Gritli Letters (Gritli Briefe) 1929

Contents

Mai 1929

11.5.29[?].

Lieber Eugen,

wenn man schon fragt –

Aber im Ernst: So apothekermässig kannst Du doch das Tränklein nicht mischen (recipe soundsoviel Gramm S P D usw.). Dabei glaube ich wohl, dass Deine Diagnose und Prognose stimmt, aber auf Grund davon in die Apotheke schicken geht nicht, es genügt aber und ist das einzig Richtige, wenn Du das Rezept unter Glas und Rahmen in Deinem Schädel an die Wand hängst; kommt dann die richtige Gelegenheit, so macht es Dich bereit, ihr zu gehorchen. Ich glaube sicher, in Deinem Professorendasein selbst kommt über kurz oder lang irgend ein Fall, der Dich zwingt, ein unmissverständliches Gesicht zu machen. Und wenn Du dann zufällig das alte Rezept an der Wand siehst, wirst Du die angenehme Endeckung machen, dass der Zwang eine Erlaubnis ist.

Gegen das Missverstandenwerden ist kein Kraut gewachsen. Es bleibt einem anständigerweise nur übrig, den Doppelgänger, der auf der Strasse rumläuft, nicht für ein Gespenst zu halten, sondern für seinen – Nächsten, Allernächsten. Also nicht ohnmächtige Erklärungen in die Zeitung zu rücken: “Für die Schulden die mein Doppelgänger macht komme ich nicht auf. F. R. oder E. R.

Idealmensch,” sondern stillschweigend blechen.

Anbei was Schönes

Dein Franz.

Oktober 1929

4.10.29.

Lieber Eugen,

vielen Dank für den schönen Aufsatz aus der Zeitwende. Ich lerne ja von niemandem so natürlich oder eigentlich so zwangsläufig, so ohne Zusatz von eigenem guten Lernwillen, wie von Dir.

Du solltest Dir aber in so kleinen Aufsätzen die Formeln ganz verbieten; sie verführen Dich zu überkurzem und undeutlichem Ausdruck. In der Vorlesung, wo man sowas an die Tafel schreibt, ist es was andres.

Dein

– Franz.

Gritli Letters (Gritli Briefe) 1928

Contents

Januar 1928

10.1.28.

Lieber Eugen,

Fahne 24,13 von unten ist Auszug missverständlich (= Extrakt). Vielleicht Ausweg. Ich hatte übrigens es nicht schlecht gefunden, sondern meinte nur Du könntest es noch besser machen, schrieb Dir ja deshalb auch dass Strauss, der ja ohne mein Vorurteil für Dich ist, es gut findet.

Das Buch wird reizend. Du stehst zwischen Wittig und Wolfskehl (der die Echtheit des zappertschen Schlummerliedes verteidigt).

Dein Franz.

Februar 1928

21.2.28.

Lieber Eugen,

inzwischen bin ich endlich zum zweiten Band des Alters der Kirche gekommen, Deine Abhandlung ist wirklich was (Paquet bespricht sie in der Frankfurter Zeitung, Ernst Michel in seiner); aber auch Wittigs Aufsätze sind famos. Den Ostdeutschland = Aufsatz habe ich auch gelesen, auch dafür vielen Dank.

Wieso haben denn unsere Frankfurter Gründungen zu Schismen geführt?

Wegen der Susman hatte ich Dich missverstanden; ich hatte verstanden dass Deine Schwiegermutter sie in einem Säckinger Hotel besucht hätte; erst aus ihrem eignen Munde hörte ich dann dass sie die ganze Zeit in Basel war. Ich hatte eine Aktion für sie eingeleitet, die aber im Sand verlaufen ist. Es ist aber anscheinend in Ordnung: sie lebt in Heidelberg mit Gertrud Kantorowicz und hat nach deren Angabe ihr Auskommen.

Dein Franz.

Mai 1928

  1. 5.28.

Lieber Eugen,

ich glaube, grade an dem Tag hatte ich an Dich geschrieben. Ich bin richtig erschrocken bei der Nachricht; es versinkt mir mit ihm ein Stück Vorkrieg und Kriegsanfang. Er war doch ein sehr merkwürdiger Mann. Ich habe noch neulich jemandem erzählt, wie bei meinem einzigen Galleriebesuch in der Berliner Börse er wie eine Klippe im tobenden Meer gestanden hat.

Dein Franz.

26.5.28.

Lieber Eugen,

wenn Du nicht ausdrücklich geschrieben hättest, welchen Rat ich Trudchen gegeben haben soll, hätte ich Deinen Brief überhaupt nicht verstanden. Ich wünsche aus allen Kräften eine Heilung und Wiederherstellung. Der einzige Rat, den ich überhaupt gegeben habe, hatte diese Voraussetzung. Ich nehme nichts ernst von all dem was Louis jetzt in der Verzweiflung getan und gar gesagt hat. Das ist alles bloss die Folge des geschäftlichen Unglücks. Es gibt keine “Ehe unter freiem Himmel”. Das Haus, die verlästerten “materiellen Grundlagen” sind zwar nicht die Ehe, aber ihre notwendige Bedingung.

Ich fürchte, Dein Rat geht über Trudchens schon zermürbte Kraft. Sonst ist er gut, – trotz Deiner Begründung.

Dein Franz

Juli 1928

4.7.28.

Lieber Eugen,

zum 40. Geburtstag trotz seiner Unwahrscheinlichkeit viel Gutes! und als Geschenkersatz das beiliegende Autogramm; es ist aus einem Kalender, natürlich einem jüdischen. Dabei fällt mir ein Fall von mysteriöser Vererbung ein: Eva Sommers Kinder haben doch den Rechenfimmel (der Jüngere scheint mir übrigens die “Familie Ehrenberg” fortsetzen zu wollen); und nun hat sich der Fimmel auf den Kalender geworfen, natürlich den christlichen, und die beiden beherrschen ihn mit allen Schikanen des Kirchenjahrs! es schwirrt von Exaudi Quasimodogeniti und Trinitatis. Also: verloren geht nichts.

Dein Franz

August 1928

24.8.28.

Lieber Eugen,

Du siehst, die Frankfurter lässt Dich zwei Reden gehalten haben, offenbar eine über die geschriebene und eine über die ungeschriebene Verfassung.

Ich habe dies Jahr sogar auch eine Rede zum Verfassungstag gehalten, und zum Unterschied zu Dir mit vollbefriedigendem Erfolg, wenigstens einem vollbefriedigten Publikum. Den andern Tag kriegte ich mein schönstes Honorar dafür: das Publikum kam aus dem Kindergarten und brachte mir eine Perlenkette, sogar von selbstbezahlten Perlen, für 5 Pfennig von einem in mühsamer allfreitaglicher Aufräumearbeit erworbenen Vermögen von damals 23 Pfennigen, und sagte: weil der Papa mir die schöne Geschichte vom Verfassungstag aufgeschrieben hat. Seitdem ist das historisch = politische Interesse bei ihm gross geworden, das bisher noch rein auf dem Prinz Grünewald basierte (an den ich natürlich auch angeknüpft habe).

Aber freilich, einem es recht machen ist leichter als vielen.

Die Flüssigkeit von Samuel liegt am Buch; es ist ja richtige Geschichtsschreibung.

Dein Franz.

Gritli Letters (Gritli Briefe) 1926

Contents

März 1926

5.3.26

Liebes Gritli,

ich schicke Dir anbei ein fertig adressiertes und frankiertes Couvert zur Rücksendung der Correspondenz Eugens mit uns. Verzeih daß ich Dir die Bitte neulich in einer Form gestellt habe, daß Dir aus der Ausführung Mühe und Kosten erwachsen wären.

Mit den besten Grüsen an Dich und die Deinen

Dein

Franz Rosenzweig

Mai 1926

21.V.26

Lieber Eugen,

der Aufsatz – anbei zurück – ginge aber nur wenn die lateinischen Zitate deutsch gegeben würden und nur in Anmerkungen lateinisch. Interessant ist er schon.

Dabei ist mir aber wieder die Frage gekommen, ob Ihr da dem guten Schneider nicht in (berechtigter) Vernarrtheit ineinander ein ganz unmögliches Buch aufbrummt. Ich könnte mir eher die Erlösten und die Spenglerkritik in einem Buch denken als diesen Aufsatz und den Sohm, der dabei doch noch der wissenschaftlichste von Deinen Beiträgen sein wird. Jedenfalls ist für Dein Publikum Wittig der Professor eine bloße Belastung; höchstens für Wittigs kirchenhistorisch Interessierte ist es gut wenn sie Deine Konterbande beim Auspacken der bestellten Ware vorfinden.

Kosmologie – ich war ja grade der Prellbock an dem Dein eigener Stoß in der Richtung Weizsäcker und Dein Sturmbock Wittig in der Richtung Buber abgeprallt ist. Weizsäcker und Buber waren an zwei aufeinanderfolgenden Tagen bei mir, das Schlagwort ist als Gegensatz zu Theologie unentbehrlich und für ein Schlagwort sehr wenig mißverständlich. Grade Antropologie würde ganz irreführen, und grade in die Richtung die Du befürchtest. Überleg es Dir auch mal von den drei Lagern her. Grade im Antropologischen ist da die Verschiedenheit des Standpunkts unabänderlich, während die Welt das gemeinsame Hotel ist, wo man sich in der Halle, im Lesezimmer und im Speisesaal schwer aus dem Weg gehen kann.

Bitte doch Gritli, sie möchte mir die Korrespondenz die ich ihr kurz vor Weihnachten zur Einsicht schickte, zurückschicken.

Herzlich grüßt Dich

Dein

September 1926

[Eugen:]

Abschrift

Cassel 17. Sept. 1926

Terrasse 1

Lieber Franz, liebe Edith,

Auf der Terrasse lebt man ganz in Eurem Bannkreis; sie ist zur Filiale der Schumannstrasse geworden. Korrekturen der Bibelübersetzung, des Jehuda, der Aufsätze, Rafaels jüdische Geschichten und die Bildchen von ihm, Eure Gäste und Hausgenossen, Eure Arbeit und Euer Zeitmangel – alles ist hier gegenwärtig wie bei Euch selbst.

So komme ich dazu, mit Euch zu sprechen, obschon ich vom Briefschreiben da nichts halte, wo es schon einmal so weit gekommen ist, dass Worte an Dritte kolportiert, Briefe gereizt hin und her gesandt worden sind wie zwischen uns. Der tragende Grund ist dann zerrüttet. Nur Gegenwart kann dann heilen.

Doch das Zurückbehalten der Briefe lasst mich aufklären. Es ist ja eine bestimmte Einzelheit.

Ich bin aufs äusserste erstaunt, dass in diesem Einbehalten irgend etwas Unberechtigtes, Ruchloses oder Rücksichtsloses gelegen hat. Ich sehe ein, dass ich auf das juristische Eigentum keine Rücksicht genommen habe. Die Akte liefen so: 1. Mein letzter Besuch in Frankfurt hat – weder Ihr noch ich haben dazu etwas getan – unheilvoll gewirkt. Es gibt unverschuldete Dinge, die plötzlich die Unterwelt öffnen und die Schauder der Hölle wachrufen. So hier. Ich sah plötzlich in die Hölle hinein. Das Missverständnis mit dem Gruss an Wittig war nur Anlass, klar zu erfahren und zu verstehen, was ich bis dahin nur halb gewusst: Einen Franz, der sich in der Vergangenheit weggeworfen zu haben meint, Irrtum nennt, zu bereuen wünscht, was mit sieben Siegeln versiegelt war als “entrückt”. Des Entrückten Täter war unser gemeinsamer Gott gewesen. Nun macht sich Franz zum Missetäter und entehrt damit mich als gottverlassen.

2.Akt. Ich schreibe den absentierten Brief. Garnicht in “blindem Advokateneifer” für Gritli. Auch dieser Ausdruck zeigt, dass Franz nicht wahr haben will, dass es nicht um Gritli, sondern um mich und ihn geht. Gritli in ihrer Hüssyart kennt sowieso keine Selbstverteidigung und hat immer eine Schuld persönlich sehr schwer genommen, – die Erwartung eines nur kurzen Leidens 1922 – die Du Franz, selbst und ich und alle andern ausser Edith allerdings in grosser Schwäche begangen haben – sondern ich habe protestiert, weil mich Deine neue Lesart nach rückwärts entehrt. Denn das Schaffen unserer Geister und das Leben unserer Herzen haben sich in der gemeinsamen Vergangenheit entsprochen und eben diese Entsprechung heiligte “Eugens Gritli”. Sowie Du Deines Geistes Schaffen von damals als Deine Leistung herausreisset und wir bloss Gegenstände, armes Getier sind, an denen Du damals Dein grosses Sternenlicht zufällig entzündet hast, ist die Richard Wagnerei – siehe sein Zürich – fertig.

Dies der Sinn meines absentierten Briefs.

  1. Akt. Ich komme zu ruhiger Überlegung und sage mir: Dass wir zeitlebens doch in einander verflochten sind, könnt Ihr so wenig wie wir ändern. Die Gegenwart hängt nicht mehr von uns oder Euch ab. Unsere äussere Existenz freilich lässt sich getrennt halten und unsere Kinder kann man verhindern sich zu lieben. Denn über die Zukunft hat jeder gesonderte Rechte und so hat da jeder Teil freie Hand. Auch genügt es in allen Sachen der Zukunft, dass nur ein Teil Nein sagt, um sie zu verhindern. Anders liegt es in Sachen der Vergangenheit. Hier genügt es, dass noch ein Teil da ist, der in der alten Weise Ja zu ihr sagt und alle Abtrünnigen vermögen nichts gegen ihn. Diesen Teil bin ich entschlossen zu halten. Ich lasse die Vergangenheit nicht zerstören noch nach rückwärts umfälschen.

Nun wird aber solche Umfälschung durch nichts so gefördert wie durch gegenseitige In[?]kriminationen. Also sah ich ein, dass der Brief gerade von meinem Standpunkt aus eine Dummheit war. Deshalb freute ich mich, ihn wieder in die Gewalt bekommen zu haben.

  1. Akt. Ich sehe jetzt ein, dass ich die Einbehaltung des Briefs wohl etwas zu primitiv ausgeübt habe und was darin känkendes gelegen hat, ist mir leid und ich bitte Euch, das mir nachzusehen. Wenn da noch anderes, von mir nicht kontrollierbares, Einzelne von Euch schmerzhaft empfunden ist, so kann ich nur 2erlei sagen: Dass wir über unsere Beziehungen zu Euch nicht schwatzen, am wenigsten Gritli, müsst Ihr einmal auch gegen den Anschein glauben.

Jedes Weitertragen entstellt. Für die Brutalitäten des jungen Mirgeler hat sie selbst am meisten gebüsst. Wünscht Ihr noch die Briefe zurück?

Ich bin und bleibe

Euer Eugen.

Gritli Letters (Gritli Briefe) 1925

Contents

Januar 1925

[Edith:]

[1925?]

Liebes Gritli,

wir haben jetzt einen “Schreiber”, dem wir täglich eine Stunde diktieren, da schaffen wir etwas mehr.

Bist Du noch krank?

Ich glaube, mit der neusten Schwester (Arztwitwe, 50 Jahre) wirds werden. Die technischen Dinge gehen jetzt – nach 3 Wochen – schon recht gut; aber mit der Verständigung ist’s so schlimm, daß ich noch nicht aus dem Haus darf; ich bin natürlich dementsprechend angestrengt. Jetzt ist wenigstens Schw. Dina wieder nachts da, sodaß ich schlafen kann. Rafael ist sehr groß geworden und schwätzt viel und drollig und entwickelt eine große Phantasie beim Spielen.

Herzlich Deine

Edith.

2.I.25.

Liebes Gritli,

Also ich habe die Johanna gestern ausgelesen, – mit Vorwort und Anzeige am Schluß natürlich, anders kann ich ja jetzt nicht mehr. Aber es ist doch nur ein Shaw wie alle andern, nicht mehr, freilich auch nicht weniger. Auf dem Theater merkt man das sicher nicht so; das liegt an dem Kostüm u. der großen stillen Mitdichterin Klio. Was er durch Gescheiteleshaftigkeit verderben konnte, hat er verdorben, und das Vorwort ist nun deshalb immer noch sauberer als das Stück selbst. Theater ist eben trotz allem Gedichte hauptsächlich Kino; Mord u. Totschlag, Gerichtsverhandlungen usw. wirken immer, ob nun die Worte von einem Dichter oder von einem Journalisten sind. Dichter ist er nur an ganz wenig Stellen, so etwa in der letzten großen Rede der Jungfrau vor Gericht. Er hat eben keine Ehrfurcht vor der Wirklichkeit, womit ich nicht bloss die historische meine, sondern auch die von ihm selber konzipierte. Immer steht er mit dem Zeigestock daneben. Er vergißt sein Publikum keinen Augenblick. Zu der frechen Bemerkung über Schiller hat er wahrhaftig keinen Grund. Ganz abgesehen davon daß Schiller sicher wenn zu seiner Zeit schon die Akten publiziert gewesen wären den Prozeß u. die Verbrennung nicht unterschlagen hätte.

Denk’, Mawrik war hier u. ist dick geworden, gewichtig, Assistent von Driesch, universitätsgläubig wie alle diese Hänse Hess[?], betrachtet mich als ein verlorenes Lamm. Was für eine Generation! Ich verstehe sie ja nicht, weshalb sie unsere abgelegten Schulranzen als Hüte auf dem Kopf tragen u. sich noch wunderschön vorkommen. Mirgeler kann doch eigentlich nicht so sein, er verstehet doch das Neue.

Wie geht es Dir?

Dein Franz.

15.I.25.

Liebes Gritli,

ich hatte Eugens Hegelbemerkung nicht weiter wichtig genommen und gleich weitergeschickt. Er hat aber zur Philosophie ein so komisches Respektsverhältnis, daß er immer seine Ausflüge dahin für wichtiger hält als die Tatsache, daß er das Bürgerrecht da hat. Darum hat er auch die Bemerkung bei Hans so wichtig genommen, daß er deswegen ihm das ganze Nachwort abnimmt, das doch für Nichtpfarrer einfach ungenießbar ist. Oder kannst Du es lesen? Ich halte es nicht etwa für schlecht; nur so wie die Bauleute für einen Aussenstehenden ganz uninteressant sind.

An Herriegel habe ich direkt geschrieben, damit er nicht bloss sich auf Umwegen beschimpft fühlt, sondern ins Gesicht.

Die Kritik im Hochschulblatt war herrlich; wer ist Muthesius?

Mutter war hier. Ich ertrage nicht, wie sie mit Rafael umgeht. Tun das alle Großmütter? Oder war das vor dreißig Jahren auch der Stil für eigene Kinder?

Dein Franz.

15.I.25.

Lieber Eugen,

gerade gestern erzählte Buber von deinem Brief über den Stern. Wie sollte er denn “reagieren”?

Goldstein macht jetzt die Zeitschrift für die ich ihn damals wollte. Ich arbeite mit, weil ich verhindern will, daß es allzu schlecht wird. Er ist einfach unmöglich. Der Erfolg ist aber sicher. Da auch Christen mitarbeiten, wird er vielleicht auch Dich auffordern, Grundsätze hat er ja nur gegenüber dem Zionismus. Sollte er Dich etwa zu einem Aufsatz über mich auffordern, so lehne ab. Denn von allem andern abgesehn hat das ja doch keine Wirkung, weil jeder sagt: Gegenseitigkeit. Eventl. nenn Mirgeler, der ja bei seinen zehn Semestern auch schon den Hegel gelesen haben wird. Das Honorar ist übrigens glänzend: 250 Mark der Bogen. Gleichzeitig hat der Jude die größten Schwierigkeiten!

Rafael ist im Augenblick in dem unglücklichen Zustand wo er alles nachspricht und fast nichts versteht. Diese Folge des Alters der Sprache und daß man sie nicht, wie es von rechtswegen sein sollte selbst erfindet, ist ja glücklicherweise nur vorübergehend; sie macht mich aber in seine Seele hinein ganz nervös.

Dein Franz

P.S. Daß Abraham nicht mit den Genannten auf eine Zeile gehört, meine ich auch.

Februar 1925

7.2.25

Liebes Gritli,

ich habe mir überlegt: Wenn Du wirklich wegen mir kommen willst, so würde ich dich bitten, nicht jetzt, sondern erst in den Ferien zu kommen, und dann gleich auf so lange, daß Edith reisen kann oder wenigstens spazieren gehen. Das Einarbeiten dauert ja allein zwei Tage mindestens. Es ist doch wieder noch schwerer geworden.

Aber wenn Ihr sowieso aus andern Gründen jetzt durch Frankfurt kommt, freuen wir uns natürlich wie stets über Euren Besuch.

Dein Franz.

24.II.25

Lieber Eugen,

de Gruyter stockt schon über eine Woche. Ich habe 13 Bogen. – Der religiöse Spruch ist keiner, sondern stammt aus dem grünen Heinrich, aus dem Kapitel Arbeit und Beschaulichkeit glaube ich. Derartige Schönheitsfehler sind ja eine Menge drin, hoffentlich habt Ihr noch welche gemerkt. Z.B. die zehn Tafeln statt der zwei. Daß die zehn Gebote nicht von Moses gesprochen zu denken sind, sondern vom lieben Gott, wirst Du ja nicht hören wollen, weil damit die ganze “geistreiche” Geschichte hinfiele. Denn Moses ist mit eingeschlossen in das Du. – Ich lasse mich beim Lesen noch immer von der Methode überraschen, nehme sie also nicht so wichtig wie sie ist; ich glaube, das ist, mindestens beim ersten Lesen, das Richtige. Natürlich habe ich das allgemeine Vertrauen zu ihr; sie ist ja in ihrer nacktesten Form nur selbstverständlich – wie jede glaubwürdige Methode sein muss. Hattest Du eigentlich diese Nacktform auch 1917 schon im Hintergrund? Ich entsinne mich nur an Weltalter und Sprache aus dem damaligen Kreuz; wie hießen die beiden andern? – Ich verstehe natürlich nicht alles, lese eben vorläufig mehr mit der Spannung: Was kommt nun? und: Was kommt noch alles vor? – Es ist weiter alles so gesagt, auch die Stellen aus der Eingabe betr. Karl I., daß der ordentliche Schriftsatz nicht leidet.

Dein Franz.

März 1925

[Margrit an Franz:]

Nachts 11./12.[1925]

Lieber Franz – ich kann nicht schlafen, immer wieder wache ich mit einer quälenden Ungewißheit auf.

Ich hatte mich so auf das ZuDirkommen gefreut: Du mußt es doch aus meinen Briefen gespürt haben, daß sie aus vollem und Dir ganz aufgetanem Herzen kamen. Wenn ich nicht oft schrieb und dadurch natürlich vieles doch draußen blieb, so war das eben die natürliche Folge der technischen Unmöglichkeit eines häufigen Briefwechsels. Aber ich meine, es kommt doch darauf an, daß man alles sagenkönnte und daran hat es nicht gefehlt. Ist es nun nicht ein unbegreiflicher Zustand, daß jetzt wo ich stundenlang neben Dir sitzen kann, die ganze Zeit ver = arbeitet wird? Warum? Daß ich da bin um Dir bei Deiner Arbeit zu helfen das geschieht doch eigentlich nur um Ediths willen, für uns kann ich doch nicht dafür da sein, das kann doch nicht die Hauptsache sein. Und das quält mich eben, daß mir das Arbeiten vor dem wirklichen Zusammensein steht (Du verstehst mich doch, das soll nicht heißen, daß ich überhaupt nicht für Dich arbeiten möchte – im Gegenteil, nicht einmal weniger, aber eben nicht nur). Du wirst sagen, daß das nur an mir liege. Das glaube ich auch, aber kannst und willst Du mir da gar nicht helfen? Es ist natürlich so, daß die Art wie man Dir helfen muß (ich weiß gewiß daß es nicht anders geht) das Ausschalten jeder eigenen Initiative, dies sich nur zum Werkzeug machen und dabei dies grenzenlose Gefühl der Unzulänglichkeit, mich immer wieder ganz auslöscht. Vielleicht bist Du enttäuscht über mich, aber dann mußt Du’s mir sagen. Warum holst Du mich nicht mit einer Frage aus dieser Befangenheit heraus? Bist Du so sehr der Überzeugung daß es nur an mir liegt? Aber wenn es so ist, so hilf mir doch trotzdem aus dieser schrecklichen Ungewißheit heraus. Siehst Du, wenn ich Edith nicht so lieb hätte und nicht anders könnte als ihre Bitte zu erfüllen, dann wäre ich diesmal nicht zum Arbeiten gekommen, weil ich die Gefahr die im Arbeiten liegt kenne. Du schriebst mir damals, wenn ich wirklich Deinetwegen kommen wolle, dann sollte ich ect. Aber bin ich jetzt wirklich Deinetwegen da?? Das mußt Du mir sagen und wenn ich das wieder glauben kann, dann wird mir auch die Arbeit nichts machen, denn dann ist sie eben eine Form des Zusammenseins. Vielleicht sehe ich Gespenster, aber ich muß es Dir doch sagen.

16.III.25

Lieber Eugen,

ich habe grade heut morgen den Einschub in folgender Form gemacht: …Gesetz zurückzufinden trachtet. Das kann mir persönlich ja wohl recht sein. Was die Pharisäer des Talmud und die Heiligen der Kirche gewusst haben: dass der Verstand des Menschen nur so weit reicht wie sein Tun, das gilt offenbar, zur Ehre der Menschheit, auch vom Verstandenwerden. Aber dem Buch entstehen aus jenem Vorurteil bei den Lesern eine Anzahl…

Da ist glaube ich jetzt die Erfahrenheit drin, ohne Indiskretion und vor allem ohne Hereinziehung der einzelnen, doch schließlich jedesmal anders beschaffenen, Fälle. Das Lehrhaus kann ich aber deshalb nicht brauchen, weil ich da ja zweimal “mein System” gelesen habe, in vier von den sechs Trimestern, die ich überhaupt selber dabei war. Im zweiten sechzehnstündig und im vierten bis sechsten je achtstündig. Noch neulich sah ich eine Notiz aus dem Mai 22 für den Fall daß ich im Winter noch lesen könnte, für eine Vorleseung. Ich schreibe sie Dir ab:

Logik für Jedermann

Das Geheimnis der Logik

Begriff und Name

Urteil und Wort

Schluss und Antwort

Fehlschluss oder Irrtum

Beweis oder Bewährung

Grundsatz oder Glaube

Die Sprache der Offenbarung

Also Du siehst: im Lehrhaus habe ich den Stern schon leuchten lassen.

Wenn Du in Freiburg zufällig Jonas Cohn siehst, so frag ihn doch, warum er auf den Jehuda Halevi, den ich ihm auf seinen schönen Dankbrief für die Coheneinleitung im vorigen Herbst schickte, garnicht geantwortet hat. Hat er mir meinen Begleitbrief krumm genommen? oder hat er so wenig mit dem Buch anfangen können, daß er mich nicht durch einen nichtssagenden Brief ärgern wollte?

Ich wollte wirklich, daß Du Hans predigen hörst, damit du mal aufhörst, ihn nur zu bemitleiden.

Dein Franz.

Juni 1925

[Edith:]

Frankfurt a/M. d.1.Juni 25

Liebes Gritli,

nun will ich doch endlich mal vesuchen, Dir zu schreiben. An dem Bleistift siehst Du schon, daß es mit technischen Schwierigkeiten verbunden ist. Wir haben mal wieder gräßliches Pech. Schw. Luise ist krank geworden, d.h. sie war es wohl schon von Anfang an, hat aber aus Not die Stelle genommen und behalten, jetzt ging es plötzlich nicht mehr, und so ist sie fast fristlos fort. Über Koch haben wir uns wieder etwas geärgert; er wußte es schon wochenlang und hat uns nichts gesagt! Ärztliche Schweigepflicht! Wir mußten nun sehr rasch zugreifen und scheinen es gut getroffen zu haben; sie ist ein angenehmer Mensch, sehr ruhig und geduldig. Aber das Anlernen ist zum Wahnsinnigwerden; es ist noch viel schwerer als das letzte Mal. Wir müssen um 1/2 8 anfangen, d.h. um 7 spätestens aufstehen, damit Franzwenigstens um 12 mit dem ersten Frühstück fertig ist. Jetzt ist sie 2 1/2 Wochen da. Eben haben wir noch Schw. Dina, die geht aber Ende der  Woche nach Nauheim. Ich komme wieder überhaupt nicht aus dem Zimmer, bei dem schönen Wetter besonders qualvoll. Rafael ist jetzt reizend und spricht fast alles. Aber ich bin immer am Heulen, wenn ich ihn sehe; denn meine Beziehung zu ihm besteht im Wesentlichen darin, ihn rauszuschmeißen, die 2 oder 3 mal die er am Tage ins Zimmer kommt. Es kommen Tage vor, wo ich ihn bis zum Nachmittag überhaupt nicht zu sehen kriege. Es ist schon so besonders schwer, weil diese Monate und Jahre so unwiderbringlich verloren sind.

Nun zu Dir. Warum antwortest Du nicht? Ich hatte Dir auf Deinen letzten Brief nicht geantwortet, weil Franz gleich sagte, er wolle es tun, und er war ja auch mehr für ihn, und den für mich angekündigten habe ich nie gekriegt. Mir wirst Du es doch wohl glauben, wenn ich Dir sage, daß Franz tatsächlich unter dem jetzigen Zustand leidet und es ist kein übertriebenes Wort, daß er täglich und stündlich daran denkt. Überhaupt stand in dem von dir zurückgeschickten Brief mehr Wahres als Du ahnst und als Du verstanden hast. Daß Franz sich in der Melodie vergriffen hatte, weiß ich und wußte ich beim Schreiben und habe einen ganzen Nachmittag lang um diesen Brief gekämpft. Du bezeichnest den Zustand selbst mit dem Wort, daß die Gemeinsamkeit des Schicksals aufgehört hat. Und ich meine nun, auf diesen Punkt hat man sich zu stellen und von ihm aus weiterzuleben, und es hat keinen Sinn, jetzt zu philosophieren, ob es denn wirklich, weil es aufhören konnte, “Gemeinsamkeit” und “Schicksal” gewesen sei oder ganz etwas andres. Aber ebenso wenig Sinn hat es, zu behaupten, daß alles beim Alten und in Ordnung sei und sich, – verzeih das Wort – kindisch schmollend mit einem “alles oder nichts” zurückzuziehen. Daß es kein “alles” ist, haben die letzten Monate und Jahre bewiesen, daß es aber auch kein “nichts” ist, zeigen die Schmerzen, die Ihr Euch gegenseitig zufügt. Verstehst Du mich? Ich kann und will mich nicht deutlicher ausdrücken, weil ich, wenn ich vomInhalt sprechen würde, Partei sein müßte, und das will ich nicht, heute nicht.

Ich habe diesen Brief z.T. auf dem Schoß, z.T. während Franz’ Mahlzeiten sehr rasch geschrieben, auch aus diesem Grunde konnte er nicht ausführlicher werden, aber ich glaube, was ich wollte, habe ich Dir doch gesagt.

Deine Edith

Juli 1925

10.7.25.

Lieber Eugen,

Rudi hatte mich sogar extra gefragt wegen der Arbitrage (übrigens auch Strauss neulich, ob er die eine widerwärtige Geschichte, die er mit Epstein hatte, schreiben solle). Er scheint die Arbeit inzwischen etwas umgearbeitet zu haben, so daß ich wohl auch nichts mehr gegen die Veröffentlichung hätte, was ich ja übrigens auch nur gegen die anspruchsvollere Form der Veröffentlichung als Broschüre hatte. Also jedenfalls ist es kein sehr verantwortungsvolles Geschäft mehr und noch jedenfallser lohnt das Ding nicht, es Wittig zu zeigen, und am jedenfallsten – verfahre fein säuberlich mit dem Knaben Absalom, denn .. usw.

In der Kreatur werden wir so gut wie sicher nicht nebeneinander figurieren. Buber irrt sich da, und ich habe es ihm grade in diesen Tagen klargemacht, und er hat es nun auch verstanden. Die Kreatur soll doch selber keine theologische Zeitschrift sein, sondern – das ist ja grade der Witz – nur theologisch fundiert. Und meine ganze Produktion geht nun einmal jetzt in theologischer Richtung. ( Deshalb habe ich z.B. auch Buber abgeraten, Strauss um seinen Franziskus zu bitten; um den Dante, wenn der mal so weit ist, viel eher.) Meine Beteiligung an der Sache wird also wesentlich die des Theaterarbeiters sein, freilich eines alten Faktotums, ohne das es “nicht geht” und das von der Sache per ich und der Herr Intendant spricht; aber die Schauspieler und die auf dem Zettel genannten Regisseure müssen die von unsre Leut sein, die noch in Kunst, Politik und den verwandten Branchen arbeiten. – Daß es diesmal was wird, glaube ich auch. Vor allem hoffe ich, daß die Sichtbarwerdung den Erfolg hat, daß auch andre Leute aus ihren Löchern herauskriechen, sodaß man mal endlich einen Überblick hat, wieviele man eigentlich ist.

Den Aristotels fand ich deswegen so schön, weil er weiß, wie es um einen Philosophen steht: Schülerschaft, Entwicklung, Abfall, Schulbildung, Selbstvertrauen, Selbstzweifel, Selbstnachprüfung, Verzicht und Wirkung – das alles, es ist ja beinahe egal, ob es grade in diesem Fall stimmt oder nachzuweisen ist; aber es ist einfach so.

Also vielleicht ja auf Wiedersehen in deinen Ferien[?]!

Dein Franz.

[Eugen:]

17.7.25 Wardeinstr.3

Lieber Franz,

Ehe ich Buber auf den von ihm gemachten Vorschlag zu einem Beitrag für die Kreatur antworte, – ich glaube nicht, dass ich ihn liefern kann – will ich nun doch abwarten, was Theaterarbeiter und Intendant auf die Beine bringen. Hansens urkomische Sehnsucht nach Weiblichkeit (von Margarete Susmann und der “zu findenden” kath. Frau könnte man wieder sagen: “und wenn sie zeugen, bleiben sie unfruchtbar”) wirst Du ja hoffentlich gedämpft haben. Schirmacher ist eine Null; von Paquet habe ich noch keine vernünftige Zeile gelesen; Michel bedeutet Niveausenkung. Wittig kommt genau so wenig wie Du in Betracht. Ihr seid beide Klerus. Ich habe gestern Weizsäcker das Motto geschenkt:

Die Lehre muss auch die weltliche geistlich sein.

Noch trennt mich aber ein gehöriger Abstand von Deiner wie von seiner Stellung zur Sache. Ich mache Schule. Meine Schüler müssen Eure Zts. lesen. Ihr macht aber durchaus noch eine Zts. alten Stils, ohne Lesergemeinde, aus der Produktionsgemeinschaft von lauter Individuen. Sozusagen den Halbkopf des Janus, der noch nach rückwärts blickt, obwohl Ihr natürlich den selben Kopf bewohnt, von dem aus ich nach vorn ausgucke. Dabei ist die Marschordnung oder besser Arbeitsteilung, denn keiner von uns, mindestens ich nicht, könnte mich ohne Euch so weit vorwagen

Buber

Franz   —–       —–                  Eugen

Weizsäcker

+

Stern    Literatur             Gläubige

Theologie  Naturwissenschaft   Soziologie

erschlägt

Philosophie +

Dabei hat nun Weizsäcker durchaus Recht, dass er mit Buber ein unpassendes Duett bilde. Wohlgemerkt, dass sie ein Duo bilden, ist unpassend, weil es undeutlich ist. Buber hat seinen literarischen Ruf einzusetzen, aber dafür ist er ja – im ausserjüdischen – fast ohne “Tatsachen”, reine Persönlichkeit, und zwar chemisch reine. Weizsäcker ist als Mediziner zwar voller Tatsachen aber ohne Zeitbedeutung oder Zeitunzweideutigkeit. Die Zwischengeneration, die sie und die Kreatur selbst (im Gegensatz etwas zu Dir und mir) verkörpern müssen, hat als unzweideutiges Zeitsymbol nicht

Natur und Geist, sondern das was ja diese Raumwelt zerbrach:

Weizs. Buber

Jugendbewegung. Deshalb ist Weizsäckers Bedürfnis nach einem  Redaktionstrio m. Er. aus der Sache selbst heraus tief begründet. Du sowenig wie ich gehören in die Redaktion. Du bist zu sehr Theologus. Und ich bin zusehr auf Lehre und Lehrraum verpflichtet (obwohl natürlich Du und ich darin schreiben “könnten”, so haben wir eben unsre Kraft nicht dafür frei, und “können” deshalb nicht.). Ich helfe der Kreatur tatsächlich mehr, wenn ich wieder mal einen Schüler umwerfe, wie es eben doch jetzt realiter und unter Donner und Blitz mit den nötigen Erzeugerschmerzen geschieht. Die Nebenuniversität für den Winter scheint gesichert, mit Zuzüglern aus dem Reich, unter Beck[?]ers Protektorat, als Freischardienstjahr, ohne jede Influenz anderer Lehrkräfte ausser echten. Kannst Du also helfen, Buber über meine einstweilige Abstinenz zu trösten?

Mein Mauthnersprachaufsatz ist – unter völliger Ausmerzung Mauthners – im Neuen Merkur erschienen: “Das Versiegen der Wissenschaft und der Ursprung der Sprache”. Willst Du ihn nochmal lesen? Auch “Protestantismus und Volksbildung” ist als Broschüre heraus. Aber auch ihn kennst Du, glaube ich.

Als ich oben das παραλληλον = αντινομικον zu Hölderlin von der geistlich weltlichen Lehre schrieb, fiel mir wieder eine bildhafte Figur ein, in der sich unsere Zwiespältigkeit der letzten Jahre verkörpert. Du hast Margrit einmal beim Schenken der Diotimabriefe gesagt: Man stirbt eben daran. und Deine Entrüstung, dass Gritli nicht gestorben ist, nährte sich an diesem Vergleich oft. Ich und Gritli haben unter dem Stern Hölderlins uns auf unserer ausserweltlichen Brautinsel gefunden und durch Jahre befunden. Wir waren uns Hyperion und Diotima; da wir ja wie Du selbst behauptetest, ewige Brautleute spielten, so war Hölderlin unser Gleichnis. Indem Du mich zum Herrn von Gontard machtest, musste allerdings Gritlis Überleben Dich beleidigen. (Wobei Du vergissest, dass Deine Liebe ihre Täglichkeit um ein bis zwei Jahre vor Gritli verloren hat. Du zuerst hast die Tage und Wochen des Alltags wieder (in dem ersten Frankfurter Jahr)  zwischen die Täglichkeit einbrechen lassen. Natürlich hätte Gritli nichts überleben können, wenn sie mit mir nur verheiratet gewesen wäre. Aber hier liegt die Verwirrung und Vertrotzung, die Du angerichtet hast, indem Du das Hölderlinsymbol nachträglich auf Dich und Euch herunterrissest, indem Du die Chronologie umkehrtest und Gritlis Übermüdung vor Deine rücktest und indem Du Dir Deinen eigenen Krafteinsatz-richtungswechsel hartnäckig verschwiegst.

Vielleicht soll ich den Herbst nach England. Dann käme ich über Frankfurt.

Dein Eugen.

Herbst 1925

[Eugen:]                                                                                                                 [Herbst 25]

Newport bei Bristol

Lieber Franz,

Flinders Petrie hat hier neulich Grimme fürchterlich abgeschlachtet. Der gemeine Mann aber hält es natürlich mit Grimme, wie Dir beiliegender Ausschnitt zeigt.

Ich werde ein Weekend mit Walter Regensburg zubringen. Er ist ein armer Teufel, aber seine Braut ist ein Idyll, also wird er vielleicht in der Ehe gerade geborgen. Vielleicht bringe ich es fertig, ihn zu “stellen”, da ich ja meine Situation recht wohl parallelisieren kann.

Ich traf hier die Frucht des politischen Zionismus, Theoder Herzls katholischen Sohn, der Engländer geworden ist, in dem christlichen Knochenerweichungsinstitut Woodbrooke (40 Leute aus 23 Nationen hören deutsche liberale Theologie aus englischem Quäkermunde). Eine feine trübe Seele, die nur von Siegen und Niederlagen der Kirche weiss. Er hatte mit Martin Buber anlässlich des Tagebuchs seines Vaters korrespondiert.

In England herrscht eine heillose Konfusion und es wird ihnen wohl noch lange schlecht und schlechter gehen. Aber ein paar Glieder des heimlichen Komplotts habe ich doch auch hier getroffen und so war die Reise nicht sinnlos. In vier Wochen bin ich in Frankfurt. Edith, Rafael und Dich grüsst

Dein Eugen.

[Eugen:]

[Herbst 25]

[48, Cholmley Gardens,

London, N.W.6]

Lieber Franz,

Beiliegendes Bild stellt den Hof dar, an dessen Türen noch heut die alten Namen der verschiedenen Fakultäten stehen, nicht aber vier, sondern mehr, und sehr schnurrige Einteilungen. Ich trieb es in Oxford selbst auf, wo ich eine schöne Zeit hatte.

Der Briefkopf ist Walters! Ich wohne 2 Tage, weekend, bei ihm. Es ist reichlich seltsam, dass ich nun περιπλομενωνενιαυτων bei ihm über Dich, den Stern, Juden- und Christentum diskutieren muss. Er ist ganz versessen darauf, Dich – garnicht bis zum komischen mich – zu verstehen und zu überstehen. Sehr gescheut und sehr anständig. Und mit dem meisten hat er natürlich “unter dem Gesetz” recht. Ich habe heut 2 Stunden lang den Stern doziert und interpretiert. Aber er ist für eine völlig unenglische Situation geschrieben. Es ist hier ja alles ganz anders: muddle through die Losung, altes Testament ganz lebendig in der Kirche, die 10 Gebote Bestandteil der Liturgie. (Diese Dinge kamen nicht heut zur Sprache, aber man muss sie wissen, um die “Continentalität” all unserer Theologumene zu fühlen.) Marcionitismus ist hier undenkbar. Übrigens – ich selbst bin auch aller Theologie völlig entfremdet. Wittig hat nicht widerrufen, wie es scheint. Es ist eine grausige Einöde um ihn. Wir können nichts erfahren, da er auf seinem Dorfe sitzt.

Der Herausgeber des Hibbert = Journal Jacks hat eben ein Buch geschrieben: the faith of a pastor, worin er “vom Tode” anhebt und von der Herausforderung die der Tod für uns bedeutet. Ein merkwürdiger Mann, wie Du schon daraus siehst, dass er arrangieren will, dass ich in Oxford Vorlesungen halte. Er hat ein College dort.

Die Engländer sind ungefähr anno 1840 in philosophicis, eher 1831 als 1925. Und werden wohl einige Kapitel unserer Philosophie überschlagen. Und wir können auch nicht mehr “deutsch” philosophieren, nicht mehr europäisch, nur noch missionierend, in wachsenden Kreisen sozusagen, ganz gleich wo, ganz gleich wie gross. Ich gebe aber für meine eigenen Ansichten derzeit keinen Pfennig. So tief übermüdet bin ich.

Jetzt kriege ich ein Essay vorgelesen, das Walter vor zwei Jahren – vermutlich auch im Leiden unter Deinen Angriffen – verfasst hat. Er heiratet Anfang Dezember. Es scheint für ihn eine schwere Frage, ob Du davon Notiz nimmst. Er war die ersten Male schrecklich politisiert durch Labour. Jetzt in seinen vier Wänden merkt man, dass ihn die Politik nicht im geringsten interessiert, nur das Glaubensleben, – wie man es 4 Wochen vor der Hochzeit versteht.

Dein Eugen.

Ich habe auf der Bodleiana gearbeitet. Eingang im beiliegenden Hof.

Oktober 1925

20.10.25.

Liebes Gritli,

Mirgeler schreibt mir und bittet mich um eine Art Attest, daß unsere Vergangenheit seiner Gegenwart nicht im Wege steht, was ich ihm ja mit gutem Gewissen bescheinigen konnte, obwohl ich nicht recht weiß, was er damit anfangen will.

Aber außerdem schreibt er, daß Du Dich mir gegenüber schuldig fühlst. Davon hatte ich keine Ahnung, mußte sogar nach Deinem Verhalten im Frühjahr, vor allem nach Deiner Harthörigkeit für meine Briefe nachher, und nach der Art wie Eugen dann die Sache behandelte, eher das Gegenteil annehmen. Nachdem ich nun aber durch Mirgeler, der doch sicher Bescheid weiß, das was Du vor uns verbargst doch erfahren habe, möchte ich doch darauf eingehn; es hat keinen Sinn daß Du Dich mit Gespenstern herumschlägst und Dir dadurch den Genuß der Gegenwart verkürzest. Dein Verhalten gegen uns im Frühjahr, das gewiß alles andre als schön war, hast Du durch Deinen neuerlichen Besuch vollkommen redressiert; wir sind Dir für dies Wiederherstellung einer unbrutalen, menschlichen Beziehung dankbar und auch Du wirst Dich wohler dabei fühlen. Und in unsrem Verhältnis in den fünf Jahren seit 1918 kann auf Deiner Seite von Schuld keine Rede sein, weder in Deinem Knüpfen noch in Deinem Lösen der Beziehung. In beidem bist Du, das sehe ich jetzt ganz klar, nur Deiner Natur gefolgt und hast, mit Deinem eigenen Wort darüber vom Frühjahr zu reden, nur das Selbstverständliche getan. Wenn man dabei von Schuld reden wollte, wäre sie bei mir zu suchen, daß ich in dem Ausgang jenes Selbstverständliche nicht gleich verstanden habe und vor allem daß ich nicht von allem Anfang an alles im Sinn jener Selbstverständlichkeit verstanden habe. Aber wie gesagt ich würde auch das keine Schuld nennen, geschweige denn Deinen Anteil.

Das Manuskript ist nun ganz weg. Aber Korrekturen noch keine weiteren. Alle andern haben die Ruhe, nur Buber und ich die bekannte jüdische Hast. Dabei doch eigentlich nur im Interesse der andern, wenigstens des Verlegers; denn uns kann es ja eigentlich egal sein ob der Verleger sein Kapital rasch amortisiert. – Jedenfalls habe ich heut zum ersten Mal seit Juni “nichts zu tun”. Es kommt ja aber nochmal wieder.

Edith grüßt. [Edith: und kommt hoffentlich bald zum Schreiben]

Dein Franz.

[Anfang fehlt]

[an die Mutter?? Oktober/November 25?]

noch zweier Briefe grade aus diesem Jahr, der eine aus dem Frühjahr, der andre aus dem Spätherbst, die zu den schönsten gehören, die Du mir je geschrieben hast. Wie konnte ich Dich mit meiner Narrheit, mit meinem (nach Eugens’ Wort) “Philosopheneigensinn”, “Herr des Geschehens” bleiben zu wollen, so quälen! statt einfach aus Deinem Verhalten abzunehmen, was Liebe ist.

Auch Du mußt doch froh über diese Übereinstimmung sein. Wäre sie nicht noch rechtzeitig in mir erweckt worden, so wärest Du ja gezwungen gewesen, mich, wenn Edith einmal behindert gewesen wäre, in dem Zustand absoluter Stummheit im Stich zu lassen; und da Du ja weißt, was das heißt – denn soviel Einblick hast Du in unsere primitivsten Lebensbedingungen, so hätte die von Dir neulich ausgesprochene Unmöglichkeit mir zu helfen dann, wenn der Fall eingetreten wäre, auch Dich an den Rand der Verzweiflung gebracht. Auch deswegen freue Dich also meiner Bekehrung!

Und überhaupt

Dein Franz.

November 1925

18.11.25

Lieber Eugen,

erst heut komm ich zum Antworten auf Deine drei Briefe und zum Dank für das Bild in dem gestrigen. Ich bin ja nicht Herr meiner Zeit, sondern das ist der meschuggene Drucker Hegner in Hellerau, von dem Du ja auch weißt. Heut läßt er mir grade wieder mal Luft, dann kommt irgendwann wieder das ganze Buch zum Korrigieren auf einmal.

Daß Du  mit Walter bis zu dem Punkt deines dritten Briefs kommen würdest, war mir schon nach der ablehnenden Bemerkung über ihn in Deinem ersten (vom 3.Okt.) keine Frage. Denn das einzige was ich vor zwei Jahren an ihm getan habe, war ja weiter nichts als ein Hinschieben auf eine irgendwannige Begegenung mit Dir. Von Angreifen war garnicht die Rede; ich werde Dir jetzt wenn Du kommst meinen damaligen Brief zeigen. Nur seine allzubequeme Zumutung, ihm seine “Überzeugtheit” (und wenn schon!, was heißt denn “Überzeugung”! Hans hat den Schritt damals auf Wunsch seines Grossvaters und auf Rat Onkel Viktors, “damit es garnicht in seine  Habilitationspapiere käme”, getan, Rudi Hallo aus echtester Not, – was daraus wird, darauf kommt es an!) zu bescheinigen hatte ich damals abgewiesen, eben im Sinne der obigen Parenthese. Den dümmlichen Essay über die berühmten Juden und die mangelhafte Sportbetätigung  seines Vaters hatte er mir damals mitgeschickt; ich habe ihm damals vetter=, väterlich geraten, ihn aus Gründen des guten Geschmacks in seiner doch = immerhin = Situation nicht zu veröffentlichen. Deine Lage 1906 war übrigens, von dem, bei ihm auch viel stärkeren, Laios = Komplex abgesehen, ganz anders. Du hättest damals schon einen ungeheuren guten Willen aufbringen müssen um das Judentum zu sehen; Walter musste sich Scheuklappen vorbinden, um es nicht zu sehen.

