was aus den getrennten Wurzeln wuchs. Quälen wir uns doch nicht um das, was Gott damit will. Es ist. Ob nun Raum dafür ist oder nicht in der Woche und im Jahr und im Weltalter. Denn soweit wir sehen sind auch da die Tage getrennt. Nicht bloss die Feiertage, auch die Werktage. Und doch haben wir uns gefunden. Es muss also doch wohl Raum dafür gewesen sein. Wo, weiss ich nicht. Aber wieder: es ist so.

Und daran halte ich mich. Sieh, ich sage: ihr habt einen andern Geist als wir. Und trotzdem (nicht deswegen) schreibe ich mein Es ist [doppelt unterstr.] hier vor mich hin. Als das Wort das uns trotz der zweierlei Geister vereint. Es meint wie jenes Marburger ejsti ein Wunder, vielleicht ein ganz ähnliches Wunder wie jenes, das Luther meinte: nämlich dass die Tatsache die wir erfuhren und erfahren kein Zufall ist, nichts was die Wissenschaft mit ihrem Begriff von Erfahrung begreifen kann, sondern eine gottgeschaffene Tatsache. Die Gottgeschaffenheit der Tatsachen das ist die Wahrheit, der “zu gut” ich durch das ganze lange Buch, das nun in diesen Tagen endgültig fertig geworden ist, “einherziehe”. Dieses ” Es ist” anzunehmen, empfangen, und nicht wieder es auf den Kopf zu stellen und es zu “verstehen” oder darauf “aufbauen” und was dergleichen Menschenspässe sind – das wird von uns verlangt. Dies “es ist” ist stärker als alles was man “möchte”. Ich “möchte” nicht sein, sondern

ich bin [doppelt unterstr.]

Dein Franz.

[17.VIII.19]

Liebes Gritli, ich bin zum Heulen glücklich, ich merke jetzt erst ganz, wie kaput ich heute zuletzt war. Offenbar hatte ich nicht genug “gebeten”, und deshalb musste sich der Brief eine volle Woche verstecken, bis ich mir nicht mehr aus und ein wusste und nur noch bitte sagen konnte. Alles, damit ich nun danke sagen kann.

Liebes, sei mit mir froh.

Dein.

18.VIII.19

Liebes Gritli, endlich endlich. Es war doch eine kleine Atemnot und gestern wurde ich verrückt, wie du gesehen hast, – sah Gespenster und pochte an die Tore des Himmels. Mit dem wunderbaren Erfolg. Das Merkwürdige dabei war, dass Eugens Brief doch auch der Brief war, den ich gefürchtet hatte, wenn auch eben nur auch. Aber ich spüre jetzt ganz deutlich, wie notwendig ihm mein Widerstand ist. Denn im Grunde tue ich ja weiter nichts als ihn an das Dasein der Kirchen, der Dogmen, der Christenheit erinnern, über die sein “Ketzerchristentum” immer wieder hinwegfliegen will. Es ist gar nicht speziell der Jude F. R. der ihn daran erinnert. Ein Christ, ein katholischer oder protestantischer, könnte ihm das gleiche sagen. Es mag einen Glauben geben, der zuletzt kommt, den zu glauben man “hofft”, von dem Eugen mir vor 6 Jahren sprach. Aber es giebt auch einen Glauben, der zuerst kommt, den man als unmittelbares Gottesgeschenk oder als tradiertes Erbgut – aber jedenfalls empfängt. Diesen Urquell des Lebens möchte Eugen vor lauter Jüngstem Tag verleugnen. Und doch weiss er ja vom Jüngsten Tag nur, weil auch ihn jene Quelle getränkt hat. In Stuttgart ganz zu Anfang sagte er mir mal, ich hätte Recht, wenn er katholisch würde, aber er würde es eben nicht. Ich habe ihm damals nicht gesagt, aber mir doch gedacht: dass ich freilich auch jetzt um nichts andres bei ihm kämpfte als um seine Kirchenzugehörigkeit. Vom Weidemannbrief und der Stiftsmühler Nacht an.

Heut habe ich den * buchbinderfertig gemacht. Bei der Paginierung hat Frau Ganslandt ein Exemplar übernommen! So ists also genau ein Jahr her, seit ich anfing, und heute habe ich die Titelblätter gemalt. Ich nehme die beiden Exemplare übermorgen mit nach Berlin und lasse sie dort binden, wohl doch jedes nur in einen Band, denn es liest sie ja jetzt niemand mehr, ich gebe sie ja nur noch an die Verlage.

Bei dem Haus ist es ja beruhigend, dass ihr nur einen Stock mieten musstet. Wenn Eugen angestellt wird, ist 3000 M nicht zu viel, und wenn er nicht angestellt wird, wären schon 1000 M zu viel. Könnte man Berge nicht ein bischen verhexen? Aber vielleicht tut es Eugen schon.

Ich will noch herunter zu Mutter; es ist ja der letzte Abend.

Wenn Rudi schon weg ist, so mach du den Brief auf und nimm ihn dir zu Gemüte.

Gute Nacht. Schreibst du morgen? ich meine: kommt morgen was Geschriebenes von dir? Ich bin ungebärdig wie ein kleines Kind und brauche einen Schnuller in den Mund. Und das wenigstens sind Briefe ja. Setz dich also in das braune Papierschiffchen und komm zu

Deinem Franz.

19.VIII.[19]

Liebes liebes Gritli, habe ich denn so trübetrostig geschrieben? Aber es wird wohl so gewesen sein. Die scheinbare Antwortlosigkeit Eugens drückte eben auf mir. Ich habe seinen Brief nun wieder und wieder gelesen und laufe immer mehr auf gewissen Stellen auf; ich habe ihm wohl noch nicht deutlich genug geantwortet. Manches, was ich beim ersten Lesen nicht verstand, verstehe ich auch erst jetzt. Er verlangt ja wirklich Unmögliches. Ich lese ja nicht im Neuen Testament, aber an das eine Mal, wo ich es – 1916 – ganz durchgelesen habe, denke ich mit gradezu physischen Übelkeitsgefühlen zurück. Ich kann nur Christen sehen und Christen lieben und ihr Christentum als ein Stück von ihnen, – aber wenn ich mich unmittelbar Auge in Auge “Christus” gegenüberstelle, so graut es mich. Dies alles muss ich nun wohl sagen, denn Eugen weiss es immer noch nicht recht. Seinen Glauben kann ich lieben, weil er sein Glaube ist. Aber abgesehen von meiner Liebe zu ihm ist mein Gefühl gegenüber seinem Glauben kaltes Entsetzen, ein “wie kann man nur!” Cohen half sich leichter aus der Affäre; er nahm subjektive Unwahrhaftigkeit an (“es hat noch nie einer dran geglaubt”). Ich kann das nicht. Ich glaube an die subjektive Wahrhaftigkeit von Christen. Aber objektiv bleibt mir das Christentum, was es ist und was ich nicht immer wieder sagen mag. Aufgeben kann ich diese wie Eugen es nennt “mörderische” Stellung nie. Der Geist wird uns immer scheiden. Das habe ich immer gewusst. Aber ich habe auch immer gewusst, dass uns die Liebe einigt. Ich habe eben Eugen immer geliebt, auch zu der Zeit wo ich ihm noch nichts andres bedeutete als ein Schrank voll Ansichten. Ich habe immer ihn selbst gesucht. Deshalb habe ich seinen Glauben ihm glauben müssen. Und daher hat er zu mir freier sprechen dürfen als ich zu ihm. So frei wie ich zu dir sprechen darf. Eben weil auch du mich ansiehst und immer wieder mich. Du siehst mein Judentum, aber ich bin dir nicht “der” Jude. Kann Eugen denn das nicht auch?

Ich schreibe dir vielleicht heut Abend nochmal. Ich bin noch nicht fertig.

Es war gut und nötig, dass ich nicht dabei war in Hinterzarten. Eugen muss einmal den Unterschied spüren, der zwischen der “institutionellen” Gemeinschaft ist und der institutionslosen. Und er muss die Geschichtskonstruktionen verlernen, (nach denen plötzlich im Jahre 1919 alles anders ist wie im Jahr 1819 oder früher). Das müssen wir alle, Hans besonders. Wir haben die Geschichte nicht zum “Verstehen”. Gott lässt sich nicht in die Karten kucken. Die Institutionen und ihr Geist ist uns gegeben. Daran haben wir uns zu halten und dürfen nicht alles was uns nun sonst noch mehr privat geschenkt wird, durch geschichtsphilosophischen Leim als eine neue weltgeschichtliche Phase an die alten Institutionen anzuleimen suchen. Unser Leim hält nicht. Und Gott stückt nicht an, er lässt wachsen.

– Über das Haus bin ich ja nun ganz beruhigt, und mehr. Die Chininkur geht noch tief in den September hinein. Badt? Er war ebenso entsetzt über Täubler wie ich. Aber was hilft das. – Neulich als Schocken bei mir war, habe ich ihn wieder für die Akademie zu interessieren gesucht – so geht es, wenn man den Mund auftut; ich wollte ganz anders herum sprechen. Schocken steht ja ähnlich wie ich zu Täubler.

Wie erklärst du dir den Eindruck des Ersten? Für die Bühnenwirksamkeit spricht es ja. Hat sich dein Eindruck durch Rudis Vorlesen geändert? wohl schwerlich, obwohl er gut liest. Ella bleibt eben doch Konstruktion – und ist doch erst jetzt, nachdem sie konstruiert ist, erträglich.

Aber ich frage – und du, ich glaube du hast mir seit 4 Wochen auf keine Frage geantwortet. Es kommt mir vor, als müsste ich meine ganzen Briefe seitdem dir nochmal schicken, soviel ungestillte kleine und grosse Fragezeichen stünden drin.

Ich gehe nicht gern nach Berlin. Diesmal nur wegen des Hegel, der jetzt offenbar endlich ins Rollen kommt. Und nebenher zur Entgegennahme der Réfus’ der jüdischen Verlage. Danach geht es auf die Wanderung zu den Heiden. Mir war ja sonst diesmal wohl hier. Mutter war so nett. Zudem passt die Chininfresserei mir schlecht in die Berliner Unruhe. Es ist aber nicht zu ändern.

Ich lege ein Stück Brief an Eugen bei, das ich zwischen diesen Brief zwischenhinein geschrieben habe. Es ist so scheusslich, das alles jetzt durchdiskutieren zu müssen, und doch muss es wohl sein. Wir müssen alle die Grenze klar sehen, die uns trennt. Liebes Herz, du weisst und ich weiss, dass man Grenzen klar sehen kann und dass es dennoch grenzenlose Kräfte giebt, die über alle Grenzen hinweg tragen. Sag ihm das, mit deinen Worten, wenn meine zu schwach sind. Liebes Liebes –

Dein.

19.VIII.19

Lieber Eugen,

im Schreiben an Gritli merke ich, dass das an dich direkt gehen muss. Ich habe deinen Brief vom 9.8. immer wieder gelesen und bin mir über die härtesten Stellen erst jetzt ganz klar. Ich weiss jetzt, was du mit “Morden” meintest. Und ich kann dir das nur zugeben und dir nur versichern, dass wir immer weiter so “morden” werden. Was du Morden nennst, ist ja weiter nichts als dass wir – nicht an Chistus glauben. Kannst du das nicht ertragen? Sieh, ich finde es nur natürlich, dass du sowie du mal ein bischen jüdischen Glauben siehst, gleich über Judenstolz schreist. Ich erwarte das kaum anders. Wie könntet ihr unsern Glauben glauben? Wie du eine Nacht lang dagegen getobt hast, das hat mich gar nicht verletzt. Es hilft nichts, der Glaube kann uns nur trennen. Wenn du das bei mir oft nicht empfunden hast, so lag das daran, das mir die Liebe zu den wirklichen Christen, die mir begegnet sind, leicht über das Entsetzen hinweghilft, das ich immer wieder verspüre wenn ich mir den Gegenstand eures Glaubens vorstelle. Einen kleinen Ruck aber kostet es mir immer, wenn ihr mir aus eurem Glauben heraus sprecht. Ich muss erst immer wieder euch selbst ansehen, damit ich über das wegkomme was ihr glaubt. Ist es denn umgekehrt so viel schwerer?

19.VIII.19.

Lieber Eugen, liebes Gritli,

“Wovon aber lohnt es Männern zu reden wenn nicht vom

gemeinsamen Heranarbeiten an die Hoffnung?”

Eugen an Franz, 18.VII.1918.

Also – die Hoffnung schreibt sich offenbar doch Briefe.

Aber ich werde heut auch gleich wieder in die Schule genommen. Als ich von Trudchen zurückkam (was sehr gut und nötig war, denn ich hatte mir in den letzten Tagen zu allem andern eingebildet, sie wäre mir böse – auch das noch!) (ich hatte nämlich das kleine Löbchen neulich bei uns zu einer Cigarette verführt und Trudchen hatte mich darauf am Telefon mit so kalter Richterstimme behandelt und erklärt sie schickte nicht die Eva, sondern eines von ihren Kindern, um mir die Manuskripte zurückzubringen, – sodass ich an der Strafe wohl oder übel mein Vergehen glauben lernen musste; nun war sie aber wieder gut und als ich ihr darauf die nähere Veranlassung zu der Zigarette erzählte, ganz gut.) Aber kurz, als ich zurückkam, war bei Frau Ganslandt ihr Neffe der Pfarrer Schafft. Ich hatte schon von ihm gehört. Ich bat ihn, da er mitten im Sprechen war, zu Abend zu bleiben. Er war fein. Ganz zu uns gehörig. Wir konnten uns die Worte beinahe aus dem Mund nehmen. Er setzte Frau Ganzhandt die Notwendigkeit des Untergangs und die Wiedergeburt auseinander. Bis in die Einzelheiten der Worte war alles so, als ob wieder einer da wäre, der – nun der auf der gleichen Schulbank des Lebens gesessen hätte. Er ist 36 Jahre alt, noch unverheiratet, worüber er herrlich sprach, sehr gescheit aber dabei einfach, Taubstummenpfarrer für den Bezirk (“die Taubstummen halten mich am Rockzipfel, darüber bin ich glücklich, so kann ich so leicht nicht aus der Kirche herausfallen” – er sprach davon, dass er auch in der Beziehung nichts “wolle”, weder festhalte, noch sich loslasse, sondern auch das nehme wie es ihm gegeben werde.) Er hat in Halle studiert, offenbar von Kähler beeinflusst, ganz frei und weit, im Aussehen etwas gepresst und etwas ins peinlich Selbstzwingerisch = Asketische. Aber mehr im Aussehen als im Wesen. Das Aussehen ist doch oft nur die Vorgeschichte des Menschen. Und nun sprach er, ohne unangenehme Absichtlichkeit so ketzerkirchlich = hansisch = eugensch über das Und von Juden und Christen, wie von etwas Zukünftigem und doch auch wieder wie von Gegenwärtigem (er hatte nämlich grade für das Theol. Litt.blatt einen Aufsatz von Cohen kritisiert und als “ethischen Idealismus” vermöbelt, und grade trotzdem behauptete er die im Grunde Einerleiheit) kurz er sprach so, dass ich mich schämte und grämte, euch heut vorhin so viel mit dem Unterschied zugesetzt zu haben. Magst du, Eugen, auch Schuld daran haben und mich herausgefordert haben, es war doch mehr als ich sagen durfte; und grade der Zusammenklang mit diesem Fremden, ein Zusammenklang der doch zunächst nur rein gedankenmässig war, (denn ihn gleich zu lieben, verhinderte mich etwas wie ein Ressentiment, das ich gegen seine Reinheit und bei aller Bewegtheit doch Ruhe empfand), also er war nur gedanklich und doch ein so vollkommener Ein= und Mitklang, dass ich heute zum ersten Mal grad nachdem ich es so heftig abgestritten hatte, verspürte dass da doch etwas Institutionelles im Keimen ist. Hier konnte ich ja nichts aufs Private abschieben; ich kannte ihn ja nicht, kenne ihn auch jetzt noch kaum, obwohl wir sehr gut miteinander wurden. So wurde mir zum ersten Mal glaubhaft, was Hans und du Eugen meintet, als ihr den * zu euren Büchern haben wolltet. Für Menschen wie diesen Pfarrer wäre es gegangen. Aber solche Menschen finden ja auch, was im andern Garten wächst. Immerhin ich sehe nun, dass da mehr ist als eine geschichtsphilosophische Konstruiererei. Als ich ihm übrigens im Laufe des Gesprächs (d.h. er redete meist und ich hörte – und stimmte – zu), also als ich ihm von meiner jungen Skepsis gegen alles Geschichtsvertheologisieren sprach, meinte er es sei ebenso sündhaft sich gegen solche Erkenntnisse wenn sie sich einem aufdrängten zuzusperren wie sie mit Gewalt ertrotzen wollen, wie nichts = geschenkt = nehmen = wollen genau so sündhaft wäre wie nehmen was einem nicht zukommt. Dagegen konnte (und kann) ich ja einfach nichts sagen, er hat einfach recht.

Ich will also nun wirklich das was du Eugen das Institutionelle nennst, stehen lassen, Ich kann es nicht wie du laut rühmen, aber wenigstens kann ich auch nichts dagegen sagen und will es wachsen lassen – wenn es wachsen will.

Denn – “das Wunder der blossen Gegenwart zweier vertrauender Menschen zeugt vielleicht eine neue Sprache?”

Eugen an Franz 18.VII.1918.

Das Fragezeichen, das du damals hinter diesen Satz, der dir eben aufgestiegen war (aus einem “Aber vielleicht ist es anders”), schriebst, frage ich heute, – während es dir sich schon lange in einen Punkt verwandelt hatte und du nicht ertrugst, dass ich noch nicht einmal das Fragezeichen setzen mochte. Nun frage ich, wie du damals frugst. Und “obwohl wir das innerste Heiligtum des Glaubens gegenseitig vor einander zugesperrt haben und den Schauplatz des Höchsten, dessen ein männlicher Geist gedenkt, in zwei ewig getrennten Idiomen abbilden” (“a.a.O.”), sollte trotzdem die “neue Sprache” wenigstens zwischen uns schon gewachsen sein? als eine Sprache der Hoffnung? und des Glaubens, der auf den Flügeln der Hoffnung emporgetragen wird; des Glaubens, den du “zu glauben hoffst”; und der ein andrer ist als der der uns über und vor aller Hoffnung gegeben wurde. Und durch den doch auch ein begeisternder Geist wehen muss, so gut wie durch jenen der “innersten Heiligtümer”. Und freilich ist dies Wehen selber erst ein zukünftiges Wehen, und der Geist der durch die neue Sprache rauscht, rauscht erst leise wie aus weiter Ferne. Und wir müssen das Anschwellen wohl erwarten. Und uns indess weiter vertrauen, damit die neue Sprache diesen Sonnenschein der Liebe hat, unter dem allein sie wachsen mag.

Liebet mich.

Euer Franz.

20.VIII.19.

Liebes Gritli, ich war ja nicht böse, auch nicht “beinahe”, nur kaputt. Aber Schreien musste ich. Schreien ist Menschenrecht. Dass du nicht schreibenkonntest, wusste ich wohl; aber was tut das ungebärdige Kind Herz mit dem Wohl = Wissen des Papa Kopf!

Die Nacht war ich über Packen und dem Brief an euch lange auf, so schlief ich wenig und jetzt schreibe ich aus der Bahn.

Dir ists also auch leid um die Härte gegen Hans? Ich kann ja wirklich alles Nachfühlen, was man gegen Else haben kann, schon weil ich es alles vorgefühlt habe. Und dass du mit Else zusammenschliefest ist mir auch ein greulicher Gedanke. Schon wach habe ich es ja damals in Heidelberg nicht vertragen, dich mit ihr zusammensehn zu müssen. Und trotzdem, trotzdem – Und trotz Helenens Widerspruch: Besser 10 Elsen als eine Cläre.

Die beiden *e füllen meinen halben Koffer. Viele Verlage? Jüdische nur zwei, die ernsthaft in Frage kommen. Aber heidnische eine ganze Menge. Duncker u. Humblot, Rütten u. Löning, Insel, Kurt Wolff, S.Fischer, Reinhard. Und sicher noch viele. Die beiden Exemplare werden wohl als umgekehrte Handwerksburschen den ganzen Winter auf der Walze sein.

Wie lang bleibt ihr in Säckingen??

Noch etwas von Schafft: auf Frau Gs Wunsch musste er – er hat vor seiner Verwundung musiziert – die Variationen zu hören kriegen. Als ich ihm nachher sagte, sie würden von der toten Clotilde Kleeberg[?] gespielt war er ganz weg von dieser Verwischung der Zeit und bedauerte, dass er es nicht schon gleich zu Anfang schon während des Zuhörens also gewusst hätte! So menschlich muss man doch eigentlich die Kunst lieben. Dann ist sie nicht mehr gefährlich. – Zwei Grüsse und ein Gutes.

Dein Franz.

21.VIII.[19]

Liebes Gritli, also ich bin wieder in Berlin und will nun nachher zu Badt und zum Buchbinder. Gestern Nachmittag und Abend war ich – bei Kähler. Ich habe seine Mutter kennen gelernt, ein grosser Eindruck. 78 jährig, ganz scharf hart und geschlossen. Ich hatte ihn mir ja immer als Sohn seines Vaters vorgestellt, nun sah ich dass er ganz sicher mindestens sosehr Sohn der Mutter ist. Man spürt noch eine grosse Lebenskraft hinter ihr; sie soll auf ihre alten Tage erst gesund geworden sein, früher immer leidend. Neben dem Vater hat sie im Haus keine herrschende Stellung haben können, obwohl ihr ein tüchtiger Kommandoton zu Gebote steht: Abends ass die “Stütze” mit, ein schönes Mädchen von 18 Jahren; ehe sie rein ins Zimmer kam, sagt mir die Alte rasch: “ich werde Sie vorstellen, es ist aber übrigens keine Notiz von ihr zu nehmen.” In einem solchen raschen leisen widerspruchslosen Ton, dass ich wirklich gar nicht gewagt hätte, “Notiz” von ihr zu nehmen und ordentlich erschrak, als der Sohn nachher sie mal ins Gespräch hineinzog.

Im Haus natürlich viele alte Möbel, doch wie so etwas eben in einer Witwenwohnung nachher steht. Der Sohn hat ein prachtvolles Bibliothekzimmer. Darin allerlei, z.B. eine kleine Vollstatuette W.v.Humboldts, nach dem Leben, von Drake, Gips, die ich noch nie anderswo gesehen habe (und er auch nicht), von ganz stupender Wirklichkeit. Er selbst in all seinen Schwächen, und ich habe ihn doch gern. Wenn ich freilich denke, wie gross und empfindlich die Narbe war, die ich fast 9 Jahre von ihm mit mir herumschleppte, so kann ich nur erstaunen, wie völlig spurlos sie verschwunden ist. Auch gestern wieder regte sich eigentlich nichts, ich mag mich ihm auch nicht gern sehr exponieren und doch ist etwas zwischen uns von Herzlichkeit, ein warmer Ton, der eigentlich gar nicht aus der Gegenwart und aus dem was wir unmittlbar heute an einander erleben, herkommt, sondern aus der Vergangenheit und aus dem was wir einer am andern gelitten haben. Und eigentlich um dieser kleinen Wärme willen müssen wir uns von Zeit zu Zeit sehen.

Er gab mir seinen Humboldtbrüder = Doppelporträt = Aufsatz aus der Histor. Zeitschr. mit, den er für das beste oder einzige Gute hält was er gemacht hat (er fügt zu: und machen wird); er scheint wirklich gut zu sein; ich habe ihn erst angelesen. Wahrhaftig stand im gleichen Heft auch ein gleichfalls guter Nachruf vom H.U. auf Dove. Wobei die “Güte” freilich so zustande kommt, dass der U. erst aus sich heraus einen “feinen Geist” abscheidet, und der muss dann den Aufsatz schreiben. Vom U. selber ist infolgedessen gar nichts drin. Aber es giebt wohl sicher Leute die darauf hereinfallen und den künstlichen Prozess, wie so etwas entsteht nicht merken. Ich würde es wohl auch nicht merken, wenn ichs nicht von mir selber her kennte. Das Hegelbuch ist grossenteils so schauspielerhaft geschrieben. Der Jude, der in deutschem Geist macht. Die Philosophie der “Liebe” ist in all ihrer Scheusslichkeit doch wenigstens echt.

Ich kam übrigens erst nachts um 1 hier an und ging durch den Tiergarten in meine Wohnung. Ich hatte plötzlich ein so kurioses Gefühl von Hierzuhausesein, – das ich schon jetzt nicht mehr begreife.

Kähler sprach übrigens von den Folgen der Auslieferung in ähnlichen Untertönen wie andre vom kohlenlosen Winter. Ich bringe es nicht mehr fertig, mich im voraus zu ängstigen oder aufzuregen. Es ist früh genug dafür, wenns soweit kommt.

Von Mutter hatte ich schon einen Brief aus Lauenförde. Wie wahr und gross war das, was Edith Fromm von dem “fast” schrieb. Es war doch ein ausserordentlicher Brief.

Ich freue mich so, dass Rudi deine Mutter kennen lernt.

Euch alle – und dich und immer wieder dich grüsst

Dein Franz.

21.VIII.[19]

Liebes Gritli, ich dachte zwar, ich könnte es ohne euch zu bemühen, machen; aber es geht doch nicht. Also, am letzten Abend in Kassel erzählte mir Trudchen, dass Martha Reichenbach bei ihren Eltern in St. Gallen zu Besuch ist. Es ist die von mir als Sekundaner “bzw.” Primaner angeschwärmte Cousine, die sich dann mit O.Hermanns Compagnon Rosenheim verheiratete, der während des Kriegs starb. Da nun London zunächst aussichtslos ist, ich aber zum mündlichen Verfahren übergehen muss, so will ich sie sprechen. Vielleicht bedeutet das dann schon Schluss, vielleicht auch das Gegenteil, jedenfalls etwas bedeuten wird es. Durch Badt bekam ich nun eben bestätigt, dass nach der Schweiz reisen immer noch eine sehr langwierige Sache ist; ich weiss nicht, wie lange sie bleibt; wüsste ich, dass sie etwa auch nach München führe (was ich aber kaum glaube), so wäre alles sehr einfach. Sonst aber müsste es auf dem Wege des “kleinen Grenzverkehrs” gehn. Wie ist das nun? Kann ich von Säckingen aufs andre Ufer, wenn deine Eltern für mich bürgen, oder was sind da für Formalien. Lieber wäre mir ja, es ginge bei Rohrschach, wo ich ihr keine so grosse Reise zumuten müsste. Oder geht es etwa leichter, dass sie als Engländerin und geborene Schweizerin über die deutsche Grenze kommt? Dann ja jedenfalls am Bodensee.

Bitte antworte mir gleich, eventuell, wenns so kurz zu fassen und positiv ist, telegrafisch. Dann schreibe ich sofort an sie – und so dass sies mir nicht verweigern kann; ganz vergisst sich ja keine Melodie, die man mal gesungen hat – auch wenn man Jahrelang nicht daran gedacht hat, – 15 Jahre.

So sehen wir uns dann auch wieder. Deshalb fragte ich vorgestern, wie lange ihr noch in S. bleibt. Du siehst, länger als 2 Tage kann ich dir nichts verheimlichen.

Der Buchbinder weigert sich, den * in einen Band zu binden, so werden es also drei. Vielleicht schreibe ich noch heute Abend an den “Jüd. Verlag”.

Dein Franz.

22.VIII.19.

Liebes Gritli, was sagst du zu dem fröhlichen Radau = Brief an den Verleger? Ward ja in solcher Laun….? Aber ich hatte das Gefühl, dass es hier einmal “Zeit, zu lärmen” ist. Auch noch bei Löwit. Die Juden kann ich noch bei der Ehre packen. Nachher muss ich mich still und bescheiden aufs Bitten verlegen.

Kählers Humboldtaufsatz ist wirklich sehr gut. Viel empfänglicher als du ihn kennst, und doch auch mit einigen Güssen seines persönlichen Essigs übergossen, so dass man nicht etwa das Gefühl hat, dass er sich verstellte. Er muss irgendwie glücklich gewesen sein – soweit er es sein kann – als er das schrieb.

Badt war ganz down über Täubler gestern. Er hat genau wie ich das Gefühl, dass man für diese Sache mit gutem Gewissen nicht werben kann. Es ist alles sehr verfahren.

Dein Franz.

22.VIII.19.

Liebes, ich nehme wieder Chinin und bin schon gleich wieder so kaput wie vorher. Dazu das immer (schon durch die Entfernungen) anstrengende Berlin. Es war ein guter Einfall von euch, mir schon hierher zu schreiben, so hatte ich heute Karte und Brief. Und du hast also diesmal “Männer und Berge” in idealer Konkurrenz gehabt. Rudis “breite Natur” – ich dachte gar nicht dass du die noch nicht kanntest. Mutter rühmt die doch immer, wenn sie von ihm spricht. Oder hat am Ende sogar bis jetzt noch Eugens alter Sammelbegriff “Ehrenbergs”, unter den er ja auch Rudi begriff, nachgewirkt, ohne dass dus wusstest?

Pichts Hochlandsaufsatz habe ich heut auf der Bibliothek gelesen. Eigentlich ist P. ein ganz neuer Typ, der christliche Feuilletonist. Seine Aufsätze sprengen nie den Rahmen, aber sie füllen ihn genau. Es ist nichts drin, was nach einer grösseren Form verlangen würde, etwa nach dem Essay, was Eugens Form ist (solange der Systematiker in ihm noch seinen Winterschlaf hält. Eugens Frucht des Todes ist deshalb schlecht, weil sie ein Essay in die Form eines Feuilletons presst). Übrigens habe ich trotzdem ein Stück Kritik. Die Sprache ist schön wie immer, die Gedanken richtig wie immer – und trotzdem: die verkehrten Revolutionäre, Eisner, Landauer, Lewinet, Liebknecht, die Luxemburg, Toller und wie sie heissenimponieren mir, und der christlich korrekte Revolutionär Picht, der sich hinter einen glücklicherweise schon vor 1900 Jahren erledigten Revolutionär zurückzieht, imponiert mir eben deshalb – als Revolutionär nicht . Obwohl er doch recht hat und ich ihm theoretisch vollkommen rechtgeben muss. Aber es gehört mehr dazu zu irren als recht zu haben, in diesem Fall. Ich muss an Rudis Antwort an Helene denken, als er sich Hans gegenüber, der unter die Sozialisten gegangen war, heruntersetzte und Helene ihm sagte: “Aber du hast es dir doch reiflich überlegt, ob du es tun müsstest”. Darauf er: “Ja, und habe es eben nicht getan”. Das Nichttun, mag es dogmatisch noch so recht sein, ist eben immer – sehr bequem. Mit einem Wort: Den Aufsatz “[gestr. Der] Jude und Zionist”, das genaue Gegenstück zu Pichts Aufsatz, ebenso richtig, ebenso unbezweifelbar, ebenso schön und tieftönig, zu schreiben, würde mich stets – mein Schamgefühl verhindern. Dies Schamgefühl vermisse ich an Picht. Vielleicht haben alle verkehrten Revolutionäre, wie Picht meint, die Saat des Teufels gesät, mag sein. Aber mir ist sicher, dass sie selber, auch wenn es so ist, nicht zum Teufel gegangen sind, sondern im Gegenteil im Himmel und zwar über denen sitzen, die christlich korrekt revolutioniert und also heutzutage in praxi: nicht revolutioniert haben. Wenn anders diese nicht doch noch andre bona opera aufzuweisen haben als dieses ihr Verhältnis zur Revolution. – Bedenk einmal selbst: Stehen Eugens Breitscheid = Versuchungen nicht über Pichts versuchungsüberhobener Tugend?

Dein Franz.

23.VIII.19.

Liebes Gritli, Dank für die selbstgemachte prosaische und die inspirierte poetische Schilderung des Massenquartiers. Die arme Else – sie wird nun auf lange hinaus wieder Stoff haben zum Lamentieren über die Verderbtheit der höheren Stände. Ein bischen neidisch bin ich wirklich hier in der Steinwüste – und wäre es nur, um dich einmal braungebrannt zu sehn; denn bis wir uns wiedersehn, hast du sicher schon lange wieder deine Naturfarbe. Und eigentlich wärest du mir in dieser Hinsicht noch die Révanche pour Mazedonien schuldig.

Ich habe es noch nicht über mich gebracht, wieder an den Hegel zu gehn, weswegen ich doch eigentlich hier bin. Und der Jüd. Verlag hat noch gar nicht geantwortet – die Juden sind unser Unglück, sagt Treitschke und alle braven Deutschen mit ihm, und wenn ich nicht bald Antwort kriege, schliesse ich mich an. Ich habe nun auch das zweite Exemplar zum Binden gegeben. Wenn ich so drin blättre, kommts mir eigentlich sehr unwahrscheinlich vor, dass es ein Verlag nehmen sollte. Auch ein “deutscher” nicht. Nimm dus – das ist besser.

Dein Franz.

23.VIII.[19]

Lieber Eugen, hat dir eigentlich Beckeraths (oder eigentlich mein) Eisenbahn = Aufsatz gefallen? Ich meine, ob er zu brauchen war. – Ich bin etwas bange wegen der Umarbeitung der Spenglerei. Grade die Universitätskritik gehört hinein. Dass die idealistische Universität gegen sowas wehrlos ist, ist ja eigentlich das einzig Interessante daran. Von dem beinahe = Ruf nach Göttingen schrieb ich dir doch. Aber soviel ich mich entsinne, steht das ja nicht im Iten Teil. Der verträgt allerdings eine Umarbeitung. Hast du eigentlich die Monumentalität der Hauptsätze im IIIten Teil (“Wer heute …dient, der…”) wiederhergestellt?

Den Wagemann will ich mir hier auf der Bibliothek ansehn. Auf “Kabbalah” bin ich ja nicht neugierig.

Dass ichs auch grade mit R.Otto hatte, weisst du vielleicht von Rudi. Ob ich mich zum “Heiligen” versteige weiss ich nicht. Im allgemeinen habe ich ja wenig Verlangen nach Religionsphiosophie, fast noch weniger als nach andrer. Ich glaube, ich habe seit

Ende 17, wo ich Hansens “Parteiung” zum zweiten Mal las, kein philosophisches Buch mehr gelesen. Halt, doch: Fichtes grässliches Buch vom seligen Leben.

Was du neulich über Hans Hess schriebst, hatte ich grade in diesen Tagen auch georakelt über ihn Rudi Hallo gegenüber. Ich habe Hess nur das eine Mal gesehen; er rief mich an, aber erst am Tag ehe ich hierher fuhr.

Das Büchlein deiner Mutter – ich habe es noch nicht fertig gebracht ihr ein paar freundliche Worte zu schreiben. Es ist ja so grausig wie du meinst. Woher es kommt? du brauchst den Teufel gar nicht zu bemühen. Sie verneint ja nicht. Sie hat nur alles Jasagen verlernt, bzw. noch nicht wieder gelernt. Sie ist eben doch genau die dir vorhergehende Generation, wirklich deine Mutter. Sie hat dir das Stadium des unfruchtbaren “de omnibus” abgenommen; so konntest du gleich aus diesem “alles und nichts” wieder in ein Etwas hineinspringen. Und sie hat dir freilich auch den Blick nach rückwärts so völlig verstellt, dass du das Etwas nur vor dir sehen konntest.

Dein Biograph hats also mal leicht. Aber damit ist der armen Frau nicht geholfen.

Dein Franz.

24.VIII.19.

Liebes Gritli, manchmal möchte ich dir nur die zwei Worte schreiben. Was braucht es eigentlich mehr. Und alles andre ist ja nur Ausschmückung. Denn was habe ich dir zu geben, ausser diesen zwei Worten. Ich fühle mich arm vor dir und nur an diesem einen reich. Meine Hände sind leer, sie haben nichts als die Bewegung zu dir hin und sie werden erst voll wenn du dich hineingiebst.

Liebes liebes Gritli, es ist mir jetzt manchmal, als könnte ich dich nicht erreichen, als spräche ich ins Leere. Es ist doch eine unleidliche Sache um die Entfernung. Man schreibt sich und weiss nicht, wo es den andern trifft und wann. Und was hintereinander wie es die Not der Tage hervorrief aufs Papier floss, das häuft sich in Säckingen zu einem kleinen Haufen und wird mit einem Male aufgenommen, in einer halben Stunde, wie ein Buchdrama, wo man den Schluss vor dem Anfang lesen kann wenn man will.

Ich bin böse auf die Erfindung der Schrift und doch – was wäre mein Leben jetzt ohne. Aber es bleibt dabei, das beste am Brief ist das braune Papier, das Siegel, die Über= und die Unterschrift. Alles andre ist Füllsel.

Ich langweile mich am Hegel und warte auf morgen und auf eure ersten Briefe aus Säckingen –

Dein Franz.

25.VIII.19.

Geliebtes Gritli, ja ich hatte es gespürt, mehr noch fast von ihm her als aus deinen beiden Briefen. Obwohl ich von ihm ja nur das Scherzgedicht hatte. Und es hat mich durchschüttert diese Tage, du wirst es aus meinen Briefen der letzten drei Tage gespürt haben. Erst gestern fand und fasste ich mich, eben indem ich dir schrieb. Und dann schrieb ich glücklicherweise – denn heute unter der Flut eurer beiden Briefe könnte ichs nicht – an Martha und liess den Brief liegen, weil ich noch warten wollte, ob heute das Telegramm käme. Das kam heut früh. Und danach eure Briefe. Liebste, ich bin ganz bei dir. Es ist alles untergesunken, was mich in den vergangenen Tagen noch quälte. Schon gestern bei mir selbst. Und heut bin ich ganz offen für euch und glücklich mit euch, und kräftig nicht bloss zu halten, sondern auch – zu tragen. Komm zu mir, heute und immer, heute wo es nur zu halten gilt und inskünftige wenn das Tragen beginnt. Denn ich liebe dich heute und immer.

Von Martha werde ich Antwort erst in der zweiten Hälfte der Woche haben können. Dann kann ich je nachdem wie lange sie bleibt u.s.w. vor oder nach dem 9ten September an die Grenze fahren. Wenn es geht, so möchte ich natürlich ihr die weite Reise ersparen, so dass sie schon Abends wieder in St. Gallen wäre. Das hiesse also irgendwo am Bodensee. Sie hat ja sicher einen guten Personalausweis schon für ihre Reise nach St. Gallen, so dass die Grenzüberschreitung ihr zufiele; sie ist ja als Engländerin auch weniger verdächtig auskneifen zu wollen als ich als Deutscher. Wenn also die Bestimmungen auch für Konstanz oder Friedrichshafen gelten, so fahre ich dorthin. Säckingen = Stein käme nur dann in Frage, wenn es nicht (oder nicht sicher) ohne Beziehungen geht. Ich vermute eigentlich, dass das der Fall sein wird und dass ich also unter Hüssy = Waltyscher Ägide werde operieren müssen.

Darüber schreibt mir noch, soweit ihrs wisst. Vermutlich wirds ja in der Woche vor dem 9ten sein. In dieser Woche mache ich wohl die erste Hälfte des Hegel druckfertig und wahrscheinlich gehts dann nach dem 9. schon mit den Korrekturen los. – Vom Jüd. Verlag keine Antwort! Hepp Hepp!!

Ich sehne mich nach deinen Briefen. Liebe, liebe, Geliebte ———-

26.VIII.19.

Liebes Gritli, gestern Abend, ich war bei Straussens gewesen, es wurde musiziert, fand ich beim Heimkommen deinen Brief, abgestempelt vom 25. früh; so nah ist Säckingen und Berlin jetzt. – Trotzdem wäre mir Bodensee natürlich lieber, es ist glaube ich eine  umständliche Reise, wohl über Zürich. Aber nach deinem Brief scheint es ja nur im unmittelbaren Machtbereich des Namens Hüssy möglich. Es wird ja übrigens frühestens nächste Woche sein; seid ihr da überhaupt noch da? und Klein? ich will mir Mühe geben, brav sein und ihn nicht “erdrücken”, – denn sehen werde ich ihn ja doch.

Warum ich Martha sprechen will, weisst du ja selber. Nicht um irgendwas zu erfahren, sondern nur um mal zu sprechen; das weitere, was sie dann sagt, muss sich finden. Brieflich wäre mir gar nicht geholfen, das hätte ich ja schon den ganzen Krieg tun können, an Martha schreiben, wenn ich nicht direkt schreiben wollte. Aber brieflich kann ich nicht sagen, wie es wirklich ist. Es würde immer ausgesehn haben, als toggenburgerte ich noch (wie es ja im Jahr 14 und 15 und noch Anfang 16 wirklich war); ich will aber jetzt wirklich nur noch irgendwie zu einem Ende kommen, für mich. Und da ich nach London nicht kann, von einem Besuch von Regensburgs auf dem Festland noch keine Rede ist und ich plötzlich hörte: Martha ist da, so griff ich eben nach dieser Gelegenheit als der einzigen die ich sah. Übrigens unterschätzest du was sie weiss. Sie weiss alles was Tante Ännchen weiss, mindestens. Das ist die einfache Folge der allgemein menschlichen Untugend der Schwatzhaftigkeit. Was Winie nicht vor aller Welt, ja eigentlich: was sie nicht sogar vor sich selber verschwiegen hat, das weiss Martha alles von A – Z. Lehr mich in dieser Beziehung die Menschen im allgemeinen und die Löwenbaums im besonderen kennen!

Sehen werden wir uns auch. Obwohl ich noch eine Scheu habe Eugen wiederzusehn, ähnlich wohl wie er damals an der Bahn mich nicht sehen mochte. Denn es sind zwar viele und vielzuviele Worte gemacht worden, aber doch immer noch eins zu wenig. Solange dies eine Wort fehlt, solange hören die vielzuvielen Worte nicht auf. Die Wunde, die er mir in jener Nacht geschlagen hat, bricht immer wieder auf. In Stuttgart selbst hast du mir am andern Morgen ein Pflaster drauf geklebt, es sei “nur Nervosität” gewesen. Aber das Pflaster hast du selbst ja bald abreissen müssen, und seitdem sind allerdings Worte auf Worte gemacht, aber keins, das sich auf diese Wunde legte. So muss ich mich auch heute noch schützen und muss, mir selbst zum Überdruss, immer wieder hervorholen und ans Licht zerren, was ich sonst, eben weil ich vermied, die Evangelien selber zu lesen und sie nur in Predigttexten und Citaten, also nur in Menschen eingewickelt, zu mir nahm, ruhig im Dunkel lassen konnte. Solange ich das Gefühl habe, umgangen zu werden, muss ich mich mit dem Rücken an die Wand stellen und mich nach vorne wehren. Solange Eugen nicht einsieht was du an jenem Morgen mir aus deiner nicht theoretisch zerfressenen unmittelbaren Einsicht sagtest (und damals auch für ihn mit sagen zu können glaubtest): er könne und dürfe das im Ernst gar nicht wünschen oder hoffen, – solange er das nicht selber einsieht, solange muss ich – zwar nicht Gleiches mit Gleichem vergelten, denn das kann ich nicht; ich kann nicht meine Hoffnung und Überzeugung, dass die Christenheit einst sich bekehren wird, in eine Hoffnung für heute und für ihn den Einzelnen umsetzen; denn ich weiss, dass heute der Christ der Christus absagt, dadurch nicht Gott findet, sondern Gott überhaupt verliert; in dieser Beziehung unterscheide ich mich scharf von den meisten Juden heute, die, wie Cohen, in der liberalprotestantischen Verlegenheit um Christus den Anfang der Bekehrung der Christen sehen. Also nicht gleiches mit gleichem kann ich vergelten, aber wehren muss ich mich, nur für mich, nur meiner eigenen Haut. Warum kann denn Eugen nicht mich sehen, wie du michsiehst und nicht einen Haubenstock für theoretische Modelle. Warum kann er das nicht auch? Ich sehe doch ihn, sein Christentum in ihm, und nicht das Christentum an ihm oder doch nur sehr selten (und wenn es mal geschieht, so habe ich solchen Gedanken, die ihn zum Exempel machten – aus einem Menschen zu einem “Fall” – immer rasch den Abschied gegeben; denn ich wollte nicht ihn verlieren, um ein Exempel mehr zu haben).

Dies alles ist so und macht mich scheu vor dem Wiedersehn; denn er bringt es doch offenbar nicht fertig, das Wort von jener Nacht ungesagt zu wünschen oder besser noch: es ungesagt zu machen, indem er mir ein Mal sagt, dass er mich so sieht wie du und keine Hoffnungen an mich heftet, deren Erfüllung mich aus dem, meinetwegen inexakten, Menschen, der ihn liebt, zum exakten Schulfall abtöten müsste, der keinen Menschen mehr lieben oder hassen könnte. So ist es, und was ich neulich an dem Pfarrer Schafft erfahren habe, ändert daran gar nichts, da habe ich bloss gesehn, dass mein Misstrauen in Hansens Ketzerkirchen= und Eugens Werktagsheiligungs = Konstruktionen zu misstrauisch war. Denn ich sah einen Menschen, den nicht seine grosse dialektische Kunst rasend gemacht hatte wie diese beiden, und der doch ganz naiv, ungelehrt und ohne spekulativen Ehrgeiz, von der Zusammengehörigkeit von Juden und Christen sprach. Und so konnte ich zugeben, dass vielleicht wirklich die Möglichkeit besteht, dass aus dem was wir ganz undogmatisch, ganz unformulierbar, nur als Überwältigte des Herzens, ganz  ungeistig also erlebt haben, doch einmal irgendwann etwas Geistiges wachsen mag. Aber mir bleibt das für mich persönlich ganz unvorstellbar, wie dies Geistige aussehn mag; es ist ein Vielleicht, ein Möglicherweise, und auf Vielleicht schlafe ich nicht ein, auf Möglicherweise wache ich nicht auf. Es “auszugraben” komme ich gar nicht in Versuchung, denn wir werden die ersten Agenden, Konzilien, Apostolica, Confessionen dieser Kirche nicht erleben. Der Geist, den ich erlebe, ist und bleibt der, der mich von euch scheidet, und umgekehrt. Und selbst auch  nur auf diesen zukünftigen Geist zu hoffen, liegt mir nicht. Ich bin zufrieden mit dem Geist, qui locutus est per prophetas, und der Liebe, die mir gegenwärtig ist, und der gewissen Aussicht auf den * der zukünftigen Erlösung. Was der Geist etwa möglicherweise zwischen der Liebe von heute und der Erlösung von morgen noch Neues sprechen wird, das macht mich nicht heiss, denn ich weiss es nicht und verlange nicht das Horoskop der Stunden zu stellen, die das gewisse Heute noch von dem gewissen Morgen trennen. Aber ich will Eugen nicht verwehren, es zu stellen; dies Interesse für die Zwischenstunden mehr als für die letzte ist wohl etwas spezifisch Christliches. Nur darf er nie verlangen, dass ich um seiner Träume willen von dem was in der 5ten, 6ten, 7ten Nachmittagstunde “vielleicht” geschehen wird, ich verleugne was mir in der frühen Morgenstunde – nicht vielleicht, sondern gewiss – widerfahren ist und wovon ich jetzt im Mittag meines Lebens – nicht vielleicht sondern gewiss – lebe und was mich, einerlei was – nicht gewiss, sondern vielleicht – die Nachmittagsstunden mir noch bringen werden, mich in die Mitternachtstunde meines Lebens – nicht vielleicht, sondern gewiss – tragen wird, “auf Adlerflügeln”. Und im Grunde gilt das Gleiche auch für ihn. Auch er lebt nicht von den Angaben seines Horoskops über das was noch geschehen wird sondern von dem was jetzt geschieht, einerlei obs im Horoskop stand oder nicht und lebt von einer Gegenwart zur nächsten Gegenwart wie das Leben ihn weiterträgt und ihm Gegenwart auf Gegenwart, Erfüllung auf Erfüllung schenkt, und Liebe um Liebe, – was alles 1000mal besser ist als Weissagungen, Zungen und Erkenntnis.