Przywara hat mir, mit Briefen Herrn Professor Eugen Rosenstock Breslau, seinen Aufsatz in den Stimmen der Zeit, den Du nach Deiner Rückkunft unbedingt lesen mußt, geschickt. Er ist so, daß ich nicht bereue, Buber die Annahme der Einladung zu einem Religionsgespräch, wegen des Orts – bei Gottfried Salomon -, widerraten zu haben: unmenschlich. Von mir hat er natürlich nur vom dritten Teil Notiz genommen, aber auch von dem wie!! ungefähr die Sachen lässt er mich meinen, gegen die ich das Buch geschrieben habe. Hingegangen zu dem Gespräch ist übrigens – Koch!

Dein Franz.

Dezember 1925

6. 12.25

Lieber Eugen,

Mittwoch um 11 liest Buber in der Universität, um 12 hat er Übung, ißt bis 2 bei uns, dann wahrscheinlich von 4-7 wieder hier. Um 8 spätestens esse ich. Donnerstag bin ich Vormittag von 1/2 12 und Nachmittag von 4 an sprechbar. Ebenso Freitag Vormittag. Dies das Programm. Mit Buber wirst Du ja auch zusammensein wollen. Ruf aber bitte an, wann es geht.

Mit den zehn Geboten hast Du Pech. Grade das strikte Verbot wird im Hebräischen durch das Futurum mit “non” ausgedrückt, ist also nur durch den Zusammenhang von einer Verheissung zu unterscheiden (“Batterie steht morgen früh um 5 Uhr 30 marschbereit auf dem Kasernenhof”, was auch keine Verheißung ist, obwohl es der grammatischen Form nach eine sein könnte); mit “ne” wird grade das bitt=, mahn=, zuspruchweise Verbot ausgedrückt: fürchte Dich nicht, zürne nicht, usw. Z.B. steht Genesis 2,17, 3,1, 3,3  3,17 bei der verbotenen Frucht immer “non”; und wenn das eine Verheissung gewesen wäre, wäre es sehr kompromittiernd für den Verheißer, oder sehr angenehm für uns.

Dies nur zur Entlastung des Mündlichen.

Also auf Wiedersehn.

Dein Franz

11.12.25

Lieber Eugen,

es war mir schmerzlich, daß durch Dein Mißverständnis meiner Erregung eine von mir nicht gewünschte Härte in unsern Abschied kam. Ich hätte Dir den andern Gruß unbedenklich auftragen können und es vielleicht getan. In diesem Zusammenhang und als Wort zu meiner Erregung aber, wie Du es meintest, wäre es eine einfache Lüge gewesen. Die Erregung, so weit sie nicht auf Konto des pathologischen ging, bezog sich wirklich nur auf Wittich [!]. Ich habe Deine Frage, ob Du es erzählen dürftest, erst bei nachträglichem Überlegen verstanden; ich hatte sie nur auf ihn bezogen. Daß in derartigen Erschütterungen immer auch ein Stück Pathroklu prophasie steckt, ist ja klar. Aber an einen Dritten hatte ich wirklich nicht gedacht. Dem Ernst meines Gefühls für Wittich [!], von dem Du ja nun unfreiwillig Zeuge geworden bist, hätte sich kein Gedanke an jenes andre Verhältnis einmischen können, das wir für die Vergangenheit vielleicht verschieden ansehen mögen, das aber in der, nun schon 3 Jahre währenden, Gegenwart doch unabhängig von aller Zweifelhaftigkeit der Ansichten ein ganz konventionelles geworden ist. Das Nebeneinander, in das Dein Mißverständnis die beiden Grüße zu bringen drohte, hätte den ersten entwertet.

Bubers mir sonst an ihm gar nicht gewohntes Tempo kam vielleicht daher daß er im Herbst via Gritli = mich gehört hatte, daß Wittich [!] in den Sommertagen der Plan der Kreatur zeitweilig gradezu Welt und Zukunft vertreten hätte.

Grüß Gritli und Hansli

Dein Franz

[Eugen:]

14.Dez.[1925]

Lieber Franz,

Seltsame Gleichartigkeit des Schicksals, das Frankfurt mir und Gritli bedeutet. Dort ist die Stärke unseres Lebens, die halbe Kraft unseres Herzens verströmt in zwei Häuser. Beide verleugnen ihre geschöpfliche Verbindung zu dem Erzeuger. Beide ehren nicht die Entkräfteten, sondern verscharren die Exilierten, die ihre eigentliche Herzkraft dort gelassen haben, sub voce konventionell. Mir ist am 11. mit Michel und der Akademie genau das gleiche passiert wie Gritli am 10. mit Dir. Deinen bösartigen Ukas erhältst Du anbei zurück. Ich habe Wittig gefragt, ob das nun Eitelkeit sei, wenn man unerlöst um das Liebeswort bettle, das die Schöpferkraft und die geheime Beziehung benenne jenseits der von Dir beliebten Alternative Leidenschaft (Buber) und Konvention. Denn dass Du nun Menschen aus Fleisch und Blut tottrampeln musst, ist ja an sich Deiner gegenwärtigen Leidenschaft zugute zu halten. Sie bekommt grade dadurch Fleisch und Blut.

Wittig nannte das, was mir in Frankfurt widerfuhr und eben jetzt erneut widerfährt: Mord. Und ich weiss seitdem, dass es das ist. Ich sage trotzdem zu dem Mörder “lieber Michel”, aber die Tatsache des Mords sage ich ihm auch.

Glaube nicht, dass nur Kirchen oder Staaten ins Exil schicken. Ich lerne an Deinem Stolz und an dem Hass der Akademie, dass die Gewalt der Seele auch vom Menschen ins Exil geschickt werden kann. Die Exilierten werden wohl kraftlos darob aber nicht stumm sondern bleiben wenn auch verscharrt

Dein Gritli und Eugen

23.12.25

Liebes Gritli,

ich schicke Dir – erst heut, weil ich bis jetz an einem Waschzettel für die Bibel zu arbeiten hatte – diese Korrespondenz, damit Du sie kennen lernst; der Anlaß war ein Gefühlsausbruch von mir auf Eugens Frage, ob er Wittig von mir grüßen dürfe, den Eugen auf Dich bezog! Sein Mißverständnis führte zu einer scheinbaren Härte, gegen meinen Wunsch, so daß ich gleich am Morgen ihm diesen begütigenden Brief schrieb. Die Folge war dieser alberne Brief, den er auch noch mit Deiner Unterschrift verzieren zu müssen glaubte. Daß Du nichts davon weißt, war uns beiden unabhängig von einander – ich kam erst gestern dazu, mit Edith darüber zu sprechen – selbstverständlich; wie hättest Du sonst Deine Antwort auf meinen letzten Brief schreiben können! Aber grade weil ich die respektiere, möchte ich wünschen, daß Du Eugen etwas über Deine Auffassung aufklärst, damit sein ungeschickter Advokateneifer nicht immer wieder aufrührt, was wir alle wirklich nur zu beschweigen Grund haben.

Gestern ist das Buch an Euch abgegangen, sodaß es wohl noch zu Weihnachten zurecht kommt. Eine Besprechung ist auch schon erschienen, die noch nicht mal auf meinen Waschzettel geantwortet hat, sondern einfach den Prospekt ausschreibt. Und wo? in der Deutschen Tageszeitung! “ausgerechnet”.

Deinen kühnen Rat haben wir befolgt. Wir haben den Text wirklich den Erzählungen von Rafael zu Grunde gelegt. Er spricht nun gleich von Chawa, ohne ihre Identität mit Tante Eva Sommer zu ahnen. Und bei den Schiffen, die die Freitagabendonkels und =tanten als Naturalleistungen für ihn anfertigen müssen, sagt er plötzlich: “bis auf eine Elle geschlossen”.

Dein Franz

Gritli Letters (Gritli Briefe) 1924

Contents

Februar 1924

12.II.24

Lieber Eugen,  Kochs Brief ist natürlich sehr schön. Es wäre ja auch zum Verzweifeln, wenn er nicht hin und wieder so gescheit wäre wie er wirklich ist. Denn das ist das Malheur: er glaubt, zu guten Zwecken sich dumm stellen zu dürfen oder zu müssen. Das kommt aus der Sprechstunde, von der er nie recht weiss, wo sie aufhört. Und dass er das nicht weiss, kommt von der Vaihingerei. Er muss sich schon sehr genieren, vor dir z.B. oder vor dem Leser der Frankfurt. Zeitung, um sich nicht dumm zu stellen. Ich habe ihn seit ich weiss nicht wie lange immer nur dumm genossen. Die letzten Male einfach so dass ich keine Lust nach Wiederholung habe. Dabei billige ich ihm als Arzt ja alle Medizinmannsmaskentänze, die der Kult dieses Berufs verlangt, zu. Ich habe ihm ein halbes Jahr das Vergnügen gemacht, den gläubigen Patienten zu spielen – das soll mir mal einer nachmachen. Aber ausserhalb – und es muss ein ausserhalb des Alsob geben – möchte ich ihn lieber gescheit sehen, obwohl ihm meine Krankheit gewiss es schwer macht, sich einen Augenblick nicht in der Sprechstunde zu fühlen.

Das jüdische ist vielleicht gar nicht gut für ihn. Er sollte vielleicht Lehrhaus und alles aufgeben und den Geist auf die Bahnen lenken, wo ihn seine Frau nicht bemerkt – als Geist nicht, als Handlung und Wissenschaft schon – und also duldet. Wenn ich denke, wie belämmert, wie wirklich albern er neulich war, als er hier zufällig mit Buber zusammentraf, – den er trotz entgegengesetzter Information krampfhaft für einen orthodoxen Juden hält, so schüttelt es mich.

Seine Schlussbemerkung über das Lehrhaus – na ja! die Trennung vom Ausschuss und die Auseinandersetzung mit Hallo scheint mir, nach dem Kraftaufwand, den das eine, und dem Herzblutverlust, den das andre gekostet hat, doch noch wesentlich zur Rosenzweigschen Geschichtsperiode zu gehören. Die Vertilgung und Vernichtung denke ich seiner Bequemlichkeit nicht zu gestatten. Also ebenfalls noch Rosenzweigsche Periode.

Überhaupt wäre das Lehrhaus übel dran, wenn es auf Koch angewiesen wäre. Wirklich prompt und rationell arbeitet nur Buber. Koch glaubt an Wunder oder vielmehr an Heinzelmännchen. Die Lotte Fürth, die das Lehrhaus seit Dezember technisch einfach trägt, behandelt er wie ein Gassenjunge. Du weisst doch, die von der Michel damals sagte, sie hätte das einzige vernünftige Wort in der Diskussion damals gesprochen.

Aber jedenfalls danke ich dir für die Zusendung des Briefs, die wie du siehst sehr nötig ist – wie auch die Artikel der Frkf. Ztg. -, damit ich immer wieder Veranlassung habe, mich auf den wahren Koch zu besinnen.

Es ist Mittwoch geworden und gestern abend grade war Koch noch da und bemühte sich erfolgreich, meinen Brief zu widerlegen. Freilich war eben auch zufällig nicht vom Lehrhaus die Rede. Das Jüdische ist für ihn schädlich, weil er – ähnlich wie Rudi Hallo – dazu sagt: wasch mir bitte bitte den Pelz, aber mach mich um gotteswillen nicht nass. Wie Beckerath seinerzeit mit dem Christentum. Mit andern Geistern, der Kunst etwa und der Wissenschaft, lässt sich ja wirklich so umspringen, aber die Tümer sind anspruchsvoller. Und deshalb macht ihn sein entdecktes Tum verlegen und also dumm.

Nun kann ich, solange ich es auch, zuletzt noch durch die lange Kochiade, hinauszuschieben suchte, nicht mehr daran vorbei, auf das andre in deinem Brief vom Januar einzugehen. Grade heut morgen kam ein Brief von Gritli, wo ziemlich dasselbe drinsteht. Der macht mir also das Schreiben nicht schwerer, aber auch nicht leichter. Die Todesprofezeiungen vom Herbst 1920 hatten doch einen ganz bestimmten Anlass und ein ganz bestimmtes Ziel. Auf das sind sie wörtlich eingetroffen. Das würde wohl heut keiner mehr von uns allen leugnen, auch Rudi und Helene selber nicht. Dass nun der Profet das was er metaforisch sagt, selber unmetaforisch darstellen muss, ist ja normal. Das ist das Wesen des Zeichens. Freilich auch das tote Kind vom Februar 21 war ein solches Zeichen. Aber ein Zeichen ist keine Folge. Ein Zeichen ist wirklich nur ein Zeichen. Meine Krankheit ist erst ein volles Jahr später verhängt. Also gar nicht in ursächlichem Zusammenhang mit meinen Profezeiungen. Bei denen war ich doch ganz passiv, wirklich wie ein Profet. – Nun illam und istam. Das ist wahr, aber doch nur Mittelgrundswahrheit. also die unwichtigste von allen. Dass du die Hintergrundswahrheit   siehst, ist nicht zu verlangen; die sieht man immer nur selber. Aber die Vordergrundswahrheit müsstest du und müsste Gritli sehen und ihr dürftet nicht versuchen, sie euch durch die Fiktion einer Aktivität meinerseits zu verhüllen. Ich habe niemals einen Schritt weg von irgend jemandem getan. Wie sollte ich denn dazu kommen. Mein Anteil ist nur meine Krankheit. Freilich ein reichlicher Anteil, aber doch ein ganz unaktiver. Da hat Gritli eben eines Tages dann “nicht mehr gekonnt”. Nicht mehr schreiben gekonnt wenn sie weg war, nicht mehr sprechen gekonnt wenn sie da war, (ich habe bisweilen wochenlang noch nicht mal ihren Aufenthaltsort gewusst, weil sie selbst überhaupt nicht mehr sprach), nicht mehr fragen gekonnt (so radikal war dies Desinteressement, dass sie z.B. die “18 Hymnen und Gedichte, usw.”, die am 1.1.23 zum Verleger gingen, vollständig kannte – sie fielen eben noch in ihre Zeit – aber von den “60 Hymnen und Gedichten usw.” die am 1.7. abgingen, nichts mehr). Das sind an sich Kleinigkeiten, die ich noch vermehren könnte, wenn es zur Gedächtnishülfe nicht genügt, denn nur dazu sind sie da. Schliesslich doch noch das Symptom der Symptome: dass dies Jahr des Desinteressements in Wahrheit ja nur ein halbes Jahr war. Die andre Hälfte hat sich Gritli erholen müssen. Hier kann doch wirklich ich nicht aktiv gewesen sein. Sie hat das sicher noch nie so gesehn. Denn es waren natürlich im Vordergrund jedesmal andre besondere Gründe. Wie ich auch deine Frankfurter Pläne in diesem Jahr immer mit dem Wissen begleitet habe, dass nichts daraus werden würde; obwohl ihre Grundlagen richtig waren und ihr sicher wieder herkommen werdet, aber – später.

Ihr werdet doch hoffentlich aus diesen einmal anzuführenden Einzelheiten nicht euch einen beleidigten Franz konstruieren. Ich habe sie wirklich nur angeführt, um meine Passivität zu zeigen. Aber damit meine ich warhhaftig nicht, dass Aktivität auf Gritlis Seite vorläge. Eher zu wenig. Ich nehme das “Nichtkönnen” ganz ernst. Natürlich weiss ich, dass man es auch psychologisch nehmen könnte und dass das in diesem meinem Fall ja besonders nah läge; denn ein Vergnügen ist der Umgang mit mir sicher nicht mehr; das weiss ich selbst genau so gut wie andre Leute. Wenn ich sage, dass ich ihr Versagen ganz ernst nehme, so meine ich damit, dass ich unbeschadet dieser Vordergrundsgründe, die mich eben weiter nicht interessieren, mich frage warum diese Vordergrundsgründe über sie Macht gewinne durften. Darauf habe ich die Hintergrundsantwort für mich freilich ganz sicher, – aber für sie? das ist mir rätselhaft, wie allerdings wohl immer das was dem andern in dieser Schicht zustösst. Das ist die eigentliche Trennung, wenn man nicht mehr zusammen in die Hölle oder den Himmel zu kommen erwarten darf. Dass ich bei allem Begreifen, dass mich dies letzte auch noch treffen musste und dass bei mir keine einschränkende Bedingung wie doch bei Hiob sogar statthat, auf die ich Esel im ersten Jahr meiner Krankheit noch rechnete, sondern dass mir wirklich alles genommen wird, nicht bloss der Weg vom Wunsch zur Wirklichkeit, sondern auch der Wunsch selbst, – dass ich mich bei aller verzweifelten Einsicht, dass dies zu meinem Heil ist, gegen dies mein Heil eben so verzweifelt sträube, das siehst du ja schon daran, dass ich, als mir allmählich – denn anfangs mochte ich es natürlich nicht glauben – die Wirklichkeit dieses Unglaublichsten unbezweifelbar wurde, nicht radikal gewesen bin, sondern es gemacht habe wie immer in dieser Krankheit: genommen was der andre mir nun noch geben konnte, wirklich in diesem Fall nicht bloss um des andern willen (wie ich etwa Rudi das befriedigende Bewusstsein verschaffe, mich besucht zu haben, wenn er nach einjährigem Verschollensein zur Essenszeit ohne vorherige Anmeldung anrückt, zitternd vor Angst, dass die Chose lang dauern könnte) sondern in diesem Fall wirklich auch um meiner selbst willen. Ich verzichte auf den Schein von Selbsttätigkeit, den ich mir dadurch verschaffen könnte, dass ich die paar Fäden zu denen meine Kraft noch etwa langen würde aus dem reissenden Strick an dem ich hänge selber noch zerrisse. Ich nehme gar nichts “auf meinen Willen”. In meinen W i l l e n nicht. In meine Liebe ja, in meinen Willen nicht.

Du gibst diesen Brief ja Gritli. Wenn nicht – aber warum nicht -, so schreib mir, damit ich Gritli dann extra antworte, und dann natürlich nichts von dem, was in diesem Brief steht, – einmal und nicht wieder.

Dein f

25.II.24.

Lieber Eugen,  ehe mein Schnupfen ausgebrochen ist, muss ich dir doch noch antworten. Denn das was du schreibst, trifft auf das Geschehene gar nicht zu, grade weil es alles auf schon früher Geschehenes vollkommen zutrifft. Das weiss ich gewiss und habe es lang anerkannt. Das wäre nichts Neues und Entsetzliches. Das wäre gewiss der Himmel noch über der Erde, wie er es ja auch nach 1920 war, von welchem Datum du recht redest. Was 1923 geschehen ist, ist etwas ganz andres, etwas, was wirklich den Himmel verschlossen hat, von dem du sprichst. Denn eine Ewigkeit, die aufhört, ist nie eine gewesen. Männerfreundschaften werden wohl immer unter der Klausel rebus sic stantibus geschlossen, deshalb entwertet mir Rudis jetziges Verhalten nichts Vergangenes. Aber hier ist es anders. Dass einer versagen konnte – ganz einerlei wer, nach dem Geschehenen muss ich es ja für möglich halten, dass im umgekehrten Fall auch ich es hätte sein können, es ist ja nun alles möglich – also dass einer versagen konnte, macht alles Vergangene zur Illusion. Die Liebe ist kein Wagen wie die Freundschaft, wo einer herausspringen kann und es bleibt immer noch der Wagen übrig; Paolo und Franceska fahren nicht auf einem Wagen; – wenigstens eine Liebe, über der einmal das Wort der Ewigkeit genannt ist. Mit diesem Wort bin ich früher immer sparsam gewesen, vielmehr ich habe es nie ausgegeben. Meine Liebe hat früher immer ihre Leidenschaft aus dem Gefühl ihrer Vergänglichkeit genährt; wenn sie vergangen war, war sie durch das Vergangensein nicht verleugnet. Nun habe ich das höchste Wort des Lebens auf einen Wechsel geschrieben, die Firma ist bankerott, ich kann ihn nicht einlösen.

Das ist also kein Gegenstand zu klugen und an sich richtigen Bemerkungen. Sondern ganz etwas andres. Ganz wacklig ist übrigens der Nagel an dem du deinen Brief aufhängst. Für meine Notstandsarbeiten erwarte ich selbst kein Interesse. Für den Cohen und den Cohn jetzt sowenig wie früher für den Hegel. Ich bin doch nicht verrückt. Aber der Jehuda Halevi ist eben, wie du sehen wirst, etwas ganz andres. Nichts “nach dem Stern”, sondern vor dem Tod, mein direktestes persönlichstes Buch, was ich je gemacht habe. Das wird dir Gritli für die ersten 18 und ihren damaligen Eindruck bestätigen. Und damit erübrigt sich ja der objektive Beweis, den ich dir eben zu geben suchte. Wärs Notstandsarbeit gewesen, so doch schon 1922, und nicht erst 1923. Aber nur als unzweideutiges Symptom hatte ich es angeführt. In meiner Lage sieht man ja an sich leicht Gespenster.

Koch in der Förstersache war hochkomisch. Näheres mündlich. Er hat direkt erzwungen, dass er kommt, offenbar weil er nachher Angst vor seiner eigenen Kurage vor Geheimratstronen [?] gekriegt hat. Um Mutters willen ist es ja gut, wegen des Après.

Der Beckersche Vortrag hat mich interessiert, der verstümmelte Schlusssatz, der mich, dich, Hans, Buber zu Orientalen macht, noch mehr als das. Vielleicht ist es ja wahr.

Vor dem Versinken in die Schnupfenhölle

Dein Franz.

Gritli dank für ihren Erzählbrief, den ich mir von Edith geben lassen habe, weil ich ahnte, dass er für mich bestimmt war; Edith hätte ihn mir von selber gar nicht gegeben, weil sie meinte, es stünde nichts Interessantes drin für mich!

[Edith dazu:] So stimmts nun nicht. Franz forderte den Brief von mir, als ich ihn grade gelesen hatte. Ich hätte ihm wohl aus dem Inhalt erzählt, wenn auch nicht gezeigt, denn ich habe stets eine Scheu, Briefe, die an mich gerichtet sind, zu zeigen, selbst Franz, in diesem Fall sicher zu Unrecht. Aber dass ein Brief an mich geschrieben, aber für Franz bestimmt war – auf diese komplizierte Geschichte wäre mein simples Gefühl nicht von selber gekommen.

Entschuldige das böse Papier.

Deine Edith.

März 1924

9.III.24

Lieber Eugen,  soll ich dir nochmal antworten? nachdem du mir standhaft dasselbe schreibst, was ich schon in meinem vorigen Brief abweisen musste. Ich kann dir nur wiederholen, dass du 1919 mit 1923 verwechselst. Für 1919, 16.Februar ff. sind wir absolut einig. Dein Kommentar zum Sternschluss ist einfach autentisch. So habe ich damals die beiden Worte gemeint. Wie erstens philologisch aus dem Zusammenhang hervorgeht, wo das Wort Leben als Gegensatz zu Heiligtum und Schau gebraucht wird, also Alltag und Wirken bedeutet, und zweitens biographisch aus der Tatsache, dass ich 14 Tage danach mit den energischsten Bemühungen um eine Stelle, in der ich mich in Kleingeld zu wechseln hatte, begann (die Redaktion des misen grünen Blättchens), die dann Anfang 1920 zum Erfolg führte. Du aber schreibst, als hätte ich mir Haus und Beruf 1923 gegründet, nicht 1920. Damals habe ich erlebt, was du krampfhaft in das 1923 Geschehene hineinzuinterpretieren versuchst.

Liebes Gritli, soweit hatte ich Sonntag abend geschrieben, und am Montag kam dein Brief, der es mir ja nun erspart, weiter auf Eugens Konstruktionen einzugehen. Weshalb umnebelt er sich eigentlich so gern? Der Sturz aus der Ewigkeit in die Zeit, der ja gewiss schmerzhaft ist – ich habe im Spätjahr 1920 vernehmlich genug au geschrieen – ist doch nimmermehr eine Verleugnung der Ewigkeit, im Gegenteil, wenn man ihn überlegt, ihre Bestätigung, sogar ihre einzig mögliche Bestätigung, denn wie sollte die Ewigkeit sich anders bestätigen als durch ihre Bewährung an der Zeit. Das war also wirklich nicht gemeint. Die Erde ist keine Widerlegung des Himmels, aber die Hölle ist es, weil sie zugleich eine Widerlegung der Erde ist. Sogar nur an der Erde kann sie ansetzen, den Himmel direkt kann sie nicht erreichen. Aber indem sie [die] Erde, die verwandelter Himmel ist, verleugnet, verleugnet sie auch den Himmel, der in diese Erde hinabgestürzt ist. Ich bin wirklich froh, dass du diese bequemen Konstruktionen nicht mitmachst, nach denen mein letztvergangenes Jahr ein Jahr des “Wirkens” gewesen sein müsste. Was in Wahrheit geschehen ist, ist doch eben, dass ich angefangen habe zu stinken und da hat es eben Aljoscha nicht mehr ausgehalten. Posthum ist das ganz berechtigt. Die Bestattung hat immer sehr viel von einer Beseitigung, die sie ja im Grunde auch ist. Was Sigune, glaube ich, mit Schionatulander tut, ist grotesk. Aber hier ist es eben trotz aller dagegensprechenden Symptome noch praehum.

Lieber Eugen,  dieser Brief kommt nicht zur Ruhe. Heute Mittwoch vormittag, kam dein Brief. Ich war zuerst nur entsetzt über den Plan, nicht wegen Abgeordneter – diese oder eine ähnliche Selbstwiderlegung deiner komischen Professoralitätsendgültigkeitssprüche hatte ich erwartet und hätte sie dir, wenn der vorstehende Brief an dich sein natürliches Ende erreicht hätte, auf den Kopf zugesagt – also nicht wegen Abgeordneter sondern wegen Zentrum. Mindestens musst du es deinen Aufstellern kolossal schwer machen. Schade dass du nicht mehr Diakon bist, das würde dir das Schwermachen erleichtern. Und auf jeden Fall frag Picht, und tu es nicht wenn er Bedenken hat. – Es ist schon eine Aufgabe, das was man ist und das was man scheint, zusammenzuhalten, wenn man dasselbe ist wie man scheint, – geschweige wenn, wie du in diesem Fall, nicht.

Liebes Gritli, ich fahre fort, wo ich gestern abend aufgehört habe, in der stillen Hoffnung, jetzt den Brief fertig zu kriegen. Wenn ein Mensch tot ist, dann sagt er es schon selber, die andern können ihn wohl für tot erklären und demgemäss behandeln, aber mit diesem bürgerlichen Tod ist der physische durchaus nicht eingetreten. Ich verlocke gradezu zu solchen Toderklärungen, das ist ja klar, ich sehe eben von aussen viel töter aus als von innen. Da ich mich selber an sich wie jeder Mensch nur von innen sehe, muss ich mich fast mit Gewalt immer wieder erinnern wie ich wirke, damit ich keine unerfüllbaren Ansprüche stelle. Aber genug davon.

Das Wesentliche ist, dass es uns beiden hundeübel dabei ist, nicht bloss mir. Für mich ist ja alles, was 1917 -1922 war, etwas so biografisch Unzeitgemässes, etwas was, wenn Mutters lauter und Trudchens schweigender Protest dagegen heut durch dies Ende recht behalten sollten, und das Ganze eine blosse “angenehme Erinnerung” werden würde, mir nach 1913 so Unerlaubtes dass ich nur mit Scham darauf zurücksehen könnte. Eugen wird das nicht verstehen, aber du. Ich habe um einen zu hohen Einsatz gespielt, um mich jetzt mit Anstand zurückziehen zu können. Ganz so wirst du es nicht empfinden, aber doch ähnlich. Deshalb meine ich, wir halten uns, nachdem es einmal zur Aussprache gekommen ist (eines von Eugen erwähnten Worts von dir vor Jahresfrist erinnere ich mich nicht, nur eines, und natürlich noch gegenteiligen, vom Oktober 22, das herausgefordert zu haben, vielleicht frevelhaft von mir war) nicht mehr bei den Warumfragen auf. Komm nochmal hierher, nicht erst zum Packen, also nicht erst in der Woche vor Ostern, sondern schon eine Woche früher. Edith ist auch erholungsreif, sie beschimpft mich nachts, wenn sie nicht weiss was sie sagt, wie ein Rohrspatz. An der Arbeit wie du meintest liegt es nämlich nicht, ich habe erst angefangen, so jeden Augenblick mit dir zu arbeiten, als ich merkte, es wurde dir schwer, zu mir zu sprechen; ich wollte dir doch nicht das Zimmer verbieten. Also komm. Wenn wir so lange gekonnt und gemusst haben, wird es uns auch erlaubt sein, einmal zu wollen.

dein Franz.

Ist das schöne Hellas – Buch noch rechtzeitig angekommen? ich verdanke die Kenntnis Putzi, dem Griechen.

[Edith:] Liebes Gritli – Deine Edith

30.III.24.

Liebes Gritli,  nein, ich sehe es doch genau so an wie du. Dein Ferngefühl hat dich nicht getäuscht. Auch schreiben möchte ich jetzt aus dem selben Grund wie du nicht. Eugen war hier wirklich ein schlechter Vermittler. Wir haben erst lange aneinander vorbei gesprochen, weil er nicht begriff, dass es mir wirklich nicht auf theoretische Erklärung des Geschehenen ankam, auf die vielleicht richtige seines jetztigen Briefs sowenig wie auf die sicher falsche seiner vorigen. Und ich begriff nicht die Wichtigkeit, die er sich selbst in dieser Sache beilegte. Er war ja gar nicht gemeint. Als ich es begriff, tat er mir sehr leid, aber zu einer Übertragung der ganzen Not auf ihn war und bin ich nicht fähig; das kommt mir künstlich und ertheoretisiert vor. Im Zusammenhang von dieser Überschätzung der Bedeutung seines psychologischen Briefs sprach er nun von “jetzt doch alles gut” und von den bevorstehenden “Festen” mit dir. Dies Wort lehnte ich ab, weil es meiner Stimmung sowenig entspricht wie deiner. Ich bin ganz zaghaft, – wie sollte ich anders sein, alle Erklärbarkeiten können das nicht ändern. Das Jahr Loch wird davon nicht ausgefüllt, für dich nicht und für mich nicht. Wieviel ist ganz einfach beschwiegen in der Zeit zwischen uns, wieviel wissen wir nicht von einander. Also meine Freude ist nur die “mit Zittern”, keine andre.

Dein Kommen erst im Mai wird ja Edith sicher gut passen. Über Rafael wirst du dich wundern. Er ist liebenswürdiger und erziehungsbedürftiger als je. Ich werde mir einen Prügelaparat erfinden, weil es Edith nicht übers Herz bringt. Die Wahrheit des salomonischen Grundsatzes spüre ich jetzt tief, in beiden Hälften, dem Liebhaben und dem Züchtigen.

Ich schicke den Brief noch nach Freiburg.

dein f

April 1924

5.IV.24.

Lieber Eugen,  deine Widmung an mich umhüllt schamhaft die mehralsödipodeischen Greuel, denen das angewandte Seelenkündlein seinen Ursprung dankt, denn zwar ist es mein Enkel, aber dadurch nicht bloss dein Kind, sondern zugleich dein Urenkelkind. Apollon, Apollon! eine hansische Feder würde sich sträuben, dies näher zu verfolgen.

Nachdem ich nun so die Verwandtschaft anerkannt habe, muss ich freilich sagen, dass ich, wenn ich gekonnt hätte, verhindert hätte, dass du das arme Wurm in diesem Zustand in die Welt hinausschickst. Vielleicht irre ich mich ja – Weizsäckers Entsetzen, das mir Gritli heut schreibt, ist mir kein ganz zuverlässiger Eideshelfer, denn er entsetzt sich sicher auch vor dem Stern und vielem anderen -, aber mein Eindruck jedenfalls war: die ersten vier Kapitel fahrig und unwirksam, das Mittelstück nicht gewichtig genug (geschrieben), der Schluss infolgedessen auch nicht zwingend. Was er nämlich sonst wäre, weil du ja im Politisch – Juristischen immer solider wirkst, auch bei den grössten Kühnheiten, als im Philosophisch – Psychologischen. Ich bin traurig, dass du dein Pulver wahrscheinlich in die Luft geschossen haben wirst. Und was für Pulver! ein Jammer. Die Scham des Werdens, die biografischen Katastrophen, und so fort, eins am andern. Alles unwirksam, weil nur aforistisch. Gewiss, Orakel zu spucken, ist herrlich für unsereinen; ich habe mich diesem Genuss in den Anmerkungen zum JH genug hingegeben. Aber der pythische Styl ist nur glaubhaft, wenn er auf dem Gerüst eines sorgfältig wahrgenommenen Kults, sozusagen als Arabeske aufgetragen wird; nicht für sich allein. Die programmatischen Trompetenstösse wirken so bramarbisierend, so bombastisch, dass selbst ich mich diesem unmittelbaren Eindruck des Styls gegenüber immer wieder mit Gewalt meines besseren Wissens – nämlich dass es keine Prahlereien sind, sondern ganz bescheidene Anzeigen eines wirklich vorhandenen nur noch auszumünzenden Reichtums – erinnern musste.

Dies ist nun nach Hansens Tragödie u. Kreuz, Cohens Nachlasswerk, (im System hat er Ansätze zur Lehre von den Tempora), dem österreichischen Pneumatologen, dem Stern, Ich und Du, dem Feuerbachtaschenbüchlein, der siebte Versuch, das harte Herz der Zeit für die Grammatik schlagen zu machen. Vielleicht wird der achte, Hansens Fichte, es fertig bringen; denn ich glaube, er ist der beste. Nicht grammatisch – das ist auch nicht nötig -, aber in der Aufmachung und Einführung. Das Wirkliche wird ja erst durch ein grosses zwei- oder dreibändiges Buch geschehen, das dann logisch, psychologisch, sprachvergleichend, ästetisch und politisch gleich gepolstert sein muss. Eine grosse Arbeit, aber für dich leichter als für irgend jemand. Mit den Nebeneinanderstellungen ist es nicht getan; z.B. müssen Person, Tempus, Genus, Verbi, Casus usw. etwas Verschiedenes bedeuten; verschieden innerhalb des einen, was sie auch bedeuten. Ferner: es dürfen nicht mein und Bubers Ich – Du, dein Ich – Ich, Bubers Ich – Es, dazu Ich – Wir, Ich – Ihr, unverbunden nebeneinadner stehen bleiben, als ob nicht immer ich gesagt würde; in solchen scheinbaren Differenzen steckt grade das System.

Seit 1781 war die Luft voll von Dialektik, seit den späteren 90er Jahren erschien wohl jedes Jahr ein dialektisches Buch, trotzdem war sie eine unübersehbare Tatsache erst mit Hegels dreibändiger Logik 1812-16. Also!

Dein Franz.

12.IV.24

Liebes Gritli,  ich lege für Eugen den Artikel von Briefs aus der Frkf. Ztg. bei, wegen des Citats; er kriegts sonst vielleicht nicht. – Bis heut früh war Trudchen hier. Fast eine Woche. – Lass dir mal in einer Buchandlung die Anzeige im Börsenblatt zeigen, da wirst du sehen was an den Gedichten ist. Die Anmerkung zu Lohn war ursprünglich ganz anders, theoretischer und gepanzerter, und darum weniger glaubhaft. Die aforistische Form ist ja das Geheimnis der Anmerkungen; jede tut so, als wenn vor ihrer Frage nichts gefragt wäre. – Ich habe übrigens für etwa dreihundert Mark, also dreifünftel des Honorars, Freiexemplare verschenkt und mich so für alle Aufmerksamkeiten dieser Krankheitsjahre revanchiert. Haben werden ja die meisten nichts davon, aber doch die guten Absichten sehen. – Der Cohen ist auch raus, aber die Sonderdrucke wahrscheinlich verbummelt. Schade, da ich zuletzt, durch das Cohenbuch von Kinkel, noch auf den Geschmack an meinem Gemäch gekommen war. – Ist mir Eugen eigentlich böse, dass er garnicht schreibt?

Dein Franz

15.IV.24.

Liebes Gritli,  Hans hatte deinen Brief nach Hamburg nicht bekommen, wir erzählten ihm davon. Inzwischen wirst du ja von ihm gehört haben, denn er hat an Eugen wegen der Zeitschrift geschrieben. Er war sehr voll davon, und doch wohl mit Recht. Freilich ob der Fluch der Erfolglosigkeit, der über uns allen liegt, ihn diesmal verschonen wird? Aber die Besorgnisse um ihn im Pfarrerberuf sind damit fast gegenstandslos, er ist dann eben nicht bloss Pfarrer, und auf zwei Beinen kann man immer stehen.

Übrigens enthält der Buchschluss, den ich dahatte als du dawarst, etwas sehr Merkwürdiges; den Grundriss seines Systems, entwickelt als Gegenstück zum Stern, (von dem er so tut als wenn er auch nur als Möglichkeit existierte). Natürlich wird er es dann nie schreiben, und der Stern der Erlösung wird dies Nachplagiat, das “Siegel des Lebens” – so heisst es! – ebenso fressen wie das Vorplagiat, das Kreuz der Wirklichkeit. Habent nicht bloss s u a fata libelli. – Das Komische an den beiden “Gegenstücken” ist, dass Hans sie so konstruiert, dass sie den ganzen Raum der Möglichkeit ausfüllen, – tertium non datur. (Hoffentlich ist der Exorcismus noch nicht ganz gelungen, damit du das viele Latein verstehst, was mir da in die Maschine rutscht.)

Hans war übrigens gestern noch mal hier, weil sein Vater Angst vor den Franzosen auf der Darmstädter Strecke hatte!!

Ist der Briefkasten s o gross, dass nächstens der Jehuda Halevi als Drucksache reingeht? Er ist, Eugen zum Tort, mein grösstes Buch geworden, – wunderbar ausgestattet. Ich habe ihn schon seit 8 Tagen, also werden die weiteren Exemplare ja auch mal kommen.

Dein Franz.

[April 24?]

Liebes Gritli, den Zweig legte mir die Schwester gleich im Bett über die Knie. Noch ehe ich wusste von wem er war.

Am Sonntag kommst du am besten den ganzen Tag, denn es ist verschiedenes nicht zu verschiebendes los. Am Vormittag vielleicht ein Mensch der im Lehrhaus lesen will und mir zu jung und gescheit ist, am Nachmittag vielleicht Goldner, der sehr nett ist. Denn das Programm geht Montag zum Drucker.

Dein Franz.

24.IV.24.

Liebes Gritli,  Mutter war bis heute da, so komme ich erst heute zum Schreiben. Mit deinem vorigen Brief hat sich ja meiner gekreuzt. Die Festtage waren nach allerlei Schreckschüssen doch noch richtig. Am ersten Abend hat es Epstein gemacht – ich weiss nicht, ob du ihn kennst, der Junge, der s.Z. vom Gymnasium flog, weil er einem Lehrer eine Ohrfeige wiedergegeben hatte, dann zu Kauffmann in die Lehre, dann wieder zurück auf die Schule, jetzt nach Freiburg, um Philosophie und christliche Theologie zu studieren und jüdischer Lehrer zu werden. Am zweiten Eugen Mayer. Ehrenbergs waren an beiden Abenden da, am zweiten noch Goldner. Und Rafael war am ersten Abend vor und am zweiten nach Tisch dabei. Am ersten war er bald eingewöhnt, aber am zweiten geschah etwas Merkwürdiges. Gleich wie ihn Edith reingeholt hatte, guckte er Mayer, der links neben mir sass, fest und mit Augen, die er noch nie gehabt hatte, an und war nicht wieder abzubringen. Es war klar, er sah etwas was wir nicht sahen, denn an Mayer war nichts was er nicht gewohnt war. Alle merkten es, ausser Edith, die nämlich hinter ihm sass und deshalb die Rolle Bileams spielte; obwohl sie nicht auf ihm sass, sondern er auf ihr; sie gab ihm dauernd zu essen, um ihn still zu halten, und er nahm es minutenlang nicht an, der Fresser und Säufer! ich habe so etwas nicht für möglich gehalten in dem Alter; es lohnt also alle Mühe, die man mit dem Haushalt hat, doch; denn ohne diese Gelegenheitsmacherei wäre es ja schwerlich geschehen. Die Tage seither ist er wie immer, aber in den Minuten war er von einer hingerissenen und hinreissenden Schönheit.

“Apropos mies” – auch Eva ist schön geworden, der Kopf, und zwar gerade weil man ihm ihr Alter stark ansieht.

Rudi war hier, durch eine von Kochs üblichen ungläubigen Missverständnissen (der Patient will .., nun ist Rosenzweig Patient, also will er ..). Es ist traurig mit ihm. Er weiss die einfachsten Dinge nicht mehr. Es ist doch eigentlich nicht nur für Helene blamabel, dass er so verkommen ist, sondern auch für Lotti. Sag ihr das aber nicht. Z.T. trägt auch die alberne Biologie Schuld daran, gegen die er einfach wehrlos ist, – was nicht ein “Gleichnis” in ihr hat, existiert einfach nicht. Und schliesslich sicher auch der verdammte Barth, der das Christentum so unbequem macht, bis es schliesslich vor lauter Unbequemlichkeit die bequemste Sache von der Welt wird.

Deine Grossmutter hat dir aber das märchenhafte Wohngefäss nicht richtig gesagt; lass es dir von Eugen sagen, es ist Grimms plattdeutsches vom Fischer und siner Fru. Nein, Essig nicht!

Der Zweig war von unten welk geworden, nun ist er einen Fuss kürzer gemacht und scheint nun zu halten. Zwei grosse Kallas stehen auch auf dem Tisch und Rafael macht ihnen haaaa.

Dein Franz.

Mai 1924

4.V.24.

Liebes Gritli,  Rudi “ahnt” nicht nur, sondern weiss sehr genau; ich zeige dir mal seinen Brief, den er nachher schrieb. Aber es ist bezeichnend dass Lotti nichts davon ahnt; das habe ich ja eben gemeint. – Ich bin übrigens noch nicht zum schreiben an ihn gekommen, vor Arbeit und Besuch. Weizsäcker war da, am andern Tag noch mal einen Augenblick mit seiner Frau. Er war reizend. Edith wird noch ganz antisemitisch und hat heut morgen deutschvölkisch gewählt; sie gesteht es mir nur nicht ein. Aber übrigens trotzdem tut Weizsäcker Rudi sicher unrecht. Hans sieht er ähnlich, wie du diesmal schreibst. – Mutter – da habe ich eigentlich nicht viel getan. Jedenfalls nichts verglichen mit 1918 vom April bis September, wo ich ihr, wie ich jetzt erst gemerkt habe, wirklich Briefe geschrieben habe, wie man nur schreiben kann. Und damals war alles in den Wind. Ich war wirklich ein guter Sohn damals. Jetzt habe ich, seit voriges Jahr Fräulein v.Kästner hier war und ich sie fragte ob es vielleicht helfen würde wenn ich mehr schriebe, eben geschrieben, aber so nur geschrieben. Und trotzdem hilfts mehr als damals wo ich mir die Seele aus dem Leib schrieb. Vielleicht.

Der J.H. ist inzwischen sicher da. Denk er kostet nur 6 M. Wenn nichts auf dem schönen Papier gedruckt wäre, würde das Buch sicher reissend abgehen. So wird es eine Weile dauern, bis die 1500 Exemplare verkauft sind.

Dein Franz.

[Edith:]

Liebes Gritli, eigentlich wollte ich dir richtig schreiben, aber ich scheine doch nicht dazu zu kommen, so nur einen Gruß und eine Frage. Kannst Du wohl schon beurteilen, wann Du herkommst. Nicht, daß es mir so eilt, es geht mir jetzt, wo ich die Strapazen der Feiertage überstanden habe ganz gut. Aber Hannah Karminski, mit der ich gern zusammen gehn möchte, muß ihren Urlaub danach richten und es möglichst bald wissen.

Herzlich grüßt Euch

Eure Edith.

22.V.24.

Liebes Gritli, es geht einfach nicht mit Elisabeth, die Koscherté wird zur Fiktion. Es ist schade um Hanslis mutterererbtes Müssen. – Von der zweiten Auflage des Industrievolks schrieb mir Buber, der Eugen ausführlich schreiben will. Übrigens, wenn er noch jetzt nicht einsieht, dass sein Brief damals Nonsens war, mindestens auf dich und auf mich bezogen, aber vielleicht auch auf ihn selber, so kann ich ihm und mir nicht helfen. Ich habe seither nicht mehr daran gedacht, da könnte er es eigentlich auch aus seinem Magen abführen. – Was ich arbeite? An den Achtundachtzig Hymnen u. Gedichten d. J.H. deutsch. Mit einem Nachwort u. mit Anmerkungen (Der Sechzig H. u. Gedichte zweite Auflage). Oskar Woehrle Verlag Konstanz. Ich habe den Ehrgeiz, es auf Hundert usw. zu bringen, aber vorläufig mache ich erst mal die 88 fertig, an denen ich seit Februar arbeite; ich bin bei den Anmerkungen zum zweiten Siebent. – Viel Besuch war da. Jacob, der famos war, ein katholischer Theologieprofessor aus Bonn (Englert) und noch andre. Der Bonner, der übrigens trotzdem nett und sogar rührend war, will jüdische Lebensbilder zu antiantisemitischen Traktätchen verarbeiten und hatte mich auch für eins aufs Korn genommen, weil ich doch ein so lieber Mensch, ein so tiefer Mystiker bin und so schwer leide. Ich habe mich dieser vorzeitigen Heiligsprechung nur durch den Hinweis auf mein Nochnichtgestorbensein entziehen können. Also Taufen ist garnicht mehr nötig.

Dein Franz.

Juni 1924

11.6.24.

Liebes Gritli, nun wird es also doch gehen. Mir war der Aufschub ja eigentlich ganz recht, weil ich mich vor den Tagen aus technischen Gründen graule. Es ahnt ja niemand, um welche Punkte mein Leben gravitiert; eben garnicht die normalen, die ich mir nur künstlich beibehalte, sondern ausschliesslich die beiden Schlusspunkte der Verdauung. Die sind allmählich zu Beherrschern meines Lebens geworden, und da weiss ich nicht recht, wie es mit einer Nachtschwester, die kein Wort versteht, und dem Ass, für das ich bloss das unangenehme, aber doch schwer ersetzbare Mittel bin, in vierstündiger leichter Arbeit sich den Lebensunterhalt zu verdienen – die schwere tut ihr Dienstmädchen Edith – werden soll; aber schliesslich wird es auch gehen wie alles. Nur verspreche dir nicht viel von mir; denk immer, dass ich in der Lage eines Menschen bin, der – nun ja, Wilhelm Busch. Durch die, ja einzig vernünftige Aufrechterhaltung der Fiktion Geist Seele Leib verdecke ich die tatsächliche Zentralstellung des dritten. Ich quäle mich mehr als man weiss.

Dabei fällt mir mein “Arzt” ein. Er war also neulich mal wieder hier; zufällig hatte mir Prager am Tag davor genau geschrieben, was Förster jetzt sagt. Koch also kam, um mir zu erzählen, dass Förster ihm geschrieben habe, das Ergebnis der Untersuchung sei negativ; nun wusste ich von Prager das Gegenteil; also nur weil man den Patienten anlügen muss. Da Koch es weise so eingerichtet hatte, dass ich nicht schreiben konnte, wie alle meine “Entscheidungen” in der Försterschen Affäre von Koch auf Samstag Vormittage verlegt sind, so konnte ich ihm nichts sagen; und die Anstrengung eines Briefs lohnt ja bei diesem Menschen, der alles schon weiss und nichts glaubt, nie. In ihn habe ich alles vergeblich hineingesteckt, was ich hineingesteckt habe. – Aber schliesslich wenn man so rechnet, bleibt vielleicht überhaupt nicht viel vom Leben übrig; deshalb soll es für die Vergangenheit ungesagt sein; aber für die Zukunft gilt es.

Hoffentlich bist du doch nach Mecklenburg mitgegangen und nicht nach dem langweiligen Landeshut. Lieber als Neutrum bei Männern als als Schwägerin in Familie.

Mutter hat auch gerochen dass die Seelenkunde nichts ist. Nun bin ich neugierig, ob es Gegeninstanzen gibt. Was schreiben die Kronprinzen? was Scheler: was – aber nein, Picht schimpft ja sicher auch. Es ist schade.

Dein Franz.

20.VI.24

Liebes Gritli, ich hatte von Förster, als er hier war, ja auch den Eindruck, dass er geschickt untersucht und kein Charlatan ist; aber sein Benehmen nachher war freilich typisch charlatanhaft. Und dass er hier wieder sein Allheilverfahren als einziges in Erwägung zieht, ist auch nicht grade vertrauenerweckend. Wenn es einen richtigen unspezialistischen Doktor gäbe wie Koch, so könntet ihr ja den unbedenklich hinzunehmen oder auch einen Kinderarzt. Natürlich nur, um Gewissheit zu haben, dass der tollgewordene Spezialist nichts versäumt. Aber vermutlich ist ja nichts zu versäumen, und es nimmt, gut oder böse, seinen Weg. – Prager ist übrigens durch meine Geschichte so weit irre an seinem früheren Abgott geworden, dass du von ihm sogar einen vernünftigen Rat haben kannst. Freilich vertraue ich ärztlich nicht viel auf ihn.

Wir haben eben Koch angerufen. Er sagt, es sähe sehr nach Diphterielähmung aus. Förster könne kaum etwas versäumen. Es müsse aber ein Kinderarzt hinzu; er wird mit Grosser sprechen, wer. Dann wird er euch schreiben.

Bitte schreibt uns, was ihr erfahrt. Koch sagt, es kann nicht lange schleierhaft bleiben.

Euer Franz.

[Edith:]

Liebes Gritli, am Telefon das war ich; beide Male; Es war sehr undeutlich. Wir wollen nun nur wünschen, daß alle Angst umsonst ist.

Herzlich Deine Edith

Sehr in Eile

Das ist Rafaels Brief [Zeichnung]

Juli 1924

4.7.24.

Liebes Gritli, Koch schimpft wie ein Rohrspatz über die schlechte Behandlung, die Förster ihm angedeihen lässt. Es ist ja wirklich ein starkes Stück. Aber wenn er Hansli gut behandelt, so soll ihm verziehen sein.

Prager schreibt, dass Ihr bei ihm wart und dass Eugen und Heinemann sich als “unzünftige Zünftige” entdeckt hätten. Ist Eugen wirklich auf Heinemann reingefallen? Zwar ist er nicht der schlechteste, aber doch ganz akademisch (mit Geschmack akademisch, aber doch). Prager schreibt auch, dass Eugen ihm den Cohendruck mitgebracht hat; eigentlch sollte er ihn doch nicht meinen, sondern seinen Leuten geben; wem hat er denn noch einen gegeben, damit nun keine Verdoppelungen vorkommen. Übrigens habe ich nach Berlin geschrieben, dass er die drei Bände von mir zum Geburtstag kriegt; sie werden ja zu spät kommen.

Rafael ist jetz im Stadium der Eigensprache. Sein Hauptwort ist dabbe; das versteht ausser mir kein Mensch; rat es einmal! Zur Erleichterung gebe ich dir noch an, dass es anfangs manchmal dapfell und auch dabbae heisst. So, wenn du es jetzt noch nicht geraten hast, bist du eben so dumm wie Edith, die es erst beim Verbessern merken wird.

Er ist besonders reizend.

Dein Franz.

11.7.24

Liebes Gritli, auf meine Heinemannfrage antwortest du ja schon. Besser als ein deutscher Professor von heute ist allerdings ein Rabbiner leicht. – Die Begeisterung der Leute über die Seelenkunde ist mir nur recht; man schreibt doch für die Leute, nicht für die Nächsten; das haben wir allerdings bisher immer getan; aber das war eben der Haken. Übrigens aber würde mich doch interessieren, welche. Was sagt Picht, was Rang – hast du eigentlich sein Buch gelesen, es lohnt -. Was Michel, was Paquet, was Fritz, was usw. usw. Warum hat Eugen es Strauss nicht geschickt? – Rat einmal, was ich jetzt wieder lese, ein Buch. – Die Deutung von dabbe neulich ist mir übrigens inzwischen wieder unsicher geworden. Dagegen sagt er komischerweise mir, und zwar als wirkliches Wort des Besitzens und Begehrens!

Dein Franz.

August 1924

18.8.24

Liebes Gritli, Hanslis Geburtstag glaubten wir schon am 10. vergessen zu haben, als also noch reichlich Zeit gewesen wäre. Es war doch sehr nett, dass er hier war; übrigens weiss ich nicht, ob Ihr Rafaels Wüstheit richtig verstanden habt; sie war viel feiger als sie aussah; er probierte nur, wie weit ihn Hansli gehen liess; immer beim ersten Schlag sehr zaghaft und nachher erst wüst. – Vor Jahren schrieb mir Eugen aus Florenz, wo er mit Thea zusammen hauste, zum Erziehen gehörten eben zwei, ein Mann und eine Frau; darunter leidet Rafael jetzt, ich bin ja für ihn nur ein Hampelmann, allerdings ein herrlicher.

Hans war hier. Verhindert ihn doch nicht, zu euch zu kommen. Er ist ja jetzt gar nicht geistig, sodass Eugens Reconvaleszenz von der Geisteskrankheit des Semesters nicht gefährdet wird. Er ist jetzt nur Pfarrer, wie im Krieg nur Offizier. Ich habe noch nie jemand gesehen, der so von Gestalt zu Gestalt rüberwechselt und dabei garnichts vom Schauspieler bekommt. Im Gegenteil, er bleibt in der komischsten Weise er selber. Er spielt eben nicht, er lernt. Auch der sozialistische Agitator und der Professor gehören in die Reihe.

Fritzsches Brief und das Renitentenblättchen schicke ich zurück. Fritzsche hätte ich doch nicht gedacht. Messen denn alle mit andern Massstäben wie wir? Eugen selbst ja miteingerechnet. Es hat mich so erschüttert, dass ich das sel. Büchlein vom gesunden u. kranken Menschenverstand wiederhervorgeholt und gelesen habe, um zu sehen, ob da auch ein falsches Etepetete war. Ich finde es aber trotz der sehr schönen Sachen, die leider hineingeraten sind, noch ebenso zum Rotwerden wie damals. Ich werde es im Herbst Buber zeigen, um zu sehen, ob er auch das gutfindet; dann kann er es ja anonym verschicken, meinen Namen würde ich auch heute noch nicht dafür hergeben. Da der Stern ja nicht bekannt geworden ist, wird mich niemand erkennen. – Ich studiere jetzt grade an einem eben von der Universität gekommenen Philosophen den Zustand von heute; es ist nicht besser wie zu meiner Studentenzeit, sogar schlimmer; ich habe doch meine Professoren wenigstens nicht für Philosophen gehalten; daran hinderte mich schon mein Masstab, die Alten. Aber er macht die ernsthaftesten Unterschiede zwischen meinetwegen Nicolai Hartmann und Cassierer. Und kein Ding kann er selber sagen, sondern immer heisst es: “Riekertsch gesprochen”, “Husserlsch gesprochen”. Husserl muss übrigens doch auch ein Esel sein; ein, übrigens begeistertes, erstes Semester erzählte mir haarsträubende Sachen.

Der vorige Absatz ist eigentlich für Eugen, nur aus Kurgründen an dich; du kannst es ihm ja kurgemäss rationieren.

Berg und See durch Radio? ich lese mit blödsinniger Andacht die Bädernummern der Frankf.Zeitung, das ist ja was ähnliches.

Die Bauleute lege ich bei. Viel anfangen werdet ihr ja nicht damit können, aber es ist ja hübsch geschrieben.

Dein Franz.

25.8.24

Lieber Eugen, Muffs Brief ist wieder ein absoluter Beweis, dass du recht hattest und wir unrecht.

Dass dich die Bauleute interessieren würden, dachte ich eigentlich nicht; es war mehr eine Laune, sie beizulegen. Sie sind ja keine Theorie des Gesetzes, die liegt vorweg, die habe ich im Stern gegeben. Dieses allgemeinjüdische, nicht allgemeinmenschliche Muss stelle ich nicht noch einmal in Frage. Das Problem der Bauleute ist ein viel engeres; ein Generationsproblem, oder allenfalls ein Jahrhundertproblem: nämlich wie “Christjuden, Nationaljuden, Religionsjuden, Abwehrjuden, Sentimentalitätsjuden, Pietätsjuden, kurzum Bindestrichjuden, wie sie das 19.Jahrhundert geschaffen hat, ohne Lebensgefahr für sie und für das Judentum wieder – Juden werden können. Daher ist das Können hier der Grundbegriff, und das Müssen, sowohl das metaphysische als das biographische nur vorausgesetzt. Für den “Priester”, also in diesem Fall für den normalen Juden, gilt das freilich alles nicht; für ihn ist Müssen – und – Können in unlöslichem Amalgam Voraussetzung, die nicht weiter beredet zu werden braucht; nur das Einzelne interessiert ihn. Es gilt also alles nur für den Bindestrichjuden, der heimkehren will; du weisst aus der Coheneinleitung, dass es für den “Mann der Heimkehr” einen alten Ausdruck gibt; aber heut ist er der Träger eines ganzen jüdischen Jahrhunderts, also praktisch gesprochen einer Generation (denn die Verwirklichung säkularer Wenden [sic] geschieht im einzelnen immer in einer Generation) geworden. (Die Generationen verteilen sich über das Jahrhundert, dadurch kommt die heilsame Langsamkeit der historischen Entwicklung und manches andre.) Für Rafael z.B. wird, wenn Edith nicht schlapp macht, die ganze Frage nicht mehr existieren; er wird schon wieder in der normalen Alternative des Menschen unter dem Gesetz stehen, also: halten oder übertreten. Das Anormale der von mir erlebten und gemeinten Situation ist ja grade, dass diese Alternative garnicht mehr besteht, sondern an ihrer Statt die: zurück oder heraus. Also eine biographische statt jener moralischen Alternative.

Und nun geben die Bauleute eine Hygiene des Zurück. Ihre Pointe ist nämlich die Warnung vor dem Salto mortale ins Gesetz, der grade infolge der vorangehenden biographischen Krise nahe liegt. Sondern trotz der grossen Krise sollen immer wieder kleine, mehr oder weniger kleine, Ereignisse abgewartet werden, die durch ihre biographische Energie ein neues Ich – kann aktualisieren. So dass der Heimkehrer die ihm nun einmal gewohnte – unjüdische – Lebensform während der ganzen Heimkehr nicht aufgibt und dadurch am Leben bleibt.

Mein Plan war nicht unnötig, sondern, soweit meine Informationen über die Absichten des lieben Gottes reichen, war ich für meinen Plan unnötig. Das ist sehr was andres. Jetzt wird ihn eben ein andrer ausführen, wahrscheinlich E.Simon. Der hat ihn nämlich, ohne von meinem zu wissen, in genauester Übereinstimmung. Übgrigens zu deiner Frage: vor einem Jahr hat er die Bauleute, zu meiner schon damaligen Verwunderung, als den genauen Ausdruck seiner Situation empfunden: inzwischen ist er weiter nach rechts gerückt und will das Heimkehren nur als eine biographische Epoche gelten lassen.

Nochmal der Plan. Obwohl er im Keim erstickt wird, ist er in dieser keimhaften Gestalt das einzige, was von mir wirksam geworden ist. In all den Jahren hat niemand etwas andres an mir gesehen. Was Ihr seht, ist für alle Juden, mögen sie den Stern gelesen haben oder nicht, ganz unsichtbar geblieben. Doch auch für Strauss natürlich und auch für Koch. Beinahe auch für Buber, – mindestens hat ihn am Stern nur der dritte Teil interessiert. Und für Hallo, E.Simon und gar für alle die andern bin ich nur der Mensch, der das Gesetz wieder zu halten begonnen hat. Also ungelebt ist das garnicht, im Gegenteil viel gelebter als mir lieb ist. Diese Wir zu nennen, habe ich aber also doch ein gewisses Recht, zumal die andern mir doch in den letzten beiden Jahren sich äusserlich und innerlich etwas verflüchtigt haben.

Nun die Völker. Da ahnst du doch nicht, w i e anders alles Jüdische ist. Renaissancen, Lehre, Lernen, Gesetz – alles hat einen andern Stellenwert, auch wenn es die gleiche Zahl ist. Auch die Wirtschaft. Die ist zwar die Stelle des unmittelbaren Zusammenhangs zwischen Juden und Völkern, und gewiss eines revolutionären. Der Sabbat i s t eine Weltrevolution, – daher der Name Marx.

Dienstag. E.Simon schickt mir den Brief zum Lesen und Weiterschicken, deinen auch noch, aber er lag noch nicht bei.

Rudi sag, dass ich ihn bitte, nicht zu kommen.

Rang, Muff und Gide lege ich bei. Gide ist Calvinist, du weisst.

Strauss hat mir die Bapperterwiderung gebracht. “Oh Eugen“!

Dein Franz.

September 1924

[12.IX.24]

Lieber Eugen, liebes Gritli, ich kam nicht zum Schreiben, vorige Woche aus Befinden, diese wegen Andrangs von Grosseltern noch bis Freitag. So nur das Eilige. Wir erwarten also Eugen am 17. Wegen R. an Mutter, die den Namen dabei zum ersten Mal hören würde herangehen ist doch unmöglich; ganz abgesehen davon dass sie “Papiere verkaufen” müsste, – nach kapitalistenscher Denkweise ein Unglück, dem man zwar um Försters schöner Augen willen, aber nicht aus vernünftigen Gründen sich unterzieht. Aber einen Monat können wir selber; wir haben ja wieder was auf der Bank.

Also bis zum 17.

Euer Franz.

16.9.24

Liebes Gritli, Eugen in seiner neuen Schule der Weisheit, du in deiner alten Schule der Torheit! Ich schreibe dir nach Säckingen, da findest du es bei deiner Rückkunft.

Es war wirklich schön an Rafaels Geburtstag. Er nahm den mirakelhaft geschenkreichen Tag höchst selbstverständlich; merkte zwar durchaus, dass es etwas Ausnahmsweises war, war am nächsten Tag nicht etwa enttäuscht dass es nun nicht mehr weiter ging. Er hatte das gleiche Kränzchen auf wie voriges Jahr, diesmal schon eitel. Sein Tisch stand in meinem Zimmer. Am Abend war noch ein massiver Esel von Strauss gekommen, den sollte er nicht mehr kriegen, aber bei seinem letzten Auftreten hatte er ihn gleich auf dem vollen Tisch entdeckt und begrüsste ihn als Mu. – Zu Hanslis aktiver Liebesgeschichte hat er schon ein passives Gegenstück geliefert, mindestens ebenso erstaunlich. Zwischen Elsa und Anna hat es neulich einen grossen tränenreichen Eifersuchtsausbruch über ihn gegeben; Elsa stürzte schliesslich weinend fort und verschwur das Wiederkommen; nach zwei Stunden kam sie, fiel Anna um den Hals und erklärte, sie hätte unrecht gehabt!

Ich habe übrigens zu seinem Geburtstag seinen Sprachbestand wissenschaftlich aufgenommen, – ein ernsthafter Spass, zu dem ich die schmerzfreien Stunden der Vorwoche verwendet hatte.

Über meine Fichtekommandierungen kommen von Mutter, Trudchen und dir so übereinstimmende Hilfeschreie, dass ich mich wohl geirrt haben werde. – Als ich jetzt den Stern las, war ich grade über den ersten Teil erstaunt, und von einigem im zweiten enttäuscht.

Die Bauleute sind mir, wohl durch Rafael, noch ein Stück lebendiges Fleisch, das noch weh tun kann. Ich merke es an meinem Verhältnis zu E.Simon, vielleicht dem einzigen wirklich noch in alter Weise schmerzensreichen, das ich noch habe. Etwa Rudi Hallo oder, um noch grösseres zu nennen, Rudi Ehrenberg verspüre ich nur wie man Schmerzen unter leichter Morphiumwirkung verspürt, – man weiss objektiv wohl, dass sie da sind und wo sie sind, aber es tut nicht weh.

Dein Franz

[Edith:]

Liebes Gritli, nur in aller Eile ein paar Worte. Der letzte der Feiertage ist am 21. Okt. Wenn Du also etwa am 17.,18. kämst, könnten wir die Tage doch gut zum Einlernen nehmen, sodaß ich gleich am 22. weg könnte. Freitag kommt Gertr. Hallo und wahrscheinlich gehe ich dann noch vor den Feiertagen ein paar Tage nach Schwalbach. Ich habe die Nachtschwester gleich bis Anfang November; ich brauche eine Ausspannung so gründlich wie es eben geht, denn ich bin maßlos herunter. Die Wochen ohne Schw. F. (Samstag kommt sie wieder) waren schön ruhig, aber sehr anstrengend. Denkst Du an den Rucksack? Wenn Du ihn findest, schick ihn mir bitte, ich brauche ihn vielleicht.

Grüß ganz Säckingen

Deine Edith

[von jetzt an nur noch diktierte Briefe]

November 1924

17.XI.24.

Liebes Gritli,

eben habe ich Deine letzten Überreste beseitigt, indem ich den Brief an Dienemann, den Du noch angefangen hattest, fertig geschrieben habe. Daraus siehst Du schon, wie besetzt die Tage waren. Mutter, Weizsäcker, Prager, Buber, Simon, dazu noch Fertigmachen von Gedichten für Buber. Und dazu Rafael, der doch bei der richtigen Mama noch mehr im Zimmer ist als bei der Vize.

Von Eugen kam ein neues Buch, ich habe es noch nicht gelesen.

Auch Du möchtest Dir also das mit der höheren Etage einreden. Alle tuen das, oder fast alle, um mich vor sich selber für ihr Nichtanmichherankommen zu entschädigen. In Wahrheit lebe ich doch auf der gleichen Etage wie “ihr”, nur in einem Käfig. Das mit dem andren Niveau stimmte nur 1922. Damals, etwa bis zum Beginn des Jehuda Halevibuchs, habe ich wirklich in täglicher oder genauer gesagt, wöchentlicher Erwartung des Todes gelebt; seitdem und jetzt ganz und gar nicht mehr, obwohl natürlich mein Verstand ganz genau weiß, daß jeden Augenblick das Klingelzeichen zum letzten Akt kommen kann. Aber das Auge in Auge hat aufgehört. Von Eigenschaften des lieben Gottes habe ich jetzt höchstens die, daß ich die Absicht merke, ohne verstimmt zu werden. Damit beantwortet sich ja auch Deine Frage. Es war, in aller Resignation auf das Unmögliche, doch schön, daß Du hier warst.

Dein Franz.

[Edith:]

Liebes, ich wollte Dir schon längst schreiben, aber es ist eine Hetz, Besuch, Arbeit und – die Nächte, denn Schw. Dina mußte zu ihrer kranken Mutter und kommt erst morgen, statt am 15. Die neue am 23. Also auf bald mehr.

Deine Edith.

23.XI.24.

Liebes Gritli,

Buber war hier zur Vorlesung. Es waren beglückende Tage für mich. Auch die Vorlesung (über Jes.53) scheint diesmal etwas ganz Besondres gewesen zu sein. – Ich habe Buber das Uboot für Düsseldorf lesen lassen; er fand es zu gradlinig, zu ohne imprévu, und das Gleichnis – es heißt doch Ein Gleichnis in einem Akt – mehr aus einer Predigt als aus der Bibel selber. Vielleicht hat er ja recht. Er will es aber noch dem Mann vom Bau zeigen.

Woran hat denn Hansli die Bosheit Gottes entdeckt? An den Damen? Die zu vermissen ist ja Eugensches Erbe; die Tochter! Oder muß man gar auf Tante Paula zurückgehen? Übrigens ist Rafael das von ihr geweissagte Kind, das Mapa sagt. Wirklich!

Dein Franz.

Dezember 1924

8.XII.24.

Liebes Gritli,

Bubers letzte Stunde ist mitstenografiert, aber ich fürchte, du würdest die Pointen nicht merken; es ist eben wirkliche Exegese, geniale Philologie. Warum lernst Du auch Englisch! eine Sprache, die der liebe Gott nie gesprochen hat, sondern nur Greda Picht.

Laßt Euch von der Bibliothek das im Handel vergriffene erste Heft der Zeitschrift Neue Deutsche Beiträge, hrsg. von Hofmannsthal geben. Es steht Rangs großer Aufsatz über Goethes Selige Sehnsucht drin, der zum Größten gehört, was ich kenne.

Ich lege Dir einen Brief einer Deiner Vorgängerinnen in Eugens Gunst bei, damit Du ihn ihm zeigst und er sieht, daß er Glück gehabt hat. So ein Mangel an jedem Realitätssinn, vorne, hinten und in der Mitte! Dabei diese Verbonztheit schon jetzt. Wo soll das hin, wenn sie erst gar nicht mehr die Frau eines sterblichen Privatdozenten ist. Ich habe ihr nur auf diesen Satz geantwortet, mit absichtlichem Mißverstehen ihrer Meinung, aber philologisch genau – Du kannst die Stelle in der Coheneinleitung nachlesen, Seite 59. Bitte beides gleich zurück.

Hansli gute Besserung.

Dein Franz.

 

Gritli Letters (Gritli Briefe) 1923

[von jetzt an nur noch von Edith, teilweise auch Margrit, korrigierte und vervollständigte Schreibmaschinen-Briefe, ab 1925 nur noch diktierte Briefe]

[1923 ?]

Liebes Gritli, Edith stellt mir, um mich zu begeistern, die Erschaffung Adams neben deinen Brief; sie nennt es übrigens weniger poetisch Anna van Bebber, eine Beleidigung, deren ganze Grösse du als Nichtmehrfrankfurterin nicht beurteilen kannst; aber es ist der pure Neid. +)

Frau v.Bendemann hatte ich grade geschrieben; auf ihren Brief wegen der Coheneinleitung. Sie sollte sich doch wegen “meine Feindin” nicht aufregen; sowas war bei Cohen leicht gesagt und nie so tragisch gemeint; er war doch nicht mit Anerkennung verwöhnt und deshalb verschnuckt darauf.

Apropos öffentliche Meinung: die neueste jüdische Literaturgeschichte, eine grässliche Literatenmache, die also grossen Erfolg haben wird, schliesst mit folgendem monumentalen Satz: Emil Bernhard, ein Meister wohlgesetzter Rede, und Franz Rosenzweig, ein fanatisch Aufgewühlter, virtuoser Reimmechaniker dazu, dichten, jeder auf seine Weise, Jehuda Halevi nach und sind, wie alle Verkünder jüdischer Geistigkeit in fremden Zungen, geborene Apologeten. Sie glauben an die gärende Riesenkraft, an die Auferstehung der jüdischen Religion.

Da habe ichs. Im Literaturverzeichnis ist übrigens der Stern genannt. Aber dies imagohafte (Beethoven, die Gräfin Stepanski und der Kapellmeister Pfuschini) “O, jeder in seiner Art, sie ergänzen einander” ist doch herrlich! Erzberger und Tillesen – sie ergänzen einander, denn ohne Erzberger wäre Tillesen kein Mörder und ohne Tillesen Erzberger nicht tot.

Was sagt denn Eugen zu E.Simons Brief? Er hat mir übrigens Eugens noch nicht geschickt. Er hat nicht nichts-, aber bewusst wenigsagend geantwortet, – was man ja eigentlich respektieren muss. Ausserdem wird er eben katholisch, – da ist nichts mehr zu machen.

Dein Franz.

  1. x) [Anmerkung von Edith:] stimmt, wenn man 8 Monate in Frankfurt eingesperrt ist und im Augenblick noch Stubenarrest hat, kann man Schweizer Badebilder schlecht vertragen. Ich kann das Bäderblatt auch nicht lesen.

[1923 ?]

Lieber Eugen, also mit meiner Belegstelle hatte ich offenbar unrecht; es ist aber vielleicht wie manchmal in so Sachen, dass trotzdem was dran ist. Ich will versuchen, es dir unaggressiv zu sagen.

Wissenschaft braucht immer zwei Sprachen. Die eine vertritt den Wissenschaftler, die andre seinen Stoff. Auf die Weise ensteht der Eindruck der “Objektivität”, der ja den wissenschaftlichen Stil macht. Nichtwahr, der Mensch spricht e i n e Sprache, der Gelehrte muss zweizungig sein, damit der Fiktion Ich-Es Rechnung getragen wird. (Der Propagandist muss sogar p o l y glott sein, damit die Wir in seinem Geschriebenen anwesend sind. Nun zurück zum Gelehrten und zu dir.

Die eine, die Forschersprache ist in deinem Fall natürlich die nachfühlende, intuitive des Philosophen. Aber welche Sprache zaubert dir deinen Gegenstand aufs Papier? Da sind (bei den Dingen von denen der Tataufsatz, ich meine der aus dem Buch, handelt) soviel ich sehe zwei Möglichkeiten. Die eine, z.B. von Cohen in seinen religionsphilosophischen Sachen, auch im Nachlasswerk, noch angewendet, ist die Sprache der geschichtlichen Kritik, also die Sprache dessen der es immer “besser weiss”, die Sprache der Interessantheit. Das Ergebnis ist dann also: Interessantes gesehen mit dem Auge der Intuition. Die andre Möglichkeit, von mir im Stern ausgenutzt, ist die Sprache der “Legende”, des Nichtbesserwissenwollens, des Teilhabens, des Dabeiseins. Das Ergebnis ist dann: Tradition durch Intuition gesehen. Das sind beides legitime Methoden. Illegitim aber ist die Vermischung. Tradition und Kritik abwechselnd beschworen, um den Gegenstand vorzustellen – das geht nicht. Also z.B. es geht nicht, kühnste kritische Hypothesen wie die vom unehelichen Kind oder die über den Prozess, wonach Jesu “Gotteslästerung” in der (bei fast allen Propheten zum Normalbestand der Profezeiung gehörigen) Untergangsweissagung  für die “Gottesstadt” bestanden habe, zu erfinden und dann wieder in den Gewässern der Tradition und Legende unbefangen herumzuplätschern und Jesus die Kirche gestiftet haben lassen, was auch wenn das T u es Petrus bei Matthäus ganz autentisch ist, wie es unter der Innenkuppel von St.Peter herumläuft und wie es jeder Katholik versteht, auf jeden Fall Legende ist. Diese beiden Elemente vertragen sich nicht miteinander und dass du sie in dem Aufsatz durcheinander brauchst, das wirst du jetzt vielleicht selber merken. – Wahrheit ist aber zum guten Teil bedingt von der Ungemischtheit der Methoden. Wahrheit oder jedenfalls der Eindruck der Wahrheit. Daher –

[1923?]

Lieber Eugen, du verdirbst dir den Nutzen, den du aus meiner Kritik ziehen könntest, indem du sie weitreichender nimmst als sie gemeint war. Sie bezieht sich nur auf dein theologisches Dilettieren. Darauf aber auch wirklich. Gewiss habe ich unter dem ersten Eindruck die Schuld einfach aufs Christentum geschoben, wie andre – du kannst dich darauf verlassen, es werdens auch andre die dir nahstehn empfinden – auf den “Convertiten”. Beides, den jüdischen wie den protestantischen Verdacht, halte ich für unerlaubt (nicht weil mit Sicherheit unzutreffend, aber weil Verdacht. Was den jüdischen angeht, so habe ich ihn ja gleich tätig annulliert, indem ich in meinem Brief dich mit lauter jüdischen Sachen en pair behandelt habe. Mehr Vertrauen kannst du nicht verlangen als dass ich dich forderungsweise mit mir und Cohen gleichsetze. Du hast das nicht recht verstanden.

Es ist mir lästig, dir zeigen zu müssen, dass die Unehelichkeit zwar im Toldoth Jeschu und in Häckels Welträtseln steht, aber weder im dogmatisch noch im kritisch gelesenen NT. Im Dogma heisst es mit Lukas: de spiritu sancto, in der Kritik heisst es mit Mattäus: Sohn Josephs. Die von dir zugrundegelegte Lukasstelle ist für das Dogma ein Irrtum Josephs, für die Kritik ein auf dem Grund des schon ausgebildeten Dogmas gewachsenes Märchen; nur für den Toldoth Jeschu und Häckel ist es die Wahrheit. Ferner: ich habe ja gar nichts gegen dein Suchen nach einem verständlichen Urteilsgrund; ich finde nur den im Text vor dem Kleiderriss des HP angegebenen viel verständlicher als den von dir erfundenen. Kurzum, ich habe die Idee, du müsstest einmal geduldig die liberale Theologie zu dir nehmen. So wie ich geduldig meinen Wellhausen, Cornill, Duhn, Gundel usw. zu mir genommen habe. Hätte ich das nicht getan, so würde ich wahrscheinlich mit deinen und meinen Eltern glauben, Moses hätte die Speisegesetze aus Gründen der Hygiene gegeben und wie hier seine prec[?]eptischen Kenntnisse von der Trichinose, so hätte er [in?] Stiftszeit das Wissen der egyptischen Priester um die Elektrizität verwertet. Wenn man die gelehrte Kritik seiner Zeit ignoriert, fällt man der populären in die Arme. Dass ich Wellhausen kein Wort glaube, weisst du ja. Dass du Jesus für “die Katastrophe des Judentums” hältst, ist ja allgemeinchristliche Legende, dagegen habe ich dir nichts zu sagen.

[1923?]

Lieber Eugen, das vorige mal hattest du im Besonderen Recht, diesmal vielleicht in dem Allgemeinen was du schreibst, obwohl ich es nicht verstehe. Aber mit dem Besonderen bestätigst du gradezu meinen Angriff. Du glaubst mir das nicht, solange nur ich es sage; aber es wird dir ja vielleicht auch mal jemand anders sagen und dann wirst du es glauben. Deine Bibel steht nicht in der Bibel. Du bist da, wenn du nicht ein “kühner Kritiker” sein willst, einfach leichtsinnig wie ein aufgeklärter Volksschullehrer. Wissenschaftlich ist kein Grund, den jüdischen Schmähungen auf den “Bastard” mehr Gehör zu geben als dem Dogma der Kirche. Und dass der hohe Priester wegen einer Unheilsverkündigung über Jerusalem die Kleider zerrissen hätte, davon steht nichts da. (Da hätte er bald kein ganzes Kleid mehr gehabt.) Das ist aber Jesus “der politische Revolutionär!” – auch wieder so eine Voksschullehrerbibelkritik. – Nebenbei, wieso pneumatisiere ich das Judentum? ich der die erste apneumatische Theorie gegeben hat. Und von der Entstehung des Christentums handle ich im Stern bloss deshalb nicht, weil ich da überhaupt nicht von Entstehungen handle. Mündlich in Vorlesungen habe ich es genug getan.

[von Margrit korrigiert, auf Rückseite ihr eigener Brief an Eugen]

1.XI.23.

Lieber Eugen,  der Pindar, an den ich neben dem allgemeinen Wunsch, rasch noch die grossen Versäumnisse meines geistigen Lebens nachzuholen, eigentlich nur durch die technische Bequemlichkeit der Ausgabe gekommen bin, (gibt es von Aeschylos auch so eine?) (ohne Übersetzung kann ich doch höchstens Homer lesen, richtig lesen) gibt mir nicht bloss im Einzelnen, sondern auch im Allgemeinen viel zu denken. Nämlich der Dornseiff hat recht, – und trotzdem hat “der Hölderlin” auch recht. Alle anständige Kunst ist im Enstehen ganz und gar soziologisch bedingt, wie der gute Junge mit so ehrlichem Schrecken bei Pindar entdeckt. Denn die Kunst geht nach Brot und singt des Lied, des Brot sie essen möchte. Aber das wird natürlich anders wenn der Künstler kein Brot mehr braucht, weil er mit dem Trauermarsch zu reden keinen Rotwein mehr trinkt. Dann entsteht auf ganz legitimem Weg die “reine Kunst”, und zwar durch einfache Umwandlung der ursprünglich unreinen. Reine gleich ursprünglich machen zu wollen, ist das Symptom des Verfalls. Also um auf Pindar zu kommen, so hat er nicht bloss den flachen Sinn geschrieben den seine Auftraggeber von ihm verlangten, sondern auch den erhabenen Unsinn, für den er berühmt und mit dem er wirksam ist. Wieso aber beides: Hier hört die Sache doch auf, witzig zu sein, das ist dann eben doch die “grosse Kunst”, zugleich die Kinder der Welt, der eigenen Welt, und die Frommen, nämlich die, schon aus Unkenntnis der Umstände, immer zur Andacht neigene Nachwelt zu befriedigen. Worin besteht sie? Hat jedes Wort zwei Seiten? Eine dirkte und eine posthume? wobei allerdings das sonderbare ist, dass grade die direkte die verhüllte, anspielende, also eigentlich indirekte sein muss und die posthume die allgemeingültige, jedem verständlich oder wenigstens jedem fühlbar gesagte, also grade direkte. Ob Geschriebenes druckbar ist, ist schon eine Entscheidung darüber, ob es diese Doppeltheit der Sprache hat. Für einen und für jeden, für einmal und für immer, für hier und für alle Welt. (Methaphysik des Verlagsvertrags, der zweiten Auflage und des Übersetzungsrechts!)

Dein Franz.

Gritli Letters (Gritli Briefe) 1922

Contents

Januar 1922

1.I.22.

Liebes Gritli,

“Spaass – hab ich ne Nacht gehabt!” – gestern Abend gabs noch eine grauenhafte Szene mit Mutter, ich fand sie bei den Vorbereitungen zu ihrem in der Nacht erfolgen sollenden Selbstmord, (Briefeverbrennen etc.) Heut ist sie etwas aufgeweicht und wieder ein bischen auf Zukunft eingestellt. Es kam auch grade die (übrigens sehr nette) Antwort von Heinecke auf ihre Anfrage, ob sie im Frühjahr ehe die Rostocker Nichte kommt, zu ihm kommen dürfe. Sie darf! Und da war also heute grosses Glück.

Edith fährt nun morgen früh glücklicherweise doch nach Berlin und wird sich da etwas erholen. Ich muss hier bleiben und bleibe also in der Gespanntheit. Wenn ich zurückkomme werde ich wohl zunächst noch meinen “Lohnkampf” abzuschliessen haben (Ich habe tatsächlich, trotz nochmaliger schriftlicher unoffizieller Mahnung, nichts gehört, schreibe also morgen meinen offiziellen Brief an die Gesellschaft, damit ich meine Ablehnung schriftlich kriege; um was andres gehts nicht mehr; aber dahinterher schreibe ich dann noch einen saugroben abschliessenden Brief – auf den ich mich schon jetzt freue).

Das neue Datum macht mir diesmal überhaupt keinen Eindruck mehr; ich bin etwas aus der christlichen Zeitrechnung heraus, in die ich durch den Krieg noch sehr hereingeraten war, weil man ja da immer dachte: was wird nun neunzehnhundertsoundsovielzehn bringen? Diesmal stecke ich nur noch im jüdischen Jahr drin. (Du kannst es auf der Nobelfestschrift nachsehn, und nächstes Jahr auf der zweiten Auflage des *). Hansens Kritik las ich heut nochmal, sie ist wirklich schön. Für das dumme Publikum ist übrigens sicher grade der einzige Fleck drauf, der vorletzte Absatz, grade die beste Reklame, indem die Leute heute ja das wollen.

Der Dreifaltigkeitsspiegel ist eklig, ganz unausgegorenes Notizbuch.

Ich habe Hans auf seine Anfrage wegen eines *Rezensenten für die Chr. Welt – Fritzsche genannt. Das kann doch schön werden.

Wie geht es euch? Ich denke viel an Hansli.

Dein Franz.

2.I.22.

Liebes Gritli,

Edith ist heut früh fort. Mutter ist wie stets nach Stürmen relativ beruhigt und geniessbar, sogar sehr geniessbar. Vor Abends war ich wieder bei Tante Julie. Im übrigen gelesen und geschlafen und Briefe geschrieben.

Kochs Vorschlag gehört zu der Art, die ich schon nicht mehr mache. Denn wenn Eugen das Buch schreibt, so wirds ja nachher trotz aller guten Vorsätze verständlich und imponiert keinem Sinzheimer. Viel besser wärs, Koch ginge in den Ausschuss. Ist das nicht möglich? etwa als Vertreter der “Naturwissenschaften”?

Morgen ist Buber hier und hält einen Vortrag, auf der Durchreise nach Berlin. Ich bin ganz zufrieden damit, denn so erübrigt sich wohl meine Reise zu ihm am Sonntag, was bei den schlechten Verbindungen jetzt doch kein Vergnügen wäre. Wir werden uns aber doch wohl erst Montag sehen, Sonntag werdet Ihr ja noch Besuch haben.

Die Ferien sind arg rasch herum, ohne dass ich sie recht genossen habe. Doch euch gehts noch schlimmer. Wenn ihr nur wenigstens bis zum 8ten im Stand seid. Wo war nur die Grippe früher? das ist doch nun die 3te oder 4te Welle der Epidemie.

Ich las heut im Augustheft der Tat, das man mir wegen des Paquetschen Aufsatzes über Buber gegeben hatte. Es graut mich immer mehr, in dieses Chaos hineinzukucken; man muss doch ins Schneckenhaus gehen und warten bis die Leute kommen. Jede begrenzte Tätigkeit, selbst Eugens, ist besser als die “Litteratur”.

Ich habe heut meinen offiziellen Brief an die Gesellschaft losgelassen, weil ich auf meine inoffiziellen Schritte, wie ich erwartet hatte, ohne Antwort geblieben war. Zweck hats momentan keinen, aber ich bin sicher, dass mir dies Jahr wieder ein Druckmittel in die Hand kommt, und dann wird gedrückt, gnadenlos und mit Paragraphen und Sicherungen aller Art. Das wird ein Fest!

Dein Franz.

3.I.22.

Liebes Gritli,

Heut Mittag kam Buber, ich holte ihn nach Tisch von Prager ab zu uns. Mutter ist ganz verliebt in ihn. Er ist ja auch wirklich etwas Besonderes und so ganz echt. Den * hat er jetzt ausgelesen, findet – III 2 am besten! (obwohl er natürlich meine Auffassung ablehnen muss; wir hatten ehe wir bei uns waren, ein Gespräch darüber aus dem ich sah, dass auch auf diesem Gebiet seine Kenntnis tiefer ist als die seiner Nachtuter; er hat sich – was ich nicht dachte – mit Schweitzer wirklich auseinandergesetzt.

Die Verlängerung von Hanslis Heidentum ist mir aus Gründen die mit der Theologie nichts zu tun haben ganz recht. Ich kann sie aber nicht verraten.

Rudi wird sich schon wieder zufrieden geben, wenn er da ist. Dass er blind und verblendet ist, sieht man ja aus allem was von ihm kommt, ob es nun die Diagnose einer anonymen Autorschaft ist oder eine “witzige” Postkarte “im Stil des alten Goethe”. Helene in ihrer augenblicklichen Unbeaufsichtigtheit hat sich übrigens schon wieder – telefonisch – bei Mutter ausgeschüttet, dass Rudi “obwohl doch nun kein Schnee sei” doch fortbliebe, und Mutter versucht nun täglich, das Gepräch wieder auf dies Thema zu bringen, wovor ich jedesmal aalglatt entweiche.

Eugens Gedicht verewigt nun mit seinem “dann nur zehn Pfennige” sogar das so oft gezahlte Strafporto (wir haben nur umsonst mal 15 Pf. erlebt) und daraufhin hätte ich gestern eigentlich Gelegenheit gehabt, auf die Strafportosteigerung ein ähnliches Gedicht zu machen wie er auf das normale, denn da hast du mich – 2,80 Mark gekostet! Ich habe sie aber gern bezahlt, so etwa mit den Goethe – Mozartschen Veilchengefühlen.            Überhaupt – und immer

Dein Franz.

4.I.22.

Liebes Gritli,

es war sehr schön mit Buber auch gestern Abend noch. Der Vortrag eindrucksvoll, doch auch sehr charakteristisch in seinen Schwächen. Die theoretische Unzulänglichkeit des Zionismus und die Richtigkeit meiner und der Eduardschen Theorie ist mir nie so deutlich geworden. Nachher waren wir noch bei Pragers zusammen; erst nachts um 2 fuhr er ab. Hansens *Kritik findet er an sich schön, aber dem Buch gegenüber unadäquat.

Eine schöne Geschichte von Beer – Hoffmanns Kindern (deren Mutter übrigens Christin war). Sie spielen mit 2 Löwen. Der Junge zum Mädel: “Mein Löw ist grösser”. Es lässt sich feststellen dass das nicht stimmt. Darauf: “Aber schöner ist mein Löw”. Auch das lässt sich, wenn auch schon schwieriger, als irrig erweisen. Darauf: “Aber mein Löw ist ein Jud“. Da war nichts mehr zu machen.

Das Mädchen (die bekannte Mirjam mit dem Schlaflied) hat einmal gefragt: War denn Goethe kein Jud?

Heut war ich Nachmittags bei Trudchen und Louis. Abends war Frl.v.Kästner bei uns.

Jetzt sind es nur noch ein paar Tage hier. Ich bin recht kaput und habe eigentlich doch nichts geschafft. Ich hoffe nun auf die Vormittags 1/2 11 – 1 Uhr – Stunden, die ich ja vor Weihnachten kaum ausprobieren konnte.

Dein Franz.

5.I.22.

Liebes Gritli,

vor Mutters Neugier brauchst du jetzt wenig Angst zu haben. Du interessierst sie nicht mehr. Ausserdem steht sie meist so spät auf, dass ich die Post vorher kriege.

Ich kann nicht gut vor Sonntag kommen; Edith kommt ja auch erst Sonntag früh. Rudi würde mich nicht abschrecken. Wir haben uns ja auf der neuen Basis im Sommer sehr gut vertragen. Er selbst hat in seiner Gefühlsstumpfheit überhaupt wohl gar nicht gemerkt, dass es eine neue Basis war.

Deine Lehrhaussachen habe ich schon wie das vorige Mal erledigt. Dich in die Ermässigten einzureihen, verbot mir meine zu genaue Kenntnis von Eugens Gehalt. Die Bubersche Übung habe ich auch für dich belegt; wenn du nicht kannst, kann ich es ja noch nachträglich ändern, das ist (wegen der Fördererkarte) praktischer als nachträglich zu belegen. Ich glaube nämlich, du wirst sie mitmachen wollen, weil du dich ja in ihn verlieben wirst. (Soviel Hebräisch kannst du ja). Also du hast vorläufig:

1,  2,  3,  5,  6,  10.

Edith ausserdem noch: 9,  12,  13.

Es schneit herrlich.

Dein Franz.

6.I.22.

Liebes Gritli,

mit Mutter ist es doch gar nicht recht. Vorhin war sie direkt besorgniserregend; jetzt ist es wieder besser. Ich gehe jedenfalls heut Abend nicht fort. Wenn ich am Sonntag gehe, so kommt gleich Hennar Hallo auf 3 Tage, und Rudi wird doch auch wohl in Kassel Station machen.

Ihr erschreckendes Aussehen bewirkt ja, dass sie täglich Besuche kriegt; es reisst gar nicht ab.

Ich bin ganz zufrieden, dass diese ermüdenden Ferien jetzt alle sind. Eine gewisse Erholung bedeuten ja diese 14 Tage ohne Kolleg etc. doch. Neulich bei Buber bekam ich sogar wieder etwas Lust dazu.

Richtig freuen tue ich mich aber nur auf die bevorstehende kleine Prügelei mit meinem Vorstand.

Gestern Abend waren Paul und Ida da, heute Louis Mosbachers. Und nachher gehe ich wieder zu Tante Julie, die immer froh ist, jemanden bei sich zu haben, der sie nicht für verkindscht hält. Sie ist tatsächlich so wach wie je und in Wirklichkeit ist die Altersversteinerung grade bei Onkel Otto und Tante Emmy die es eben deshalb nicht merken. Es ist eine wunderbare Umkehrung der Verhältnisse.

Die neue Übersetzung ist so gut wie fertig geworden. Aber die Reinschrift verschiebe ich noch. In Druck giebts ein Heft von 2 Bogen. Wenn ich nicht den offiziellen Auftrag für das Ganze kriege (was immerhin ein Wunder sein würde), so gebe ichs im Frühjahr einem Verleger. Eines Tages wird es ja dann auch von den Offiziellen entdeckt werden.

Dein Franz.

Sommer 1922

5.VI.[22.]

Liebes Gritli,  fünf Monate ist es her, dass ich dir zuletzt schrieb. Dazwischen ist allerlei passiert.

Gestern war ein besuchsloser Tag, ich war aber totmüde, so dass ich den einzigen Besuch, der kam, Frau Nobel, die nach jedem Satz den ich sagte, “wie?” fragte, kaum aushalten konnte. Ruth, die nun bald 17 wird, ist vor dem Schwiegervater auf “Fahrt” ausgekniffen; Ernst, der gute, lässt sich dies wie alles, gefallen, meint nur, es wäre doch gut, wenn er ein bischen “nach Wien ginge”. Ich glaube, er hat sein Leben da mit einer schwerern Hypothek belastet; denn Ruth wird nie erzogen werden, – weil sie nie geschunden worden wird.

Ich habe dir gar nicht erzählt, dass Koch sich neulich möglichst beiläufig erkundigte, ob Löwenthal identisch mit einem kommunistischen Studenten des Namens sei. Ich sagte, wahrscheinlich ja, jedenfalls sei er Kommunist. Tatsächlich haben die Kochs ihn auch nicht eingeladen, scheint mir. Alles Wohlgefallen hilft eben nichts; im Augenblick wo einer an dem Dogma, an das er und seine Frau wirklich blind glauben, zum Ketzer wird, nämlich am Geld, ist er erledigt. Das ist ihre Orthodoxie. Alles andre ist, damit verglichen, Sport. Zu schade. Und ich glaube auch, dass erst die Frau ihn so verdorben hat. Denn ihr fehlen ja all die Gegenkräfte, die das Vorhandensein eines solchen Dollpunkts beim ihm unglaubhaft machen. Und hiner der Frau steht Frankfurt.

Komisch war, wie er sich vor mir genierte, und die Auskunft,nachdem er sie hatte, wie ganz nebensächlich behandelte.

Das Schreiben strengt mich an.

Dein Franz.

Der Grünberg versaut Eugens ganzes Buch. Wie konnte er das nicht zurückweisen?!

7.VI.22.

Liebes Gritli,  dass für Helene der August 20 kein Datum ist – das ist es ja eben. Das Wesen des damals Geschehenen ist ja eben dies, dass Helene es nicht als Ereignis empfand. Es sollte eben nichts geschehen sein. Und darum kann sie, was seitdem “geschehen” ist, (genau wie Rudi selbst) nur als Fortsetzung empfinden. Genau besehen aber ists für sie nicht Fortsetzung von 1919/20, sondern umgekehrt sieht sie 1919/20 als “dasselbe wie jetzt”. Lotti ist ihr nicht Fortsetzung von Gritli, sondern Gritli eine erste Auflage von Lotti. Sie weiss, genau so wenig wie Rudi, überhaupt nichts mehr von 1919/20. Weisst du, wasmich in dem Brief deiner Mutter am meisten entsetzt hat? Dass sie die “Don Juan Natur” sich an der Reihe Gritli – Greda – Lotti austoben liess. Das konntenämlich unmöglich von ihr stammen. Beweis: Greda, von der sie ja kaum wusste. Sondern das war Rudis eigene Lesart, die deine Mutter entweder aus den gelesenen Briefen oder von Lotti mündlich aufgefangen hatte. So sah Rudi sich selbst, so hat er dich (und damit [doppelt unterstr.] sich und seine Ehe mit Helene) auf dem Altar der neuen Flamme geschlachtet, bedenkenlos undwirklich nicht wissend was er tat (wie kann Helene dies Wort übrigens in den Mund nehmen!!). Das Ansinnen an dich Weihnachten, ihm deine Briefe zu geben, gehört auch hierher.

Und ich kann es immer nur wieder sagen, ob nötig oder unnötig einerlei: Besinn dich was war. Besinn dich, wie Rudi trotz aller Schwangerschafts- und “Laktationsperioden”- Bedenken gar nicht auf den Gedanken kam, sich nicht sofort an Helene zu wenden. Wie unmöglich es gewesen wäre, dass er mit deinen Briefen ein solches System veranstaltet hätte, unmöglich nicht bloss für dich, sondern für ihn selbst. Wie unmöglich für ihn das Abschliessen seiner Frau vor uns, die Überwachung ihrer Korrespondenz. Und dann sag, ob deine Mutter recht hat, wenn sie diese Vergleichung der Hölle von heute und des wenn nicht Paradieses so doch irdischen Gartens von damals von Rudi (und Helene) gläubig akzeptiert. Nein du weisst ich bin kein Schönfärber; aber das Leiden Helenes unter Lotti etc. und das Leiden unter dir, da ist nichts zu vergleichen. Schon einfach weil jenes damals kein Leiden unter, sondern ein Leiden mit dir war. Dies “mit” ist für Lotti unmöglich selbst wenn sie jetzt will oder wollen würde. Denn erstens ists für sie nun dazu zu spät und zweitens (vor allem) ist Helene seit August 20 dazu nicht mehr bereit; und zu einem “mit” gehören immer zwei.

Ich zweifle nicht dass erträgliche Zustände hergestellt werden. Aber ich zweifle ebensowenig, dass das – ganz egal ist. Helene wird immer so leicht zufrieden und so leicht unglücklich sein wie jetzt. Sie war einmal anders, alles war anders, vor allem Rudi selbst war anders, so kennt ihn niemand, der ihn nach August 20 kennen gelernt hat; vergiss du ihn nicht, wie er damals war, wie wir alle damals waren. Lass dir diese Erinnerung nicht verwischen. Glaube der “Gegenwart” nicht mehr als der – als dieser Vergangenheit. Sie ist die Gewähr ewigen Lebens. Was sich seit dem Gegenwart schimpft, ist ein Weg über Leichensteine, erst den des Kindes und nun meinen.