Wenn er doch das wüsste! Oder weiss ers? und ich bin stumpf genug, es nicht zu fühlen auch ohne dass ers mir ausdrücklich sagt. Dann hab du Nachsicht mit meiner Stumpfheit aus so viel zermürbenden Wochen, und sag dus mir, ob ihm jenes Wort zerronnen ist und ers nicht mehr als sein eignes Wort weiss.  ?

Dein Franz.

27.VIII.19

Lieber Eugen,  du bist ein arger Theoretikus, wenn dir der Schafftbrief den Speer aus der Wunde gezogen hat. Denn ich habe nichts, aber auch nichts weiter damals gelernt als dies, dass ihr (du und Hans, der “Ketzerchrist” und der “Werktagschrist”) vielleicht (vielleicht!!!) doch recht habt mir euren Konstruktionen von möglicherweise in irgend welcher (mir sehr gleichgültigen) Zukunft sichtbar werdenden Verinstitutionungen dessen was wir heute ganzungeistig und ganz uninstitutionell erfahren (und dies Heute ist mir nichtgleichgültig). Ich weiss – noch gar nichts, ich sehe gar nichts. Was ich von Geist und Geistern weiss, das ist der schlechtweg nur feindliche Gegensatz, in dem mein Geist (Geist!) und eure Geister stehen. Ich weiss und fühle als lebendig in meinemGeist nur den unaussprechlichen Ekel gegenüber Christus. Und das ebenso unaussprechliche Glück, Jude zu sein und die Wahrheit mir

nicht auf dem Umwege über die Lüge suchen zu müssen. Dies ist mein Geist, der einzige, den ich schon habe und kenne. Die Möglichkeit zukünftiger Geister leugne ich nicht, mein gröbstes Misstrauen gegen euer fixes Konstruieren (gegen Hans von Baden = Baden her, gegen dich aus der Revolutionszeit her stammend) ist durch Schafft zum Schweigen gebracht; aber wollte ich (könnte ich) euch auf die Bahn des Konstruierens folgen und könnte in uns heute den Keim von etwas Institutionellem mit Augen erkennen, weisst du denn nicht, was [doppelt unterstr.] ich dann erkennen müsste? Ich müsste sagen: gut, was ich bisher nur als Schwächen eures Christentums ansah, als euer noch nicht ganz Christ sein, also all eure “Ketzereien”, Abweichungen vom Apostilikum, alles was euch in die Nähe von Harnack, Traub und Konsorten bringt, all das ist also der sichtbare Anfang einer Bekehrung der Christenheit von ihrem Aberglauben. (So hat Cohen gedacht und denken viele Juden). Genau wie ihr mein unjüdisches Leben, das mich in die Nähe von Rathenau und Consorten bringt, dann nicht als meine Schwäche, als mein NochnichtJudesein ansehn dürft, sondern (ich fürchte, ihr tuts) als den Anfang einer Bekehrung der Juden von ihrem Stolz. Und ich kann und will nicht so über euch denken. Das wäre der Tod meiner Liebe zu euch. Ich liebe dich als Christen, als werdenden Christen, nicht als Symptom der Selbstzersetzung des Christentums. Ganz abgesehen davon, dass ich nicht weiss was aus der Welt werden soll, wenn wirklich die Selbstzersetzungen der beiden ..tümer heute (von Menschengnaden und unter Menschenbegutachtung) beginnen sollten. Dann gäbe es morgen kein Judentum mehr und kein Christentum und die Welt läge wieder im heidnischen Chaos. Nein nein und nochmal nein. Es mag sein (vielleicht, vielleicht, vielleicht), dass sich aus unsrer geistlosen (seelenvollen) Gemeinsamkeit ein Geist entwickelt; wollen wir ihn aber heute herauspräparieren, bemessen, Konsequenzen daraus ziehen (und was dergleichen Geschaftlhubereien mehr sind) so zerstören wir nicht bloss unsre Gemeinschaft (denn wir lieben dann nicht mehr uns einander, sondern Begriffsgespenster aus der geschichtsphilosophischen Retorte), sondern ausserdem den Geist der uns, einen jeden für sich, vivifiziert und uns so zum Leben Erweckte, erst fähig gemacht hat, uns zu lieben. (“Denn der Hauch Gottes erst macht den Menschen zur lebendigen Seele” (1M,2,7).

Schick mir den Brief über Schafft einmal auf einen Tag wieder. Ich muss sehen, ob ich mich darin so ausgedrückt habe, dass ich selbst an diesem Missverständnis Schuld habe (ich lese ja weil ich allein bin, meine Briefe fast nie nochmal durch, sondern stecke sie gleich nach der Unterschrift ins Couvert).

Ich muss dir das alles schreiben, denn es ist nicht möglich, dass ich euch den Stachel aus der Wunde gezogen habe und gleichzeitig deiner noch unverändert in meiner Wunde steckt. Ich habe gestern Gritli darüber geschrieben. Ich habe noch nicht das sichere Gefühl, dass du mich wieder (wie vorher) liebst wie ich bin (und werden soll). Ich kann die Nacht nicht vergessen, wo du plötzlich meine Wurzel “ausrotten” wolltest und nicht bedachtest, dass das mein Tod wäre (denn der Spiritus qui me vivificat, steigt in mir auf aus dieser Wurzel). Hast du sie vergessen? Du brauchst nicht zurückzunehmen; wenn du sie nur vergessen hast und nicht mehr weisst, wie du zu dem Wort kamst, – das genügt. Erst dann nimmst du mir das entsetzliche Gefühl, mich wehren und wahren zu müssen, aus dem – ich weiss es ja selber – auch dieser Brief geschrieben ist. Du kannst das Judentum hassen soviel du willst (den “jüdischen Stolz”), das stört mich nicht; du wirst es ja nicht oft sagen, ich werde dir wenig Gelegenheit dazu geben; und ich werde ganz von selbst ohne dass ichs mir viel vornehme, einfach aus meiner Liebe zu dir und den anderen Christen die ich liebe, dich nicht verstören durch Aussprechen meiner Gefühle gegen das Christentum. Hasse also das Judentum, soviel du magst und musst, aber liebe den Juden in mir, damit ich so unbedingt sicher mit dir leben kann, wie du es als Christ wahrhaftig neben mir kannst.

Während ich dies letzte schrieb, bringt die Post die Aufforderung vom Jüd. Verlag, ihm den * zur Einsicht zu schicken. Ich hatte leider grade letzte Nacht eine ziemlich spitze Mahnkarte mit Rückantwort geschickt, weils mir zu lange dauerte. Damit komme ich auf Weismantel etc. Du hast ja wohl meinen Brief an den Verlag gelesen. (Bitte sag Gritli, Sie möchte ihn mir doch wiederschicken), du weisst also, dass ich ihn am liebsten dort hätte. Es ist doch so viel einfacher. Man braucht nichts dazu zu erklären, ist nicht fortwährenden Missverständnissen (mit obligaten Richtigstellungen u.s.w.) ausgesetzt; es ist eben ein jüdisches Buch in einem Jüdischen Verlag und damit gut. Freilich halte ich es für mehr als unwahrscheinlich, dass er es nimmt. Denn er ist eben obwohl er sich J.V. nennt, doch wesentlich zionistischer Parteiverlag. Es ist gewissermassen eine Prüfung, die ich mit dem Zionismus vornehme, ob er genug gesamtjüdisches Gefühl hat, um mich aufzunehmen. Lehnt der J.V. ab, so schicke ich einen (schon entworfenen) Brief an Buber und bitte ihn, das Buch zu lesen und einen Druck auszuüben auf den J.V. oder auf Löwit. Schlägt das fehl, dann habe ich keine Bindung mehr nach dieser Seite; denn an einem der unmondänen Verlage (Kaufmann, Lamm, Papelaner u. drgl.) wo die Rabbiner ihre Eier ablegen, liegt mir nichts. Dann käme also Weismantels Verlag in Frage. Vorausgesetzt allerdings, dass Pat”h”mos nicht der Obername des Ganzen wird. Hier müsste ein gemeinsamer Name (der auch den Dodona=, besser Olympia = Verlag {denn das Heidentum rauscht nicht, sondern bildet} also der auch den Dodonaverlag mit umspannen müsste. Oder ein ganz indifferenter Name: Würzburger Verlag. “Das Wort” würde übrigens auch das Heidentum mit umspannen. Denn die Sprache ist ja dem Menschen anerschaffen. Sinai = Verlag ist übrigens nicht recht angängig, wegen Konkurrenzgefahr mit dem uralten Unternehmen dieses Namens, das noch heute mit dem grossen Schlager “die 10 Worte” mit dem es debutierte, den Markt beherrscht. Ich wäre etwa für Zion = Verlag (was ebenfalls ein Berg ist, vgl. Jes.2). Auch für die etwaige Ausdehnung dieser Verlagsabteilung über das “eine Buch” hinaus wäre “Zion” besser als Sinai.

Wie gesagt, ich habe nichts dagegen, eigentlich sogar viel dafür; denn ich möchte, wenn ich nur erst dir gegenüber wieder ganz sicher bin (verzeih, dass ich immer wieder davon anfange, aber ich bin krank daran und muss schreien wie Philoktet), furchtbar gern also möchte ich mit euch und doch in aller Geschiedenheit von euch erscheinen. Fast wünscht etwas in mir, der J.V. u.s.w. möchte ablehnen. Der hohe Ton, in dem ich an ihn geschrieben hatte, war ja von diesem Wunsch im geheimen wohl bestimmt. Im Einzelnen hat es ja noch keinen Sinn, meine Wünsche zu sagen; was Weismantel über 3. den Juden sagt, müsste im gedruckten Prospekt anders lauten, wie, das weiss ich noch nicht, würde es aber mit ihm zusammen wohl vereinbaren können (es müsste einfach zu 1.) und 2.) besser in Parallele kommen, als es jetzt bei ihm ist. Der “ewige Jude”, der ganz unorganisch in einer Klammer hereinpurzelt, müsste weg.) Hinter den Symbolen der Synagoge steht eine blutdurchpulste Volksewigkeit (nicht Rassenwirklichkeit). Aber das hat Zeit. (Ich würde vielleicht auch vorschlagen: der Christ lebt auf Patmos, der Heide spielt in Olympia, der Jude ruht in Zion. – Vielleicht.) Die Parallele 3.) der Jude ist nicht leicht. So wie bei Weismantel geht es aber nicht.

Ich behalte Ws Brief noch da. Caros auch. (Er muss mal eine Leuchte des Rickertschen Seminars gewesen sein, nach meiner Zeit). Ob ich jetzt zu ihm komme, weiss ich nicht. Der Hegel drängt, und du weisst ja, wodurch meine Zeit im Augenblick eingeteilt ist. Auch bin ich – ich muss es immer wieder sagen – jetzt nicht recht gesund, Die Heilung liegt bei dir. Ich kann schwer sprechen, würde vielleicht, wenn ich ihn jetzt sähe, über dich sprechen. Und das willst du ja selber nicht.

Weismantel ist übrigens famos und doch unheimlich. Seine “allenfallsigen Filialen” – da wäre es besser, “Patmos” erschiene unter Diederichs, Kurt Wolffs, Insel = Ägide, nach Art der Kelltel[?]gemeinschaft. Und seine Kapitalisten – na, na! Den nicht verwandten oder verschwägerten Kapitalisten möchte ich sehn, der darauf hereinfällt.

Lieber Eugen, das Schlimmste ist, dass ich dir vielleicht Unrecht tue. Und dass du wirklich schon vergessen hast. Ich hätte diesen ganzen Brief an Gritli schreiben sollen, statt an dich.

Ist es nicht sonderbar? Sonst sagt man: vergessen und vergeben. Aber zwischen uns ist es jetzt so, dass der eine vergessen haben muss, was er gesagt hat, – damit der andre ihm vergeben kann. Sieh, so unglaublich es klingt nach diesem Brief: ich habe immerfort vergessen, was ich dir hartes gesagt habe; ich spreche es aus, und doch ist es gleich wie weggewischt, ich brauche bloss an dich zu denken; ich kann es gar nicht festhalten, wenn ich dich ansehe. Und das hast du wohl gespürt und hast mir deshalb vergeben, auch diesmal wieder (o wäre es das letzte Mal, dass dies zwischen uns vergessen = vergeben werden müsste!) Und wenn ich wüsste, du hast es auch vergessen, was du mir gesagt hast, und kannst es gar nicht wieder hervorrufen, wenn du mich, mich selber, mich Deinen Franz, ansiehst, so wäre ich gesund. Hilf mir doch!

27.VIII.19.

Liebes Gritli, ich habe heut nochmal an Eugen geschrieben, zum Teil das Gleiche wie dir gestern. Es musste wohl nochmal sein, aber ich wollte es wäre das letzte Mal dass ich einen solchen Brief schreiben muss. Dabei immer das Gefühl: Vielleicht ist es gar nicht mehr nötig. Aber ich konnte auch nicht mehr warten, bis deine Antwort kam. Ich bin müde und traurig, dabei von einer nervösen Lebendigkeit – kurzum übel. Eben irgendwie krank. Es ist auch bös, dass ich so bin, grade in einer Zeit in der du so glücklich bist. Aber es ist zwischen uns das Band im Augenblick auch lockerer, es schleift auf der Erde, ich fühl es ja ebenso von dir zu mir wie du es von mir sicher spürst; es ist doch kein irriges Gefühl, was ich dir neulich schon mal schrieb: dass du mir eigentlich nicht antwortest. Es ist nicht so, das der kleinste Zug hier auf dem andern Ende des Seils gespürt würde. In Mazedonien hat uns 14 tägige Briefentfernung nicht hindern können, dass wir gleichzeitig lebten; jetzt in diesen Wochen nach Stuttgart hindert 3 tägige Entfernung nicht, dass ich traurig bin zur gleichen Zeit wo du froh bist. Ich strecke den Arm über den Zwischenraum weg, ich habe auch das Gefühl als ob er dich erreichte, aber nicht als ob deine Hand ihm entgegen sich streckte und ihn fasste. Vielleicht wird es mit einem Male wieder gut, so wie es mit einem Male schlimm geworden ist. Es ist wie ein böser Traum.

Ich war auf dem Jüd. Verlag und habe das Mskr. abgegeben. Bloss abgegeben, absichtlich. Ein Briefchen hatte ich beigelegt, worin ich bitte, nicht nur im (“zwar grundlegenden, aber nur grundlegenden”) ersten Teil allein zu blättern, sondern vor allem im zweiten und dritten. So habe ich von mir schliesslich ja getan was ich konnte. Es ist doch wichtig, dass ichs erst in der Sphäre versuche, für die das Buch auf die Länge doch bestimmt ist. Denn die Wirkung auf Christen wird, wenn nicht Schafft = Eugen = Hans doch recht haben (womit ich aber nicht rechnen kann, auch wenn ichs für möglicherweise möglich halte) mit eurem Leben erlöschen. Mein späteres Publikum muss ich mir doch bei den Meinen erwarten. Insbesondere wenn ich erst die Übersetzung ins Hebräische erreicht habe (die zwar viel Tote und Verwundete kosten wird, aber ein Rest meiner Worte wird doch bleiben). Wenn aber die jüdische Gegenwart mir es ablehnt (die Zukunft akzeptiert es ja sicher), dann soll es natürlich viel lieber als in einem “deutschen” Verlag, in dem Kreis erscheinen, in dem es entstanden ist. Die kleinen Modifikationen, die dazu an Weismantels Programm nötig wären (Patmos nicht als Obername für alle drei “Verlage” und Änderung von “3. der Jude” etwa so wie in dem beiliegenden Brief an Eugen), das würde wohl keine Schwierigkeit machen. Grade was Weismantel schreibt: das feste weltanschauungsverbundene Publikum (als Masse) hatte ich ja nur im J. Verlag. Bei Weismantel im “Zion = Verlag” wäre grade ich in der Lage, mein Publikum erst erwarten zu müssen. Denn ihr, du und du und du und du, ihr seid doch kein “Publikum”. Um Himmelswillen!

Immer wieder, auch durch die kränksten Träume hindurch,

Dein Franz.

27.VIII.19.

Liebes Gritli,

ich habe eben statt endlich zu hegeln, deine Briefe seit Stuttgart wieder gelesen. Ich hatte sie mitgenommen. Nun schäme ich mich wegen des Briefs den ich dir vorhin geschrieben habe. Dass mein Herz nicht geduldiger schlägt. Dass es so am Augenblick hängt. Sieh, ich weiss doch ganz genau, weshalb du mir diese zwei Tage wieder nicht schriebst und ich müsste bei dir sein, bei dir in solchen Tagen wo es dir nicht zum Schreiben ist, noch mehr als wenn du mir schreiben kannst. Ich müsste. Und doch bin ich ungeduldig und verlangend nach deiner Hand. Als ob das Immer unsrer Liebe aus Tagen bestünde. Und doch -, – besteht es denn nicht aus Tagen? aus allen Tagen? und wär es jeden Tag nur ein Augenblick, nur ein Siegel, nur ein Dein. Aber jeden Tag; jeden Tag neu. Mag es auch jeden Tag das gleiche sein. Das Heute lässt sich von keinem Immer vertrösten. Obwohl es doch nur von dem Immer lebt und ohne es ein schales stumpfes flüchtiges Ding wäre. Und doch ist es undankbar gegen das Immer und verlangt nach seiner Nahrung, nach seiner eigenen.

Kannst du das verstehn? Aber du kennst es ja selber, du weisst es doch. So versteh es und hab Geduld mit meiner Ungeduld.

Mein Herz sehnt sich nach deinen Händen

Liebe, liebe –

28.VIII.19.

Liebes Gritli, ich schlief wieder erst ganz spät ein und wachte früh auf. Da war dein Brief vom Montag Abend da. Du hattest also doch geschrieben. Ich hatte es nicht gedacht, weil ich ja weiss wie schwer und verstörend ein solches Abschiednehmen ist. – Du hast meinen Brief über Werners Hochlandsaufsatz Eugen vorenthalten. Das brauchst du nicht. Sogar Picht selber dürfte ihn sehn. Ich halte ihn ganz aufrecht. Es ist eine Kritik, über die er mir grollen könnte, aber die er nicht ablehnen kann. Soll ich mich davon, dass er unter uns allen sicher der vollkommenste Schriftsteller ist, der einzige bei dem es nie einen unechten Ton giebt, blenden lassen und hinwegtäuschen lassen über den Preis, den ihn diese Vollkommenheit kostet? Der Preis ist, dass er, der am meisten Angst hat Litterat zu sein, es gleichwohl am meisten von uns allen ist. Er ist nie unecht, weil er sein Christentum aufs genauste auf den Grundton seiner Natur abstimmt. Dadurch werden seine christlichen Äusserungen so rein, so wahrhaftig – und so unfruchtbar wie, nun um in christlichen Bildern zu bleiben: wie die Äusserungen des Pharisäers, der nämlich auch sein Wesen rein und ohne falschen Ton ausspricht; denn es ist wahr, dass er dreimal fastet, den Zehnten giebt u.s.w. Der Ton des Zöllners ist sehr unrein dagegen. Der Pharisäer mag wohl Gott danken, dass bei ihm anders als wie bei diesem Zöllner alles klar ist und gut stimmt. Ein Aufsatz wie der im Hochland ist bei aller vollkommenen Echtheit und Korrektheit gradezu mörderisch. Wer sich davon bestimmen liesse, nicht auf die Barrikade zu gehn, sondern lieber “Herr Herr” zu rufen – und darauf kommt es heraus – den hat Picht auf dem Gewissen. Und sich selber dazu. Versteh mich recht: er darf konservativ sein. Aber er darf sein Christentum nicht dazu benutzen, dieses sein Dürfen zu rechtfertigen oder gar mit einem Heiligenschein zu verklären. Sondern sein Christentum muss ihm der Stachel und die ewige Unruhe sein, die ihn bei seinem Konservativismus, der ihm natürlich ist, nicht zur Ruhe kommen lässt. Und die ihn die revolutionären Zöllner als die besseren Menschen verehren (verehren!!!) lässt, solange bis er selber unter sie gegangen ist. Wenn er selber unter ihnen und neben ihnen steht, dann und keinen Aubenblick früher, hat er das Recht und die Pflicht die Waffe seines Christentums gegen ihr Heidentum zu kehren. Dann braucht er sie nicht mehr als die besseren Menschen zu verehren, sondern kann sie und soll sie zur Rede stellen. Aus dem sicheren Port seiner Gesetzlichkeit heraus, wie jetzt im Hochland, ist sein Gemächlich Raten kein schöner Anblick.

Anders gesagt: sein Verhältnis zu Eugen, seit der ihn endlich einmal schwach gemacht hat, ist das wahrhaft Christliche an ihm. Ein Aufsatz wie der im Hochland ist grade in seiner reinen und ruhigen Stärke und kühl die Gemeinschaft mit den Sündern ablehnenden Selbstzufriedenheit nur widerschristlich.

Als ich gestern deine Briefe durchlas, stiess ich auf ein paar Briefstellen von ihm; da fiel mir mein Brief an dich ein und ich musste grade denken, dass er da eigentlich sich selber genau so beurteilt wie ich seinen Aufsatz. Und an den Parallelen Hans und Rudi; Eugen; ich und Kahn (vor allem an dieser) musstest du sehen, dass es mir völlig Ernst war, und dass ich ihn nicht kritisierte um ihn zu kritisieren (was bei unsrer Entfernung heute noch ein unfruchtbares Tun wäre), sondern weil mir an seinem Bilde ganz hellbeleuchtet meine eigene Vielleicht = bloss = Mattherzigkeit und  = Bequemlichkeit in meiner Stellung zu meinen“Revolutionären”, den Zionisten, aufging. Entsinn dich, dass mir Eugen selbst einmal (in Säckingen, im Januar glaube ich) in diese Kerbe schlug; das habe ich nicht vergessen.

“Eugen selbst” – damals konnte er das. Schaff du dass er es wieder kann, oder sag mir, dass du es gar nicht mehr zu schaffen brauchst, dass das Wort, das sich zwischen solche wirkenden Worte von ihm und mich gestellt hat, ausgelöscht und vergessen ist. Bis dahin stehe ich in der Luft. Aber sag mir um Himmelswillen nicht so etwas wie dass ich doch nicht “aus seiner Hoffnung herausfallen” dürfe; er darf nicht auf meinen Tod hoffen. Die ungeheure Lieblosigkeit die in solcher “Hoffnung” liegt, das über das Du in mir Hinwegsehen auf irgend ein abstraktes Er = Gespenst im Hintergrund, – das ist ja das Unerträgliche. Er muss mich sehen können, wie du mich siehst.

Genug davon; ich schreibe ja seit Tagen jetzt immer wieder dasselbe. Aber es ist auch das: du selber als du nach meinem Weggang von Stuttgart Eugen schriebst und versuchtest, ihn von dem Gespenst weg wieder auf mich sehen zu lehren, hast damals gehofft, dass Rudi das vollenden würde, was du angefangen hattest schon zu wirken. Und ich fürchte, es ist grade nicht so gegangen. Er hat sich mehr zu ihm herüberziehen lassen als dass er ihn die Wirklichkeit sehen gelehrt hätte; auch in seinem (letzten) Brief steht so etwas von der “Hoffnung”. Vielleicht verstehe ich es miss. Denn es steht auch andres, genug andres, der alte Rudi der mich kannte, in dem Brief. Aber ist es so gemeint, so tötet diese “Hoffnung” mir Vertrauen, Sicherheit und alles. Auch zum “Sinai = Verlag” kann ich erst dann unbefangen stehen, wenn ich persönlich erst wieder ganz sicher bin. Vorläufig sage ich “Ja” und (wenn sich mir die Meinen verschliessen) “furchtbar gern”. Aber das ist im Grunde vorläufig nur ganz bedingungsweise gesagt. Denn wenn es so bleibt, wie es heute noch ist (oder jedenfalls wie ich bis heute noch glauben muss, dass es ist), wenn also im Hintergrund noch immer unverleugnet Eugens Nachtwort steht, – dann würde ich den * lieber bei Kurt Wolff, S.Fischer oder sonst einem Botokuden[?] erscheinen lassen als auch nur im entferntesten Zusammenhang mit Eugen.

Und du, Liebste? ich soll dir etwas “deuten”? Als ob du es nicht selber wüsstest. Zu deuten ist hier wenig, zu tragen wird viel sein. Denn Helene ist nicht bloss ein “holdes Geschöpf”, sondern auch wie wir alle, du (z.B. wenn du einen neuen Hut hast oder keine Wohnung) und ich (ja wirklich ich auch; ich habs in diesen Tagen gemerkt), -: eine böse Sieben. Und das zu sein ist ihr (wie jedes Menschen) gutes Recht; sonst wäre sie kein Mensch. Wenn noch nicht einmal ich, der ich Rudi liebe wie dich und euch beide und Eugen dazu wirklich – glaube ich – “wie mich selbst”, wenn also noch nicht einmal ich, der ich mich doch ganz drin weiss in diesem Kreis und der glücklich ist über diese Erweiterung, glücklich von mir aus ganz unmittelbar und gar nicht erst über den, doch auch nur kleinen, Umweg über dein Glück, wenn also noch nicht einmal ich ohne Eifersucht war und bin (da stehts!), wie kann sie es dann sein. Und so wird es Schmerzen geben. Viel Leid. Und wieder noch mehr Liebe. Denn Leid und Liebe nähren sich gegenseitig. Und erwecken einander wie Ich und Du. Das Leid wohnt ja im Ich, und die Liebe wohnt im Du. Und beide zusammen geben erst das Leben. Ich liebe dich. –

28.VIII.19.

Liebes Gritli, du schriebst mir beinahe den Brief den ich nötig habe (beinahe, soweit es eben Briefe nun tun können) – und dabei hast du erst meine Briefe von vor dem Sonntag; aber da litt ich freilich schon wie jetzt. Geliebte, du bist doch nicht traurig, dass ich dir das schreibe; ich habe es eben sogar Rudi geschrieben, aus einem andern Grund freilich (um ihm das Herz zu stärken für die Erfahrung die er sicher macht, und damit er es dann weiss, dass solches Leiden unvermeidlich ist, dass es nicht, wie er jetzt noch – o ich kenne das – meinte, umgangen werden kann, sondern dass man hineinsteigen muss in dies Wasser der Tränen und dass sich die Liebe darin und nur darin reinigen kann). Nein dir schreibe ich es nur, weil ich vor dir nicht schweigen kann, und weil ich zu dir kommen muss mit meinen Schmerzen, auch wenn du selbst die Quelle bist, aus der sie entspringen. Denn sieh: nur an Rudi geschieht es mir in diesen Tagen, dass meine Liebe wächst. Er ist mir jetzt erst ganz nah. Das Letzte von einem Verkehr zweier sehr vertrauter  Geschäftshäuser, das letzte Stück Bundesgenossenschaft, das letzte von Kameradschaft, was noch in unsrer Freundschaft war, das ist nun hingeschmolzen im Feuer der Schmerzen dieser Tage und es ist nur, wie schon lange zwischen mir und Eugen, die nackte Liebe geblieben, gar nichts mehr von Männerfreundschaft, Schiller und Goethe (“Werter Freund”) und solcher Stuss, sondern nur noch Mensch und Mensch. So ist meine Liebe hier gewachsen. Und das macht mich glücklich über alle auch hier noch keine Stunde ganz schweigenden Schmerzen. Aber zu dir, ich sage es wie ichs weiss, hat meine Liebe nicht mehr wachsen können; ich bin dir so nah und war so offen vor dir hingebreitet, es konnte nicht mehr werden als es schon, mindestens seit dem Juli 18, war. Und so ist das einzige was mir, was meiner Liebe zu dir die Leiden dieser Tage bringen, dass sie sich – vielleicht reinigt. Grösser konnte sie nicht mehr werden. Aber vielleicht tiefer und stiller und klarer. Vielleicht. Dazu kannst du mir helfen, indem du mich immer wieder ansiehst. Sieh doch, ich ertrug es nicht, dass du dich nicht “nach mir umsahst”. Obwohl ich wusste, dass du es aus grossem Vertrauen in meine Liebe tatest. Aber dieses Vertrauen war mir zu schwer. Nicht dass meine Liebe es nicht überdauert hätte. Ich glaube, sie würde ein jahrlanges Schweigen überdauern, unverändert. Aber ich würde es nicht überdauern. Ich würde vor Schmerz erlöschen. Das haben mich schon jene Tage gelehrt. Meiner Liebe kannst du alles zumuten, aber meinem Ich sehr wenig. Meine Liebe ist gross und reich, aber mein Ich, nein mein Herz, das sie doch trägt, ist ein ungebärdiges Kind, ist arm und verlangt nach Pflege. Und was wolltest du schliesslich mit meiner Liebe, wenn mein Herz, die animala vagula blandula, stürbe. Und so steht es still wenn es spürt, dass du ihm den Rücken kehrst und es nicht ansiehst. O sieh es an, immer wieder und wieder, mach es wieder lebendig, sieh es drängt sich an deine Kniee, o nimm es auf, sprich zu ihm, was es in diesen Tagen zu dir nicht über die Lippen bringen konnte, – sprich zu ihm: Du bist mein.

29.VIII.19.

Liebes Gritli, erst heut früh kam das Telegramm von vorgestern Morgen. Ein gleichzeitig eingesteckter Brief wäre vielleicht schon gestern Nachmittag gekommen. Also ich kann selber nach St. Gallen? und muss bloss bei Säckingen über die Grenze? das wäre ja das Allerbeste. Ich habe von Martha auf meinen Brief vom Montag noch keine Antwort; ich hatte ihn geschlossen, weil es mir so auf der Post gesagt war; aber vielleicht war das verkehrt. Vielleicht schreibe ich ihr heute nochmal, offen, oder telegrafiere, ob mein Brief angekommen ist. Telefonische Vermittlung hat keinen Zweck. Wenn es so ist, wie aus eurem Telegramm hervorgeht, dass ich selber nach St.Gallen kann, dann fahre ich hin, auch wenn sie mir gar nicht oder abschreibt. – Da es sich mit Oldenbourg anscheinend noch länger hinzieht (bis der Chef von der Reise zurück ist), so bin ich, abgesehn vom 9. in Kassel, ganz frei. Nun nur noch eins: was für eine Art Ausweis ist nötig? Ich bin nur in Kassel gemeldet, nicht hier. In Kassel giebt aber die Polizei Personal = Ausweise nur für Auslandsreisen, also schwierig. In Deutschland benutze ich die gerichtliche Zuschrift an mich wegen der Testamentseröffnung als Ausweis. Da es aber bei der Grenzüberschreitung doch offenbar nur Sache des persönlichen Vertrauens zu eurer Familie ist, so werden sie es damit wohl nicht bürokratisch nehmen und nur meine Kleiderfutter auf meine Millionen untersuchen.

Also genug hiervon. Ich denke nicht viel daran. Ich denke im Augenblick überhaupt nur an wenig Dinge. Du weisst ja woran. Heut früh im Bett musste ich daran denken, was es eigentlich ist, was ich von Eugen fordre. Nämlich dies: es könnte ja sein, dass ich mal schwach werde, dass mir meine Wurzel keine Säfte mehr zuführt und dass ich – es ist ja schon einmal so gewesen – nach der andern Seite hinüberschiele. Sieh, wenn das heute wiederkäme, dann müsste ich heute (damals 1913 nicht, aber heute) gewiss sein können, dass Eugen eine solche Schwäche nicht ausnutzt zu “Bekehrungs” = Versuchen, sondern dass er im Gegenteil, so gut ers kann und mit den Mitteln die er hat, mich wieder in mein Eigenes zurückzuführen sucht und meine austrocknende Wurzel neu begiesst, so gut ers eben kann. So und nicht anders handle ich an ihm und an euch allen, ja an jedem Christ der mir in die Nähe kommt. Und dieses Vertrauen hat mir Eugen in jener Nacht gebrochen; damals schien ich ihm – es war nach Frau Riebensahm – schwach und er hat meine Schwäche ausgenutzt oder ausnutzen wollen. Du hast mir damals auch gezürnt, aber du hast genau das zu mir gesprochen, was mein Vertrauen von euch in so einem Fall erwarten muss; du sagtest: Franz, ich suche dein jüdisches Herz. Eugen aber sagte: Franz, lass dich taufen. Und ich darf verlangen, dass Eugen sein Wort vergisst und ver = nichtet und dein Wort mitspricht. Denn er selber hätte es kurz zuvor, vor dem Hansischen Jameson = Raid auf den *, nicht anders gesagt als du. Er muss, er muss. Er kann gar nicht nein sagen.  Noch in seinem Verhalten damals zu Ditha – nicht wie ichs zeitweilig auf Grund der misshörten Briefstelle auffasste, sondern wie es wirklich war – hat er so gehandelt, wie es mein Vertrauen von ihm erwartete; ja da es sich nicht unmittelbar um mich handelte, sogar noch über mein Erwarten oder wenigstens über das was ich fordern durfte, hinaus.

Dass ich dies von ihm fordere und er des Umgekehrten von mir gewiss sein kann – ist das denn nicht 1000 mal wirklicher und lebendiger als alle Verlagssymbole? Was ist ein Verlag, was sind überhaupt Bücher! selbst so schöne wie der *. Ein Mensch in all seiner Hässlichkeit ist mehr. Die Bücher kommen doch höchstens in den Himmel, wenn wir sie unterm Arm mittragen. Und wozu sollten wir uns dann eigentlich noch damit abschleppen. “Es geziemt keinem Soldaten noch Liebhaber, die Arme eingewickelt zu tragen”. Auch die Soldaten und Liebhaber Gottes müssen die Arme frei haben

Euer Franz.

29.VIII.19.

Liebes Gritli, o weh der Telegrammstil. Es kam gegen Abend, und ich merkte, dass ich kein Neues Testament da hatte, trotzdem ich diesmal wohl 50 Bücher mithabe. Auf die Stelle vom untergetanen “Sohn” riet ich zwar, aber ich meinte, sie stünde im 15.Kapitel und im Telegramm stand 14. So war ich unruhig, denn mehr als den guten Willen konnte ich aus der blossen Tatsache des Telegramms nicht erraten, und habe ich an dem je gezweifelt? Und ich musste zu Badt, es war besonders nett, aber ich besonders unruhig und verstört, überhaupt; ich ging früh weg, weil ich wissen musste, was er mir telegrafiert hatte, ging in ein christliches Hospiz, bat um eine Bibel, bekam statt dessen zunächst – die Rangliste, lies mich aber, bei meiner skeptischen Haltung gegen Picht, mit dieser Heiligen Schrift des Takts nicht abspeisen, und kam so endlich auch an die Heilige Schrift des taktlosen Christentums. Fand dann, dass doch bloss 15 gemeint sein konnte. Vers 28 nun ja, gewiss. Der locus classicus der “Ketzerkirche”. Aber Vers 29 – den habe ich nie verstanden (es giebt ja dicke Abhandlungen über die urkirchliche Sitte oder Unsitte, auf die er anzuspielen scheint), und da ihn Eugen mir nun offenbar irgendwie auf sein Nachtwort bezieht, so verstehe ich ihn ganz und gar nicht. Bin ich der “Tote”? oder wer sonst? was meint er? ich bin noch genau so dumm wie zuvor, und sehe nur dass für Eugen die Sache fertig ist, aber wie? in welchem Sinn? ob er mich noch weiter zerhofft? ich weiss es nicht. Ich warte nun erst recht auf deinen Brief. Denn ich sehe, Eugen kann sich gegen mich nicht mehr einfach ausdrücken in dieser Sache. Er macht Reservationen, verschanzt sich hinter dunkle Verse, und bringt es nicht fertig, mir einfach zu sagen: Lieber Franz, ich hoffe (wenn schon partout “gehofft” werden muss) ebenso ehrlich und rückhaltslos, dass du Jude wirst, wie du hoffst, dass ich Christ werde, immer mehr und mehr.  Ich erwarte nun von dir ein undunkles, einfaches, klares Wort, ob du den Eindruck hast, dass er hinter seiner Dunkelheit und Theologie im Grunde dies meint. Von ihm selbst erwarte ich gar kein Wort mehr. Wenn du es mir mit gutem Gewissen schreiben kannst, dass ich wieder ebenso sicher mit ihm leben kann wie mit dir und wie vor der Stuttgarter Nacht auch mit ihm, so soll mir das genügen; ich will dann wenigstes mir alle Mühe geben zu glauben, dass du dich nicht irrst. Aber schreib es mir nur, wenn du sicher bist, soweit du es sein kannst.  Ich sehe ja schon aus dem Telegramm, dass er jedenfalls wohl meinte, mir damit ganz genug zu tun. Sonst hätte er doch wohl nicht telegrafiert. Oder vielleicht doch? War ihm das Festhalten seiner neugewonnenen Nachtansicht auch ein Telegramm wert? Ich dürste nach Hochdeutsch und nicht nach der dunkeln und vieldeutigen “Sprache Zions”. Sprich du mir deutsch, wenn ers gegen mich verlernt hat. Und quäl ihn nicht mit diesem Brief, wenn er vielleicht bei dem Vers 29 schon das gemeint hat, was ich von ihm hören möchte. Ich kann es allerdings nicht herausschälen. Auch hinter den auferstehenden Toten vermute ich irgend eine Spitze. Er glaubt, doch, die Totenauferstehung sei ein christiches Spezialdogma. Also hilf mir; er wird es dir ja erklärt haben, was er dabei gedacht hat. Es ist schrecklich: ich speie ganze Lavaströme von Briefen aus über dies und immer nur wieder hierüber und von Eugen kommen immer nur telegrafisch kurze Anspielungen, – alles zusammen, was er mir nach dem Brief vom 9ten noch hierzu geschrieben hat, geht glaube ich auf eine halbe Seite wie diese. Und das einfache kurze Wort: ich habe vergessen; ich will nicht mehr wissen was ich damals gesagt habe, ich will es nicht gesagt haben – dies Wort fehlt.

Den Personalausweis will ich versuchen mir mit Badt zu besorgen; er hält es eventuell für möglich. Bodensee, obwohl du wieder davon schreibst, ist doch offenbar ganz unmöglich. So weit reicht doch der Hüssysche Name nicht. Wenn ich nochmal an Martha schreibe, was mir aber schwer fällt – man kann so Briefe schlecht zweimal schreiben – so werde ichs also über euch. Seit ihr denn nach dem 9. noch in Säckingen? Es wird ja doch wohl bis dahin dauern; auch ists besser, weil ich bis dahin vielleicht endlich endlich eine Antwort wenn auch nicht von, so doch über Eugen haben werde. Vielleicht ist sie schon unterwegs.

 

Ich bin zerquält. Dieser Nachmittag war wieder ganz wirr und traurig. Dann kam Abends mit dem Telegramm dein Brief. Er hat mich auch bedrückt. Ich bin dir besser erschienen als ich bin. Es war an dem Montag Morgen auch wirklich so, einfach eine Erlösung nach der peinigenden Unruhe der Tage vorher. Du sprachest doch wenigstens wieder. So war ich befreit und glaubte wohl, es ganz zu sein. Wenn ich dir schreibe, bin ich es auch immer wieder. Aber dazwischen, die vielen Stunden dazwischen. Es kommt immer wieder, auch wenn ich – wie heut Morgen einmal – meine, ich wäre darüber hinaus. Ich kannte mich selber nicht. Du hast es ja inzwischen nun schon erfahren, ich durfte dir kein Geheimnis daraus machen. Meine Hände halten dich immer. Aber das Gewicht, mit dem deine Hände in meinen ruhten, ist leichter geworden. Das ist so. Ich wusste es nicht und hätte es nie geglaubt. Ich bin dein wie je. Aber es ist ein Gefühl von Michverlieren, von irgenwie – nicht ganz aber teilweis – ins Leere fallen hineingekommen in dieses Deinsein. Es ist nicht mehr die grosse Ruhe darin, die mich den ganzen Tag trug. Und ich könnte dir heute das Wort, das ich dir zum ersten Mal in jenem ersten Brief aus Leipzig (noch nach Leipzig) zu schreiben wagte, heute nicht mehr schreiben. Und so ist das andre Wort, das Wort das ich dir immer sagen konnte, seit wir uns zum ersten Mal in die Augen sahen und das ich dir immer sagen können werde aus einem Wort des reinen Glücks zu einem Wort voll Schmerzen geworden, das ich doch nie aufhören könnte zu sprechen, denn noch diese Schmerzen sind seliger als alles andre Glück, – das Wort:

Ich bin dein.

30.VIII.19.

Liebes Gritli, heut früh kam ein Telegramm aus St.Gallen. “Mitte September. Abwarte meinen Brief”. Ich kann sie also auch nach dem 9ten sehen. Der Brief wird wohl bis Dienstag hier sein. Vielleicht werden nur die dehors des Treffens drin stehen, wahrscheinlich aber wird sies mir schon auf die Entfernung ausreden wollen, um mir die Reise zu ersparen – oh weh, die Tinte könnte sie sich sparen. Würde ich am Dienstag abends fahren, so träfe ich Rudi erst am 9.; das wäre aber ganz gut; ich habe ihm sowieso gestern geschrieben, er soll sich nicht festbeissen in den Gedanken, mich in Kassel vor dem 9. zu treffen sondern soll gleich nach Attendorn fahren und Helene von da nach Kassel begleiten. Er wird vielleicht inzwischen schon selber darauf gekommen sein; es ist ja das einzig Natürliche. Ich habe ja jetzt ein Wiedersehen mit ihm nicht im mindesten nötig, obwohl ich mich darauf freue. Aber je nach Marthas Brief fahre ich auch erst nach dem 9., vielleicht wird sie den Abstecher nach Stein = Säck. am leichtesten mit der Rückreise kombinieren, die ja wohl über Basel geht.

Ich habe mir den unglücklichen Vers 29 heut Morgen nochmal überlegt, verstehe ihn jetzt, wie er von Paulus gemeint ist (es fiel mir ein dass Luthers “über Toten” in Wirklichkeit natürlich heissen müsste “für Tote”; es muss im Text heissen uJper nekrwn; also es war Sitte unter den Korinther Christen, dass Lebende sich zugunsten von Toten taufen liessen, damit die auch Teil hätten an der durch die Taufe verbürgten und bedingten Genossenschaft mit dem erhöhten Christus beim Eintritt der künftigen Welt. Und Paulus zeigt ihnen, dass sie, indem sie so tun, dadurch schon ihren Glauben an die Auferstehung der Toten bezeugen – denn wozu sonst, wenn jene Teilhaberschaft voraussetzte, dass man den Eintritt des Reichs erlebt, ehe man “den Tod geschmeckt” hat, “wozu dann jene Taufe für Tote”!) Also so meints Paulus. Aber wie meints Eugen? Was hats zu tun mit dem “Franz lasse dich taufen”? Meint er, ich brauche mich nicht taufen zu lassen, weil ich “ja nicht an die Auferstehung der Toten glaube”? Das redet er sich ja ein, es stand komischerweise auch in seinem Heidelberger Brief an mich und schon vorher mal schrieb er: jetzt wo das deutsche Reich stürbe um wieder aufzuerstehn, müssten “sogar die Juden an die Auferstehung glauben”. “Sogar die Juden!” “Sogar”!! Nein, die Juden nennen Gott täglich dreimal den “Beleber der Toten” – und lassen sich doch nicht taufen, weder für die Lebendigen, noch für die Toten. Nein, damit, ist es auch nichts. Aber wenn er etwas derartiges gemeint hat, so sind wir genau so weit wie zuvor. Und wie kann er dann aber meinen, damit sei nun alles gut (denn dass er das meinte, klingt ja durch sein Telegramm durch). Sieht er mich denn so gar nicht? Kann er mich nur noch bedogmatisieren und verdogmatisieren und – zerdogmatisieren? Hilf mir doch. Mach ihn doch einfach. Wenn er Nein sagt, ein einfaches unverbibeltes Nein, wenn er also festhalten will und muss an dem was er mir in der Nacht gesagt hat, so will ich mich gedulden, will vorsichtig sein, wenn wir uns sehen, was ja doch geschehen wird eben wegen Martha, und werde warten, ob er nicht eines Tages doch noch zu einem Ja kommt, einem einfachen untheologischen, mir und nicht “Institutionen”, Gestalten und Gespenstern gesagten Ja, auf Grund dessen wir dann wieder sprechen können. Dieser raptus theologicus ist ja unerträglich. Ich möchte ihm einen Rousseau schicken. “Rousseau der aus Christen Menschen wirbt”. Kannst du nicht dieser Schillersche Rousseau sein??

Wenn ich so an dich schreibe, Liebste, ist mir wohl und ruhiger zu Mute, – und eigentlich nur dann. Ich möchte dir gern sagen, was mich quält; ich habe es dir gestern Abend, kommt mir vor, nicht ganz richtig gesagt; da war ich zu bedrückt durch den überschwänglichen Glückstoss, der aus deinem Brief drang und der die Wirklichkeit, meine ach so zusammengesetzte Wirklichkeit überjubelte und – vergass. Ich will noch einmal versuchen mir klar zu machen, weshalb ich deinen Worten zum Trotz so leide und unter Schmerzen spät einschlafe und mit Schmerzen früh aufwache. Es ist ein Stück Besitzenwollen in der Liebe. Man will etwas haben, woran kein andrer Teil hat. Das ist kein guter Wille, sondern es ist das Böse im Menschen. Das Eigenhabenwollen. Aber die Liebe lebt von diesem Bösen. Es ist der irdische Boden, von dem sie los möchte und doch nicht los kann und auch nicht darf. Nur der Tod kann die Liebe davon lösen. Denn davon gelöst werden ist der Tod der Liebe. Und diesen Tod soll sie nur bei lebendigem Leibe sterben. Sie soll bei lebendigem Leibe verklärt werden zu einer Liebe, die nicht mehr das ist, was wir Menschen Liebe nennen. Die etwas rein Übermenschliches ist, etwas was wir erst jenseits des Lebens erleben, kurz nur ersterben nicht erleben können. Das ist meine Qual. Meine kranken (und doch ganz lebendigen) Gedanken gönnen Rudi alles das was ihr miteinander gemein habt und was ich nie mit dir gemein haben kann, – du weisst es, den gemeinsamen Frankfurter Dom, das gemeinsame Amen. Und sie sind froh, dass sie nun ganz offen vor Rudi da liegen. Aber zugleich irren sie umher wie Abgebrannte, die nun plötzlich kein eigenes Dach mehr überm Kopf haben und suchen überall nach einem Stückchen, einem Winkel Eigenem, nach etwas was ihnen mit niemandem gemein ist. Nach etwas Eigenem. Das ist böse, ich weiss es. Aber meine Gedanken wissen es nicht; sie suchen und suchen. Sie fragen in allen Winkeln nach und finden nichts. Vielleicht weil sie nur geblendet sind von dem Feuerschein des Brandes. Aber sie finden nichts. Sie möchten Mein sagen und finden nur (ausser dem was sein ist und was sie froh und glücklich als sein erkennen) nur was Unser ist. Unser ist ein herrliches Wort. Du bist nun unser. Das ist ein unbeschreibliches Glück für meine Gemeinschaft mit Rudi. Aber mein Herz schreit, unvernünftig und böse nach etwas von dir, wozu es Mein sagen kann. Nur Mein. Und es findet nichts. Vielleicht soll es nichts finden. Aber diese Qual erträgt es nicht. Denn es ist einlebendiges Herz. Es ist wohl ein neues, ein fleischernes. Aber es hat das harte alte Gestein der Erde, von der es gekommen ist, noch nicht vergessen. Und kann es nicht, solang es lebt. Und so sucht es, was es nicht suchen dürfte und doch nicht aufhören kann zu suchen – und was es vielleicht nur finden würde (und dann auch dürfte), wenn es – aufhörte danach zu suchen. O Liebste, Geliebte, das ist es vielleicht, dies Letzte, was ich noch nicht wusste und um wessentwillen ich dir diesen langen Brief schreiben musste. Hilf mir mit deinem Gebet, dass ich dies Suchen verlerne.

Dein Franz.

30.VIII.19.

Liebstes Herz, wie ichs schon fühlte, als ich dir heute früh fertig geschrieben hatte: heut habe ich Ruhe gefunden; ich war ganz still und habe dich geliebt und war Gott dankbar, dass er dich mir gegeben hat.

Mir ist auch eingefallen: das, wo ich mich heute Morgen wiederfand: dass ich zu eigen haben darf, aber dass Gott mir das giebt ungebeten und ungesucht, weil er mich ja zu einem Eignen und zu einem Eigner schon geschaffen hat, und dass ich gar nicht anders kann als dich zu eigen haben, wenn ich dich überhaupt habe; und dass ich mein Eigen an dir nur dann verliere, wenn ichs suche und habenwill, statt zu danken dass ichs habe – mir fiel ein, dass dies alles ja längst im * steht; so habe ich das Buch vergessen. Eine Zeitlang verstellte es mir ja beinah das Gefühl selbst, und ich hätte immer nur zitieren mögen “steht da” “steht da”, “habe ich so und so gesagt”, in dieser Zeit der Not ist mir die Zunge wieder gelöst von dem Buch an dem sie festgeklebt war. Und auch wenn ichs damals geschrieben habe, jetzt ist es erst wahr.

Ich möchte immer nur danken und in deine Augen sehn, du Geliebtes, ja selbst wenn du mir heut den Rücken kehrtest, so machte es mir nun nichts mehr, ich habe dich doch, grade dann. So habe ichs heute wirklich gar nicht gespürt, dass dein Brief zur gewohnten Abendstunde heut ausblieb und freue mich nur ganz still auf morgen. Du mein liebes liebes Herz.

Aber Rudi schrieb mir heut Abend, ich soll an Helene schreiben. Ich hatte ihm schon gestern geschrieben, dass er hinfahren muss, und ich werde ihr nicht schreiben, es muss sie verstören, so ein Briefbombardement. Sondern ich werde Marthas “bis Mitte September” ausnutzen und am Mittwoch auch nach Attendorn fahren und Rudi und Helene dort besuchen. Ich habe es eben Rudi schon depeschiert. Vielleicht ist selbst das schon zu viel Absichtlichkeit und ich hätte warten sollen, bis ich sie in Kassel so spreche – aber einerlei –

Ich fühle schon genau, was mit Rudi und Helene ist, das kann ich aber niemandem schreiben, vielleicht sage ich es dir einmal leise, wenn wir uns sehen.

Der Jüd. Verlag hat sich auch heut Abend gemeldet und bittet, ich soll mich etwas gedulden, so schnell könnten sie sich nicht entscheiden.

Ich gehe zu Straussens. Gute Nacht, – du bist traurig heute Abend, ich fühls. Sei nicht traurig Geliebte, ich bin ganz bei dir und du bist ganz bei mir, nein mehr: ich bin dein und du bist mein. Ja wirklich: mein.

Du Meine, du Geliebte –

Dein.

31.VIII.19.

Sieh da, Liebste, gleich stellst du meine vermessene Behauptung von gestern Abend auf die Probe und lässt mich, eine rechte pikmoderne – ab 22.Juni 1919 bei der Weltgeschichte akkreditierte – “Werktagschristin” nach Eugens Entdeckung, Sonnabend und Sonntag ohne Brief. Aber sieh, ich schreie nicht. Sondern ich habe dich bloss lieb. (Aber morgen würde ich vielleicht doch schreien. Wer kann für sich garantieren. Ach Gritli – ). Heut aber jedenfalls bin ich auch ohne Brief noch so froh und gestillt, dass ich mir jetzt gar nicht vorstellen kann, dass du mir nicht auch von Eugen nun gute Botschaft schreiben kannst, und vielleicht hat er sich ja bei dem rätselhaften Vers 29 irdendwie das Richtige gedacht – ich komme freilich mit allem Nachdenken auch heute nicht darauf, wie.

Diese ganze Zeit war ich so tot für Welt und Menschen, ich habe einfach nichts und niemanden gesehn. Gestern war es wie ein Aufwachen, ein Sehen dass die Welt die alte vertraute schöne Welt noch da ist und wieder jung, morgendlich und ausgeschlafen dasteht und einen ansieht. Bei Straussens abends nahm zum ersten Mal ein Kaufmann teil, Ende 30 wohl, ein wundervoller Jude, schön, reif, ausgeglichen, zart und dabei von einer bescheiden = sicheren Klugheit, voller ererbter Tradition und voll stiller Lebendigkeit eignen Gefühls. Ein Mensch wie man sein möchte, und nie werden wird. Kennst du eigentlich so einen? Wohl nicht. Sie sind das unter uns, was die Pichts und Weizsäckers unter den Deutschen sind. Er wohnt in meiner Nähe und ich werde zu ihm gehn.

Ich glaube beinahe, heute wird es mir sogar endlich gelingen, zu hegeln. Ich bin soviel freier. Fast zu frei schon, um zu Helene so zu sprechen wie sies jetzt braucht.

Ich habe dich lieb, über alle Ferne, du liebes liebes Herz.

Dein, Dein –

[31.VIII.19]

Liebes Gritli, ich las zwar nicht Hegel – ich kriegs nicht fertig, sondern im (doch sehr schönen) III. Teil vom * – Strauss hatte gestern Abend als wir das Pensum durch hatten aus den Druckbogen zu Cohens Buch, den späteren mir unbekannten Partien, herrliche Stücke vorgelesen, so war ich plötzlich wieder neugierig geworden, also da kam ein Eilbrief von Martha (48 Stunden unterwegs!). Ein schöner Brief. Ich möchte ihn dir am liebsten schicken, schon damit du siehst was für einen guten Geschmack ich als Sekundaner hatte. Sie hat noch genau die Handschrift von damals. Ich könnte daraus, wenn ichs nicht so schon wüsste, sehen: dass Winnie unverlobt ist aber nicht im entfertesten mehr an mich denkt. Aber da ich beides schon weiss, so ist das ja gleich. Nun aber: sie will nach Kreuzlingen kommen (bei Konstanz); ich würde, meint sie, von Konstanz aus schon die Stundenerlaubnis bekommen. Und vom 6.-13. geht sie mit ihren aus Deutschland eingereisten Schwägerinnen in die Berge. Nun habe ich ihr geschrieben: vor dem 6. sei es mir etwas kurz; da ich erst Dienstag hier fortkönnte – so lange würde es mit dem Personalausweis dauern u.s.w., so würde es nur gehn, wenn es in Konstanz klappt und eine eventuelle (bei Nichtfunktionieren der Konstanzer Behörde) Verlegung des Treffpunkts nach Stein = S. wäre nicht mehr möglich. Deshalb würde ich, wenn sie mich nicht noch anders beschiede (wozu aber knapp noch Zeit ist), am 10. von Kassel nach Konstanz fahren und mich entweder wenns geht gleich nach ihrer Rückkehr aus den Bergen also am 13. oder 14. dort mit ihr treffen oder von da nach Säckingen fahren und sie da (eventuell bei ihrer Rückreise) erwarten. Ich hätte es ja zwar doch einrichten können, aber ich rief rasch Rudi in Frankfurt an, ob er es denn auch wünschte, dass ich nach Attendorn führe. Und er schien es sehr zu wünschen, sogar (zu meiner Verwunderung) dass ich vor ihm mit ihr spräche; er fährt wie du weisst erst Donnerstag hin, – “Frau Cramer hätte sich für den 4. angesagt! und sein Vater bliebe so lang”, es wunderte mich; er hätte gleich hinfahren sollen. Für mich ists ja schliesslich fast einfacher, wenn ich vor ihm da bin. Wenn er kommt, fahre ich dann gleich oder nach einem Tag nach Kassel, bleibe da bis zum 9. (Adresse also Mittwoch und Donnerstag Attendorn postlagernd, weil ich ja nicht ganz sicher weiss, ob ich hinfahre; (sowie ich da bin, bestelle ichs um), und von Freitag bis Dienstag Kassel, wo ich dann wahrscheinlich mal wieder meinen Bandwurm ans Licht der Welt bringen werde.

Ich bin so heiter und gewiss. Verlass dich drauf, es wird alles gut. Nicht von heut auf morgen, sicher nicht, und es genügt auch, wenn sie sich im Augenblick nur beruhigen lässt, die wirkliche Ruhe wird dann auch eines Tages kommen. Und ich spüre Kräfte in mir, ihr jetzt etwas zu helfen. Und du Liebste sei nicht traurig, und wenn du weinst, so lach ein bischen zwischen die Tränen hinein und freu dich, dass du uns alle hast und dass wir dich alle liebhaben, du liebes liebes Herz. Ich küsse die geliebten Augen.

Dein

Ich lege Marthas Brief doch bei. Schick ihn nach Kassel zurück.

1.IX.19.

Liebes Gritli, wie schade wär das, wenn du nicht nach Konstanz könntest. Eugen kann ja sicher, und du wirsts auch möglich machen können, du musst eben schon am 9. mit allem so weit fertig sein, dass die Sachen bloss noch in den Wagen gehoben werden müssen, – was du ja selbst mit deinen neugewonnenen Riesenkräften nicht selber tun könntest. Ich denke sogar, statt der langen Reise über Singen fährst du über Freiburg wo wir uns alle am 10. Abends im Geist (inkognito vor der Tivolistrasse) träfen und am 11. durch den Schwarzwald nach Konstanz führen. Was meinst du dazu? Es muss einfach gehn. Dass es wirklich gut ist, dass ich Helene noch vorher besuche, musst du doch auch sehn. Rudi wünscht es selber so sehr.

Dein Brief vom Samstag ist so herrlich veraltet, fast wie ein Brief von vor 100 Jahren. Gar daran, dass du nie anders von mir wolltest als dass ich “werde der ich bin” – daran hatte ich aber auch keinen Atemzug gezweifelt. Du hattest es mir ja am Morgen nach jener Nacht, als wir die Bergstrassen heraufkletterten, beide noch klapperig und krank, noch einmal gesagt. Und im Vertrauen gesagt (vom “Verfasser des *”): du kannst es sogar als Christin verantworten.

Ich wollte schon immer nach Herrn Klein fragen. Ich wünsche Marthi so einen Guten. Überhaupt freue ich mich auch auf Säckingen sehr, wo ich dann ja doch noch vorbeiflutsche und mich ein bischen in deinen Möbelwagen hineinsetze – ich bin ja doch ein Möbel von dir und nun schon beinahe ein altes; du musst mir einen Ehrenplatz in eurer Wohnung aussuchen, da werde ich schön gedrungen und vierbeinig stehn, so halb Silberschrank, halb Anrichte, und du musst mich täglich abstauben (aber du selbst, nicht das Mädchen). Nach deiner Mutter habe ich ein bischen richtige Sehnsucht, nicht bloss weil sie die Grube ist aus der du gegraben wurdest (welches Kapitel wir morgen Abend noch lesen werden, der Neue, Herr Boschwitz, ist dran), sondern auch an sich.

Aber also du musst wirklich mit nach Konstanz kommen ins Hotel Noah. Denk doch du würdest am 10. auf 5 Tage krank, dann müsste es auch gehen und du hättest nicht einmal die Tage vorher schon auf Vorrat dafür gearbeitet. Und nun sollst du nicht krank sein, sondern wir wollen bloss ein paar Tage gesund sein und uns freuen, dass wirs sind. Ich freue mich eigentlich den ganzen Tag.

Den Pass will ich versuchen mir hier mit Hülfe des Regierungsrats (seit vorgestern! also jetzt der ranghöchste meiner Freunde, denn Rat 4ter Klasse ist noch keiner, und Mercedes = Ruth wird nun auf Eberts Hofbällen vor euch allen rangieren) also mit Hülfe des Reg.rat Badt besorgen; denn in Kassel verweigert der Passgewaltige die Ausstellung von Inlandspässen, ich wollte ja schon das vorige Mal für Stuttgart einen haben. Das befohlene Bild habe ich mir schon besorgt – Beleg liegt bei, das Fräulein hat mir den Kopf ganz schief gerückt, damit man die Augen hinter dem Kneifer sehen soll und nun sieht man sie halb und ich mache ein Gesicht als wärs noch Freitag – und es war doch schon Sonnabend. Ich streich es durch, damit du micht etwa in Versuchung kommst es aufzuheben. Überhaupt Bilder! Denn ich selber bin ja

Dein.

September 1919

1.IX.19

Geliebte, – nein: geliebte Beide  ja nun ist alles gut. Auf dem Weg zum Telegrafenamt las ich eure Briefe an, aber ich musste das Telegramm beantworten, ehe ich alles gelesen hatte. Dass Pindar hell machen musste, was mir Paulus nicht hatte erleuchten können, war ja Grund genug für das Meyersche etc. Huttenzitat. Dass ich das ausdrückliche Wort brauchte – ich hätte es ja nicht von dir gebraucht, wenn mir es nur Gritli über dich gesagt hätte, das wäre mir ja fast lieber gewesen, aber sie sprach ja nicht – aber dass ich es brauchte, – es war eben ein Wort gewesen und ein Wort wird durch ein andres (ob von dir selbst oder von sonst jemandem, ist gleich) zum Schweigen gebracht. Dass deine Briefe im August den Ton wiederfanden, wie sollte ich das nicht gespürt haben; was uns am Stuttgarter Bahnhof geschehen war, das war mit ihnen schon restlos aus der Welt geschafft. Aber hinter dem Ton der Briefe stand, vorsichtig umgangen und stehengelassen, das Wort jener Nacht. Und grade weil ich jenes nun ganz vergessene Attentat, genau wie du schriebst, als einen “Mordversuch in majorem Dei gloriam” empfand, so musste ich nun auch in der wiedergekehrten Liebe so etwas wie einen Hinterhalt (reservatio) von Inquisitorentum fürchten, der sich nicht scheut, schliesslich wenns nicht anders geht die Liebe auch mit Scheiterhaufen zu betätigen. Und deshalb machte der Ton in diesem Fall die Musik nicht, sondern ich musste auf das Thema achten, das sogetto das als Grundbass unter allen Variationen deiner Ciaconna der Liebe durchklang, und musste mir doch jeden Augenblick vorwerfen, dass meine Ohren nicht scharf genug waren, es unter diesem Reichtum deiner Arpeggien über alle 4 Saiten weg herauszuhören, sondern dass ich dir (und vor allem weil du ja spieltest, Gritli, die dir die Noten umwandte) sagte: ach bitte, um Himmelswillen, lass mich doch mal die Noten sehen, damit ich mal das Thema merke (so gehts einem ja bei Ciakonnen; ich habe die Bachsche wohl 100 mal gespielt, meinst du ich hätte jemals das Thema gemerkt? obwohl ich doch das Stück auswendig konnte natürlich).

Was du sonst noch schreibst, ich las es erst einmal – geht mir zum Teil über mein Wissen und Verstehen, aber nur über mein Wissen und Verstehen. Das ist unwichtig. Es ist wieder die Institutionsfrage. Ich sehe, dass wir sie oder nein, dass ich sie bei dir stehen lassen muss. Es ist ja wahrscheinlicher dass du recht hast als ich. Denn du siehst und hörst hier einen Geist, ich sehe und höre ihn nicht. Wenn ich ihn sehe oder höre, werd ichs dir sagen. Du hast manchmal vor mir gesehen. Vielleicht also auch diesmal. Aber aus dem was im Augenblick an unsern Herzen, deinem und meinem, Eugen, frass, daraus habe ich glaube ich schon in meinem letzten Brief jene Frage als eine “Meinungsverschiedenheit” (oder vielleicht eine Blindheit von mir oder vielleicht auch – aber wirklich weniger vielleicht – als eine Halluzination von dir) herausgerückt. Ans Leben ging nur der “Mord”. Und nun, erst nun, ists wieder “eine Lust zu leben”. Ich danke sie dir. Aber ich glaube vorläufig nur an das “Wunder der Gemeinsamkeit”, das schon da ist und das wir in unsrer Liebe erleben, und nicht an eines das erst “heraufzieht”. Ist denn Gegenwart nicht doch noch mehr als Zukunft? für uns schwache Menschenherzen? Und wenn du selber das “des Glaubens” bei “die Einheit” weglässt, wie dus ja tust, und dich mit der fraglosen Einheit, der Einheit kat ejxochn – nein ohne Litteratendeutsch und Philosophengriechisch: der Einheit, die uns von Gott geschenkt ist, zufriedengiebst, so sage ich Ja, – Ja und Amen [doppelt unterstr.].

Und du, über alles geliebtes Gritli, ich habe dir das Herz schwer gemacht, seit Tagen spüre ich schon deine Tränen von denen heut der Brief spricht, und kann doch nicht mehr traurig sein; ich meine, ich könnte dir die Tränen einzeln vom Gesicht wegküssen, und nun könntest du wieder lachen, wenigstens für einen Augenblick, und nur mit den Augen, durch alle Tränen hindurch in meine Augen die dich anblicken. Komm leg deinen Kopf in meine Hände.

Ich freu mich auch auf das Zusammensein mit Helene. Rudi hat mir heute Morgen ihren so ganz echten Brief geschickt, mit dem sie auf Eugens fast zu grossen (nämlich für ein verwundetes Herz um eine Spur zu – zukunftsinstitutionellen) Brief antwortete, sich verwahrend gegen das “zu” und sich ergebend dem “grossen”, und in beidem ganz wahrhaftig, ganz einfältig, ganz echt, und so alle Tore der Hoffnung aufschliessend, dass wahrhaftig Gott nur noch auf die Klinken (die Rudi ja in diesem Fall nicht abgedreht hat!) drücken braucht, so werden sie weit aufspringen.

Und wir? ich brauchs doch nicht erst zu schreiben, dass ihr am 11ten nach Konstanz fahrt, ich fahre am 10. in Kassel ab). Bestellt schon Zimmer auch für mich mit im Inselhotel. Es ist nicht mehr als recht, dass ihr wie weiland der Patriarch, der den Pflug erfand, der die verfluchte Ackererde umwühlt und fruchtbar macht für den himmlischen Samen, und der den Wein pflanzte, den gesegneten, der uns über die Nöte dieser verfluchten Erde trösten soll, – dass also ihr wie weiland Noah aus seinem Inselhotel mich fliegen lasst, damit ich sehe ob sich die Flut schon zu verlaufen beginnt; ich werde ja diesmal noch gewiss zurückkehren, nur ob wie die Taube beim ersten Mal oder wie beim zweiten, also ob leer oder ob mit dem Ölzweig im Schnabel, das weiss ich freilich nicht.

Auf Wiedersehn also in der Arche Noah,

und möge sie nicht aussen und innen

verschmiert sein mit Pech. Damit ich

als kein Pechvogel ausfliege, sondern als

euer glücklich euch liebender

Franz.

1.9.19.

Lieber Eugen, es ist Nacht und ich nehme zwischen der Hegelei (ich will den 1ten Band noch möglichst druckfertig machen, um ihn wenn Oldenbourg anbeisst, ihm trotz der Reise gleich in den Rachen schieben zu können) also ich nehme deinen Brief wieder vor. Nur ein paar Worte, nicht mehr wichtige, denn wir können ja nun wieder sprechen miteinander und ich habe selbst kein Bedürfnis mehr dir nur zu schreiben. Aber der Briefbogen hat auch zu mir gesprochen und doch anders als zu dir. Ich kanns auch “angesichts dieses Kopfes” nicht gelten lassen, dass “Gott tot” – mit Hans verbessert: die Menschen dieser Generation, oder was geht mich das an, also: mein Vater für Gott tot war. Ich habe immer den heimlichen Wunsch gehabt, mich von Mutter zu Vater hin zu entwickeln, und ich sehe auch jetzt noch in seiner vollkommenen Gradheit und Offenheit und Bedenkenlosigkeit etwas vor mir, das ich mir heut noch nicht denken kann wie ichs je erreichen werde. Sieh, er hat grade das “Einfältig wandeln” aus dem Michaspruch, den du mir beinahe telegrafiert hättest, gehabt, mit dem ich den Stern geschlossen habe eben weil es mir “das Einfachste und Schwerste” schien und so noch jenseits dieses Buchs lag und also sein Schluss sein durfte und musste. (Denn dass ich das Buch einmal “mit 70 Jahren” schreiben würde, hatte ich mir ja vorgestellt, aber  dass ich je das “einfältig wandeln mit meinem Gott” lernen würde und wäre es auch erst mit “70 Jahren”, das habe ich mir nie vorstellen können, und kann es auch jetzt nicht. Den Grabspruch, den ich ihm ausgesucht habe, den (du kennst ihn wohl: Wer den Menschen genug tat, der hat auch Gott genug getan) den wird man mir wohl nicht aussuchen können; heute sicher noch nicht, wenn ich heute stürbe. Heut bliebe es noch bestenfalls bei Ps 73, V. 22 u. 23.

Und darum also: Gott war nicht “tot” bei Vater. Aber in der Ehe, die er schloss und aus der ich gekommen bin, da war er nicht mehr; so sicher er in ihm war und selbst auch in ihr irgendwie ist, – in dem Hause war er nicht mehr. Und so wäre ich allerdings für ihn gestorben. Und da ist mir das erste und doch entscheidende, jedenfalls grundlegende (mich schaffende) Wunder geschehn, dass ich Onkel Adam noch erlebte und an ihm etwas erfuhr, was – mir nicht etwa mehr Eindruck machte als mein Vater oder meine Mutter, aber mehr Eindruck als ihre Ehe, als das “Haus” in dem ich lebte. Das Haus wurde mir von da ab unglaubwürdig. Ich spürte in seiner Leidenschaft etwas was – nicht wirklicher war als Vaters “immerkindliche” Tatkraft und Mutters Lebendigkeit, aber wirklicher als der Ungeist des Hauses. Ich spürte einen Strom, der bis in ihn noch fortfloss, da aber abbrach und in unser Haus keinen Einlass mehr fand. Und da haben sich meine Wurzeln nach dieser Seite zu gestreckt, bis sie in das Erdreich gekommen waren, das noch von der Feuchte dieses lebendigen Wassers (von dem Hesekiel in der Stelle, die du zitierst, spricht) befeuchtet wurde. Von dieser Wurzel also darf ichs nicht gelten lassen, dass sie krank war, von den andern Wurzeln, die sich nicht nach jener Richtung ziehen konnten, da mag es so sein wie du meinst. Aber dies eine ist ein besondrer Zug meines Lebens, den ich mir nicht wegvergleichen lassen kann, und wenns auch ein Unterschied sein sollte, der mich von euch trennt. Denn so bin ich geschaffen, geistig geschaffen. Und die Schöpfung, die das Geschaffene eben so und so beschaffen sein lässt, trennt. Erst die Offenbarung, die immer irgendwie ein zweites Erlebnis ist (denn es geht ihr immer ein erstes, eine Schöpfung irgendwie profetisch voraus), erst die Offenbarung verbindet. Von ihr allein spricht dein Brief.

Etwas noch: ich habe damals das Gebet wirklich nicht abgetan. Entsinn dich doch, ich habe dich ja selbst am folgenden Abend daran erinnert, dass in der gestrigen Nacht das siebente Jahr begonnen hatte seit der Nacht wo ich durch dich zum letzten (und ganz ernsthaft auch zum ersten) Mal in meinem Leben vis-a-vis du rien bzw. vis-a-vis der andächtig heruntergeholten Phiole gestellt war, von welcher Nacht für mich mit vollem nicht mehr unterbrochenen Bewusstsein das anfing, was für dich wohl erst mit nachträglichem Bewusstsein von dem Kierkega[a]rdzusammenstoss angefangen hat. Der Anfang des siebenten Jahrs – was konnte ich dir denn grade in deiner Sprache Stärkeres sagen? Und ich glaube es hat schon begonnen sich zu bewahrheiten, dass dieses Jahr ein siebentes wird für uns.

Immer noch eins: Man kann sogar, was “vor” einem liegt, nur tun, wenn man das was “hinter” einem liegt, nicht tun kann. Denn was hinter einem liegt, das soll man nicht tun, sondern davon soll man getan werden. Der Dämon deiner Mutter, – du darfst ihn deshalb nicht austreiben, weil er dich dein Leben lang vorwärtstreiben soll. Damit magst du wohl als Christ das Verhältnis des Christentums zum Judentum vergleichen. Du wärest noch nachträglich, nach 13 Jahren, ins Unrecht gesetzt, wenn jener Dämon austreibbar wäre. Während es meine letzte Rechtfertigung sein würde, wenn meiner Mutter Herz einmal ganz wieder zu mir gekehrt wäre (vgl. Maleachi, Schlussvers!). So wie es das erste wirkliche Ereignis in meinem jüdischen Leben (nicht Er =, sondern Be = leben) gewesen ist, dass sich dies Wunder an mir und meinem Vater vollzogen hat, die grosse symbolische Rechtfertigung zu Beginn meines Laufs.

Und endlich – ein methodischer Ratschlag (zur “neuen Wissenschaft”): Wälz nicht wegen mir das “Alte Testament”. Du wirst mich nicht drin finden. Denn du kannst und sollst es nur christlich lesen. (Über keine jener drei Profetenstellen die du nennst – ausgenommen allenfalls Micha 6,8 – wäre ich vorvorgestern wenn du sie mir statt 1 Kor 15, 29 telegrafiert hättest, nicht genau so verzweifelt gewesen; in Hesekiel hätte mich z.B. die Sprengung des reinen Wassers vorvorgestern erschrocken aus deinem Munde). Sondern wenn du das Judentum sehen willst, so wälz – mich (oder sonst irgend einen Wennauchnureinkleinbischen = Juden), dann wirst du das  Alte Testament in ihm finden. “Schmeie Tinkeles” ist der wahre Empfänger der Offenbarung, nicht Moses oder gar Jeremia oder sonst eine der Lieblings”gestalten” der neuprotestantischen “Alttestamentler”. Wir lernen: Der Gottesgeist ruht auf dem Profeten einzig nur um des Volkes willen. Solange Gott dem Volk zürnte, so lang redete er auch mit Moses nur unvertraut. So Raschi zu 5 M. 2,17. Und nun hör ich endlich deine Stimme wieder wie in Stuttgart wenn du mir gute Nacht sagtest und das “gute” so betontest, dass man gleich Lust zum Einschlafen bekam. Also Gute Nacht.

Dein Franz.

2.9.[durchgestr. XIII]19

Lieber Eugen,  was soll ich nun tun?

Es war alles gut. Nun kommt deine Antwort auf meinen letzten bösen Brief, der doch nur böse war, weil mir bis dahin das eine Wort nach dem ich schrie ebenso stillschweigend wie (scheinbar) konsequent versagt worden war. Inzwischen hast du mir das Wort telegrafiert, schreibst es heute wieder, Gritli hat sich dafür “verbürgt” – eins von diesen dreien hätte ja genügt, um alles gut zu machen. Und nun macht die elende Entfernung – oder nein, nicht die Entfernung aber dies dass unsre Briefe nicht Zug um Zug gehen (denn dann macht selbst mazedonische Entfernung nichts) – und “a tempo ” schreiben kann man nur wenn man einig ist – also unser[m] a tempo Schreiben droht jetzt wieder neue Verwirrung. Am liebsten liesse ichs bei den Antworten, die ich dir im voraus in diesen Tagen gestern und vorgestern geschrieben habe, bewenden. Wenn sie dein Gehirn nicht schon “repariert” haben, so könnte es jetzt meine Antwort gewiss nicht. Denn die muss dabei stehen bleiben, dass uns keinerlei Institution verbindet. Keine Kirche, kein Konzil, kein Sakrament, keine Möglichkeit gemeinsam zu singen (das ist dir vielleicht deutlicher als das mit dem Amen; ihr habt ja keine so ausgebildete Amen = Theologie wie wir; so war dir die Überschätzung dieses Worts bei mir unverständlich). Ich sehe keine Institutionen. ich bin keine Institution. Du auch. Gritli auch. Rudi auch. Aber deshalb sind wir noch lange keine “Zufälle”. Du verwirrst die Worte, wenn du gegen “Institution” “Zufall” stellst. Nein sondern Leben, Mensch und – theologisch gesprochen – Wunder. Das Wunder zu leugnen wäre mir ganz unmöglich. Aber die “Institution”, die leugne ich weder noch erkenne sie an, sondern sage wie die Dame die nach der Akustik des Konzertsaals gefragt wurde: Ich rieche nichts.

Das könnte ja ein blosser Wortstreit sein. Du bestehst darauf, “Geist” zu nennen was ich “Wunder” nenne. Aber dass es mehr ist als ein Wortstreit und dass ich irgendwie diesen Streit gegen dich für dich streite, sehe ich z.B. in deinem Brief wieder da wo du die “Entwertung” der Taufe behauptest. Was mir der Tod wäre und dir der Anfang deines Lebens gewesen ist, das kann nicht “entwertet” sein. Wozu man so mit seinem ganzen Wesen Nein oder Ja sprechen muss, das ist kein Adiaphoron. Die alten Institutionen, die wir sehen und nicht erst zu erahnen brauchen, sind keine Adiaphora. Sie sind die Kanäle durch die die Säfte des Geists aus unseren Wurzeln in unsre Kronen steigen. (Deinem Protest gegen dies Gleichnis zum Trotz).

Bereuen? Ich bereue wenn ich dies Wort gebraucht habe. Ich meine nur: Vergessen. (Es ist vergessen. [V=durchgestrichen]Erreden wir es nicht wieder!) Fruchtbar war dies Leiden nicht.Es war eine Wand an der ich mir den Kopf blutig stiess. Und dabei Worte ausstiess, die ich – wie ich wusste während ich sie ausspie – nie ausgeschrien hätte ohne diesen Zwang. Dass ich jene Worte um mich herumwarf und euch alle damit tief verletzte (während ich wenn ich mich in Ruhe fühle nicht anders darüber spreche als ich im * getan habe, also unverletztend) – das war die einzige Folge. Und diese Folge habe ich wahrhaftig) obwohl ich sie ebensowenig, weder intellektuell noch sonstwie “bereuen” muss) vergessen, einfach vergessen, sie sind nicht mehr lebendig in mir; ich höre sie nicht mehr. Und ebenso hast du jenes Wort und jene ganze Aktion von der es (ohne dass du es vorher schon in Gedanken gehabt hättest) doch die letzte Zuspitzung war, vergessen. Das lasse ich mir nicht nehmen.

Über den Zusammenhang zwischen uns kann ich nicht reflektieren. Und das müsste ich, wenn ich zugeben sollte, dass er gestzmässig ist. Gesetze erkennen wir nur durch Reflexion, Spekulation und ähnliche Gescheitelessionen. Dass der Zusammenhang aus Gottes Willen ist, das – wieder und wieder muss ichs dir sagen, und nie nie nie habe ich es bezweifelt und wenn ich es bezweifeln sollte, so bräche ich genau [doppelt unterstr.] so zusammen wie wenn mir meine geistigen[doppelt unterstr.] Wurzeln abgeschnitten würden. Ganz genau so. Denn ich habe die Sonne des Wunders der göttlichen Liebe genau so nötig um nicht zu verdorren und abzusterben, wie den Platzregen des göttlichen Geistes, der das Erdreich in dem ich verwachsen bin getränkt hat und dessen Feuchte mir nun meine Wurzeln zuführen. Das Gleichnis stimmt auch darin, dass die Sonne bald hell bald hinter Wolken aber jedenfalls täglich neu aufgehen muss und der Regen vor Tagen gewesen sein kann. Wahrhaftig ich sträube mich nicht dagegen, dass es morgen wieder regnen mag. Wenn es kommt werde ich auch meine Blätter und Zweige den Tropfen durstig entgegenstrecken. Aber darauf rechnen, dass es täglich regnet, das scheint mir eine Verwechslung mit der Täglichkeit des Sonnenlichts, auf das sich mein Stoffwechsel eingestellt hat, dass meine Blätter grünen. Täglichen Regen braucht es dazu nicht. Ich bin keine Gartenpflanze, die täglich begossen werden will. Die tägliche Giesskanne des Geistes ist ein Bedürfnis der Litteraten, Akademiküsse et hujus generis omnis. Das Wasser ist denn auch danach. So bin ich nicht oder nicht mehr. Und du, Lieber, erst recht nicht. Wir wachsen im Freien, dehnen unsre Wurzeln allmählich so weit aus, dass wir irgendwo schon immer etwas von dem Nass des letzten Platzregens erreichen und an uns saugen. Aber was wir täglich brauchen, ist eben der Tag, ist das tägliche Wunder des Sonnenaufgangs. Wehe mir, wenn ich das leugnen wollte. Doch könnte ichs denn überhaupt?

Und nun ist genug gesprochen. Ich habe eine ganze Litteratur ausgespritzt in diesen Wochen. Wehe den Germanisten, oder vielmehr, da’s die nicht mehr geben wird im erneuerten Europa, den – furchtbar, aber “ihr werdet immer Arme des göttlichen Geistes, scil. Philologen haben in eurem Lande” – also wehe den Judisten und Christisten, wenn wir mal berühmt werden sollten. Vorläufig aber wollen wir nicht um ihret = sondern um unser selber willen das Briefschreiben sein lassen und uns lieb haben; denn es ist wirklich alles gut, trotz dieser brieflichen Nachwehen. Das Kind ist da. Nächstens baden wirs im Bodensee. Es ist ein schönes gesundes Mädchen, und wir wollen es nach dem Kind im letzten heidnischen Mythos, dem Kind Amors und Psyches, das auch erst nach vielen Leiden geboren wurde, ‘Ηδονη nennen.

In Freude an, mit und auf euch

Euer Franz.

2.IX.19

Liebes, doch noch auch ein leises Wörtchen zu dir. Ich war erst so erschrocken über Eugens Brief, wusste kaum, wie ich ihm antworten könnte. Und ich entbehrte ein eigenes Wort von dir so sehr, dass ich allen Ernstes schon dachte, die Reise morgen zu verschieben, um erst die Post abzuwarten; ich dachte gar nicht, dass auch dich ja wohl der Brief vom Freitag Nacht so traurig gemacht haben könnte, dass du deshalb nicht schriebst. Und doch wirds wohl so gewesen sein. Denk doch wie kaput ich war. Das Paulustelegramm war ja wirklich nicht zu verstehen; Rudi hat es wieder ganz anders gedeutet, wenn auch in günstigem Sinn für mich. Und dazu dann die Krämpfe, an die ich noch kaum zurückdenken kann und über die sich auch schon so ein Schleier von Vergessen zu legen beginnt. Und dann – es war eben noch nicht Samstag früh, ich hatte eben den Brief noch nicht geschrieben, in dem ich mich ins Freie fand. – Aber dies alles nur ganz leise. Es ist nun vorbei und gut. Und wie ich dann anfing an Eugen zu schreiben vorhin, da hoben sich auch da gleich die Nebel, die sich bei seinem Brief wieder hergezogen hatten und die Sonne kam wieder durch. Ich habe die Sonne, die wirkliche am Himmel (die aus dem “Mineralreich” wie mir mein Schuft von Mathematiklehrer in Sexta in der ersten Naturkundestunde sagte) noch nie oder seit lange nicht so gegrüsst wie jetzt; ich laufe immerzu zwischendurch auf die Strasse und stelle mich hinein. Hab mich lieb und sag Eugen, jetzt hörte das Gezänk aber wirklich auf. Ich habe genug davon und er auch. Und nie genug von deiner Liebe.

—– Dein.

3.IX.19.

Liebes, nur rasch noch vor dem Schlafengehn. Ich bin in Hagen geblieben, weil ich nicht Mitternachts in A. ankommen wollte. So bin ich morgen um 8 da. Es war eine wüste Fahrerei, die ganze Zeit auf dem Gang. Jetzt bin ich müde. Ich habe untertags noch an manches aus Eugens letztem Brief gedacht. Vielleicht muss unser theoretischer Gegensatz, der ja bleibt, einmal praktisch entschieden werden. Es muss sich ja einmal herausstellen, ob das Wunder das an uns geschehn ist, “verantwortbar”, sichtbar und wirksam sein wird. Ich halte das für unmöglich. Ich halte das Fiasko von mir bei Riebensahms schon für eine Instanz gegen Eugens Meinung. Damit unser Wunder einem andern sichbar werde, bedarf es immer wieder eines neuen Wunders (“dies war ehedem paradox, aber nunmehr hat es die Zeit bestätigt”). Während es das Wesen der Institution ist, dass sie zwar einmal durch das Wunder einer Geistausgiessung entstanden ist, dann aber damit ein für alle Mal unter die Menschen gestellt, ihnen gegeben ist. “Sie ist nicht (mehr) im Himmel”. Es kann sogar, glaube ich, kein Wunder, kein echtes Wunder geben, durch das sie, einmal da, zerstört werden könnte. Die Wunder die “trotz der Lästrer Kinderspotte bei unsrem ewig unbegriffnen Gotte auch heute noch per omnia tempora in einem Punkt geschehen”, können jene einmal gesetzten Institutionen nur neu lebendig machen, aber nimmermehr “entwerten”. In der Stiftung der Institutionen hat sich Gott eines Teils seiner Allmacht begeben und seinen Kindern Kraft und Recht verliehen, sich sogar gegen ihn zu verwahren. Du entsinnst dich der Geschichte aus dem Talmud, wo Gott am Schluss lächelt und spricht “meine Kinder haben mich besiegt”. Nicht gegen die Wunder geht diese Geschichte, aber dagegen dass man aus den Wundern “Beweise” macht gegen die Institution. Gott korrigiert nicht seine alten Wunder durch neue, sondern er fügt die neuen den alten hinzu. – Ich bin zu müde, um mehr zu schreiben.

Es ist schön geworden, draussen. Wart erst mal, wie schön es in einer Woche am Bodensee sein wird. Wir werden Vollmond haben. Dabei fällt mir (obwohl bei dir ja der mons ja a non lucendo so heisst) ein, dass du in den Tagen ja grade Wehwehs haben wirst, wahrscheinlich grade in Konstanz. Aber  – also um so weniger würdest du da doch beim Packen leisten. In Konstanz legen wir dich in einen Liegestuhl auf die Seeterasse und du wirst den ganzen Tag “geschont”.

Es muss etwas werden.

Übermorgen Abend bin ich in Kassel.

Das Zusammentreffen im “Geist”, dem Freiburger, ist nach allem eigentlich eine grosse “Konzession” von mir an Eugen. Eigentlich müsste ich ja, nach meiner Theorie, im Engel wohnen, und Eugen nach seiner im Geist. Aber da ihr zwei seid, so folge ich, wie in jener talmudischen Geschichte, “der Mehrheit” und wohne mit im Geist.

Bin aber in Liebe

Euer Franz.

4.9.19.

Liebes Gritli, wieder todmüde, und doch froh. Ich bin in Attendorn, schon im Hotel, habe eben Helene adieu gesagt und fahre morgen ganz früh weg. Es war gut, wirklich gut, dass ich hier war, Es bleibt dabei: hier ist nichts von heute auf morgen, aber von der Zeit alles zu hoffen. Eben die Hoffnung konnte ich ihr stärken. Und ihr die Last der Verantwortung, die sie von Eugen auf sich gewälzt fühlte und nicht tragen zu könne meinte, ausreden. Denn das kann und soll sie heute noch nicht. – Und konnte ihr doch gleichzeitig ihrem zweifelnden und ungewissen Herzen schon die Pfänder zeigen, die sie unbezweifelbar schon in Händen hielt und die ihr verbürgen müssen, dass (wie sie selber auch schon spürt und sagt) neues Leben in ihr und für sie gewachsen ist: mein Besuch selber, der doch vor 3 Wochen unmöglich gewesen wäre und heute so selbstverständlich war, dass sie gar nicht verwundert war, als ich plötzlich – sie lehnte mit dem Kind grad im Fenster – vor ihr stand. Und Eugens (zweiter) Brief, der ja etwas ganz andres war als bloss Antwort auf ihre Antwort; sondern wo Eugen einfach (ebenso vor 3 Wochen noch ganz undenkbar) ihr seine augenblickliche Not klagte, statt mir von dem sie ihm kam, oder statt Rudi, der sie doch auch begriffen hatte, ihr der Neuen, die sie kaum begriff, der ich sie erst erklären musste. Erwarte im Augenblick nichts Übermenschliches von ihr, erzwinge die “fünf” nicht, wo sie noch erstaunt und erschüttert ist (wie ich selber ja auch) über die “drei”. Die Fäden sind gesponnen, doch sie sind noch zu schwach als dass man sich daran herüberseilen könnte. Aber ich meine, sie hat heute etwas gesehen, etwas was sie nicht als “grössere und weitere Herzen” über sich hinausheben konnte und es damit von sich abschieben, und sie ist wenn auch noch nicht über den Berg, doch soweit dass sie schon die Passhöhe sieht und ihr jetzt sichereren Mutes zusteigt.

Über Eugens Brief war ich im Augenblick noch einmal tief erschrocken und musste mir dann doch sagen, dass inzwischen ja meine späteren Briefe angekommen sind – und überhaupt: dass es doch nicht möglich ist, dass jetzt von meinem Gefühl nichts zu ihm herüberschlägt und sich auf die Wunde legt, die ihm nun grade im letzten Augenblick noch meine eigene Verzweiflung geschlagen hat. Ich kann es nicht anders denken. Aber ich sehne mich doch nach euren Worten, die ich in Kassel finden werde. Auf morgen und gut Nacht. Schlaft wohl, liebe Zwei.

Euer Franz.

5.9..19

Geliebte Seele, eben komme ich in Kassel an, da liegen zwei nachgesandte Briefe von dir da, vom Sonntag und Montag, die mir das Herz zerreissen müssten über das was es dir angetan hat, – wäre es nicht so fest geworden und so gewiss, so einzig gewiss seiner Liebe zu dir und dass alles alles gut sein muss. Sicher habt ihr noch weiter nach Berlin geschrieben, sonst müsste ich jetzt schon hier ein Wort haben, das alles besiegelt und das die Leiden der Entfernung, die wahrhaft teuflisch über diese Briefnachzügler grinst, ins Dunkel des Vergessens zurückschleudert – nein, aber in den hellen nicht mehr zu verdunkelnden Tag unsrer Liebe hineinhebt, wo sie in Nichts verblassen. Ich kann jetzt nicht mehr schreiben, aber meine Gewissheit ist ganz gewiss und so wie ich dich am Sonntag weinen fühlte, so fühle ichs heute über alle Entfernung weg, dass du mit in meiner Freude bist – und das Eugen mir die Abweichung meines Denkens von seinem (und gewiss auch meiner Natur von seiner) mir nachsieht. Nicht “Zufall” und Zeichen ist ja unser Gegensatz, sondern: Wunder und Zeichen. Das Wunder willempfangen werden, das Zeichen gedeutet. Gewiss eine grosse Abweichung. Aber kann sie ihn in seinem Glauben erschüttern? Das könnte sie doch nur,wenn er mir Worte wie “Zufall”, “Sympathie” und dergleichen  in den Mund legt, die ich nie gesprochen und die vor allem mein Herz nie gedacht hat.

In der Gewissheit unsres Wunders, auch wenn mir

Kraft und Wille zur Deutung versagt, Euer – Dein und

Sein – Franz.

5.9.19.

Liebste, nun verlange ich doch sehr nach einem Brief. Morgen früh muss ja etwas kommen. Ich spüre hier bei Mutter plötzlich, dass ich doch noch eine empfindliche Oberfläche habe, obwohl das Herz stark geworden ist. Die Einsamkeit in Berlin in jenen Tagen war ein Glück. So konnte ich mich immer ins Asyl der Briefe flüchten. Meine erste Sorge um dich nach den beiden Briefen, die ich vorfand, wurde ja schon beruhigt, als ich den langen und ruhigen Brief an Mutter vorfand, den du doch am Montag Abend hattest schreiben können. Ich war sogar etwas verduzt wie du bei mir alles aufs Chinin schobst. Das war doch nur für Mutter gesagt? Denn in Wirklichkeit – ach nein. Ich müsste dir mal meinen Chininkalender schreiben. Auch ist der Körper nun so daran gewöhnt, dass er es anders als in den ersten Wochen ohne sonderliche Beschwerden verträgt. Ich verstehe freilich so gut, dass es dir einfach unverständlich sein musste. Man kann es nur verstehen, wenn es einem passiert ist. Ich hatte Eugen voriges Jahr im Grunde auch nicht verstanden. Obwohl ich wusste, dass es “nur natürlich” ist. Aber die unbezähmbare Macht dieses “nur Natürlichen” ahnt nur, wer sie erfahren hat. Ich kannte mich selbst vorher nicht. Und wiederum konnte ich deswegen, eben weil ichs noch so kurz hinter mir hatte, alles noch so gut verstehen, wie es in Helene aussieht. Und wusste deshalb, wie vorsichtig man im Augenblick in seinen Ansprüchen an sie sein muss, und doch auch, wie sehr und wie gewiss man bei (und mit) ihr hoffen kann. Obwohl sie es augenblicklich in ihrer grossen und tiefen Ehrlichkeit einfach noch nicht glauben kann, dass am Ende dieser Leiden wirklich eine himmlische Freude stehen kann, wie man sie vorher noch nicht gekannt hat. Grade weil jenes Mass von Ausschliesslichkeit, auf das auch unsre Liebe gebaut war, jener Bannkreis, in den sie sich bannte, zerbricht und über die gefallenen Schranken dieses Masses, des letzten das sie noch kannte, auch hier das Unermessliche einbricht. Ich habe es so verspürt, wie ich es jetzt Helene, vor der ich mich immer gescheut hätte, laut und jubelnd sagen konnte und musste, dass ich dich liebe.

Und doch – dies alles ist nur möglich in dem nun gesprengten, doch nur erweiterten und gleich wieder neu geschlossenen Kreise des Wunders. Die Welt, – vor der Welt können wir, wie dus selber in deinem Brief an Mutter tust, dem was uns geschehen ist, nur die Namen geben, die die Welt gelten lässt; die Namen, die wir doch als tief unwahr erkennen: Freundschaft nennst du, was mit Rudi geschehn ist. Wiederum darf und kann das Wunder nicht zur “Institution” gemacht werden. Gemacht werden. Für uns ist es freilich “Institution” (“bestimmt unsern Stundenplan”), aber die wahre Institution kennt kein bloss für uns oder für irgendjemand, sondern ist sichtbar für jeden und giebt sich keine falschen Namen nach aussen. All das können wir dem, was uns geschah, nicht gewaltsam anzwingen. Wir müssen es nehmen wie es uns geschah und nichts daraus machen wollen. Helene wollte in ihrer Not immer Vergleiche, – “wo es denn schon einmal so etwas gegeben hätte?” Was ich ihr doch hart ablehnen musste. Denn das gäbe ja eben die Umfälschungen und Entwertungen dessen, was geschehn ist. Wer nach vergleichbaren Namen, nach Begriffen sucht, unter die er das Ereignis unterbringen kann, der stellt sich heraus aus dem Zauberkreis und hinein in die Welt. Er entsagt der Gemeinschaft. So musste ich ihr grade das obwohl und weil sies “beruhigt” hätte, verwehren. Deshalb habe ich auch versucht, sie zu hindern sich Tante Dele “die ja soviel Verständnis hat” auszuschütten und habe ihr viel von Mutter und ihren Grenzen, den Grenzen ihres “Verständnisses”, gesprochen. Denn da würde sie Namen und Vergleiche zu hören bekommen. Es wird auch Rudis schwerste Aufgabe sein, sie nicht zu “beruhigen”.

Es geht mir wie Eugen: mir schmilzt das Ereignis mit unserm theoretischen Kampf irgendwie zusammen. Ich fühlte das schon auf der Fahrt nach Attendorn, wo ich zum ersten Mal – denn mit Trudchen war es anders – Zeugnis ablegen musste von dem was ich bis dahin nie vor andern bezeugt hatte, ich spürte es wie ganz anders gleichwohl ein solches Zeugnisablegen ist als das was uns die Institution abfordert und das wir in die Öffentlichkeit, die 1000 köpfige hineinsprechen. Jenes bleibt auch wenn wirs noch so unumwunden sagen, ein Geheimnis; denn wir sagen es nur dem (in Wahrheit) der mit im Kreis ist. Und das andre können wir noch so dunkel sagen, wir sagen es doch in voller Öffentlichkeit und wer nur will und kann, der hört es und verstehts.