Übrigens wusste ich schon von Lottis Brief an Helene, da er vor Göttingen zunächst hierher gegangen ist, gestern früh. Ich war erst etwas in Versuchung Rudi einen Streich zu spielen und ihn direkt nach Grunewald Königsallee 35 zu schicken an die mir ja aus meinen Berliner Jahren wohlbekannte Adresse. Aber dann wollte ich ihm schliesslich doch nicht in sein eheliches System eingreifen und habe ihn also nach Heidelberg nachgehen lassen. Nun mag er sich selber überlegen in seinem “schwarzen Kabinett”, ob er ihn nach Schema 1 oder 2a oder 2b oder 3 behandeln will. (1: ungeöffnet an Adressaten, 2a: öffnen und ein Original an Adressaten, 2b: öffnen und einen abschriftlichen Auszug an Adressaten, 3: öffnen und zurück an Schreiber mit Massgabe betr. etwa vorzunehmender Änderungen. Man könnte diesen Abschnitt aus der Polizeiwissenschaft noch weiter ausführen!)

Eben kommt eine mir entgangene Stern – Anzeige vom vorigen Sommer aus dem Mitteilungsblättchen des Central Vereins: “es ist ein schweres hochinteressantes Werk, das für die Studierstube wohl geeignet ist und nicht für den Tagesgebrauch eines jeden Mitglieds einer jeden Familie bestimmt wie das unvergleichliche Heinemannsche Werk”. Heinemann aber war ein Mörder! (du weisst: “Zeitfragen im Lichte der jüdischen Lebensanschauung”). Übrigens die viel schlimmere Parallele dazu schicke ich dir mit, den Streich den mir die Susman gespielt hat. Bäck aber war – nun kein Mörder, aber ein gradezu unwahrscheinlich braver Mann, Rabbiner seines Zeichens und feinsinnig. Das Schlimmste ist, dass sie durch diesen Mangel an Qualitätssinn nicht bloss Ihre *Kritik sondern, wo sie wirklich etwas Gutes hätte stiften könne, ihre Cohen – Besprechung im voraus entwertet hat. Was will sie jetzt noch über die Stanzen schreiben, nachdem sie ihre ganze Begeisterung schon im Kaulbachschen Treppenhaus des Alten Museums verpufft hat!

Der Frühling macht mir doch keine Schmerzen, und das ist der Unterschied. Ich bin froh, dass die Erde weiter schön ist, und dass sie bleiben wird. Ich meine ich hätte es noch nie so genossen wie jetzt abends vom Fenster aus nach Nordwesten, – und ohne jede Bitterkeit. Der eigne Tod ist ganz was andres als der des Nächsten – das zeigt sich auch darin. Und was du nicht bitten darfst – ich darf es: Bleibe bei mir.

Dein Franz.

[8.VI.22.]

Liebes Gritli,  ich schreibe dir im Bett – statt Sonnenbad, das ich mir schenke, weil ich Kopfweh habe. Ich wollte, ich könnte auch die Stunde heut Abend sein lassen. Am Dienstag? nun: wieder eine Woche schlechter, allemal zwischen zwei Wochen eine Kunstpause. Es geht eben grade mit der Sprache rapide bergab. Auch die Augenmuskeln funktionieren nur noch auf besonderes Verlangen; wenn ich den Kopf rumdrehe, kommen sie erst nach Sekunden nach. Und ich soll Edith einweihen? Das ist eine voraugustliche Idee. Seit damals geht das nicht mehr. Bedenk bitte, dass meine Ehe keine Spur besser ist als Rudis, mit dem einen Unterschied dass ich weder mir noch meiner Frau noch sonstjemand was darüber vormache (was ja freilich ein beträchtlicher Unterschied ist, aber an dem Zustand nichts ändert).

Trudchen schrieb mir neulich dasselbe wie du. Ich habe es tagelang mir nochmal durch den Kopf gehn lassen, ehe ich ihr schrieb dass es nicht geht. Weisst du warum es nicht geht?? Weil ich ihr alles sagen könnte und sie würde – nichts hören. Und deshalb sage ich ihr lieber nichts. Das ist ehrlicher vor mir selber. Auch Ediths Schicksal ist eben an jenem Augustende von Helene zerbrochen worden; such einmal hier meine Briefe von damals heraus, ich bin sicher: es stand schon damals drin. Sie hat wahrhaftig “nicht gewusst was sie tat”.

Ausserdem bin ich besonders unfähig, auf Felsen zu schlagen. Ich bin immer ein Felsen gewesen (“wie Mauer”) der sehr viel Wasser gab, wenn man auf ihn schlug, aber der Stab mit dem man auf Felsen schlägt war ich nie. Und jetzt kommt noch die technische Unfähigkeit hinzu. Aber der Hauptgrund bleibt der mit dem “alles” und “nichts”. Wenn sie einmal von sich aus etwas merkt oder ahnt, wird sies ja einem von euch sagen; dann sagt es mir.

Ich finde Archiv besser als Professur. Es ist anonymer. Gewissermassen: bester Rom – Ersatz. Während Professor ihn stets zu neuen Streichen im Amt und von Amtswegen reizen würde, bleiben hier seine Streiche hübsch ausserhalb des Amts, in das er als in sein Malepartus immer von seinen Reineckefuchsreisen auf Volks-, Hoch- und Schul- Tagungen zurückkehren kann. Und seine gesammelten Werke schreibt er auch nur da, in der Sammlung.

Dein Franz.

[1922 ?]

Dass dus in Zukunkt nicht vergisst,

wenn nochmal wieder “Jom toff” ist,

bind ich dir ein in lustig Tuch

zu fleissigem Gebrauch ‘nen “Luch”.

Darf dir was mir geläufig neu

sein??

Franz und Ediths “Schabbesgoi”

[Sommer ? 1922]            Freitag vor Abend

Liebes Gritli,

nur in Eile, damit du die beiden Einlagen kriegst; ich hatte den ganzen Tag noch am Programm zu machen etc. Ich will noch Trudchen schreiben, sie soll vor Mutter kommen; dann bist du entlastet (oder hoffentlich nur entlastbar), und Edith kann noch etwas fortbleiben.

Dazwischen auch noch die Wohnungssache. Clausings wollen nur einen Mieter mit Dringlichkeitskarte. Vielleicht wird es anders wenn ihr mit ihm redet.

Das weisse Papier fremdet mich. Selbst um dir schreiben zu können, brauchte ich dich jetzt selber. So hülflos ist meine Liebe jetzt geworden, es ist ja nur ein Symbol dafür. Ich sitze unbeweglich und alle Bewegung ist bei dir. Doch ists fast schon ein Symbol für unser ganzes Leben miteinander, mindestens für den Anfang, damals –  Ich möchte dir noch viel schreiben, aber es ist nicht recht jetzt in das traurige Haus, in das du doch, solange du da bist, hineingehörst. Ich kann nicht sagen: ich bin bei dir. Ich bin ja eben bewegungslos. Also: du bist bei mir.

Dein Franz

[Sommer ? 1922]

Liebes Gritli, (ganz erholte Sabbatabendschriftzüge!), wir schicken dir nur die Briefe nach. – Ich hatte eben einen von Edith, der mich traurig machte.

Hans kam gestern Abend – und zerstörte uns einen schön begonnenen Abend zu dreien; es war schade; ich hatte mir eingeredet, er würde bei dir schlafen.

“Meister des All du” ist gekommen, macht sich etwas zu glatt in der Antiqua des “Juden”.

Ich muss wieder noch eine Menge schreiben heut Abend.

Hans hat sehr gute Verbesserungen an den Idealismusdialogen angebracht.

Genug – du hast jetzt keinen Kopf dafür und sollst auch keinen haben. Wenn ich dir die Briefe nicht nachschicken müsste, hätte ich nicht geschrieben; aber so wärs mir unnatürlich gewesen.

Dein Franz.

Herbst 1922

[Herbst ? 1922]

Liebes Gritli,  ich lege dir zwei Briefe bei. Aber noch etwas: ich habe dochsehr den Eindruck als ob Edith noch ein paar Tage Ruhe unter freundschaftlicher Polizeiaufsicht nottäten. Und sie selber meint es auch. So bitten wir dich zu uns zu ziehen. Du kriegst, wenn dir das “zweitbeste Bett” zu hart ist, Ediths jetziges, da es Edith ja nichts macht. – Vielleicht oder wahrscheinlich wirst du schon Dienstag wieder zurückkönnen und die Böden wachsen oder was es war. Schwester Therese wird dich massieren. Ich werde dich lieben.

Dein Franz.

Kassel, d. 31.8.22

Liebes Gritli,

Ich hätte mich vielleicht heute auch an Sie gewendet, wenn nicht Ihr Brief zu beantworten wäre. Aber an seinen Inhalt muß ich anknüpfen, um das zu sagen, was ich Sie ohnehin fragen wollte. Wir hier leiden natürlich alle unter der grausigen, bitter-wirren Verzweiflung, die der letzte Frankfurter Aufenthalt in Tante Dele bis zu dieser Höhe hat anwachsen lassen. Um die Tage, die sie verlebten, beneide ich sie nicht. Und was mag die arme Edith ausgestanden haben. Ob sie imstand sein wird, ein bißchen Ruhe einzuatmen und Kraft zu sammeln? Und nun geht’s mir durch den Sinn: 8 Tage sind eigentlich eine recht kurze Weile. Kaum Luft geschnuppert und schon wieder Aufbruch. Für Sie freilich ist eine Woche, die Sie aus Ihrem eigenen Haushalt heraus wären, schon genug – wenn überhaupt möglich? Und da denke ich, wenn Edith sich in Schwalberg wohl fühlt und gern noch ein paar Tage länger bliebe, am Dienstag, schließlich auch Montag schon, könnte ich kommen und sie – oder auch, wenn das richtiger wäre, Sie bei Hansli vertreten. Tante Dele möchte doch am 9. So gern zu Franz. Und nun verzehrt sie sich in erregtem Hin- und Herplanen, ob sie soll oder nicht. Sonst redete ich Franz vor ihrem Kommen gut zu, riet ihm auch, sie kommen zu lassen; jetzt, in seinem Zustand, da er so wenig Herr über seine Nerven ist und ihr Anblick – ohne ihr besonderes Verschulden, trotz ihres guten Willens – so tief verstimmend auf ihn wirkt, kann ich mich nicht an ihn wenden. Wenn Sie in diesem Sinn etwas versuchen können und mögen – es könnte ja sein; könnte besonders sein, wenn es möglich wäre, daß Edith zur Zeit noch abwesend wäre – dann bitte ich Sie, es zu tun. Und wenn Franz sich entschließen sollte, sie haben zu wollen, dann fragen Sie vielleicht, daß sie es bald erfährt. Ihre Verfassung ist nicht zu schildern. Der bitterbösen Kälte der ersten Tage war heute eine ziemlich verworrene, trost- und hilfesuchende Aufgeweichtheit gefolgt. Ihre Drohungen macht sie nicht wahr – das brauchen wir nicht zu hoffen. Nicht aus Mangel an Kraft, aber immer noch aus Mangel an Ernst. Wie gern gäbe ich ihr von dem mit, was Franz mir gibt, aber so indirekt nimmt sie es nicht an, sie glaubt es nicht. Aber es freut sie doch nicht, macht sie höchstens eifersüchtig. Es ist so trostlos, so völlig hoffnungslos. Während ich für Edith die Hoffnung nicht aufgeben kann, daß sie seines Geistes noch einen Hauch verspüren wird. Wenn es nun näher rückt, daß sie das Kind bekommt – sollte ihnen nicht an einem Tag ein im Tiefsten gemeinsamer Augenblick werden? Einer, der genug wäre für die Zeit ihrer Ehe und dann für Edith ihr Leben lang? Ich weiß nicht, ob es meine … [?] Mutterempfindungen sind, die mich in diesem Punkt so gläubig machen – ich kann’s nicht lassen, hier mit aller Kraft zu wünschen was fast verloren scheint.

Ihr Mann bringt hoffentlich Gutes mit von Berlin. Meiner läßt Sie grüßen. Und wenn Sie Hansli besuchen, geben Sie ihm einen Kuß von

Ihrem Trudchen

Kassel, den 8.9.22

Liebes Gritli und lieber Herr Eugen,

das war ganz meine Schuld, und es tut mir furchtbar leid, daß mir der getreue Eckhart – in Natura sowohl wie als Druckschrift – entgangen ist. (Was stand denn in letzterer wohl Schönes drin? Vielleicht kann ich es doch noch irgendwann mal lesen.) Ich bin aber nicht 2. Gefahren; ich war nur zu spät aus der Schumannstraße weggegangen – die Uhr ging da etwas falsch; und dann ist es so schwer, ein Schlußwort zu finden, wenn man es selbst finden soll in einem Verhältnis, in dem man eigentlich immer nur Antwort gegeben hat. – Aber nun wird mir die Gelegenheit, mich schriftlich etwas ausführlicher über ein Thema zu äußern, das ich Ihnen mündlich am Bahnhof doch wohl nur angedeutet hätte. Ich kann Ihnen sagen, wie ich Ihnen für Ihre Gastfreundschft danke – für die beredten Abende, die ruhigen und luftigen Nächte und den gemeinsamen Morgenkaffee, bei dem man das Auseinanderstreben zum getrennten Tag wohl spürte, zugleich aber auch das Einver-standensein, eben das Gemeinsame, das dem Abend zu Grunde liegen würde. Ihr “Auf Wiedersehen” erwidere ich ganz von Herzen; denn mit dem Herzen komme ich kaum von Frankfurt los, so heimlich, lieb und meiner bedürftig mich das Zuhaus hier umgiebt. Marianne hat Riesenfortschritte während der 4 Wochen unserer Abwesenheit gemacht. Ihr kapriziöses, schelmisches Weibchentum fiel mir nach dem treuherzigen Hansli besonders auf. Ihre Wiedersehensfreude war erschütternd – also: gegen ihre Treue darf ich nichts sagen.

Leben Sie wohl, seien Sie auch von meinem Mann – mit Hansli herzlich gegrüßt.

Ihr Trudchen.

Gritli Letters (Gritli Briefe) 1921

Contents

Januar 1921

1.1.21.

Liebes Gritli, es geht zu wie in einem Shakespearetragödienschluss: als ich von der Nacht mit Louis – bis 5 waren wir wirklich beide auf, nachher schlief Louis und ich arbeitete etwas – als ich nachhause kam, war Mutter eben zu Alsbergs: Tante Lieses Mutter war in Meiningen plötzlich gestorben! Ich hatte am Vormittag, ehe ich nachhause ging, noch ein Gespräch mit Trudchen. Mit Louis war es auch eine gute Nacht. Heut Abend haben wir die Leiche auf den Bahnhof gebracht, ich hätte sprechen sollen, aber wie immer konnte ichs nicht. Sepp Katzenstein sprach dann ein paar Worte.

Edith schreibt mir betrübt über die Leerheit meiner Briefe. Die Jahreswiederkehr macht mich eben stumm.

Ich bin müde von zwei durchwachten Nächten und von dem Grauen vor dem Tod. Der Tod des andern kann einem doch nie vertraut werden; nur wenn man sich selber hineindenkt, geht es. (Im * muss irgendwo das grade Gegenteil davon stehn!).

Dein Franz.

2.1.21.

Liebes Gritli,  heut Abend war der letzte Vortrag, ich wusste ja im voraus, dass es trotz ganz anderem Inhalt wieder eine Stunde werden würde wie die letzte in Frankfurt die du gehört hattest. Deshalb, um ganz unbeengt sprechen zu können, bat ich Onkel Viktor, der heut herkam, nicht zu kommen. Er sagte auch gleich ja. Aber er meinte es nicht ernst und so war er Abends da. Ich war so verzweifelt, weil ich wusste, dass ich dann nicht über die Lippen bringen konnte was ich zu sagen hatte, dass ich ihn bat fortzugehen; er tat es auch, dann hatte ich ein entsetzlich schlechtes Gewissen und merkte nachher im Sprechen doch, dass mein Gefühl mich nicht betrogen hatte: so wie ich sprach hätte ich an ihm vorbei nicht sprechen können. Erst nachher war mir wieder übel vor schlechtem Gewissen, dass ich ihm wehgetan hatte, ich ging mit Mutter noch zu Ehrenbergs, er hatte es nicht so schwer genommen. Aber die ganze Geschichte hat mich doch gelehrt, wie unmöglich auf die Dauer diese öffentlichen Selbstpreisgaben sind. Und dabei giebt es Pfarrer, die jedes Jahr 52 mal predigen, 40 oder 50 Jahre lang! Ich kann mir freilich nicht denken, dass nicht für einen oder den andern der Leute heut eine Epoche in seinem Leben angefangen hätte. —–

Rudi Hallo war vormittags kurz da (seiner Mutter geht es ja recht schlecht); er brachte mir als Antwort auf meinen Brief einen Brief den er an jemand anders geschrieben hatte, ein ganz herrliches Zeugnis für gar nicht mehr Jünger=, sondern ganz und nur Brüderschaft. Nicht meine Worte, aber lauter Worte die ich zu meinen hätte machen können. Ich war sehr froh. Er schreibt ihn mir ab.

Dein Franz.

Ich habe deine Erlaubnis benutzt und eben Mutter von dir erzählt, damit sie doch nach diesen Tagen wieder was zum Freuen hat.

3.1.21.

Liebes Gritli,  also wieder in Frankfurt in der Wohnung. Mein Zimmer sieht mit Teppich u.s.w. schon ganz richtig aus. Ich habe unterwegs noch viel an dem zweiten Gurlittheft gearbeitet.

Ich schrieb dir, dass ich Mutter gestern Abend noch von dir erzählte. Ich fand, dass sie einfach etwas brauchte, was noch als Zukunft vor ihr steht. Ich glaube ja, dass sie nach ihrer überwundenen seelischen Krise nun in einer Gesundheitskrise steht, in der es sich entscheiden wird, ob sie in den nächsten 2 Jahren sterben wird oder 80 Jahre alt werden. Wenn man sie jetzt in eine wirklich gründliche Kur hineintreiben könnte, so wäre das zweite sicher. Dass sie jetzt krank, gefährlich krank ist, das nicht zu sehen, muss man schon Arzt sein.

Onkel Adolf ist ein vollkommener Trottel geworden, der nur noch so viel Verstand hat, seine Kinder taufen zu lassen. Seine Schwestern lässt er untätig krepieren. Tante Rosette hat sich einfach zu Tode gewüstet. Auf all ihre Klagen habe die Ärzte erklärt, sie wäre ganz gesund. Es ist ein Malheur, früher hatte der Mensch einen Arzt, der ihn alle 4 Wochen mal ansah, da war eine Verbindung da zwischen Arzt und Patient. Heute sitzen für jeden zwanzig Spezialisten da, jeder in einer anderen Folterkammer. Und dazwischen steht auf der Strasse der Mensch und krepiert.

Dein Franz.

4.I.21.

Liebes Gritli,  die Einrichtung geht weiter, ich ordne die Bücher, es wird wunderschön. Vom Donnerstag ab werden wir hier essen, morgen kommt das Mädchen.

Heut Abend war ich in der Loge zu meinem Propagandavortrag. Es war persönlich ein grosser Erfolg, sachlich gar keiner. Ich hatte es genannt: das jüdische Bildungsproblem und machte es in Form einer – Autobiographie, von Kind an bis zum Programm dieses Trimesters! Am Schluss mit einer Warnung vor Nr. 14 des Programms!

Leider gehts mit den Einreichungen wieder so schlecht wie voriges Mal, und ich bin nicht sicher, dass es sich nachher doch ebensogut machen wird wie da.

Dein Franz.

5.1.21.

Liebes Gritli,  heut vor einem Jahr war Hans Hess bei mir und ich brachte den Brief an Edith zur Post. Edith selber schwelgt nicht in Erinnerungen und das ist gut; für morgen habe ich ein schönes Stück zur Hauseinrichtung. Dabei fällt mir ein: was du hierher schicken wolltest, ist nicht gekommen; hast du es denn abgeschickt? Und sind die Goethebriefe noch rechtzeitig gekommen?

Wir waren bei Hedi eben. Sie kriegt wieder ein Kind. Wir haben unser Silber geholt; morgen oder übermorgen wirds ernst.

Im Lehrhaus wieder erst 90 Anmeldungen (= 1350 M). Ich gebe aber die Hoffnung nicht auf.

Eugens Brief kam von Kassel nach. Aber (du hast ihn ja gelesen) – ich bin nicht zu bekehren. Für mich hat ja die “Tochter” nie etwas bedeutet. Ich habe dies “Pfand” nie angenommen, habe es nie auf mich bezogen, es war mir immer eine private Auseinandersetzung zwischen Eugen und Rudi oder vielmehr von Eugen zu Rudi. Bei der es gar nicht um dich ging, sondern um ein Gespenst. Ich erkannte dich einfach nicht wieder. Apotheosen sind nichts für mich. Und deshalb bin ich so froh, dass der liebe Gott jetzt mit seinem unnachahmlichen Humor dir das metaphysische Theaterpostament deiner Göttlichkeit, auf das dich Eugen partout stellen wollte, unter den Füssen weggezogen hat und dich auf eine eben auch für Eugen schliesslich nicht widerlegbare Weise wieder ins Menschliche, ins Nurmenschliche, und deswegen aber auch Ganzmenschliche zurückgeführt hat. Auf seine sehr göttliche Weise: indem er dir etwas Menschliches, Nurmenschliches, aber Ganzmenschliches passieren liess. Und weil mir alles an dir immer nur menschlich sehr menschlich geschienen ist und ich dich nur in dieser Nurmenschlichkeit geliebt habe, in deiner Gnadebedürftigkeit, nicht in irgend einer erdogmatisierten Zurrechtendesvaterssitzendheit (oder meinetwegen auch zur Linken), so freue ich mich nun, dass die Gnade gekommen ist und weiss, dass sich da nichts “umzustellen” brauchte in dir, denn  —  Psalm 103, 3 und 4.

Dein Franz.

6.1.21.

Lieber Eugen,  so wenig ich deinen Brief, den ich gestern bekam, annehmen könnte, so ganz nehme ich jedes Wort des Briefs von heute auf und an. Ich hatte ja selber das Wort, das dich aufgetrieben hat, schon mit dem Bewusstsein, dass etwas daran nicht stimmte, dass es eben, so drückte es sich mir aus – ein Selbstmord wäre der keine Sünde wäre. Aber anfühlen tut sichs freilich gleich, und so gebrauchte ich doch das Wort.  Auch die wunde Stelle meines Verhältnisses zu Edith bezeichnest du absolut richtig. Ob es “Stolz” ist, weiss ich nicht, glaube es kaum. Es ist wohl nur die Angst, ins Leere zu reden. Spüren tut sies wohl, aber ihr es sagen – ich fürchte mich vor dem Sagen, und zwar nicht vor den Folgen, sondern grade vor der  —- Folgenlosigkeit!

Zu Trudchen hatte ich am Morgen des 1.Januar ähnlich gesprochen, heut bekam ich von ihr einen Brief (zu Morgensterns Stufen, die sie uns zum 6.I. schickte), worin sie mir ähnlich schrieb wie du. Ich bin etwas in Versuchung euch den Brief mitzuschicken, aber es ist ja unnötig.

Von Gritli kam heute das Geschenk. Liebes, ich danke dir sehr. Aber Programme des Lehrhauses wird es wohl nicht mehr so viele geben, ich werde wohl den Kreis der Dokumente erweitern müssen über den von dir gezogenen Durchmesser hinaus. Es ist übrigens wunderschön und Edith hatte dich sogar im Verdacht, du hättest es selbst gebuchbindert, was ich aber gleich zerstreute.

Die Zahlen sind 150 (=2250 M).

Ich habe schändlichen Ärger. Wenns so weitergeht, werde ich einestags wieder “stiller Gelehrter”; es passt jetzt ohnehin besser zu mir, zu dem “stillen Mann”, der ich nun doch einmal werde.

Dein Franz.

7.1.21.

Liebes Gritli,  die Wohnung wird jeden Tag fertiger, aber fertig nicht vor 14 Tagen; durch das sehr allmähliche Entstehen der Bücherreihen ist selbst mein Zimmer noch etwas chaotisch. Aber wir haben doch heute angefangen, zu essen; das Mädchen ist gekommen, und es gab einen Freitag Abend mit schönen Dehors; meine Bitten für mich und sie laufen freilich auf schmalen Stegen über einem Abgrund von Unglauben (meinem Unglauben). ————-

190 Einzeichnungen (=3500 M)

Ich habe auch Kopfweh, ich hatte einen schlaflosen Morgen vor lauter Geschäftsärger und einen vertelefonierten Vormittag, bis alles wieder stimmte. An die Vorlesungen habe ich noch nicht wieder denken können. Hämisch ist hier wegen der Ak. d. Arb., aber das wisst ihr wohl.

Ich habe in Morgensterns “Stufen” viel gelesen. Zu uns verhält es sich so:

[Zeichnung]              (Zwei Wege die sich ein breites Stück einfach decken und die trotzdem auch in diesem grossen gemeinsamen Stück von uns und von ihm in jedem Punkt in andrer Richtung begangen werden. Aber zum ersten Mal wird mir, an diesem Jünger, der Meister Steiner glaubwürdig, wenn ich ihn auch nicht verstehe.

Dein Franz.

8.1.21.

Liebe,  heut ist mir eingefallen, was ich in der Mappe sammeln kann: Sonderdrucke und Rezensionen. Man hat sie doch nie beisammen, wenn man sie braucht.

Vormittags waren wir bei Nobel, er ist sehr erholt, von der einen Woche draussen in Königstein. Er hatte schön gesprohen. Nachmittags war Ernst Simon bei uns. Und abends waren wir endlich mal im Theater, in Iphigenie auf Tauris von Gluck. Aber ich habe mich sehr gelangweilt obwohl es eine schöne Oper ist und die Aufführung ausgezeichnet war; ich vertrage es aber nicht mehr so lange still zu sitzen und andre Leute singen zu lassen. Es ist gut, dass ich mal eine ästhetische Periode gehabt habe, sodass mir das alles doch nicht entgangen ist; heute verstehe ich kaum, wozu es das geben muss; aber ich habe es ja mal gewusst.

Unsre Wohnung wird sehr hübsch; am Schabbes hatte sie direkt ihren beau jour.

Dein Franz.

9.1.21.

Liebes Gritli,  ich bin schon seit Mittag im Bett, mit einer tüchtigen Magenverstimmung, und habe brav gearbeitet. Vormittags war Nobels letzte Stunde im Lehrhaus, sehr maniergeworden, und doch glaubwürdig. So schlicht heruntergesagt wie lauter Selbstverständlichkeit, das äusserste Gegenteil von allem Kanzelton. Trotzdem Manier, in der Art zu denken. Und trotzdem Glaubwürdigkeit. Wann sind wir jüngeren wirklich glaubwürdig? (für den, der uns nicht glauben will). In Kassel hat neulich meinen letzten Vortrag, den grossen, der Kapellmeister Hallwachs gehört, der Kassler Georgianer, Germane mit Buberscher Judenneigung. Er war ganz entsetzt, in jeder Beziehung. Wäre es nun schlimm gewesen, wenn er nicht entsetzt gewesen wäre? Dürfen wir von Georgianern überhaupt gesehen werden können??

240 Anmeldungen. –

Dein Franz.

[Edith an Gritli:]

d.9.I.21.

Liebes Gritli,

ich kann nichts andres mehr denken; was ich tue – und das ist so einiges – immer sehe ich Dich und freue mich. Was Mitleid ist, wusste ich, aber Mitfreude erlebe ich jetzt richtig zum ersten Mal, und wunderschön ist es. Es ist mir noch so ganz neu, ich kann es mir noch garnicht richtig vorstellen, so wunderbar kommt es mir vor und wie muss dir zu Mute sein! Nur eins tut mir leid, dass Du so weit fort bist, ich möchte Dich gern küssen.

Es wird schön bei uns, wann wirst Du es Dir ansehen? Ich habe noch viel zu tun, aber ich habe jetzt ein Mädchen, da wird es etwas leichter für mich.

Es war schön, wieder mal bei den Eltern zu sein. Meine Schwester ist auch in Hoffnung – ein schönes Wort, finde ich – . Als ich es erfuhr, weinte ich. Es war kein Neid, ich war nur traurig. Aber als Franz mir von Dir sagte am Freitagabend, unserem ersten hier, da jubelte es in mir. Und meine Zuversicht wächst, dass auch mein Hannah – Gebet erfüllt wird.

Ich umarme Dich.

Deine Edith.

10.1.20.[=21.]

Liebes Gritli,  ich werde nun endlich wohnhaft, heut habe ich es recht gespürt. Strauss war zum Kaffe bei mir, Edith musste bald fort, und es gab, wirklich ermöglicht durch die eigene Wohnung, das erste wirkliche Wort zwischen mir und ihm seit ich hier bin. Ich habe ihm alles gesagt, zuletzt so namentlich auf Alice, dass ich nicht anders konnte und ihm, auch summarisch in wenig Worten, (schon damit er nicht das Gefühl hätte, ich spräche als beatus possidens zu ihm) von mir und Edith zu sprechen. Er sagte, er habe es doch natürlich gewusst. Aber es war uns durch die liebevollste Offenheit beiden endlich einmal wohl miteinander.

Auch sonst wars ein voller Tag mit allerlei Auflösungen (auch des Ärgers, nach dem du fragst). Mittags hatten wir den Rothschildschen “Neffen”, den Erich Marx, zu Gast. Ich habe dir wohl mal von ihm geschrieben: der furchtbar dicke Mensch, den ich deswegen erst so hasste und der sich als ein ganz reines Gold entpuppte.

Und dann stand dein Brief über dem Tag. Gar nicht so sehr was drin stand, einfach ein Brief von dir.

Ich denke, du wirst doch bald einmal kommen müssen, wenn gestern was mit Eugen hier geschehen ist, (aus der Zeitung ging nichst hervor). Du wirst auch sicher bald können, diese Zustände gehen selten tief in das zweite Drittel hinein. Wir über Sonntag nach Säckingen? Dies nächste Mal sind wir noch zu sehr im Einrichten, das nächste Mal hat Edith Geburtstag, danach, um den 30., ginge es, aber bist du da noch da? aber du gehst wohl nun gar nicht mehr nach Stuttgart? das beste wäre es eigentlich.

Ich habe Troilus und Cressida gestern im Bett angefangen, 2 Akte, aber es ist nichts für mich.

300 Anmeldungen. Aber es hat mich unverhältnismässige Mühe gekostet, ohne die wärens keine 100. Auf die Dauer geht das nicht so. Auch die Verkoppelung vom Wirklichen mit dem ganz Durchschnittlich = Schlechten ist auf die Dauer unmöglich, “jedem etwas” ist ein guter Grundsatz für den “Theaterdirektor”, aber man verdirbt sein Publikum, indem man ihm das Gute und Schlechte auf denselben Schüsseln reicht.

Dein Franz.

  1. und 12.1.21.

Liebes Gritli,  es ist ganz spät geworden. Die erste Vorlesung heut war zu gut vorbereitet, sodass ich unfrei sprach; inhaltlich wars sehr gut. Aber das eigentliche heut war ein Brief von Rudi, den ich  euch schicken soll. Für mich freilich nicht, was er sein wollte, sondern doch nur eine Bestätigung des Todesurteils; denn was heisst hier “Judewerden” (und “Christwerden”) für unssonst anders. Wir leben doch nicht mehr vor 5 Jahren. Damals wäre es Leben gewesen. Aber es ist genug davon geredet. Es geht alles seinen Gang, und wenn überall das Sterben sich so greifbar in neues Leben verwandelte wie nun bei dir, so wollten wir alle zufrieden sein. Nur vom Tode aus dass wirkliche gelebte Leben, bloss weil es vorbei ist, zu lästern – das bringe ich nicht fertig und will es nie. Die “geschwätzige” Zeit – o nein, der Stumme darf nicht den der spricht einen Schwätzer nenn, das ist zu durchsichtig.

Gute Nacht.              Dein Franz.

12.1.20.[=21.]

Ist Eugen von Kauffmann wegen der Kritik des * angefragt??

Schick mir den Brief von Rudi immerhin zurück. Ich sah ihn eben nochmal durch. Es graut mich doch beim Lesen. Es ist auch nur noch Stimme von jenseits des Grabes. Mit dieser Sorte Christentum setzten sich also früher die Leute für den Rest ihres Lebens in ein Kloster. Das kann man eigentlich ganz gut verstehen.

12.1.21.

Liebes Gritli.  Ich hätte dir also Rudis Brief gar nicht zu schicken brauchen, da er dir dieselben schrecklichen Sachen auch direkt geschrieben hat. Und ich habe nun “Jude zu werden”, – schon als Folie für die neue Christenliebe. Das Leben ist tot, hoch die Gespenster!

Die beiden hebräischen Kurse haben sehr gut begonnen. Im Anfängerkurs habe ich Richard Koch und Frau und Edingers. Mit den “Fortgeschrittenen” heute las ich 2 M 12, 11-13. Die erste Stunde gestern war schlecht, weil ich zu viel (und zu gut) aufgeschrieben hatte – und weil zu wenig Menschen da waren, keine 50.

Was ist denn mit der Arb.akad.? “Vorläufig nichts” – schreibst du? Edinger möchte Eugen gern kennen lernen (er “kennt” ihn von Norderney bei beiderseitiger 14 = jährigkeit) und er möchte auch etwas mit der Ak. zu tun haben. – Ist denn für Eugens Stelle “vorläufig” ein andrer vorgesehen? oder die ganze Stelle vorläufig noch nicht geschaffen? in der Zeitung stand doch von einem “Leiter”.

Straussens Rede damals war mündlich herrlich. Im (verkürzten) Stenogramm ist sie verwelkt. Ich habe die ersten Seiten seines Buchs (mehr ist noch nicht fertig) gelesen, das ist wolkig, aber gross.

Ich hatte ein paar gute Worte von dem armen Rudi Hallo. Es geht doch seiner Mutter sehr schlecht.

Hans hat sich beklagt, ich hätte ihm auf seinen letzten Brief so nichtssagend geantwortet; er hatte offenbar nachträglich geglaubt, es wäre ein antwortfordernder Brief gewesen, es war aber nur ein Nachrichtenbrief.

Ich habe eine schwere Nacht mit Edith gehabt, weil ich ihr gestern Mittag Rudis Brief und meine Antwort zu lesen gegeben hatte. Ich weiss nicht, ob es zum Guten führt. Unser Nebeneinanderleben wird ja immer besser, aber wieviel davon auch dem Miteinander zugute kommt, das wage ich nicht zu messen.

Dein dein Franz.

13.1.21.

Liebes Gritli,  heut die Stunde war viel besser, sie wäre gut geworden, aber ich wurde in der ersten Hälfte so furchtbar gestört, weil Mayer da war und statt zuzuhören die Teilnehmerliste las. Du kannst dir denken, wie mich das bei meiner Art zu sprechen – nicht aus dem Konzept bringt, sondern ins Konzept hinein zwingt. Nachher brachte ich eine Säule zwischen mich und ihn und dann hörte er zu, aber zur richtigen Sprechfreude kam ich nicht.

Die Hebräer sind herrlich diesmal, ich glaube dies Dutzend bring ich durch. Koch ist so jungenshaft begeistert. Heut waren sie gar nicht nachhausezukriegen, sie lasen einfach alle durcheinander weiter!

Ich schicke dir das Manuskript von der Einleitungsstunde. Von Ernst Simon schicke ich dir morgen einen schönen älteren Ausatz aus dem du ihn kennen lernst.

Wir wollen vielleicht am 28. kommen und am 1.II., wenn es mit den Zügen geht, zurückfahren. Verlass dich aber nicht zu fest darauf, es ist nur eine vage Idee, vorläufig.

Edinger wusste, dass im Ministerium nur von Eugen für Frankfurt die Rede war. Was mag nun geschehen sein? Fehlt die “zweite Taufe” Radbruchs?

Ich lasse Edith – nach Eugens Diagnose – den dritten Teil * binden, in ein wunderbares gelb = changeant Velour = Chiffon. Und den Tischdank in hell Olivgrün. Der * soll übrigens bei Kauffmann schon liegen, broschürt. Ich habe ihn noch nicht gesehen.

Bitte schick mir das Manuskript wieder, ich will es auch Mutter schicken; ich habe heut so einen famosen Brief von ihr. Hedi (die auch im 3. Monat ist) fährt auf 3 Wochen oder länger zu ihr.

Gute Nacht –

Dein Franz.

[14.? 1.21]

Liebes Gritli, nur ein paar Worte (eigentlich will ich ja am Schabbes auch nicht mehr schreiben; ich habe gemerkt dass ist auch nötig – nämlich kein Mensch resprektiert den “Sabbat”, aber jeder respektiert wenn einer nicht telefoniert nicht schreibt u.s.w. und so ist “Nichttelefonieren” “Nichtschreiben” u.s.w. die einzige Möglichkeit wie man sich seinen Sabbat gegen die Leute und ihre geschäftlichen Ansprüche schützen kann. Sie achten eben nur den Paragraphen, und so muss man ihnen Paragraphen entgegenstellen.

Ich war bei Kauffmann, da liegt schon der *. Ich habe drin geblättert, da hat er mir doch imponiert. Ob Eugen schon die Anfrage gekriegt hat? Sonst würde ich nochmal Dampf dahinter machen.

Ich habe schon die Dienstagstunde vorbereitet; sie wird glaube ich sehr schön. Ich wundre mich selbst, wie ohne Selbstplagiate ich das machen kann.

Aber freilich – für wen mache ichs? heut Abend hatten wir eine Hörerin zu Gast, ein gutes enflammables Mädchen, – aber im Grunde dient ihr jeder, der ihr ein paar grobe handgreifliche “Ideen” giebt, besser als ich.

Dies langsame Fortschreiten der Einrichtung von Tag zu Tag hat etwas sehr Lustiges. Aber ich bezweifle dass wir zum 23ten wirklich fertig sind.

Dein Franz.

15.1.21.

Liebes Gritli,  nachmittags war Ernst Simon da und Ruth Nobel mit ihm. Abends waren wir im “Wintermärchen”, es war nur eine mittelmässige Aufführung, übrigens in dem Theater in dem wir damals den G.[?] Kaiser sahen. Aber die tragische erste Hälfte ist ja nicht umzubringen, die zweite schon eher.

Die Wohnung ist noch ein täglich neues Glück. Wie hab ich nur das Leben dieser 5 Monate ausgehalten? Jetzt sind auch die Sachen aus Berlin da.

Mittwoch halte ich mein philosophisches Studentenseminar, diesmal über etwas von Fichte. Darauf muss ich mich richtig vorbereiten!

Dein Franz.

16.1.21.

Liebes Gritli,  wir sind den ganzen Tag in der Wohnung geblieben, ich habe gearbeitet – was ja nach diesen 5 Monaten ein ganz neuer Genuss ist -, und Bücher eingeräumt; (2 Wände sind jetzt fast fertig, nur die dritte sieht noch toll aus).

Also nun wirds doch mit Frankfurt? Oder geht es auf Berlin? ich bin ja gar nicht im Bilde über dies letzte Hin und Her. Hoffentlich werde ich an die Bahn können, wenn Eugen durchfährt. Kann er nicht bei uns übernachten?

Vom “Kloster” schrieb ich doch neulich auch? an Rudi? oder an dich? ich weiss nicht. Du schreibst ja nun auch das Gleiche, – von dem Akt um deswillen das Stück geschrieben ist. Denkst du noch an die Bilder …[Zeichnung] die wir uns vor ein paar Monaten schrieben. Das war ja auch das.

Mit dem “durch hindurch lieben” – das ist mir ja kaum bei Rudi und dir glaublich – wenigstens weiss ich nicht warum man das noch Liebe nennt. Auf mich habe ich es nicht bezogen. Hinter mir steht das Nichts, da ist nichts “hindurch” zu lieben. Das bischen Lebens= und Liebeskraft was noch da ist wird dir wohl gehören, – aber es ist nicht mehr viel. Dagegen hilft alles Wehren nichts. Aber auch das Reden davon ist unnötig. Aber das Hallelujasingen, weil jetzt endlich das Schweigen des Todes das “geschwätzige” Leben ablöst, – da mach ich nicht mit. Ich will das Vergangene ehren, und das Gegenwärtige bei seinem rechten Namen nennen.

Du kommst hier einfach in ein Bett. Das Schlafsofa probiere ich dann selber.

An euer 1916 habe ich wohl gedacht; aber es hat nichts vergleichbares damit.

Strauss – du wirst ihn sicher sehen. Er kann dir ja nicht fremder sein, als er es auch mir ist.

Auch die Notwendigkeit meines Hierseins ist mir doch schon jetzt zweifelhaft. Ich würde, wenn ich irgendwo anders hin könnte, hier schmerzlos weggehn. Die Leute brauchen mich nicht, – nicht mich. Was sie von mir wollen, geben ihnen ihre Pfaffen viel besser. Was ich gebe, merken sie überhaupt nicht. Ausser der technischen Glanzleistung meines “Hebräisch in 17 Stunden” ist alles, was ich hier tue, in den Wind gestreut. Von dem Publikum des vorigen Lehrgangs, das du sahst, ist fast niemand wieder gekommen!!

Dein Franz.

17.1.21.

Liebes Gritli,  ich räume Bücher ein, es ist sogut als wenn ich einen Katalog machte, ich weiss ja von so vielem gar nicht dass ich es habe. Dazwischen lese ich Fichte für meine Studenten, – und bin erstaunt was für gute Sachen eigentlich auch bei so einem stehen. Ich werde gar nicht so richtig schimpfen können, wie ichs angesagt hatte.

Es war eine schöne Bibelstunde. Edith war nicht mit, – u. – ich merkte als es eintrat dass ich mir diesmal eingeredet hatte,  ——

Ob wir am 28. kommen? ich glaube es eigentlich nicht; erst in der Woche nach dem 23. wird Ediths Zimmer fertig. Im Februar wohnen wir dann richtig. – Von Eugen noch keine Nachricht.

Dein Franz.

18.1.21.

Liebes Gritli,  die Vorlesung war z.T. schlecht, im ganzen doch ein so richtiger “F.R.”, dass es mir sehr recht war, dass Nobel sie gehört hat. Es scheint ihm wenig gefallen zu haben, aber das schadet nichts, da wenigstens ich selber es war, was ihm dann missfallen hat und nicht irgend ein Zufallsprodukt. Übrigens war es auch formell gut, weil teilweis in Gesprächsform. Morgen ist nun die erste Übung und die erste Aussprache.

Das Manuskript kannst du ruhig für Eugen behalten, es ist ja aber nichts Neues für ihn. Vergiss doch nicht: hat Kauffmann bei ihm wegen Rezension des * anfragen lassen? ich muss es wissen, weil ich eventuell sonst nochmal mahnen will.

Am Donnerstag kommt Ediths Freundin Lilli, und wird   Gott behüte   ein paar Tage bei uns wohnen.

Dein Franz.

19.1.21.

Liebes Gritli,  Eugen ist da, ich geriet – aufgereizt durch seine Zufriedenheit – in ein grosses Lamento über den zu frühen Niedergang den ich hier mit meiner Sache erlebe. Er wird dir ja davon erzählen.

Heut morgen die Studenten waren zufrieden, ich sprach eben ihre Sprache. Aber jeder verlangt, dass ich seine Sprache spreche, es giebt keine Sprache für alle – weil sie ja die allgemeine Sprache nicht hören wollen. Man ist eben nur Arzt, und der Arzt muss auch jeden Kranken für sich behandeln. Die Prophylaxe, die freilich für alle gleich sein könnte, wäre ja nur bei Gesunden am Platz, also bei noch nicht Kranken, bei Jungen. Das heisst praktisch: entweder Kinderlehrer – oder auf jede Wirkung ausser der in 50 Jahren verzichten. Und die in 50 Jahren ist mir, weil blosse [doppelt unterstr.] Wirkung -, natürlich unsympatisch – man will doch selber noch etwas Gegenwirkung spüren, wenn man wirkt.

Es ist spät. Eugen war etwas vor den Kopf gestossen, er kam so vergnügt an – und er hatte ja das gute Recht dazu. Aber mir war es, durch die vielen Parallelen zwischen seiner und meiner Anstellungsgeschichte etwas wie an der Stelle im olympischen Frühling die ich damals in Kassel Februar 1918 vorlas, – weisst du noch?

Dein Franz.

20.1.21.

Liebes Gritli,  es wurde noch ein ganz schöner Tag. Ich war ja des Morgens sehr deprimiert, dass Eugen wegfuhr, obwohl ichs nicht sein wollte. Aber die Vorlesung ging besser als ich vorher dachte und nachher sprach mich Elkan, der Bildhauer an, der dagewesen war, er möchte mich heut Abend mal sprechen; ich war mit Edith zum Essen da und es gab ein wirklich famoses Gespräch, er wollte einen Rat oder eine Bestätigung seines Plans für ein jüdisches Gefallenendenkmal, das ihm die Gemeinde Dortmund in Auftrag geben wollte. Er ist ja nur zweiten Ranges, aber ein netter, aufgefalteter Mensch und so war es ein wunderhübscher Abend.

Leider zieht nun das Wohnungsgewitter herauf. Wahrscheinlich wird man mir zumuten, 10000 M zu zahlen für die Gnade in Frankfurt wohnen zu dürfen. Ist das nicht eine grosse Blamage? Morgen werde ich näheres hören. Aber die Hoffnung auf Ruhe zum Arbeiten ist nun wieder hin; einige Wochen werde ich nun wieder mit Laufen und Gesuche schreiben zubringen. Wäre es nur nicht gar so unmöglich, in Kassel zu sein. In Frankfurt zu wohnen habe ich ja schon heute keinen Grund mehr, den einzigen ausgenommen dass es nicht Kassel ist.

Dein Franz.

[21.? 1.21]

Liebes Gritli,  Eugen ist meine Unkerei nun doch auf die Nerven gegangen. Er schafft es sich – “oh Eugen! ” – vom Leibe, indem er es in ziemlich abenteuerlicher Weise auf den Gegensatz Jud. = Chr. ablädt. Damit hat es natürlich nicht das mindeste zu tun, sondern bloss mit der Tatsache, dass ich amEnde er am Anfang seines ersten Jahres steht. Vor einem Jahr war ich (in kleinerem Massstab, wie meine ganze Sache) ebenso hoffnungssicher wie er, – und ja unter lächerlich gleichen Auspizien wie jetzt er. Das einzige Unterscheidende, dass er den Staat im Rücken als Stüze hat, ich nicht, ist zwar ein grosser sachlicher Unterschied, aber für sein eigenes Gefühl bedeutet das gar nichts. Mein persönliches Fiasko empfinde ich schon jetzt, obwohl es vorläufig noch nicht die mindesten sachlichen Folgen für meine Position hat; ich habe noch genügend “Rückhalt”, aber das “Werk meiner Hände” zerrinnt mir. Und wir lebennicht [doppelt unterstr.] von “Rückhalt”, sondern vom Gefördertwerden des Werks unsrer Hände.

Trotzdem wars Unrecht, dass ichs nicht gehen liess, aber ich war zu voll von mir selber, habe doch übrigens nur diesen schliesslich doch nur sehr nebensächlichen Teil meiner Schmerzen ausgeschüttet. Eugen fragte einmal Edith, was sie dazu sagte. Es ist doch ein Glück, dass ich über etwas zu lamentieren habe, was Edith verstehen kann. Vielleicht empfinde ich es sogar deshalb stärker als ich sonst würde. Denn was ist im Grunde an Erfolg oder Missrfolg gelegen. Aber es ist doch meine gemeinsame Platform mit ihr. Das andre kann ich sagen, kann sie traurig damit machen, aber verstehn kann sie es doch nicht; sie ist einfach zu jung dazu.

Das Zusammensein in Frankfurt erschreckt mich nicht mehr. Merkst du denn nicht dass wir darüber hinaus sind? dass wir schon in Einer Stadt leben?! Ich spüre es täglich.

Dein Franz.

Tante Julies Bild sieht herrlich aus.

22.1.21.

Liebes Gritli,  Eugen schreibt mir einen Brief worin er zu viel und  zu wenig fordert. Zu wenig, denn was er fordert, dass ich für ihn da sein soll versteht sich doch von selbst. Zu viel, denn ich kann für ihn nur soviel da sein, wie ich ebenüberhaupt noch da bin. Und das ist freilich weniger als er brauchen wird. Um diese Einsamkeit wird er sowenig herumkommen wie einer von uns. Die Zeit des Sich wirklich helfen könnens ist eben wohl vorbei. Jeder muss eben sehen, wie er allein fertig wird. Es handelt sich ja wirklich nur noch ums “Fertig“werden.

Den Essay über Student und Philosophie kann ich (selbst schlecht und recht) doch erst schreiben, wenn ich ein bischen Erfahrung gemacht habe. Also nicht vor März.