Eugen, es ist ein ungeheurer Unterschied zwischen dem was ich aus der Gemeinschaft mit dir (und also für dich) tue und dem was ich in meiner institutionellen Gemeinschaft tue. Was ich bei Riebensahms angerichtet habe, das war in jedem Augenblick ganz unter deiner Herrschaft; du konntest mich vielleicht dazu treiben, sicher jeden Augenblick zurückpfeifen; denn ich tat es nur aus dir heraus und nur für dich (wie etwa 1914 das Mitteleuropaprogramm). Was ich aber als Jude unter Juden tue, da kannst du mir wohl Treiber sein, es zu tun, aber wenn du zurückpfiffest, so würde es mich nicht im mindesten berühren. Genau so ist es (oder kann es sein) auch umgekehrt: du kannst mir wohl in meinem jüdischen Tun dienen, aber sowie du als Christ auftrittst, da mag ich dich wohl vorwärts treiben, wie ja schon geschehen ist, aber wenn ich abblase, dann berührt dich das kaum; denk an mein schroffes Nein in jener Nacht in der Stiftsmühle, als ich dir sagte, hier trennten sich unsre Wege, – du hast es kaum beachtet, und durftest es nicht beachten, denn nicht von mir durftest du die Entscheidung über das was du als Christ tatest, annnehmen. So haben wir jeder eine Welt, wo wir einander keine Rechenschaft mehr geben dürfen, obwohl wir auch dort jeder vom andern getragen und getrieben werden. Das aber, was du unser gemeinsames Tun nennst, das ist zwar Gemeinsamkeit, aber nur die jeweils einseitige des Dienens. Ein Wort von dir und alles was ich an Riebensahms tat, hörte auf. Dies Wort mag ungesprochen bleiben, aber es kann jeden Augenblick gesprochen werden; und eigentlich hättest du es und nicht das andre in jener Nacht sprechen müssen. Nicht: komm zu uns, sondern: geh zu den Deinen. Denn das ist die richtige Reaktion in dem Augenblick, wo ich wie dort mich als ein schlechter Diener erwies.

Liebes Gritli, wenn er – ich bin heut Abend unsicher – doch noch empfindlich und verletzlich ist an diesem Punkt, so gieb ihm dies nicht zu lesen. Ich möchte ihn jetzt schonen und hier kann und darf ichs jetzt. Um mich selber braucht mir ja nicht mehr bange zu sein. Im Grunde ist mein bleibender Gegensatz auch heute noch der von jener Stiftsmühler Nacht, wo er an Stelle der gestifteten Sakramente, der “entwerteten” (“heute”, “nach dem Krieg”), die von ihm neu erlebten setzten wollte. Ich weiss genau, dass ich diesen Kampf für ihn führe. Aber grade darum bin ich nicht ungeduldig, sondern erwarte die Hülfe der Ereignisse und “Erfahrungen”. – Auf morgen, Liebste. Mein Herz fliegt zu dir nach dem Haus am Rhein und legt sich an deines und spricht:

Dein.

Um Himmelswillen! das soll kein Vers sein. – Ach nun reimt sogar dies. Deutsche Sprak plumpe Sprak!

5./6.9.19

Geliebtes, es ist wirlich, als hätte mich Mutters Unruhe angesteckt, seit sie gestern Nachmittag, ein paar Stunden nachdem ich angekommen war, aus dem Rechtschutz zurückkam. Ich bin eben nachts aufgewacht und kann nicht gleich wieder einschlafen. Und so gehe ich einen Augenblick ins braune Häuschen und sehe zu, ob du da bist. Ja, du bist da, Geliebte. Willst du nicht etwas hören? Es war ja noch allerlei. Mutter hatte ein Telegramm von Martha, das von Berlin nachgeschickt war, geöffnet (“nachher. Brief folgt”) und daraus sich den Vers gemacht, dass – Attendorn Schwindel sei und ich in Wahrheit (auch Trudchen wurde natürlich interpelliert!) in Konstanz sei. Womit sie mich denn auch gleich empfing. Ich ritt natürlich die hohe Schule der beleidigten Unschuld und überzeugte sie schliesslich wirklich, dass ich infolge Missverständnisses am Telefon gemeint hätte, Rudi “käme schon Dienstag nach Attendorn” und dass ich ihn “allerdings wegen Konstanz hätte vorher sprechen wollen und deshalb nach A. gegangen sei und leider nur (!) Helene getroffen hätte, was dann aber auch ganz nett gewesen wäreæ. Sodass sie diesmal mit ihrer Schläue grade hineingefallen ist und mir wider mein eignes Erwarten vollständig gelungen ist, ihre Gedanken von der richtigen Fährte, auf die sie sonst vielleicht doch gekommen wäre, ganz abzulenken. Und darüber bin ich für uns alle froh. Denn wie sie dann weiter sprach, das war mir nun fast unerträglich wieder. – In Tante Ännchens Brief, der übrigens wirklich sehr wenig nett war, sehr albern schulmeisterlich aufgrund von ganz unsinnigen offenbar Tante Selmaschens Informationen, – stand auch ein Passus, der offenbar schonend vorbereiten sollte auf ein bevorstehendes Ereignis: von einem neuen (Universitäts)freund Walters, Goldschmidt, in dessen Familie nun Walter und Winnie so besonders gern verkehren. Gleich im Anschluss daran dann etwas von der mir zugedachten (übrigens von Martha!!) Edith. So, nun wäre erzählt. Dabei ists mir eigentlich nicht ums Erzählen. Ich habe bloss Sehnsucht nach dir, eine stille, keine quälende, aber mich doch ganz ausfüllende, eine Sehnsucht, die fast so sanft ist, wie das von dem ihr Stillung kommen wird – wie deine Hände, du geliebtes Herz. Schlaf wieder ein, und ich will auch weiterschlafen. Gute gute Nacht.

6.9.19.

Liebe geliebte Seele, die Nacht ist herum, ich bin früh aufgewacht, es liess mich nicht weiterschlafen, selbst die Dämonen brummten leise in ihren Gefängnissen (aber fürchte nichts, sie brechen nicht aus). Ich habe es immer wieder versucht, ob ich Eugen nicht einen Schritt weiter entgegenkommen kann. Dein Wort aus deinem Sonntagsbrief, das Mehralswort, das ja ganz unnötig war (sogar war) und das doch so unendlich beglückend ist, wies ja eben auch das Unnötige, nein grade das Unnötige sein kann – und sieh also, es ist unumstösslich wahr, ein Wirklich jenseits aller Vielleicht, dass wir den heiligen Namen eins vor dem andern nennen dürfen und dass er nicht blass und begrifflich wird davon, sondern dass er so wirklich und so lebendig in unserm Munde vom einen hin zum andern bleibt, wie ers ist wenn wir ihn ein jedes für sich so nennen wie er uns offenbart wurde. Es ist uns aneinander und miteinander eine Offenbarung geschehn, ein neuer Name, den sich Gott unter uns gegeben hat, zu den alten. Dass ein jedes von uns – ich rede vor allem von dir und mir, weil da jede Einmengung von Theorien ausgeschlossen war, die ja sonst noch hätten mithineinspielen können – also dass ein jedes von uns den neuen Namen auch im Munde des andern dem eignen altvertrauten und altgeliebten näher verwandt fühlte als den, den es sonst im Munde des andern lebendig wusste. – das ist ja grade eine Bestätigung dafür, dass es wirklich ein neuer Name war, der sich uns, nur uns offenbart hatte. Ich fühle die Gewissheit dieses uns gemeinsam geschehenen Offenbarungswunders jenseits des blossen Schöpfungsgeheimnisses unsrer “Sympathie”, um dies Wort einmal zu gebrauchen für das was uns im ersten Augenblick als wir uns sahen aufging, – ich fühle die lebendige Macht dieses Wunders so gewiss so über allen Zweifel – –

Aber: im Augenblick wo von mir verlangt wird, dem Wunder eine weltlich sichtbare Deutung zu geben, ihm mit Bewusstsein weltliche Folgen zu schaffen ausser denen, die es ohne mein Bewusstsein haben mag, im Augenblick also wo ich aus der “Himmelsstimme”, die wir hörten, “Beweise” machen soll (immer wieder nach der talmudischen Geschichte, die du  – hoffentlich doch? – von mir kennst?), in diesem Augenblick bin ich plötzlich aus der lebendigen Gewissheit in die graue Atmosphäre der Möglichkeiten, der Vielleichts, der spekulativen Himmelreichsvergewaltigung versetzt, und alles ist vorbei. Da kann ich nicht mehr weiter. Im Bannkreis des Wunders selbst muss ich alles (auch alles etwa Zukünftige) für möglich halten, denn bei Gott ist alles möglich. Aber aus diesem Bannkreis heraus in den Kreis meiner menschlichen Deutungskünste getreten, kann ich alles nur noch für möglich halten. Denn bei Menschen ist alles nurmöglich. Und damit ich auch in der Welt Licht sehe und nicht “im trüben Reich gestaltenschwangerer Möglichkeit” zu wohnen verdammt werde, halte ich mich in der Welt an das was Gott darin wirklich gemacht hat, an die Institutionen die als Quellen göttlicher Erleuchtung allsichtbar auf die Erde gestzt sind und die auf dieser zu erlösender und erlösten Erde ebenso wirkliche und dieser Welt angehörige Zeugnisse Gottes sind wie das Wunder der Offenbarung es im engen Zauberkreis unsrer Herzen ist und das Geheimnis der Schöpfung im dumpf bewusstlosen Dasein unsres Lebens.

Franz, dein Franz.

6.9.19.

Geliebte, Meine,

ich bin so selig mit (hier muss es “mit” heissen wie die deutschen Juden sagen, nicht “über” wies korrekt ist) also so selig mit deinem Brief vom Dienstag, den eben die Post von Berlin bringt. Auch über das letzte Wort, das du noch nachschriebst; denn trotz meiner Gewissheit war nach den Briefen der mir am letzten Abend in Berlin kam und dem zweiten an Helene doch noch dies Wort der Bestätigung nötig. Wie es eigentlich war, das habe ich ja doch kaum begriffen, du wirsts mir erzählen wenn wir uns sehen – und wenn uns dann noch der Sinn steht nach Erzählen vom Gestern und wir nicht ganz gestillt sind im seligen Heute und Immer unsrer Liebe. Ich küsse dir still und lang die geliebten Lippen – du mein Gritli.

Dein.

6.9.19

Liebe Hausfrau, ja gewiss, ich hatte ein bischen auf Heinzelmännchen gerechnet, nicht auf Tante Clara allein, sondern auch auf die Zwillinge. Und wenn es nötig wäre, so wäre es auch gegangen; aber du fühlst ganz richtig, dass es nicht nötig ist; es wäre nur sehr schön (“gewesen” – oh Säckingen), so unglaublich schön, dass es beinahe nötig wäre, – aber eben nur beinahe. Übrigens habe ich so die bestimmte Vorstellung, dass doch noch irgend etwas Unerwartetes dabei herauskommt und weiss nur noch nicht an welchem Ende. Und so will ich auch das “Reisen” nach dem 15. nicht unbedingt verschwören, sondern überlasse es in Ruhe dir und dem guten Geschick. Fast meine ich doch, es wird besser sein, wir sind ein paar Tage, und wenn es nur zwei oder drei sind, nicht in Säckingen zusammen, denn dort sind wir eben nicht zu dreien, sondern doch zu vielen, und es wird grade die Unruhe sein die du Eugen ersparen möchtest. Übrigens ich schrieb dir gar nicht: ich habe einen Brief vom Mittwoch, der vom Dienstag wird wohl noch auf dem Rückweg von Berlin (oder doch von Attendorn?) sein. Aber auch der vom Mittwoch sagt mir ja, was ich schon wusste, dass nun alles gut ist. Doch auch bei Eugen? Sag ja.  Von Martha hatte ich heut Antwort auf meinen Brief vom Sonntag Abend. Es wird der 12. oder 14. werden; sie scheint auf Konstanz zu bestehen. Besonders wenns der 14. wird, wird das leicht gehen. Ich werde da vielleicht doch über Säckingen hinfahren, – d.h. nein, ich müsste ja doch möglichst schon am 13. mein Heil bei den Behörden versuchen. So würde für Säckingen knapp ein Tag abfallen und noch zwischen deinen Packtrubel und dein Unwohlsein – das wäre nicht schön. So würde ich vielleicht vorher noch Eugen in Stuttgart besuchen – kann ichs denn wagen, so ohne dass du seinen Geist ein wenig dämpfst? ich denke aber doch. Es fiel mir auf, er hat wirklich nicht umsonst auf der ersten Seite seines Buchs sich auf Hegel berufen; er steht ihm eben doch viel näher als ich. Ich lege übrigens die Druckbogen bei, wegen einiger Lapsüsse und Zweifel. Der Titel des Ganzen ist sehr pretiös und nicht gut. Bismark und Goethe hat mir wieder sehr gefallen. Im ganzen aber wurde mir klar: er würde wohl weniger toll auf den “Geist” sein, wenn er sein grosses Buch einmal geschrieben hätte, wie ichs nun habe. So muss er ihn immer noch respektieren, weil er noch als eine unerledigte Aufgabe vor ihm steht, und er den Weg “Vom Tode”…”ins Leben” als einen Weg des Geistes noch nicht gegangen ist. Wäre er ihn gegangen und hätte ihn hinter sich, so wüsste er (was sein eignes Wesen ja über alle Worte lehrt): dass das Leben wirklich erst jenseits dieses Weges anfängt, den wir freilich, belastet mit der Erbschaft des Denkens, einmal gehen müssen, aber doch nur um ihn gegangen zu sein. Es ist zuletzt doch nur ein Tribut, den wir der Erde dafür dass sie uns Wohnrecht gab, zahlen müssen. In den Himmel nehmen wir unsre Bücher doch nicht mit. Was denn??  ———————-

Ich bin dein.

7.IX.19.

Liebes Gritli, es ist Abend geworden, ehe ich dir schreibe, obwohl gar nichs Besonderes vorwar; aber ich war etwas lethargisch und passiv den ganzen Tag, habe so etwas geschmökert, aber ich vertrage noch keine Bücher wieder. Teils interessieren sie mich nicht, teils reizen sie mich. Mutter ist wieder nett zu mir; die ungemütliche Stimmung des ersten Tags hat nicht gedauert; ich habe ihr zu ein paar kleinen Grollentladungen nach andrer Seite verholfen; das tut immer gut, besser jedenfalls als das beleidigte Insichhineinfressen, und führt ausserdem in jedem einzelnen Fall auch zu einer ruhigeren Ansicht – eben einfach weil man dann nicht mehr allein mit seinen bösen Gedanken ist.  Von Hans hatte ich einen Brief, den ersten seit Wochen, worin er seinerseits ein Schlusswort zu den Dingen sagt, die von ihm angefangen haben und dann ohne ihn weitergelaufen sind. Sehr nah übereinstimmend mit mir, beinahe überraschend, wie nah. Er geht übrigens von dem “Schafftbrief” aus, anscheinend, den er für einen Schluss hält. “Alles Private ist auch mehr als privat. In welcher Weise das wissen wir noch nicht. Warum auch sollten wir es schon wissen. In Sachen der Liebe ist ja das Wissen so gleichgültig.” Ich bringe euch den Brief wohl mit. Ich werde Hans ja nur kurz sehen; sie kommen erst morgen Abend. Wenn ich nicht von Martha bis übermorgen Nachricht habe, ob 12ter oder 14ter. Dann wäre es ja nicht so eilig. Denn schliesslich das Wiedersehen in Säckingen inmitten der Packerei und noch dazu unter getrennten Dächern zieht mich nicht so sehr. Immerhin, ich weiss noch nicht. – Morgen Mittag erwarten wir Rudi. Ich hatte ihm nach dem Attendorner Tag nicht mehr geschrieben, absichtlich, obwohl es gegangen wäre, ich wollte spurlos verschwinden, damit sie sich wirklich allein wiedersehen. Ich bin überzeugt, dass es nach dem Mass was man jetzt erwarten kann gut geworden ist. Dein Gefühl, jetzt nicht an sie zu schreiben, war sicher richtig. Sie war (mit Recht, finde ich) bestürzt, dass Rudi von ihr erwartet hatte, sie würde dir sofort und – per du schreiben! Ich habe ihr gesgt, wenn sie einen Brief von dir bekäme, so könnte sie gewiss sein, du hättest ihn nur dann geschrieben, wenn es dir ganz natürlich gewesen wäre; sonst würdest du ihr nicht schreiben. Es heisst hier wirklich Geduld, Geduld und nocheinmal Geduld. Es darf eine Geduld voller Hoffnung sein, denn sie ist jemand, dem einmal schon im Leben – 1912 – ein Wunder geschehen ist. Während etwa Mutters Eifersucht hoffungslos ist, denn ihr ist nie im Leben ein Wunder geschehen, und wenn es ihr jetzt geschähe, so wäre das das erste Wunder. Auf das erste Wunder aber darf man nicht hoffen, es kommt grade wenns niemand mehr erwartet – wenn es kommt.  Auf der Reise, wenn ich in Frankfurt Aufenthalt habe, besuche ich dort vielleicht den Verfasser einer Broschüre die mir merkwürdig nah steht. Für den Fall des “Zijon = Verlags” müsste ich doch irgend einen andern Autor im Hintergrund haben. Dann vielleicht die (von Br. Strauss zu veranstaltende) Sammlung der Cohenschen jüdischen Aufsätze und Reden, – ein totsicherer Verlagsartikel. – Denn um  dem “Verlag” die Anführungsstrichelchen, die mir jetzt noch unwillkürlich in die Feder kommen, zu nehmen, darf er nicht auf das “einzige Buch” hin gegründet sein. Eine eigene Farbe (positiv = liberal; Rabbiner und ähnliche Leute, bei denen das Positive von Amtswegen ist, ausgeschlossen) also eine eigene Farbe würde er dadurch schon kriegen. Der Frankfurter soll medizin. Privatdozent sein; es ist der Mann von dem Mutter immer erzählt, dass seine Frau ihn erst genommen hat, nachdem sie ihn sich einmal ohne Kragen angesehen hatte. So seid ihr nun!  Du putzt den ganzen Tag, fürchte ich. Vergiss nur das alte Möbel nicht, von dem ich dir neulich schrieb. Sonst kommt es nächstens angefahren. Wart nur!

8.9.19.

Liebes Gritli, und wirklich schon “Hausfrau” in des Worts anführungsumstricheltster Bedeutung, – dieser Einfall, ich und Eugen sollten packen weil der Packer Stundenlohn (20-40 M je nachdem im Ganzen!) kriegt, ist so ganz “betulich”, “tüchtig”, “sparsam” – dass ich nun beinahe glaube, Konstanz wäre abgesehn von dem schlechten Eindruck eines solchen Durchbrennens ganz gut möglich gewesen. Wenn du auf “solche” Gedanken kommst, traue ich deinem Gefühl für Scheu und Nichtgehen nicht mehr. Also: ich rühre kein Buch an, solange ich da bin. 2.)Ich komme nicht, wenn Eugen packt, solange ich da bin. 3.)Wenn der Packer vor dem 15. nicht an die Bücher kommt, so macht ers nachher und sie gehen als Frachtgut. 4.)Wärs nicht am praktischsten, sie stehen zu lassen, den Mann von  Ragocy oder von Mirbts Geschäft kommen zu lassen und wenn er ein passables Angebot macht, den ganzen Krempel bis auf 100 Bände, die Eugen jetzt heraussuchen würde loszuwerden. Im Ernst braucht man ja doch keine Bücher. Die Antiquariatspreise sind so doll gestiegen in den letzten Monaten, dass ihr noch tüchtig daran verdienen würdet. 5.)Ich bin ja höchstens 36 Stunden in Säckingen. Nämlich nur wenn ich erst am 14. mit Martha zusammentreffe. Schreibt sie mir, ich sollte am 12. so muss ich auf dem direktesten Wege nach K. fahren. Wenn am 14., so würde ich wahrscheinlich (ich habe noch nicht nach den Zügen gefragt), am 10. Mittags trotz Hans (dem ich nicht deshalb wegfahren dürfte, um in Säckingen Kisten zu packen!) also trotz Hans nach Frankfurt fahren, am 11. nach Freiburg, dort mit Eugen weiterfahren, so dass wir Abends in Säckingen wären, am 12. bleiben, am 13. früh (spätestens) nach Konstanz und dort die Erlaubnis zu kriegen versuchen, am 14. dort und am 15. wo ihr wollt sein. So, ich habe gesprochen. Howgh!  Mutter hat sich sehr an Eugens Brief gefreut. Ich bin ein bischen neugierig nach diesen verschiedenen Voranzeigen auf das neue Skriptum. Ein bischen ängstlich auch. Denn theoretisch wird es uns doch recht schwer miteinander. Es liegt wohl wirklich an dem verschiedenen biografischen Verhältnis zum “Geist”. Es ist doch kurios, dass Hans mir zustimmen kann, Eugen nicht. Das spricht dafür, dass es wirklich daran liegt, ob man den Geist noch vor oder schon hinter sich hat.

Liebe, was du für eine “richtige Hausfrau” werden wirst, habe ich mit Schrecken auch an deinen Benennungen des neuen Schwagers gesehen. Bis zur offiziellen Verlobung hiess er standhaft “Herr Klein” – grade als ob ich oder du selbst Marthi nicht leiden könnten; dann am Tag der offiziellen Verlobung aber nur genau diesen einen Tag lang: “Walther”; und heut schon wieder (nur etwas legerer wie vorher): “Klein”. O weh!

Das “Gespinst” vor Mutter würde absolut halten da sie ja glauben muss ich wäre wegen Konstanz nach Attendorn gefahren. Aber da Rudi es Hedi erzählt hat, so ists nun publik; daran ist gar nichts zu ändern. Wenns nicht weh tut oder Geld kostet, ist kein Mensch diskret. Ich hätte es sehr gut gefunden, Rudi hätte geschwiegen und Helene hätte Zeit und Ruhe gehabt. Nun muss sie schon vor allen möglichen Leuten so tun als ob sie durch wäre und wird durch diese Krampfhaftigkeit grade zum wirklichen Durch nicht kommen. Das ist überhaupt so schwer. Man kann es wirklich nur wissen, wenn mans am eignen Leib erfahren hat. Rudi und du, ihr könnt es beide nicht wissen. Ich fühle mich auch wieder schwach werden. Vielleicht sinds nur Abstinenzerscheinungen vom Chinin. Ich will heut wieder nehmen. Und nun will ich mich packen, damit du weiter packen kannst. Bist du mir böse, dass ich dir alles sage? Nimm es nicht so schwer, diesmal. Was ich erlebt habe, geht ja nicht verloren. Dies ist nur wie ein Nachschwanken des Pendels. Ich weiss trotzdem, dass du Mein bist, genau so gewiss diesmal wie ich weiss, dass ich

Dein.

[9.9.19]

Lieber Eugen, ich fahre wenn ich dir nicht mehr anders telegrafiere am Mittwoch mittags hier ab, bin Abends Frankfurt (bahnpostlagernd) und komme mit dem Vormittagsschnellzug, also gegen Mittag, nach Freiburg, wo ich dich dann zu mir nehme; wir fahren ja  wohl gleich weiter. Denn in Säckingen sind wir dann nur am Freitag zusammen. Sonnabend früh fahre ich nach Konstanz. Voraussetzung bei allem, dass mich Martha nicht noch auf den 12. bestellt. Dann müsste ich direkt fahren.

Ich habe deiner rasenden Hausfrau geschrieben, dass wenn sie dich oder mich oder gar dich und mich zum Bücherpacken verwenden wollte, ich nicht käme, solange noch was zu packen ist. Stundenlohn! Schlimmstenfalls können grade die Bücher noch nachkommen; und vor allem wäre doch hier mal sehr zu überlegen, ob man nicht lieber den Antiquar nach Säckingen kommen lässt und den ganzen prähistorischen Mist teuer verkauft. Behalt 100 Bände, zum Andenken.

Auf Wiedersehen.

Dein Franz.

Wenn du dich noch nichtmal von den Schmökern trennen kannst, so glaub ich dir die ganze Krise der Universitäten nicht.

16.9.19.

Lieber Rudi,

es ist mir noch immer gar nicht leicht. Ich kann dir eben noch gar nicht so schreiben wie du es gern möchtest. Hätte ich das Telegramm heut früh in meinem Namen allein geschickt, so hätte ich dir wohl Jeremias 17,9 telegrafiert. Über den Hoseatext haben Gritli und Eugen letzten Sonntag (wirklich grade “am dritten Tage”) die Predigt gehört. Zu dreien konnte ich es auf mich mitbeziehn (und auch auf dich und auf Helene). Aber es kostete mich ein innerlich und äusserlich nächtliches Aufwachen aus dem Schlaf früh um 5 und wohl zwei Stunden voll Not, bis ich es aussprechen konnte. Und so geht es auf und nieder. Nicht aus Psychologierlust, sondern nur damit du siehst wie sehr und wie rasch auf und nieder: schon heut Nachmittag ergriff es mich aufs neue. Gewiss vor dem Abgrund der Hölle, die mich am Donnerstag Nachmittag verschlungen hatte, hoffe ich nun auf immer sicher zu sein, seit mich Eugens gewaltige Kraft in der unvergesslichen Nacht vom Donnerstag auf Freitag daraus herausgezogen hatte. Dies war auch so unausdenkbar (und nie für möglich gehalten) furchtbar, dass ich nicht wüsste wie es nochmal auszuhalten. Hätte es freilich auch vorher nicht gewusst, wenn mir einer gesagt hätte, das würde mir geschehen; ich hätte ihn ja auch nur ausgelacht. Aber auch so geht es ruckweise, “in Sprüngen” ganz wie Eugen es in seinem schönsten Brief an Helene, dem dritten, beschreibt. Sorge dich nicht darum. Am wenigsten mach dir irgenwelche Vorwürfe; du trägst keinen Hauch “Schuld” daran, so wenig wie Gritli. Aber erschrick nicht wenn es mir immer wieder begegnet. Das trotzige Herz trägt oft eine Centnerlast wie nichts, und dann bricht plötzlich gleich darauf das verzagte unter einer Flaumfeder zusammen. So läuft nun mein Tag – und meine Nächte -. Ich kann nichts daran tun. Es ist so schwer sich darein zu finden, dass etwas anders geworden ist, worin man Ruhe gefunden hatte. Und doch ist es seit jenem Donnerstag Nachmittag nicht mehr abzustreiten – auch wenn jener Nachmittag selber vorübergegangen ist. Die Gewissheit, dass da etwas Nichtrückgängigzumachendes geschehen, etwas “zerbrochen” ist, bleibt. Auch der Glaube, dass dieser Bruch, dieses Zerbrechen des Herzens, geschehen musste. Aber es ist schwer, die Hand Gottes zu ertragen. Auch wenn man sie selbst herbeibeschworen hat. Denn ich habe einmal darumgebetet, dass sie mich einmal treffen solle. Nun hat sie mich, an jenem Nachmittag, getroffen (nicht ohne mir schon in der Frankfurter Nacht vorher ein ebenso gewisses Pfand seiner unwiderstehbaren und unauslöschlichen Gnade gegeben zu haben, das ich auch in jenem Abgrund der Hölle keinen Augenblick vergessen konnte, die Begegnung mit dem ersten ganz gleichgerichteten Juden; und nicht ohne mir aus dem Abgrund selbst unmittelbar, durch Eugen, wieder herauszuhelfen), aber immerhin sie hat mich getroffen, und indem ich danken muss, muss ich doch auch immer noch aufs neue wieder unter ihrer Wucht stöhnen. Gritli selbst in ihrer unverminderten Liebe und doch letzthinnigen Verständnislosigkeit – wie könnte sie es auch wirklich verstehn! – kann mich wohl trösten, auf Stunden und Augenblicke, aber zum Unterschied von früher spüre ich ihre stillende Nähe nur in den Augenblicken, wo sie mir wirklich nah ist, und nicht wie früher unvermindert auch in den Zwischenzeiten; ich sehe ihr Auge nur wenn sie mich ansieht, nicht mehr immerfort. Der wahre Trost ist das nicht. Ich kann den Vers, den ich dir am Morgen nach der Nacht in deine Gritlibibel schrieb noch nicht so sprechen, wie ihn Luther wider den Urtext übersetzt: “und dein Zorn sich gewendet hat und tröstest mich”, sondern wie es wirklich dasteht: “nun wende sich dein Zorn und wollest mich trösten” oder allenfalls (wie es auch heissen könnte): “nun wendet sich dein Zorn und bist daran, mich zu trösten”. Danken (als für etwasVollendetes) kann ich wirklich erst dafür, dass er mir “gezürnet hat”.

Das ist nun alles so. Und so allein kann ich es dir schreiben, – anders nicht. Hab drum Geduld mit mir (“mit” in beiderlei Sinn!) und liebe mich wie ich dich liebe.

Dein Franz.

24.9.19.

Liebe Seele, es ist schon Mittwoch früh, solange kam ich nicht zum Schreiben, so jagte eins das andre und in den Pausen dazwischen war mir nicht zum Schreiben, ich musste einfach tief Atem holen und herumlaufen, schwer von allem was geschah. Ich kann auch jetzt nur referieren. Denn ich muss heut und bis spätestens übermorgen den Heidelberger “Vortrag” (den ich nun plötzlich doch schon am 6.10. halten muss) aufschreiben; ich will es ja nicht riskieren, frei zu sprechen, teils überhaupt und teil wegen des heikeln (bei der jetzigen Pogromstimmung an den Universitäten heikeln) Themas. Als ich von Freiburg fort fuhr, sass mir der Schreck über Eugens “durchheulte halbe Nacht” in den Gliedern. Das war ja nicht bloss das Lügenmüssen, es war noch mehr. Ich hatte ja selbst ein unheimliches Gefühl gehabt über unser allzuabgeredetes und abgemachtes Durchgehen zu zweien, und hatte deshalb gegen die Möglichkeit Freiburg mich so heftig gesträubt, weil das ja wirklich nichts als die Verabsentierung um der Verabsentierung willen gewesen wäre. Und nun hatte es Eugen ähnlich empfunden und unbetäubt durch das Glück der beati possidentes, das uns ward.

Gritli ich bin noch voll davon. Ich war es auch auf der Fahrt. Aber zugleich blieb wie ein starrer Klotz in mir die Angst vor einem Zusammentreffen mit Rudi und ich überlegte allen Ernstes wie ich den Aufenthalt in Kassel abkürzen wollte, um der Möglichkeit nach Göttingen hinüberfahren zu müssen, zu entgehen. Statt dessen war in Frankfurt kein Hotelzimmer frei und gegen die überall auf der Strasse angebotenen Privatzimmer sträubte ich mich – warum weiss ich nicht – hartnäckig. Sondern beschloss, wider meinen Willen (denn ich wollte ja möglichst spät nach Kassel kommen), schon Nachts zu fahren. Telefonierte Strauss an, der war im Theater. Ging darauf zu Lazarus. Das war sehr mittelmässig, bis gegen Ende die Frau (du weisst, die Martha Wertheim, die du mal auf dem Kassler Urlaub 1918 bei uns gesehen hast) das Gespräch in die Hand nahm und ganz persönlich wurde. Ich hatte gesagt, weil der Mann so albern organisatorisch sprach, eine einzige Überzeugungstaufe, die hätte “vermieden” werden können, bedrückte mich mehr als alle Pogromgefahren, Antisemit= und Zionismen, Abfalls”statistiken” (über die Statistikabfälle) u.s.w. Da fragte sie nach Eugen, ich musste von mir sprechen, und plötzlich geriet ich – wie das aus meinem Unterbewusstsein aufstieg weiss ich nicht – in eine Klage über Rudi Hallo, so als ob ich eigentlich nichts andres im Kopf hätte als ihn. Dabei hatte ich aber wahrhaftig in den ganzen Tagen in Säckingen nie an ihn gedacht. Ich sprach so, als ob sich in ihm alle meine Not sammelte. Wie ich dazu kam, so zu sprechen, weiss ich nicht.  Nachts fuhr ich nach Kassel. Als ich um 1/2 7 ankam, giebt mir Mutter einen Brief, den – Rudi (“Ehrenberg“) mir dagelassen habe, er fährt nachher um 8. So erfuhr ich erst, dass er da war!. Der Brief war herzzerreissend, sein Aussehen auch, ich lief ja natürlich gleich hin (sprach auch Hans noch eine halbe Stunde) und nahm ihn nachhause, dass er erst nachmittags führe. Ich kann immernoch kaum schreiben; ich muss noch immer umherlaufen. Also Rudi kam mit, ich sagte ihm unterwegs wie es mit mir wäre und dass ich ihn nicht hätte sehen wollen. Als wir nachhause kamen, lagen zwei Briefe da. Einer von Kahn über sein Buch (“Der Andre”). Das Ganze ist so: Drei Menschen (es könnten auch drei Millionen sein): zwei die sich einander zugehörig finden, der Andre, der sich fern verbannt von diesen tausendfach gespeisten. Und auf der ersten Stufe, die ich “Brand” genannt, weicht er von ihnen, tritt vor ihrem Brand zurück. Die zweite Stufe ist das “Feuer” das zwischen beiden lodert, den andern aber zu entbrennen nicht vermag: er geht in Kühle wieder. Die dritte Stufe aber ist das Licht: es eint mit sieghaftem Erleuchten die Bahnen, die einander fern und abgewandt. Und das Weib sagt – wenige Zeilen nur vor Schluss – das Geheimnis das unser Leben erfüllt:

….denn die Menschen ziehn zur Gemeinsamkeit hin

und Einsamkeit ist nur der Wegbeginn. —–

Sie sehen: es hat keine Handlung. Eben: weil das Leben jenseits des Handelns geschieht. -”  So hat er für uns geschrieben, ohne etwas von uns zu ahnen. Aber es war doch gut, dass ich eine Hemmung gehabt hatte ihn einzuladen nach Berlin. Denn der andre Brief war zwar an Mutter aber ganz für mich, und kam von Rudi Hallo. Was darin stand mag ich nicht abschreiben. Aber es machte all mein Rudi (“Ehrenberg” – zu blödsinnig!) = nicht = sehen = können mit einem Schlage zur Vergangenheit. Es kommt mir ganz unbegreiflich vor. Ich kann gar nichts andres denken seitdem. Mein erster Gedanke war, dass ich R.Hallo für die Tage zwischen den Festen nach Berlin nehmen muss, zu mir. Er war noch in Wildungen. So fuhr ich nicht gestern vormittag wie ich wollte, sondern wartete auf den Nachtzug, um ihn vorher zu sprechen. Ihr wisst doch, dass ich nie so etwas gedacht habe, dass ich es nicht im entferntesten herbeigeführt habe, dass ich stets dachte, mit jenem ersten Gespräch wäre meine Berührung mit ihm zu Ende und ich hätte ihn nun ganz euch, dir Eugen, überliefert. Ich musste wirklich alle meine Gedanken umstürzen um zu verstehen, dass er nun plötzlich zu mir kam, und dass mir da auferlegt wurde, einem den leiblichen Vater zu ersetzen. Das ist etwas Ungeheures. Wird es so, dann habe ich zu allem Mut. (Rudi – Ehrenberg!!! – und Trudchen haben in ihrer Weise

in Eugens – und ja auch deine – Kerbe gehauen).  Gestern Morgen kam, so als kleines Zwischenspiel, ein Brief eines längst vergessenen christlichen Schulkameraden der mit dem Einjährigen abging; er schickte mir eine von ihm verfasste Denkschrift über Bekämpfung des Antisemitismus, ob ich mal mit ihm darüber sprechen wollte; na da ich grade da war, bat ich ihn auf nach Tisch; es war gar nicht übel. Des Vormittags hatte ich Trudchen da. Auf 6 hatte ich Rudi Hallo gebeten. Um 5 kommt unvermutet und ebenfalls ohne Ahnung dass ich da war – Hans Hess. Es gab trotz Mutters Dabeisein und ohne dass ichs eigentlich wollte, ein Gespräch mit Keulenschlägen, beim Auftauchen von R.Hallo zog er, gar nicht überzeugt aber schrecklich verprügelt, ab. Rudi Hallo, der ganz zerstört aussah, fuhr zusammen als er ihn, der ihn ja eines Nachmittags im August so furchtbar vis-a-vis du rien gestellt hatte (wie Eugen mich in jener Leipziger Nacht) in diesem Augenblick sah. Ich steuerte die beiden Schiffe aneinander vorüber und nahm Rudi herauf. Da haben wir, gar nicht lange, eine Stunde vielleicht, ins Dunkelwerden hinein, gesprochen; es war alles so wie ichs aus seinem Brief gemerkt hatte; ich wagte gleich zu Anfang, das Wort auszusprechen. Er hatte es gar nicht anders erwartet. Er kommt am Sonnabend nach Berlin. Äussere Form gegenüber den Müttern: zwecks gemeinsamen Duchlesens des Sterns. Ich bezweifle dass daraus was werden wird. Er selber fragte, ob es denn möglich sei, dass er am Jom kippur in die Synagoge ginge; ich hatte nichts davon gesagt, es vielmehr bei unsern Dispositionen ausgeschaltet, durfte ihm aber nun natürlich ja sagen; das Kol nidre ist ursprünglich für solche entstanden, die in seiner Lage waren. Meine Mutter ahnt nichts. Von Kahn war am Nachmittag ein Brief an sie gekommen, aus dem hervorgeht, dass ich mich geirrt hatte, dass es gar nicht bei ihm ist wie voriges Jahr, sondern dass er schon von sich aus diesmal, – aber ich will lieber abschreiben: “Aber eins muss ich Ihnen doch noch schreiben wiewohl ich nicht weiss, ob es für Sie von Wert sein wird: ich will Ihnen sagen, dass ich Ihnen zu den jüdischen Festtagen, zu den Hoheitstagen des jüdischen Lebens, Glück wünschen will. Ein neues jüdisches Jahr beginnt. Und an der Schwelle dieses neuen, unseres Jahres will ich Ihnen viel Glück für die Zukunft wünschen. Ich weiss nicht, ob es recht ist, dass ich es tue: aber ich lebe so im jüdischen Jahre, im jüdischen Leben, dass ich wirklich aufrichtig Ihnen keine Glückwünsche zum Neujahr des 1.Januars sagen könnte. {Anmerkung des Abschreibers: und sollte am Ende auch für mich sich die Ahnung für “1919” erst da erfüllen, wo

es mit “5680” zusammenfliesst?}  Die jüdischen Festtage stehen vor der Tür. Ich hoffe sehr dass sie für jüdische Festtage, dass das neue Jahr ein jüdisches Jahr werden wird. Denn ich trete mit viel Weihe zu ihnen heran. Mit viel Erschauern zum Versöhnungstag. (Ich merke, dass ich doch sehr Jude bin) -”  Also sieh, er hat mich gar nicht nötig. Diese Bestätigung fehlte noch grade. Darum also hatte ich ihm die ganzen Wochen die Einladung nicht schreiben wollen! Noch etwas aus seinem Brief an Mutter: “Ich danke Ihnen für Ihren Brief. Denn ich sehe, dass auch Sie den Gedanken haben, der mich immer so erfreut: dass es ein Etwas giebt, das die Menschen eint über die Verschiedenheiten ihres Lebens hinweg, ein Etwas, das sie mehr bindet als Meinungverschiedenheiten sie trennen könnten: das, was Sie so schön das Allgemeinmenschliche nennen. Ich weiss heute (Gott sei Dank, ich weiss es sehr fest) dass wir sehr, sehr arm wären, wenn wir nur mit denen leben könnten, die einer Meinung mit uns sind, die dieselben Wege wählen wie wir. Liegt nicht darin das Grosse, dass die Menschen über sich hinweg, sich selbst überwindend, sich miteinander einen: und so nicht nur Gemeinschaft der Gleichgesinnten ( – der Staat – ), nicht nur die Gemeinschaft der Gleichartigen ( – die Nation – ) bilden – nein, dass die Menschen fähig sind, die Gemeinschaft der Menschen, die Welt und den Kosmos zu schaffen? – Sie sehen wohl, gnädige Frau, auch als böser Zionist kann man den Gedanken an die Welt haben. Ja muss man ihn haben, würde ich gern sagen, denn die Lehre des Judentums, die zu erfüllen der Zionismus gedenkt, ist nicht die Lehre eines Volkes, ist die Lehre der Welt. Wie es heisst: und alle sollen an der Lehre genesen. -”  Wahrhaftig, ich gerate ins Abschreiben, weil mir – nicht das Herz allein, auch der Kopf und alle Glieder zum Zerspringen voll sind. Ich kann nicht schreiben.  Ich weiss auch, dass ihr ganz bei mir seid. Das ist ja keine Zufallssache wie damals zwischen mir und Ditha, wo es etwas werden konnte oder auch nicht (denn etwas Lebendiges, durch Fleisch und Blut bestätigtes wäre es auf keinen Fall geworden); sondern hier bin ich ganz engagiert, was hier geschieht, muss ich als Zeichen nehmen für meine eigene Wirklichkeit und ob mir Gott die Kraft gegeben hat, im Geiste zu zeugen, wo Fleisch und Blut versagt haben. Siegt hier durch mich der Geist über Fleisch und Blut, dann darf ich das Zutrauen haben, dass er auch weiterhin in mir stark genug sein wird Fleisch und Blut zu erfüllen. Dann brauch ich mich nicht zu fürchten. Und eigentlich fürcht ich mich schon jetzt nicht.

Ich bin über die ersten Festtage hier geblieben; warum weiss ich eigentlich selber nicht. Post kriege ich von Berlin zurück. Am Sonnabend fahre ich, über Göttingen, treffe irgendwo Weismantel. Oldenbourg geht auf meinen Vorschlag ein. Die Farbenproben gehen gleichzeitig ab. – Aber dein Bild steht unverändert auf Tante Deles Schreibtisch! Nur Winies verschwindet!! Mutter ist (ohne es wahrhaben zu wollen) gekränkt! Dank für das Telegramm, als es kam war es ja schon kaum mehr nötig. Und für das Wort auf den Oldenbourgbrief.

Ganz

euer Franz.

24.9.19.

Liebes Herz, heut Nachmittag kam wirklich schon ein Brief von dir aus Berlin zurück. Ich hatte dir noch nach Freiburg geschrieben; hoffentlich – muss ich ja nun sagen – hat er dich dort nicht mehr erreicht und du bist wieder auf und konntest nach Stuttgart fahren. Es ist so traurig, dass du dir um mein “wie es mir zu Sinn ist” so Sorgen machen musst und dass ich dir gar nicht davon helfen kann, dir die Sorgen zu machen. In den schwachen Stunden (wo das Herz kein “trotzig” sondern ein “verzagt” Ding ist) hilft einem kein Gedanke, kein künstliches sich sein Eigen suchen und zurechtmachen und kein Abgrenzenwollen. Und in den starken – da ist man über alles solch Abgrenzenwollen und über alles Haften am Eigenen hinaus und begreift sich selber kaum, wie man in den schwachen war. So gehts mir ja jetzt. Denke ich jetzt an die Zeit vor einem Jahr, so denke ich grade nicht daran, dass du damals jene Angst um mich und nur um mich hattest – sondern ich denke lieber daran, dass du sie mit Rudi gemeinsam hattest und dass es das erste Gemeinsame war, was ihr hattet, der erste starke Faden des Bandes das euch verbindet, und ich bin dieser Faden. Es giebt eben nichts was einen über die Schwäche des Herzens hinwegträgt (von Schlafmitteln abgesehn, die gelegentlich gut sind) nichts als dies: dass das schwache neue Kraft gewinnt und auffliegt wie die Adler. Solche neue Kraft aber gewinnt es ja nur aus einer Quelle, sie steht ja im gleichen Vers. Sie fliesst mir seit dem Morgen meiner Ankunft in armdickem Strahl; und wenn ich auch heute ruhiger geworden bin, nachdem ichs euch heut Vormittag alles geschrieben habe, so bin ich doch nicht weniger gewiss. Es ist mir etwas Grosses geschehen.

Werde doch nicht wieder krank, Geliebte. Du sollst doch eine richtige fröhliche gesunde “Hausfrau” werden und alle Sonnabend euer Schild blank putzen.

Ich küsse deine liebe Stirn – und deinen Mund ——— und deine Nasenspitze! Spürst dus?

Dein Franz.

25.9.[19]

Liebes Gritli, es ist spät, ich habe den Nachmittag – ausser einem Besuch bei Tante Julie – vergeblich versucht, den Heidelberger Vortrag aufzuschreiben; ich habe einen ungeheuren Ekel dagegen. Von dir war nichts da (also konntest du nach Stuttgart fahren), aber dafür von Lotti ein liebes Bedankemich; sie scheint doch etwas gemerkt zu haben aus dem “Gedicht”, oder Tante Clara. Nun kann ich ihr also schreiben und freue mich darauf, – allerdings ein bischen unheimlich ist mir auch. Ich muss viel an sie denken, – weiss aber schon nicht mehr wie sie aussieht, ich habe nur noch so eine allgemeine Vorstellung – mehr Carlotta als Lotti. Am meisten brennt mich doch R.Hallo. Du verstehst doch, dass es sich hier für ihn eigentlich gradezu um ein Gesundwerdenmüssen handelt, einfach darum dass er sich auf einen Boden des Vertrauens zurückfindet, aus der furchtbaren Unruhe und Haltlosigkeit, in der er ist. Sein Christwerden damals war eben nur einetheoretische Befriedigung gewesen. Ich merke dass ich es schwer ausdrücken kann, obwohl ich es im Gefühl habe. Ich sehe einfach seine Krankheit: dass er nur diese beiden Extreme hat: eine verschlossene Scheinkühle und eine leidenschaftliche Selbstzerstörung – seine dunkeln Augen sehen entweder nächtlichkalt nach aussen oder heiss nach innen. Er kennt nicht den ruhig warmen Ausblick dessen, der warten kann. Ich meine selbst schon die Gesundheit zu sehen, zu der er kommen muss. Dennoch bangt es mich etwas vor den Tagen; nicht für mein Verhältmis zu ihm, das ist nun ganz gewiss und von allem Hass befreit (der hier ja wirklich nur der Vorreiter der Liebe war) und ist ganz unabhängig von dem was mit ihm wird; aber für mich selbst.

Mutter liest den *. Sie nennt ihn (wegen der Nichtnichtse etc.) den Christian Morgen = Stern der Erlösung. Von Ännchen war heut endlich ein netter Brief an Mutter da, worin sie unter sorgfältiger Umgehung meiner Existenz den ihr doch von mir via Martha unter den ..[?] gegebenen Vorschlag macht, sich in Holland zu treffen. Übrigens Onkel Adolf hat ihr zum Geburtstag, wörtlich, folgenden Brief geschrieben:

“Liebes Ännchen!

Heil dir im Siegerkranz.

Dein Adolf.”

Das ist doch herrlich als Antwort auf ihre etwas sehr englischen letzten Briefe.

Eben kommt Mutter und macht mir den gescheiten Vorschlag, eventuell einfach den Kassler Vortrag in Heidelberg nochmal zu halten. Darauf wirds wohl herauskommen. Es langt im Augenblick nicht zum Geist bei mir; es wird rettunglos akademisch, mit Fremdwörtern und allem. Eigentlich ist ja schon das Thema so: “das Judentum unter den Weltreligionen” – brr!

Aber es rächt sich auch, dass ich so lange nichts mehr geschrieben habe. Ich bin ganz aus der Routine.

Von Weismantel noch keine Antwort auf mein Rendezvous = Telegramm. Aber nach Göttingen fahre ich übermorgen jedenfalls, habe auch ein wirkliches Bedürfnis danach; es wird nach O.Viktors Besuch wohl nötig sein. Er hat zwar die Frankfurter Depression (die er in einem Brief an die Kronprinzenstrasse in den schwärzesten Farben schildert) wohl nur auf das Christentum zurückgeführt (“wenn ich bedenke was er für ein anregender, gescheuter, ja geistsprühender Bursche war und was nun aus ihm geworden ist!”) – aber immerhin.

Schlaf sehr sehr gut Liebe.

Ich bin Dein.

26.9.19.

Liebes, das ist heut schon der dritte Hüssybrief, einer an Mama, einer an Lotti (ein ganz furchtloser, – das Hübscheste konnte ich ihr freilich nicht gut erzählen; denk als ich gestern aus der Synagoge kam und fand ihren Brief vor, war ich noch voll von einem Vers eines Gebets, den ich noch nie früher bemerkt hatte, wo darum gebeten wird dass die “Zwei Herzen” (die jeder Einzelne in der Brust trägt) “zu einem” werden möchten, und grade darauf, auf das “Ganz” das ich ihr gewünscht hatte, ging ihr Brief hinaus. – Ich will mich nun wirklich nicht mehr fürchten. Freilich – “ich will mich…”, es ist ein bischen ähnlich wie die Geschichte von den beiden Handwerksburschen allein im stockfinstern Wald, wo der eine ganz zaghaft stottert: “hast du Angst?” und der andre mit Donnerstimme brüllt: “Neieieinnn”. Aber – nun ja.

Liebste, deine Lösung der “letzten Gedankens” = Frage ist freilich die einzig mögliche; das habe ich ja nun immer wieder erfahren. Aber freilich: sowenig sie dir immer gelingen wird, sowenig ist man immer dafür empfänglich. Leider. Denn gewiss, man sollte es immer sein. Aber (heut früh in der Predigt kam es vor) das “Schwarz bin ich, doch lieblich” des Hohen Lieds erklären die alten Rabbiner “schwarz” an allen andern Tagen, “doch lieblich” am Jom kippur. Und so erschrick nicht, wenn ich eines Tages einmal wieder “schwarz” sein sollte. Heute bin ich wirklich “lieblich” (s.v.v.) ich liebe dich mit ganzer reiner Liebe. Du unser, du mein Herz –

Dein.

27.9.19.

Liebe, also ich fahre nach Berlin. Rudi Hallo fährt mit. Ich war über Mittag ein paar Stunden bei Rudi, meist zu dreien, und quasi absichtlich diesmal ohne ein “Privatgespräch” mit Helene – das ist vielleicht grade das Beste für sie, dass man es einfach mit einer gewissen Selbstverständlichkeit behandelt. Mir ging überhaupt gestern durch den Kopf, ob du ihr jetzt, wenn sich eine natürliche Gelegenheit dazu gäbe – etwa ein Bedankemich für ein Einzugsgeschenk oder so – ihr mal ruhig anfangen könntest zu schreiben; es ist vielleicht jetzt so weit (mit Rudi habe ich nicht darüber gesprochen). Apropos Einzugsgeschenk: du kannst natürlich auch selbst eine Farbe einschicken, dann wird man sie mischen. Und noch was: zur Farbe gehört natürlich auch das Aufstreichen, das schenke ich mit. So kriegst du von mir die “Stimmung” deines Zimmers! – – – ?

Leb wohl, bis Morgen

dein Franz.

28.9.19.

Liebes Gritli, also wir wohnen zusammen in meinem Zimmer, dessen ganze Scheusslichkeit mir erst jetzt aufgeht. Es ist ein sonderbarer Zustand; ich merke, dass ich nicht recht darüber schreiben kann. Eigentlich ist er ganz fest entschlossen, so sehr dass wir darüber kaum sprechen. Es kommt jetzt heraus, was ich früher doch nicht so wusste, dass er eigentlich die ganzen Jahre nur unglücklich war; er ist seit seiner Taufe nicht mehr zur Kirche gegangen! während er sich, wenn er an einer Synagoge während des Gottesdienstes vorbeikam zwingen musste, nicht hineinzugehn. Er ist hier viel ruhiger als in Kassel; es war ihm eine grosse Sache, dass wir vorigen Dienstag mal offen darüber sprachen; das hatte auf ihm gelastet. Wir sind uns nun beide klar, dass er den Schritt erst tun darf, wenn er ihn mit vollkommener Ruhe tun kann, schon seiner Mutter wegen, die ja nicht aufgeregt werden darf. Trotzdem es sich also noch eine Weile hinziehen wird, werde ich es doch auf mich nehmen, wenigstens am nächsten Sonnabend (am Versöhnungstag) mit ihm zusammen zu gehn. Ich bin seiner sicherer – alss ich meiner selbst bin. Denn ich glaube an ihm doch zu spüren, wie ich für ihn doch wirklich nichts weiter bin als die Gelegenheit; sein Judewerden selbst ist so elementar, so fraglos – und eigentlich so unbegreiflich woher, dass ich mit ganz in den Schoss gelegten Händen vor ihm sitze und ihm kaum etwas helfen kann.

Unsre Zweieinsamkeit war ja nur von Montag bis Dienstag vollkommen. Nun beginnt sich das Zimmer schon mit Gestalten zu füllen, von meiner wie von seiner Seite. Morgen kommt ja euer erster Brief wo ihr davon wisst. Ich bin sowieso etwas ausgehungert nach einem Brief von dir. Obwohl ich ja “alles weiss”.

An dem Vortrag kann ich nicht arbeiten diesmal. Man kann wirklich gar nicht, was man will. Man lebt doch ganz von dem fortior me. Ich liebe dich.

Dein Franz.

30.IX.19.

Liebes Gritli,  es ist schwer von diesen Tagen zu schreiben. Das Unbe = schreibliche ist das Stück Selbstverständlichkeit bei allem. Von den “Hauptsachen” reden wir eigentlich gar nicht, oder mehr in äusserem Zusammenhang. Wir gehen einfach im Garten spazieren und kümmern uns wenig um den Gartenzaun. Er war eben schon durch das Gartentor gegangen, als er mir den Brief schrieb. Es ist ein wunderbares Leben. Und da wir uns auch sonst gut verstehn und zusammen lachen können, so –

Hab mich lieb.

Dein Franz.

Oktober 1919

1.10.19.

Liebes Gritli, heut Nachmittag kam dein Brief vom Sonntag; ich war schon traurig gewesen, dass ich so lang ohne ein Wort von dir geblieben war auf meinen langen Brief aus Kassel. Und auch sonst lag ein Druck auf mir; der Heidelberger Vortrag will nicht werden. Zuletzt wuchs mir der eine Druck mit dem andern zusammen. – Gestern kam Kahns “Dichtung”, ganz schlecht (aber prachtvoll geschrieben), heute Nachmittag er selbst, bleibt bis morgen Mittag, trug meine erbarmungslose Kritik mit sehr schönem Anstand; es fiel mir ein, dass dies nun eine Gelegenheit ist; ich schicke das Manuskript an Eugen, es ist eine Zumutung, obwohl er es in 1 1/2 Stunden gelesen haben kann. Kahn ist einverstanden. Eugen soll ihm kurz oder lang (egal) schreiben oder sonst mal wenn er ihn in Leipzig sieht; ich kann und will ihn nicht mehr vor euch sekretieren. Und da das Thema  ganz unheimlich uns auf Leib und Seele geschrieben ist, so ists nur natürlich, dass Eugen es liest, und auch du fliege es mal durch, obwohl es in der Ausführung zum Übelwerden geworden ist.

Morgen früh werden wir zu dreien zusammensein; es ist nicht schön, weil ja ein Geheimnis zwischen uns steht; aber Rudi will wegen seiner Mutter nicht davon geredet haben. Ich getrau mir übrigens es jetzt seiner Mutter so beizubringen dass es sie nicht erschrecken wird; ich sehe ja mit Augen, wie er ruhig und sicher geworden ist; sie muss das auch sehn.

Ich bin froh, wieder einen Brief von dir zu haben; du darfst es mir nicht schwer machen, Geliebtes. Das ist wie das tägliche Brod: man muss es täglichhaben, sonst hat man es gar nicht. Ich muss es täglich spüren, dass du mein bist und ich

Dein.

2.10.19.

Liebe, ich sitze da und es ist zu Ende. Ich weiss nicht warum das alles sein musste. Es schien alles so einfach und so – fast zu selbstverständlich. Was waren es für Tage, voller Erfüllung. Die Flamme brannte wirklich zwischen uns. Und heute Abend, nach Kahns Abreise, spreche ich – Trudchen, der ich Lottis Brief geschickt hatte, damit sie zum Geburtstag eine Vorstellung von ihr bekäme, hatte so überschwänglich geschrieben und uns schon zu zweien angedichtet, und da war mir wie schon zunehmend in den letzten Tagen das Gefühl der Unmöglichkeit stark geworden, denn grade an Rudi hatte ich es so sehr erlebt, wie gar nichts der “Geist”, wie gar nichts “ich” dabei war, wie wirklich alles, alles bei ihm unmittelbar aus dem Brunnen des geheiligten Bluts kam, so ganz ohne dass “ich” etwas dabei bedeutete – und so rührte ich also, in der Vorstellung, nur von mir zu sprechen, an die Gefahr der Mischehe als die einzige die wirklich verdiente, dass man sie fürchtete; da sagte er: er merke, dass ich von mir spräche. Was ich denn aber zu ihm sage, der nicht bloss sich eine Hoffnug, sondern vielleicht ein andres Leben zerstöre. Nun erzählte er mir, was ich nicht gewusst hatte, auch nicht geahnt hatte (ich hatte allenfalls an Gertrud Rubensohn gedacht!). Ich war ganz erschüttert und verbot ihm sofort, morgen mit mir zu gehn, denn das wäre etwas gewesen, was er rückgängig nicht mehr hätte machen dürfen und können (vor allem können). Zugleich spürte ich in diesem Augenblick wo ich ihn aus meinem Blutkreislauf, in den ich ihn schon eingeschlossen hatte, losriss, wie sehr er schon darin festgewachsen war und musste ihm du sagen – dies Wort mit dem ich ihn von mir weisen musste, war das erste auf Du. Wir haben nicht mehr viel gesprochen. Er fährt schon morgen nach Kassel, zu ihr. Er meint noch, er käme wieder; aber ich weiss dass er nicht wieder zu mir kommt, wie er in diesen wunderbaren Tagen mit mir war. Ich habe ihm gesagt, dass man Leben wohl göttlichem Leben opfern darf (das ist mein Fall), aber nicht menschlicher Wahrhaftigkeit (was sein Fall wäre). Mag aus seinem Kampf um seine innere Wahrhaftigkeit, aus dem ihn jener Dienstag Abend bei mir in Kassel zu befreien schien, werden was wolle, Leben, geliebtes Leben darf er ihm nicht opfern. Die Wahrheit ist bloss Wahrheit. Es war mir als ob ich mir das Herz erstarren fühlte in dem Augenblick wo ich ihn für morgen fortwies und doch musste ich es tun; der fortior me befahl es unwidersprechlich.   Nun sitze ich da. Er schläft schon. Ich verstehe nicht warum das alles geschehn musste. Ausser für ihn. Denn so zweifelhaft bisher seine Liebe war, die ja schon vor seiner Mutter zurücktrat, so sicher muss und wird sie nun werden, wo er ihr dies grösste Opfer bringt, was er zu bringen hat. Ich kann es nicht anders sehen.

Er hat den Wunsch dich zu sprechen, mehr noch als Eugen. Aber das Wichtigste ist nun, dass er sie spricht.

Aber warum? warum?

Dein Franz.

2.10.19.

Lieber Eugen, die [?]leute sind vielleicht wirklich eine Lösung. Wenn sie nur selber wollen. Denn sie sind ja schon eingeführt. Es wäre für sie verlegerisch (und also vor der Öffentlichkeit) ein Wiedervonvornanfangen. Der Name Eleusis würde sie sicher nicht schrecken. Und der Parallelität wegen mit Patmos und Moriah (wenns zu Moriah kommen sollte) ist der Name nötig. Es ist ja kein “Ort”. Es ist nur ein Schauplatz. Neben Jude und Christ kann man nicht “Einsamer” sagen; dadurch würde man Jude und Christ zu blossen “Gemeinschaften überhaupt” degradieren. Will mans nicht Heide nennen, dann Grieche, aber ein Name muss sein; genannt zu werden braucht er nur ein Mal; dann kann er nach Herzenslust durch Definitionen à la Einsamer, Einsiedler u.s.w. ersetzt werden. Wenn du wirklich “Patmos” zu “Äther” destillieren wolltest, – die Juden sind undestillierbar; Moriah steht nur innerhalb des “Jüdischen” und keines Begriffsdestillats irgendeiner Art. Überlass also den Widerstand gegen Eleusis den [?]leuten selber. Meinst du übrigens, Spengler oder ein Georgianer würde vor “Heide” scheuen?

In der Denkschrift könnte man allenfalls auf S.11, Mitte, sagen: “Christ, Jude, Grieche sprechen…” Übrigens ebenda auf Zeile 15: “aber das ganze Du”. S10, Zeile 4: hat heute Nationalismus wie Konfessionalismus” und auf Seite 1 muss der neue Anfangssatz davor und statt “überdauern würde” lieber “überdauern sollte”. Und statt des geschmacklosen Schlusses des ersten Absatzes kann es nach:”zu vertilgen”, gleich weitergehn: “Oder waren etwa jene Büchermeere gar nicht zum …bestimmt?” Übrigens war meine Besorgnis bei der Denkschrift grade, dass sie zu sehr nach uns röche und die Heiden abschrecken würde. Und du meinst nun grade, man könnte sich damit den Heiden vorstellen. Mag sein.

Näher als dies alles liegt mir ja nun die Existenzfrage des Moriah = Verlags selber, die der gute Karmuffel Seifert und der in diesem Fall mehr schlaue als kluge (und daher dumme) Weismantel plötzlich gestellt haben. Ich schrieb heute Hans, der den Kern der Sache gar nicht gesehn hatte und allerlei niedliche Kompromissvorschläge machte: für mich gäbe es, wenn W. nicht das summarische Vertrauensverhältnis zu mir haben wollte wie zu euch nur noch eine Basis, auf der es allenfalls auch ginge: der Moriahverlag schliesst mit dem Autor des Sterns den Komerzienratssohnsvertrag und der Organisator und Gutachter des Moriahverlags schliesst mit dem Moriahverlag einen Anstellungsvertrag, worin ihm für seine Tätigkeit für den Moriahverlag im besonderen und für die Neubau = Verlage im allgemeinen ab 1.X.1919 ein Jahresgehalt von 3600 M ausgemacht wird. Vielleicht würden W. und Seifert dann merken, worum es sich handelt. Andrenfalls, als dritte Möglichkeit, wüsste ich nur noch die: für mich, den * in einem der bestehenden jüdischen Verlage herauszugeben und für Weismantel sich mit dem Lehrer bzw. dem Synagogendiener der Würzburger Gemeinde zwecks Gründung des Moriah = Verlags in Verbindung zu setzen. Ich warte sehr auf deine Ansicht.

Dein Franz.

3.10.19.

Liebes Gritli, Rudi ist fort, und ich bin fertig. Ich kann dir auch nichts weiter schreiben. – Ich gehe mit dem deutlichen Gefühl nach Heidelberg, dass ich den Vortrag besser nicht hielte, zumal er auch ganz einfach schlecht wird; es steht kein Satz darin, den ich vertreten möchte; alles kalte blosse nochnichtmal akademische Masche. Das typische Bild wenn man etwas tut was man nicht tun soll. Ich weiss noch nicht, was daraus entstehen wird, aber etwas Schlimmes jedenfalls. Übrigens habe ich auch erst 2/3 geschrieben, und schon die sind so, dass ichs noch nicht über mich brachte, sie nochmal anzusehen. Hans redet mir aus Kräften zu. Auch ein böses Omen.

Aber es ist ja alles so gleichgültig. Ich kann auch dir nicht schreiben. Zumal auch heute noch grade dein briefloser Tag ist. Es ist keine gute Methode. Obwohl eine “Methode” -. Ich meine keine absichtliche, aber eine unabsichtliche. Es ist eben “so gekommen”. Da aber ich nicht bloss einen Tag um den andern leben kann – so geht es eben auf die Dauer so nicht. Wenn einem daran die Flügel abfaulen, die einem gewachsen waren, dann liegt man eben auf dem Boden. Es war alles nicht wahr. Ich habe viel zu viel Mut gehabt. Ich war auf einem lebensgefährlichen Wege. Ich kann zufrieden sein, dass ich es noch gemerkt habe, ehe es zu spät war. Das was ich an diesem prätendierten “geistlichen Sohn” nun erlebt habe, möchte ich an meinem leiblichen einmal nicht erleben.

Eugen vergisst doch nicht, die Spenglerkritik an Strauss zu schicken (Liebigstr.35.)?

“Schreib mal” (wenn grade mein Tag ist). Adresse Heidelberg.

4.10.19

Liebe es tut mir weh, dass ich dir gestern so bös geschrieben habe. Aber sieh was mir geschehn ist.

Der Tag heute fällt soweit ein jüdischer Abend = und Morgen = Tag und ein christlicher Morgen = bis = Abend = Tag zusammenfallen können, zusammen mit dem Tag, zu dem du mir vor 2 Jahren – es war wohl das erste Mal, dass du mir etwas derartiges schriebst – den Psalmvers “lex Dei ejus…” aus deinem Messbuch schriebst. Aber nun wanken, ja sogar gleiten meine Schritte und in meinem Herzen schweigt das Gesetz meines Gottes. Oder es spricht, was ich nicht hören will.

Und ich bin doch

Dein.

Aber giebt es denn etwas Klareres, als mir an Rudi H. geschehn ist? Giebt es da überhaupt noch einen Zweifel?

6.10.19.

Liebes Gritli, ich sitze im Zug Frankfurt = Heidelberg, todmüde, nach 2 Nächten mit kaum Schlaf, vorgestern wegen des Vortrags, gestern wegen Rudi (Ehrenberg!) den ich mit nach Kassel zitiert hatte. Aber die Hauptsache: Rudi Hallo kam gestern Abend noch: er ist mit dem Mädchen auseinander. Ich war ganz verdutzt. Er muss sie doch wirklich nicht sehr geliebt haben, und sie scheint durch seine damalige Muttersohnschaft doch (mit Recht) sehr verschnupft gewesen zu sein. Jedenfalls war er sehr erstaunt und enttäuscht, dass sie ihm eigentlich den Laufpass gab, noch ehe er nur von dem was ihm geschehen war überhaupt hatte sprechen können.

Mir war etwas zumute, wie wenn man nach einem Selbstmordversuch wieder aufwacht. Ich hatte es so vollständig aufgegeben, dass ich gar nicht gleich mich wieder hineinfinden konnte. Immerhin habe ich ja nun die schöne Gewissheit, dass ich wirklich ohne “pfäffischen Bekehrungseifer” bei der Sache war, wirklich nur Sanatoriumsarzt. Er wird es nun seinen beiden, Grünbaum und Gertrud Rubensohn, erzählen. Die Mutter ist im Augenblick besonders schonungsbedürftig. In Frankfurt werde ich mich unter der Hand mal nach den Formalitäten erkundigen. Ich bin etwas abgestumpft durch die Müdigkeit dieser beiden Tage und vor allem durch den namenlosen Ekel gegen meinen Vortrag. Ich wollte es wäre erst vorüber. Rudi (Ehrenberg) , dem ich ihn gestern vorlas, war auch entsetzt; also es ist nicht bloss Autorenhypochondrie. – Weismantel besuche ich an einem der nächsten Tage.

Die Freude über die grössere Briefnähe für die nächste Woche ist ziemlich dünn. Denn was hilft die Nähe, wenn die Briefe fehlen. Ich bin schon ganz darauf gefasst, dass in Heidelberg auch keiner liegt. Und doch wäre mir so eine kleine Henkermahlzeit vor dem Gang aufs Schaffot heut Abend doch wirklich zu gönnen.

Dein Franz.

6.X.[19]

Liebste, ich war so froh, hier ein Wort von dir vorzufinden und so ein liebes nahes. Ja gewiss, du hast es ja gemacht, dass ich am 4.X. nun auch an meinen Namen denke, unsre Briefe von dem Tag haben sich ja gekreuzt. Irgendwie (wirklich …[Pfeil diagonal nach rechts oben] “irgendwie”) muss es doch gutgemacht werden, dass meine Eltern mir den Namen sinnlos gaben. Nun ist es gut. Der Name hat Sinn. Aber hier ist etwas Ungeheures geschehn. “Man nimmt keinen Beweis von einem Wunder”. Meine Kinder dürfen einmal nicht Franz heissen. Das sagt eigentlich alles. Es ist auch die Antwort auf Eugens Simson = Brief! Ich danke dir so für die Worte, die du darüber schreibst insbesondere für die “Scheu”. Denn wenn Eugen schreibt, ihn ginge der besondere Fall nicht an – wenn mich etwas dabei angeht, so ist es nur der besondere Fall. Eugens Theorien würde ich ja selbst noch dann widersprechen, wenn ich zur “Bestätigung” dafür würde. Du bist ja auch gar keine “Bestätigung” für irgendwas, ich habe viel gewusst, ob du “Schweizerin” bist, ich muss ja jetzt noch lachen, wenn ich dich Schwyzerdütsch sprechen höre! Und auch dass du Christin warst, hat mich nie aufgeregt; es war eben, und hatte allerlei Konsequenzen, gewiss; aber über Konsequenzen regt man sich nicht auf. Das Einzige, das ganz Einzige, was mich erschütterte war immer nur dies, dass du “meines Nächsten (ja wirklich Nächsten!) Weib” warst. Wärst du Jüdin gewesen, es wäre genau der gleiche Schrecken gewesen.

Wie es nun mit Rudi Hallo geworden ist – dass alles beinah ein blosser Irrtum war! aber er selber meint, es wäre doch gut gewesen, und er mag recht haben. Vergleichen (wie Eugen meint) wollte ich ihn nicht mit mir; aber dass ihn im Augenblick wo wir uns ganz nah waren, dies von mir fortriss, wie sollte mir das nicht zu denken geben! Zu denken allermindestens. Und grade das theoretischeZugeständnis, das Eugen will, kriegt er doch nicht. All seine Gedanken stimmen ohne weiteres etwa zwischen Protestant und Katholikin oder zwischen Christ und Heidin. Der Jude aber kann sich das “nicht leisten”. Es ist keine Entfernung von der er wieder zurückkehren kann, keine Kurve … [Zeichnung ○], sondern man zahlt wirklich mit seinem Blut, ohne Ersatz und ohne Wiederzurück.

Wenn Eugen über Würzburg fährt, so komme ich am 8ten hin (er hat mir übrigens nie geschrieben, weshalb eigentlich der U. gegen Winter und für Oldenbourg war). Nach Stuttgart wäre ich wohl sowieso erst um den 15. herum gekommen (Strauss ist erst am 11. wieder in Frankfurt). Eugen kann in Berlin selbstredend bei mir wohnen. Wenn ich aber doch vorher käme – es wird nicht “schwer sein”: nur möchte ich gern das erste Mal ins Haus zu “Euch” hinkommen und nicht zu “Dir”.

Ich werde zur Hinrichtung geholt (habe übrigens keine Angst mehr). Ein Gutes – trotz Hedi, die giebt mir doch übrigens selbst immer beinahe eins!)

Dein Franz.

7.10.19.

Lieber Eugen, ich merke eben, dass du meinst, ich wäre selber schon um den 11.-16. wieder in Berlin. Das nicht. Also ob du dann bei mir wohnst und nicht lieber, wenn er ein Sopha hat, bei Werner selbst? Übrigens “Werner und ich” muss freilich in Berlin “steigen’, aber grade ohne deine Assistenz. Eben ohne schonende Vorbereitung, ausgleichende Kommentare, kurz ohne das ganze Vorsehungspielenwollen der Freundschaft.

Wir sehn uns wenn nicht morgen in Würzburg; dann so gut wie sicher gleich nach deiner Rückkunft in Stuttgart. – Über Max H. habe ich nie ein Wort weiter gehört.?

Auf deinen Simson = Brief habe ich gestern schon Gritli etwas geantwortet. Du weisst doch: “Simson war ein böser Mensch.” Eine Antwort, die Max Brod erhielt, als er in Prag galizischen Flüchtlingsmädchen Unterricht gab, sehr schön über Simson, Heldentum etc. gesprochen zu haben glaubte und sich nun von der intelligentesten kurz wiederholen lassen wollte, was sie verstanden hatte. Er war sehr erschüttert und hat sich geschämt). Also siehst du: er war ein böser Mensch. Und wenn man wohl selber auch einer ist, so richtet und rechtfertigt man sich doch nicht nach und durch andre, die es auch sind.

Aber der Unterschied von privat und öffentlich, von dem was einemgeschehen ist, und von dem was man hinstellt, kurz: von Liebe und Ehe ist ungeheuer. Das willst du Verlobungserotiker nicht wahrhaben. Es ist aber doch so. Gewiss, man liebt nicht ungestraft, nie. Aber man vollzieht die Strafe nicht selbst. Das wäre Selbstmord. Und den will Gott ja nicht. Sondern er lässt jedem seinen ihm bestimmten Henker geboren werden, der dann bei Gelegenheit das Urteil vollstrecken wird. So würde ich mir nie den Korb holen, der dir als Bestätigung deiner Theorien ja reichlich genügen würde. Aber ich würde ihn mir nie holen, nicht aus Angst vor Körben; sondern nur weil das Selbstmord wäre. Mich hinrichten zu lassen, bin ich ja bereit. Dazu gehörte es aber, krass ausgedrückt, in diesem Fall, dass nicht ich, sondern – sie den Antrag machte. Und dass ich mich, solange noch eine Aussicht ist, davon zu kommen, auch gegen die Hinrichtung sträuben würde und nur wenn jede Aussicht auf Begnadigung weg wäre, meinen Kopf ergeben auf den Block legen würde, das ist doch mein gutes Verbrecherrecht.

Dass Gritli niemals “Schweizerin” oder “Christin” für mich gewesen ist, schrieb ich ihr selbst gestern. Ich habe etwas ganz andres an ihr erlebt als den Schreck dass die Liebe einen in die Ferne reissen kann; das war mir nie schrecklich. Über meine Liebe zu Christen, wie dir oder Rudi, bin ich doch nie erschrocken gewesen. Es fällt mir ein, dass du das wohl immer gedacht hast; es war das erste Wort, was du mir, im April 1918, schriebst. Aber es stimmte nicht.

Was machst du in Berlin?

Der Vortrag war der verdiente Misserfolg, aber wenigstens keine Blamage, sodass ich immer noch ganz zufrieden bin. Weizsäcker war da, das war vielleicht ganz gut,ich will jedenfalls nachher rübergehn und ein bischen nachbohren.

Jenes “beherzt hinausgehn” von dem du schriebst, mag uns “erfrischen”. Aber wir sind nicht letzte Menschen. Das letzte Geschlecht mag einmal beherzt hinausgehn aus allem und “sich erfrischen”. Nathan der Weise, Schlussapanthropose: “Sie sind es! meine, deine, seine Kinder!” Stimme von oben: “Keine Kinder”. – Wir sind eben nicht das letzte Geschlecht. Ich jedenfalls will es nicht sein.

Verzeih den bockigen Brief. Ich sähe dich lieber morgen selber. Nicht etwa wegen dessen was nun in diesem Brief steht. Sondern bloss an sich und überhaupt. Nein: an mich und an dich und überherz.

Dein Franz.

7.10.19.

Liebes Gritli, ich müsste mich wohl recht schämen, denn nun kommt auch noch ein nachträglicher Brief aus Berlin. Ich wusste es doch eigentlich gut, dass du viel zu tun hattest – und trotzdem am Samstag Abend als ich heimkam und es war noch kein Brief da – ach es ist so gut, dass wir uns jetzt wieder näher sind; der Brief an Eugen den ich eben in den Zug warf,  – inzwischen bin ich bei Weizsäcker, er hat gestern sein naturphilosophisches Kolleg angefangen; es wird wirklich eine grosse Sache; die Naturphilosophie füllt wahrscheinlich nur das halbe Semester, dann kommt das Andre! – Bei Hans und Else. Else ist wieder schlimm. Gestern fast unerträglich, heute kamen zwischenhinein mal wieder schöne Momente, wo man begreift, warum er sie liebt. Einmal sagte sie sogar etwas ganz Reizendes, über die beiden Holz Engelchen (nicht etwa was Ästethisches), es ist aber zu umständlich zu schreiben; ich erzähls dir nächstens. Denk, ist es nicht herrlich, schreiben zu können: “ich erzähl dirs nächstens”? Es ist mir auch fast so, als müsstest du mich schon hören, so nah sind wir uns wieder. Es ist aber nicht die Kilometernähe, es ist dein Brief, den ich gestern hier fand, mit Recht wieder der erste gesiegelte, du liebes geliebtes Leben.

Ich versuche Hansens Tragödienbuch zu lesen, es geht aber nicht recht, ich kann mir nicht helfen, es zwingt nicht. Und im übrigen geht es mir etwas wie den Kasselern: er ist mir zu verpfarrert, es wird eigentlich  von nichts andrem gesprochen; so muss es dir damals in Kassel manchmal mit der Akademie gegangen sein; man steht der Sache durchaus sympathisch gegenüber , aber es wird einem doch ein bischen viel.

Heut Nachmittag rief mich Gundolfs Freundin (bzw. Verlobte?) Frl.Salomon, ist Webers Assistentin, an; sie scheint gestern Abend dagewesen zu sein, wusste von mir durch Badt. Ich werde sie nach Würzb. und Frankft. aufsuchen. Wenn ich morgen wirklich schon nach W. gehe; ich habe noch keine Antwort von Eugen.

Grüsse Hedi; sie ist doch wohl schon bei dir.

Heut Abend schleppt mich Marx, mein Manager hier, auf eine jüdische Studentenversammlung; ich soll in der Diskussion mitsprechen. Ich habe Kopfweh und keine Lust. Also werde ich es – wohl tun.

So ist der Mensch.

Liebe —— Dein.

8.10.19.

Liebes Gritli, ich bin arg ärgerlich auf mich selber; ich war gestern mit Marx in der jüd. Studentenversammlung und habe trotz heftiger äusserer (und innerer) Anforderung nicht gesprochen. Und dabei wäre es wirklich sehr gut und nötig gewesen. Und wenn ich dort nicht spreche, wo denn sonst? Aber ich hatte einfach nicht den Mut, das Nächste zu tun. Jetzt bin ich infogedessen bis obenhin voll mit Treppenwitz – ein scheusslicher Zustand.  Ach du Liebste da kommt dein Brief von vorgestern, es war zu hässlich von mir, es ist nur gut, dass ich dir wenigstens am Sonnabend Abend nicht geschrieben habe. Du darfst nicht krank werden, spürst du denn nicht wie nah wir dir sind? Vor Rudi hatte ich mich neulich noch geschämt, weil ich dachte, er wäre geduldiger wie ich. O “wir Männer”!

Das giebt einen zusammengestückelten Brief; ich gehe schon zum 4.Mal dran. Vormittags 3 Kollegstunden Hans. Zwischenhinein Zeichnungen von dem Becker. Einen Johannes oder sonst “Extatiker” hat er, der verkleinert ein wirklich schönes Vignettenbild gäbe. Überhaupt hat er neben Schwächerem auch sehr Gutes da, er kann wirklich was. Dann suchte ich das Fräulein Salomon auf, eine ganz reizende und sehr kluge Person; und Gundolf ist ein Esel wenn er wirklich so lange gebraucht hat um sich darüber klar zu werden. Sie war nicht in meinem Vortrag, hatte aber von Studentinnen davon erzählt gekriegt und mich daraufhin angerufen. Übrigens hatten ihr die gesagt, es wäre was Ausserordentliches gewesen, so dass also das Publikum doch zufrieden war, was mir ja recht sein kann. Ich habe 200 M dafür gekriegt.

Heut Nachmittag gehe ich nach Würzburg, schreib nach Frankfurt postlagernd. Oder schreib auch nicht. Es ist wirklich nicht nötig. Schlaf und denk manchmal an mich, so zwischenhinein. Und werd gesund, gesund, gesund. Ich möchte nichts als Heileheilesegen machen, du liebes geliebtes Herz. Es ist so gut dass Hedi bei dir ist. Grüss sie sehr und sie soll so gut zu dir sein wie wir bösen Männer es offenbar nicht können. Denk übrigens: Hans schwor heut Mittag darauf, du müsstest ungeheuer viel lesen und quittierte meine Verneinung nur mit einem Lächeln als ob ich es “nicht wahrhaben wollte”! O du geistiger Mittelpunkt! O du Mittelpunkt – ich schwirre jetzt wirklich so im Kreis um dich herum wie das Insekt um die Lampe – – bis ich schliesslich in einer Woche doch hineinfliege und ganz aufbrenne in der Flamme deines geliebten Herzens.

O du ——- dein.

9.10.19.

Liebes Gritli, ich sitze bei Weismantel; er ist leider überarbeitet; aber er gefällt mir sehr gut, wie ichs erwartet hatte. Weniger seine Frau, viel weniger. Überhaupt dies “unheilige Haus” – ich weiss nicht. Aus dieser Unheiligkeit wächst jedenfalls kein Leben. Auch Ws Katholizismus selber ist eine merkwürdige Sache; jedenfalls ist er mehr Litterat als Katholik.

In seiner Freude am Machen passt er ja zu mir. Wir haben heut schon einen Haufen guter Einfälle produziert. Statt Dodona heisst es z.B. Eleusis. Als Nr.3 zu der Jude und der Christ tritt nicht der Heide, sondern die Namenlosen (“denen jeder Name, ausser dem selbstgeschöpften, Schall und Rauch ist”). Die Finanzierung ist sicherer als ich dachte. Der Stern scheint ihm Sorge zu machen, nachdem ich ihm gesagt habe, dass es kein grosser Erfolg werden kann, sondern nur etwa so wie Tragödie und Kreuz. Aber ich habe ja selber Lust zu der Sache. – Als übergeordneten Namen: “Gemeinschaftsverlage der Neubaustrasse”. Das ist doch eine schöne Ausnutzung der Ortssymbolik. Nicht bloss Neubau sondern Neubaustrasse.

Würzburg ist wieder herrlich. Ich war sehr lange nicht da. Leider bin ich nicht mehr in der Sonne untergekommen.

Für Rudi habe ich auch allerlei in Ordnung bringen können.- Weisst du, es geht mir mit W. etwas wie mit – Juden, vor Ed. Strauss und Hallo… Man versteht sich, aber es bleibt eine Lücke gerade im Letzten. – Diesen Satz schrieb ich vorhin halb und habe ihn darum jetzt zu Ende geschrieben. Aber er stimmt schon nicht mehr ganz. Er ist wohl ein Mensch, den man gleich zuerst “irgendwie” (nicht “irgendwie”) ganz hat und dann doch erst nochmal ganz von vorn und Blatt für Blatt wie eine Artischoke verspeisen muss.

Ich will den Brief einwerfen. Für den gestern hast du also 40 Pf. zahlen müssen (ich wusste nicht dass das bayrische Reservatrecht alle Stürme überdauert hat, ich glaube selbst nach dam jüngsten Gericht werden die seligen Bayern noch auf blass weissen Flügeln bestehn). 40 Pf.  – war er dir das wert? viel stand ja nicht drin; aber doch etwas. Dies:

Dein.

10.10.19.

Liebes Gritli,

im Zug nach Frankfurt. Patmos, Eleusis, Moriah. Eleusis klingt nicht so bloss apollinisch sondern auch asiatisch = dionysisch wie Dodona und dabei ist doch auch das theaterhaftplastische dabei.

Gesamtname:

Gemeinschaftsverlage der Neubaustrasse

oder bloss: “Verlage der Neubaustrasse”

oder gar bloss: Neubau = Verlage.

Weism. und ich sind für das erste. Die Insel heisst auch so vermöge einer glänzend ausgenutzten Namenssymbolik (Inselstrasse). Bei uns ist aber auch die “Strasse” symbolisch.

An Ws Künstertum glaube ich nun wohl. Aber es lässt nicht recht an ihn selber herankommen. Ein Mensch, der weder töten noch sterben kann. Weil er so nicht eigentlich lebt, hat er wohl auch nie gemerkt, was für eine schreckliche Person er geheiratet hat. Furchtbar. Gymnasialprofessorentochter, die durch 3 Universitätssemester “geistig frei” geworden ist. Eine richtige von den modernen Puten. Das Kind ist nett. Seinen Bruder sah ich auch. Der sieht doll aus, reines Volk. Bei ihm selbst geben ja Herkunft und Geist einen sehr gewagten aber ganz wunderschönen Zusammenklang.

Für die Verlage bin ich nun wirklich hoffnungsvoll. Nur der heidnische (oder jetzt: der Namenlosen). A kingdom für nen Heiden. Weisst du keinen? aus deiner vorarnoschen Heidenkindheit? Wir haben nun in der Anzeige fürs Buchh.börsenblatt den Heiden nochmal so lang und dreimal so schön als Juden und Christen zusammen geschildert, bloss um einen zu verlocken. Aber alle sind nur mal Heiden gewesen. Selbst die Physiologie ist heut kein Naturschutzpark mehr, selbst dort wandeln statt der zu erwartenden letzten Büffel gezähmte christliche und jüdische Haustiere wie Rudi und Eduard Strauss. Was tun?

Ich freue mich auf Frankfurt wegen Strauss und Nobel (den ich vielleicht zu einer Schrift kriege) und wegen – eines Briefs von dir, der da liegt?

Liebe, wie ist dir? du hast keine Schmerzen – bitte nicht

Liebe uns —————Dein Franz.

Frankfurt 11.10.19.

Liebe, als ich ankam und aus dem Speisewagen ins Coupé zurückging, war mein Koffer weg – Oberhemden, Decke, Kragen, Waschzeug, der Koffer selbst und – was würde Eugen daraus folgern! – der noch nicht unterzeichnete Verlagsvertrag mit Oldenbourg. Aber glücklicherweise nichts Wirkliches, da ich Deine Briefe alle im Rock hatte und in der Mappe nicht bloss Manuskripte, sondern auch was ich wegen der Festtage mitgenommen hatte, weil ich es ja in Würzburg benutzt hatte, ausser dem kleinen Samtmützchen, worin ich “Barmizwoh” geworden bin, das ist hopp. Ich stieg im Viktoria ab, kämpfte einen vergeblichen Kampf, um auf der Post meine Briefe zu kriegen, es war schon zu spät (so habe ich sie auch jetzt noch nicht), fuhr zu Straussens. Es war wunderschön. Sie ist wenigstens erträglich. Und er ist eine Freude. Es war wieder ein fortwährendes Finden. Beim Verlag ist er ganz dabei, obwohl er mit Kaufmann (dem Verleger für jüd. Theolog.) befreundet ist und ihn also für alles zur Verfügung hätte. Aber er sieht ganz, was die Phalanx wert ist. Ich fahre morgen nach Heidelberg, höre Weizsäcker, bin Dienstag Abend wieder hier, da hält Str. seinen Vortrag über “profetische und mystische Frömmigkeit” vor den Jugendvereinenen (auch einem christlichen als Gast), der ein Bekenntnis zur “profetischen” werden soll (die Antithese “profetisch = evangelisch und mystisch” ist von Heiler, dem Verfasser des “Gebets” = Buchs, das übrigens doch eine grosse Sache sein muss. Heiler ist auch Schüler von Alois Schmidt, dem Freund und Wecker von Strauss). Ich veranlasste, dass mitstenografiert werden wird. Eventuell wird es dann schon in der mündlichen Form das erste was im Moriah = Verlag erscheint. Er hat noch einen herrlichen jüdischen Freund, einen Arzt Koch, nach einem Brief, den er mir vorlas.

Strauss gab meiner Formulierung des “Juden” für die 3er Anzeige im Buchh. = Börsenblatt erst den richtigen Schliff; alle seine Änderungen sassen. Dann fanden wir ein Verlagszeichen für die “Verlage Naubaustrasse”. Ein sehr gutes. Nachher. Man muss es genau erzählen.

Kommt Eugen am 16. oder am 18. zurück? Ich will von Dienstag bis Donnerstag (wo Nobel predigt) hier bleiben. Dann Rendezvous in Würzburg. Und dann – und vorher – und nachher            Dein.

[ca 11.X.19 ?]

Lieber Eugen,

  1. Der Jude ist Polmensch. Er weiss vom Unfrieden, aber in sich selber befriedet ward ihm Kraft, der Erlösung zu harren, die er doch herbeizwingt nur durch Harren. So im Bewusstsein über den Christen hinaus – denn er ruht schon an jenem Ziel, dem jener erst zuschreitet -, bleibt er im Leben noch unter dem Heiden, dem gleich er ziellos die Strassen der Welt durchirrt, ohne wie er im vollendeten weltlichen Werk ausruhen zu dürfen. So ewig hinundhergeschleudert zwischen Innen und Aussen erreicht er nie ganze Synthese nie reine Analyse.

Uff. Das war schwer, bis ichs auch auf 90 Worte zusammengepresst hatte, dass es nicht länger wird als 2. der Christ. Ich meine, dass hier das Richtige aus Weismantels Definition drin ist, sogar sein “ewiger Jude” der eben nur deshalb falsch (nämlich nur von aussen gesehn ist) (nicht umsonst kein echter aus dem Selbstbewusstsein geborener Mythos, sondern eine von aussen geformte Allegorie) also der nur deshalb falsch ist, weil er nur den Werktag, nicht den Sabbat sieht.

Auch glaube ich, dass es genügend objektiv klingt und dass mein 3. der Jude nicht sympathischer aussieht als Weismantels

1.) der Heide und 2.) der Christ.

Ich komme nicht zum Arbeiten: Ich schreibe oder denke den ganzen Tag an euch. Es ist schon wegen Oldenbourg nötig, dass wir den Frieden zwischen uns beiden ratifizieren. Sprich mal mit deinem Parlament (wirklich eine lucus a non lucendo = Bezeichnung für das stumme Gritli).

Für “Typen” muss er aber “Gestalten” sagen. Oder einfach: “Menschen” (was am schönsten wäre).

Absatz 2 von 5 (“Der des materiellen Glücks..”) klingt ganz andersrum als es gemeint ist, nämlich grade nach “Bildungszauber”. Muss also fortfallen

11.10.19.

Es ist Nachmittags, Liebste,  und weisst du, wo ich dir schreibe? aus dem Restaurant hinterm Dom, wo ich damals mit dir nach Kassel telefonierte. O du –

Bisher stand der ganze Tag unter dem Zeichen Nobel; d.h. vielleicht sein Tag noch mehr unter dem Zeichen F.R. als umgekehrt; denn meistens sprach ich. Nachher gehe ich nochmal hin und werde dann mit ihm von Rudi H. sprechen. Auch wegen seines Buchs – richtig wie ich wünschte: eine Einführung in den Sohar – habe ich auf den Busch geklopft, noch ohne ihm vom Moriah Verlag zu sprechen. Das Buch ist zum Abfallen reif. Er selber sagt, er schriebe nichts von selbst, man müsste es von ihm verlangen. Ich solle ihm ein Dutzend Franz Rosenzweige (früher hätte ich geantwortet wie Alkuin deinem Ahenherrn, aber jetzt ist es ja gar nicht mehr so unverschämt: E.Strauss, R.Koch (der von Nobels Predigt hingerissen war), Rudi Hallo, Mawrik Kahn, das sind ja schon 5), also ich solle ihm ein Dutzend F.R.s stellen, denen würde er erzählen und daraus würde dann etwas Schriftliches entstehen. Er nennt das: er sei nicht produktiv. Er weiss nicht, dass das die einzig erlaubte Form ist, wie man “produktiv” sein darf. Ich weiss nur nicht, ob ich von ihm Lust erwarten darf, in diesem Verlag zu erscheinen, ehe er da ist und ehe er Strauss kennt; den kennt er nämlich noch nicht. Vielleicht wenn Weismantels Denkschrift da ist. (Andrerseits wäre es schön wenn eine versprochene Schrift von Nobel über den Sohar schon unter den nächsten Verlagsprodukten am Schlusse der Denkschrift aufmarschieren könnte). – Das Töchterchen, jetzt vierzehnjährig wächst nett in seine Art hinein. Einige üble Verwandte waren da. Und eine intelligente Jungfrau Nichte.

Mutter rief ich gestern Abend an, wegen des Koffers, ich kriege Ersatz mitgebracht durch Martha Kaufmann, die heute zu Straussens wieder als Hausgast zieht. Die telefonische Sensation war die Verlobung von –  –  –  –  – Edith Fromm mit einem (gemeinsamen) Vetter 2.Grades, Frank aus Leipzig. Hättest du das gedacht? Er ist ein ganz netter, sehr angeregter Kaufmann. Aber überhaupt. So hatten ihre Eltern also doch recht.

Von dir war nur der Brief vom 8. nachgereist. Ich will nochmal auf die Post gehn.

Dein Franz.

12.10.19.

Geliebte, heut früh war das erste der Schutzengeldialog. Ich war so aufgelöst, dass ich beinah statt nach Heidelberg nach Stuttgart gefahren wäre. Nachher schrieb ich stattdessen in der Bahn die Einlage, die dir Rudi schicken wird und die ja auch für das “Kunstwerk” noch nötig war. Ich sitze nun allein bei Hans, sie sind in einer politischen Versammlung; vorher war ich hier mit Doz und ihrem wirklich ausserordentlich netten und gescheiten Mann zusammen. Und nun drängt wieder der Dialog auf mich ein. Dies war es ja, wovor ich mich vom ersten Augenblick an, als ich es wusste, gefürchtet hatte. Und nun war es gekommen; so furchtbar wie ich gefürchtet hatte und doch zugleich voll Trost. Ich habe in Tränen geschwommen heut Morgen, und nicht bloss Tränen der Rührung sondern mehr noch der Wut und des Zorns. Und dabei war und ist doch eine Freudigkeit in mir und ich kann den Schlussdialog ganz mitleben, – grade weil selbst er noch weiss, dass dem Leid auf Erden kein Ende gesetzt ist, nur ein Ziel.

Nobel habe ich gestern von Rudi Hallo erzählt. Er war sehr fein und menschlich. Auch meine Berufsbedürfnisse habe ich ihm gesagt, damit er gelegentlich an mich denkt; also ein bischen Corriger la fortune. Und vom Moriah = Verlag weiss er auch. Versprochen hat er aber nichts dafür. Doch würde ich ihn dazu eventuell noch kriegen. Bei Strauss abends war es doll, aber anders herum: er war von einer variétéhaften Ausgelassenheit, schauspielerte, las, erzählte – er liest (Morgenstern und etwas Prinz v.Homburg), so dass Eugen und ich uns vor ihm verstecken müssen. Vorher war ich mit der Frau allein. Sie steht ähnlich zu seinem Judentum wie – Mutter zu meinem und sträubt sich gegen einige (Kindererziehungs= bzw. Hausfest=) = Konsequenzen, die ich ihr am Abend vorher schon nahlegte, mit beiden Händen.

Aber es ist heut alles wie schon lang her. Ich ging gern zu Bett. Nun hörst du grad den Schluss der Zauberflöte. “Wir wandelten durch Feuersgluten” – Gottesflammen! Warum haben wir eigentlich sie nie zusammen gehört?

Dein Franz.

13.10.19.

Liebe, was sagst du eigentlich zu der Tinte? es ist eine Mischung aus einer scheusslich gelben, mit der ich gestern die Einlage für Rudi schrieb, und der alten violetten. Ich bin noch müde von den Himmeln und Höllen des gestrigen Tags; kam auch erst spät zu Bett, weil Hans und Else erst um 12 heimkamen und ich dann noch Hans von Würzburg erzählte. Nachher gehe ich zu Weizs.; Hans ist nach Karlsruhe. Überhaupt ist nun eine Unruh in mir und es war gestern doch ein richtiges Gefühl, ich hätte nach Stuttgart fahren sollen. Werde ich dich überhaupt sehen? Ich weiss zwar gar nicht, warum nicht. Aber ich habe so ein Gefühl, als ob ich diesmal vorher fortmüsste. Wann kommt denn Eugen nach Würzburg. Ich musste gestern denken: wenn nun Rudi jetzt auch nach Würzburg käme, mit ihm zusammen würde ich noch nicht zu dir kommen können. Das brächte ich nicht fertig. Überhaupt – kann ichs denn ändern, dass die Vergangenheit doch hinter mir liegt wie ein verlorenes Paradies? ich meine die Vergangenheit vor dem August.