Des “Juden” wegen braucht sich Eugen wirklich nicht aufzuregen. Das spielt doch, trotz Rudis u.s.w. Dekreten, keine grosse Rolle mehr bei mir. Im Grunde zähle ich meinen Frankfurter Aufenthalt nicht mehr länger wie diesen Sommer höchstens. Was dann folgt weiss ich nicht. Jedenfalls wird es mich weder äusserlich noch innerlich hindern, Eugen irgendwas zu leisten, was – er selber haben will (und was ich selber kann, denn z.B. zu christlichen Arbeitern könnte ich nicht reden, weil ich eben ihre Sprache nicht spreche, im Krieg war es anders  da gab der Krieg eine gemeinsame Sprache). Also jedenfalls an dem “hinter den Kulissen” wird mich das Jüdische wirklich nicht hindern, bloss das “Nichtvorhandensein”.

Wir waren bei Eduards heut Abend. Es war nett, und durch Alice dochunerträglich.

Nachmittags waren wieder Ernst Simon und Ruth Nobel da.

Morgen ist Ediths Geburtstag. Ich stehe äusserlich mit fast so leeren Händen da wie innerlich.

Dein Franz.`

23.1.21.

Liebes Gritli,  Eugen nimmt ja alles viel zu hoch. Ich habe weiter nichts gesehen als die ganz einfache, gar nicht “konstruktions”fähige aber um so genauere Gleichheit zwischen seiner jetzigen, meiner damaligen Berufung. Meine “Sitzung” war glaube ich am 23.IV. Eugen nannte es die Eroberung Frankfurts. Jetzt kam er von der Eroberung Deutschlands. Ich vergesse nicht, dass alles bei ihm andre Dimensionen hat als bei mir. Aber kleines mit grossem verglichen ist die Gleichheit nun mal da und ich habe ihm vorweg die Erfahrung gemacht, dass eine Anstellung, bei der wir selbst angestellt sind und nicht irgend eine Leistung von uns, eine Unmöglichkeit ist. Deshalb muss er durchausanfangen – das Weitere wird sich schon ergeben; irgendwas wird mit mir nach diesem Sommer ja auch werden, ob grade in Frankfurt oder sonst wo, weiss ich nicht. Ich bereue ja nicht, dass ich angefangen habe. Ich habe ja auch (bei mir) gleich auf Enttäuschung gerechnet, nur nicht so rasch und so gründlich.

Biographische Gleichungen wollte ich gar nicht aufstellen. Ich verglich (und vergleiche) nur das Technische: Anstellung eines Menschen wegen seiner Menschlichkeit (Interparteilichkeit) an einer Stelle, wo schliesslich als Kunden lauter Leute hinkommen, die nur Unmenschliches haben wollen und von allen andern Seiten darauf gedrängt und dazu erzogen sind, Unmenschliches zu verlangen.

Ich bin zu realistisch, um über solche sichtbaren Ähnlichkeiten zugunsten irgendwelcher biographischer Konstruktionen hinwegsehn zu können. Deshalb habe ich es nicht bei mir behalten können. Eugen war eben hier ganz besonders auf sich selber konzentriert – was ja sehr verständlich ist, nach den Berliner Tagen -, die komisch einseitige Art, wie er an der Bahn mir sein Bleiben zusagen wollte für den Fall, dass ich etwas von ihm brauchte (hie Arzt hie Patient) war ja bezeichnend dafür.

Er darf doch nicht vergessen, dass mir diese ganzen Berufsenttäuschungen doch herzlich nebensächlich sind, ja dass sie mir im Grunde sogar willkommen sind, weil ich sie wenigstens Edith mitteilen kann. Grade weil sie eben nur das Werk meiner Hände betreffen und nicht mich selbst. Ein grosser Berufserfolg wäre mir noch viel peinlicher, denn dann hätte ich überhaupt nichts mehr mit Edith gemein; ich könnte ihr dann gar nicht mehr begreiflich machen, wie mir zumute ist. Es ist also schon besser so, dass nicht bloss ich, sondern auch das Werk meiner Hände kaputt geht.

Wie sonderbar, dass Eugen erst heute merkt, dass ich nicht gut zu Edith bin. Ich bin es noch nie gewesen. Tage wie heute sind furchtbar für sie wie für mich.

Liturgiereformen? u.s.w.u.s.w. Ich muss doch die Zeit (und meine Gedanken) irgendwie totschlagen. Wichtig ist mir das alles nicht mehr. Aber soll ich überhaupt kein Wort mehr mit Edith zu sprechen haben? Über diese Dinge kann ich mit ihr sprechen. Und es macht uns sogar einen gewissen Spass. Ich bin freilich weit weg davon.

Also jedenfalls: Eugens Existenzmöglichkeit in Frankfurt bin nicht ich. Denn ich weiss gar nicht, ob ich noch so lange in Frankfurt existiere. Eugens Existenzmöglichkeit ist zunächst er selbst, und wenn dies Kapital aufgezehrt ist, dann der preussische Staat (und “die Gewerkschaften” und “die Stadt Frankfurt”). Eugen weiss noch nicht wie starr, dumm, fett und langweilig dies “ganze, ungeteilt und unumschränkt herrschende Leben” ist dem wir nun verfallen sind. Sowie er einmal merkt, dass jeder andre das was er macht besser machen würde (mehr im Sinne der Auftraggeber und der Empfänger), dann wird ers auch wissen.

Dein Franz.

24.1.21.

Liebes Gritli,  Eugen nimmt seinen Einsatz einen Ton zu hoch. Der Vergleich ist mir gar nicht so wichtig, – weil mir die ganze Sache nicht so wichtig ist. Es waren äusserlich so überraschene Ähnlichkeiten – Eugens Berliner Sitzung so genau wie meine Frankfurter vorigen April – dass mir der Vergleich nahe lag. An sich kann ja trotzdem alles bei ihm anders gehen. Der wirkliche Unterschied, der der Dimension, wird sich da vielleicht zu seinen Gunsten geltend machen. Im übrigen war er schon voriges Jahr über mein Sitzunglein so ausser sich vor Entzücken (“Eroberung Frankfurts”), dass michs nicht wundert, dass ihn die Eroberung Preussens = Deuschlands = der Welt ganz aus dem Häuschen gebracht hat. Das schadet nichts. – Meine “Hülfe” hat er, solange ich eben selber hier bin. Weil das ein unsicherer Faktor ist (mein Hiersein), so soll er auch in Gedanken lieber nichts darauf bauen. Über seine Zeitrechnung mit Jahrzehnten kann ich nur lachen. Ein solches Vieh ist er nicht, dass ihn eine Institution so lange ertrüge. Die Arbeiterakademie mag länger als 2 oder 3 Jahre bestehen, aber nicht mit ihman der Spitze. Aber auf so lange hinaus brauchen wir gar nicht zu sorgen.

Viel 1000 mal leibhaftiger als alle Akademien Lehrhäuser etc. ist mir das, was Eugen also erst jetzt entdeckt hat (obwohl ich ihm seit einem Jahr nichts andres schreibe): dass ich schlecht zu Edith bin. Erfolge und Misserfolge haben dagegegen wirklich wenig zu bedeuten. Er hätte nicht so unmenschlich rasch davon gehen dürfen und noch verlangen, ich sollte ihm erklären: ich brauchte ihn. Wenn man das erklären muss, braucht man einen sicher nicht mehr, oder wenigstens: dann kann man ihn nicht gebrauchen.

Ich möchte etwas für sie tun. Und da weiss ich nur das eine: sie hat auf der Welt nur zwei Menschen, mit denen sie sich aussprechen kann, ausser mit mir (und ich bin als Selbstbeteiligter nicht weise genug, sie braucht aber Weisheit): das seid ihr. Deshalb möchte ich, dass sie ein paar Tage zu euch fährt. Ohnemich. Mit mir hat gar keinen Wert. Das müsst ihr verstehen. (Das gäbe Krampf und Ansichhalten, also grade nicht was wir brauchen). Ich selber fahre während der Tage zu Hans, damit wir die Bude zumachen können. (Denn wenn das Mädchen allein bleibt – sie fährt so auch nachhause -, so macht sie die Wirtschaft wieder “trefe”). Ich will auch mal wieder was lernen.

Ich hatte den Gedanken. Vielleicht geht es schon dieses Week = End. Sonst nächstes.

Es war gestern ein sehr schwerer Tag —-

Das herrliche Stück von Koch soll Eugen erinnern, dass er für seine Biologie etwas viel Besseres hier hat als Strauss, nämlich Koch.

Strauss war eben ein paar schöne Stunden bei uns.

Ich lese eben den Brief nochmal, den ich gestern Vormittag gleich nach Empfang eures Eilbriefs schrieb und dann nicht abschickte, weil er so ganz aus dem ungelösten Krampf geschrieben war. Ich kann ihn ja ruhig beilegen. Es ist wie in allem Krampf ein Stück Unwahrheit. Vor allem ist eigentlich nicht wahr, dass ich wirklich über Frankfurt hinaussehe. Jenseits läge nur  – die Habilitation, also etwas Unmögliche. Ich bin also gebundener, als ich mir selbst einreden möchte. Und unwahr ist auch die Verzweiflung an meiner Ehe. Es bindet uns aneinander freilich immer noch nichts andres als – eben die Verzweiflung. Alles andre ist noch unwirklich. Aber die Verzweiflung darüber – die ist uns wirklich gemein. Wir sind nie so verheiratet als in den Augenblicken wo wir merken, dass wir es nicht sind. In solchen Augenblicken hänge ich an ihrem Leben.

Euer Franz.

25.1.21.

Liebes Gritli,  es ist sehr spät, ich war vom Lehrhaus aus noch in der Loge. Es war eine Subskription auf den * da, 25 sind darauf hereingefallen. Mit Eduard ists jetzt immer nett, – dies Nähersein ist wohl auch kein Zufall, vielleicht lasse ich mir einfach mit weniger genügen.

Dass noch etwas geschieht – warum nicht? Vielleicht sogar sehr “viel”. Aber es könnte nun alles auch nicht geschehen. Ich erzähle den Leuten, wenn ich ihnen, wie heut Nachmittag, vom “Anfang” erzähle, ein Märchen, bei dem ich selber nicht mehr dabei bin. Es wird schon wahr sein. Aber für mich ists ein Märchen. Neues Leben sprosst eben nur aus den Ruinen. Deshalb müssen wir “alle ruiniert werden”, eben wirklich zu Ruinen.

Wahrscheinlich wird es doch nun also dies Week = End werden. Nichtwahr, ihr sorgt dafür, dass nicht “H.U.” gleichzeitig mit Edith da ist; für ihn ists doch ein Katzensprung, für Edith immerhin eine weite Reise. Ich will ganz gern ein paar Tage zu Hans.

Sag Eugen, dass ich Schleich lese (Das Ich und die Dämonien). Und dass ich ihn wegen Edinger bedaure, dass aber Edinger noch “der beste” ist, von dieser Art. Und diese Art füllt die Welt. Die anderen sind stumm. Er soll aber an Koch denken (er braucht nichts zu tun, es kommt schon von selbst).

Dein Franz.

26.1.21.

Liebes Gritli,  der Mittwoch ist immer ein besonders arbeitsamer Tag, Vormittags hatte ich die Studenten, es war wieder sehr nett. Aber für Eugens Gedanken “…. und Philosophie” habe ich jetzt ein viel besseres Material: er soll sich mal den beiliegenden Prospekt ansehn, ob das nicht genau das ist, was er braucht.

Die fortgeschrittenen Hebräer haben heute die 10 Gebote gelesen; die beiden für die ich die volle Verantwortung trage, Frau Warenbrunn [Warmbrunn?] und Frau Auerbach, sind mindestens so weit wie irgend eine der andern, die schon jahrelang gelernt haben.

Das Mädchen wird in unsrer Abwesenheit hier sein, sie wollte nicht nachhause; es ist Edith sehr unangenehm, weil man ja nicht wissen kann, ob sie da das Geschirr auseinanderhält.

Ernst Simon blieb mittags zum Essen, er ist wirklich was ganz Prachtvolles.

Dein Franz.

29.1.21.

Liebes Gritli,  Hans und Else sind eingeladen, so habe ich einen Abend für mich gehabt und gelesen, gelesen. Ich kann ja jetzt wieder mit Leidenschaft lesen – fast wie als kleiner Junge ehe ich zum Leben aufwachte (ich habe auch, wie damals, das Gefühl alles in acht zu behalten, was ich lese). – Else hat grade wieder eine böse Zeit. Hansenes Vorlesungen – ich mag es wohl mit allen etwas ungünstig getroffen haben, ganz gut war nichts, am wenigsten das Hauptkolleg, das ich früher so bewunderte; im Gegenteil es war alles ein bischen unwirklich, unerfahren gesagt. (Er sprach von Glaube Liebe Hoffnung), es war als ob er zitierte oder nachspräche. Er muss sicher heraus aus dieser Luftleere hier. Denn das ists ja schliesslich, wenn ihn ganze 3 Männekens noch hören; da fehlt einfach der nötige Widerstand. Persönlich ist er übrigens grade besonders reizend, so klar und heiter.

Edith wird sich sicher wohlfühlen bei euch. Es war mir ja an dem Sonntagabend als der einzige Ort wo sie sich einmal ein bischen erleichtern könnte eingefallen.

Wir haben einen Klavierspieler gehört heut Abend. Es war wohl schön, aber für mich ist ja Musik jetzt höchstens Hintergrund für Gedanken, wenn sie mir nicht, wie meist einfach unerträglich ist. Und Gedanken haben wiederum ist mir jetzt kein Vergnügen. Wohl deshalb macht mir das Lesen so Spass. Heut las ich Bernoullis[?] Nietzsche = Overbeck, Öser = Schlatter, und die herrlichen Mereschkowski = Essays im “Gang nach Emmaus” (so schreibt doch keiner von uns, was wären wir, wenn wir Russen wären statt Deutsche!)  Grüss Edith.

Dein Franz.

31.1.21.

Liebes Gritli,  ich bin auf der Rückreise nach Frankfurt. Gestern vormittag waren wir mit Weizsäckers am Neckar herunter, nachmittags war ich bei ihnen. Sie ist eine ganz prachtvolle Frau, er kann sich wirklich gratulieren. Beim Thee lernte ich auch den alten Curtius kennen, der hat mir aber gründlich missfallen. Abends war ich mit Hans zu einer Volkskirchen = Werbeversammlung in Seckenheim, einem kleinen Ort bei Mannheim. Da hat er, weniger im Referat als nachher in der Diskussion, so vollendet schön gesprochen wie ichs diesmal sonst nicht von ihm gehört hatte. Es lag allerdings daran, dass er den Diskussionsredner, den ich böserer Psychologe gleich als das verlogenen Maul erkannte, als das er uns nachher von einem Kenner geschildert wurde, ganz ernst genommen hatte und ihn wirklich liebte. Nachher wurden wir in einem Lastwägelchen über die kalte sternklare Ebene nach Friedrichsfeld expediert und fuhren zurück.

Heut hat er gearbeitet, ich wie überhaupt in diesen Tagen, gelesen. Ich glaube, es wird jetzt eine lange Lesezeit für mich beginnen, wie ich überhaupt das Gefühl habe wieder in mein Ich, wie es vor dem 16.VI.1900 war, zurückzutreten. Damals war ich vom Kinderschlaf aufgewacht, mit dem Wagnerschen Tristan, und habe von da ab mindestens 5 Jahre kein Buch von über Dramen = Länge mehr gelesen.

Dein Brief – du musst immer erst sehen, um zu glauben. Es war doch nur genau das, was ich dir grade in der letzten Zeit immer wieder geschrieben hatte. Dass dies Leben für Edith eine Hölle ist. Ich hatte nur die Möglichkeit, dassich mich irrte und dass mit ein paar Tropfen “Weisheit” vielleicht alles ein andres Gesicht hätte, nicht ausschliessen [sic], obwohl ich selber wahrhaftig nicht daran glaubte. Da du mir bestätigst, dass ich nicht übertrieben habe, so ist eben alles hoffnungslos. Denn dein Rezept ist natürlich unanwendbar. Wie soll aus meiner Ausgelöschtheit noch Liebe kommen. Mit mir ist es zu Ende. Man kann auch sagen: Ich bin ein Mann geworden. Oder “ein nützliches Mitglied der menschlichen Gesellschaft”. Es kommt auf eins heraus.

Dein Franz.

Februar 1921

  1. und 3.2.21.

Liebes Gritli,  ich bin schon wieder im Betrieb drin. Heut Abend war eine recht interessante Gesellschaft bei mässig interessanten Leuten, lauter Ärzte, der wertvollste ein Dr Riese, alle in einer gewissen Kochnähe, Koch wird mir durch diese andern allmählich immer sichtbarer (obwohl das Relief, das ich selber von ihm sehe, mir doch das wichtigste bleibt).

Hat Eugen den * gekriegt? (Ich ja noch nicht.) Weizsäcker wird ihn für den Logos besprechen. Kann Eugen mir ein korrigiertes Exemplar der Wegbereiter schicken; das gäbe ich dann Kaufmann zum Abschreiben.

Es ist eins in der Nacht; ich bin auch körperlich müde.

Dein Franz.

3.2.21.

Den Brief von Rudi hat Eugen mir zu schicken vergessen. Oder vielleicht doch über Hans. Dieses Hin und Her macht ja alles noch schwerer und zwingt einen zur Verhärtung und Dickhäutigkeit. Die Dinge sind ja viel zu einfach um so viel Gerede zu vertragen. Viel einfacher wohl auch als Eugen schreibt. Was ist denn geschehen? Ich habe Edith geheiratet, ohne sie zu lieben. Dadurch sind die Liebeskräfte überhaupt in mir erloschen, ich bin wieder wie als 12 oder 10jähriges Kind. Ich lebe aber in einer Atmosphäre (der jüdischen) wo meine Existenzberechtigung darauf beruht, dass in mir Liebeskräfte sind. Also ist alles was ich tue, Lüge. Ich markiere den Schein das Lebens, ich rede vom Lebenund bin eine Leiche. Das ist alles. Und daran ändert sich nichts. Wenn Edith “aus sich herausgeht”, ist sie mir am allerschrecklichsten; ich vertrage dann weder ihre Worte noch ihre Stimme noch ihre Bewegungen. Es ist nicht nötig, diesen Satz sofort telegrafisch nach Heidelberg und Göttingen zu übermitteln (und von Göttingen telefonisch nach Kassel). Aber wahr ist er doch, auch wenn ich nicht weiter davon rede. Versteht ihr wohl: ich wünschte mir doch z.B. ein Kind, oder eigentlich Kinder. Aber das ist ein ganz objektiver Wunsch. An sich graut es mir vor – ihren Kindern. Die “Stimme der Natur” schweigt eben in mir, heute noch genau so wie vor einem Jahr. Ich muss mir oft klar machen (wozu ja in Frankfurt reichlich Gelegenheit ist), dass mir andre Frauen noch unangenehmer wären als sie.

Ich muss das alles mal so nackt und hart sagen, um die Wirklichkeit gegen alle Konstruktionen mit Kalenderdaten, Lebensparallelen und ähnlichem Schnickschnack zu sichern. Die mögen stimmen oder nicht. Für ein bischen Sichliebenkönnen gäbe ich alle solche Meinetwegenrichtigkeiten.

Ich habe die Pflicht, ihr das Leben, soweit es an mir liegt, erträglich zu machen. Weiter weiss ich nichts. Deswegen hab ich ihr den Brief z.B. heut Morgen nicht gegeben. Jetzt, nachdem ich die Antwort aus mir heraus habe und nicht mehr in Gefahr bin, ihr diese Sachen ins Gesicht zu sagen (es genügt wirklich, dass sie sie weiss; die tägliche Wiederholung ist wirklich nicht nötig; höchstens für mich, als eine Restfunktion des Lebens; vielleicht werde ich auch dies Nein eines Tages nicht mehr fühlen, weil ich eben überhaupt nichts mehr fühlen werde), – also jetzt mag sie ihn ruhig lesen. Übrigens verstehe ich den Brief selber nur zum Teil. Ist das Haus der Toten in dem ich seit einem Jahr lebe und das mir nun zerbricht, nachdem ich ein Jahr lang getan habe als ob es lebe, meine Ehe? oder mein Beruf? Du siehst, ich bin gar nicht ganz richtig [ß] bei all diesen Gedanken. Ich weiss nur eins: meine Ehe war nur möglich, solange ich einen Überschuss an Lebenskraft hineinzugeben hatte. Sie hat ihn aufgezehrt, nun habe ich nichts mehr hineinzugeben und sehe nur noch das Nicht. Es ist nur das Trägheitsgesetz, nach dem ich noch das Leben so weiterlebe, als lebte ich noch. In Wirklichkeit müsste ich mich heute habilitieren und alles verleugnen, was ich bisher gelebt hatte.

Deswegen kam heut Morgen eine Aufforderung von Vigener

(= Meinecke), an Stelle von Frischeisen = Köhler den ständigen Mitarbeiterposten für “Allgemeines” bei der Hist. Zeitschr. zu übernehmen. Dem Gesetz der Trägheit zufolge habe ich abgelehnt, vielleicht auch aus der dummen abergläubischen Hoffnung, es könnte doch nochmal bergauf mit mir gehen. (Und ausserdem aus Grauen vor der masslosen Langeweile dieser “gelehrten Beschäftigung”). Überhaupt weiss ich ja einfach nicht, was andres ich tun sollte. Und deshalb wurstle ich fort. Und lasse mich vorübergehend anwärmen von dem Hauch lebendiger Menschen mit denen ich zusammengerate und die mich nicht als tot erkennen. Das ist vielleicht jetzt das Beste an meiner Existenz hier.

Euer Franz.

3.II.21.

Lieber Eugen,  euer Vorschlag ist wirklich nur “Revolver”. Um alles in der Welt: wozu denn? Wen interessiert denn “jüdische Geschichte im 19.scl.”? (Mich sicher nicht). (Dazu kommt, dass ich sie mir nur mit ungeheurer Arbeit – und bei meiner völligen Gleichgültigkeit dagegen noch dazu mit schrecklichem Widerwillen – aneignen könnte; serbische Geschichte im 14.scl. würde ich etwa mit dem gleichen Arbeitsaufwand vortragen können. Und wozu? für wen??).

Nein: habilitierbar bin ich nur auf Hegel und den Staat hin (also: Die Staatsanschauung der deutschen Klassiker, 2 stündig, privatim. Oder: Die Einwirkungen der idealist. Philosophie auf die Männer der preussischen Erhebungszeit, 1 stündig, publice. – Kannst du dir das wirklich vorstellen? Vor 10 Jahren hätte ich das gekonnt, wollte es aber nicht, aus einem guten Instinkt heraus. Und heute? vor diesem Pack!? Und als der, der ich bin. Der Hegel war doch schon ein Schlag ins Wasser, viel mehr als ich selber dachte. Es kräht kein Hahn danach).

Auf den * hin habe ich mich habilitiert, zu deutsch: niedergelassen. Nämlich hier in Frankfurt. Das muss nun erst seinen Weg gehen. Dass ich weiss, dass es nichts ist, bedeutet gar nichts. Erst muss es auch in der Wirklichkeit zu Ende gegangen sein. Das kann ein oder zwei Jahre dauern. Halte ich das solange nicht aus, so bleibt mir nur — gar nichts bleibt mir, also muss ich schon aushalten. Ob ich dabei lüge ist doch nicht meine Sache. Ich lüge doch nur damit, dass ich eine Wahrheit sage, die für mich gestorben, nein der ich weggestorben bin. Aber sie bleibt doch Wahrheit. Ich verleugne doch nichts. Ich nenne doch die Vergangenheit nicht Geschwätz. Ich nenne sie Leben. Und die Gegenwart nenne ich Tod. Warum soll ich Gespenst nicht vom Leben reden dürfen. Solange es sich das Leben gefallen lässt, dass ein Gespenst von ihm redet. Das andre: dass ich mich für die erkannte und durchschaute Unwahrheit (ob sie nun die Unwahrheit über den deutschen Idealismus oder die Unwahrheit über das Judentum ist – auf der Universität ist alles unwahr) habilitieren würde, das wäre allerdings die Lüge und nur entschuldbar, wenn sie sehr gut bezahlt würde.

Vergiss auch das nicht: ich bin nicht freizügig. Ich wohne hier. Ehe ich nicht muss, gehe ich nicht aus der Schumannstr. 10 heraus. Ehe ich nicht muss, gehe ich nicht aus dem Lehrhaus heraus. Ehe ich nicht muss gehe ich nicht aus Frankfurt heraus. Ich habe mich nicht selbst gemacht. Auch nicht zu dem, was ich jetzt bin. Ich bin noch nie im Leben so in einer Situation gewesen, wo es nur den Selbstmord, den richtigen physischen mit piffpaffpuff, als Ausweg gäbe. Und wo es also keinen Ausweg giebt. Ich muss hier bleiben. Hier stehe ich, hier verfaule ich. Es giebt kein abgekürztes Verfahren.

Habilitation käme nur in einer Form in Frage: hier, für “Philosophie”, als Studentendependance fürs Lehrhaus. Das könnte ich mal für richtig halten. Vorläufig hoffe ich es wird auch so gehen. Denn es ist eine ziemliche Mehrbelastung.

Ich muss meine Stellung hier ansehen als das was sie ist (heute ist): als vorläufig äusserlich unerschüttert, im Gegenteil. Ich werde noch “gebraucht”. Ich werde noch bezahlt. Ich gehe nur fort, wenn ich anderswo besser bezahlt = mehrgebraucht werde. Daran habe ich mich zu halten.

Zu Gewaltakten wie mir einen Meinecke durch den Kopf zu schiessen habe ich aber – von aussen gesehen – überhaupt keinen Grund. Nur für mich bin ich ja hoffnungslos. Aber dass ich verfaulend einen Boden dünge, dass ich grade durch dieses Seelenloswerden, durch diese Erstarrung, Verholzung, grade durch all das erst zum Werkzeug werde, ist mir ja sehr klar. (Lass dir doch von Gritli von jener Schlussstunde erzählen, die sie hier gehört hat). Nicht bloss du treibst in das neue Gesetz hinein. Ich erstrecht. Ich rede seit einem Jahr ganz offen davon. Der Zionismus ist das, was dir der Sozialismus ist. In 100 Jahren hat die Welt wieder eine Form und wir wieder ein Gesetz. Ich selber werde noch eine der Grundschriften schreiben, aus denen es dann kodifiziert werden wird. Denn es wird wirklich wieder ein geschriebenes und doch wirklich gehaltenes Gesetz sein (- ein Wunder, ohne das die Welt nicht leben kann). Dass die Zionisten diesem neuen Gesetz zuleben können nur indem sie sich selbst, ihre eigene europäisch verflochtene Seele opfern, das wissen sie selbst. Ich hatte mir bisher eingeredet, ich dürfte Werkzeug für das neue Werk sein und doch meine Seele auf der Erde retten und behalten. Jetzt sehe ich, es geht mir genau wie jenen. Ich gehe genau so vor die Hunde wie die ganze lebende Generation der Zionisten (ich rede immer nur von den wirklichen). Aber das neue Gesetz wird daraus entstehen. Der * ist irgendwie das Bindeglied zwischen dem alten und dem neuen. Ich hatte schon recht, wenn ich es für ein jüdisches Jahrtausendbuch hielt. Und recht auch, wenn ich es eigentlich nur posthum drucken lassen wollte. Seine eigentliche Wirkung – nicht sein Erfolg – wird erst in 50 oder 100 Jahren anfangen.

Das (das alles) habe ich mit der Schlusszeile des * gemeint. Das einzige, was ich dabei nicht wusste, war: dass ich mit dem darin geschehenden Zurückstossen des Buchs in die Vergangenheit mich selber mit zurückstiess. Ich meinte, mich selber nach vorwärts  – “INS LEBEN” – zu retten. In Wirklichkeit hat sich nur das Leben selber “ins Leben” gerettet, und ich treibe mit dem Buchauf dem Buch, auf dem Vierwaldstädter See der Vergangenheit. Aber das Lebenhat sich auf die Felsplatte geschwungen und agiert weiter.

Ich muss nun nur das Grauen vor meiner eigenen Gespenstischkeit verlieren. Und ich darf mich nicht mehr wundern und sträuben, wenn das was die Menschen von mir hier verlangen, immer gar nicht die “Liebe” ist, sondern – dasneue Gesetz. Denn darauf kommt alles, was ich hier an Erfolg und Misserfolg erlebe, heraus. Und darin hast du also recht.

Dein Franz.

  1. und 4.II.21.

Liebes Gritli,  ich habe mich heut den ganzen Tag mit der Vorlesung gequält, schliesslich wieder eine Kassler genommen; die Einteilung in langweilige (oder vielmehr “interessante”) Donnerstage und schöne Dienstage war mir widerwärtig geworden. Mit der Kassler Stunde habe ich mir dann freilich selber das Gericht geredet; es war die über die Ehe; schon im Sommer war es so gemeint, aber erst jetzt fühle ich mich von dem damals aufgestellten Gesetz selber richtig verurteilt. So habe ich dann wohl auch gesprochen, nicht sprechend, sondern wie vorlesend. Manches schien mir auch gar nicht mehr wahr. Ich wollte, dies Semester wäre herum. Diese Vorlesung wird zu einer Strafe. Ich kann sie genau so wenig halten wie im Sommer die Geschichtsvorlesung. Ich bin nicht mehr bei mir selbst.

Hier haben die Leute schon den *,

4.II.21.

soweit sie ihn ungebunden bestellt haben, z.B. Kochs, bei denen wir gestern waren. Die Frau hat mit gutem Instinkt gleich die 2te Einleitung angefangen; er selbst kann das Buch erst lesen, wenn er sein eigenes, das er jetzt schreibt (Ein Weg zum Judentum) fertig hat; er ist jetzt ungefähr in der Hälfte. Es war sehr nett bei ihnen, und die Frau hat mir doch gut gefallen. Er selber ist etwas ganz Besonderes, immer wieder. Das Gespräch ging über – na eben über das, was man hier (mit Recht) von mir erwartet. Ich bin da ja nur eine weiche Masse, die die Form kriegt von dem, der sie anfasst. Wollte ich das nicht, so bliebe mir nichts übrig als zuhause zu sitzen und mit niemandem zu sprechen. Das Ehrlichste wäre das. Aber das geht doch nicht. Welche Gnade ist es, die Wahrheit sagen zu können. Aber wenn man wahrhaftigerweise überhaupt nichts mehr sagen könnte, sondern nur schweigen und schlafen, so muss man eben – lügen. Ist das die Verwesung? Muss man die auch bei lebendigem Leibe erleben?

Dein Franz.

6.II.21.

Liebes Gritli,  vielleicht an nichts hätte ich so deutlich merken können, dass es wirklich in mir tot geworden ist als an der völligen Gleichgültigkeit, in der es mich lässt, ob du mit Greda bist. Ich spüre gar nichts mehr dabei. Ich begreife kaum, dass ich mich vor einem Vierteljahr noch so aufregen konnte. Es ist wie auf einem entfernten Planeten.

Nur dass du mich nicht mit ihr beredest, würde ich dich bitten, grade jetzt nicht. Nicht weil sie es ist. Es ist mir genau so peinlich zwischen Göttingen Säckingen Heidelberg beredet zu werden, und es ist mir im Grunde sehr recht, dass man mir Rudis Brief lieber nicht geschickt hat. Lasst mich in meinem Gebüsch.

Der Grund ist nicht der “einfache”. Der war ja von Anfang an und ist heut nicht schlimmer als damals. Aber damals war ich nicht hoffnungslos, denn ich spürte, ich hatte noch Lebens= und Liebeskräfte zuzusetzen. Das Verzweifelte heute ist, dass ich mich selbst erloschen fühle und von keinem Menschen auf der Erde mir Hülfe erwarten kann. Soweit ich noch schreien kann, schreie ich zum Himmel. Aber meist kann ich noch nicht einmal mehr schreien.

Ich wundre mich sehr über das, was du von Marg. Susmann schreibst. Alles was ich je von ihr zu Gesicht bekommen habe, war fadester Kitsch in Vers und Prosa, gefühlvoller Schwafel. Ich kann ja zufrieden sein, wenn ich mich da geirrt habe.

Gestern Abend hatte ich eine wichtige Sitzung. Jetzt bin ich den Zionisten genau so unsympatisch wie bisher nur den Liberalen. Dabei habe ich ihnen einen wirklichen Dienst erwiesen und eine von ihnen verfahrene Situation möglicherweise gerettet. Aber das haben sie nicht gemerkt. Bloss die grundsätzliche Absage.

Bei Koch wars gestern merkwürdig. Meine Übereinstimmungen mit Eduard sind unheimlich genau. So als ob er den * genau so geschrieben hätte wie ich. Es ist doch ein Rätsel.

Nachmittags war erst Eduard da, nachher Ernst Simon und Ruth Nobel. Vormittags waren wir bei Nobel und mit ihm zur Gerbermühle. Am Freitag Abend hatte wir zwei Hörerinnen von mir da; gestern nach der Sitzung waren wir noch eingeladen. Du siehst, wir leben unter den Leuten. Natürlich.

Dein Franz.

7.II.21.

Liebes Gritli,

lies den langen Antwortbrief an Eugen, er ist ja für dich mit. Das Verzweifelte meines Zustands wird ja dadurch nicht geringer. Es ist eben (in dem Brief) eine genau stimmende Rechnung, aber eine Rechnung ohne – die Wirtin. Von Edith habe ich kein Wort darin geschrieben, das merke ich jetzt wo ich fertig bin und ihn mit Eugens Brief ihr zu lesen gebe.

Wir waren bei Edingers gestern Abend – nachmittags waren Salzbergers bei uns. Es waren allerlei Leute bei Edingers und es war mir lehrreich für meine Stellung hier und für das Mass, in dem das “Amt” meinen kranken “Verstand” schützt und die Blicke der Menschen gar nicht auf ihn fallen lässt.

Es bleibt unerträglich und doch wird es ertragen.

Dein Franz.

8.II.21.

Liebes Gritli,  auch heute wird es wieder so, dass ich einen Kassler Vortrag nochmal halte! Ich habe versucht, ihn neu zu skizzieren, es wurde aber, da ich ihn neulich gelesen hatte, einfach dasselbe, nur schlechter. So nehme ich also das alte Manuskript. Für die vier letzten Stunden giebt es nichts her, so bin ich da auf mich angewiesen, vielleicht wird das besser. Obwohl ich es nicht recht glaube. Ich scheine mir eben nichts ersparen zu dürfen, keine Phase der Zersetzung.

Dabei sind die Dinge objektiv wahr. Wenn ich es mir selber nicht mehr glaubte, so müsste ich es an Strauss und Koch sehen, die jeder unabhängig das gleiche sagen. Eduard bis zur Wörtlichkeit. Gestern in der Bibelstunde wieder. Die Bibelstunde durch ihr immer etwas fluktuierendes Publikum lässt mich grade immer wieder die Notwendigkeit, die Sachen zu sagen, sehen. Es weiss sie wirklich niemand von selbst. Die Menschen merken beim ersten Mal meist überhaupt nicht, was Strauss sagt, so neu ist es ihnen. Sie interpretieren sichs unwillkürlich in ihre gewohnten Phrasen zurück, reden vom “Göttlichen in uns” statt von Gott, u.s.w.  Es dauert einfach eine Zeit lang, bis sie merken, dass Strauss es wirklich anders meint als sie. Ich habe ja jetzt meist Orthodoxe als Hörer. Die sind aber ganz genau so. Sie glauben auch nur an die “übertragene Bedeutung”. O weh – ich lerne jetzt die unübertragene von einer neuen Seite kennen, wir haben viel zu viel von der Liebe geredet, der Zorn ist genau so wirklich, solange er wirklich ist.

Freilich kann man sich fragen: ist es nötig, die Köpfe zurechtzusetzen? Und wenn sie nun zurechtgesetzt sind – und die Leiber sind noch genau so unzurechtgesetzt! das Schrecklichste beinahe ist mir doch jetzt Ediths dauerndes gouvernantenhaftes Sekundieren, wenn ich einem Menschen etwas sage (es ist natürlich auch sachlich stets Unsinn, aber das wäre ja ganz gleich).  Ich müsste stumm sein dürfen.

Meine Sommervorlesung ist ja eine etwas stumme (“Grundriss des jüdischen Wissens”).

Dein Franz.

8.II.21.

Liebes Gritli,  die Vorlesung war noch ganz gut. Ich bin aber froh, dass ich mit den 4 letzten wieder auf “mich allein” angewiesen bin. Dann war heut Abend Vortrag von Nobel in der Loge. Ein ganzes System in nuce, leider das alte idealistische wies im Buche und vielen Büchern steht. Aber so gesprochen, dass ichs ihm gerne geglaubt hätte. Ein bezaubernder Anblick, auch durch die wunderbare Ahronhafte Sitzgelegenheit im Logensaal. Nachher bog Eduard in seiner Schlussansprache nach Kräften alles zurecht, was hoffentlich nicht viele gemerkt haben. Dann sassen wir noch mit Kochs zusammen (es war nämlich “offene” Loge, also mit Frauen), wir kommen ihnen jetzt gut nahe, die Frau tut sich auf, und beide sind gut zu Edith. Aus dieser Wirklichkeit, (die es immer mehr wird) – Strauss Koch ich – giebt es auch kein willkürliches Herauslaufen für mich. Du wirst sie ja nun alle bald kennen lernen. Auch Strauss, den du dir dann von der Bibelstunde her aufbeissen musst.

An solchen Tagen wo ich mir der Vorlesung nicht sicher bin, nimmt sie mir den ganzen Tag! Am 19. spreche ich in Hanau. Vorher vielleicht noch in Darmstadt.

Gute Nacht  –  Dein Franz.

9.II.21.

Liebes Gritli,  du darfst keinesfalls hierher fahren und dir etwas zumuten, was dir jetzt zu viel wäre. Glaubte ich, es wäre nötig, so führe ich doch heut am Tag zu dir, selbst nach Hinterzarten, das wäre mir ja jetzt ganz gleich. Aber es hülfe ja garnichts. Es ist nichts Katastrophales. Es handelt sich für mich um ein Eingewöhnen in mein “neues Selbst”, also um etwas was Weile haben will. Schlecht Ding will genau so “Weile haben” wie gut Ding. Etwas andres ists, ob mir nicht das lange Zusammensein vom Frühjahr an gut tun wird. Das halte ich selbst für möglich; es ist ja nicht mehr lang hin.

Die Donnerstagstunde wird nun endlich wieder eine frisch vom Fass, ich merkte es heut bei der Vorbereitung.

Die Trennung, die du empfindest, ist nicht die der “Bethäuser”. Glaub das nicht. Es ist alles viel wirklicher. Auf solche Unwirklichkeiten kann man nichts abladen.

Auf deine Frage, woran ich denn glaube, hab ich dir ja grade in diesn Tagen schon vorweg geantwortet. Ich lerne seinen Zorn kennen. Ob er “zum Besten” dient – mag sein, aber die Schläge schmerzen darum nicht weniger. Mein Glaube an dies “zum Besten” besteht darin, dass ich keinen Augenblick den 6.I.20 aus meinem Dasein wegdenke, wirklich keinen Augenblick lang, und ebensowenig den 9.II.21 oder welcher Tag sich nun grade Heute nennt. Nicht[doppelt unterstr.] darin, dass ich nicht stöhne oder, bisweilen, schreie.

Dein Franz.

10.II.21.

Liebes Gritli,  ich spürte, dass das kommen würde. Dass es von dir zuerstkommen würde, hatte ich nicht erwartet. (Rudis mir vorenthaltener Brief ist ja sicher schon auf diese Melodie gegangen). Eigentlich ist das nun wohl das Letzte. Was könnte nun noch kommen. Aber es ist zugleich so lächerlich, dass ich trotzdem noch antworten kann. Du weisst gar nicht, worum es sich handelt. Wo dir das “Kreuz” helfen könnte, könnte mir das “Gesetz” helfen. Das Kreuz ist ja nur der Gesetzersatz für die Gesetzlosen. Aber ich verzichte auf diese “Hülfe”. Ich könnte sie billig haben, so billig wie du das “Kreuz”. Ich fälsche mir den wirklichen Tod nicht in einen gemeinten Selbstmord um.

Ich bin froh, dass ich dir gestern Abend, ehe ich diesen Brief bekam, dir die wahre Antwort geschrieben habe, die positive. Ich könnte dir jetzt, nach dieser Verirrung, nichts Positives sagen. Wie kann man einer Nonne, die sich in der Betrachtung von Christi Wunden tröstet, von Gott sprechen. Sowenig wie einem Juden, der im Gesetz lernt. Man kann ihm nur sagen, dass sie Götzendienst treiben, dass sie Gott vergessen. Erinnere dich. [doppelt unterstr.] An den einzigen Lebendigen, den einzigen der nicht stirbt. Der uns das “Gesetz”, euch das “Kreuz” gegeben hat, nicht um sich vor uns dahinter zu verstecken, sondern um den Menschen ein Zeichen zu geben, unter dem sie sich versammeln können, wenn sie zu schwach sind sich unter ihm selber zu versammeln, und von sich aus dann in Gefahr wären, sich unter jenen Götzenbildern zu versammeln, die noch nicht einmal den Namen des lebendigen Gottes tragen. So gab er uns diese Götzenbilder, an denen wenigstens noch sein Name hängt.

Ich nehme Leben und Tod von Ihm [doppelt unterstr.]. Aber ich fälsche mir den Tod nicht in Leben um, was freilich sehr leicht geht, man braucht zum Entgelt ja bloss zu erklären: das wahre Leben ist der Tod (am “Kreuz” oder am “Gesetz”). Nein Tod ist Tod, Leben ist Leben, ich weiche vor seiner Hand nicht aus, ob sie mich streichelt oder ob sie mich schlägt.

Ginge es dir nicht so gnädig, dass dir der Tod in Gestalt von sichtbar spürbarem neuem Leben geschenkt wäre, so würdest du wissen wie es tut, und hättest diesen Brief nicht geschrieben.

Dein Franz.

[ca 10.? 2.21]

Lieber Eugen,  Edinger ist doch ein Mensch, bonae voluntatis. Du wirst schon davon nicht viele finden. (Aber immerhin doch so viele, dass du nicht auf ihn angewiesen bist).

Ich bin sehr zufrieden, dass ich mich über Marg. Susmann geirrt hatte.

Von Gritli hatte ich einen sehr törichten Brief – schliesslich kein Wunder, nach den Lasten die mein tägliches Schreiben in den letzten Wochen auf sie gewälzt hat, dass ihr da schliesslich der Kopf benommen wurde und dass sie, wirklich wie die “Toren” mit einem grossen Aufwand von “Theo” = logie erklärt: “es ist kein Gott”.

Edingers Schrift ist doch ganz toll charakteristisch!

Ich habe vor einigen Tagen in Herders Metakritik gelesen. Das ist unser wirklicher Vorläufer. Es stehen auch sonst merkwürdige Sachen drin. So in dem Abschnitt “Genese des Begriffs der Zeit, nach Datis der menschlichen Natur und Sprache”:

Eigentlich hat jedes veränderliche Ding das Mass seiner Zeit in sich; dies bestehet wenn auch kein anders da wäre, keine zwei Dinge der Welt haben dasselbe Mass der Zeit. Mein Pulsschlag, der Schritt oder Flug meiner Gedanken ist kein Zeitmass für andre; der Lauf eines Stromes, das Wachstum eines Baumes ist kein Zeitmesser für alle Ströme, Bäume und Pflanzen. Der Elefanten und der Ephemere Lebenszeiten sind einander sehr ungleich, und wie verschieden ist das Zeitenmass in allen Planeten! Es gibt also (man kann es eigentlich und kühn sagen) im Universum zu einer Zeit unzählbar viele Zeiten; die Zeit, die wir uns als das Mass aller denken, ist bloss ein Verhältnismass unserer Gedanken, wie es bei der Gesamtheit aller Orte einzelner Wesen des Universums jener endlose Raum war. Wie dieser so wird auch seine Genossin die ungeheure Zeit das Mass und der Umfang aller Zeiten, ein Wahnbild. Wie er, der bloss die Grenze des Orts war, zum endlosen Kontinuum gedichtet werden konnte, so musste Zeit, an sich nichts als ein Mass der Dauer, so fern diese durch eigene oder fremde Veränderungen bestimmbar ist, durch ein immer und immer fortgesetztes Zählen zu einer zahllosen Zahl, zu einem niegefüllten Ozean hinabgleitender Tropfen, Wellen und Ströme werden.

Schade, dass du das noch nicht für die Werkzeitungsnummer hattest!

Über Beckeraths Brief habe ich mich sehr gefreut. Wer ist denn Michaelis?

Dein Franz.

11.II.21.

Liebes Gritli,  eigentlich bin ich dir gegenüber in eigener Sache jetzt in der gleichen Stellung wie im August, als du drauf und dran warst, dich von Rudi mitreissen zu lassen und Helenes Zusammenbruch in etwas ungeheuer Positives umzudeuten. Inzwischen ist ja an Rudi sehr deutlich geworden, dass es ein Zusammenbruch war und weiter nichts. Rudis Vereinsamung und schliessliche Flucht ins Kloster – was bedarf es weiter Zeugnis. War es Leben gewesen, was damals bei Helene geschah so wäre Leben daraus geworden und nicht das “Spiel”, die “Christusliebe” und die Frage an Weizsäcker, er sehe nicht ein, warum er nicht katholisch werden solle, und die Erklärung der Vergangenheit für “Geschwätz”. Genau so wie damals gegen die unwahrhaftige Lebensschminkung des Tods bei Helene kämpfe ich jetzt für den ehrlichen Namen der Dinge, die sich bei mir abgespielt haben und will, was Tod ist, Tod genannt haben. Und gestatte weder mir selbst noch dir die Dogmatisierung, die so bequem und so narkotisch ist. Hätte Rudi damals seinen Schreck nicht narkotisiert, so wäre es vielleicht heute für beide  besser. Vielleicht auch nicht. Aber an sich ists auf jeden Fall besser, die Wahrheit zu sagen, solange man kann.

Die Vorlesung war wirklich sehr gut, und die nächste wirds auch.

Abends war Martha Kaufmann da, die ein armes Tier ist.

Eben war Hedi da, Rudi hat ihr natürlich die Schutzengel vorgelesen. Warum auch nicht? Geschwätz gehört vor die Öffentlichkeit, – wenn der Schwätzer ein begabter oder gar jetzt bald berühmter Dichter ist. In 50 Jahren machen dann die Kinder Schulaufsätze über “das Erlebnis und die Dichtung”, und der Lehrer besprichts vorher in der Klasse, von wegen der richtigen Einstellung. Und das Ganze ist dann “höheres Leben” – nichtwahr? Tod der vor dem Kreuz sich in neues Leben verwandelt hat? Wie figura zeigt. Da möcht ich mich doch hinter all eure (und meine) tümer auf die alte ehrliche Natur zurückziehen, die wenigstens nicht lügt.

Dein Franz.

12.II.21.

Liebes Gritli,  es ist spät geworden über einem langen und unnötigen Brief an Eugen. Mit den Gewaltkuren ist nicht geholfen. Wäre es nicht schon meinetwegen, so müsste ich Ediths wegen im Jüdischen bleiben. Für mich ist es, nächst dem Garnichtmehrsein das einzig Erträgliche, für Edith aber ist es das einzig Mögliche. Grade an den Sabbaten brauchst du sie nicht zu bedauern. Was sie vom Leben hat, hat sie da. Es war wirklich das Gefühl einer Notlage, dass ich sie grade am Sabbat zu euch geschickt habe; ohne dringendste Not hätte ich es nicht getan. Gedankt habe ich lange nicht, aber es kommt ja nicht auf die Worte an.

Die zweiten Lebenshälften in die wir jetzt alle hineingestossen werden (Edith, die nie eine erste gehabt hat, ausgenommen), werden uns ja vielleicht alle auch einmal wieder zusammenbringen, nur ganz anders. Es giebt vielleicht auch da wieder etwas wie ein Leben. Ich habe jetzt keine Vorstellung davon und deshalb kann ichs nicht Leben nennen.

Das eine weiss ich: die jüdische Atmosphäre um mich herum ist das einzige was mich jetzt halbwegs in Form hält. Ein Heraus aus ihr, wie es Eugen sich ausdenkt wäre mir schrecklich. Hier sind doch Leute, die mich auf das hin beanspruchen, woran ich glaube. “Draussen” habe ich Meinecke, der mich auf das festlegen will, was ich noch nichtmal als ich es machte je für etwas andres gehalten habe als eine Schüler = und Übungsarbeit.

Gestern Abend Blaus, heut Vormittag Nobel, Nachmittags Ernst Simon, dann Koch – ein klarer geordneter Tag, und alles was ich tue (mit Ausnahme alles dessen, wa zwischen Edith und mir geschieht) ein Stein zu dem Bau, dessen Umrisse ich sehe und zu dessen Grundriss ich vielleicht die Zeichnung habe machen dürfen —- was hätte ich zu wünschen, wäre nicht die eine schreckliche Ausnahme. Aber vielleicht geht es grade ohne die nicht. Obwohl – das ist dummes Zeug; ich weiss nicht warum das so sein muss.