Werde ich dich denn wiedersehen? Und wann? Und wie? Wie? Ich kann dir heut kein Wort der Liebe schreiben. Meine Sehnsucht ist heut grösser als meine Liebe. Ich möchte bei dir sein, – in deinen Armen,

– Dein.

[1.Hälfte Oktober ? 1919]

Eugen, Eugen! weisst du denn gar nichts mehr? Du merkst ja gar nicht, wiechristlich du denkst. Du verchristlichst die Juden. Wir stehen im Gotha, seit Abraham. Wir sind “letzte Juden”, nur “letzte” – seit Abraham. Wir “wirken” nur mittelbar – seit Abraham. Als mit ergriffene – seit Abraham. Und wir haben keine “eigene” Zukunft mehr, seit Abraham seinen eigenen Sohn, also seine eigene Zukunft, zum Opfer gebunden hat.

Nein, eben weil geistige Söhne gar nichts helfen, muss ich leibliche haben. Söhne von einer Heidin müsste ich mir ja zu geistigen machen, damit sie Juden wären. Und eben dass das nicht geht, das habe ich an Rudi H. erprobt, wenn ichs wirklich vorher nicht gewusst hätte. Rudi H. kam nicht wie ichs im ersten Augenblick meinte zu mir, um sich geistig zeugen zu lassen, sondern er kam gleich als mein Bruder auf die gemeinsame Blutssohnschaft hin. Er verweigerte es, sich bevatern zu lassen. Das Du war ihm gar nicht erschreckend, sondern ganz natürlich.

Alles was du jetzt von der Schöpfung sagst ist gut christlich. Der Christ hat das Gesetz Gottes immer in der Schöpfung gefunden. Um Christi willen die Welt zu verachten (wie wir um der Thora willen) ist er nie in Gefahr, eher sich um Christi willen in die Welt zu sehr zu verlieben (seit 313!).

Verlern die Namen nicht. Die Sache verlernst du sowieso nicht. Aber den Namen zu verleugnen, bist du im Augenblick in Gefahr. Sprich mit Picht, aber nicht über Deutschland, sondern über den Namen. Weil du über Deutschland so denkst wie er, meinst du er verleugnete auch den Namen wie du. Quod non. Ich kann dir nicht so widersprechen wie dus brauchst. Denn mir darfst du nicht glauben, wenn ich “zurückpfeife”; du fühlst da eben, dass wir zweierlei “Geist” haben, was du so ungern zugeben willst. – Hättest du aber mit deinem “Heidentum” recht, so möchte ich lieber mit den Christen gemeinsam Unrecht haben, als mit den Heiden Recht.

Weshalb ich Picht nicht durch dich kommentiert kennen lernen möchte und also auf meine Frankfurter Tage nicht verzichte, schrieb ich dir. Wir sehen uns nachher noch in Stuttgart.

Franz.

[Mitte Oktober ? 1919]

Lieber Eugen, willst du nicht vielleicht, wenn Hamburger nach W. kommt, auch Hans hinzitieren? Oder grade nicht? Mir kommt es eigentlich vor, als ob es nichts verderben könnte. Höchstens dass Hamburger ihn nicht mag. Aber das muss sich ja doch irgendwann mal geben. Aber du musst es selber wissen. Und dann ist ja auch noch fraglich, ob er kommen könnte. (Seine Kollegtage sind Mittwoch und Samstag).

Nun aber: der “Dritte” zu Kladder und Barth, den du ja suchtest, ist niemand anders als – Strauss. Er liest seit kurzem auf Aufforderung von jungen Leuten mit ihnen die Bibel, gestern Kap. 12-15 der Genesis. Einer liest und er unterrichtet, fragt, lässt sich fragen und erklärt. Druckbar ists natürlich noch nicht, aber gehört ist es etwas Grosses. Er ist ganz unvorbereitet, ganz ahnungslos über die älteren jüdischen Kommentare, sogar über den Urtext, (es wird die Krutzsche Übersetzung gelesen), er horcht einfach in sich hinein, und das Tolle ist: was er da hört und ausspricht, das ist gar nicht “bloss Eduard Strauss”, sondern liesse sich fort und fort an Altes, das er gar nicht kennt, anknüpfen. Hier hast du wirklichdeinen “profetischen” Juden. Er ists mit ganz gutem Gewissen. Und alles ganz einfach, auch in den Worten, (die ihm aber zuströmen). Er giebt en passant meine “Grammatik”, auch wieder ohne dass ich ihm je davon gesprochen hätte. Deine Neubaubroschüre hat er sehr gelobt. Der Aufsatz “Psychoanalyse und Pädagogik” ist von ihm (war es der?). Eine grosse naturwissenschaftliche Sache zur Konstitution der Eiweisskörper steht vor dem Erscheinen. Kurzum – ein doller Kerl, und man muss schon gradezu seine Frau sein, um ihm nicht zu glauben. Wäre ich nicht auf Gritlis Telegramme heute noch hier geblieben, so hätte ich sie heut Nachmittag (Nachts wird sie doch kaum fahren, sonst könnte sie schon Vormittags in Göttingen sein, wenn die verschiedenen Personenzuganschlüsse klappen) also ich hätte sie zu ihm dirigiert. Ich war wirklich weg von ihm, er ist so vom Himmel gefallen. Im Frühjahr trat er zum ersten Mal hier öffentlich auf, dann gab eins das andre; jetzt haben sie hier eine neue jüdische Loge (“Hermann Cohen = Loge”) gegründet und ihn zum Präsidenten gemacht. Beweis, dass er jetzt schon jemand hier “ist”.

Herrlich wars wie er die Bibelkritik untern Tisch fallen liess.

Diese Bibelstunde ist Dienstag Abend. Es würde sich richtig lohnen, auch für deine Barth = Besprechung, wenn du es mal einrichten könntest, am Dienstag hier zu sein. An Ursprünglichkeit von Haus aus, nicht erst nach dem Durchgang durch eine Theologie wiedererworbener, ist er ja Barth überlegen. Seine “Theologie” ist die allgemeine Religionswissenschaft, die er bis zu einem gewissen Grade beherrscht.

Dabei hat er – damit du das nur nicht vergisst – ein Stück Narr und Variété in sich. Er ist ein Kindskopf. Er ist überhaupt Mensch genug, auch Unmensch zu sein.

Ich habe wieder wachsende Lust auf den *. Hätte ich heut früh nicht Gritlis Telegramme noch gekriegt, ehe ich zur Bahn ging, so wäre ich nach Kassel gefahren und hätte heut Nachmittag mit Gotthelfts gesprochen, sogar ohne das “Material” aus Würzburg, um das ich Weismantel aber jetzt nochmal extra gebeten habe.

Much loves

Franz.

[21.10.19.?]

Liebes, ich bin noch den ganzen Tag in Heidelberg, fahre erst Abends mit dem Schnellzug. Ich wollte noch mit Hans einen Brief an Seyfert schreiben wegen allerlei Einzelpunkten mit den Subskriptionsdingen, die uns unterwegs eingefallen waren. Ausserdem will ich ja nun sehen, dass ich noch die Woche in Kassel bleiben kann (ev. also die ersen Korrekturbogen von Oldenbourg da lese), damit ich noch mit Weismantel zusammen bin; er will ja die Denkschrift mit mir zusammen machen. Und du? ich freue mich, dass ich mir jetzt euer Wohnen vorstellen kann. Erst jetzt sehe ich euch in eurem Drumherum. Bisher wart ihr mir noch gar nicht recht “irgendwo”; Stuttgart war ein blosses Wort; die Donndorfschen Zimmer habe ich nie mit euch zusammengedacht. Nun seid ihr wirklich behaust, und ich sehe euch mit Hintergrund. Und doch ja ausserdem auch auf dem alten ewigen Goldgrund, auf dem sich mein Herz eure Bilder gemalt und sie in seiner innersten Kapelle aufgestellt hat. Da ist kein Hintergrund mehr. Ich liebe euch, ihn wie ichs ihm nicht sagen kann, denn ich bin nicht wert es ihm zu sagen, und dich wie ichs dir sagen kann – was ist eigentlich mehr? sagen können oder nicht sagen können?

Du “Aller” = Liebste —— Dein.

21.10.[19]

Geliebte, ich sehe die Bleistiftschrift kaum, so dunkel ists im Zug. Es ist auch nur ein blosses Stammeln – alles was ich dir sagen kann. Diese Tage hätten es mich ja gelehrt, hätte ich es nicht schon vorher gewusst, wie über allen Sinn und alle Sinne meine Liebe zu dir ist. Ich kann sie nicht lassen, ich liesse mehr damit als mich selbst und dich. So ist sie mir in alle Fasern meines Fleisches und meines Geistes eingebrannt. Sieh du: und wenn es wahr wäre, was nicht wahr ist, denn das Wunder deiner Liebe macht das Unmögliche möglich, aber sieh: wenn es wahr wäre und du würfest mir nur Brosamen hin, – ich würde mich von diesen Brosamen nähren und nicht von dem gedeckten Tisch des Lebens, der darüber stünde. Aber es ist ja nicht wahr. Deine Liebe ist grösser als mein Kleinmut, sie ist selbst grösser als deine eigene Kraft, denn die ist freilich begrenzt und wir leiden alle darunter, aber deine Liebe ist grenzenlos – des bin ich froh. Liebes Gritli, du hast mich so oft in diesen Tagen gefragt, ob ich froh  bin. Hier steht das Wort. Bewahr es dir und mir, und giebs mir wieder, wenn die Kraft mich einmal wieder verlässt, dass ichs aus deinen Händen wieder empfange. Und bleibe mir, Geliebte, Liebste  —  Dein.

22.10.19

Liebes Gritli,  ich komme vor lauter kleinem Allerlei – und jetzt gehe ich zu Trudchen, aber Louis ist da – , also ich komme vor lauter Allerlei gar nicht zu dem Allerleibrief, den ich dir noch zu schreiben hätte; ich habe dir ja noch gar nicht richtig geschrieben. Morgen fahre ich nach Göttingen zu den beiden Rudis, der eine (nämlich der Eine) hat mir nach Frankfurt noch einen Brief geschrieben, der mich nicht erreichte, so dass er auf die Antwort ungeduldig wartete; du wirst ja wohl davon wissen, ich weiss es noch nicht, er sagte es mir nur heute am Telefon; ich denke, er wird meinen Zustand in jenen Tagen von Sonntag an verspürt haben, obwohl ich ihm nicht schrieb. – Das Fräulein Rubensohn werde ich schwer unauffällig sprechen können; vielleicht mit Trudchens Hülfe. – Eugens Dreifarbensymbolik für den * wird vielleicht verwirklicht. Nur statt des sowohl unjüdischen als vor allem undeinen Rot das Blau – du weisst welches. Also Schwarz – Blau – Gold. Am schönsten wäre ja, die ganzen Initialen jedes Teils könnten in der Farbe durchgedruckt werden. Aber das wäre zu teuer. Vielleicht für eine Luxus = Ausgabe.  – Ich suchte heut einige Stellen für das Subskriptionsheft (ganze Seiten), es ist doch ein wunderbares Buch. – Else war noch schrecklich mit Hans, Hans ein Engel. – Mutter ist sehr nett. Von Tante Ännchen hat sie einen Brief, den ich dir z. T. abschreiben werde, – obwohl es ja nur als “Vergangenheit” Interesse hat. Hast du denn für Vergangenheit Interesse? Ich muss ja fast meinen: ja. Denn ich höre noch den Ton, in dem du das Wort einmal sprachest, und möchte ihn hören, immerfort, wenn auch lieber – ohne das Wort. Nur die Stimme! “Lass mich deine Stimme hören” –

Apropos Hohes Lied (nämlich 8,2): ich habe einen langen, ein bischen verlegenen, aber noch viel liebevolleren, Brief von deiner Mutter; er ging über Berlin. Dein Telegramm ist wohl auch nicht zurückgeschickt worden von Frankfurt. Ich glaube ich schreibe dir heut Abend nochmal, wenn nicht der Geist (in einem weissen Mantel) über mich kommt und ich die Denkschrift entwerfe. Denn sie “meldet sich an”.

Liebe —— Dein Franz.

22.10.[19]

Liebe, ich fing heut Abend bei O.Adolf noch wirklich die Weismantelsche Denkschrift an, ich denke, sie wird noch fertig; sie wird Talmi, – also gut. Trudchen habe ich vorhin die Schutzengel zu lesen gegeben und dazu soviel erzählt, dass sie nun im Bilde ist. Es war aber ein sonderbares Gefühl, dieses zum ersten Mal aus dem Kreis der Selbstbeteiligten herauszutreten. Rudi hat es ja gegenüber Hedi und Hans schon mal getan, mir aber war es neu. Am Telefon heute habe ich übrigens da Mutter dabei war eine richtige Komödie aufgeführt und Rudi erzählt dass du die letzten Wochen viel krank warst! Wenn du ihm hierher schreibst, legs ja immer in Couverts an mich! – Von Kahn hatte ich einen ganz hingegossenen wunderschönen Brief in Heidelberg; ich schick ihn euch, wenn ich ihn beantwortet habe.

Und von dir hat mir nun Eugen den ersten Gruss geschickt, – dich selbst. Wohl gleichzeitig mit meinem ersten Brief an dich, der ja ein Brief an Eugen war. Und da sollte man nicht an “Schutzengel” glauben! Weisst du denn die Geschichte dieses Bilds? ich hatte es doch “entdeckt”. Eugen fand dich nicht darin. Aber er wusste, dass ich dich darin fand (grade weil es gar nicht mit dem Leben zu konkurrieren versucht). Als ich nun danach von Kassel nach Mazedonien fuhr, da machte ich es mir zum Zeichen des Augenblicks wo Eugen mir ganz vergeben haben würde, dass er es mir dann schenken würde. Aber er kam nie darauf. Und nun, wo ich das Zeichen schon fast vergessen hatte, aber selber einmal ganz mich vor ihm beugte noch unter die Grenze, zu der die Vergebung herabreichen könnte, – denn so war mir gestern als ich den Brief schrieb – da erinnert er sich des Bilds und schickt es mir. Liebe, du Seine

– Dein.

[23.10.19.?]

Liebste, liebste – da ist dein Brief, ich kann dir nicht antworten jetzt, nicht bloss weil ich fortmuss, um mich mit Gertrud Rubensohn zu treffen, sondern überhaupt nicht, ich bin zu selig.

Geliebte du – Dein Dein und

immerfort Dein.

23.10.19

Geliebtes, dein Brief von heut früh wärmt mich so durch und durch, eine rechte fiamma viva. Wie leicht ist das Leben, wenn es so getragen wird von dem entgegenwogenden Überfluss des geliebten andern. O du mein Herz, was soll ich dir denn sagen. Du brauchst keine Ferne zu durchbohren; mir ist immer noch, als sässe ich an dich geschmiegt vor dem kleinen Gasöfchen, das immer nur so ein bischen brannte aber grade genug. Mutter schickt dir allerlei zum Wärmen, der Fusssack ist neugekauft, aber gar nicht teuer. Und ich möchte dich in meinen Armen wärmen. Möchte? mir ist, als täte ichs. Ja Liebste, unser Paradies ist unverloren, “auch unser Garten blüht”. Ich dachte in diesen Tagen auch an den Brief aus dem Lazarett, ich meinte nicht, dass du ihn noch bei dir trügst.

O trage ihn und trage mich selber – “auch wenn ich unerträglich bin”. Ich küsse deine Hände und ganz zart die Hände deines Herzens, du geliebtes Herz.

Dies Papier fand ich jetzt in Heidelberg noch wieder, grade zur rechten Zeit. Sieh da, die Vergangenheit ist keine; darauf schrieb ich dir zuletzt wohl vor einem halben Jahr, und nun schreibe ich weiter, o du Liebe.

Mit Gertrud Rubensohn, die nett ist, aber ein bischen Tante Emmy Ehrenberg, ging ich heut vormittag durch die wunderbar herbstliche Allee. Ich sprach, von ihr kam eigentlich nicht viel. Aber der Weg durch den sonnig vernebelten Park über dicke Teppiche von gelben Blättern war schön. Überhaupt trägt die Welt heut deine Farben, der Himmel blau und die Erde braun und gelb. Du sagst, unsre Liebe hat kein Haus, es ist wahr, aber eines hat sie doch, ein heimliches, das nun doch bald aller Welt sichtbar werden wird, das Schwarz = blau = goldne, das uns vor einem Jahr die guten Geister bauten wie in einem Märchen aus 1001 Nacht – wir selber haben ja nicht viel daran getan.

Edith schrieb Mutter einen schönen echten Brief. Ihr kriegt ihn. Auch das sehr anmutende Bild des Mannes.

Antworte mir doch auf der andern Hälfte! Liebe –

24.10.19

Liebe, es ist spät, ich gehe noch herauf um dir zu schreiben, ich schob es bis jetzt auf, ich bin jetzt wieder ruhig. Die Tage mit dir und ganz und nur mit dir erhielten gestern gleich als ich in Göttingen ankam, eine sehr komische Schlussvignette: Rudi und mich, von zwei Seiten gleichzeitig an den Bahnbriefkasten “den Brief” einwerfend – der Briefkasten stand im Profil und du plötzlich auch, du hast doch keinen Januskopf der gleichzeitig nach zwei Seiten sehen kann. Und dann habe ich mich erst wieder in der Wirklichkeit, in dem was nun meine Wirklichkeit geworden ist, zurechtfinden müssen wieder und darauf sind diese 30 Stunden hingegangen. Du darfst nicht denken, dass ich sehr traurig war, immer zwischenhinein sah ich dich wieder, konnte auch dich und Rudi zusammensehen, aber zwischenhinein riss es wieder an mir und fremdete mich an. Die Ferne war doch früher manchmal wie eine schöne Abwechslung nach der Nähe, es war schön Briefe schreiben zu dürfen, wie es schön war beieinander zu sein; so ging es mir diesmal bis zu jenem Vignettenaugenblick wieder und dann trat die Gegenwart ein mit ihrer Qual und Unruhe. O Liebe – ich müsste jetzt immer in deiner Nähe sein, immer zu dir kommen können, immer meinen Kopf in deinen Schoss legen dürfen, was ist das so für ein Leben. So traf es mich auch sehr, als mir Rudi (du weisst es ja schon von ihm selber) erzählte, du wolltest die Schutzengel Greda bzw. den augenblicklichen Übungsgegenständen ihrer “erotischen Genialität” weitergeben. Hast dus getan, so ist es geschehn. Aber hast du es nicht getan, so habe doch bitte ein Gefühl für meine Gefühle und tu es nicht; sie hat es wirklich nicht um mich verdient; die Verse ihres ehemaligen Lieblingsschweinchens Herman U. könnte ich ohne Bedauern missen (mit welcher despektierlichen Bezeichnung ich nicht etwas sagen möchte, dass diese Circe hier den Mann etwa noch erst extra hätte verwandeln müssen; die Mühe konnte sie sich ja in diesem Fall sparen). Genug davon. Rudi Hallo sah ich; er war trüb und verworren; das Mädchen hat sich ihm wieder genähert; ich fühlte, wie ich jetzt um seinetwillen fort sein musste und war es; morgen kommt er hierher; morgen früh vorher gehe ich zu seiner Mutter, ich nehme Rudi (unsern natürlich) dazu mit.

Mit der neuen Szene sind ja die Schutzengel nun ganz rund und schön. Aber sie sind es nun auf meine Kosten. Denn ich bin nun ganz herausgefallen. Das ging ja nicht anders, wenn es schön werden sollte, aber es schmerzt doch. Und dennoch dennoch mir ist immer wieder als wäre es nur ein dünner Schleier zwischen mir und dir und ich brauchte bloss die Hände mutig auszustrecken, so faltete er sich und wiche zurück und legte sich um deine liebe Gestalt und ich hielte sie in den Armen. Ist es denn nicht so? sprich ja, Geliebte, ja! ich kann es nicht vergessen, unsre Tage diesmal und ich trage in der Tasche die beiden Pfänder dieser Tage, das Bild und den Brief, ich nehme sie gar nicht heraus, sie wärmen und strahlen durch die Couverts durch. Und manchmal geht es wieder und ich kann dich und ihn in einem Gedanken der Liebe zusammenlieben und fühle es, dass ichs gar nicht mehr anders wollen kann als dass er dir gehört und du ihm. Leichter freilich jetzt hier oben, wenn ich ihn nicht selber sehe, und so auch gestern im Einschlafen mein letzter Gedanke und heut früh als Hullas Mammarufen mich aufweckte mein erster. Sehe ich ihn selbst und spreche mit ihm, so muss ich mich meiner selbst entäussern und aus ihm heraus an dich denken und das geht auf Zeiten aber dann tut es plötzlich furchtbar weh. Das andre, wenn ich euch beide in eines zusammenschliesse, das tut nicht weh, das ist gut. Aber das Beste ist doch, wenn ich alles vergesse und nur nur [?] bei dir bin, ganz still und allein. Weisst du dass ich schwach bin? und dass ich deine Liebe brauche wie Brot? nicht wie Pralinés; auch nicht “wie Wein”, sondern wirklich nur wie Brot. Liebe mich, du Geliebte, lass mich das Schlagen deines Herzens hören, wie es mir schlägt und wie du mein bist, du Liebe Liebe. Lass mich dein sein

— dein.

25.X.19.

Liebes Gritli, das Datum ist das des Tages wo du nach Frankfurt fuhrst. Ich muss heut den ganzen Tag daran denken. Erst schien der Tag wie gestern zu sein, und nun ist er viel länger her als ein Jahr. Und wär er nicht ausserdem noch doch jenseits von “wie gestern” und “lange her” einfach Gegenwart – und Geliebte, glaub ich vergesse das nicht, ich weiss es wohl und ich beuge mich in dem Sturm deiner Liebe, die nicht von gestern ist, sondern heute, immer immer heute – aber wäre nicht dies Jenseits aller Vergangenheit, es wäre nicht auszuhalten. So aber kann ich nichts als besinnunslos mir von deinen Lippen das Zeugnis der unverlöschlichen Gegenwart jenes Frankfurter und aller – nein allein des heutigen Tages zu holen und es in mich hineinzutrinken wie – ja wirklich und ohne Gleichnis: wie Wein, wie schweren berauschenden Wein. Du geliebtes Leben, verzeih wenn aus meinem leidenden Herzen die Flamme der Leidenschaft jetzt heisser hervorbricht als du es gewohnt bist; sie soll dich um alles in der Welt nicht versengen; ich will bitten, dass wenn sie dir nah kommt, sie dich nur wie eine leise leichte Wärme umfliesse. Du Liebes Liebes leg deinen Kopf ruhig in meine Hände, sie wollen dich nicht zerdrücken, sie wollen ihn nur ganz leise streicheln, ganz ganz leicht über die geliebten Haare hin. Und wollen mir und meinem zerrissenen auf= und niedergeschleuderten Herzen Nachricht bringen, dass du mein bist heute, heute, heute – und dass keine Vergangenheit, kein “vor einem Jahr” sich hineindrängen kann zwischen uns und unser Heute. O du meine – nicht ewig, sondern nur heute Geliebte, sei heute mein, denn ich freilich, ich bin es ewig—–:

Dein.

25.X.19.

Liebes Gritli, ich nehme noch deinen Brief von heut früh, ich habe ja noch gar nicht richtig geantwortet. Rudis Brief nach Frankfurt und dein Telegramm sind beide noch nicht vom Viktoria nachgeschickt, obwohl ich schon hingeschrieben habe. – Wie willst du denn nun mal begraben werden? protestantisch nicht, katholisch auch nicht, – jüdisch kann ich dir auch nicht unbedingt empfehlen, – am liebsten also wohl gar nicht, das wäre mir auch am liebsten, bleib leben! bitte –

Weismantel hat abgeschrieben, mit einem Vorwand wegen “Überraschungen” wegen der Volkshochschulserie. Ich habe ihn darauf telegrafisch dringend herzitiert, ebenfalls mit einem Vorwand “wegen der Denkschrift”; hoffentlich fällt er drauf rein. Ich werde kaum vor Mittwoch abfahren, eher später, denn Oldenbourg schickt vor Montag keine Korrekturen ab (dann freilich vielleicht gleich ein grösseres Häufchen). Bei Hennar[?] Hallo heut morgen wars so so – es hat ihr aber glaube ich ganz gut getan; allen Menschen tut das Aussprechen gut. Ich sehe dem weiteren Gang der Rudischen Sache mit merkwürdigem Gleichmut entgegen, heut Nachmittag wird ja wohl seine Entrevue mit Hedwig Frube schon gewesen sein. Weisst du, es ist jetzt so: ich habe ihn zwar nicht lieber als mein Judentum, aber doch schon lieber als seins.

Bei Tante Julie waren wir gegen Abend. Rudi las ihr den Judas vor, nachher gabs ein Gespräch über – Telepathie.

So nun hast du doch wenigstens noch einen ordentlichen Brief. Das ist jetzt beinahe eine Leistung für mich. Eigentlich habe ich dir ja nur die ersten Monate lang “bedeutende” Briefe schreiben können, wo richtig was drin stand, seidem sind sie immer ärmer geworden und es steht eigentlich nur noch ein Wort drin, gesprochen, gestammelt, gebetet, geflüstert und geschluchzt:

Ich hab dich lieb.

Liebe Liebe — Dein

26.X.19.

Liebste, es ist wirklich gut, dass ich nicht den ganzen Tag mit Feder und Briefpapier verbunden bin, so auf und nieder geht es. Das ist nun nicht anders. Glaubst du denn wenigstens, dass ich dich im Nieder nicht weniger liebe wie im Auf? Glaubst – weisst du überhaupt wie ich dich liebe? Ich glaube, meine Liebe hat jetzt deine überschwungen, denn sie liebt dich unter vielen Schmerzen, du Heiss – du Inniggeliebte.

Rudi und Mutter sind spazieren, ich blieb um die Denkschrift, das Weismantelianum, endlich fertig zu schreiben; morgen werde ich sie wohl diktieren. Mittags war R.Hallo eine Viertelstunde da, ruhig und froh; er hatte seine Mutter durch unsern gestrigen Besuch beruhigter gefunden, und Hedwig hatte die Maske der Kälte fallen lassen, die sie das vorige Mal vorgezogen hatte und es war ein gutes und liebevolles Auseinandergehen gewesen. Des Morgens kam Straussens Brief, den ich dir schicke samt meiner Antwort (natürlich auch für Eugen). Ich war ja sehr erschrocken. Der * wäre ja doch gedruckt, eben anderswo, im J.V. oder bei Kaufmann; aber der Moriah = Verlag wäre nicht zustande gekommen. Aber auf meinen Brief muss er hören. Wenn nicht, so war alles eine teuflische Täuschung und das ist nicht möglich. Im schlimmsten Fall habe ich gedacht müsstest du hinfahren und dem Patmosverlag sein Geschwister retten. Aber ich glaube, es wird nicht nötig sein. Er wird auch aus meinem Brief schon sehen, wer er ist. Er ist eben auch Familienmensch und guter Kerl, und das ist immer schlimm. Ich habe aber heute Morgen gemerkt, wie sehr mir das Nebeneinander der Verlage schon selbst Herzenssache geworden ist (ganz abgesehn davon, dass der Moriah = V. mir nun ein Anfang beruflichen Lebens wird, das spüre ich deutlich); es handelt sich ja nicht um den *, sondern um den * in diesem Verlag. – Rudis Brief, der nachgeschickte, war wieder ganz erschütternd gewesen, vom gleichen Tag, wo es mir erst nach zwei vergeblichen Versuchen gelang, ihm sozusagen zu schreiben. Und trotzdem, trotzdem – ich kann es nicht sagen. Nur dies, dass ich dich liebe, immer nur dies und ewig dies.

Dein Franz.

Hast du Emil ein paar Worte geschrieben? ich möchte dich drum bitten (ich selbst schrieb ihm schlecht) – auf die Gefahr hin, dass du mir den Brief “vom Munde absparst”. Bitte!

27.X.19.

Liebste, nun ist Rudi fort, und ich bin froh dass er fort ist; es waren schwere Tage für mich und ging dauernd an die Grenzen meiner Ertragefähigkeit. Er selber hat es wohl nicht gemerkt, sollte es auch nicht, er litt schon zu sehr unter Helene und sollte nicht mich noch dazu tragen müssen. So haben wir dauernd von dir gesprochen, ähnlich wie neulich an dem Göttinger Abend zu dreien. Und wie dies Experiment damals wohl über Helenes Kraft ging, so diesmal über meine. Er hat wohl gemeint, es wäre gut, wenn ich mich daran gewöhne. Aber das giebt keine Gewohnheit. Es bleibt immer gleich ungewohnt und unerträglich, wenn er des Abends oder Morgens im Bett neben mir zu schreiben anfing, ich kroch immer in mein Kissen. Du fragst nach dem vergangenen Jahr – ach ich habe nicht das Gefühl dass es ein Jahr war; es waren 10 Monate und zwei Monate und zwischen diesen beiden Zeiten ist eine Scheidewand niedergelassen; jenseits liegt die Ruhe, diesseits der Unfriede. Meine Liebe ist zur Krankheit geworden; sie ist nicht schwächer, aber sie zehrt mich auf, denn sie hat das Schlafen verlernt. Und die Gefühle, die ich anfangs Rudi gegenüber zu haben meinte, blättern auch ab. Meine Liebe zu ihm wächst nicht durch die Leiden, ich bin masslos empfindlich gegen ihn; was er sagt und tut, bekommt eine Nadelspitze, und meine Instinkte verkehren sich gegen ihn in Hass. Ich weiss nicht, wieviel er davon gemerkt hat. Ich habe ihm gesagt, ich würde ihn auf der Reise nach Berlin in G. besuchen; ich will nicht vor ihm davon laufen. Das alles muss ausgestanden werden, solange es geht. Aber es wird nicht mehr lange gehn. Ich fühle meine Schwäche und eines Tages wird alles zu Ende sein. Alles, nur meine Liebe nicht; die wird als ein geheimes Flämmchen weiter brennen; ich fühle sehr deutlich wie sie nicht ausgehn kann; aber jetzt brennt sie mich zu Schlacke. Sag nicht, es wäre immer so gewesen, es hätte sich nichts geändert; grade solche Worte waren mir entsetzlich, du hast sie anfangs vor 2 Monaten manchmal gebraucht; sie zerstörten mir zur Gegenwart auch noch die Vergangenheit; nein es war anders; daran muss ich festhalten dürfen; es war so dass ich ganz ruhig sein durfte in deiner Liebe; es war so, dass du mir Gesundheit warst, nicht Krankheit, und dass ich nichts vergessen musste in deinen Armen, sondern in klarster Bewusstheit meines ganzen Lebens dem Herzschlag deines Lebens horchte. Nun ertrage ich mein Leben nur noch in den Augenblicken des leibhaftigen Beisammenseins, da vermag ich das Unmögliche zu glauben und alles zu vergessen. Aber hier kann ich nicht vergessen – und das Wort Vergessen kam früher im Wörterbuch meiner Liebe zu dir nicht vor. Ich habe Eugen keinen Augenblick vergessen; Rudi muss ich vergessen, wenn ich bei dir sein will; an ihm vorbei kann ich nicht zu dir.

Dies alles ist so. Dass es sich nicht zum Schatten eines Wunsches oder gar Willens verdichtet, weisst du. Ich kann nichts anders wollen als es geschah. Aber ich zerbreche unter der Last des Geschehenen. Und du kannst mir nicht helfen. Du kannst die Schmerzen mir lindern durch den leichten Hauch deiner Liebe, den ich spüre, und durch das Gebet deiner Nächte das ich ahne. Liebe.

27.X.19

Geliebtes Leben, es schmerzt mich, das ich dir vorhin den Brief geschrieben habe. Und doch musste die Spannung dieser Tage seit Göttingen einmal sich entladen. Schon jetzt ist mir ruhiger, einfach weil ich Rudi nicht mehr um mich habe. Dass das freilich ein unmöglicher Zustand ist, wenn ich ihn nicht mehr in meiner Nähe ertrage – gewiss. Es ist eben ein Stück Krankheit. Es ist auch das (was ich früher nicht spürte): er hat etwas Täppisch Gewaltsames und ein böser Geist wollte, dass immer wenn ich mein Herz einmal besiegt hatte – so gestern Morgen als er in der Kirche gewesen war (es gehörte auch wieder dazu, dass er nicht da war, sonst wäre es mir nicht möglich gewesen), – alo wenn ich es besiegt hatte und es ihm nun entgegentragen wollte, dass er es dann nicht merkte und mit einer ahnungslosen Geberde zugriff als wäre es ein Stück gebratenes Fleisch. So wieder gestern Abend, als wir zu Bett gegangen waren, ich wollte gern seine Hand fassen, aber er hatte schon angefangen an dich zu schreiben, da blieb mir wohl nichts als mich nach der andern Seite zu drehen.  Auch für ihn ists ja schwer; die Eifersucht ist auch in ihm wach. Als ich gestern sagte, ich wollte dir die Abschrift der Strausskorrespondenz schicken, weil ich im Notfall ja eventuell dich mobilmachen müsste, war er ganz peinlich berührt von diesem Gedanken, und dabei meinte ich dich dabei ja gar nicht als “mein Gritli”, sonder viel eher als eine aus der “Serie der Patmosfrauen”. (Männer sind doch zu dumm, und reden immer von Nebensachen).  Nun also ists leichter. Ich las seinen Brief (den nachgeschickten) wieder und wo er nicht da war, flog ihm mein Herz wieder unzurückgestossen entgegen; und las deinen letzten Brief wieder – heute ist keiner da und ich bin so unverschämt, das auf die Sonntagseisenbahnsperre zurückzuführen – und bin unverschämt froh dass ich so unverschämt sein darf, – darf ich?) – kurzum es ist mir besser. Und so sei auch nicht traurig, und vielleicht wird noch alles gut und wir wollen uns soviel lieben wie es unsre schwachen Herzen erlauben, liebes gutes Gritli du. Sei gut. Und sei  nicht traurig.

Ich will zu Hennar Hallo jetzt. Nachmittags will ich das Weismantelianum diktieren, Rudi und Mutter fanden es beide gut, ich schicke es dann Eugen. Berlin? ich werde schon hinmüssen. Die zweite Hälfte des Mskr. durchzulesen und bei den Korrekturen der ersten die Zitate vergleichen, was zweimal zu tun (nämlich erst für das Mskr. und dann nochmal für den Druck) ich zu faul war. Aber vor übermorgen können keine Korrekturen von München kommen, ich habe die ersten noch hierher bestellt. Übrigens damit du alles von mir weisst: heut und morgen kämpfe ich wieder mit meinem Lindwurm. Wenn ich dann morgen in seinem Blute bade, hoffe ich ein Stuttgarter Vögelchen singen zu hören. Lieber, lieber Vogel – sing!

27.X.19.

Lieber Eugen, Weismantel hat nichts mehr hören lassen, trotz meines Telegramms. Deshalb – und auch überhaupt – schicke ich das Weismantelianum an dich (und gleichzeitig an Hans. Rudi kennt es schon und findet es gut). Es ist glaube ich besser als W. selbst sowas machen kann; natürlich nur für Gebildete bestimmt, aber andre brauchen von dieser Reklame auch gar nicht erfasst zu werden. Die Gedanken die W. hat sind wohl alle drin, nur meist etwas besser fundiert. Die eigentliche Reklame bleibt ganz heraus, wegen der Vornehmheit; dafür wird dann ja dem Heftchen das Subskriptionsheftchen beigelegt. Erscheinen müsste es entweder unter [meinem = durchgestr:] Unsinn natürlich grade nicht unter meinem, sondern entweder unter Weismantels Namen oder wenn er das nicht mag, anonym (einfach als vom Verlag). Auf dem Umschlag müsste möglichst schon das gemeinsame Verlagszeichen, also mindestens die 3 Ringe ..[Zeichnung so etwas wie drei borromeische Ringe] stehn und:

NEUBAU – VERLAGE

Patmos • Verlag   Moriah • Verlag

Eleusis • Verlag

Würzburg. 1919.

Das ist stärkere Reklame, als wenn die Broschüre selbst “Neubau = Verlage” hiesse. Der Titel muss zugleich neugierig machen und amüsieren; das tut dieser Ober = und Untertitel. Inhaltlich bin ich doch wieder über den Heiden gestolpert. Man spürt dem Ding doch an, dass kein Heide an der Wiege der Gründung gesessen hat. Es ist eben doch ganz antiheidnisch geworden. Wider meinen Willen. Nun hängt ja übrigens alles von Strauss ab für mich, bzw. für Moriah. Wird nichts daraus, so könnt ihr die Broschüre nach Belieben für den Patmosverlag umschneidern. Auch sonst kannst du natürlich nach Herzenslust umändern aber bitte möglichst nur mit Gritlis Placet.

Ein Exemplar behalte ich hier, für den Fall dass W. doch noch kommt. Heut schreibt mir M. Kahn, wegen seines Manuskripts. Bitte siehs dir mal an, (es kostet dich 1/2 Stunde, – wenn dus genau liest, eine ganze,) und schicks ihm wieder, falls du nicht nochmal selber nach Leipzig fahren musst.

Ich quäle meinen Bandwurm; morgen soll er dran glauben.

Es fällt mir ein, dass ich ein Exemplar der Broschüre auf alle Fälle an Weismantel schicken werde, dann behalte ich immer noch zwei hier.

Ich wüsste sehr gern, ehe ich nach Berlin muss, ob nun der Moriah = Verlag wird; denn ins Blaue hinein will ich mit Frau Cohen nicht sprechen. Von Strauss kriege ich frühestens morgen Antwort. Ich habe ein schlechtes Vorgefühl, so als ob mein Brief nichts gewirkt hätte. Ich bin etwas irre an ihm geworden, obwohl ich ja weiss, dass er auch zwon oijkuon zu deutsch: animal familiare ist. Folgt er mir jetzt nicht, dann hat seine Frau recht gegen ihn, und es täte mir leid, dass ich seine Partei genommen habe, als sie mit mir sprach.

Bei Hennar Hallo war ich heut wieder. (Rudi H. ist heut früh im Schatten unsres Rudi abgefahren). Sie schwor, dass man ihr in Kassel ein Unrecht nachsagte, dass sie Rudi im mindesten im Sinne der Taufe beeinflusst habe. Im nächsten Satz floss dann wie etwas ganz Selbstverständliches unter, dass sie ihn “natürlich” von Anfang an seit dem ersten Schultag am christlichen Religionsunterricht habe teilnehmenlassen. Sie war ganz ehrlich betroffen, als ich sie darauf aufmerksam machte, dass man das immerhin als Beeinflussung bezeichnen könne!!! Grüss Gritli – oder nein, ich schreibe ihr noch selbst, es ist vielleicht gut. So grüss ich nur dich, – du weisst wie sehr.

Dein Franz.

27.X.19.

Liebe – ich muss dir wohl noch einmal schreiben, das dritte Mal heute. Ich fürchte so, mein Brief heut morgen und auch der zweite noch nachher, hat dich traurig gemacht. Ich bin wirklich viel stiller nun; ich ertrug einfach dies Zusammenleben nicht; das musst du doch verstehn. Jetzt bloss an ihn denken, kann ich ganz ruhig und mit dem alten Gefühl – wenn ich nur nicht grade zu nahe herandenke. Ich weiss wohl, wie schlimm das ist, aber ich werde nicht damit fertig. Und du sollst wirklich nicht betrübt darüber sein. Wir haben alle nur unsre begrenzte Kraft, ich spüre es zu deutlich. Wir können uns wohl gegenseitig mehr davon geben, aber nur wenn wir übrig haben, und in diesen Tagen muss Rudi wenig übrig gehabt haben. Er ging auch zu Helene mit bösen Befürchtungen zurück. Vielleicht hätte ich ihn ihretwegen jetzt überhaupt nicht mit hierher nehmen sollen; es muss sie ja verletzt haben.

Wie ist dir denn? ich möchte all diesen dummen Briefen, auch diesem hier, vorwegeilen können und deinen Kopf in die Hände nehmen. Liebes, liebes Gritli, sei nicht traurig über mich, weil ich so schwach bin. Sei stärker und gieb mir von deiner Stärke – liebe mich.

An deinem Herzen – Dein.

28.X.19,

Liebe, liebe, was für ein Morgen! ich wachte auf mit einem bösen Aufwachen und lag lange unter der Last der Gedanken, – des einen Gedankens. Und dann kam dein Brief (der von Samstag, der vom Freitag, worin du wohl was von dem jungen Schmidthenner erzählt hattest, ist noch nicht da). Ich war so glücklich, ich brauchte ihn gar nicht erst aufzumachen, ich habe wohl 5 Minuten lang immer nur die Lippen auf das goldne Siegel gedrückt immer wieder und meinte noch deinen Kuss zu spüren, den du ihm mitgegeben hast. Und dann machte ich auf – o du mein Herz. Nun bist du bei mir den ganzen Morgen. Ich bin im Bett geblieben wegen des Bandwurms (du hast also zu pflegen), habe mir das Bett mitten ins Zimmer rücken lassen und nun liege ich so da und kucke auf die Bäume, und freue mich, dass es die gleichen Bäume sind auf die du auch schon gekuckt hast, als du das letzte Mal hier warst. Beinahe ists gut dass die Briefe jetzt so langsam gehen und dass es so bis heute dauerte, bis das Echo meiner glücklichen Briefe vor der Briefkastenvignette wieder bis zu mir kam; nun kommt es wie ein Hauch aus jenen Tagen des seligen Wiedersehens in diese unselige Gegenwart und trägt mich heraus und hin zu dir – zu dir. Du bist es doch? du. Und wenn ich mich heut früh wand in Verzweiflung und wütender Sehnsucht zugleich – nun sind sie beide still geworden und stattdessen spüre ich nur eins – Georg Picht sagt es: Bei dir sein.

Ja ich bin bei dir und ich spüre deine Nähe. Ich lege meine Lippen in die Schalen deiner Hände, ich bin bei dir du geliebte Seele und geliebter Leib – du liebes Gritli. Nein du, besinne dich nicht, lass kein Halbes halb sein, das ist uns nicht erlaubt, uns ist das Ganze nur gegeben, weil wir auch das Halbe nicht halb lassen. Es ist feige Angst, wenn wir meinen, wir müssten uns die Seligkeit unsres Ganz erkaufen um allerlei Halbgelassenes. Nein, wenn ich nicht in dem Augenblick wo mich etwa Strauss braucht, mich ihm so ganz hinschüttete wie ich vor dir hingegossen bin – so wäre ich deiner Liebe nicht wert. Und es ist meine tiefe Überzeugung, dass ich mit all meiner Schwäche und meinem Leiden jetzt zahle nicht für mein Ganzbeidirsein, sondern für allerlei Schwächen und Halbheiten des Lebens. Im Grunde vielleicht für meine Verschlossenheit gegen Rudi im vorigen Jahr.

Bete mit mir, dass ich wachse, und liebe, liebe mich, der bei dir ist und

Dein.

28.X.19.

Lieber Eugen, ich hatte heut zwei Karten von Weismantel. Auf die erste habe ich ihm einen Durchschlag der Broschüre nach Essen geschickt; es war da noch Aussicht, dass er auf dem Rückweg über Kassel führe. Die zweite Karte schliesst auch das aus. Ich schrieb ihm ausserdem, er möge mich doch durch Seifert möglichst auf dem Laufenden halten lassen über alles, was die Neubau = Verlage im Ganzen anginge. Ich muss Bescheid wissen, ob der Moriah = Verlag schon existiert, ob und wie Weismantels Vertrag mit Brunfleck[?] geworden ist, was aus der Pichtschen Serie wird u.s.w.  Sowohl für Berlin (Frau Cohen) wie gegenüber Strauss muss ich Bescheid wissen. Seifert muss wissen, dass ich – nicht juristisch aber faktisch – für den Moriah = Verlag die Stellung einnehme, die W. für den Patmos = V. hat. Ohne regelmässige Information kann ich schwer etwas tun. Ich schreibe es dir, damit du Bescheid weisst und es ev. Weismantel gegenüber unterstreichst, wenn es nötig sein sollte. Heute schreibt Weism. z.B., mit der Denkschrift habe es noch Zeit. Wieso nun plötzlich, weiss ich nicht. Ebensowenig, ob nun etwa auch die Subskriptions Reklame noch vertagt wird. Du weisst ja (und Weism. habe ich es heute kurz mitgeteilt), wie sehr ich mich Strauss gegenüber nun eingesetzt habe. Das geht aber nur, wenn ich nicht bloss auf zufällige Nachrichten angewiesen bin, sondern von dem was für mich Bedeutung hat, durch Kopien, Durchschläge etc. Kenntnis kriege.

Ich habe in Marie Madlen geblättert und doch einen Eindruck gehabt, wenigstens den von Chaos. Aber die Frau wird dabei immer unmöglicher. Das Töchterchen eher.

Dann habe ich meine heutige verfehlte (das Biest ist nicht gekommen) Bettliegerei dazu benutzt, um Lessingsche Theologica zu lesen, für die ewigen Höllenstrafen, für die Dreieinigkeit und für Neuser. Ich will “meinen lieben Kasselianer Juden” am 28.XII. einen Vortrag über Nathan den Weisen halten, hauptsächlich um Tante Emmi zu ärgern, d.h. all die vielen Tante Emmis, die hinkommen werden. Lessing ist schön. Weisst du nicht einen besseren Anfang für meine Broschüre? Irgend eine lustige Anekdote über Bücher aus dem Krieg oder so? Der jetzige Anfang ist zu ledern. Vielleicht so: Das eine geniale Buch, das in deutscher Sprache während des Kriegs gedruckt wurde, hat kein deutscher Verleger als den Schlager, der es wurde, erkannt: Spenglers Unterg. d. Ab. musste bei einem österreichischen Verlage unterschlüpfen. Und dabei war der deutsche Verleger gar nicht so wählerisch. Das Verlagswesen siechte schon vor dem Krieg an….

Dies Blümchen wird ihn übrigens vielleicht in den Eleusis = Verlag locken. Er ist ja doch der einzige. Ich glaube, so genügt der Anfang und lockt die “Leser und andre Leute”.

Seid gegrüsst.

Euer Franz.

28.X.19

Liebes ich muss dir doch noch einen Zettel hinzulegen, nach diesem Stillen Tag bei dir. Obwohl nichs weiter draufsteht als das eine, all = tägliche und sonn = tägliche Wort –

Ich liebe dich

Dein Franz.

29.X.19.

Liebste,o weh fängt der Turnus wieder an: man schläft doch täglich und wacht täglich auf, so muss man auch täglich seinen Brief haben. Man. (Männer, am – einen Superlativ giebt es nicht). Ihr bittet doch um das täglich Brod, nicht um Brod für einen um den andern Tag, das wäre ja Kuchen. Du bist mir Brod geworden, Kuchen warst du mir höchstens 1917. Du mein täglich Brod, gieb dich mir heute. Und morgen, und immer. Liebe Seele, gestern Abend war Prager da, da fiel mir hinterher als er weg war ein, dass ich dir neulich auf deine Frage wegen 1 M, 12 noch nicht geantwortet hatte. (Übrigens steht das denn im Brevier? oder wie seid ihr für die Hausandacht darauf geraten? war da etwa sein Heiligentag?) Also du fragst wie man ihn da “herausrisse”? ich habe noch nicht nachsehn können, aber ich vertraue ja in solchen Fällen einfach auf meinen Instinkt, der sich nachher meist als traditionsgemäss bestätigt, und der sagt in diesem Fall wirklich, wie du auch selber schon vermutest: Gar nicht. Aber freilich nun nicht, wie du dies “gar nicht” wohl gemeint hast, so dass hier etwa eine Sünde von Abraham (wie von Adam oder Moses oder David) erzählt werden sollte, dazu fehlt die Voraussetzung, die im biblischen Stil dazu gehören würde: das vorhergehende ausdrückliche göttliche Verbot. Sondern Abraham ist (V.10) in einer Zwangslage und er handelt (V.11 ff.) wie ein Mensch in einer Zwanglslage, ein Mensch dem in diesem Augenblick keine besondere göttliche Weisung geschieht, die ihn über den Zwang der Lage hinausrisse (wie etwa in 21,12 oder in 22,1 f.), sondern einfach ein alleingelassener in die Welt und ihre Nöte verstrickter Mensch, ein Mensch,kein Stoiker, kein “Heiliger” – die Sorte kommt in der Bibel nicht vor, die muss man im Plutarch suchen und in den Traktätchen. Und nun machen wir den Fehler und lesen die Schrift wie einen Zeitungsartikel, d.h. ohne Glauben an Gott. Denn wir bleiben bei V.11 ff. stehn und beurteilen Abrahams Verhalten und fragen: wie kann man ihn da allenfalls herausreissen. Man braucht ihn gar nicht herauszureissen, denn – Gott reisst ihn heraus: V.17 ff. Läsen wir die Schrift recht, und nicht ungläubig, so wüssten wir bei V. 11-13 ganz sicher, dass nun im weiteren Verlauf Gott eingreifen und ein Wunder tun muss. Abraham selbstwusste das, denn – “er glaubte an Gott”. Die Schrift erzählt keine vorbildlichen Taten, die der Mensch aus eigner Kraft täte (“moralische” Taten), sondern sie lehrt dieses an Gott Glauben. Weiter gar nichts. Moralisch beurteilt – wie wir immer wieder urteilen möchten (weil wir eben nicht glauben wie Abraham) – moralisch beurteilt wird die Tat nur an sich “ohne Rücksicht auf die Folgen”, so lehren alle “Idealisten” und sie klappen die Bibel bei Vers 13 zu und rümpfen ihre sündenfreie Nase (wo doch eigentlich nur ich eine sündenfreie Nase habe, nämlich weil ich nicht riechen kann). Weniger urteilsgeschulte Heiden lesen etwa noch bis V.16, aber dann klappen auch sie das Buch zu, denn nun wird auch ihnen die “Ehrlosigkeit” Abrahams zu viel, wo sie sehen, dass es wirklich soweit kommt, wie er in seiner Angst anfangs vermutet hatte. Der Gläubige aber liest nun weiter und nun geschieht, was geschehen musste und woran er gar nicht hätte zweifeln dürfen: Gott greift ein und rettet die verfehlte Situation, zu deutsch: Lage; er reisst Abraham heraus. Er lässt es nicht zu den Folgen kommen, er rettet alle drei Beteiligten (auch Pharao, vgl V.18 f. wird von der Schrift ganz als Beteiligter behandelt, ganz als Hauptperson  und als Gegenstand der wunderbaren Fürsorge Gottes) also er rettet alle drei Beteiligten vor der Sünde, in die sie soweits an ihnenlag, alle drei glatt hineingelaufen wären (und es lag an ihnen, Gott hatte vorhergeschwiegen, zu allen dreien). Vor Gott gilt nämlich weder die Tat allein (wie für die Heiden) noch gar bloss die Absicht allein (wie für die Idealisten), sondern Absicht Tat und Folgen sind vor ihm zusammengehalten. Und deshalb macht Raschi zu V.11 ff. nicht den mindesten Versuch Abraham herauszureissen (ich bin innig überzeugt, dass die Modernen hier alle apologetischen Künste spielen lassen, denn sie sind ja alle “Idealisten”), nur zum entscheidenden Punkt, zu V.17, macht er zu “mit grossen Plagen” eine Anmerkung, durch die das Wunder ganz scharf zugespitzt wird, so dass der Rest von schwankmässiger Schadenfreude des Hörers, der sich freut, dass es Pharao schlecht geht, ausgelöscht und die Geschichte ganz theologisiert wird; nämlich zu “mit grossen Plagen” bemerkt er: “nämlich mit Impotenz”.

Liebes Gritli, muss ich dir denn diese ganze Erklärung noch extra geben? Kennst du denn diesen ganzen Zusammenhang des Lebens nicht selber? kennst ihn von – mir? den Zusammenhang von Sünde, die freilich für sich Sünde wäre und bliebe und aus der keine menschliche Entschuldigung, sondern allein Gottes Arm, der da “plagt mit grossen Plagen”, und zwar immer mit den grade hier hingehörigen, “herausreissen” kann? Der erste Brief von Freiburg vom Ende Januar –

Liebes, liebes Gritli  ——————— Dein, Rudis, Eugens

Franz.

29.X.19.

Liebstes, da kommt schon dein Brief, vom Montag wohl, obwohl 26. drauf steht. Ein kleiner von Rudi lag drauf, im Briefkasten, sonst nichts. Rudi schreibt: Ich bin so froh aus unsern Tagen. So hat er also nichts gemerkt, wie ichs ja auch wollte; dich hätte ich freilich nicht so betrügen können, du hättest es gemerkt. Ich lege zwei Karten von Weismantel bei, – Frau Flut und Frau Reich. Und Straussens Brief für Eugen. Er mag die ganzen drei Briefe (ich meine: Straussen beide und meinen) an Hans schicken, damit der auch die Art meines moralischen Engagements sieht, ich habe so eine Ahnung als wäre das jetzt nötig, Hans soll sie mir dann zurückschicken. Weismantel selbst darf sie nicht sehen, hier wäre es eine unerlaubte Indiskretion.

Ach, Liebste, dein Brief – du kannst in alten Briefen lesen? ich kann es eigentlich nie – ich brauche immer neue und wieder und wieder neue. Werd wieder wohl, du Liebe, Neue immer immer Neue.

Geliebte, Geliebteste —–

Dein

Die beiden Falstaffkarten schick weiter an Rudi.

29.X.19.

Liebes, nur noch ein Gute Nacht vor dem Schlafengehn. Ich war Nachmittags bei Trudchen. Nach Tisch bei Prager. Ich habe bei ihm den dritten der drei klassischen Kommentatoren nachgesehn, Nachmanides, aus dem 13.Jahrhundert, den ich in meiner Ausgabe nicht habe; er sagt zum Ganzen: “Und wisse, dass unser Vater Abraham eine grosse Sünde begangen hat in Verwirrung, indem er sein frommes Weib in den Fallstrick der Schuld brachte aus Angst sie möchten ihn erschlagen; und er hätte sein Vertrauen setzen müssen auf den Namen dessen, der da gerettet hätte ihn und sein Weib und alles was sein war; denn bei Gott ist Kraft zu helfen und zu retten; auch schon sein Auszug aus dem Lande, wohin ihn Gott zuerst gewiesen hatte, wegen der Hungersnot ist Schuld, die er auf sich lud, denn Gott hätte ihn auch in Hungersnot gerettet vom Tode; und wegen dieser Sache ward über seinen Samen verhängt die egyptische Gefangenschaft unter Pharaos Hand.”

Gute Nacht –

Du armes, liebes Herz, es kamen viele Briefe heute Morgen und darunter deiner mit dem verschobnen von Eugens ungewohnter oder von deiner fiebrigen Hand draufgedrückten Siegel – ob so oder so, mein Mund meinte beide. Geliebte, ich bin froh, dass die letzten Briefe, die inzwischen schon bei dir sein müssen, dir schon Antwort gegeben haben. Es giebt doch nur eine: Unmöglich. Wäre das nicht, könnte ich auch nur einen Augenblick es wegwünschen, hätte ich es auch nur einen Augenblick lang wollen können, so wäre ja all das nicht, was dich nun quält, denn dann würde ich gekämpft haben und der Sieg wäre mir sicher nicht schwer geworden. So aber ist es ja nicht. Es ist gar keine Möglichkeit zu einem Kampf. Ich muss – volens nolens – wollen, was hier geschehen ist. Aber weil es so ist und weil ich also Rudis und deine Liebe zueinander nicht als einen Zufall – in die Hölle jeder Zufall, aus der er entstiegen ist! – also nicht als einen Zufall sehe, sondern sie mir die höchste Tatsache und das oberste Gesetz meiner Liebe und meines Lebens geworden ist seit dem Augenblick wo sie Euch gegeben wurde – ich schreibe das unter Tränen aber es ist so -, weil also dies so ist, so musst du es ertragen mit aller Kraft, die du aus deiner Liebe zu mir hast, wenn meine Schwachheit diesem ungeheuren Gesetz, das zu leugnen sie sich nicht unterstehen darf, bisweilen zu entfliehen sucht. Ich muss diesen Weg der Flucht offen sehen, wenn ich manchmal unter der ungewohnten und vielleicht nie ganz gewöhn = lich werden könnenden Last jenes Gesetzes erdrückt werde. Ich hoffe ja, nie fliehen zu müssen, und in diesen wieder still gewordenen Tagen seit Rudis Abfahrt fällt es mir gar nicht schwer, so zu hoffen. Aber ich muss dieses Tor unverschlossen vor mir sehn. Du magst es mir zuhalten, mit der Kraft deiner Hände, aber nicht mit einem Schlüssel, den du drin herumgedreht hast und dann in die Tasche steckst. Sonst giebt es immer wieder Augenblicke wo ich erliegen müsste.

Sieh, so ist es doch: mir ist eine ungeheure Umkehrung (das was Eugen “Inversion” nennt) geschehen am 21.August, Eugen ja unmittelbar gar keine, nur mittelbar durch mich hindurch. Seitdem hat meine Liebe ihr höchstes Gesetz nicht mehr in sich selbst (denn Eugen war nicht ihr höchstes Gesetz, sondern ihr tragender Pfeiler), nicht mehr in sich selber also hat sie ihr Gesetz nun, sondern ausser sich, in Rudi und Dir [umrandet]. Willst du, dass ich zugrundegehe, wenn dies Gesetz mir einmal unerträglich werden sollte? denn verleugnen dürfte und könnte ich es nun nie mehr. Darum musst du mir – denn du willst meinen Tod nicht sondern dass ich lebe – erlauben, dass ich dann von dir ginge, wirklich nur um leben zu bleiben. Meine Liebe bliebe auch dann bei dir, bei euch. Nur ich selber entzöge mich deiner. Wir legten Schweigen zwischen uns. Dies braucht nie zu geschehn. Deine Hände mögen das Tor des Hauses (deines Turms!), in dem wir alle sind, von innen fest zuhalten, nur abschliessen darfst du es nicht mehr. Was am 21. VIII. geschehen ist? Nur dies, dass in deinen Turm, den du von innen her und also torlos gebaut hattest, plötzlich von aussen jemand hineintrat; die Bresche, die vor ihm gebrochen werden musste, damit er eintreten konnte, ist gleich wieder zugegangen, aber nun nicht mehr mit den Mauersteinen von zuvor, sondern mit Torflügeln. Nicht den Turm brauchst du auszuweiten, er wurde von selber grösser als Rudi eintrat, sondern nur das kostet dir Kraft, das Tor zuzuhalten, das ja vorher gar nicht da war.

Und nun musst du verstanden haben, warum ich zu deinem Brief Nein sagen muss. Der 21.VIII. ist mehr als Verheissung, er ist Wirklichkeit und zwar die Wirklichkeit ohne die der 23.II.18 keine mehr wäre, ja wenn unser aller Glaube nicht Lügen sein soll: ohne die er nie Wirklichkeit geworden wäre. Das glaube ich. Wolltest du um des 23.II.18 willen den 21.VIII.19 opfern, du würdest jenen mit opfern. So ist es nun geworden. Und darum darf ich es nicht hören, dass ich dir der Nächste bin. Ich weiss es wohl, dass es so ist, es ist eine Nähe zwischen uns, wo Atemzüge sind wie Flüstern und Flüstern wie Gebet. Aber diese Nähe ist nun nicht mehr das Höchste unsrer Liebe. Es ist noch etwas über ihr. Dies Höchste heisst seit dem 21.VIII.: Rudi, – du hast es erliebt, ich hab es erbetet, nun ist es erlebt. Verleugne es nicht um des Nächsten willen. Versuche dich und mich nicht wieder, das auszusprechen, was du in diesem Brief ausgesprochen hast. Lass es unausgesprochen bleiben. Mir die Ruhe jener 1 1/2 Jahre wiederzugeben, dazu hast du keine Kraft, durch kein Opfer. Gott nähme es nicht an. Wie Rudi damals in Hosea 6 bis zum 6ten Vers weiterlas. So bleibt dir nichts als Lieben. Auch mir kann nur deine Liebe helfen, nicht dein Opfer. Um sie brauche ich niemanden zu bitten, nicht dich  – und auch nicht Gott. Ihn bitte ich nur, dass du lebst. Für deine Liebe kann ich ihm ja nur noch danken. Auch er kann sie dir ja nicht mehr nehmen. Denn seine Güte währt ewiglich.

Geliebtes Leben  —-  Dein

[Telegrammtext 30.X.19]: heile heile segen

30.X.19.

Mein Lieb,  “Berichtigung: statt 23.II. muss es in voriger Nummer durchweg heissen 24.II.” Aber nun hör: ich bringe den Brief fort und telegrafiere; dann gehe ich bei Prager vor, um ihm den Nachmanides zurückzubringen, den ich gestern von ihm fortgenommen hatte. Da sind grade zwei junge Leute bei ihm, ein Student und eine Studentin, mit denen er Jesajas lernt. Ach, sagt er, Sie kommen uns grade recht, das ist ja Ihre Spezialität (er meint: Jesajas), wir können ja mitten fortfahren, Sie kennen es ja ganz genau”, legt mir das Buch vor die Nase und der Student fährt mitten im Satz fort: dass du mir gezürnet hast. Ich denke, der Stuhl sinkt unter mir weg. Wir haben dann das Kapitelchen zuende gelesen, und speziell zu dem ersten Vers auch die Kommentare, ich war ganz weggenommen. Unter den Kommentaren war einer, der es so umschrieb: denn wenn du dich nicht über mich erbarmt hättest, so wäre ich gar nicht wieder so geworden, dass dein Zorn sich wenden konnte.

Ich rief über Mittag Rudi an, wegen des Seifertschen Briefs. Vielleicht kommt er doch morgen her; er soll es von Helene abhängig machen. Ich muss es ja immer wieder versuchen. Begreifst du, dass ich trotzdem immer wieder Angst davor habe, auch jetzt wieder. Aber begreifst du nun auch, dass du gar nichts weiter daraus folgern kannst als dies eine und immer wieder dies eine, dass du mich lieben musst, immer neu und immer wieder; du hast keine andre Kraft als diese und kein andres Mittel mir zu helfen. Hos.6,6.

O Liebe, Liebe –   liebe mich.

Mit jedem Gedanken und jedem Herzschlag

– Dein.

30.X.19

Lieber Eugen, die Arbeitsgemeinschaft ist der selbstbiografische Schluss (Moment-portrait), den das Aufsatzbuch wohl haben muss. Dass es im Wesentlichen nur dein politisches Augenblicksprotrait, nämlich den Privatsekretär des Dr.Riebensahm, zeigt, ist wie mir scheint nur gut; das übrige schimmert nur als Gleichnis hinein, ganz wie in Wirklichkeit ja jetzt wohl auch (und eigentlich von Anfang an, – damals verstand ich das nicht, dass du dein ganzes Ich vor Riebensahm zum blossen Gleichnis erniedern konntest und doch musstest du es wohl, wenn du ihm dienen wolltest und ihn nicht vergewaltigen. Der treue Diener seines Herrn tut das immer. Bismarck führte sich nur riesenhaft auf, nicht als ein Riese. Im Kult wird die Natur zum Gleichnis. So ist dir die Ehe in diesem Buch nur Gleichnis, es ist gut, dass du statt der Liebesheirat die Arbeitsgemeinschaft geschrieben hast. Die Liebesheirat wirst du einmal  da schreiben, wo sie dir mehr sein wird als Gleichnis, wo du wirklich von ihr, nicht durch einen Spiegel und in einem dunkeln Bild, reden wirst, im Buch vom Staat (das ja nun doch kein Buch vom Staat werden wird, meinethalben – wenn du böse wirst – auch nicht von der Kirche, sondern – nun eben von der Liebesheirat.

Was du von dem Stil schreibst, stimmt. Es ist nun ein sehr mezzoforte Schlusssatz geworden. Die Möglichkeit, voll und doch von Ehrlosheimatlos abweichend zu schliessen, hätte dir nur etwa ein Aufsatz gegeben, der nochmal an den Titel des Ganzen anknüpfte. Jetzt sind im Schluss Krieg und Revolution eigentlich beide vergessen, so vergessen – wie sie jetzt schon tatsächlich sind. Hast du das Gefühl, es wäre noch Revolution?

Nun eine Frage: Mutter wollte euch eigentlich so ein kleines drehbares Büchergestell, (Platz für etwa 70 Bände) schenken, sehr hübsch, so neben den Schreibtisch zu stellen. Aber gestern haben wir hier durch eine Zeitungsannonce ein grosses sicher 1 1/2 m breites und sehr hohes Regal aufgetrieben, auf dem ein paar Hundert Bände Platz haben; eigentlich für mich. Aber dann fiel mir ein, dass ich ja momentan in gar keiner Verlegenheit bin, ihr dagegen sehr. Wollt ihr es? dann behalte ich das kleine Ständerchen für mich. Schreibt, ob ihr wollt (ich mein, wenn ihr nicht schon selbst Regale habe, so wäre es das Gescheiteste was ihr tun könnt), dann schicken wir es gleich vom Spediteur zu dem es morgen kommt, an einen Stuttgarter Schreiner, dessen Adresse du angeben müsstest, damit der es ablaugt, in einer von euch zu bestimmenden Beize beizt, die drei Stangen zum Aufrollen von Zeichnungen (es gehörte einem Architekten) aus der unteren Hälfte herausnimmt und statt ihrer ein Brett einfügt. Das alles soll in Stuttgart geschehn

1.) damit ihr das Wie bestimmen könnt 2.) damit der Transport noch geschieht, ehe die ganze Arbeit drinsteckt (für den Fall des Diebstahls) 3.) damit es unterwegs nicht wieder schadhaft wird. Aber schreib die Adresse des Schreiners an Mutter, weil ich ja vielleicht schon weg bin. Und bald, damit es nicht unnötig beim Spediteur steht.

Was wirst du zu diesem Löwen Leo sagen, der seinen schönen weissen Mantel so sehr nach dem Novemberwind hängt? Übrigens: es ist dir doch ebenso klar wie mir, dass es gar keinen Zweck hat, ihn zu vergewaltigen, ihm Kabinettsfragen zu stellen etc., sondern dass er überzeugt sein muss, wirklich überzeugt (wie er es zu Anfang war). Nur auf Grund unerzwungener Überzeugtheit seinerseits kann die Sache gut werden. Aber andrerseits freilich muss er sich rasch entscheiden, schon allein wegen Strauss.

Aber die Schutzengel? sag kein böses Wort auf sie. Sie sind, wie Rudis Geschöpfe immer, sogar ein bischen klüger als der Papa. Sie wissen auch, was er nicht weiss.

Lieber Eugen, warum kann ich dir denn nicht schreiben? doch wirklich weil ich mich schäme. Lass dirs von Gritli sagen wie ichs meine. Ich danke dir für das Bild. Ich habe es seit dem Tag wo ichs bekam noch nie wieder herausgenommen. Nur dass ichs habe und von dir.

Dein Franz.

[Ende Oktober ? 1919]

Lieber Eugen, ich kann dir nicht auf das Eigentliche in deinem Brief antworten. Ich schäme mich. Ich habe wohl an Gritli auf alles mit geantwortet, soweit ich es kann.

Den Schlussaufsatz der Hochzeit lese ich erst heut Nachmittag. Grade als ich an Gritli fertiggeschrieben hatte, kam ein Brief von Rudi: “Gritli ist wieder krank und zwar in Folge der Kälte, du hast sicher auch schon überlegt, dass das so nicht weiter geht. Sie haben ja keine Feuerung und es ist doch sinnlos, dass sie krank im Bette liegt statt irgendwohin ans Warme zu gehn. Da der Besuch bei Helene ja doch für bald geplant ist, so sollte sie jetzt nach Cassel gehen und dort bleiben, bis sie in St. heizen können. Was hat Eugen von einer kranken Frau? er sollte mitkommen und von C. aus  – sogut wie Picht von Hinterzarten aus – solange redigieren bis Feuerung da ist, dann sorgt Riebensahm auch wohl dafür. Aber Gritli mit ihrer Nierendrohung muss aus der Kälte raus. Willst Dus ihr und Deiner Mutter nicht vorschlagen?”

Ja und vor allem Dir. Hier ists herrlich warm. Sonst müsstest du mit ihr nach Säckingen gehn, jedenfalls eine Art Druck tut gut, wenn R. nicht von selber darauf kommt euch zu versorgen. Es geht schliesslich alles , auch jetzt. Hier müsstest du wohl auf jeden Fall mit, schon wegen Helene. Und die Kälte gäbe einen guten Vorwand für dich gegen das Werk. Du kannst dann auch mal wieder nach Leipzig fahren, wenn das nötig ist; ich habe ja keine rechte Vorstellung. Überhaupt habe ich keine. Nur so ein allgemeines und auch spezielles “ut aliquid fiat”. Ich wäre, bis Ihr hier wäret, schon in Berlin.

Nun aber ein neuer Novembersturm, dessen Heraufziehn ich ja schon seit dem zweiten Würzburger Aufenthalt gespürt habe. Lies die beiliegende Briefabschrift, ich schreibe Seifert wahrscheinlich heute nur, dass ich dich, Hans und Rudi von seinem Brief in Kenntnis gesetzt habe und von Euch Rat erwarte. – Ich halte ja selbstverständlich auf dieser Grundlage den Moriah = Verlag für unmöglich. Entweder Weismantel will ihn. Dann muss er mich wollen. Und muss die Imponderabilien meiner Person (Subskriptionsidee! Denkschrift! die Straussiade! Cohen! überhaupt meine ganze Managerschaft bei euren Sachen, und alles was er in Zukunft noch von mir als Autor und Organisator erwarten kann) in seine Rechnung einstellen und darf mich nicht behandeln (denn Seifert hat den Brief nicht ohne Weismantels Zustimmung geschrieben!), wie ein Geschäftsverleger (mit Recht) einen – Kommerzienratssohn behandeln darf, der ihm ein ganz begabtes Manuskript bringt, das er allenfalls – warum nicht? – risikolos zu drucken sich nicht weigert; seine Beziehungen mit dem jungen Mann sind eben damit abgeschlossen, – risikolos.

Schreib mir, ob du es nicht genau so ansiehst. Ich hätte natürlich in diesem Fall nicht den mindesten Grund, grade bei Weismantel zu verlegen, denn der Moriah = Verlag ohne meine volle Aktivität ist ein totgeborenes Kind und ich werde mich hüten, dem mein Buch in den Sarg mitzugeben. Ich muss aber diese Sache bald zur Klärung bringen, denn ich habe keine Lust mich weiter noch so für eine Sache aufzuregen und interessieren und zu exponieren (Strauss!!), die wie ich nun sehe, von ihrem Träger gar nicht als meine Sache angesehn wird. – Du kannst wenn du lieber willst auch direkt an Weismantel schreiben. Es ist ja übrigens sehr unwahrscheinlich, dass der * schlechter gehen sollte als Hansens beide und sogar als dein Buch. Geschehen muss natürlich für alle was. Ohne Reklame ist selbst “Kreuz und Krieg” spurlos verpufft. – Ich schreibe dir ja wohl heut Nachmittag nochmal, schaffe jetzt also lieber den Brief fort.

Hans schreibt zur Denkschrift, an der er ein paar gute Korrekturen angebracht hat: “Vortrefflich! Gleich drucken lassen!” Else fürchtet, “die Sache ist zu gut für den Herrn Seifert” und mit Bezug auf seine Ängstlichkeit wegen der Beckerschen Zeichnungen:” Hoffentlich läuft dir nicht auch ein “Dekorateur” den Rang ab.”

Bis nachher.

Dein Franz.

[Ende Oktober ? 1919]

Lieber Eugen, ich schreibe dir in der Bibliothek – ich bin zum ersten Mal seit vielen Wochen in einer. Also: inzwischen habe ich mir überlegt: Der Moriah = Verlag ist nicht so eilig. Sowieso nicht. Nun ist mein Vorschlag: ich versuche jetzt in Berlin, Cohens Aufsätze zu kriegen; das wird wahrscheinlich leicht gehen. Dagegen wirds ohnehin länger dauern, bis der sehr akrib langsame Philologe Bruno Strauss fertig mit der Bearbeitung ist. Auch Ed.Straussens Broschüre ist noch nicht da. Sowie die da ist, erscheint sie. Die 2-3 Bogen tuen Weismantel ja nicht weh. Dann gleichzeitig die Subskriptionsreklame, die der Straussschen Broschüre schon beiliegen muss. Ist ebenfalls, wenn der Einladungstext der gleiche ist wie beim Patmos = Verlag keine grosse Ausgabe, da die Probeseiten ja im Satz stehen bleiben können. Und gleichzeitig beginnt der Druck des Sterns. Nach zwei Monaten, also etwa Anfang März ist er fertig. Inzwischen ist die Subskription gelaufen. Und nun bleibt es Weismantel überlassen, ob er auf Grund des Ergebnisses der Subskription dann lieber das Buch so nehmen will wie eure Bücher, also mit ganzem Risiko seinerseits und Abgabe von 15% des Nettopreises an den Autor (meinethalben in diesem Fall auch erst vom 500. Exemplar an die 15%) oder ob er lieber will, dass – genau umgekehrt: – ich die ganzen unmittelbaren Kosten, also Papier, Druck und die nachweisbar für dieses Buch entstandenen Unkosten wie Porto u. dergl. (aber nicht die “allgemeinen Geschäftsspesen”) ganz allein trage, dafür aber auch den ganzen Gewinn kriege – abzüglich 15% des Nettopreises an den Verlag. Ich finde, auf diese Weise kann Weismantel wirklich bezüglich des Sterns “ruhig schlafen”.

Ich habe diesen Modus mit niemandem besprochen, glaube aber auf jeden Fall, dass er Weismantel den Moriah = Verlag ermöglicht. Natürlich darfs keine Kostenberechnung à la “64500 M” sein, sondern eine reelle auf Grund der Tarife. Bei Cohens Buch rechnet er selber nicht mit einem Reinfall. Mit dem Druck von dem könnte sowieso noch nicht im Januar begonne werden, weil Br.Strauss bis dahin sicher noch nicht fertig ist.

Ich will nicht länger oben sitzen. Also Schluss. Eventuell kannst du diesen Vorschlag ja Weismantel weitergeben. Er setzt natürlich voraus, dass die Grundstruktur der Verlage die ursprüngliche bleibt, ohne “Consortium”.

Dein Franz.

31.X.19.

Geliebtes,  das geht nicht, dass ich mich “schone”.  Gewiss, ich weiss, ich brauche einen “Gartenhag”. Aber ich kann ihn nicht selbst um mich ziehn. Denn da würde ich ihn auch selbst wieder einreissen. Den Hag musst schon du um mich ziehen und ein andrer, – und nicht mit Vorhälten, das ist unerträglich, sondern allein und einzig mit Liebe. Ich werde Rudi mittags anrufen und wenn er nicht kommt, morgen hinüberfahren, es muss sein. Heute kann ich nicht, weil ich nur wenn ich hier bin Mutter dazu bringe, dass sie an der Familienassemblée heute Abend zu O.Adolfs 50.Geburtstag teilnimmt. ( Es ist ja überhaupt trotz allem gut für sie, dass ich hier bin; ich kann ihr manchmal ihren Willen ersetzen). – Die Briefe die hier sind, habe ich alle in der Rocktasche; sie könnte sie höchstens lesen während ich im Bad bin, des Morgens; diesen Verdacht hatte ich auch schon. Aber ihre Kombinationskraft ist toll. Übrigens haben wir neulich, Rudi und ich, unsinnig viel von diesem Problem “Tante Deles Wissen oder Nichtwissen” gesprochen, weil es eben eine gemeinsame Platform war. Was hats denn in Wirklichkeit viel zu sagen!

Eben kam Göttingen schon (ich hatte es heute Morgen bestellt), Rudi war im Institut; ich habe ihn durch Helene gebeten, Mittags zu kommen. Es hilft gar nichts. Ich merkte übrigens an Helene, dass Rudi inzwischen durch dich nun doch schon weiss wie es mir das letzte Mal mit ihm ging; das ist ja beinahe schade, nun ist der arme Kerl sicher verlegen und er kann doch wirklich nichts dafür. Nein um Himmelswillen nicht schonen, nicht “negativ schonen”. Nur “positiv” schonen, zu deutsch: –

Liebes Gritli, geht es denn so in der Kälte? es muss doch was geschehn. Werd doch wieder gesund, bitte bitte.

Weismantels Antwortkarte auf meinen Brief vervollständigt das Bild, mehr durch den Ton als durch den Inhalt. Da muss etwas geschehn, wenn überhaupt was draus werden soll. Eugens Aufsatz ist schon gestern nach Würzburg weiter gegangen.

Und nun liebe mich in diesen Tagen, wo Rudi wieder hier ist, – und in allen Tagen.

Bei Tag und bei Nacht –  Dein.

Weisst du wohl, weshalb ich nach Tisch bei Prager die Mahnung an den 12.IX. bekam? wohl wegen der Blasphemie mit der mein Brief, den ich grad fortgebracht hatte, schloss. Ich sollte wohl daran denken, dass er selbst das kann, was ich ihm abgesprochen hatte. Und dass ich auch darum täglich bitten muss, dass es mir bleibe, nicht bloss denken. O leb und liebe.

31.X.19.

Geliebte, Rudi ist hier und siehst du (nicht: “siehe”): es ist sehr gut. Wirklich sehr gut. Leg dir die beiden Hälften des Bogens zusammen, sie passen. Als ich kam, denn ich war nach Tisch zu Prager um mit ihm zu lernen und er zeigte mir ein wunderbares Stück Kommentar von Nachmanides zu dem Abschnitt vom Sündenbock, vom Bösen im Haushalte Gottes und dass auch der Bock der in die Wüste geschickt wird, Gott geopfert wird, denn vor Ihn wird er zuerst gestellt wie der andre, – also als ich heimkam, sass Rudi schon da und hatte den 2.Satz von op.109 angefangen; den hörten wir erst still zusammen und dann erzählte ich ihm das Geheimnis dieses Satzes. Und nun lieben wir dich und sind, ja: sind

Dein.

[Rudi an Gritli]                                                                    Cassel abends 31.10.[19]

Liebes Gritli,

Franz sagt ich soll schreiben, dass mein Brief von gestern gegestandlos geworden sei oder sei. Ich bin noch zu verkrampften Herzens, um es von mir selbst aus sagen zu können, kann mich noch nicht wieder losbinden. Ich habe auch Angst, das Herz könnte sich rächen für seine Fesseln, ich hätte dann keine Kraft mehr, – aber ich kann noch nicht wieder recht.

Verzeih meinen Kleinmut

Dein Rudi

November 1919

[Oktober/November ? 1919]

Lieber Eugen, also doch in Stuttgart! Dass W. nun eventuell auf die Denkschriftganz verzichten will, ist jedenfalls besser als wenn seine erschiene. Dass deine Strauss sehr gefiel, schrieb ich dir schon. Mutter gefiel sie auch sehr. Weismantels “viel zu knapp” ist ja dumm. Neben dem kurzen lesbaren und eindringlichen Text von dir bleibt eben noch reichlich Raum für die Buchanzeigen, und die Leute bleiben mit Weismantels unausgeorenen Religions= und Geschichtsphilosophischen Lehrgedichten verschont. Jedenfalls ich erkläre mich ausserstande, in diesem Stil über das Judentum zu schreiben. Vielleicht kann man das, wenn man als “Katholik” über den Heiden und als eigentlich = Heide über den Christen schreibt, wie Weismantel. Die Denkschrift muss sauber sein – aut non sit. Ich habe meine preisgegeben, die doch hoch über der Weismantelschen stand, nun soll er seine auch preisgeben.

“Für ihn selbst” habe ich doch im Stern ausführlich genug über das Judentum geschrieben. Ich mag dasselbe nicht nochmal im abendroten Lämmerwölkchen = Stil schreiben. Basta.

Von Seifert hatte ich eben eine wirklich klare Kostenberechnung für meine Verhandlung mit Gotthelfts. Es wird wohl darauf herauskommen, dass der Verlag das Papier zur Verfügung stellt, denn Gotthelfts behaupten zu diesem Preis kein so gutes zu haben. Das hatte Weismantel mir übrigens schon in Würzburg gesagt, sie könnten das. Seiferts Angabe des Papierpreises (von heute) stimmt mit dem Preis, der aus der an dich geschickten Aufstellung über die Kosten der Patmosbücher hervorging. Woraus du übrigens aber auch siehst, mit welchem granum salis diese Berechnung zu lesen ist. Denn gekauft hat der Verlag das Papier ja im Sommer zu einem erheblich niedrigeren Preis. Diese Kostenberechnungsart ist aber wohl die übliche. Immerhin ein Grund mehr, das Mitleid mit diesen notleidenden Librariern etwas zu dämpfen.

Dein Franz.

[November ? 1919]

Lieber Eugen, Rudi und Hans sind auch gegen die “Hochzeit” (weil man dabei gar nicht an das Kind denkt). Sondern:

Die Revolution

vom Krieg zum Frieden

oder (besser)    Die Geburt

aus Krieg und Revolution

oder (noch besser)        Der Erstling

aus Krieg und Revolution

[Oktober/November ? 1919]

Du liebes Herz,  es ist mir immer noch so wie leer zu Mute; mein Herz ist in dem Brief von vorgestern zu dir gefahren und ich muss warten bis du es mir zurückschickst. So geht es mir eigentlich genau wie Rudi, der dir in diesen Tagen kaum schreiben kann, zwar nicht weil ich Antwort von dir brauchte; die braucht ja nun auch er nicht mehr, denn er weiss sie ja nun schon im voraus. Sondern wirklich nur, weil ich mich erst aus deiner Hand zurückbekommen muss. Du Liebe Liebe, ich warte auf dies Geschenk von dir, so ganz gewiss, so ohne Neugier und Unruhe wie ein Kind vor – nein nicht wie ein Kind vor dem Geburtstag, wenigstens ich war immer sehr neugierig. Sondern eben nur so wie ich immer auf die Geschenke deines Herzens warte, du grosse Schenkerin.

Ein Wort aus deinem Brief, den ich gestern bekam geht mir nach. Du schreibst so, als ob mir Heiraten je von dir Gehen bedeuten dürfte. Denk das nicht. Sowenig wie “ins Kloster Gehn”. So wie ich “ins Kloster” nur ein Herz tragen könnte, das voll ist von deiner Liebe und Gott schon mit mir vorlieb nehmen müsste wie ich bin und es auch, das weiss ich, täte und das Opfer das er verlangen könnte nur Opfer der Hände und Lippen wäre, nicht Opfer des Herzens, ganz genau so ists auch in der Ehe. Der Baum deiner Liebe, den du in meinem Herzen gepflanzt hast, den könnte ich nicht ausreissen und die Frau, die mich einmal lieben wird, muss schon den Mut haben, mein ganzes Herz zu tragen, kein zerstörtes und zerrissenes. Das Opfer der Hände und Lippen, der Hände die deine halten, der Lippen die zu dir sprechen, – das mag und darf sie fordern, wenn sie muss und – kann, aber das Opfer des Herzens selber kann und wird sie nicht fordern. Denn sie liebt doch mich. Und ich bin mein Herz. Sieh, es ist bei dir. Und so bin ich

Dein.

[Oktober/November ? 1919]

Gute Nacht, Liebe.  Ich bin so wie ausgeschüttet nach dem was ich dir heut Morgen geschrieben habe, so als ob hier gar nichts mehr wäre als eine Menschenschale und alles was drin war ist vor deine Füsse gelegt. Liebste, siehst du was so zuckt, das dunkelrote? O heb es auf und halte es warm in deiner Hand und leg es an dein Herz, dass es von der Wärme und dem verwandten Schlag lebendig bliebe. Denn sieh, es lebt von deinem Leben.

Schlaf gut, geliebtes Leben.

Dein.

1.XI.19.

Liebes Gritli, nur dass du Montag früh ein Wort hast. (Mutter will mit uns ausgehn). Wir sind alle müde und verkatert von der ungeheuren Schlemmerei gestern Abend bei Adolfs. – Es geht diesmal wirklich ganz gut mit Rudi; man kann es eben nie im voraus wissen, und Davonlaufen ist immer Unsinn. Nur nachts hatte ich wieder eine längere Attacke. Siehst du, ich spreche schon davon wie von einer Krankheit. Es ist auch eine. Und du liebst mich doch auch, wenn ich krank bin. Nichtwahr? Sei gut und froh. Ich küsse deine lieben Haare.   Liebe –

Dein Franz.

2.11.19.

Du Heissgeliebte, du Seele,

Rudi ist in der Kirche, wir wachten heut Morgen auf wie zwei junge Eheleute, etwas schämig vor einander. So war die Nacht gewesen. Ich habe dir da an Rudi wiedergegeben was mir Eugen in jener ersten Nacht in Säckingen aus der Kraft deiner Liebe gegeben hatte. Weisst du noch wie ich am ersten Morgen damals am Waldrand zu deinen Füssen sass und klagte, ich könnte es doch nicht? Ich wusste ja nicht was ich können sollte. Diese Nacht sollte ich können; und die habe ich gekonnt. Nun spüre ich den Strom der Liebeskraft durch unsre vier Herzen kreisen und nun muss er auch das fünfte hineinreissen. Er muss , er muss, ich fühle es so gewiss.

Wie ich grade das schreibe, kommt Rudi aus der Kirche zurück und fragt, ob er wohl, wenn heute dein Brief, auf den er so sehr wartet, kommt, ihn sich von Helene am Telefon vorzulesen lassen kann. Da musste ich doch sagen, er soll es sogar wagen.

Ich bin so glücklich, Geliebte, in diesem Gleichtakt der Herzen, du bist ganz bei mir, es ist keine Ferne. Nun werd gesund, richtig gesund – und grüss “Karoline”, sie muss doch nun da sein?

Ich kann dir jetzt nicht mehr schreiben, wohl heut Nachmittag nocheinmal. Auch sollst du den halben Bogen zum Antworten behalten. Du Liebe, liebe   –  ich bin dein.

2.XI.19.

Liebes Gritli, Rudi geht es so schlecht; es ist noch gut, dass er hier ist, sodass ich ihm erklären konnte, woher du ihm nach deinem letzten Brief ein paar Tage nicht geschrieben hast; aber selbst so noch barmt er nach einem Wort von dir; hoffentlich kommt es trotz Bahnsperre wenigstens morgen. Ich verstehe ja, wie es kommt; ich bin ja selber schuld daran, dass du glauben musstest, in diesen Tagen deine ganze Kraft auf mich Scheusal werfen zu müssen, aber nun werde ich durch den Anblick seiner Zerschlagenheit gründlich gestraft. Er weiss natürlich ganz genau wie es kommt (aber denk, wenn (wenn! man soll nicht wenn sagen) also trotzdem denk wenn er in Göttingen wäre!) und selbst so schon, obwohl er weiss und in gar keiner Unruhe zu sein braucht, fehlt es ihm, dass er sieht. Sehen ist ja soviel mehr als Wissen. Ich bin in der lächerlichen Lage, dass ich wirklich meine Briefe von dir, die ich mit mir trage, in Gedanken durchgegangen bin, ob nicht vielleicht irgendwo ein Wort für ihn stünde, das ich ihm nun schenken könnte, aber natürlich finde ich keines, du hast ja fürchten müssen, mich damit zu verletzen. Ich bin heut gar nicht verletzbar, ich möchte nur ihm helfen. Mit irgend einem dummen kleinen Wort. Dabei ists ja so sicher – und selbst er muss es ja wissen, – dass morgen oder übermorgen die Worte kommen, nach denen seine Seele schreit, aber heute? wo bleiben sie heute? Es ist trotz allem, und obwohl auch dieser Teufel Gott dient (wie wirs ja nun wirklich diese Nacht erfahren haben), aber trotzdem es ist etwas Diabolisches um die Entfernung. Und nun soll sie immer grösser werden. Bis Mitte des  Monats nur Güterzüge! Wir werden uns alle sehr warm halten müssen, es ist fast wie im Kriege.

Und du? wie wirds nun mit der physischen Wärme? das Öfchen, von dem du sprachst? Ist Mutters Packet angekommen? Liebe –

Was sagst du zu Weismantels Dummschlauheit gegen mich? Erst hiess es: “Bringen Sie mir den Stern tot oder lebendig!” Wenn kein kleines Wunder geschieht, so lande ich nun doch im Jüdischen Verlag. Und gegen Strauss bin ich der Blamierte. Aber in einen solchen Verlag, wie den, den sich Weismantel und Seifert unter dem Moriahverlag vorstellen, dürfte ich ihn wahrhaftig nicht von seinem Freund Kaufmann fortlocken.   Mutter, die offenbar doch ganz ahnungslos ist, hat gestern Rudi furchtbar über mich geklagt, so dass sie nun endlich einmal wieder geschmolzen ist und wieder ein offeneres Herz für uns hat; sie war scheusslich gewesen diese ganzen Tage.

Komm bald, zu jedem der nach dir ruft.

Liebe  –  Dein.

3.XI.19.

Ach du geliebtes Herz, heut früh dein Brief, es war wie eine Heimkehr der Lebensgeister. Nicht als ob irgend ein Wort nötig gewesen wäre. Nein einfach – nur als schlügst du die Augen auf und sähest mich an. Geliebte, wann werde ich das geliebte Blau wiedersehn? Es ist gar keine quälende Sehnsucht in mir, nur eine stille unendliche Freude auf diesen Augenblick. O wäre er da. Und doch ists auch schön, sich zu freuen.

Wenn doch nun nur Rudi jetzt in Göttingen etwas von dir vorfindet. Es waren grosse Tage für uns hier zusammen. Siehst du, grade gross weil wir sie gefürchtet hatten. Aber dies Schweigen ging an die Grenze seiner Kraft. Du musst ihm nun viel schreiben, auf die Gefahr hin, dass ich dabei wieder etwas schlechter wegkomme. Wie mag es überhaupt jetzt werden, wenn die Briefe nur noch mit Güterzügen gehen? Ich erwarte heute Antwort von München, ob vor dem 10. Korrekturen kommen. Sonst bleib ich nämlich bis zum 15. hier im Warmen. Ich schreibe dir übrigens aus dem Bett und unter Bauchgrimmen; ich bin wieder auf der Bandwurmjagd, scheinbar wieder vergeblich; vielleicht habe ich gar keinen mehr. Etwas müde bin ich heute von diesen Nächten und auch von der Kur. Gestern Abend habe ich Mutter und Rudi den Nathan gelesen. Es war mir merkwürdig, mit wie ganz andern Gedanken als in Säckingen. Dabei ist die Verliebtheit eigentlich noch genau so lebendig wie damals; nur der tolle Gedanke, es dürfte vielleicht sein, ist weg, und der hatte mich ja da lesen lehren.

Heut Vormittag habe ich Rudi schreiben müssen, ehe ich dir schrieb. Weisst du eigentlich, wie ich dich liebe? wie sehr? Kannst du es wissen? aber brauchst du es denn zu wissen? Giebt es ein andres Wissen als dass du wieder mich liebst? O liebe mich.

Du  –  dein.

3.XI.19.

Liebstes, meines, den Nachmittag habe ich richtig verschlafen, so müde war ich von dem mehr oder weniger im “Badezimmer” verbrachten Vormittag. Dabei wieder kein Erfolg. “Wohingegen” es bei Helene nun loszugehen scheint.

Mir ist sonderbar, dass ich nun diese ganzen Wochen noch hier zubringen soll. So angenehm die Wärme und das gute Futter, so unangenehm ist ja auf die Dauer das uneigne Leben, das ich hier führe, dies Leben unter Aufsicht und ohne rechten Inhalt. An sich verzieht sich ja nun der Druck des Hegel sicher bis Ende Januar. Ich will aber sehen, dass ich in dem Monat bis Weihnachten in Berlin die zweite Hälfte schon im Manuskript schon soweit fördere, dass ich die Korrekturen eventuell auch anderswo lesen kann. Voraussetzung freilich, dass ich Oldenbourg daran interessiere, schnell zu drucken. Dazu möchte ich ihn auf das Hellersche Buch hinweisen. Dann wird er sich eilen. Wie heisst es? ist es auch ein “umfangreiches Werk”? und hat er schon einen Verleger? wird es “demnächst” erscheinen? Ich begreife ja von mir aus nicht, was an all diesen Sachen so diskret ist, meine Diskretion geht auf ganz andre Dinge und ich hätte gar nichts dagegen, wenn Heller mich gleichzeitig in derselben Weise als Butzemann benutzte (hätte übrigens überhaupt nichts dagegen, wenn er mich benutzen will; ich ihn ja bloss deshalb nicht weil mich mein Buch nicht mehr interessiert.)

Was werde ich nun diese 3 Wochen hier tun? Jonas kommt heut abend wieder. Ich werde wohl viel pragern. Aber vom Lernen allein (- ich meine Lernen nicht im jüdischen Sinne, wo es mit Lehren sozusagen ein Begriff ist) also vom Lernen allein kann ich nicht mehr leben. Ich muss lehren und Geldverdienen. Dies letzte gehört auch dazu. Sonst glaube ich selber nicht daran. Es braucht gar nicht viel zu sein. Es muss nur Geld überhaupt sein.

Wie ist dir denn bei der Bahnsperre? Ich spüre so sehr, was wir alles Stefenson [Falschschreibung von Stephenson] zu verdanken hatten. Nun ist er 14 Tage lang nicht da. Gebs Gott, dass wir alle einander in dieser Zeit nicht leibhaftig brauchen. Eine Briefpause giebts ja nun durch diesen plötzlichen Übergang von der Schnellzugs= zur Güterzugsbeförderung auf jeden Fall. Aber Liebe, ich glaube wir denken aneinander. So ein bischen. Liebste, ich halte dich fest in den Armen; ich lasse dich nicht heraus. Spürst dus, wie sie dich umschliessen? und wie mein Herz selig selig deinem zu sich drängt, bis beide im gleichen Schlag schlagen, o du Geliebteste, du liebe Frau: du mein, ja in Schmerzen mein gewordenes Gritli  –

dein dein  –  Dein.

4.XI.19.