Und auch zwischen mir und Edith giebt es einen guten Augenblick – zwar nicht wenn wir ganz allein sind, aber wenn der Sabbat als dritter dabei ist. Da lasse ich sogar mich immer wieder von der Hoffnung fangen, und werde freilich gleich wieder aus der Hoffnung herausgeworfen; es sind eben nur Augenblicke. Für mich nicht aber für meine Ehe ist das Gesetz eine Lebensrettung.

Dein Franz.

  1. und 13.II.21.

Lieber Eugen,  tant de bruit! pour une étoile! Muss ich dir nun wirklich das alte Buch erklären? Du vergisst die Gliederung des Ganzen. Wenn du es wirklich wieder liest, so lies doch vor allem III 3. Erst das (und sein Auslauf in “Tor”), nicht schon III 1 + III 2 , ist der dritte Teil. Da verschwinden aber die tümer wieder und von dem der da bleibt wird ausdrücklich und in einem Fortissimo das sonst im ganzen Buch nicht vorkommt gesagt, dass er kein andrer ist als der, der in der Mitte des Ganzen, in III 2, spricht und auch das was er zu sagen hat ist nichts andres. Nimm dazu noch die Einleitung zu III, die doch die Voraussetzung für jedes Wort von III 1 und III 2 ist und die von nichts anderm handelt als von dem freien Entgegenwachsen des Lebens von dem du redest, — und was vermissest du dann noch? Nimm endlich noch, dass noch nie das jüd. Gesetz so ungesetzlich, das chr. Dogma so undogmatisch gesehen worden ist, wie es in III 1 bzw. III 2 geschieht – versteh wohl, nicht das Judentum ungesetzlich, nicht das Christentum undogmatisch, sondern das Gesetz selber ungesetzlich, das Dogmaselber undogmatisch, und du wirst selbst zu III 1 und III 2 (die du nicht wieder zu lesen brauchst) ein Verhältnis kriegen. Es ist in III 1 nicht die Synagoge, sondern das Volk, es ist in III [2] nicht die Kirche, sondern der Mensch, de quo fabula narratur. Das ist, beides, noch nie geschehen.

Für die Richtigkeit des Aufbaus I, II, III könnte ich mich einfach auf – Hans berufen. Erfahrung, Lehre, Weisheit! Die genaue Entsprechung mit meinen I, II, III ist ganz unabhängig. Genau wie ich bringt auch Hans in seinem dritten Teil, der Weisheit, die philosophischen “Disziplinen” wieder, die er vorher ignoriert (Politik, Ästhetik, Logik). Vgl. darüber bei mir III 3 gegen Ende. Eine eindeutige Reihe ist I – II – III nicht. Das “Versinke denn, ich könnt auch sagen: steige” gilt nur für den Übergang von I zu II. Von II zu III müsste es heissen Steige denn, ich könnte auch sagen versinke. Deshalb ist das Herausbrechen des Schlusses ins Freie, der ja ausdrücklich ein Rücklenken in II 2 (“einfältig wandeln..”) ist, auch vom Buch her eine Notwendigkeit. Es ist nicht nur biographisch notwendig. Sondern auch “systematisch”.

Sieh: im Grunde steht in allen drei Teilen das Gleiche. Nur drei verschiedenen Leuten gesagt. In I dem Kranken (Diagnose: Monismus philosophicus), im II dem Gesunden, im III dem in Behandlung befindlichen, dem Patienten. Dem Kranken wird gesagt, dass er krank ist, dem Gesunden dass er gesund ist, dem Patienten, dass er Patient ist. Denn eben das weiss keiner von ihnen. Der Kranke hält sich für gesund, der Gesunde für krank, und der Patient meint, seine Klinik wäre die Welt. Ich tue z.B. hier sehr oft weiter nichts, als dass ich den Menschen sage: Euer Lieblings = Ismus, (Gottismus, Weltismus, Menschismus) ist nur Ismus. Die Wirklichkeit ist “dreifach”, nicht einfach. Wer das begreift, ist eigentlich schon gesund. Denn den nimmt das Leben auf seine Arme und trägt ihn irgendwohin.

Solange er sich tragen lässt. Deshalb muss ihm gesagt werden, dass er sich ruhig tragen lassen kann, dass er wirklich gesund ist und dass er die Doktor Eisenbarthe mit ihren Rezepten unbesucht lassen kann (welcher Gesunde weiss das?).

Endlich giebts den Patienten. Er hat vergessen, dass er Patient ist. Früher hätten wir ihn dem Kranken gegenübergestellt. Nichtwahr? Als wir noch selber in dieser Vergessenheit unsres Patientseins lebten. Denk an dich selbst in deinen Fanatikerjahren. Dass die tümer nur ihren Sinn jenseits von Gesund = und Kranksein haben, nicht selbst die eine Seite repräsentieren, das habe für euch alle1913 ich erlebt. Deshalb musste der IIIte Teil der frühstkonzipierte sein. Denn die Jenseitsstellung der tümer musste vorweg entdeckt sein, ehe man die Lehre vom kranken und gesunden Menschen (I und II in ihrer Zusammengehörigkeit) entdecken konnte. Nämlich nun tritt an die Stelle der Schattenantithese Idealismus – Kirche (wie du oder Rudi oder sonst wer,  – Pantheismus – Christentum – sie früher formuliert hatte) die Zweigesichtigkeit des Wirklichen: Nacht und Tag, Schlafen und Wachen, Elemente und Bahn, Mathematik und Grammatig, Unterwelt und Oberwelt.

I ist eben nicht “Hegel” (dies ist eins deiner Missverständnisse, vielleicht das eigentliche)  [X] – I ist Un = und Antihegel, I ist genau so wahr wie II.

[1.Fassung:]

– I ist Unhegel, Unkant u.s.w., kurz I ist ebenso wahr wie II.

Genug von dem Buch. Ich habe es immer noch nicht, bin auch nur gelinde neugierig darauf. Du schreibst ja im Grunde auch nicht über das Buch, sondern über deinen tollen Gedanken, ich solle das ..[?] was ich ..[?] habe aufgegeben um einer “Jetzt” = Theorie willen. Das ist so haarsträubend unwirklich …[?] richtig erdacht. Ich soll eine Stelle, wo man mich braucht (und wenns noch so wenig ist) aufgeben und zu Leuten gehn, die wenig wissen, aber das eine ganz genau: dass sie mich nicht haben wollen. Denn dass Meinecke mich als seinen begabten Schüler vorzeigen will – bin ich sein Schüler? (Schon als ichs war, habe ich jedem gesagt, dass Wöfflin, nicht Meinecke mein Lehrer in Geschichte sei). Ich soll meine Tätigkeit auf der Basis von Seminararbeiten errichten? Er hat ja Heller e tutti quanti. Diesen Leuten brauchst du nicht erst zu sagen: sie sollten sich habiblitieren, sie habens schon längst vorher getan. Was sollen sie auch sonst tun. Ich habe mir durch den Stern das Recht erschrieben, mich da zu habilitieren, wo – nicht einige Mummelgreise bestattet oder das neue 1813 vorbereitet werden (Universität oder Volkshochschule), sondern wo die Zukunft entsteht. Ob das neue Gesetz schon das “Weltgesetz” sein wird oder nicht – das ist nicht meine Sorge. Die Zionisten glauben es. Marx und Lasalle gehören ebensogut zu der ..[Kom?]ission die es ausarbeitet wie Strauss, Koch, Nobel, ich. Es wird kein § fertig, ohne dass die beiden votiert haben.  Mein “jüdisches Jahr” wird also den Rest meines Lebens ausfüllen. Dass die Quelle meiner Mitwirkung in der Kommission nicht mein Jetzt, sondern mein 1900 – 1919 (das was du “das Wunder von 1918” nennst) ist, das weiss ich sehr genau. Nicht die Toten loben Gott. Ich habe ja auch nicht mehr zu leben. Ich habe mich nur noch hineinzuwerfen in den Topf in dem die Zukunft brodelt. Die nicht mehr mir gehören wird. Denn mir gehört gar nichts mehr. Auch nicht die Gemeinschaft mit euch mehr. Wir sind alle (nicht bloss ich) einsam geworden. Auch du und Gritli seid bloss noch verheiratet. Nicht das Leben hat aufgehört, aber unserLeben. Mehr als Gritlis Kreuz = Brief an mich – stärker konnte es für mich und Gritli nicht gesagt werden. Ich habe dagegen geschrieben, aber nur weil ich nicht wollte, dass die hässlichen Scheingründe zwischen ..[?] scheiden sollten. Die Wirklichkeit des Todes ..[?] uns, keine dogmatischen Gespenster. Sie ..[?] jenes und sucht es auf dieses abzuschieben. Nur das will ich nicht. In der Tatsache selbst heisst es sich fügen.

Zu den Zionisten gehe ich ja. Was willst du?!

Und vergiss bei allem nicht. Was für mich ein Ablaufen der Uhr ist, ist für Edith das einzige Leben was sie noch hat. Sie nimmt an der Enstehung des neuen Gesetzes teil. Dafür hat sie offne Augen. Für sonst nichts. Für nichts, was mit jenen “Quellen” meiner Beteiligung daran etwas zu tun hat. Aber für meine Beteiligung selber. Was sollte aus ihr werden, wenns das nicht mehr wäre. Und ich gezwungen wäre, eine kühle bonzenhafte Tätigkeit vor Studenten oder meintwegen vor deinen Arbeitern (die mir doch genau so fremd sind wie Studenten) auszuüben In dem jüdischen Topf lasse ich mich noch gernzerstampfen, in dem “deutschen” wirklich nur mit äusserstem Widerwillen. Dieses “gern” spürt sie, und ..[?] das Beste an ihrem wahrhaftig nicht gu[?]ten Leben.

Dein Franz.

13.II.21.

Nach dem, was du nun heute schreibst, könnten wir ja den eigentlichen praktischen Inhalt deiner Briefe vertagen, bis der Ruf kommt. Wenn er nämlich kommt (auf den * hin! nicht etwa auf den Hegel hin) dann nehme ich ihn an. Denn das wäre dann keine deutsche Universität und es studierten keine deutschen Studenten da – wenn ich auf den * einen Ruf als Professor der Philisophie kriegte. Und nebenher – selbst die Philosophie wäre dann nicht so greulich langweilig wie sie ist. Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie schwer es mir fällt, Philosophisches zu lesen, ich winde mich vor langer Weile. Also wollen wirs bis zum Ruf vertagen?  Aber im Ernst: dies Nachholen wovon du sprichst, das tue ich ja jetzt wirklich. Meine Vorlesung hier ist ein solches Nachholen. Die Überschrift Jüdisches Denken hat dich vor den Kopf geschlagen. Aber ursprünglich hatte ichs “Einführung in den Gebrauch des gesunden Menschenverstands” nennen wollen, und nur aus äusseren Gründen darauf verzichtet. Trotzdem kann ichs nur vor Juden machen. Im einzelnen Fall gegenüber jedem Menschen. Aber bei grösserem Publikum, vor der Öffentlichkeit nur vor Juden. Denn nur da habe ich die Anknüpfungsmöglichkeit an Gemein = Erlebnisse. (Im Krieg hatte ich die ein wenig auch vor andern). Es gehört zu dieser Art Vordenken, dass man auch Mitleber ist. (Die Abschaffung des Katheders!). Dem einzelnen Menschen kann ich gegebenenfalls (eventuell) stets Mitleber sein. Der Gemeinschaft nur wenn ich ihr angehöre. Deshalb kann ich nur unter Juden wirken. Nur da wird mein Wirken unmittelbar gesetzerneuernd sein. Ob noch anderswo, das ist nicht meine Sache. Vielleicht durch euch hindurch. Mag sein.

Ob das neue jüdische Gesetz schon das letzte, das Weltgesetz sein wird – die Zionisten glauben es, ich weiss es nicht. Auch das ist nicht meine Sache. Marx und Lassalle? sie sind meine Mitarbeiter dabei, sogut sie Nobel und sogut wie Strauss und Koch.

Blüher sagt (in der Broschüre gegen Link):

Philosophieprofessor    Litteraturprofessor

———————– = ——————- Das ist genau richtig. Ich war als Verfasser

Philosoph                   Dichter.    des * (und bins in Nachklängen noch jetzt) Philosoph. Das Philosophieprofessorieren ist mir heute ganz unmöglich, wirklich einfach wegen der ungeheuren Langweile die es mir verursacht.

Also, gieb dich zufrieden. Für Herder genügt die Quellenangabe wie ich sie dir schrieb. Meine Ausgabe ist nicht die, die man zitiert.

Dein Franz.

13.II.21.

Liebes Gritli,  ich lege auf Eugens Wunsch einen Brief an seine Mutter bei. Den an ihn von gestern Abend schicke ich nun nicht; er ist übrigens z.T. durch seinen heutigen noch unnötiger geworden. Du kannst ihm sagen: den Ruf auf den * hin als Professor für Philosophie würde ich annehmen. Damit muss er doch zufrieden sein? Nämlich, wenn das geschieht, dann sind die Universitäten keine Lachkabinetts mehr, die Professoren keine Karrikaturen und die Studenten keine Deutsche mehr und die Philosophie ist eine kurzweilige Sache geworden. Vier Vorraussetzungen, von denen jede einzelne das Ende aller Dinge bedeuten würde. Bis dahin (also bis zum Ende aller Dinge nach meiner oder bis zum Eintreffen des Rufs auf den * hin nach seiner Zählung) soll er mich ungeschoren lassen.

Ich lege übrigens die 3 ersten Blätter des Briefs doch bei.

Dass du mich zum Christentum bekehren wolltest, habe ich gar nicht angenommen. Du hast nur eine Trennung zwischen uns aussprechen wollen. Dagegen kann ich gar nichts sagen. Nur die dogmatische Phrase habe ich abgelehnt. Uns trennt nicht Juden= und Christentum, sondern der Tod. Nenn ihn meinetwegen Leben. Aber dass das eine sehr andre Art Leben ist als was wir früher so nannten, das könnte dir daran aufgehen, dass das was du jetzt Leben nennst, uns (alle, nicht bloss dich und mich, sondern jeden von jedem) scheidet; das was wir früher Leben nannten, verband uns.

Ob wir “[Zeichnung, Kurve aufwärts und abwärts] Mensch” sind oder nicht, danach wird wenig gefragt. Es geschieht uns, ob wir wollen oder nicht. Dir gnädiger als uns andern. Infolgedessen hörst du sogar auf, zu verstehen, was in andern vorgeht. Oder möchtest dir einreden, es läge daran, dass sie eine andre Theologie hätten.

Nun lege ich auch den 4ten Bogen bei. Es ist schliesslich alles gleich.

Dass ich deine Freude nicht mitfühlen kann, ist mir doch selber schrecklich genug. Es ist aber nur ein Stück davon, dass ich überhaupt nichts mehr mitfühlen kann. Es ist zu Ende mit mir, mit Mit= und allen Gefühlen. Zum guten Onkel wirds noch langen.

Ich sehe jetzt darin dass ihr herkommt, wovor ich mich früher fürchtete, nun eine Rettung. Wenn überhaupt ein neues Sozusagenleben zwischen uns entstehen soll, so brauchts dazu das Zusammensein. Irgend eine Form wird da schon entstehen. Ich lasse selber nichts fahren, begehe auch im Detail keine “Selbstmorde”. Solange man leiblich lebt, muss ja irgend etwas wie Leben weitergehn. Ich kann mich nur nicht auf etwas freuen, wovon ich nur das weiss, dass es ganz anders sein wird als alles woran ich bisher hing. Ich kanns eben nur hinnehmen. Das “Lächeln Gottes” lässt sich nicht komman-dieren.

Dein Franz.

[2.Hälfte Februar? 21]

Lieber Eugen, eine Intrigue liegt gar nicht vor, sondern einfach eine unglaubliche Dummheit des Verlegers, der der Frankfurter Zeitung noch ein Exemplar geschickt hat! Ich habe sofort an Kauffmann telefoniert; die Dame (die verreist war) – die einzige mögliche Person im ganzen Verkauf[?] – hat mit Geck, dem Feuilletonredaktör der Frankfter Ztg. gesprochen, der “sehen will was sich tun lässt”. Nicht viel! – Mir selber war das Merkwürdigste, dass ich mich wirklich darüber geärgert habe. Es ist eben für meine Stellung hier eine Notwendigkeit, dass in der Frkft. Ztg. mal ein Feuilleton über mich gestanden hat. Da’s beim Hegel versäumt ist, so muss es nun beim * sein. Erst wenn die Frankfurter ihren Segen über mich gesprochen hat, bin ich glaubwürdig.

Ich gehe nachher noch selber zu K. hin, um die Einbände zu sehn, sie sollen sehr hübsch sein, – und übrigens noch länger dauern! Ich habe ja noch gar kein Exemplar hier.

Zwei Nächte ist fein, der Brief weniger, aber der Mann ist gut für dich. Besonders wenn du ihn vorher etwas in die Lehre nimmst (wozu er bereit sein wird, denn er geht ja noch zur Schule – Jonas Cohn!

Über den Raum stehen die nötigen Sachen bei Herder ein paar Seiten früher. In Freiburg hast du ja die Metakritik leicht zur Hand.

Ich dachte schon einmal daran, Mündel einen * zu schicken. Aber ich werde es wohl bei dem Pietätsexemplar für Frau Cohen bewenden lassen, der ich darin die Stellen, wo Cohen auftritt, mit Seitenzahlen bezeichnen werde (einschliesslich des Mottos, des verliebten Toren, und des letzten öffentlichen Vortrags).

Wieso ist deine Zukunft “in Berlin”?? Ist denn mit Frankfurt irgendwas geschehn, was du vergessen hast mir zu schreiben?

Dein Franz.

  1. und 15.II.21.

Liebes Gritli,  die Einbände zum * werden so hässlich, dass ich meine Freiexemplare jetzt doch ungebunden genommen habe, wenigstens fünf. Bei Strauss war eine besondere Stunde heute, 2 M, 3. Abends hatten wir einen merkwürdigen Studenten aus Wien da. Das war der Tag.

Dein Franz.

15.II.21.

Eben ruft Hermann Badt an, der für einen Tag hier ist.

Vom Verlag kam von Eugen der rote Band von der Susman. Ich habe erst die beiden ersten Stücke gelesen. Trotz des schönen Einbands, ists als ob man was mit Schreibmaschine lese, so das Manuskript irgend eines Rudi. (Übrigens ist manches ganz rudisch). Auch zu den Dunkelheiten darin habe ich ein ähnliches Verhältnis wie zu denen, die man zuerst bei Rudischen Sachen verspürt.

Dein Franz.

15.II.21.

Liebes Gritli,  wieder eine sehr gute Vorlesungsstunde. Diese beiden Stunden Ästhetik sind so gut geworden wie ich dachte. Es war vorher nur mein Fehler, dass ich alte Manuskripte zugrundelegte. Das darf ich offenbar nicht.

Badt sah ich nur heut Abend nochmal, wo ich bei Nobel war und ein Stück raffinierter Frankfurter Politik gemacht habe, die Fortsetztung von der Zionistensitzung von neulich.

Ich habe den * ringsherum beschneiden lassen, dass er nun ein sehr behagliches Format hat. Ich würde es Eugen auch raten.

Die Rezension der “Hochzeit” von E.Tr. bekam ich heute. Ich finde sie ganz herrlich. Es ist doch kaum zu begreifen, wenn er ihn nicht kennt. Aber er hat ihn eben aus dem Buch erkannt. Es giebt einem gradezu Mut zu schreiben. Auch die Sonderstellung, die er der Spenglerkritik giebt, ist wohl richtig; es ist ja auch natürlich, – einfach infolge des grossen Augenblicks wo sie entstanden ist. Die Unterschüpfer sollen eine Gedenktafel ans Wirtshaus machen. Oder lieber an das Haus, das ihr kaufen s[?]olltet.

Die 2 Stunden Ästhetik handelten nur vom Auftraggeber. Heut ist die Synagoge zu ihrem Recht gekommen. Es wäre ja auch schlimm, wenn sie beim “jüdischen Denken” gar nicht vorkäme.

Dein Franz.

16.II.21.

Liebes Gritli,  ich las gestern Abend noch das dritte Stück in dem Buch der Susman, es ist wohl schlechter als die beiden andern, aber komischerweise auch in diesem “schlechter” rudisch.

Zur “Aussprache” waren heute ganze 3 Weiberchen gekommen. Es ist sehr nötig, dass ich in Frankfurt bin. Es kann ja nochmal ein Aufschwung kommen. Aber der wird dann auch rasch wieder abflauen. Und wahrscheinlich kommt er noch nichtmal. Wäre nicht die komische Situation, dass dieses  “In Jena hat jeder Lehrer

Ein zwei auch drei Zuhörer

Die nennt man Musensöhne,

In Jena ist es schöne”  – hier ganz normal ist. Vor vierzig Menschen sprechen heisst hier: viele Hörer haben! Es ist alles relativ. Auch dies.

Dein Franz.

Wer mag nur dieser “E.Tr.” sein?

17.II.21.

Liebes Gritli,  gestern ist es ja zwei Jahre her, dass der * fertig wurde! es fiel mir heute ein. – Es war wieder eine gute Vorlesung und die nächste, letzte, wird es erst recht. Ich habe angefangen, bei Nobel zu lernen. Ruth lernt mit! Heut Abend war ein Vortrag von Strauss. Vor Tisch war ich etwas bei Koch, der darmkrank im Bett liegt.

Das war der Tag.

Von Mutter war ein Brief da, mit dem ich viel mehr mitklinge, als ich ihr sagen kann und darf.

Dein Franz.

20.II.21.

Liebes Gritli,  Hans ist da, es ist spät darüber geworden. Seine Anwesenheit tut mir ganz wohl. Rudis Brief gestern (er schickte mir das Traktätchen vom Ende Januar mit einem neuerlichen Zusatz an den verstockten Sohn Israöls von dem Erlöseten des Hörrn in Göttingen) hat mir doch noch einige Schmerzen gemacht, obwohl ich ja wusste was drin stehen würde und obwohl mir das Eigentliche daran, die Wahrheit hinter den Bäffchenphrasen, nämlich Rudis seeliche Zer= und Verstörtheit ja schon vorher bekannt war. Sehen ist eben immer noch etwas andres als wissen. Ich hätte es lieber gehabt, wir trügen das Notwendige nun alle mit Anstand und umwölkten es nicht mit der Posaunenphraseologie christlicher Jünglingsvereine.

Vormittags waren wir bei Nobel, nachmittags Ernst Simon und Ruth Nobel bei uns.

Eugen Dank für den Harnack der schön ist, mir aber teils von Harnack aus Kollegstunden, teils aus Tertullians Kampfschrift, schon bekannt (und daher in III 3 des * auch schon verwertet) war. Aber dass Harnack daraufhin reif für den * wäre, kann ich nicht finden. Sowenig wie ich selber ihn vor 1913 als ich selber noch Marcionist war hätte schreiben können.

Schon dich recht! Ich schreib dir schon nach Säckingen.

Hans mit seiner peripherischen Stellung zu den Dingen war mir eine rechte Wohltat.

Dein Franz.

22.11.21.

Liebes Gritli,  Eugen kam gestern Nachmittag, er war auch in der Bibelstunde, es war keine von den ganz grossen, obwohl wieder eine ganz andre als alle bisherigen (das ist ja jede; man kann nie sagen: nun weiss ichs wie ers macht). Heut Morgen sah ich ihn nur flüchtig, er kommt aber zu Tisch.

Von Rudi kam gestern wieder ein abscheulicher Brief. Ich habe nun gar keine Zeit zum Antworten in den nächsten Tagen. Es ist wohl auch zwecklos. Nicht dass er die Worte aus dem letzten Reich anwendet, macht ihn mir unmöglich, sondern dass er die Massstäbe für Lüge und Wahrheit verloren hat, dass er meint, es gäbe kein Erkennungszeichen ob Gott spricht oder der Teufel. Was doch so einfach ist. Der Teufel sagt immer nur:

Ich weiss nicht mehr was. Ich will lieber diesen Brief fertig machen. Eugen war mittags bei uns. Jetzt wollen wir Kaffee trinken.

Ich habe ein paar Tage jetzt sehr viel zu tun.

Dein Franz.

22.II.21.

Liebes Gritli,  heut war die Schlussvorlesung. Sie war etwas misslungen, obwohl sie glaube ich den Hörern Eindruck gemacht hat. Es war nicht alles klar, mir selber nicht. Während ich dann bei Nobel war, war Edith in einer Jugendversammlung und hat sogar in der Diskussion gesprochen, wahrscheinlich gut, aber ich bin doch froh dass ich nicht dabei war.

Aus Eugens Mauthnerkritik habe ich die herrliche Stelle über den Johannesvers ins Jüdische transponiert und ganz breit in die Stunde vorhin eingefügt – so geht das Plagiieren hin und her. (Tischdank, S.14, die sechste Bitte, in ihrem Verhältnis zu den drei vorgergehenden). Dann noch eine neue Theorie von Hans. Kurzum  — nun wer folgern will, kann folgern.

Dabei fällt mir wieder Rudi ein. Gottes Liebe ist es doch unmöglich, die den Menschen einsam macht. Das ist das Kriterium, das er nicht weiss. Er hält sich in seiner Einsamkeit und in seinem Umsichschlagen für einen Geliebten und Liebenden Gottes, statt für einen Geschlagenen. Das nenne ich die Lüge bei ihm.

Ich weiss wohl, dass es möglich wäre (vielleicht sogar mir), ihm die Augen zu öffnen. Aber das wäre nur durch Liebe möglich. Und die habe ich jetzt nicht in mir, ich fühle es zu deutlich. Es wäre eine Unwahrheit. Er fühlt eben das Richtige, er giebt ihm nur falsche Namen (nicht zu “letzte”, sondern einfach: falsche.

Edith sagte mir heute, dass du auch so gewiss wärest, dass es ein Mädchen würde. Ich habe ja komischerweise auch vom ersten Augenblick nichts andres denken können.

Dein Franz.

23.II.21.

Liebes Gritli,  in der Arbeitsgemeinschaft wieder ganze 4 Menschen! Dafür habe ich viel besser gesprochen als gestern in der Vorlesung!

Heut Abend war ich in einer Versammlung, meist Jugend, mehrere 100, – die kriege ich nun alle nie; sie sind “organisiert” und kucken nicht aus ihren Organisationen heraus. Insofern ist in einem weniger jüdisch beackerten Ort als grade Frankfurt viel mehr zu machen, etwa in Kassel.

Morgen Abend ist Eugen bei uns. Ich habe diese Tage ja soviel zu tun (er auch), dass wir uns nicht sonst sehen können.

Es ist ja ein Jammer, dass die Wohnung im Holzhausenschlösschen nicht möglich ist. Wir hatten schon immer danach geschielt. Aber wenn sie bewohnbar wäre, wäre sie es längst.

Bei uns ist heute das Wohnungsamt 5 Mann hoch gewesen und hat sehr bedrohlich ausgesehen. Man sieht den Dingen aber, wenn man erst mal drin sitzt doch erheblich ruhiger entgegen.

Dein Franz.

24.II.21.

Liebes Gritli,  Eugen konnte doch nicht, und nun wird es wohl bis Sonntag dauern, dass wir uns sehen. Die Vorlesung “Unsre Sprache” ist nicht zustandegekommen; für die paar die gekommen waren, habe ich eine Stunde gehalten, die wunderschön war. Aber nun bin ich für dies Trimester fertig. Nächste Woche habe ich nur noch Übungen und Hebräisch. Dabei freue ich mich aber schon auf den Sommer, und bin sehr neugierig wie die Hörerzahlen werden, wenn ich einmal nicht wie diesmal Vorsehung spiele.

Das Lernen bei Nobel wird auch gut für mich.

Dein Franz.

März 1921

17.III.21.

Liebes Gritli,  ich konnte leider heut vormittag nicht mehr kommen, noch nicht mal anrufen; ich musste mit Edith in die Stadt zu Besorgungen. Ich hätte auch Eugen gern noch gesprochen; eigentlich hatte ich gar nichts über Rudi von ihm gehört. Ich werde ihn ja wohl jetzt sehen, obwohl ich kein besonderes Bedürfnis danach habe. Überhaupt wünschte ich wohl diese 10 Tage wären schon herum; aber Edith freut sich darauf, schon einfach weil sie nichts zu tun hat; sie ist schon von der Aussicht ordentlich aufgeblüht, heut Morgen in der Stadt hatte sie ein Tempo, dass ich gar nicht mitkonnte!

In Wiesbaden gestern wieder kleines Publikum, die ein Dame, für die ich das vorige Mal gesprochen hatte – eine junge Lehrersfrau – war auch diesmal die Beste; der habe ich wirklich was gegeben. Sie sagte mir hinterher: das einzige, was nicht zu mir passe, sei dass ich über die geringe Hörerzahl geschimpft hätte. Sie habe noch nichtmal (nach dem ersten Mal) es Leuten sagen können, sie sollten hinkommen, – eben weil es für sie so etwas ganz Grosses bedeutet habe. – Also einem Menschen etwas gegeben und 300 M gekriegt und in einer Konditorei gewesen wie es in F. keine giebt – non frustra vixi!

Dein Franz.

18.III.21.

Liebes Gritli,  das Wetter wird schlecht! Ich fürchte, es wird nichts aus Amelith. Jedenfalls sind wir ja zunächst hier, und ich möchte Edith die Erholung vom Haushalt auch nicht verkürzen. Wir waren nach Tisch auf dem Friedhof. Im übrigen zuhause gelegen. Sag Eugen, ich läse jetzt Schellings “Darstellung des philosoph. Empirismus”, d.i. eine Übersicht über seine Gedanken, die er 1827 in München den Studenten vorgetragen hat. Sehr mässig. Ich glaube, die Weltalter sind wohl das Frischeste. So etwas schreibt man nicht zweimal. À propos “nicht zweimal” – Mutter sagt, Greda hätte deinen samtenen Stern? ich gerate ja nicht mehr in Paroxismen, aber ein bischen leid tuts mir doch, er war doch für dich gemeint.

Im Litteraturblatt der Frankfurter steht eine sehr ehrenvolle (Vergleich mit Gundolfs Goethe) aber völlig unter den Tisch fallende Abfertigung des Hegel. Mein Verhältnis oder vielmehr Unverhältnis zur Frkft. Ztg. ist die grösste Erschwerung, die meine Frankfurter Wirksamkeit finden kann. Und nun Hensel!

Was macht ihr?

Euer Franz.

19.III.21.

Liebes Gritli,  Frau Löwenherz kann uns in Amelith nicht brauchen, so fahren wir wohl nur zu ihr nach Lauenförde, dann etwa nach Münden, dann am Freitag nach Weimar, wo wir uns mit Ediths Eltern treffen, die nun doch nicht nach Frankfurt kommen. Da nehmen wir Ilse in Empfang und sind am Ostermontag wieder in Frankfurt. Edith wollte vorher hier bleiben, bei Mutter, noch richtig wandern, sie wollte bloss mit mir allein sein, was ja nun nichts wird; es wäre aber sowieso nichts geworden; entweder man ists auch bei andern oder man ists auch dann wenn man unter sich ist, nicht.

Der Schelling – ich habe ihn fertig – ist wirklich schwach. Er will freilich nur eine Einführung sein. Ich bin etwas in Lesestimmung. Jetzt lese ich einen meiner Vorgänger aus der ersten Hälfte des 19.scl, Steinheim “Die Offenbarung”; es hat ja damals eine ganze Gruppe jüdischer Religionsphilosophen gegeben.

Trudchen war heut Vormittag da. Ich konnte sie aber nicht sprechen und werde es leider auch nicht.

Ich lege dir ein paar Bilder ein, die du mal vor 3 Jahren gern haben wolltest und damals nicht bekamst. “Was man in der Jugend wünscht, hat man im Alter die Fülle” –

Dein Franz.

20.III.21.

Mein liebes Gritli,  ich war ja selber traurig, dass mir die Absicht, noch am Donnerstag Morgen herüber zu euch zu gehen, vereitelt wurde; aber ich nahm es eben hin, wie ich jetzt all so etwas hinnehme, – als etwas was offenbar so sein muss; selbst telefonieren ging ja nicht, – weil es plötzlich “so eilig” war. Ich schrieb dir das ja schon aus der Bahn. Wir wollen uns aber nicht plagen. Es ist doch etwas an dem Zusammensein, und wir haben es nötig und wollen es nehmen, soviel es uns noch beschieden ist. Am Montag Abend sind wir sicher wieder da.

Ich war gestern bei Tante Julie; es waren schöne 1 1/2 Stunden, obwohl wir nur wenig sprachen; ich bin ihr so nah.

Heut Vormittag war Rudi Hallo da, dann auch Gertrud. Er erzählte noch viel von Scholem, auch von Übersetzungen, die er gemacht hat.

Gestern vor dem Abendessen waren wir zusammen etwas bei Pragers; sie kommen jetzt zum Kaffee. Es ist inzwischen ganz schlechtes Wetter geworden. Ob wir doch nach Lauenförde gehen? (Lauenf. a/Weser, bei Frau Komerzienrat Löwenherz). Wahrscheinlich ja. Es wird für Edith ganz gut sein. Eben sagt Edith, bei solchem Wetter bleiben wir hier. Also wir bleiben. Denn das Wetter verändert sich doch nicht.

Ich lese weiter im Steinheim; es ist sehr interessant für mich, wegen der Berührungen.

Helene rief an. Sie spürt seit neustem keine Bewegungen mehr und Rudi hört keine Herztöne. Wir sind sehr in Sorge. Bleib gut. Ich habe dich lieb.

Dein Franz.

21.III.21.

Liebes Gritli,  wir sind hier geblieben, obwohl das Wetter wieder gut geworden ist. Aber in Lauenförde – da es ja mit Amelith nichts war – wären wir ja nur mehr geniert gewesen. Hier haben wir heut einen weiten Spaziergang von 10-5 Uhr gemacht, ich mag es freilich nicht, ich bringe es nicht recht fertig.

Die Kinder sind hier. Maria ist ganz famos geworden. Sie ist jetzt mehr Rudis, Hilla mehr Helenes Art. Sieht man die beiden, so ist das mit der zerstörten Hoffnung nicht mehr so schrecklich. Helene scheint es auch sehr tapfer zu tragen. An diese Erfüllung meiner bösen Ahnungen hatte ich nicht gedacht. Es ist wie vor 3 Jahren. (Das Kind ist ja sicher ein Junge, – da ist gar kein Zweifel. Es hätte Franz. heissen sollen!)

Ich scheine in eine neue Fleissperiode hineinzusteuern; es macht mir wieder Freude, Bücher zu lesen.

Ob du doch nach Heidelberg bist?

Dein Franz.

22.III.21.

Liebes Gritli, ich war bei Trudchen heut Vormittag und mit ihr auf Wilhelmshöhe. Von Rudi kam das Neue, das er dir ja natürlich auch geschickt hat, es ist ja (abgesehn von den etwas herausfallenden Schlusszeilen) sehr gut; aber ich weiss nicht, warum er das jetzt hat machen müssen; das interessiert doch (von uns) jetzt keinen Menschen mehr, auch ihn selber kanns nicht interessieren; es ist doch nur zum Veröffentlichen. Aber etwas von diesem “für die Öffentlichkeit” ist ja jetzt überhaupt in ihm. Die “Schatten” hat er hier nicht bloss Mutter und Traubenberg, sondern am folgenden Tag auch noch Ehrenbergs vorgelesen. Und die waren doch wirklich noch reichlich nass. Wann wird das tote Kind wohl in Maschinenschrift umgewertet sein? Er ist eben ein Dichter, da ist nichts zu machen. Grade das Neuste ist wirklich wieder ein bewundernswertes Stück. Aber mehr wie bewundern kann ich nicht, und seine Manier mit den Schatten hausieren zu gehen, hat mich auch da nachträglich vollständig zum “Bewunderer” gemacht.

Auf morgen haben wir uns mit Rudi Hallo und Gertrud R. zu einem Ausflug verabredet.

Ich lese viel, u.s.w.

Mutter hat hier allerseits erzählt, ihr alle, auch du, auch Eugen, fändet euch in dem Wunsch, dass ich aus dieser schrecklichen jüdischen Atmosphäre Frankfurt herauskäme. Es ist nicht gut, dass man ihr so nach dem Munde gesprochen hat; dadurch habe ichs ja nur schwerer mit ihr. Selbst wenn es eure wirkliche Meinung wäre, wäre es noch nicht Mutters Meinung; denn für Mutter ist das Gegenteil von jüdisch ja nicht christlich, sondern preussisch, professoral und vorzeigbar vor Frau v.Plitz und Frl.v.Plotz. Aber ausserdem ists ja gar nicht eure Meinung, deine ganz gewiss nicht, du hast es sicher nur im Scherz gesagt, aber du weisst doch, dass an diesem Punkt Mutter keine Scherze versteht.

Es ist herrliches Wetter hier. Ich wüsste doch gern, wie es dir geht. Ich verstehe ja, dass du nicht schreibst, aber so gut wie ich könntest du es auch.

Dein Franz.

22.III.21.

Liebes Gritli,  Mutter und Edith sind in einem Kirchenkonzert, ich mochte nicht mitgehen. Ich vertrage keine Musik mehr; ich bin in den ganzen Tagen hier noch keinmal darauf gekommen, den Apparat loszulassen.

Dein Brief nach Lauenförde kam schon mit der Nachmittagspost hier an, offenbar durch Gelegenheit. Du willst Genaueres von Helene wissen? Sie ist in der Klinik. Der Arzt will die Entbindung beschleunigen, hofft es ohne operativen Eingriff durch sog. künstliche Wehen (mit einem Pulver oder so) herbeizuführen. Davon dass das Kind doch leben könnte, spricht keiner; es gilt für sicher. Mutter hat nur mit Helene selbst gesprochen am Telefon!

Die Kleinen sind famos. Hilla wird schön. Aber das Kleine ist jetzt der Clou.

Du darfst für dich nichts fürchten. Wenn ich je sicher bin, dass es gut verläuft, dann bei dir und Magikeli.

Ich meine nicht, dass ich dir kalt schreibe. Nur aus diesem resignierten Gefühl, das mich nun einmal nicht verlässt. Ich gebe dir was da ist. Dass es ein Nichts ist, weiss ich selber. Aber dies Nichts ist nun einmal jetzt mein Inhalt. Du musst schon damit zufrieden sein, dass ich dir wenigstens den gebe. Lohnen tut er das Geben freilich nicht. Aber so wie du fühlst, dass im Zusammensein selber ein Trost ist, so ists auch im Sichschreiben. Nur ein Trost. Mehr ist auch ein Zusammensein nicht. Wenn es nicht geht, wie an jenem Morgen, wo wir Mittags wegfuhren, letzten Donnerstag, dann senke ich eben den Kopf und lasse die Hände fallen und sage zu mir: nun ja – und: so ist es jetzt denn. – Früher hätte ich da aufbegehrt, und gesagt: es darf nicht sein. Und da wäre es nicht gewesen.

So begehrt jetzt nichts in mir auf, wenn deine Briefe ausbleiben, wie doch früher. Aber es ist ein Trost wenn sie kommen. Und mir, dir zu schreiben. Wir sind ja noch zusammen auf der Welt. Wir sehen noch das gleiche Licht. Auch wenn wirs nicht mehr in einander und durch einander sehen. Es ist doch noch die eine Sonne, die uns beiden scheint. Grade in diesen schönen Tagen. Ich denke an dich. Und an das Kleine.

Dein Franz.

23.III.21.

Liebes Gritli,  wir waren zu vieren in Wilhelmstal; es war ein ganz sommerlich warmer Frühlingstag; wir lagen stundenlang auf einer Bergspitze.

Ich fahre Morgen Nachmittag zu Rudi; er hat es gewünscht. Übermorgen fahren wir nach Weimar.

Rudi hat das Münstergedicht neulich in Kassel konzipiert und neben der Lektüre im Stern geschrieben, schreibt er. – Dadurch wird mir jetzt verständlicher, wie er dazu kam, es jetzt noch zu schreiben. Schön ists; ich habe es nochmal gelesen. Bis auf die Schlusszeilen, die zu kitschig deutlich sind.

Ich lese Cohen; Mutter hat das Buch ja auch.

Dein Franz.

24.III.21.

Liebes Gritli,  ich schreibe aus der Bahn auf der Rückfahrt von Göttingen. Helene geht es unverändert. Mit Rudi war es “zeitgemäss”, – ich habe kein andres Wort dafür. Das Leben liegt wie eine Ebene vor einem.

Basel ist übrigens durchaus noch nicht abgetan. Wir fahren also morgen nach Weimar, trotz der Unruhen.

Im Cohen bin ich jetzt an den Stücken, die ich 1918 auf der Fahrt nach Mazedonien las.

Das Münstergedicht bring ich dir mit. Es ist jetzt, nach einer kleinen Streichung am Schluss, sehr gut.

Helene war nett. Man kann noch nicht einmal laut aufschreien. Wie es ist, so ist es.

Dein Franz.

25.III.21.

Liebes Gritli, in Weimar! Aber gar nicht in Weimar. Ich ertrage es nicht, und bin infolgedessen unerträglich. Schwiegereltern sind ja schon an sich eine Aufgabe. Weimar ist auch eine. Und nun gar Schwiegereltern in Weimar. Morgen werde ich mich etwas von der Welt zurückziehn und Edith mit ihren Eltern allein lassen. Ich störe zu sehr.

Auf der Fahrt las ich wieder viel Cohen. Es ist doch viel Übles in dem Buch, neben ganz herrlichen Sachen. Gesprochen ists ja meist, als ob die deutsche Sprache noch nicht erfunden wäre; er hat da eine Horde von Wörtern “vollziehen” “Aufgabe” “erzeugen” “Problem” “Kultur” “in Gemässheit” “Methodik” – ob ihn wohl je ein Mensch gefragt hat, was er sich dabei eigentlich gedacht hat? O welch einen edeln Geist habt “ihr” da zerstört, ich meine: ihr Deutschen. Wo er jüdisch spricht, da (und nur da) spricht er plötzlich gutes Deutsch!

Wir wohnen im Hotel Augusta am Bahnhof, schlecht und recht.

Im Elefanten, wo die Schwiegereltern wohnen, war kein Platz mehr.

Mein Schwiegervater ist übrigens so rapid gealtert, dass ich froh bin, dass Edith ihn sieht.

Ich habe merkwürdige Einsichten über den koscheren Haushalt bekommen. Es ist doch eine ungeheure Sache.

Dein Franz.

26.III.21.

Liebes Gritli,  mir ist nicht wohl in Weimar. Ich schrieb es dir ja schon gestern, ehe ich deinen Brief hatte. Allein kann ich nicht sein, und mit Edith (und gar mit ihrer Familie) bin ich nicht in Weimar. Sie sind ja alle so – ich habe kein andres Wort dafür – “goiisch”. Sie wissen von Goethe und Schiller doch nur, dass sie eine Anzahl Gedichte gemacht haben, die auf der Schule gelesen werden. So bleibt mir nichts, als so zu tun als ob ich nicht hier wäre und mich nach Kräften in “Arbeit” zu vergraben. Was ich ja nun wohl überhaupt für den Rest meines Lebens tun werde. So tun als ob ich nicht da wäre.

Die Servietten sind nicht mehr im Schwan. Es sind gewöhnliche weisse Papierservietten da. Natürlich.

Rudi fühlt sich grade von dir “unter Verschluss gesetzt”. Das Gedicht bringe ich jetzt mit.

Hans drängelt immer noch, ich solle über Schelling arbeiten. Meine Freunde sind komische Leute. Über das Hegelbuch, das geschrieben ist, zucken sie alle mitleidig die Achseln. Aber alle wünschen dringend ich soll nun ad infinitum weiter so Sachen schreiben, die sie (und mich) nichts angehn. Im Grunde ists doch nur das peinliche Gefühl, dass das Judentum eine lebendige Angelgenheit sein soll. Das muss aus der Welt geschafft werden, und wenn man zu dem Zweck auch alle schon praktisch und theoretisch gefällten Urteile über die “deutsche Universität” zurücknehmen müsste. Grade ich, ausgerechnet ich, der sich nie habilitieren wollte, grade ich soll mich jetzt in diesen Kessel werfen. Dann sollens mir Hans und Eugen erst mal vormachen. (Und selbst dann mache ichs ihnen noch nicht nach).

Ich wollte, der 28te wäre erst vorüber –

Dein Franz.

April 1921

[Ende April ? 21]

Liebes Gritli,  nachmittags waren Eugen und Ernst S. da, nach Ruths Stunde, die wieder sehr schön war. Ich habe eine Idee, morgen werde ich sie Nobel sagen. Du weisst vielleicht, dass Nobel als jüdisches Gegenstück zum Pater Prowe einen Lerhauftrag an der Universität haben soll. Nun ist jetzt Rabin der ein Lektorat für Rabbinica hier hatte, nach Breslau berufen, ein Nachfolger nicht vorhanden. Nun meine ich: Nobel sollte als Rabins Nachfolger Rabbinica und historische Rel.philosophie nehmen und mir das Gegenstück zu Prowe (als “systematischeRel.phil”) überlassen, bzw. verschaffen. Dann gehe ich nicht nach Hamburg. Meine Stellung hier wäre damit äusserlich und innerlich verbessert, und Nobel und ich zusammen wäre ein glänzender Anfang für eine jüdische Fakultät. Das ist ja die Form, in der ich an die Universität gehen kann. Ich habe höchstens das Bedenken, ob es nicht etwas verfrüht ist (für mich). In ein oder zwei Jahren wäre ich weiter. Aber gehen tut es auch jetzt, und die Mehrbelastung (etwa eine zweistündige Vorlesung und eine Übung) nicht so gefährlich. Mit Ernst und Eugen hab ich schon gesprochen, morgen sage ichs Nobel, von seiner – nicht bloss Zustimmung, sondern wirklichen Dafür = Erwärmung hängt natürlich alles ab; wenn ers wirklich will, ists sofort gemacht.

Dein Franz.

Mittwoch [Ende April ? 21]

Liebes Gritli,  die Blase ist schon wieder zersprungen. Nobel will nicht. Es ist auch viel komplizierter als ich dachte. Für Nobel selbst ist es noch gar nicht so sicher, und er will seine Sache nicht mit meiner dazu belasten. So sieht er es an, und ist in grosser Sorge, ich könnte ihm “entgegenarbeiten”. So wird es also natürlich nichts. Und damit rückt nun Hamburg doch sehr in die Nähe, mehr eigentlich als ehe ich den Gedanken hatte. Es war eben etwas zu früh. In zwei Jahren werde ich selbst und mein Renommee reifer sein, und bis dahin muss ich abwarten. Auch nach Hamburg gehe ich ja nur, wenn ich die Gewissheit habe, Zeit zum eigenen Lernen zu behalten.

Ich bin auf der Rückreise von Hanau. Frau Nussbaum ist schon fortgeblieben! Mit denen die da sind geht es mächtig vorwärts.

Eugen habe ich heut vergeblich zu erreichen gesucht.

Nobel fragt viel nach Eugen. Ernst Simon war ja so begeistert von ihm. Ich glaube, Eugen hat er auch gefallen.

Dein Franz.

[Ende April ? 21]

Liebes Gritli,  beim Arzt! ich glaube ich habe von meinem Schnupfen etwas in der Stirnhöhle übrig behalten und da will ich lieber gleich was tun.

Heut früh war ich bei Eugen, er war mittags bei uns. Er hat mir die Komplikation mit seinen Eltern erzählt. Ganz so kompliziert ist es ja nicht. Der Vater darf nur einfach jetzt nicht nach Freiburg und in Baden muss man ihm etwas Besseres zur Unterkunft suchen. Ich habe Eugen angeboten, ev. Sonntag nach Freiburg zu fahren, aber es wäre wohl kaum das Richtige.

Der Doktor hat Eiter in der Stirnhöhle gefunden und nun giebts eine Weile lang Auspumpungen und Kopflichtbäder! Da habe ich meine Verpäpelung[?] teuer bezahlt! Übrigens ists ein reizender Kerl, ein Dr. Fleischmann, von Koch empfohlen, der mit einer langwierigen Gallenkolik liegt.

Heut Abend fangen wieder Festtage an. Auf morgen Mittag haben wir Eugen gebeten.

Ich lerne wie doll arabisch. Zum dritten Mal! Erst 1914/15, dann 16/17, und jetzt. Diesmal will ichs dann [?] aber nicht wieder einrosten lassen.

Dein Franz.

30.IV.21.

Liebes Gritli, durch Eugen erfuhr ich heute, dass du noch gar nicht in Säckingen warst; so haben dich meine 3 Briefe nicht erreicht. Auch jetzt merke ich, weiss ich gar nicht genau, wo du bist, ob du von Baden = Baden nochmal zurück nach Stuttgart fuhrst oder gleich nach Säckingen. Aber es ist ja ziemlich egal.

Dass Eugen mittags hier war, hast du inzwischen schon von ihm selbst gehört. Nach Hamburg schreibe ich heute Abend. Eigentliche Lust habe ich ja nicht, aber ich glaube doch (oder deswegen) sicher, dass es was wird. Das Beherrschende ist auch hier das Gefühl kolossaler Wurstigkeit; irgendwie und irgendwo werde ich schon existieren.

Es waren hübsche Tage. Nobel hat wieder schön gesprochen, wenn auch nicht so wie das letzte Mal. Das ist ja immer so, dass man nach einem Höhepunkt sich nicht gleich wieder erreicht.

“Fräulein” ist heute abgegangen. Sie ist Edith zum Abschied um den Hals gefallen! Wir waren alle sehr angenehm erleichtert, als sie fort war. Auf Montag oder Dienstag hat sich Gerhard Scholem angemeldet.

Dein Franz.

Mai 1921

1.V.21.

Liebes Gritli,  Ediths Umräum= und Packtag – sie ist so kaput, dass ich wirklich froh bin, dass sie wegkommt, – sie ist immerfort am Weinen und auf der Strasse hat sie heute ihr Handtäschchen aufs Pflaster geschmissen! Nachmittags war ich bei Sommers; es war eine nette Theegesellschaft, eine Freundin von Karl v.Noorden war da, Frau Seegers oder so ähnlich (der Mann hat das städtische Gewerbegericht), eine schöne Frau. Auch sonst allerlei interessante Leute, zuletzt war ich in einem grossen Duell mit einem Husserlianer – ich kenne Husserl jetzt vollständig, bloss von seinen Schülern, aber nicht deswegen erzähle ich es dir, sondern wegen der Versöhnung am Schluss, wir fielen uns nämlich beinahe in die Arme: der Mann ohne Namen! Wir haben übrigens neulich hier den ersten Teil gesehen, der ist ja genau so schön wie der Löwenteil.

Mich plagen aber solche Gespräche jetzt; ich rede etwas, was ich gar nicht mehr leben darf, wenn ich existieren will. Ich brauche ja all die Dinge, gegen die ich als Denker eifre: Haltung, Unempfindlichkeit, und Herrschaft über das Schicksal.

Dein Franz.

[4.? V.21.]

Liebes Gritli,  ich kam durch meinen Besuch in den letzten beiden Tagen nicht zum Schreiben. Du willst von Montag früh wissen. Also: es war im ganzen sehr schön. Der Minister sprach passabel, der Sozialist Thomas famos und Eugen wirklich gut. Er ist ja wirklich unfähig zu einer Menge zu sprechen, da wirkt alles wie abgelesen. Aber nachher die eigentliche Rede hatte er sich aufgeteilt in lauter Ansprachen und das ging. Obwohl man auch da das Vorbereitete durchspürte, aber doch wohl nur unsereins. (Den Arbeitern z.B. sagte er einfach nochmal seinen Brief an Eugen May). Wie er jedesmal grade das Negative betonte, das wirkte stark, am stärksten wie er es den Arbeitern gegenüber tat; da hielt alles den Atem an. Ich war nachher mit deiner Mutter zusammen. Entsinnst du dich noch an das letzte Mal in Stuttgart? Haben wir uns da wirklich auf Gegenseitigkeitgeduzt? sie sagte es, aber ich stolperte jedesmal, und noch jetzt in Gedanken, über das Du von mir zu ihr; ich glaube sie irrt sich.

Abends war Scholem da und der hat mich bis gestern Nacht nicht zur Ruhe kommen lassen. Ein ganz doller Kerl. Ein jüdischer Mönch. Einer, der sein Leben geopfert hat, um zu lernen. Ganz unvorstellbare Gesichter, (nicht ein Gesicht). Er kann ganz aussehn wie ein Ostjude, und dann wieder wachsbleich und entzündet wie ein Engel. Dazwischen wie ein dummer Junge. Als er sich angemeldet hatte, dachte ich, ich müsste ihn lehren. Als er da war, meinte ich, ich müsste mich an ihm ärgern. Und ein paar Stunden später merkte ich, ich müsste nur von ihm lernen. Das tat ich dann und habe dabei allen Respekt den er für mich mitgebracht hatte, ins Spiel hineingeworfen, so dass er nichts mehr davon nachhause mitnimmt.

Das Lehrhaus hat angefangen. Montag mit zweimal Strauss und recht befriedigendem Besuch. Gestern mit meinen beiden hebräischen Kursen, die jammervoll besucht waren. Heute Nachmittag meine Vorlesung.

Eugen hat beim Minister gehorcht, wie es hier mit den Universitätsmöglichkeiten steht. Es ist gar nichts.

Mutter liegt ganz unbeweglich! sie hat einen Pflegerin nehmen müssen. Es ist viel schlimmer als in Wildungen. Eben fällt mir ein, dass ich vielleicht morgen mal hinfahre. Über Pfingsten werde ich doch nicht können, obwohl ich ja wohl auf der Hin= und Rückreise durch Kassel durchkomme.

Deinen Traum habe ich im wachen Leben der letzten Wochen oder Monate gelebt. Ich hätte oft aufschreien mögen. Fast bin ich jetzt ruhiger.

—-

Dein Franz.

Donnerstag [5.V.21]

Liebes Gritli,  ich bin unterwegs nach Kassel. Morgen fahre ich zurück. Eugen kam gestern nicht zum Mittagessen in die Stadt wie wir verabredet hatten, auf der Universität war er Nachmittags um 4 und um 6 auch nicht, so habe ich ihn nicht gesehen.

Meine Vorlesung habe ich gestern eröffnet, ziemlich unter Aussschluss der Öffentlichkeit. Trotz Sommer ist mir meine Abgenutztheit für Frankfurt sicher. Ein Publikum wie dort kann ich überall haben. Dabei schiebe ichs gar nicht auf die Leute, sondern muss schon die Ursache in mir selber suchen. Ich bin kein guter Redner, und das wird nun mal verlangt. Auf der Universität würde sich das übrigens im gleichen Sinn bemerklich machen, ich würde da auch nur ein paar Leute haben. Ich brauche also – das ist die Folgerung daraus – ein Publikum, das muss. Also Schulkinder. Also Hamburg. Ich kann mich dem immer weniger verschliessen. Oder ich müsste mir sagen: es ist verfrüht, schon arriviert sein zu wollen, sozusagen schon Ordinarius; ich muss mich zunächst verhalten wie ein junger Privatdozent, für den auch das Lernen noch wichtiger sein muss als das Lehren. Mit dem Panzer solcher Wurstigkeit angetan könnte ich es wohl noch in Frankfurt aushalten.

Schön wars dafür in Hanau. Ich las den 124. Psalm. Hätte ich nur so eifrige 20 wie dort in meinem Hebräisch in Frankfurt! In Frankfurt habe ich eben nicht, was ich in Hanau hatte: Zutreiber. Ich kann nicht mein eigener Zutreiber sein.

Am schönsten aber war es vorher, von 4-6, im Arabischen. Das ist eine zu bezaubernde Litteratur. Wir lasen 2 Geschichten aus dem Hofsänger = Kreis Harun al Raschids. Ich kam auch sprachlich besser mit als ich erwartet hatte. Und der Professor weiss wenigstens viel, wenn ers auch nicht versteht.

Meine Vorlesung war übrigens gestern auch so la la. Sehr locker, mehr Kapuzinerpredigt als Vorlesung.

Ilse ist lieb.

Ich habe Bauchgrimmen. Und immer noch Dreck im Schädel.

Dein Franz.

6.V.21.

Liebes Gritli,  ich bin auf der Rückreise von Mutter. Es ging ihr wieder viel besser, sie hat eine sehr nette Schwester, die natürlich glücklich ist über die angenehme Stelle und nur jammert, dass sie nicht genug zu tun hat. Faute de mieux nahm sie auch mich als Patienten mit meinem verdorbenen Magen. Mutter hat wirklich noch ihre grossen Reisepläne. Ich will hoffen, dass es was wird. Inzwischen hat sie ihre schlaflosen Nächte dazu benutzt, ihre sämtlichen Sachen zu – vermachen. Wir hätten ja doch keinen Platz dafür! Z.B. ihre Bücher!!! Teppiche, Bilder, – was weiss ich. Rudi und Helene hätten es auch sehr richtig gefunden (Das glaub ich!). Sie hat eben gar keine Vorstellung davon, dass ich einmal später anders leben muss als sie gewohnt war und dass ich z.B. nie mir einen anständigen Teppich anschaffen könnte u.s.w., sondern nur durch solche ererbten Sachen meinem Leben noch einen über = kleineleutemässigen Rahmen geben kann. Der letzte Grund (den sie sich nicht eingesteht) ist, dass sie Edith nicht leiden kann und ihr deswegen nichts gönnt. Sie hat eine Liste mit vorläufig 20 Familien aufgestellt, in die sie ihren Haushalt zerstreuen will. Wenn sie ihnen bei Lebzeiten was schenken würde, Geld oder gekaufte Sachen, so wäre es mir wahrhaftig recht und sie hätte mehr davon; aber das will sie nicht, weil sie weiss, dass sie damit mir und Edith keinen  Tort antäte. Es ist sehr eklig. Ich schreibe es dir (obwohl ihr ja sicher auch unter den posthumen Beglückten seid) weil ich mich sonst an Edith ausschreiben würde und die hat wirklich schon keinen besondern Grund, ihr gut zu sein. Habe ich dir damals eigentlich von dem infamen Brief erzählt, den sie an uns geschrieben hat? auf den ich sehr grob geantwortet habe, worauf sie nicht mehr darauf zurückgekommen ist?

Aber es war trotzdem nett. Böse kann man ihr ja schliesslich doch nicht sein.

Vorhin auf der Fahrt hinter Marburg hatte ich einen Wachtraum. Ich sah plötzlich einen der nächtlichen Lagerplätze auf der Flucht aus Mazedonien, ganz deutlich. Da stieg eine solche Sehnsucht in mir auf nach jener Zeit, dass ich gern gleich gestorben wäre, statt so weiterzuleben.

Dein Franz.

7.V.21.

Liebes Gritli,  wir gehen morgen in den Odenwald mit Hans zusammen. Eugen habe ich geschrieben, so dass er mitkann. Gesehen habe ich ihn ja seit Donnerstag nicht. Dass er “rednerisch” enttäuscht hat, hörte ich inzwischen auch von Fremderen; aber über den Inhalt Ein Lob.

Wir waren gestern Abend bei Nobel, heut Mittag bei Lazarus, Nachmittag bei Mayers. Das Kind ist noch greulich. Die Eltern etc. um so netter. Mayer liest den * und bewundert ihn sehr. Aber den Eindruck, dass sich hier etwas für mich machen würde, habe ich doch nicht. Hoffentlich machen mir die Hamburger kein zu günstiges Angebot.

Ich habe viel über Rudi nachgedacht. Du weisst, dass er die “Mutter” auch in Kassel vorgelesen hat! und sehr entrüstet über mangelnde Anerkennung seitens Tante Emmy war. (Er wünsche aber nicht, dass sein Vater es erfahre, dass er es vorlese, sagte mir Mutter). Greda degoutiert am Münstergedicht u.a. der “Lodengeruch”.

Mich degoutiert ganz was andres.

Dein Franz.

8.V.21.

Liebes Gritli,  wir waren mit Hans einen wunderschönen Tag an der Bergstrasse von Bensheim angefangen und in Auerbach geendet. Es ist diedeutsche Landschaft, Berge Wälder Schlösser und weiter Blick hinunter zum Rhein. Hans ist kolossal im Schreiben drin. Er schreibt auch was Philosophisches, ausser dem zweiten Dialog. Als wir zurückfuhren trafen wir Michel; er ist ein wirklich netter Mensch. Dadurch hörte ich auch von Eugen. Wir gingen noch zusammen ins Kino, leider nicht in den Mann ohne Namen. Mittags sahen wir (Hans und ich) zusammen – einen Antiquariatskatalog durch! du hättest gelacht. Es war aber sehr schön.

Gute Nacht.

Dein Franz.

9.V.21.

Liebes Gritli,  ich habe viel zu tun, der Tag läuft nur so hin. Es gab schöne Stunden von Strauss. Aber Eugen war nicht da, so habe ich ihn wieder nicht gesehen.

Allmählich sage ich mir, das gescheiteste ist, ich bleibe hier. Augenblicklich habe ich noch nicht nötig, mich zu verbeamten, und in einigen Jahren, wenn ichs will, kann es mir noch weniger fehlen als heute. Immerhin will ich hin nach Hamburg, damit die Sache irgend eine Folge gehabt hat.

Es war so ein schöner Tag gestern.

Dein Franz.

10.V.21.

Liebes Gritli,

diese Tage sind alle besetzt, es ist noch ganz gut so. Stunden, die ich gebe und nehme. Nobel, Ruth, Lehrhaus – es wäre kein schlechtes Leben. Es ist es aber doch.

Edith scheint sich etwas zu erholen. Hamburg wird sie ja dann wieder herunterbringen, allein schon die Reise.

Eugen habe ich wieder nicht gesehen. Ich habe ihm heute eine Karte geschrieben, für den Fall, dass Michel neulich meine Bestellung nicht ausgerichtet hat.

In Hamburg? bei Rabbiner Dr.Sonderling[?], Rothenbaumchaussee 152. Wir sind ja nur Sonnabend bis Montag dort.

Ich kann gar nicht schreiben.

Dein Franz.

Ich kann nicht schreiben, weil mich deine Einsicht ergreift. Aber es ist doch nicht wie in Aulis. Es ist kein Opfer. Denn wärest du nicht “entrückt” worden, so hätte ich es nie bringen können. Also ist es kein Opfer.

Ich will noch etwas dazu schreiben –

11.V.21.

Liebes Gritli, also morgen Abend fahre ich, und da Ediths kleines u. inzwischen auch eingetroffen ist, so steht nichts im Wege. Ich habe einen pompösen Plan erdacht, den ich den Hamburgern vortragen werde. Da werden sie wohl sicher anbeissen. Hier ist er nicht zu verwirklichen, weil hier zu viel eingefahrene Geleise sind, aus denen niemand die Karren herausbringen kann. Hamburg ist Neuland. Lust habe ich natürlich trotzdem keine.

Ich habe sehr versucht Eugen zu treffen, aber es ist wieder nicht gelungen. Von ihm habe ich die beiliegende wunderbare Weigerung, mich zu treffen. Immerhin brauche ich nun wenigstens morgen nun auch nicht mehr auswärts zu essen, sondern wir essen bei Rothschilds, was ich bisher nur nicht getan hatte, um Eugen treffen zu können.

Ich habe eine gute Vorlesungsstunde gehalten und auch eine schöne Stunde in Hanau (Ps. 130). Davor Arabisch. Früh Nobel. So sind jetzt meine Tage. In Hamburg wird es vielleicht bis zu 18 Stunden wöchentlich, also die ganzen Nachmittage. Mein Plan ist: kombiniertes Lehrhaus + Schule, und verbunden mit Heranziehung von 1 oder 2 Helfern, die zu Nachfolgern werden können, wenn ich weggehe.

Nachts werde ich ein paar Stunden bei Mutter sein.

Ich habe Sehnsucht nach dir. Aber wie über einen Abgrund hinweg.

Dein Franz.

13.V.[21]

Liebes Gritli,  in “Ülzen” – ein schöner Name, so ist alles hier. Ich fuhr gestern Abend ab von Frankfurt. Nach allerlei Schwierigkeiten habe ich sogar Eugen noch gesprochen; vormittags als wir uns verabredet hatten, war er – drei Mann hoch angerückt. So gut mir Michel und Schlünz[?] “an sich” gefallen, so wurde ich doch grob. Am Nachmittag kam er dann allein. Ich habe das Cohen = Seminar doch begonnen; eine Dame gefiel mir.

Mutter habe ich 3 hübsche Stunden lang nachtbesucht. Die Ärzte haben vorläufig mal Arthritis deformis der Wirbelsäule konstatiert. Das Fieber ist aber damit noch nicht erklärt. Gut dass sie wenigstens die nette Schwester hat und selber jetzt grade einen Überschuss an Liebes= und Lebenskraft zuzusetzen. Wenn du ihr mal ein Wort schreibst, würdest du ihr sicher eine Freude machen, auch wenns nur ein kuzes Blättchen wäre.

Edith ist doch sehr erholt. Wenn wir in Hamburg vorsichtig  sind, so glaube ich, wirds ihr nichts schaden.

Die erste Stunde gestern habe ich nur seine Biographie erzählt. Auf nächstes Mal habe ich die ersten 40 Seiten zu lesen gegeben; falls du es mitmachen willst; es wäre mir recht. Es ist Donnerstag um 4 Nachmittags bei mir, bis 5 oder allenfalls 1/2 6. Die Frau Mirzbach würde dir auch gefallen. Studenten kommen höchstens zwei, sonst nur die 4 Damen (drei Frauen und eine Gans).

Wir fahren Personenzug. Die Menschen sehen verblüffend norddeutsch aus. Ich habe beschlossen, meine Gehaltsforderung auf 45000 zu erhöhen. Wenns so weitergeht, bin ich bis Hamburg bei 50000.

Dein Franz.

Juli 1921

3.VII.21.

Liebes Gritli,  aus psychologischen Kontinuitätsgründen muss ich dem Brief an Eugen noch das Blatt an dich beifügen. Die “erste Woche” ist halb fertig. Es wird vielleicht doch hübsch.

Edith schreibt folgendes Gespräch zwischen Frau Dr.Flake und Ate:

Die Mutter: Wem sagst du zuerst Gute Nacht?

Ate: Dir Mama

Mutter: Und wer kommt zuletzt dran?

Ate: Der liebe Gott

Mutter: Aber den giebts doch garnicht.

Ate: Doch, ich weiss bestimmt.

Mutter: Na, wo ist der denn, ich habe ihn noch nie gesehn.

Ate: Sehn kann man ihn auch nicht, er ist ganz zuhinterst im Himmel, soweit kann man gar nicht gucken, aber er kann überall       gucken.

Mutter: Unsinn, ich glaub’ nur, was ich sehen kann.

Ate: Aber geben tuts ihn doch.

Dein Franz.

8.VII.21.

Liebes Gritli,

wir fuhren unter Assistenz von Herrn Markowitz, der uns noch das ostjüdische Antlitz und einen glühenden Dankbrief schenkte, ab, – der Brief in seiner jungenhaften Ehrlichkeit und Aufgestöbertheit wirklich famos, – und kamen in das wunderschöne Langenschwalbach. Die Pension von Frau Flake ist weniger schön, sie selber aber sehr nett, es war eine doll literarische Luft, man fühlte sich so im Schwerpunkt einer Fläche, die von Kurt Wolff, S.Fischer, Rütten u. Löning und dem Neuen Merkur begrenzt wird. Die Nochnichtexistenz von Patmos wurde mir dabei auch bewusst. (Aber verrat das Hans nicht, – und eventuell, wenn er grade wieder drin steckt, Eugen auch nicht). Die Susmann ist ein grosser Name und die Tatsache, dass sie mich neulich in dem Feuilleton in der F.Z. “miterwähnt” habe, gab mir eine gewisses Relief. Eugen steht in wohlwollender Erinnerung.

Obs für Edith das Richtige ist, ist mir zweifelhaft. Etwas mehr Langeweile und weniger expressionistische Kultur täte ihr wohl besser. Aber nun ist sie mal da.

Heut war ich also Mittags 2 Stunden bei Fritzsche. Das war wohl, was ich erhofft hatte. Ein, scheinbar kinderloses, Ehepaar in den 50er und 60er Jahren. Sie die Aristokratin immer noch, aber von einer lieblichen Gescheitheit, er ganz der gelehrte Literat, eine Wohnung voller Geister. Ein Vortrag (in der Reihe “Der Neue Geist”) “Volkstum und Menscheit” kann Eugen einen gewissen Begriff von ihm geben, er zitiert Moses und Paulus ebenso sorgfältig mit Quellenangabe wie Hettner, Cohen und Naumann. Das Cohenbuch wird eine Paraphrase über das Thema. Die eigentlichen Logia schimmern nur noch durch. Er hat sie schon in seinen gleichzeitigen Tagebüchern so mit Reflexion übersponnen (aber mit Goldfäden). Er las mir aus den Zetteln vor, in die er sein Tagebuch schon aufgelöst hat. (Aber schreiben tut er dann auswendig und benutzt die Zettel erst wieder zur Korrektur). Er klagt, dass er die Erinnerungen den Leuten (und was für Leuten!) preisgeben werde. Aber es müsse sein; die”Marburger Schule” dürfe nicht mehr das Wort behalten und ihn zu einem “Auch einer” neben Adlatus [?], Rickert e tutti quanti machen. Er hat also (obwohl er wirklich Schüler (im besten Sinn, schon fast Jünger) ist, die selbe Wut auf die Schule und ihr Skeletttieren des Menschen zum Schulpapa, wie ich.

Herrliche neue Logia habe ich natürlich auch gesammelt. {Aber das Schönste gestern von Buber oder aus seiner Gegend – Buber ist auch, wie Hans, dreimal nach Darmstadt telefoniert worden und nicht gekommen; damit hat er wirklich gutgemacht, was er selber durch seine Asienpropaganda hier gesündigt hat, – also:

Gangeshofer

Revenions: also Fritzsche war 4 Jahre verheiratet, da bekam er mal einen Katzenjammer und sagte zu seiner Frau (die infolge ihrer langen verhergehenden Bekanntschaft mit einer kostbaren liebevollen Objektivität von ihm spricht), also er jammerte, dass er in Giessen  so niemanden hätte, da sagte sie – ohne irgendwas zu wissen, ganz instinktiv: fahr doch mal nach Marburg zu Cohen. Er wusste auch noch nichts von ihm, tats und – hier das Ergebnis.

Ich habe schon jetzt im Wegfahren wirkliche Sehnsucht nach dem Mann (denk ihn dir wie Baethgen in Alt und ganz reif und stark geworden). Ich werde ihn schon bald wieder sehn, wahrscheinlich in Marburg.

Über “Kants Begründung der Ästhetik” – die dritte der drei Kantschriften von ihm – hat Gottfried Keller gesagt: Das nimmt einen Alp von uns Künstlern weg.

Mir selber ists ja nun auch immer mehr aufgestiegen, ob ich nicht meinlogia [griech.]= Buch aufschreiben soll. Es wäre sicher eine gescheitere Arbeit als das dumme Buch für Frommann.

Die Gegend im Taunus und dann im Lahntal ist herrlich. Ich bekam grosse Lust darauf. In Limburg hatte ich eine Stunde, war vor dem Dom und in einer katholischen Buchhandlung, wo ich die zwei neuen Ecclesia orans [?] = Bändchen: die Psalmen sah, lateinisch und deutsch, ich freute mich schon, da sah ich dass Dominus konstant übersetzt ist mit – “Jahweh”. Sie sind hoffnungslos! die Katholiken mindestens so sehr wie die Protestanten. Lasst das Margikeli ein Heidenkind werden, wenns denn schon kein kleines Jüdlein werden kann.

Dein Franz.

9.VII.21.

Liebes Griltli,  es war ein langer und stiller Tag mit Mutter. Sie ist wirklich nicht schlecht jetzt, du hast recht. Ich habe den Herder ausgelesen, – schrieb ich? ich bin auf den “Ursprung der Sprache” geraten, eine ganz herrliche Schrift und preisgekrönt von der Akademie der Wiss. in Berlin 1770, – was für eine Akademie damals! die so etwas preiskrönt. Allerdings war es noch eine Akademie ohne Universität.  Abends war Julie v.Kästner da, sie fragte sehr nach Eugen (übrigens könnte er ihr doch den Sibirienaufruf schicken!) und nachher taute sie in lauter russischen Familiengeschichten auf, in der vormärzlichen Zeit. Ich habe gestern Nacht und heut mit Entsetzen die Memoiren von P.Krapotkin gelesen, er ist doch furchtbar! Kann die Engelhaftigkeit der leidenden Hälfte der Menschheit nur da sein, wo die aktive Hälfte die Rolle der Teufel übernimmt? Dann wäre unser westeuropäisches Mittelmass fast vorzuziehen. Es ist ein Abgrund von Land. Den Romanows gönne ich nachträglich noch alles Böse.

Der Besuch bei Fritzsche lässt mich noch nicht los. Es ist ja das erste Mal, dass ich bei Cohen einen wirklichen Menschen kennen gelernt habe. Freilich eine Raabe = Natur. Aber doch eine Natur wenigstens.

Nachmittags war ich ein paar Stunden bei Pragers.

Dein Franz.

10.VII.21.

Liebes Gritli,

wieder so ein schöner ruhiger Tag. Ich geniesse so sehr die Weiträumigkeit des Hauses, merke erst daran, wie eng dies Hocken in dem einen wenn auch schönen Zimmer einen macht. Ich habe Putzis Buch ausgelesen, eine respektabele Leistung, – ich meine das Buch. Abends waren Pragers da, mittags Gertrud Loeb, die dir Spass machen würde. Sie ist ein schönes Ding geworden und spricht: wenn doch einer käme und mich mitnähme. Das wird denn wohl bald geschehn, da sie gegen alles andre eine leidenschaftliche Abneigung hat.

Ich habe versucht, das für die Meineckeschrift anzufangen, aber es ist mir sehr widerwärtig. Ich kann das einfach nicht mehr. Für Frommann schreibe ich auch nichts. Was nicht geht, geht nicht. Für wenn denn?

Grüss Eugen. Hans war also doch da?

Dein Franz.

11.VII.21.

Liebes Gritli,  ich quäle mich weiter mit dem Ding für Meinecke ab und kriege nichts heraus. Es geht eben nicht, sich gewaltsam plötzlich für etwas interessieren was einem so schnuppe ist. – Trotzdem gerate ich immer weiter in so Sachen. Heut war ich bei Steinhausen, die “Kurhessische Ges.f.K.u.Wiss.” will einen Cyklus von mir; ich musste, obwohl sie kümmerlich bezahlen (5 Doppelstunden: 1000 M und die Reise), zusagen, weil es ja Mutters heisser Wunsch ist, dass ich in Kassel mal als Heide auftrete. Also: “Errichtung und Zusammenbruch des idealistischen Systems. (Von Kant zu Hegel).” Das könntegut werden, und würde es werden wenn ichs im Lehrhaus oder wenigstens vor Juden machen dürfte; denn da würde ich kein Blatt vor den Mund nehmen unddeinwı reden. Hier hingegen muss ich reden “wie die Schriftgelehrten”, und werde es auch so noch kaum verhindern können, dass sie es nicht als “jüdische Anmassung verbuchen. Ein Redner ohne Publikum ist eben ein Krüppel.

Ich lese jeden Abend im Band Goethebriefe, rein zufällig herausgegriffen (sie sind noch alle eingewickelt). Gestern 1799 mit einem schönen Reisesegen für W.v.Humboldt vor der spanischen Reise.

Einen Augenblick sah ich Tante Julie. Abends waren Ehrenbergs da.

Grüss Eugen.

Dein Franz.

22.VII.21.

Liebes Gritli,  Edith war sehr vergnügt, dass ich kam. In Kassel heut Nacht fand ich eine Menge Post, vor allem den Frommannschen Vertrag, der mich bedrückt. Dann die Festsetzung der Kassler Vorträge auf 2te Hälfte September.

Im leeren Haus gefällt es mir ganz gut. Es wird schon auszuhalten sein. Natürlich lese ich nun sogar zum Mittagessen.

Mutter geht es gut in Badenweiler. Sie ist von dem Doktor entzückt und auch unter den Leuten sind einige, die Komponistin aus Frankfurt, ein Klaviervirtuos aus Amerika, die schöne Norwegerin, und schliesslich doch auch Hennar Hallo – es ist übrigens, wie ich merke, fast das Personenverzeichnis eines Romans, so aus S.Fischers gelber Sammlung.

Der Mund ist mir wie versiegelt, auch schriftlich. Es ist das Natürlichste von der Welt, das Beste von der Welt, was uns passieren konnte, das Erwünschte und Erbetete, und doch kann ich es noch nicht leben. Aber ich werdees lernen. Die Antwort höre ich doch jetzt manchmal auf meine täglichen Schreie.

Verzeih dies zu laute Wort. Mein Leben hat sich so herumgedreht. Und bleib in deiner Goldwolke. Es hat mich mehr ergriffen als ich sagen mochte, dass mein erstes Gefühl sich so völlig sichtbar bestätigte und dass ihr ohne, ja gegen euren “Willen” und ganz leicht und harmlos euch plötzlich in der “Zwangslage” seht, eurer Ehe das letzte fehlende Stück Form zu geben. Es ist gar nicht lächerlich und gar nicht widersinnig. Es hat seinen guten Sinn, diese drei oder vierfache Auseinanderverteilung des Sakraments über sieben Jahre!

Euer Franz.

[ca 22.VII.21]

Lieber Eugen,

Kriegsanleihe habe ich keine, Papiere überhaupt nur 30 oder 40000 von irgendeinem Industriepapier (mein Vermögen ist ja der Hausanteil und ein Geschäftsanteil). Wenn ich Papiere nach Frankfurt schicke, so geht das durch Mutters Freund Heinrich Koch, Mutter erfährt es also, und Koch, der natürlich so skeptisch über mich denkt, wie eben ein Kaufmann, grinst äusserlich und innerlich, wenn ich das Wort “Bürgschaft” sage. Ich selber verstehe auch nicht, wozu “Bürgschaft”. Geht es nicht ganz einfach so:

Ich lasse durch Rosenzweig und Baumann auf mein Postcheckkonto “10000 M” anweisen. 4000 stehen noch da. Das ist ganz unkontrollierbar. Dann weist dir Edith 8000 M an. Willst du die nicht direkt Schlünz borgen, so kannst du ja Kriegsanleihe dafür kaufen. Schlünz ist dann dein Schuldner, du meiner.

Hier habe ich den Vertrag von Fromann vorgefunden. Was soll ich denn nun machen?

Dein Franz.

23.VII.21.

Liebes Gritli,  ein ganzer Tag zuhause, ohen ein Wort zu sprechen mit Ausnahme ein bischen Telefon. Dabei immer noch nicht klüger, was ich mit meinen diversen Schreibpflichten machen soll.

Natorps Anti = Hans ist doch herrlich. Unter “ein Gott” geht es scheinbar nicht, wenn ein Europäer einen Asiaten zu sehen bekommt. Er ist der erste nicht. Hans wäre übrigens sehr dumm, wenn er antwortete.

Cohens herrliches “Im Grunde bleibt er ein Stöckerianer, – es fehlt die Ästhetik der Persönlichkeit” hat ihn doch vorweg charakterisiert.

Ich habe etwas im “Untertan” von H.Mann wieder gelesen. Es ist heut, nach der Revolution ja ein noch viel unheimlicheres Buch als damals im Sommer 1917. Ohne die fühlbar vollstreckte Strafe glaubt man eben doch an seine Sünde nicht, auch wenn man schon soweit ist sie zu bekennen. Die Geschichte ist immer nötig, wenn auch nur als Katastrophenlieferantin.

Dein Franz.

24.VII.21.

Liebes Gritli,  wieder bis auf ein paar Nachmittagsstunden still zuhause. Gelernt, und zwischenhinein viel unser aller Verhältnisse bedacht, und versucht, mir die Reste von “zürnen und begehren”, die noch in mir sind, abzugewöhnen. – Den Nachmittag war ich bei Trudchen, wo Leni die sich 1912 nach Afrika verheiratete, ist. Sie ist mit ihrem langweiligen Mann glücklich und infolgedessen von einer undurchsichtigen Abstossendheit gegen uns alle; sie suchte etwas hinter Clownerieen zu verbergen. Trudchens kleine Marianne ist ganz famos; riesige blaue Augen und ein furchtbar komisches Fragegesicht.

Dein Franz.

25.VII.21.

Liebes Gritli,  ehe ichs vergesse: in der Deutschen Litteraturztg. Nr.22/23 steht eine Rezension der Hochzeit, kurz und dumm, von einem Tübinger offenbar Juristen. Er wundert sich über alles, schlechtweg alles.

Ich selber habe heute Morgen endlich eine meiner Rezensionen geschrieben, die über Lasson. Ich kann noch gar nicht recht wieder, aber ich bin erstaunt dass es überhaupt ging. Ich habe versucht, ihn so zu loben, dass er selbst sich geschmeichelt fühlte und jeder andre merkt, was ich in Wahrheit von ihm denke. Gegen Ende ging mir dann freilich die Feder doch durch, wie in meinen seligen Schulaufsätzen, die immer ganz lehrerfromm waren bis auf den Schluss, wo ich mit einem “freilich man könnte auch” meine eigenen Ansicht anbrachte.

Mutter schreibt weiter befriedigt. Deine Mutter und Lotti waren noch nicht da.

Dein Franz.

26.VII.21.

Liebes Gritli,  wir sitzen eigentlich alle zwischen zwei Stühlen. Die Gewesenen verstehen uns nicht mehr; die da kommen sollen, verstehen uns noch nicht. Das erfährt jeder von uns, Eugen an der Koalition Sinzheimer = Hörerrat. Bleiben für uns eigentlich nur – die Litteraten. Die Susfrauen e tutte quanti. Nobel und Ernst Simon sind gegen uns verschwägert. Das Litteratenvolk ist aber grade das, was wir nicht haben wollen. Weil wir wissen, wie billig es zu haben ist. Freilich sind es unter Umständen Sturmvögel. Und so hiesse es: 20 Jahre warten. Wie George gewartet hat. Oder Steiner. Oder sonst einer der Cagliostros der Zeit. Fi donc –

Noch etwas sonderbares: die Wege die wir zwischen 20 und 25 gingen, in unsrer Schreiberketzerei, und wo wir das Gestrüpp wegräumten und die ersten Wege austraten, da machen sich jetzt unsre Lehrer von damals heimisch. Rickert liesst über Hegels Logik, die ich vor 15 Jahren am Widerspruch gegen Rickertgelesen habe. Eugens katholisches Mittelalter von 1910 ist heut der Tummelplatz der professoralen Geistigkeiten. Und auf diesen Tummelplätzen trifft sich dies alte Geschlecht nun mit der “neuen Jugend”. Und wir stehen am Wege. –

Ich habe ein Vorwort, oder eigentlich zwei, eins An den Kenner und eins An den Leser geschrieben für Fromman. Recht witzig, aber doch eigentlich schäbig, wie überhaupt das Schreiben eines Buches das vorläufig nach demVerleger heisst! Ein Symptom, für das was aus mir geworden ist, wäre es ja auch. Es ist schon gut, dass wir nicht bloss Erfolg haben; dann wären wir jetzt ganzunausstehlich. Das bischen In der Wüste Predigen giebt uns noch ein gewisses Air.

Dein Franz.

27.VII.21.

Liebes Gritli,

es hat ein bischen geregnet und ist gleich wieder so heiss. Mutter klagt auch von Badenweiler, aber im übrigen gefällt es ihr gut. Hoffentlich verschiebt Onkel Hermann seinen Tod noch mindestens bis Ende September, damit Mutter ihre Kur nicht durch eine aufgeregte Reise nach Frankfurt unterbricht.

Ich habe wahrhaftig das Frommannbuch angefangen. Es ist nicht schön, für Geld zu schreiben. Schändlich, dass es Leute giebt, die davon leben. Es giebt etwa 10 kurze Kapitel, was hineinkommt weiss ich noch nicht, auch diese Länge weiss ich nur, weil im Vertrag etwas von “ca 10 Bogen” steht. Das erste, was ich heut und morgen schreib, heisst: “Vom Staunen”, und ist gegen die Behauptung dass das Staunen philosophisch sei, oder vielmehr: ja es sei philosophisch und sei – etwas sehr Übles, wie alles Philosophische. Leicht zu lesen wirds, aber nicht leicht zu verstehen, sondern “paradox”.

Gestern Abend war ich bei Paul Frank.

In Schmollers Jahrbuch hat mich Hintze besprochen und den armen Heller auf meinen Leisten geschlagen, wo nicht viel von ihm übrig blieb (daraufhin fühle ich mich nun verpflichtet, ihm Eia zu machen). Hintze glaubt mir auch nicht, dass ich schon ursprünglich aus antihegelscher Tendenz geschrieben hätte. Er schliesst: “Ein neues soeben angezeigtes Buch, kultur = und geschichtsphilosophischen Inhalts scheint zionistisch orientiert zu sein” !!! Zionistisch!

Steinhausen schweigt noch vor Schreck!

Goethe bittet Herder 1802 um die Gefälligkeit August “in die christliche Versammlung einzuführen auf eine liberalere Weise als das Herkommen vorschreibt”. Liberaler! übrigens eigenhändig; Mitkonfirmand war Schillers Sohn.

Im Jahr 1808 schreibt er etwas sehr Niedliches, was genau auf heut zutrifft: an den Kirchentüren sei ein Gedränge wie an hohen Feiertagen: die einen wollten hinein, die andern heraus!

Dein Franz.

27.VII.21.

Liebes Gritli,

heute dein Brief – ich sah schon immer die Familiennachrichten in der Fkft. Zeitung nach, um nicht zu verpassen, wenn das Margikeli angekommen ist. Es ist doch eine gute Einrichtung um die Zeitung.

Hier ist es auch sehr heiss. Das Gewitter gestern hat keine Abkühlung gebracht. Des Vormittags schreibe ich an dem Verlagsbuch, mit so einer Art selbstmörderischer Lust. Es geht eben alles und es wird wahrscheinlich ein ganz hübsches Buch. Ich schäme mich freilich blutig dabei.

Abends war ich bei Prager.

Quäl dich nicht, das du mir nicht mehr schreiben kannst. Es ist natürlicher als das Schreibenkönnen.

Dein Franz.

29.VII.21.

Liebes Gritli,  ich plage mich weiter mit dem Buch. Einen Namen hats jetzt: “Das Büchlein vom gesunden und kranken Menschenverstand” – ist aber davon nicht schöner geworden. Das erste Kapitel heisst: der Anfall. Das 2te: Krankenbesuch. Die folgenden etwa: Diagnose. Therapie. Im Sanatorium (das wird ein bischen länger). Nachkur. Rückkehr in den Beruf. – Ich komme mir grenzenlos albern dabei vor. Hätte ich nicht den Vertrag plötzlich zuhause vorgefunden, so hätte ich ja gar nicht daran gedacht, es noch zu schreiben. Auch jetzt hoffe ich, selbst wenn es fertig wird, immer noch auf den rettenden Davison am Ende.

Abends war ich bei Oppenheims. Morgen kommt Helene durch; ich gehe also zu Ehrenbergs.

Allmählich wirds mir zweifelhaft ob ich ins Fichtelgebirge muss. Ich habe noch nicht die officielle Einladung, die ich gefordert habe. (Ich weiss nicht ob ich dir das schrieb: ich hatte nämlich nur eine private Bitte von ein oder zwei Seiten, ich möchte kommen, und darauf habe ich, zur Erziehung der Jugend, verlangt, dass mich die Bundesleitung officiell einlädt. Ich habe keine Lust, als Schlachtenbummler dabei zu sitzen.

Jetzt ists wohl auch bei euch kühler geworden? Hier weht ein starker Wind.

Ich habe Zeit ists wieder gelesen, weil ich Erinnerungsgefühle bekam, und habe gestaunt, wie treffsicher alles doch ist. Ich wusste damals natürlich nicht den 10ten Teil von dem was ich heute weiss; trotzdem stimmt alles.

Schönen Gruss an Margikeli. Sie soll sich ein bischen leicht machen.

Dein Franz.

30.VII.21.

Liebes Gritli,

ich war bei Ehrenbergs zu Abend. Helene mit Maria war da. Maria ist energischer geworden, mehr à la Hilla, aber noch sehr nett. Bei Hedi in Göttingen ist ein Junge angekommen, Gustav.

Nach dem Abendessen war ich noch bei Pragers. Da schwirrt es von zionistischer Jugend. Sie tagen auf dem Meissner.

Das Nichtschreiben hat mir heut einen Tag Ruhe von dem albernen Buch verschafft. “Ward je in solcher Laun – ?”

Dein Franz.

31.VII.21.

Liebes Gritli,  ich trug heute das Unglücksmanuskript zu Oppenheims, um es da mal zu probieren. Aber dann hatte ich nicht den Mut dazu. Das schlimmste ist, dass ich das deutliche Gefühl habe, mir durch diese Lohnschreiberei etwas Wirkliches, was in mir reift, kaput zu machen. Daher kommt auch die gewolte Lustigkeit. Denn das andre, von dem ich übrigens noch nicht das mindeste weiss, ist das Gegenteil von lustig. Wie sich eigentlich von selbst versteht.

Schlünz fehlt wohl gar kein Sinn. Nur Bildung. Die ist eben doch nötig. Mit dem blossen Revolutionieren ist es nicht getan, so gern wir das auch wahrhaben möchten. Ich würde ihm raten, nach der Promotion ruhig regelmässig irgendein Universitätsseminar mitzumachen; was er grade will, einerlei.

Ich lese Kochs wunderbares Buch über die Diagnose. Fünf Jahre später wäre es ganz vollkommen geworden; so hat er sich zu vieles allein erwerben müssen und steckt deswegen da wo er mit seinem Schnabel nicht selber durchgestossen hat, noch in vielen Eierschalen. Er weiss noch nicht dass er einmal ganz so aus der Schale heraus sein muss wie in dem Buch nur sein ärztlicher Kopf und seine menschlichen Augen sind; er meint, Biologie, Naturwissenschaft und sonst noch einiges hätten ihre Schalen als Haut um sich.

Hans sollte sich ihn statt Weizsäcker für seinen Lebens = Editionsplan gewinnen.

Das neue Buch der Huch kenne ich noch nicht. Ich bin auch nicht recht neugierig darauf.

Dein Franz.

August 1921

1.VIII.21

Liebes Gritli, ich war den ganzen Tag zuhause. Das Verlagsbuch geht weiter, immer gleich albern; das Diagnosekapitel ist fertig. Für wen ausser dem Verlag ich schreibe, möchte ich wohl wissen. Unter meinen Bekannten wüsste ich niemand, vor dem ich mich nicht schämen würde, es zu zeigen.

Dann habe ich Koch weiter gelesen; ganz verstehen kann man es natürlich als Nicht = Arzt nicht. Aber die herrlichsten Sachen stehen drin.

Dein Franz.

2.VIII.21.

Liebes Gritli, ich bin in Erwartung von Mawrik Kahn.

Das 4.Kapitel “Therapie” ist auch fertig und damit überhaupt das Anfangsstück. Das Mittelkapitel “Im Sanatorium” wird das längste; es zerfällt in drei Unterteile: “Erste Woche”, “zweite Woche”, “dritte Woche”. Du siehst, das Bächlein des Witzes rinnt noch immer. Wenn übrigens das Mittelstück gut wird, dann ist damit das Ganze gerettet. Besonders wenn ichs pseudonym herausgeben könnte (obwohl es für jeden Kenner des * doch unverkennbar wäre).

Kochs Diagnose ist in allen centralen Partien (und in all den peripheren, wo man sein Gesicht sieht) herrlich.

Dein Franz.

4.VIII.21.

Liebes Gritli, es steht in der Zeitung, dass es auch bei euch geregnet hat, hier ists sogar richtig kalt.

Edith kommt erst Sonntag, ich reise Sonntag, so dass wir an einander vorüberfahren. Heut Abend bin ich bei Oppenheims. Ich glaube, das Buch wird eine reine Blamage. Das wäre freilich am Ende gar nicht schlecht, sondern durchaus zeitgemäss. Um 10 ist das Theater aus und wer nachher noch im Kostüm herumläuft und Jamben redet, riskiert, dass er auf die Wache gebracht wird.

Die Kassler Vorträge sind jetzt auf 12.-15. und 19.IX. angesetzt; etwas anstrengend, weil jeder 2 Stunden dauert. Aber ich konnte nichts dagegen sagen. Sie habens natürlich wegen des Fahrgelds gemacht.

Ich will zum Frisör; ich habe mich 3 Tage lang nicht rasieren lassen!

Dein Franz.

5.VIII.21.

Liebes Gritli,

ich bin also von Sonntag bis Donnerstag in Metzlersreuth [?] bei Bismarck (Fichtelgebirge) postlagernd, – damit du keine Abstinenzerscheinungen kriegst, wenn du mir mal deinen täglichen Brief nicht schicken kannst.

Ich gehe sehr ungern hin. Aber wohl nur, weil es überhaupt nichts mehr giebt was ich nicht sehr ungern tue (ausser Essen, Trinken und Schlafen). Also hat es nichts zu sagen.

Ich war bei Oppenheims gestern. Es war sehr nett. Levi ist wirklich nett geblieben.

Von Mutter hatte ich einen Brief, worin sie beiläufig allerlei Bedenkliches über ihre Gesundheit mitteilt. Der Doktor, von dem sie weiter (mit Recht) sehr angetan ist, findet Milz und Leber vergrössert. Es sei nichts akutes, sondern immer die alte Infektion.

Es graut mich vor Frankfurt. Ich habe es hier so viel besser, brauche keinen Menschen zu sehen, wenn ich nicht will und kann überhaupt einsiedlerisch leben. Allerdings geht das ja nur für eine Zeit wie jetzt, wo Mutter fort ist. Wenn sie da wäre, wäre es hier auch nicht zum Aushalten.

Dein Franz.

[Schluss siehe Rückseite vom 9.IX.21]

[Entwurf?]                                                                                                                6.VIII.21.

Liebes Gritli,

ich fahre also morgen früh, alle Instinkte meiner Faulheit sind dagegen; wer weiss auf was für Stroh ich die nächsten 4 Nächte liegen muss.

Gestern Abend war das “Büchlein” endgültig zum Tode verurteilt, ich las in meinen nachgelassenen Werken (Band II “Aus dem Weltkrieg”) und fand, dass es daneben nicht bestehen konnte. (“Cannä und Gorlice” wäre übrigens noch jetzt veröffentlichungswert). Danach merkte ich einen Fehler grade an der Stelle wo ich war, sah die richtige Lösung, las darauf heut Vormittag nochmal das Ganze von Anfang an, fand es gar nicht so schlecht, und will es nun doch fertig schreiben. Vielleicht wirds doch die langgesuchte populäre Einführungsschrift “in uns”. Auch reizt mich das schöne Goethesche Motto und ein ebensoschönes andres von Juda Halevi (“Meine Worte sind zu schwer für dich und grade deshalb kommen sie dir zu leicht vor”). Das Witzige ist übrigens nicht zu viel; das habe ich beim Durchlesen gemerkt. Die dümmsten Sachen habe ich auch gestrichen.

Rudi wird schon nach Frankfurt kommen, Cronberg ist ja nah. Es ist deine Schuld, dass er es schliesslich nicht mehr ertragen hat. Es ist kein Pappenstiel, ins Leere zu schreiben. Es gehen einem ungeheure Nervenkräfte drauf. Wenn ich nicht mir immer wieder zwei Sachen sagte: “sie ist nicht Schuld” und: “dann wäre alles aus”, so brächte ich es auch nicht fertig diesen Faden weiterzuspinnen. Denn dein Nichtschreibenkönnen hat tiefere Gründe als du meinst, auch mir gegenüber. Ich kann ja genau so wenig, ich tue es eben nur. Es ist eben kein Siegel mehr auf deinen Briefen, äusserlich wie innerlich; da schreibst du sie lieber gleich gar nicht. Dass du dabei mörderisch mit einem umspringst, ahnst du nicht. Ich sehe zu genau vor mir, wie es noch kommen wird und bin jeden Tag stundenlang vor Darandenkenmüssen unfähig irgendwas zu tun. Ein Brief ist dann immer eine Lösung der Krämpfe, man sieht, dass es noch nicht so weit ist und kann sich wieder an

[Schluss auf Rückseite vom 9.IX.21]

7.VIII.21.

Liebes Gritli,

ich bin also wirklich gefahren, obwohl ich heute Morgen vor lauter Unlust schon 5 Minuten zu spät am Bahnhof war, ich bin also erst Mittags abgefahren, komme so morgen erst um 1/2 10 an, vielleicht schon zu spät, wenn sie früh anfangen. Jetzt bin ich in Eisenach im Wartesaal. Edith kommt Nachmittags in Kassel an, etwas komisch ist dies doch.

Heut vormittag hatte ich Gertrud Rubensohn zu Besuch. Gestern – also vorgestern Abend war ich schon so weit, das Buch endgültig aufzugeben. Dann hab ichs gestern Vormittag ganz durchgelesen von Anfang an; da fand ich es gar nicht so schlecht, vielleicht wirklich geeignet, “in uns” einzuführen. So schreibe ichs nun weiter, habe es sogar hier mit. Es ist abwechslungsreich und nicht zu witzig. Der Hinrichtungsbeschluss wurde gefasst während ich meine Kriegsschriften, soweit ich sie fand, durchsah; ich wollte einen Vergleichsmassstab. “Kannä und Gorlice” ist übrigens fast noch heute druckbar; die andern werden einmal den zweiten Band meiner Nachgelassenen Werke bilden.

Wenn Rudi nach Cronberg kommt, so wird er auch schon nach Frankfurt kommen und die Tragödie wird sich lösen. Es kommt alles davon, dass man noch irgendwas erwartet. Wenn man en bloc resigniert hat, ists nicht mehr so schwer. Dass ihm das nicht immer gelingt, ist nicht so unnatürlich. Auch mich kostets noch fast täglich ein paar Stunden Krämpfe.

Dein Franz.

9.VIII.21.