Lieber Eugen,  du schüttest das Kind mit dem Bade aus. Seifert muss bleiben. Die Vertrauenswürdigkeit des Verlags beruht darauf, dass dieser ältere und geschäftskundige Mensch dabei ist. Zu Weismantel allein hätte ich damals in Würzburg nicht das Vertrauen gefasst, dass die Sache gehen würde. Weismantel plus Seifert. Aber auch Weismantel muss seine, wie dus nennst “grossspurige”, Stellung den Autoren gegenüber behalten. Kollegienregiment taugt nie etwas. Er muss entscheiden. Die Autoren dürfen nur beraten (schon ein grosser Unterschied gegenüber den alten Verlagen: Autorenparlamentarismus, aber doch monarchische Spitze; Seifert gewissermassen die Bürokratie. Diese Faktoren sind alle drei nötig. Du Bolschewist willst aus dem Parlament der Autoren eine Räteregierung machen und deshalb den Monarchen entsetzen, den Minister zum Teufel jagen. Das geht nicht. Das System, wie es schon sich hergestellt hatte, kann tadellos funktionieren,wenn ja wenn der Monarch nicht den Kopf verliert und sich nicht sowohl über das technische Gutachten des Ministers wie über das geistige des Parlaments sich die letzte Entscheidung vorbehält. Jetzt hatte Weismantel den Kopf verloren, er sah nicht mehr das Ganze. Er liess sich, im Falle Becker, vom Minister beraten, statt (mindestens auch) vom Parlament. Und in meinem Fall ähnlich. Die Stellung die ich im Moriahverlag haben muss kann ich nicht ausfüllen ohne Seiferts allgemeine Branchekenntnis. Ich verstehe die Unterschiede von Kommandit= und andern Verträgen nicht. Ich weiss nur: dass es unmöglich ist, einen Verlag ohne Verleger zu machen. Aus so etwas würde ich meine Finger sofort herausziehen. Weismantel hatte den absolut richtigen Gedanken, dass der Geldgeber keinen Einfluss haben darf; das ist nur so möglich, dass er dafür den ganzen Gewinn kriegt und der Verleger bloss ein festes Gehalt. Wenn das sich juristisch am besten als Kommanditvertrag konstruieren lässt, dann ist es so am besten. Ich weiss ja leider immer noch nicht, was nun eigentlich mit Pichts Volksh.sch.b. los war, obwohl es mich, da sie doch in den Neubau Verlagen nicht im Patmos = Verlag, erscheint, ebenfalls angeht. Aber im übrigen ist die Patmossache bisher reibungslos und gut verlaufen (mit Ausnahme der Becker = Affäre). Und die Moriahsache kann genau so gut laufen. Mein Vorschlag, eventuell mit mir als Autor einen rein geschäftsmässigen Vertrag zu schliessen, dann aber gleichzeitig mir als Gutachter u.s.w. Gehalt zu geben, ist ganz ernsthaft gemeint. Obwohl ich die ursprüngliche Form 1.)für schöner (und 2.)für Brunfleck finanziell vorteilhafter) halte. Hans, der zu merken anfängt worum es sich handelt – du hast ihm geschrieben – macht allerlei komische Kompromissvorschläge. Also nocheinmal: einen verkappten Selbstverlag mache ich nicht mit. Seifert muss bleiben und Weismantel muss Verleger bleiben.

Noch etwas andres: Hans möchte scheinbar den Moriahverlag finanziell von den beiden andern trennen. Das wird nur unter sehr durchdachten Kautelen gehn. Sonst ist da eine Quelle ständiger Reibungen. Denn ein Büro kann nicht zwei Herren dienen, ohne dass die beiden Herren aufeinander misstrauisch werden. Solange Brunfleck trätabel bleibt, solange lässt man besser keinen andern Geldgeber hinein. Denk einmal wie schwer allein die Reklame auseinanderzurechnen sein würde.

Nun weiter: die Reklame. Hic et ubique ist keine Reklame im gewöhnlichen Sinn. Verlass dich drauf: “expressionistisch”, d.h. reklamehaft kann ich genau so gut schreiben wie Weismantel. Zu deutsch: Ich will euch gern ein Reklamegeschrei von 1-2 Seiten verfassen. Aber das hilft gar nichts. Darüber liest man heute hinweg. Oder vielmehr: das liest heute kein Mensch. Und grade die Menschen nicht, auf die es hier ankommt. Denn das Publikum, auf das die N.Verlage spekulieren, sind nicht die 20jährigen. Unter den sämtlichen Büchern, mit denen wir hervortreten, ist keins, das auf die Eindruck macht. Das mag dich kränken. Es ist aber so. Wir schreiben malgré tout und malgré nous alle für Vorkriegsmenschen. Expressionismus für Vorexpressionisten. Die Pfarrer bzw. Vikare, Zeitungsschreiber, Extraordinarien, Lehramtsassessoren – kurzum die 35jährigen, d.h. die bei Kriegsausbruch beinahe 30 jährigen, die alle durch das Vorgefühl des Kriegs in einer künstlich verlängerten Jugendlichkeit gehalten waren, kurzum die Menschen, die sind wie wir, – das ist unser Publikum. Für die muss man schreiben, wie ich in Hic et ubique, scharf, blitzend, aber nicht schreiend. Ich habe ja grade in dieser Beziehung Erfahrung -: “Zeit ists”!

Weismantel schickt übrigens heut schon eine Karte aus Würzburg, er will es nicht gewesen sein:

L.H.R., eben komm ich aus Essen zurück. Von Rosenstock erfahre ich, dass Herr Seifert Ihnen Verträge vorgelegt hat, die Unmöglichkeiten sind. Ich werde morgen die an Sie abgegangenen Korrespondenzen überprüfen und mitteilen, inwieweit ich dafür verantwortlich bin. Entgegen Ihrer Annahme hat Herr Seifert in keiner Sache von mir Formuliertes erhalten, ich ersuche Sie also abzuwarten. M. besten Grüssen Ihr sehr erg. L.W.

“nichts Formuliertes”! diese Aussage ist so “formuliert”, dass er sie im Beichtstuhl verantworten könnte.

Ich schreibe dir heut Nachmittag noch weiter; dieser Brief muss erst zur Post, um noch den letzten Schnellzug mitzubenutzen.

Grüss Gritli,

Dein Franz.

Ich habe gestern auf alle Fälle mal einen Fühler an Bruno Strauss wegen der Cohenschen Aufsätze losgelassen, noch ohne vom Verlag zu sprechen, bloss als ob ich ev. auf die Herausgabe Absichten hätte.

4.11.19.

Lieber Eugen, also Fortsetzung: die “Arbeitsgemeinschaft” ist ein bischen wenig, aber das schadet wirklich nichts denn das ganze Buch ist ja nur ein Aufsatzbuch, also schliesslich doch nur eine Sammlung von mehr oder weniger ausgewachsenen Aphorismen. Es ist der Buchschluss einer Epoche. Und die “Arbeitsgemeinschaft” ist wieder der Buchschluss dieses Buchschlusses. Deine Stellung bei Riebensahm ist auch “ein bischen wenig”. Warum soll da der Aufsatz anders sein? Mit all dem hängts ja auch zusammen, dass ich dem Buch keinen grossen Erfolg weissage. Z.B. die Spenglerkritk wird im Hochland ein Schlag gewesen sein; in dem Buch wird sie was Resonanzloses haben. Ich glaube nicht, dass ich mich täusche. Es wäre auch gar nicht gut, wenn ich mich täuschte. denn dann wäre es deine Bestimmung, dich in solchen Aufsätzen auszugeben. Und das glaube ich nicht.

Als Redaktör habe ich dich nie gesehn bei der Daimler = Werkztg. Du weisst doch, dass ich den Tag wo du zu dem Arbeiter mit dem Schöpfungsaufsatz herausfuhrst, als den eigentlichen Beginn deiner Stuttgarter Tätigkeit angesehn habe. Andrerseits aber ist die Redaktion, die volle, ohne Muff, die notwendige Grundlage deiner Stellung. Nur wenn du “Redaktör bist”, nur dann brauchst du dich nicht mehr um die Zeitung zu sorgen. Jetzt bist du grade deshalb viel zu sehr auf die Zeitung gerichtet, weil du sie nicht selber beherrschst. So wollte ich also grade, du verdrängtest Muff. Es ist so: du selbst verglichst vorher deine Stellung im Werk mit der des Pfarrers auf dem Gut. Die besteht auch nicht in der sonntäglichen Predigt. Aber ein blosser Vikar, der etwa nur jeden 3ten Sonntagpredigt, könnte diese Stellung nicht haben; sondern grade der würde wesentlich Prediger sein. Während der Pfarrer grade dadurch nicht Prediger ist, weil er jeden Sonntag predigt. Du bist vorläufig noch ein blosser Vikar und bei der Herrschgaft gut empfohlen. Das ist das Falsche an deiner Stellung. Erklärlich durch die Art deines Hinkommens. Aber für die Dauer nicht möglich. Die Ehe mit Riebensahm war die Frucht des Todes. Aber sie ist in der jetzigen Form ebenso ungenügend wie – jener unglückliche Aufsatz auch. Jener Aufsatz war nur ein Embryo deiner künftigen Bücher. Und du machtest dich vor allen Leuten lächerlich, indem du verlangtest, sie sollten im Embryo ein ausgewachsenes Geschöpf erkennen. So ist die Ehe mit Riebensahm nur der Embryo deiner Stellung. Du kannst nicht verlangen, dass man dir glaubt, das wäre nun alles. Dass es ohne “Embryo” nicht geht, wissen “wir” wohl. Aber eines Tags kommt die Geburt, die Lungen ziehen und von da ab atmet der Mensch allein, und eines Tags fängt er an zu sprechen und zu laufen und endlich zu zeugen und zu sterben. Vielleicht meinen Embryonen immer, sie wären mit ihren respektiven Müttern verheiratet, – von wegen des “Bein von meinem Bein und Fleisch von meinem Fleisch”. Aber eines Tags wirst du merken, dass Riebensahm nur die Mutter ist und nicht deine Frau. Genug von dem Vergleich, der knapp entschuldigt wird dadurch, dass bei Rudi anrief und uns Maria meldete. Du bleibst ja was du bist. Aber mir gehts wie bei den Schutzengeln: ich werde sacht herausbugsiert. Das scheint mein Schicksal von Rudi. Dabei kann er bei den Schutzengeln ja genau so wenig dafür wie hier. Es wird ein langes Wochenbett. Nachblutung bei Mutter und Kind.

Dein Franz.

4.XI.19.

Liebes Gritli, ich kam heut Vormittag nicht mehr zum Schreiben, der Brief an Eugen musste fort und dann hatte ich mich zu Prager angesagt. Eben rief Rudi an, es war nicht leicht, du wirst es ja schon von ihm selber haben.

Jonas ist hier, seit gestern. Mir ist nicht recht wohl zu Mute. Ich spüre die Grundlosigkeit meines bürgerlichen Daseins hier im Haus, wo ich plötzlich über 14 Tage vor mir sehe. Zugleich meine innere Unfähigkeit etwas zu “arbeiten”; ich habe einfach ganz und gar keine Lust zu arbeiten wie man vor 10 Jahren arbeitete, mich zu interessieren u.s.w. Dafür bin ich nun wohl verdorben. Ich werde wohl Prager in diesen Tagen kräftig frequentieren. Vielleicht auch etwas Sprachen treiben, das ist ja immer das Indifferenteste – wenn man das “Messer des Geistes” selbst nicht führen kann, dann muss man eben die “Scheiden” putzen.

Und im übrigen – ich habe Sehnsucht nach dir, aber es ist nicht schlimm Sehnsucht zu haben, wenn wenigstens alle Tage ein Brief kommt; ich freue mich ganz ruhig auf die Nachmittagspost, da ist er dabei. Und manchmal küss ich dein letztes Siegel, ob wohl noch ein Hauch von dir darauf ist. Und so ist das Leben ganz gut zu ertragen.

Hedi kommt wohl nicht? sonst wäre ja wohl schon ein Telegramm da.

Eine Frage: Lina behauptet steif und fest, du hättest die beiden grünen Lederstücke mitgenommen, – weisst du die, aus denen ich eigetlich eine Tasche für II 2 machen lassen wollte? Ist es wahr? wenn du sie noch so hast, so schick sie mir wieder, ich habe eine – dringende Verwendung dafür.

Ich habe deinen letzten Brief wohl zwanzigmal wieder gelesen und immer weniger könnte ich noch darauf antworten, so ruhig ist mir und so unendlich gewiss bin ich meiner = deiner Liebe. Ich fühle wieder ganz wie ich dich in mir trage. Liebste, du darfst wieder flüstern, ja es genügt wenn du atmest, deine Atemzüge bringen alle Saiten meines Herzens zum Schwingen – ich liebe dich.

Ja, ich liebe dich

Dein Franz.

4.XI.19.

Liebstes, da kam dein Brief, von gestern abgestempelt, aber wohl älter, vom Sonntag oder gar vom Sonnabend. Ich mag den andern nicht mehr aufmachen und muss dir doch gleich nochmal schreiben. Was denn? Gar nichts. Nicht das Mindeste. Nur immer das eine, das meine Feder nun wohl beinahe von selbst schreibt. Dass du mich glücklich machst mit jedem Wort von dir, dass ich dich liebe, ich weiss nicht, es klingt dumm, und doch ist es mir so: als liebte ich dich mehr als ich dich je geliebt habe, als brännte meine Seele auf in einer einzigen Flamme zu dir hin. Spürst du es denn nicht auf deinem Schemelchen am Ofen, ich meine, es müsste dir ein bischen warm werden davon. O du Geliebte, die Flamme schlägt um dich herum und hüllt dich ganz ein wie ein Mantel, sie lässt dich nicht mehr heraus, bleib in ihr, lass dich lieben, du geliebteste Frau, du der ich gehöre, du Meine  —

Dein.

5.XI.19.

Liebes, mein liebes Gritli,

es sind die Tage wo ich vorm Jahr II 2 schrieb. Dies Jahr ist zur Erinnerung daran Bahnsperre und unsre Briefe werden sich verzögern. So war es ja voriges Jahr, da brauchte ich dir kaum zu schreiben, so warst du bei mir, und die Briefe waren mehr eine Zugabe zu jenem einen grossen Brief. Gäbe uns der Himmel doch auch in diesem Jahr die Kraft des Beisammenseins ohne dass wir beisammen sind, dass keins das andre einen Augenblick vermisste. Bist du nun bei mir? jetzt? in diesem Augenblick wo ich dies schreibe? Was wäre unsre Liebe, wenn ich es nicht zu hoffen wagen dürfte. Ja ich wage es, Geliebte, du bist bei mir, jetzt weil du es immer bist; denn nun bist du es auch (nicht bloss in Eugens Armen – da warst du es schon immer) sondern auch wenn du bei Rudi bist; ich glaube das ist mir geworden, jetzt, meine Arme sind so gewachsen, ihr Ring ist so gross, du kannst nicht mehr heraus – wenn du nur selber drin bleiben willst und welches Wenn wäre weniger “wenn” als dies, du Geliebte, du ganz Meine, du mir teuer Erkaufte mit Herzblut und Tränen, o du mein Gritli –

Ich habe Hans auf zwei Briefe wegen Weismantel geantwortet. Es ist eine unerquickliche Sache geworden, und ich habe durchaus kein sicheres Gefühl mehr, wie es ausgehn wird. Ohne einen tragfähigen Boden von Vertrauen ist eine so heikele Sache wie dieser Verlag ist ein Unding. Und Weismantel hat offenbar seine Vertrauenskraft an Hans, Rudi, Eugen und Picht ausgegeben und so meinte er, mich geschäftlich ausnützen zu dürfen. Bei jedem andern Verlag hätte ich dabei gar nichts gefunden. Hier aber ists unmöglich, denn er will ja mehr von mir als einen risikofreien Verlagsartikel. Ich bin jetzt sehr zufrieden, dass ich wenigstens dem Jüdischen Verlag noch nicht abgeschrieben hatte. Unangenehm und beschämend ist meine Situation nur gegenüber Ed. Strauss. Weismantels Schwäche liegt wirklich ganz ausgedrückt in den Falstaffkarten. Er meint auch, das Leben liesse sich “einrichten”. Pichts “Taktfrage”. So Leuten ist es immer gesund, wenn sie erfahren, dass das Leben sich das nicht gefallen lässt, sondern beisst und spuckt. Pichts “Taktfrage” ist sogar besser, denn Picht weiss wenigstens, was er tut, wenn er das Christentum zur Taktfrage macht, und stöhnt darüber, wenn auch nur im Kämmerlein. Weismantel aber ist ganz naiv, schreibt Doubletten und hält es für Briefe, behandelt mich als Kommerzienratssohn und beansprucht mich als Menschen, heiratet seine Frau und hälts für eine Ehe – “hic et ubique”. Hoffentlich wirds trotzdem gelingen, ohne einen “Stellenwechsel” auszukommen.

Bei Stellenwechsel fällt mir ein, das Telegramm gestern, Rudi hatte es gewünscht, die Post nahm nur noch Geschäftstelegramme an, als ichs zuhause erzählte, verbesserte Jonas: Lebensstellung. Schade! Heut Mittag rufen wir wieder in Göttingen an.

Bitte bitte frier nicht. Ich möchte dich warmküssen. Aber du hast ja Eugen. Grüss ihn, er solls besorgen. Und ich bin fern und nah  – Dein.

5.XI.19.

Liebes Gritli, Mutter hat wieder einen ihrer schweren Hexenschüsse, jetzt liegt sie. Sie ist wie ein kleines Kind, so schwierig. Dazu liest sie die Karamasoff. Trudchen übrigens auch. Mutter ist sehr kaptiviert davon, wie er “in den schlechten Menschen das Gute erkennt und in den guten das Schlechte”. Das ist doch eigentlich wirklich alles gesagt.

Der Nachmanides neulich zu 1 M 12 ist übrigens gar nicht so abweichend von “meiner” Erklärung. Er ist eigentlich nur die exoterische Fassung dazu. Das was man, ohne Gefahr missverstanden zu werden, “Greda” sagen könnte. Die Finesse, die du wohl übersehen hast, weil du den technischen Ausdruck nicht merken konntest, lag in dem “aus Verwirrung”. Nachmanides differenziert die beiden Sünden: die eine geschieht “aus Verwirrung”, “aus Wahn”, – “aus Versehn”, “in Unwissenheit” übersetzt es Luther (“per ignorantiam”) 3 M 4, 2ff., 22, 27, 5, 15, 4 M 15, 22ff. vor allem V.26, der am Versöhnungstag als Motto des ganzen Tags vorweggesagt wird. Diese Sünde wird nicht bestraft, obwohl sie ausdrücklich als eine grosse Sünde bezeichnet wird, hier reisst ihn Gott einfach heraus. Hingegen die andre, wo er ein Gebot überschreitet, nämlich das von 12,1 und in ein Land geht, das Gott ihm nicht gezeigt hat, die wird von Nachmanides ausdrücklich als “Schuld” bezeichnet und für sie konstruiert er eine Strafe, ihre Strafe, und nun steht sein ganzer weiterer Kommentar zum Kapitel unter diesem Gedanken, den er nun im einzelnen durchführt: wie das egyptische Exil Strafe ist für jene Auswanderung Abrahams. In der verschiedenen Behandlung der beiden Sünden steckt eigentlich auch alles; überlegs dir mal.

Nun fängt die Poststockung schon an. Rudi sagte mir gestern auch am Telefon, er hätte mir geschrieben, und noch ist nichts da! Und dein letzter Brief ist vom Sonnabend oder Sonntag.

Komm bald  —

Dein Franz.

6.XI.19.

Liebes Gritli, Mutter liegt weiter im Bett und ist recht elend, jede Bewegung tut ihr weh. Ich und Jonas p=flegen. Ich fühle aber grade dabei wie fremd ich ihr bin. Gestern hat sie mir einen Vortrag über – mich und Lotti gehalten. Sie ist wirklich, soweit sie es sein kann, im Bild (sie hat Trudchen überrumpelt, nachher auch einmal mich selbst!). Natürlich weiss sie, wie immer, in Wirklichkeit gar nichts.

Von Rudi hatte ich heut früh zwei Briefe von vorgestern. Gestern ging es weiter gut. Von euch ein Telelgramm von gestern, aber von dir nichts seit dem Brief vom Sonnabend oder Sonntag. Ich merke, ich brauche es immer noch. Das wird auch nicht aufhören. Ich kann dich nur halten wenn du mich hältst. Eine Zeit wie jene

3 Wochen zwischen Leipzig und dem Stern, eine solche Zeit des Schweigens könntest du mir jetzt nicht mehr zumuten. Ich brauche den Kraftstrom deiner Liebe. Ohne ihn wäre ich doch neulich Nachts auch gegen Rudi ohnmächtig gewesen. Lass nicht nach, Geliebte. Der Feuerbrand meines Lebens brennt auf dem Herd deines Herzens. Legst du nicht nach, so erlischt er. Und mein Leben mit ihm. Denn es brennt ganz in diesem Brand. Es hat sich nichts zurückbehalten. Es ist dein. Das ist kein Bild, es ist die einfache nüchterne Wahrheit. Höre sie und wiederhole sie dir stündlich: Hier brennt ein Leben, das von deinem lebt, das dein ist, dein, dein  — dein.

6.XI.19.

Liebes Gritli, “anbei” ein Brief von Weism., an dem ich dich das Datum, Eugen den Inhalt zu bemerken bitte. Ich habe gleich geantwortet und den Frieden ratifiziert. Einen Vertrag für meine Stellung im Moriah-V. kann ich nicht gut entwerfen; ich habe W. geschrieben: meine Rechte beschränkten sich auf das Veto, meine Pflichten bestünden im Zurverfügungstellen meines Kopfs. Er scheint mir übrigens ein bischen böse. Aber das wird sich schon verlieren. Das andre, das Datum !!! – – – – oder ists so schlimm mit der Kälte? ach so schick mir doch nur das Siegel, das genügt ja; nur damit du alle Tage zu mir kommst; was ist denn so ein Tag, ein ganzer Tag, ohne dich? Rudi hat auch nichts von dir, du bist ein böses Gritli. Es geht übrigens in Göttingen gut, heut Mittag habe ich telefoniert. Von Rudis pistiı – Aufsatz bin ich sehr enttäuscht, besonders nach einem Wort, was er mir vorher geschrieben hatte. Der heimgekehrte Akademiker war wirklich gut gewesen, so hatte ich gedacht, nun könnte er sowas. Statt dessen ein ganz ins Leere gestammeltes fülle= und zusammenhangsloses und doch auch nicht etwa monumentales Geschreib. Die paar guten Stellen dadurch wirkungslos, die paar groben Geschmack-losigkeiten entsetzlich störend. Hoffentlich hast dus schon gelesen, ehe du dies liest. Obwohl ich eigentlich sicher bin, das dus ebenso beurteilen wirst. Für die Hoch-schulzeitung genügts ja, fürs Hochland nur allenfalls; trotzdem soll er ajgaph und ejlpiı auch noch schreiben, vielleicht kommt er dabei herein und kann dann retrospektiv auch pistiı neuschreiben. Ich habe ihm heute am Telefon und brieflich alles gesagt.

Was sagst du zu diesem Papier? oder vielmehr, sag lieber nichts – es ist ein Schritt der Verzweiflung, ich fand keine andres Blockpapier, es ist das gleiche wie unser schönes, aber eine böse Farbe. Grüne Tinte würde schön darauf aussehn, aber das wäre lächerlich. Ich – freu mich auf Berlin, da habe ich noch von dem schönen. Und du kommst nun vielleicht doch hierher mit Hedi? Eugen schriebs an Rudi. Wenn ihr vor dem 20. kommt, bin ich ja noch hier. Einen Monat Berlin brauche ich ja sicher, für die zweite Hälfte Hegel. Dass die *korrekturen nicht damit zusammenkommen, ist nun schliesslich gut.

Mit Mutter, das scheint langwierig zu werden. Und es ist wirklich scheusslich, jede Bewegung schmerzt sie furchtbar.

Fast fürcht ich, auch du bist wieder krank, sonst käme doch ein Wort. Liebe, sag mir morgen früh, dass es nicht wahr ist. Sei gesund für mich und alle, die dich lieben. Du Liebe, Liebe –

Dein Franz.

7.XI.19.

Liebes Brot – da bist du wieder, ich bin so froh, ich war vor Vorfreude schon nachts einmal aufgewacht und wäre beinahe an den Schreibtisch gegangen, aber ich hätte dir ja nichts weiter geschrieben als immer nur diese Überschrift, die mich heute so füllt, dass sie mir selbst deinen lieben Namen verdeckt – liebes Brot. Ja, es ist über alle Worte, und schon das Siegel schenkt mir deine ganze Gegenwart, es ist ja immer wie noch warm von deinen Lippen. Du liebe, geliebte Frau, ich kann dir noch kein vernünftiges Wort schreiben, ich bin zu froh, dass nun deine Hand wieder hinüberreicht über den Abgrund der Entfernung und dass du wieder fühlbar nah an meinem Herzen liegst. Ich sitze im Schlafzimmer, unser Baum ist ganz verschneit und ich liebe dich ich liebe dich über alle Gedanken – leb wohl bis ich wieder Worte habe – und alle Worte können dir doch nichts andres sagen als dass ich wortlos, im Schweigen zwischen Herz und Herzen, dein bin –

– Dein

7.XI.19.

Mein Liebstes, nun also das vernünftige Wort. Übrigens, wenn du diese dollen Bogen nicht vertragen kannst, so schreibs; sie sind zwar ganz schlimm nur so auf dem Block, für sich allein ist das Blatt heller. Mutter kriegt glücklicherweise viel Besuch, das kratzt sie ja immer auf, so sind die Alsbergs. Gestern war Trudchen da, ich brachte sie nach Haus, Mutter hat ihr Herz – oder vielmehr mir fiel da ein, bei ihr müsste man eigentlich sagen: den Zettelkasten ihres Herzens vor ihr ausgeschüttet. Es war viel drin, alles, könnte man sagen, wenn nicht doch alles falsch wäre. Immerhin glaubt sie an den Unterschied von “Rotglut” und “Weissglut” wirklich. Rudi und ich wir nannten uns neulich darauf schon Schneeweisschen und Rosenrot. Im Grunde habe ich ja eine tiefe Gleichgültigkeit gegen ihr Wissen oder Unwissen. Nur an Helene möchte ich sie nicht gern heranlassen. – Und Hedi kommt also vielleicht? Aber das “herzige” Telegramm kommt auf meine Rechnung. Es kann mir schon recht sein, dass sie nun nach dem “bösen” von neulich auch mal ein “herziges” von mir zu sehen bekommt. Jüdische Komentare auf deutsch? es giebt natürlich einiges; aber du würdest es doch nicht richtig lesen können. Die eigentlichen Pointen bleiben ja dem blossen Leser, und das ist der Christ wenn er Jüdisches zu lesen sucht, immer unverständlich. Denk mal, wie wenig du neulich von dem Stück gemerkt hast, das ich dir wörtlich übersetzt hatte; der Sinn davon wird doch nur für den klar, dem schon bei dem Wort “in Verwirrung” (auch in Ps.19,13 wo Luther übersetzt “wie oft er fehlet” steht in Wirklichkeit nur dies eine Wort), also dem sofort bei diesem Wort der ganze Versöhnungstag aufsteigt. Und so ist es überall. Gewöhnlich weiss der blosse Leser gar nicht, wieso überhaupt eine Erklärung nötig ist, er versteht gar nicht was für ein Zusammenhang zwischen Schriftstelle und Erklärung besteht. Die Erklärung ist eben nicht einfach Erklärung. Sie ordnet sich dem Wort nicht unter, sondern grade umgekehrt: sie führt das Wort hinein in einen grösseren Zusammenhang, sie überwindet das blosse Wort, sie macht aus dem Leser einen lebendigen Menschen, indem sie ihn an etwas Lebendiges erinnert. Ob man nachher die Bibel besser versteht {eben Rudi: es geht weiter gut}, also, ob man …? schwerlich; ist auch gar nicht nötig. Man soll gar nicht die Bibel verstehn, man soll lebendiger werden. Aber weil dies Leben nun ein jüdisches Leben ist, so ist der Komentar dem christlichen Leser verschlossen. Was du dennoch verstehst, kannst du nur verstehn weil du mein Leben mitlebst. Und so muss du dich auch weiter “damit begnügen, was ich dir wiedererzähle”.

Von Barth habe ich damals den ersten Druchbogen der Broschüre gelesen und war auch hingerissen.

Wir haben uns am gleichen Tag wohl unsre Sehnsucht mit den gleichen Worten geschrieben. Liebste, nun ist Briefschreiben wieder schön, wenns auf kein Wort mehr ankommt weil jeder das Wort des andern weiss und Überschrift und Unterschrift mehr sagen als alles was dazwischen steht – und bei dir gar schon das Siegel. Liebste lass deinen geliebten Mund versiegeln mit einem

Dein.

8.XI.19.

Mein Lieb, es geht weiter gut in G. (ich schreibe das immer, weil ja die Briefe jetzt unregelmässig rasch gehn, so dass meiner mal eher ankommen kann als Rudis eigner). Deine Briefe – du fragst, wie lang sie brauchen? sie würden viel rascher gehn, wenn sie schon Abends in den Kasten kämen; das macht immer eine Verzögerung von einem ganzen Tag. Schrieb ich eigentlich, dass ich neulich in meiner Antwort an Weismantel ihm etwas gegen Eugen beigesprungen bin und ihm geschrieben habe, ich würde eine Entlassung Seiferts für ein Unglück und eine Änderung seiner eignen Stellug zwischen Brunfleck und den Autoren für sehr wenig wünschenswert halten? ich denke, er wird Eugen gegenüber seinen Standpunkt – diplomatisch, aber doch – gewahrt haben. Dass er mir übrigens meinen “Stil” ankreidet; bei Hic et Ubique möchte ich den Inhalt viel weniger vertreten als den Stil. Auf seine Antwort an Eugen bin ich nun wirklich neugierig. Da du sie doch nicht abschreibst, so schickt mir doch einfach das Original, es geht dann über Göttingen zurück (und ev. über Heidelberg). – Die 12000 M sind gut und werden mit Zinsen, Schriftstellerhonoraren und den Einkünften des grossen Sommerkollegs über Geschichte der Staatslehre (für Staatslehre selbst hat er ja glaube ich keine venia) auch “reichen”. Von Beckerath hatte ich einen sehr “ordinären” Brief, gar nicht extra = ordinär. Es wird mir schwer fallen, ihm zu antworten. Er ist wohl nun völlig verdorben. Schade um Doris. Wie hat ihn Eugen gefunden? ich habe in Würzburg ja ganz vergessen, nach ihm zu fragen. Über seinen Brief hatte ich dann heut Vormittag ein scheussliches Rencontre mit Mutter, wo ich mich leider gehen liess statt sie einfach so en canaille zu behandeln wie sie möchte. Für sie ist natürlich Beckerath eben “ein Mensch” und Wasser auf ihre sämtlichen Mühlen; sie hat aus dem Fall Dora Gronau wirklich nichts gelernt. Auch neulich über Straussens ersten Brief hatte sie sich so gefreut und meinem Brief einen sicheren Misserfolg profezeit; sie war sehr verduzt als es anders kam (natürlich leugnet sie das alles heute ab und behauptet das Gegenteil).

Ich flüchte mich aus ihrem – wirklich – Dunst = Kreis alle Tage etwa zwei Mal zu Prager, wir lernen zusammen, es ist sehr schön. Es ist so schwer davon zu erzählen, wenigstens wenn man es tun will. Wenn es mir mal einfällt, so kommt es zu dir. Aber auf dem Hinweg gehe ich ja immer an der Post vorbei und werfe den Brief an dich ein, und so begleitest du mich ein Stück Wegs. Nur ein Stück, Liebste? O nein. Nichtwahr, liebe Seele? du bringst mich bis ganz hin? Und so darf ichs ganz sein  —  :

Dein.

8.XI.19.

Mein liebes Gritli, zufällig nahm ich den vielfachgesiegelten Brief heut früh selbst aus dem Kasten, so kam er gleich in meine Hände. Ich war schon ganz gefasst darauf, dass nun wo soviel aussen drauf war, drinnen gar nichts mehr liegen würde und ganz erstaunt, als trotzdem ein Brieflein drin lag. Und so ein liebes, müdes. Ja Liebste schlaf wenn du müde bist; du bist bei mir, auch wenn du schläfst. Freilich habe ich dir vor ein paar Tagen anders geschrieben, ich weiss es noch wohl, es waren die Tage wo kein Brief von dir kam, es kommt mir vor als wären es viele Tage gewesen, es waren wohl kaum zwei. Sieh, du magst wohl schlafen, aber dann sag mir wenigstens, dass du schläfst – das genügt dann. – Ich hatte Rudi vor ein paar Tagen, als er ein Wort aus deinem ersten Brief wieder an Land schwer nahm, Deinen Zustand und dies Wort (du könntest dich noch kaum freuen) genau so erklärt wie du es jetzt selber beschreibst und mit ähnlichen Gleichnissen. Aber was du mir heut schreibst, von einem Riss der erst noch heilen müsste, liebes Gritli das ist nun nicht mehr wahr, ist schon seit jener Nacht nicht mehr wahr; da klaffte der Riss, aber da konnte ich ihn mit Blut aus meinem Herzen füllen und von seiner Wärme gingen die Ränder der Wunde wieder zusammen. Glaub an ihn und dich wie du an mich glaubst; du hast mich nicht mehr ohne ihn. Inzwischen weisst du ja nun auch wie es am Dienstag in Göttingen ging und wie sehr wir alle am Rand des Abgrunds leben. Wir müssen einer den andern halten, – nicht als ob wir dadurch sicher wären, nicht hineinzustürzen, davor können wir einander nicht bewahren, davor kann uns nur der bewahren, der es am Dienstag in Göttingen verhütet hat, nein – aber dass wir, wenn wir dann stürzen, nur vereint hinabstürzen und auch da keiner zurückbleibt.

Geliebte, im Steigen wie im Stürzen an dich geschlossen mit jeder Faser meines Herzens, – –

Dein.

9.XI.19.

Geliebte, die Revolution hat mich wohl voriges Jahr ganz kalt gelassen? ausser dem was ich so unmittelbar davon sah, muss ich so einfach darüberweggerutscht sein.

Es gewittert. Mutter gewittert. Rudi gewittert. Schreib ihm doch mal richtig. Nimms doch als das was es, ohne dass ers vor sich selber wahrhaben will, eben ist: als einen Anfall von ganz richtiger Eifersucht. Wahrhaftig grundlos, aber es ist doch nun mal. Und vielleicht ist ihm auch etwas zu mute wie mir voriges Jahr nach dem Juni. Da braucht man doppelt gute Worte.

Ich kann dir selber gar nicht recht schreiben, solang ich das Gefühl dieser Wolke habe. Ich merkte heut am Telefon, dass sie noch da ist.

Ich will dir etwas übersetzen, nämlich den Anfang des Vorworts der Talmudauswahl, aus der Prager und ich jetzt lernen, nichts Altes, sondern aus diesem Jahr. Ich las es heute Morgen und es bestätigt so genau das was ich dir vor einigen Tagen über jüdische Komentare und ihr Verhältnis zur Schrift schrieb.

“Auf zweierlei Art ist die Thora Israel zu eigen worden; als Schrift und als Überlieferung. Und herrlicher ist die Kraft der Überlieferung als die Kraft der Schrift, denn wäre die Überlieferung nicht, so wäre auch die Schrift als wäre sie nicht. Die Schrift ist einzig gekommen um der Überlieferung willen, und was nicht überliefert wird, das ist, auch noch wenns geschrieben steht, als stünde es nicht geschrieben. Die geschriebene Thora hat, wo keine Überlieferung zu ihr trat, keinen Zusammenhang mit dem Leben, und ist nichts als Buchstaben die in der Luft flattern. Die Träger der Überlieferung, die Weisen der Geschlechter und Zeiten, die da vorwärtsdrehten das Rad des Volkslebens, sie sind es die lebendigen Odem einbliesen den Buchstaben der Thora und Geist hineinsenkten, auf dass sie bestehen möge durch die Zeiten. Jene Thora die gegeben ward dem Geschlecht das am Sinai stand – ewig ist sie und wandert durch alle Geschlechter in allen Wandlungen der Geschichte. Jegliches Geschlecht haucht ihr seine Seele ein und jede Epoche drückt ihr Siegel ihr auf. Und jene Offenbarungen die sich offenbaren von Geschlecht zu Geschlecht den Forschern, von Geschlecht zu Geschlecht den Weisen, einem jeglichen nach dem Mass seiner Kraft und nach der Fassungsgabe seiner Zeit, und einem jeglichen Weisen nach dem Mass der Überlieferung, die er besitzt, – sie alle, Funken nur sind sie des Urlichts der Thora, und steigen herab und wandeln sich in das wechselnde Licht dieser Welt der Dinge. Denn so wie es nichts Neues giebt in der Natur, sondern nur Offenbarungen der Kräfte, die in ihr verborgen lagen von der Schöpfung her, so giebt es nichs “Neues” in der Thora – “auch was ein eifriger Schüler einst in Zukunft noch lehren mag, auch das ward alles schon dem Mose am Sinai gesagt”, denn die Thora – nicht im Himmel ist sie {natürlich Anspielung auf 5 M 30,12} und nichts ist drin ausser dem was offenbart wird den Weisen der Geschlechter. So ist auch die mündliche Thora nichts als die Offenbarung der schriftlichen und nichts ist in der einen was nicht in der andern wäre, – denn beide trinken an der gleichen Quelle.”

Aber ist das nicht schön? So im Schreiben merke ich ganz was andres noch: meinst du nicht, das so einer den * gern übersetzen würde, und es auch könnte. Es ist doch wirklich die gleiche Art zu denken. Und ich habe mir eben alle Mühe geben müssen mit meinem Deutsch halbwegs auf der Höhe des Hebräisch zu bleiben. Um nicht zu sagen: – “mit meinem Stil”. Das tolle Zitat mit dem eifrigen Schüler habe ich dir wohl schon mal erzählt, oder es steht im *.

Liebe, ich will hinein zu Mutter. Leb wohl – ein kleiner rascher Kuss — bis nachher

Dein Franz.

10.XI.19.

Liebes, du heissgeliebtes Gritli,

ich schicke dir hier Rudis Eilbrief, der eben kam; ihm habe ich gleich geantwortet; dein Brief vom Dienstag der heute kam, kann ihm ja auch nicht geholfen haben; etwas ruhiger war er zwar schon am Sonntag, er hat dir ja den Brief, an dem er da schrieb, nicht geschickt. Aber du siehst, wie es in ihm aussieht. Es ist einfach nötig, dass ihr euch seht. Und da er unmöglich von Helene jetzt fortdarf, so musst du hinfahren. Soviel Komplikationen das auch wieder geben muss, wegen Helene und nebenher auch wegen meiner Mutter. Es ist für ihn jetzt ganz ähnlich wie es mir im Juni 18 ging. Da war Schreiben auch unmöglich geworden, wir mussten uns sehen. Wenn es nicht gleich nach der Sperre geht, dann muss wenigstens die Aussicht auf das Wiedersehn vor ihm stehen; wengstens die kannst du ihm geben. Aber es wird überhaupt gehn. Vor mir und für mich brauchst du dich glaube ich jetzt wirklich nicht zu fürchten; ich empfinde zu stark was jetzt im Augenblick das “Nächste” für dich und ihn – und damit auch für mich ist. Und ich liebe dich mit einer Liebe, die fester ist als der “Eifer der Hölle”.

Dein Franz.

10.XI.19.

Liebes Gritli, Mutter ist doch so unerträglich, ich weiss nicht wie es werden soll wenn du kommst. Oder du müsstest sehr dickfellig sein, auf jeden Fall müsste ich vorher fort, damit sie wenigstens von dieser Seite Ruhe hielte; das wird sich ja wohl von selber ergeben, schon durch Oldenbourg und damit ich nach Neujahr nicht mehr nach Berlin brauche. Von dir war auch heute früh kein Brief da, trotz Frankfurter Zeitungen. Auch ein angekündigter Eilbrief von Rudi von gestern früh nicht.

Für mich ist das Zusammensein mit Mutter wieder eine rechte Blutvergiftung. Ich fürchte mich, zu ihr hineinzughen. Überhaupt ist dies Haus hier ja ungefähr der Ort auf der Welt wo mir am aller unwohlsten ist. So ist es nun seit 20 Jahren, und immer gleich. Schon als 13 jähriger habe ich begonnen genau so gegen meine Eltern zu empfinden wie jetzt, und aus den gleichen Gründen. – Ich habe, abgesehn von der Trägheit, eine abergläubische Scheu, mich auswärts richtig einzurichten; als ob ich mich dadurch zum ewigen Junggesellentum verurteilen würde; sonst müsste ich es wahrhaftig tun; ihr meintet es ja auch alle damals im Frühjahr, es wäre die einzige Lösung. Ich freue mich, nachher zu Prager zu gehn, und wäre es nur um aus diesem Haus für eine Stunde herauszukommen. Es war ein rechtes Experiment, hier 4 Wochen wohnen zu wollen.

Dies Papier hat zu seinen andern Fehlern auch noch den, dass es die Feder dauernd festhält. Man kann gar nicht darüber hinfliegen. Schon allein deshalb muss ich nach Berlin, weil da noch ein Rest gutes Papier ist.

Verzeih dies Geschreib. Es ist auch eine Unruhe in mir wegen Rudis Eilbrief. Und ohne ein Wort von dir bin ich ja auch nur ein halber Mensch. Ein halber? Weniger noch. Obwohl ich deswegen gar nicht unruhig bin. Nur wie ausgefüllt von Sehnsucht. Von Sehnsucht nach deinem Siegel und nach dem geliebten Wort. Hier stehts von mir, das Wort das mehr als Wort ist:

Dein.

11.XI.19.

Liebes, mein Liebes – heut früh als erster seit dem fünffach versiegelten Dienstagsbrief der vom Freitag mit der Breisacher Erinnerung. O Liebste – wir könnten schon einen kleinen Bilderatlas von Deutschland zusammenstellen. Aber so unregelmässig gehen die Briefe jetzt, es hängt offenbar ganz davon ab, ob sie in einen Eil= oder in einen gewöhnlichen Gügerzug kommen. Nun habe ichs aber gut für die zweitägige Entbehrung und darf mich auf die beiden Nachzügler freuen, – sie werden zwar tüchtig beim Kopf genommen wenn sie kommen, sie dürfens nicht merken, dass ich nur froh bin, wenn ich sie da habe, – das ist gegen alle Erziehungsgrundsätze, sonst meinen sie, sie dürften immer zu spät kommen. Und das dürfen sie nicht. Geliebte, komm immer, komm täglich, meine Arme strecken sich dir sehnsüchtig entgegen; und wenn es nur ist um dein müdes verschlafenes Köpfchen an meine Brust zu lehnen, oh es ist genug; es ist so süss zu fühlen wie es mir am Herzen ruht, und zu wissen, dass der erste Blick der geliebten blauen Augen, wenn sie sich öffnen, dann die meinen sucht. Du Geliebte, ich kann dir jetzt nichts weiter schreiben, die Feder versagt mir, meine Sehnsucht ist zu stark, ich kann nur noh das Siegel küssen — hab Geduld bis heut Nachmittag, da schreib ich dir ordentlich.

Geliebte  ——

11.XI.19.

Liebe, ich habe plötzlich einen schwarzen Verdacht: du hast am Ende am Mittwoch und Donnerstag wirklich nicht geschrieben. Unter dem erschütternden Eindruck der Bahnsperre. (Du siehst, ich stelle dir gleich die Ausrede parat) Pfui! Trotzdem – die Hauptsache aber ist, dass du jetzt warm hast. Warm und Caroline – nun muss die Kraft doch ausreichen. Mutter sagt von mir: Beruf: Briefschreiber. In der letzten Zeit stimmts wirklich. Denn das bischen Lessing und Prager und – Goethe (ich habe allerlei von ihm jetzt wieder gelesen) und Esra und Nehemia (an dem ich grade mal wieder bin) – das ist ja alles noch kein Beruf. Aber du bist ja mit Mutters Berufsangabe einverstanden. Mutter hat heut übrigens etwas fertiggebracht, dank ihrem Nachahmungstalent, was ich ihr nicht zugetraut hätte: sie hat den Judasdialog, den sie von Rudi mal gehört hatte, schlechthin vollkommen vorgelesen, für Jonas. Ganz männlich, ohne eine Spur Sentimento, und mit einem ungeheuren Gesicht.

Das Regal geht nach der Bahnsperre ab, ihr habts also noch in diesem Monat. Riebensahms Arbeit an Eugen unterschätze ich gar nicht. Aber ich “unterschätze” die ganze Redaktion  (das im Einklang mit Eugen) und (gegenEugen) die ganze Privatsekretärschaft, die absolut nötig ist, aber nur als Eingangstor. Das will Eugen nicht wahrhaben, braucht es auch nicht; aber du musst es genau so gut fühlen, wie du fühlst, dass die Hochland = etc. Aufsätze nicht Eugens schriftliches Lebenswerk sind, sondern nur ein Präludieren dazu. Auch das weiss er heute nicht und will es nicht wissen. Und auch das schadet nichts, dass er es nicht weiss. Aber du musst es wissen und innerlich unzufrieden sein, wie dus ja bist. Das Eigentliche muss – im Schreiben wie in der äusseren Lebensstellung – erst noch kommen. Dabei bleibt Riebensahm doch schon etwas ganz Wirkliches, in sich gar nicht “Verbesserbares”. Die Spenglerkritik auch! Und trotzdem sind beide noch nicht das Letzte.

Also spricht der Laubfrosch. –

Ich habe ja bei Moriah eigentlich nur an 1 M 22 gedacht. An den Tempel nur ganz nebenher. Natürlich sind sie identisch. – Helene war gestern etwas schwach, heut wieder gut. – Gestern nacht las Mutter Briefe von Tante Ännchen von 1909, in jedem eine Antwort auf Klagen über – mich! im Grunde schon genau so wie jetzt. Mein Egoismus, die Unmöglichkeit mir die “Wege zu ebnen”, dabei mein “tadelloser Charakter” – kurz es war nie gut. Schade.

Und du? du? du ? ? Meine Seele fragt immerfort und dann überfliegt sie die Ferne und sieht dich – o Liebste, siehst du mich auch? hast du mich lieb? weisst du, spürst du, wie ich dein bin, spürst es jetzt in diesem Augenblick wo die Feder über das Papier torkelt? jetzt?  Liebste  — Dein.

12.XI.19.

Liebes böses Gritli, nämlich dass kein Brief von dir kommt. Und dabei liegt immer die Frankfurter Zeitung da vom vorigen Tag, wie um die Bahn zu entschuldigen. Ich glaube, wenn ich nicht dein Hausfrauenpflichtgefühl und deine Hausfrauenhabgier aufgerufen hätte, mit der Anfrage wegen dem Gestell, ich hätte am Ende gestern den Brief auch nicht gekriegt. Zur Strafe – ja was soll ich zur Strafe tun oder nicht tun? ich habe ja gar nichts dir zu geben oder zu versagen – du hast alles, was ich zu vergeben habe, hast ja mich selber, es ist als wenn ein Vogel drohen wollte, den man in der Hand hält, er könnte wohl mit dem Schnäblein ein bischen um sich picken, aber da pickte er in die Luft und du fühltest doch bei jedem ängstlichen Schlag des kleinen Herzens, dass du ihn ganz mit deiner Hand umschliessest. O die geliebte Hand, in die mein Herz sich gelegt hat. Fühl es schlagen, zitternd rasch bald und bald beruhigt und immer den einen gleichen Ton: Dein, Dein, – Dein – geliebte Hand —–

12.XI.19.

Liebes Gritli, wenn das Zimmer warm ist, dann ist der Winter doch schön? ich liebe verschneite Strassen so. Haben wir eigentlich mal das Freiburger Münster zusammen im Schnee gesehn – nein, als ihr im Januar nach Leipzig fuhrt, da fuhrt ihr ja durch Freiburg bloss durch. Gestern als ich spät nachts von Prager heimging –

Heut Mittag rief ich Rudi zum ersten mal nicht an, weil Mutter meinte, es wäre nicht nötig. So rief er an, weil er dachte, es wäre etwas passiert. Es läuft ausserdem trotz Bahnsperre eine rege Korrespondenz zwischen hier und Göttingen, auch zwischen mir und Rudi Hallo, auch von Gertrud Rubensohn hatte ich seinetwegen einen Brief, dies Verhältnis zu seiner Familie hat etwas Krankhaftes; es sind tatsächlich die einzigen Menschen, bei denen seine ungeschützte Seele sich nicht dauernd en vidette fühlt; bei allen andern fühlt er sich fortwährend “beurteilt” u.s.w. Ich habe es ihm auszureden gesucht; obs gelungen ist? Wie schwer es für die allermeisten Menschen ist, sich nicht zu “fürchten”, nicht immerfort um das Morgen oder gar Übermorgen zu sorgen, sondern dem heute zu leben – und ich kann ihm ja