Liebes Gritli,

Ich bin schon wieder auf dem Rückweg. Ausgerissen! in die Fluchtgeschlagen. Es war ein grosses Debakle. Nachdem ich den ganzen Tag zugehört hatte, habe ich unmittelbar vor Schluss eine Rede gebrüllt und alle so vor den Kopf gestossen, dass ich für diese Jugend erledigt bin. Und das ist die Jugend meiner Partei. Ich habe trotzdem kein unangenehmes Gefühl, sondern dass es notwendig war. Es war ein 60 jähriger Lehrer da, dem haben sie zugejubelt! Er hat ihnen freilich ausser den sämtlichen Phrasen des 19.Jahrhunderts, die sie hören wollten, erklärt er fühle sich zu ihnen gehörig, er trage auch keinen Kragen und schlafe auf Stroh. (Deshalb habe ich gleich zu Anfang meiner Rede erklärt: ich gehörte nicht zu ihnen und sei älter als sie). (Ich hatte auch extra einen steifen Kragen angezogen).

Mir haben sie übrigens besser gefallen als ich ihnen. Es sind wunderbare Junges dabei gewesen. Ein herrlicher schwerfälliger – man muss schon sagen – Schwabe Bach schien mir der beste. Aber auch unter den andern, viel guter Wandervogel. Nach Dunkelheit gab es ein Wettsingen der Gruppen, z.T. ganz prachtvoll. Ein famoser Ton, ohne Krampfhaftigkeit. Verdorben sind eigentlich nur die Gehirne. Warum bin ich Spezialist für Gehirnausspülungen! es ist ein undankbares Geschäft.

Es war ein vollbesetzter Tag. Ich war am Sonntag noch bis Neumarkt gefahren, war früh von 6-8 gelaufen, dann wieder mit der Bahn. Dann musste man laufen. Ich kam, als es schon angefangen hatte. Sie lagerten, 300, in einer Waldecke, es war ein hübsches Bild. Die Truppen hatten eigene Fahnen um die sie sassen.

Mittags waren Spiele, vor Abends auch.

Das Fichtelgebirge in all his glory, hocheben, weit und wild.

Ich wollte aber meine Niederlage nicht überleben! – so fuhr ich fort.

Nun hoff ich noch die “Dritte Woche” heute anzufangen.

Und du? ist die “vierzigste Woche” da?

Dein Franz.

10.VIII.21.

Liebes Gritli,

ich kam also gestern an, nach fleissig verschriebener Bahnfahrt (das Sanatoriumskapitel ist heute fertig geworden; nun nur noch die beiden kleinen Schlusskapitel, “Nachher” zunächst.) Ich weiss nichts Genaues über Rudis Pläne. Ich hatte gehofft, ihn gleichzeitig mit Hans in Kassel zu haben, damit ich ein 2 Männer = Gutachten hätte, woraufhin ich dann entscheiden könnte, ob ich es überhaupt abschreiben lassen soll. Hans allein genügt mir eigentlich nochnichtmal dafür. Wenn das positiv ausfallen sollte, müssten immer noch Eugen und die Susman ihr Placet dazu geben, sonst lasse ichs nicht drucken. Ich selbst habe kein Urteil darüber. Rudi hat sich übrigens auf eventuell zu Mutter angesagt, worüber die, aus Unkenntnis der Geographie des südlichen Schwarzwalds, ganz gerührt ist.

Heut Vormittag hatten wir Gertrud Rubensohn da, heut Abend und Nachmitags – Hans Hess. Der ist nun ganz fest in seiner Haut geworden, und genau besehen steht ihm sein MaxWebersches Heidentum jetzt doch besser als früher seine Vonunsbeeinflusstheit. Auch aussehen tut er besser, in einem Jahr oder zweien ist er Privatdozent und setzt die Rasse fort.

Ich habe heut den Heiligen wieder durchgesehen, es ist ein gewaltiges Buch, zu gewaltig für einen Roman, wenigstens einen nichtdostojewskischen. Woher geniert einen bei Dostojewski die Romanform nicht?

Dein Franz.

11.VIII.21.

Liebes Gritli,

vormittags habe ich gearbeitet, das vorletzte Kapitel (“Nachher”). Nachmittags waren wir bei Oppenheims, und auch Abends. Es ist jetzt immer so nett da; der grosse Haufe der Kinder, der Garten, es ist so eine Heiterkeit über allem. In einer Woche will Trudchen, wenn nichts dazwischen kommt, mit Louis auf 4 Wochen an die See.

Dein Franz.

12.VIII.21.

Liebes Gritli,

wir gehen zu Gertrud Rubensohn heraus heute Nachmittag; Abends zu Pragers.

Ich bin mit dem Verlagsbuch fertig. Es sollte mir einen diebischen Spass machen, wenn die Gutachter es durchlassen würden.

Hier regnet es sich ein.

Dein Franz.

14.VIII.21.

Liebes Gritli, Hans war gestern da. Er erzählte von seinen Aussichten; sie scheinen auch mir das innerlich und äusserlich Wünschenswerte für ihn zu sein. Seine journalistische Begabung ist zwar etwas zu gering; aber das kommt bei einer Monatsschrift so wenig in Frage wie etwa bei Muth, der ja auch selbst gar nicht viel für sein Blatt schreibt.

Heut ist jüdischer Feiertag. Auf morgen habe ich versucht Rudi herüberzulotsen, damit ich nicht eventuell[?] die Mühe habe, ihm das Ding extra vorlesen zu müssen.

Viele Grüsse.

Dein Franz.

15.VIII.21.

Lieber Eugen und liebes Gritli,

eben kommt Eugens Telegramm mit dem wirklich unerwarteten Jungen; ich hätte bis zuletzt auf ein Mädchen geschworen, aber die Jungen sind Mode, auch bei Kurt Ehrenberg soll einer angekommen sein. Dass er nach Hans, dem “Färber”, heisst, macht mir Spass. Hoffentlich hat “Tante Clara” trotz der Eisenbahner durchkommen können; ich gratuliere ihr auch sehr zu dem Enkel.

Edith schläft grade, so kann ich es ihr jetzt nicht sagen.

Rudi hat sich auf Dienstag Mittag angesagt; es ist mir sehr lieb, dass auf die Weise die Angelegenheit des Buchs endlich zur – hoffentlich – negativen – Entscheidung kommt; ihr habt keinesfalls was dran verloren; es ist ein lahmes Gewäsch.

Goethes Werke hat ja Mutter jetzt vollständig; die Jubiläumsausgabe ist für die Werke so gut oder besser als die Weimarer. Und die Briefe und Tagebücher habe ich ihr ja geschenkt.

Ich lese Webers Antikes Judentum, das mir sehr gut gefällt. Seine Nüchternheit hat ihn vieles sehen lassen, was die andern mit ihrem Idealismus nicht gesehen haben. Er hat den ganz richtigen Begriff der Offenbarung, und macht ihn unter dem Namen “Bund” zum Grundbegriff seiner ganzen Darstellung. Die Abstraktheit der Begriffe, die für die Wellhausensche Schule eingestandener = und uneingestandenermassen der Massstab war, an dem sie ihre Entwicklungshöhen ablasen, wird von ihm so sehr durchschaut wie von uns. Es ist vielleicht gut, dass er selber nicht gesehen hat, was er machte; sonst hätte ers vielleicht nicht gemacht; jedenfalls kann man den so grade als klassischen Zeugen benutzen; denn er wollte natürlich fluchen.

Hoffentlich erholt sich Gritli bald. Euch beide grüsst herzlich

Euer Franz.

Ich lege einen hübschen Artikel aus dem Berliner Tageblatt bei.

17.VIII.21.

Liebes Gritli, gestern kam also Rudi. Vormittags war ich mit Hans zusammen. Am Nachmittag las ich beiden das Unglücksmanuskript vor. Sie fanden es im Grunde genau so schlecht wie ich, waren auch gestern gegen die Veröffentlichung, heute nachdem ichs ihnen zu Ende vorgelesen hatte, dann leider doch. Das bedeutet nun noch weitre Arbeit daran, ich habe schon heut Nachmittag nach Rudis Abreise gleich wieder 2 1/2 Stunden daran geschrieben, morgen sicher auch nocheinmal ein paar Stunden. Dann das Elend des Abschreibens, Korrigierens, alles für eine sicher minderwertige Sache. Denn das habe ich gestern und heute beim Vorlesen gemerkt. Es kann ja sein, dass grade sowas für die Leute das richtige ist. Doch fürchte ich, es wird nochnichtmal das leisten; denn dazu ist wieder zuviel Gutes drin. Jedenfalls werde ich nun in der nächsten Zeit viel zu tun haben, da ich ausserdem auch noch die Septembervorträge für Kassel vorzubereiten habe. Denn in den 8 Tagen Frankfurt, Anfang September, werde ich vollauf zu tun haben mit Semestervorbereitung. Da werde ich also auch Johannes besehen. Ob ich bei euch wohnen werde, weiss ich noch nicht. Erstens passts euch vielleicht grad nicht, denn da wirst du ja nach Hause kommen. Und zweitens muss ich wohl Telefon im Haus haben, werde also vielleicht bei Rothschild wohnen.

Eugen vielen Dank für seinen Brief. Ich schreibe ihm noch. Jetzt sind Bratkartoffeln draussen, die kalt werden! Sei herzlich gegrüsst von Deinem

Franz.

18.VIII.21.

Liebes Gritli, heut Vormittag war Hans da, dann noch Pfarrer Schafft, um mit Hans zu reden. Jetzt wollen wir mit Hans spazieren gehn. Eugens Karte an Frl.v.Kästner ist besorgt. Das Buch von Weber habe ich ausgelesen. Mutter scheint richtig krank zu sein; jedenfalls liegt sie im Bett und die Entfettungskur hat augenblicklich die Form, dass sie viel essen soll, um zu Kräften zu kommen! Erhol dich weiter gut. Dass es ein Junge ist und das Margrikeli vertagt ist, kommt mir immer noch komisch vor. Bei Putzis ist ein Gottfried angekommen; es ist ein Jungensmonat.

Dein Franz.

19.VIII.21.

Liebes Gritli,

wir waren mit Hans auf Wilhelmshöhe gestern, – ein wunderschöner Spaziergang; es ist ja wieder herrliches Wetter geworden – merkst du es wohl aus deinem Klinikzimmer? oder darfst du schon auf? die Ärzte sind ja manchmal jetzt so mutig darin.

Ich habe viel in Ludwigs Goethebuch gelesen, das ich Mutter zum Geburtstag schenken will. Es gefällt mir doch sehr gut, viel besser jedenfalls als das übliche hochtrabende Geschwätz. Ist es nicht übrigens komisch, dass die ganze Entdeckung Goethes, wenn man auf die Bücher sieht, in denen sie sich niederschlägt, von lauter gewordenen Deutschen geschieht? Simmel, Gundolf, Chamberlain, Ludwig? Alle frühere Goethelitteratur ist ja doch nur Material, und es ist kein Wunder, dass er heute noch für das Ausland überhaupt nicht existiert; für Deutschland existiert er ja im Grunde auch erst seit unsern Lebzeiten.

An Rothschild habe ich geschrieben, dass ich die erste Septemberwoche in Frankfurt sein werde. Dann werde ich dich und das Kleine ja auch sehen.

An dem Manuskript ändre ich nichts mehr, sondern lasse es in Teufels Namen so abschreiben wie es ist.

Ich habe Eugen noch gar nicht richtig für seinen Brief gedankt. Dich und ihn grüsst

Dein Franz.

20.VIII.21.

Liebes Gritli, Onkel Viktor war da, und ich hatte ihm in Mutters Auftrag zum 70. Ge-burtstag Gräfs ja jetzt abgeschlossenes “Goethe über seine Werke” besorgt, obwohl er sich alle Geschenke verboten hatte. Zwar hatten sie ihn in Leipzig trotz Verbots befeiern dürfen, so dachte ich auch, es wäre nicht so schlimm. Statt dessen wurde er so, wie ich ihn mir nie vorgestellt habe, ganz wie ich selbst gewesen wäre! Er wies es so zurück, das ich mein eignes mitgebrachtes Geschenk, den Ludwigschen Goethe, überhaupt nicht vorzuholen wagte. An sich verstehe ichs ja, er hatte grade nachdem das Prinzip schon etwas durchlöchert war, die Aufrechterhaltung an einem eklatanten Fall vor sich selber nötig. Und das Prinzip ist ja sehr nachfühlbar. Mutter wird sich freilich ärgern, das grade an ihr das Exempel statuiert wird. – Es geht ihr weiter schlecht. Den September bleibt sie noch sicher da.

Im Ludwig habe ich noch viel Schönes gesehen. Das Heidnische ist bei ihm das einzige Tendenziöse (auch bei G. selber wohl?).

Wir erwarten Julie v.Kästner, die ich neulich unter Benutzung eurer Karte gebeten hatte.

Dein Franz.

21.VIII.21.

Liebes Gritli,

es hat wieder angefangen zu regnen und sitzt sich schön auf der Veranda.

Mir ist ein witziger Gedanke für die von Hans und Rudi gewünschte Änderung, vielmehr Einschiebung in das Büchelchen gekommen. Damit wird es dann fertig sein. Abgeschrieben wirds dann noch diese und nächste Woche, so dass es Eugen Anfang September lesen kann.

Mach ihn auf den Aufsatz aufmerksam (von Kipper[?]) der heut, mit  dem W.Michelschen Hölderlinartikel in der Frkft. Ztg. steht. Der Verfasser ist, wenn er in Frankfurt wohnt, Eugens Mann und vielleicht jemand, den er in das Akademiespiel irgendwie einschieben kann um sich zu verstärken.

Mit Frl.v.Kästner war es nett wie immer.

Von Mutter höre ich zu meiner Freude, dass du schon auf bist. Es geht dir also gut. Vergiss nicht, mir schreiben zu lassen, wenn du wieder in der Fellnerstrasse bist; deine Schwester wird sich sicher die kleine Mühe gern wieder machen.

Viele Grüsse.

Dein Franz.

22.VIII.21.

Liebes Gritli, Eugen schrieb mir gestern per Eil, nachdem ich den Brief an dich schon zugemacht hatte, wo drin stand, dass ich den von Hans und Rudi gewünschten Übergangswitz machen würde. Eugen schrieb nämlich drohend, dass ich es tun sollte. Glücklicherweise kam das zu spät, denn wenn ich es schon am Morgen gekriegt hätte, wäre mir sicher schon aus Trotz nichts eingefallen. So wurde es gestern Nachmittag und heute früh fertig, höchst albern und zweckentsprechend, eine Korrespondenz der beiden Ärzte (des heimischen und des Sanatoriumsarzts). Auch die Abschreiberei fängt heute an. – Ein Stück das ich gestern Baumanns vorlas, kam mir wieder beschämend albern vor.

Es war übrigens nett mit Baumann. Es sind so besonders gute Menschen, und dabei klug, wie nach meiner antichristlichen Behauptung gute Menschen immer sein müssen.

Eugen schreibt, er reiste “nach Süden”. Ich schreibe ihm also nach der Tivolistr.13. Ob er auch nach Badenweiler geht? Ich würde ja gern wissen was der Doktor sagt.

Dass du sogar als Amme funktionierst, hat mir imponiert. D.h. eigentlich – von Johannes imponiert es mir sehr wenig.

Dein Franz.

22.VIII.21.

Lieber Eugen,  dein Mahnbrief, Hans und Rudi zu gehorchen und noch eine Einlage in das Clownprogramm zu machen, kam trotz Eil (und – natürlich Strafporto) so rechtzeitig spät nachmittags, dass ich vormittags schon aus eignem Entschluss einen Einfall gehabt hatte (den ich sicher nicht gehabt hätte, wenn deine Mahnung schon da gewesen wäre; so ist man ja). Ich habe ihn gleich gestern Nachmittag und heut Morgen geschrieben; er ist des übrigen würdig; eine Korrespondenz der beiden Doktors, des behandelnden und des Sanatoriumsdoktors.

Heut fängt das Abschreiben an.

Zinsen? Eigentlich giebt man in solchen Fällen doch das Kapital verloren. Aber wenn du meinst, dass ers zurückgeben will, so schlage ich vor: jedes Quartal wenn er sein Gehalt kriegt (anders ist es unmöglich; am Quartalsschluss hat man nie etwas übrig) 500 M, so hat ers in 4 Jahren abgezahlt; und wenn er nicht abzahlt, dann statt der Abzahlung die Zinsen 5%, für das betreffende Quartal. Also Zinsfreiheit sozusagen als Prämie für die Abzahlung. Da hat er und habe ich einen nicht zu erwartenden Vorteil: er hat das Geld zinslos, und ich kriege es wieder.

Jede andre Regelung ist mir aber auch recht. Es ist nur ein Vorschlag.

Mit den Manuskripten, das stimmt bei mir nicht. Quod scripsi scripsi, heisst es bei mir. Eure Freiheit gegen die Manuskripte kenne ich nicht. Ich kann daran basteln, aber nicht ganz umschreiben.

Müssen denn Kinder gebadet werden? Ich glaube, bei Naturvölkern geht es zur Not auch ohne Hülfe, bis die Mutter selbst wieder kann, und das geht ja da sehr schnell, schon am folgenden Tag. Ich glaube, dass der Mensch in diese seine Abhängigkeit vom Menschen sich hat hineingleiten lassen, mit Willen sozusagen. “Man sagt, er wollte” abhängen. Das ist mir plausibler als dass ihn dieNatur so hülflos gelassen hätte.

Ich schreibe dir auf dein “gen Süden” hin nach Freiburg.

Ich danke dir für den Brief.

Dein Franz.

24.VIII.21.

Liebes Gritli, ich las gestern einen Aufsatz von Hermann Bahr, da wurde mir wieder klar, was für ein Versäumnis es ist, dass Eugen etc. noch keine Beziehungen zu ihm haben. Er ist der von der ältren Generation, der diese Jugend einführen muss. Im Grunde auch der einzige, der sie wirklich verstehen kann, weil er genug Kirche und genug Ketzer in sich hat. Eugen soll ihm einfach die Hochzeit zuschicken. Besser wäre es noch, wenn Hans ihm seine beiden Patmossachen schickte; auf Eugen und auf Picht wird er dann von selber aufmerksam und eine Sammelbesprechung gäbe dann den Meisterbrief, ohne den die Litteraturzunft (mit Recht) niemanden anerkennt.

Sag es mal Eugen, oder schreibs ihm, wenn er noch nicht zurück ist. Ob er Mutter in Badenweiler aufsucht?

Das Wetter ist wieder schön geworden, so dass wir Nachmittags wohl herauf nach Wilhelmshöhe gehen werden.

Dein Franz.

Vielleicht noch richtiger: der Verlag schickt an Bahr die ganze Serie einschliesslich Trag. und Kreuz mit einem höflichen Brief, der eine Besprechungnichtfordert“, aber “hofft“.

25.VIII.21.

Liebes Gritli, es war ein sehr schöner Spaziergang gestern. Wir gingen immer am Waldsaum, wie ich es liebe, um die südlichen Ausläufer des Habichtwaldes herum, endeten auf dem Bismarckturm. Martha Kaufmann ist eine gute und vom Leben reifende Person. An Mutters Arzt schreibe ich nicht. Was tue ich mit dem medizinischen Gewäsch; die wissen auch nichts. Etwas momentan Beängstigendes scheint es nicht zu sein; soviel sehe ich aus einem Brief von Paul Frank, der bei ihr war. Was es ist, weiss niemand. Sie selber empfindet hauptsächlich die Ruhe, das “Allevierevonsichstrecken”, die Ausspannung nach der krampfhaften selbstbetäuberischen Anspannung dieser Jahre. Und das ist auch, was ich für sie wünsche. Wenn Hennar Hallos Brandbrief Eugen zu einem Besuch veranlasst hat, so hat er seine Schuldigkeit getan. Denn das ist freilich zu wünschen, dass man sie dort nicht so allein lässt. Edith und ich werden vom 9.-10. September da sein, Edith dann wohl noch ein paar Tage bleiben, bis zur Monatsmitte, wo sie wieder nach Frankfurt gehen wird und den Haushalt wieder in Gang bringen.

Lass mir bitte irgendwie eine Nachricht zukommen, wann Eugen wieder zurück ist, damit ich weiss, wohin ich denn das Manuskript am Dienstag, wo es voraussichtlich fertig wird, schicken kann. Da ich vermutlich noch die ganze Woche hier sein werde, so möchte ich sein Urteil auch noch hierher haben. Auch könnte ichs ihm vielleicht noch nach Säckingen schicken, sodass ers auf der Reise lesen könnte; in Frankfurt wird er ja gleich viel zu tun haben. Obwohl es in 3 Stunden bequem gelesen ist.

Edith ist natürlich wohl, von dem faulen und gefrässigen Leben. In Frankfurt wird das so rasch wieder verlorengehen wie es gekommen ist; wenn nichts dazwischen kommt.

Erhol dich gut zuhaus; das Wetter ist ja wohl jetzt auch in Frankfurt schön.

Dein Franz.

26.VIII.21.

Liebes Gritli,

Hans Hess war gestern Abend da. Vorher war ich bei Ehrenbergs. Die Abschrift geht weiter. Heute habe ich noch zwei kurze Nachworte dazu gemacht, entsprechend den Vorworten.

Von Eduard kam die Sternbesprechung, die Grabowski bei ihm bestellt hat; es wird ein langer Aufsatz. Nicht ganz schlecht, wenn auch natürlich nicht wirklich gut. Das ist wohl überhaupt unmöglich und eigentlich ein Beweis für das Buch. Ein paar Lichterchen habe ich noch hineingesetzt.

Von dem einen der mir in Matzlersreuth (du entsinnst dich, ich war vor einigen Wochen da, wegen einer Tagung eines jüd. Jugendverbands) gut gefallen hatte, hatte ich heute Morgen einen etwas komischen aber gut gemeinten Brief.

Dein Franz.

29.VIII.21.

Liebes Gritli,

wir waren gestern Nachmittag zum Café bei Frida Sichel. Heute wird die Abschrift fertig. Auf Abends hat sich Rudi telefonisch angesagt, der hier Helene erwartet, die Morgen Nachmittag durchkommt. Er ist sehr zufrieden über ein gelungenes Experiment. Ich habe Bülow endlich gelesen und verrissen, nun kommt Heller dran. Es ist mein Verhängnis, dass ich bisher nur schlechte Bücher zu rezensieren gekriegt habe.

Das Manuskript an Eugen geht noch heute Abend ab. Vor Anfang nächster Woche werde ich ja kaum durch Frankfurt kommen; er kann mir also noch hierher schreiben, brauchts mir aber nicht zurückzuschicken, da ich ja jedenfalls bei euch vorspreche und es dann minehmen kann. Er soll aber bitte nur mit Blei (nicht Tintenstift) hineinschreiben und möglichst nur auf die Rückseiten oder auf den Rand. Bitte richte ihm das aus.

Dein Franz.

30.VIII.21.

Liebes Gritli,

Rudi kam in die letzten Abschreibe= und Korrekturnöte hinein, heute ists endlich an Eugen abgegangen. Sein Urteil, Postkarte genügt, besonders in dem Falle dass er die Unmöglichkeit und Unsinnigkeit dieser Publikation sehr lebhaft spürt. Diskret braucht er das Opusculaggio nicht zu behandeln; in seiner schreibmachinernen Gestalt werde ichs sicher manchmal einem zu lesen geben (Deshalb soll er bitte möglichst wenig direkt hineinschreiben).

Mit Rudi wars nett; er schwärmte sehr von seinen F..[?], die Ordre pariert hätten, und erzählte viel Interessantes von ihnen. Vor Tisch waren wir bei Ehrenbergs, Tante Julie war ganz jugendlich geistreich. Nach Tisch kam Helene, die ich auch noch sah. Dann liess ich mir (“auf Verlangen”, so wie ich jetzt auch schriftstellere) die Haare schneiden, las Heller, zum Vergleich mich, und bin begeistert, was für ein wirklich gutes Buch der Hegel ist. Wenn du mal ein wirklich gutes Buch lesen willst, musst du ihn lesen.

Lotti? dass sie verlobt ist, oder bald ist, war ja zu sehen; aber dass du voraussetztest, ich könnte raten mit wem, entsetzt mich etwas; denn da kommt doch nur Schlünz in Frage, das ist doch der einzige Unverheiratete in eurer Gegend, und obwohl ich ihn ja schätze, wie du weisst, ist sie mir für ihn eigentlich doch etwas schade.

Das andre Exemplar des Manuskripts schicke ich an Trudchen, von ihr gehts weiter an Mutter, Tante Emmy liest es heute Abend zu Ende.

Die Frankfurter Zeitung ist komplett katholisch geworden; schade dass du sie in diesen Tagen grade nicht gesehen haben wirst.

Wenn ich nicht vorher da sein muss, fahre ich erst Montag nach Frankfurt. Entweder wohne ich bei euch, sonst komme ich jedenfalls mal vor.

Dein Franz.

31.VIII.21.

Liebes Gritli, Mutter schreibt sehr erfreut über Eugens Besuch. Was aber ist, weiss ja niemand; der Doktor hat an Onkel Adolf (!) einen absolut nichtssagenden bonzenhaften “Krankenbericht” geschrieben, statt eines vernünftigen Worts.

Ich stecke in der Vorbereitung für die Vorträge. Ausserdem war ich beim Schneider wegen eines Überziehers umzuarbeiten. Und ausserdem lese ich mit weiter steigender Begeisterung in meinem Hegel. Ich bin froh, dass ich ihn veröffentlicht habe. Es ist ein prachtvolles Buch.

Dein Franz.

September 1921

1.VIIII.21.

Liebes Gritli,

wir waren abends bei Hans und Dory Mosbacher; es war sehr nett. Ich arbeite für die Vorträge, lese das lotterige und dumme Buch von Heller und erhole mich davon an meinem Hegel, den ich mit wirklichem Entzücken lese, wo ich ihn aufschlage. So muss ein Buch sein. Wie konnte ich mich seinerzeit so dumm machen lassen, dass ich das beinahe nicht veröffentlicht hätte! Eugen hat auch ganz unrecht, dass man es anders hätte schreiben müssen. Nein, man könnte es ausserdem auch noch anders schreiben. Aber nur ausserdem. Die runde, umsichtige, abwägende, das Wirkliche respektierende Art, wie das geschrieben ist, – das ist eben doch die Grundlage. Temperamentvolle Visionen kann man ja dann in Aufsätzen dazu schreiben.

Wenn du mal in so einer Stimmung bist, wo man gern Goethe oder Ranke liest oder so was, dann musst du es mal lesen. Dass es dir damals nicht gefiel, lag daran dass deine Stimmung damals wohl überhaupt allem so Klaren und Epischen abgeneigt war.

Kennt Eugen Mauthners Wörterbuch der Philosophie? Da steht unter a, s und v die adjektivische substantivische, verbale Welt! Tout comme chez nous. Er soll doch seinen Aufsatz über ihn fertigmachen. Vielleicht an einem Vergleich dieser Mauthner-schen Weltgrammatik mit meinem II.Teil zeigen, was er hat und was ihm fehlt. Mauthner baut nämlich auch (am Schluss von “v.”) aus den drei Welten einen Zusammenhang. Die adj. ist letzthin die Kunst, die subst. die Mystik, die verb. die Wissenschaft.

Es ist ja grässlich dumm. Aber doch Dummheit von einem klugen Ausgangspunkt aus.

Es ist Herbstwetter geworden, aber schönes.

Dein Franz.

4.IX.21.

Lieber Eugen,  dein Brief mit dem städtischen Siegel hat Edith einige ängstliche Minuten gemacht, weil sie eine Exmission aus der Wohnung darin vermutete. Ich selber – ja was soll ich denn nun mit dem Ding machen? Ein rundes Nein wagt keiner von euch. Dabei ists euch allen so klar wie mir selbst, dass es nichts taugt. Und keiner zieht die Folgerung daraus, dass es also nicht gedruckt werden darf. Und der Beweis, dass es qua mittelmässig den Erfolg haben würde, den das Vortreffliche nicht haben kann, dieser Beweis müsste doch erst mal geliefert werden. Dazu ist es nämlich noch nicht mittelmässig genug, scheint mir.

Dass es “Gemeinschaftsarbeit” war, war mir beim Schreiben durchaus klar; ich wollte eben mein Popularitätstalent für unsre Gedanken ausnutzen; das ist mir also nichts Neues.

Gott, Gemüt und Welt” (so sagt Goethe) ist eben die einzigenichtdreieinige Dreiheit, die es giebt. Deswegen brauche ich sie. Alle Dreieinigkeiten sind schon ein bischen angeidealisiert. Diese sinn= und einheitslose Dreiheit ist rein zufällig, rein vorgefunden, rein vorhanden.

Königshaus und Stämme (lob ich meinen Ordinarius, lobst du deinen Ordinarius) habe ich schon längst wieder auf dem Programm. Aber der Hegel ist einfach ein flüssiges und schönes Buch, und dabei so sauber.

Das Nachwort an den Kenner fand auch Rudi ganz schlecht. Mach mir doch den dritten Absatz dazu. Mir fällt nichts ein. (Vielleicht der Spruch vom Mittelmässigen, den du mir schriebst?!)

Die schöne Stelle von Michel war ja zufällig das erste was ich von ihm las, und steht hinter all meinen günstigen Urteilen über ihn, ist auch der Grund, weshalb ich den * von ihm besprochen haben will. Nachher war sie dann freilich das einzige ganz Gute[?], was in dem Steineraufsatz stand.

Wir werden uns also, spätestens am Mittwoch, sehen.

Dein Franz.

[gehört zum 6.VIII.21]

am Augenblick halten, der immer erträglicher ist als die Zukunft sein kann.

Ich habe heute aufgeatmet, nach Tagen wieder, wo einer immer grauenvoller war als der andre. Endlich einmal ein ruhiges unverzerrtes Gefühl.

Du weisst eben nicht, dass man eine Last mittragen muss; es genügt dir, wenn der andre sie trägt. Dabei geschiehts nicht mehr um meinetwillen, dass ich sie noch weitertrage; ich weiss genau, dass es um deinetwillen ist, jetzt mehr als je. Was mich angeht – ich sehne den Augenblick herbei, wo ich sie ablegen könnte.

Ich schicke dir den Brief nicht. Es geht nicht. Vielleicht gebe ich ihn dir später einmal, damit du siehst, wie alles gekommen ist.

[andre Seite]

9.IX.21.

Liebes Gritli,  hier ist der eine Brief –

Mit Mutter ist es wie es Eugen gesehen hat. Wenn das eine Genesung bedeutet, so jedenfalls in Form einer Krise, die in ihrem Ausgang noch unabsehbar scheint. Heut war es besser, grade weil mehr von ihrem alten Adam herauskam (etwa sie erkundigte sich nach dem neuen Lehrhausprogramm; und schlug dann sofort aus der freundlichen Frage in einen richtigen kleinen Giftausbruch von dem üblichen um. (A propos: von dem Programm sind diesmal 4/5 “Zentrum” und bloss noch 1/5 Peripherie! das ist doch prachtvoll!) Also – aber gestern Abend, da war sie ganz zerstört und aufgewühlt. Sie hatte gar keine Fenster nach aussen, redete redete redete, hörte gar nicht, auf kein Wort, weder auf Zustimmung noch auf Einwand, fragte nach nichts, nicht nach euch, nach niemandem, sprach nur von sich, und in so einem litaneihaften Ton; ich war tief entsetzt. Dazu sprach sie von Dingen, die sie sonst mir gegenüber immer sehr schamhaft behandelt hatte, auch nicht grade direkt, mehr in dritter Person, aber so dass man spürte: es war alles und grade dies in ihr aufgewühlt. Der Doktor ist ihr viel mehr als Doktor, er ist das Zentrum all dieser Gedanken, um ihn geht es eigentlich. Dies ist das merkwürdig umgekehrteste Leben, das ich je gesehen habe: vom 42ten Jahr an hat sie rückwärts das Stück Leben nachgeholt, das sie versäumt hat, nämlich von 15 – 30. Dora – Vaters Tod – die Jungens – jetzt dies. (die Freundschaft, Ehe, den Geist, die Liebe). Was mag daraus werden?

Dein Franz.

[ca.10.9.21.?]

Liebes Gritli,  immer noch Reste! wenn man es so en miniature faltet, kann mans für einen Brief halten. Wir liegen in Mühlheim auf der Wiese und warten der Kleinbahn die da kommen soll. Ich bin weiter begeistert von der Huch. Aber eigentlich – ich habe noch nie jemanden gesehn, den sie bekehrt hat, bloss uns “schon Bekehrte”, die also grade das nicht nötig haben. Vorne giebt sie eine herrliche Schilderung des bösen Menschen; der tut genau das, was ich “in einem Jahr vorhabe”. Ich bin so froh, dass ich nun wieder ohne Maske zu dir sprechen kann. Hast du mir meine “Vorhaben” geglaubt? D.h. sie waren ja wahr, nur freilich aus der Verzweiflung. Schade dass ich jetzt das Büchlein nicht erst zu schreiben habe. Nun würde es besser.

Der Hans ist um seinen rechten Geburtstagsbrief gekommen. Er hat ja nichts dran verloren, ich um so mehr. Ich muss nun von der vierten Woche an rechnen. Das ist ja imerhin auch eine ganz frühe Bekanntschaft. Zumal ich ihn ja ausserdem schon seit 3 oder 4 Jahren kenne. Möge uns doch dies “Ausserdem” allen[?] erhalten bleiben, in neuen Formen gewiss, aber doch ohne einen Verlust an Kraft.

Ich küsse dir die Hände.

Euer Franz.

12.9.21.

Liebes Gritli,  es ist ja viel einfacher! ich selber hatte ja wenns irgend ginge vor, am 30.IX. zu Mutter zu fahren und am 2.X. zurück. Da können wir also zusammen fahren oder sonst kann ich dich in Mühlheim abholen und in die Kleinbahn umladen, dich und dein Packet. Also das wird gehen, und Eugen darf nicht brummen.

Ich fand hier böse Dinge vor: ein Schreiben vom Wohnungsamt IIa Frankfurt, sie wollen zwischen 9. und 15. besichtigen, ich soll angeben wann ich will. Wenn ich mich weigere besichtigen zu lassen, wird die Wohnung “zwangsweise geräumt”. Unterschrift Biekard. Ich habe Stein und Bein geschworen, dass ich hier sein muss bis zum 21ten. So werden sie mich wohl bis dahin lassen. Aber dann! Gleich “räumen”!

Auch sonst war ich kaput, musste früh heraus, um nach Frankfurt zu telefonieren, (was misslang), schlief auch nach Tisch nicht, vor Lampenfieber, wegen der 5×2 Stunden. Es ging aber gut. Zwei Stunden reden ist gar nicht so schwer. Ich glaube, es war glänzend. Etwa 200 Hörer, (300 gehen nur in den Saal) das macht ja auch Spass. Übrigens ists ja seit dem Krieg das erste Mal, dass ich zu Deutschen spreche, nicht zu Juden oder, wenn mit euch, zu Christen. Und sieh da: es gefällt mir gut. Ich habe freilich auch einen geschickten und kühnen offnen Vorstoss gegen das Vorurteil gemacht: ich habe gesagt, ich begleitete meinen Text mit kulturhistorischen Arabesken (synchronis-tische Tabellen, in den Pausen!), um einen Ausgleich zu schaffen und neben diesem notwendigen Angriff gegen die Denker (die “Bewegung”) das Herrenalter des deutschen Geistes, das sie doch auch bedeuteten, nicht allzusehr zu kurz kommen zu lassen.

Herr Rubensohn hat getobt, dass ich sie “Irre” nannte. Aber ich glaube, viele waren gefesselt.

Ediths Grossmutter ist gestorben. Sie war ein verbitterte Witwe.

Leg doch Eugen mal die Frau ohne Schatten hin, jetzt muss er sie doch verstehen. Sie klingt immer in mir, ich glaube, es ist grosse Poesie

Dein Franz.

14.9.21.

Liebes Gritli,  nur in aller Geschwindigkeit ein paar Worte. Eugen ist ja da. Es war ein so sehr schöner Vortrag, Eugen und alle waren sehr begeistert. Schade, das kann man immer nur einmal; ich werde ja in Frankfurt, wenn ich länger dableibe, natürlich vom Freien Deutschen Hochstift aufgefordert werden und sie halten, aber beim zweiten Male ist es nie mehr das.

Mutter nimmt weniger Schlafmittel jetzt und ist dadurch anders, findet Edith. Die “Dösigkeit” kam eben doch daher.

Gestern Nacht habe ich bis tief in die Nacht hinein Schellings Leben gelesen. Ein wirkliches Leben ist es auch nicht, sowenig wie Fichtes oder Hegels.

Es ist zu schade, dass du nicht hier bist und hören kannst.

So zwei Stunden sind natürlich kein Vortrag mehr, sondern wie ein Auftreten eines Schauspielers: man lebt den ganzen Tag nur daraufhin. Freilich in Frankfurt wo ich einfach andres zu tun hätte, würde es wohl doch nicht so sein.

Wegen des “Säuglings” in Badenweiler will ich mal Edith fragen, die soll vorsichtig den Doktor fragen, ob es einen “schreisicheren Raum” für euch gäbe, z.B. im Schwesternzimmer im zweiten Stock, wo ja keine Patienten liegen (man müsste da mal ein Probeschreien veranstalten, ob man es bis in den ersten Stock hört).

Eugen schreibt auch, da kann ich nicht recht. Ruh dich schön aus und grüss den Hans.

Dein Franz.

15.9.21.

Mein liebes liebes Herz —

ja es wird gut sein, ich sehe auch fröhlich in diesen Winter. Auch hier ists seit gestern Mittag noch einmal Sommer geworden; ich sitze wieder draussen auf der Veranda. Eugen ist früh, während ich noch schlief nach Göttingen; ich werde ihn Mittags anrufen und ihm sagen, dass es dir besser geht.

Das “Wollen” und “Pflegen” war ja auch mir so ein fremder Gedanke. Noch als Hans es mir im Frühjahr auseinandersetzte (alle Menschen müssten ihr Leben bergauf rollen, ich – nach seiner Ansicht – allein hätte es bisher immer einfach bergabrollen lassen können, nun sei die Kugel in der Ebene angelangt und ich begriffe nur nicht recht, dass ich ihr nun von Zeit zu Zeit einen Stoss geben müsse damit sie weiter rolle), da wollte ich es ihm nicht glauben. Er hatte recht, nur nicht mit dem Unterschied von mir und “allen Menschen”, – da steckt eher ein Unterschied von ihm und allen Menschen; was er von allen Menschen meinte, gilt ja nur von ihm.

Ich lege dir was aus der Zeitung bei. An sich und grundsätzlich ist es ja eine Verirrung, und doch scheint es mir – trotz des falschen Tons – irgendwie gelungen. In Wahrheit müsste man diesen “archaisierenden” Eindruck eben mit Benutzung der neuhochdeutschen Grammatik herauskriegen. Schade.

Leb wohl, lass es dir wohl gehen.

Ich bin dein Franz.

15.9.21.

Liebes Gritli,  ich will doch noch einmal ein paar Worte über den Brief sagen, den ich dir geschickt habe. Du siehst ja daraus, wie falsch es von Eugen ist, mich einfach mit dem Wort “hysterisch” (“als du noch hysterisch warst”) abzutun. Ich wollte schon, es wäre so. Aber die “Hysterie” ist gar nicht Ursache, sie ist nur Folge. So war es hier, und der Brief muss dir das zeigen. Wenn man sich nicht mehr zu helfen weiss und musss es in sich verschliessen +), dann geht es eben nach innen, und das ist dann “Hysterie”. Aber dass man sich nicht zu helfen weiss, das ist keine.

Früher (nämlich vor Helenes Ausfall) konnten wir freilich alles laufen lassen wie es von selber lief. Denn damals hatten wir die Gewissheit, dass jeder nur durch die andern und mit den andern lebte. Es gab gar keine Möglichkeit zum Alleinleben. Wenn man auch gegeneinander schwieg, so wusste man doch, dass man beieinander war; denn es gab gar kein andres Sein als beieinander. Seit jenen letzten Augusttagen vorigen Jahres ist das anders. Seitdem hat jeder sein eigenes Leben, auch der Grad seines Lebens ist davon abhängig, wie er sich in dieses sein eigenes Leben hineinlebt, nicht wie er mit den andern zusammenlebt. Du hast das Kind und die Entdeckung deiner Ehe. Eugen hat den Beruf entdeckt (und ist sehr erschrocken, dass Beruf kein Liebesverhältnis ist) und an Stelle der “Tochter” sieht er sich plötzlich mit einer – Mutter verheiratet. Ich habe Edith, und weiss (nach dem Säckinger Aufenthalt im Februar), dass mir niemand dabei helfen kann, weil mir – niemand dabei helfen darf [doppelt unterstr.]. Rudi hat sein entdecktes Lebenswerk vor sich und seine wiederentdeckte (ich möchte sagen: “nacheheliche”) Erotik, auch beides Dinge, in die ihm niemand hineinreden kann, sondern denen man ihre Entwicklung bzw. (der Erotik) ihren Ablauf lassen muss. Hans war immer für sich.

Das Zusammenleben [doppelt unterstr.] ist nun nichts mehr was von selber und notwenigerweise und nötigenfalls selbst malgré nous geschieht, sondern es ist nun unser bewusstes Werk geworden. Wir müssen es “pflegen”. Wir dürfen nicht vertrauen, dass es “doch einfach da ist”. Das war einmal. Jetzt müssen wir vertrauen, dass es nötig ist. Dazu brauchen wir jetzt unsre Glaubenskraft. Denn das ist jetzt mit Augen nicht eizusehen. Die Augen sehen jetzt nur das Alleinleben. Nur das ist jetzt “da”. So wie früher nur das Zusammenleben “da” war. Und man an das, dass man davon auch “selber”, auch als alleiniger, einzelner lebte, “glauben” musste.

Also     —        Dein Franz.

+) weil man “befreiende” Konsequenzen nicht ziehen will

16.IX.21.

Liebes Gritli,  Rudi ist fort, ganz dick von seiner Ordinariatsaussicht; es scheint mir auch wahrscheinlich. Die Margret Sommer ist verblüffend langweilig. Eugen hat es ihr ja gestern mit einer mir an ihm fremden Unhöflichkeit demonstriert; es war überhaupt ein komischer Abend.

Mutter scheint allen Ernstes das “Büchlein” umarbeiten zu wollen. Den Schluss findet sie wieder gut. Nur die Hauptkapitel. Aber Eugen hat mich gestern überhaupt davon entbunden. Ich sehe daraus erst, wie wenig ernst er meine Berufstätigkeit genommen hatte; es war ihm einfach neu, dass ich überhaupt eine Äusserungsform habe; er hatte sich gedacht, seit dem * wäre ich zum Schweigen verurteilt, und deshalb müsse es mir etwas bedeuten, wenn ich mal wieder etwas drucken liesse und wenn es auch ein erpresstes Machwerk wäre. Es glaubt eben jeder nur, was er sieht. So hat er mich nie im Beruf gesehen, was ja auch nicht sein darf; nun hat er mich im Analogon gesehen und nun merkt ers. Ich will übrigens gar nicht sagen, dass ich das Büchlein nicht jetzt z.B., wenn noch Zeit wäre, besser geschrieben hätte; aber nun wird ja bis Ostern keine Zeit dazu sein.

Der Sieg auf der ganzen Linie ist mir heute durch eine gradezu symbolische Unterwerfungshandlung bestätigt: Kay, der deutschnationale Buchhändler hat den Hegel rechts und links von Chamberlains Neuestem (Gott und Mensch) in der Mitte seines Schaufensters liegen.

Wie war dir gestern? ich fürchte, nicht gut.

Dein Franz.

18.9.21.

Liebes Gritli,  die Margret ist glücklich weg, mein Schnupfen beginnt wegzugehen, und so bin ich ganz allein mit Schellingen. Meine Illusionen über Verstandenwerden sind mir aber grausam zertrümmert durch einen schrecklich dummen und fehlerreichen Bericht in einer (der volksparteilichen) Zeitung. Wer den liest und etwas von der Sache weiss, mich aber nicht gehört hat, der muss mich für einen grossen Ignoranten halten. Das Komischste ist, dass der Berichterstatter die antiphilosophische Tendenz über die ich die ganze erste Stunde gesprochen habe, mir sichtlich einfach nicht geglaubt hat!! Wie soll mans machen? Ich hatte

Philosophie = Idealismus gegenübergestellt: natürliches Denken = öffentliche Meinung

I                                                                                   I

Beweisen                              //                                  Bewähren

Daraus (ich habe rund 1/ 2 Stunde darüber gesprochen!) macht er: “Einleitend kennzeichnete er das Wesen der Philosophie im Gegensatz zur öffentlichen Meinung, als die Forderung nach dem Beweis oder der Bewährung der einzelnen Ansichten.

Ich gehe noch heraus zu Oppenheims.

Heut habe ich eine Karte von Frankfurt gekriegt. Die Lokalfrage ist noch nicht gelöst. Doch schwankt es nur zwischen der Elisabethenschule und dem Montefiore, also beides in deiner Nähe. Meine Vorlesung wird fast sicher um 6 1/4 sein müssen, weil ich die Stunde nachher für Arbeitsgemeinschaft oder Hebräisch ausnutzen muss; das kann ich nur nach, nicht vor der Vorlesung. Und andrerseits bin ich nach der Vorlesung immer so, dass ich ganz gut noch was andres tue, zum Abregen.

Mutter ist (immer noch von Fränkel) “unvergleichlich wohler, auch heute kaum Schmerzen und geistig ganz auf der Höhe”

Dein Franz.

20.9.21.

Liebes Gritli,  ich bin auf der Fahrt nach Frankfurt, werde in Giessen Station machen und versuchen, Fritzsche zu sehen. Ich bin froh, dass ich die Kassler Anstrengung hinter mir habe. Der Tag gestern war ein Misserfolg, sehr charakteristischerweise, – es war eben der Übergang aus der stets beliebten allgemeinen Bildungssphäre von “Hegel und der Staat” in die unbeliebte Wahrheitssphäre des “Sterns”. Das vertragen die Leute nicht, und dies Nichtvertragen setzt sich um in Nichtverstanden haben. So wie ich gestern sprach, war es normales Lehrhaus – und die Wirkung auch bei diesem wirklich wohlwollenden Publikum dann automatisch die verwunderte Ablehnung, wie ich sie im Lehrhaus gewohnt bin. Was mir im Lehrhaus noch fehlt, ist die genügende Ausbildung der zugehörigen Allgemeinbildungssphäre, damit ich nicht, wie jetzt meist, dort 4/5 Wahrheit und 1/5 schmeichelhaftes Bildungsgeschwätz geben muss, sondern das umgekehrte Verhältnis 1/5 :4/5, wie jetzt in Kassel. Denn in der Erinnerung werden doch die angenehmen 4/5 das eine unangenehme überwiegen.

Eugen und Rudi gefiel es natürlich gestern auch. Dass es technisch nicht so vollkommen war, ist ja natürlich. Dazu fehlte die nötige Wurstigkeit. Das letzte auch technisch vollkommen zu sagen, ist mir nur sehr selten geglückt; einmal, wo du es zufällig grade gehört hast: in der Stunde über den prophetischen Menschen, im Dezember vorigen Jahres.

Mutter ist durch ein optimistisches Gutachten von Fränkel scheinbar aufgekratzter. Da es inhaltlich mit dem Bendixschen übereinstimmt (nur die alten Leiden; sie soll sich etwas drüber wegsetzen), so bin ich geneigt, dran zu glauben. Bis zum 25. ist Hennar Hallo da, am 5., wenn ich abkommen kann, ich, vom 8. ab O.Otto und Tante Emmy ein paar Tage.

Zu der “Welt”, die es misbilligt hätte, wenn du wegen des Vortrags eine Verrücktheit gemacht hättest, hätte ich durchaus dazugehört. Vertrau doch drauf: du hast nichts versäumt, ich habe bestenfalls an einigen Stellen das Niveau jener damaligen Stunde oder der ganzen Hermann Cohen = Stunden erreicht.

Dein Franz.

[21.9.21]

Liebes Gritli,  es war wieder wunderschön in Giessen. Er ist ein ganz besonderer Mensch. Ich habe drei Nummern der christl. Welt kommen lassen, in der Andachten von ihm stehn, ganz untheologische und doch ganz andächtige. Einer von den Menschen, die noch tagelang in einem nachklingen. Ich war von 3-9 mit ihm, ein paar Stunden spazieren durch die Stadt kreuz und quer, er hat mir alles gezeigt. Die Andachten schicke ich dir. Doch hoffe ich, dass ihr ihn kennen lernen werdet, mal. Das Cohenbüchlein (ca 2-3 Bogen) ist fertig; ich werde korrekturlesen dürfen. Er hat die tiefsten Einsichten in ihn gehabt, auch (wo er glaubt sie nicht haben zu können:) in sein Jüdisches. Eine solche Anekdote hat er mir viel tiefer interpretiert als ich sie selbst zunächst verstand, und viel richtiger.

Dass es so etwas in Deutschland doch noch giebt, ist herrlich. Auch politisch sieht er – alles in seiner klassischen Weise – das Letzte. Sein – dieses Erz = Akademikers – letztes Wort gestern Abend war: wir müssen doch noch alle auf die Volkshochschule.

Jetzt also wieder im blauen Zimmer, nachher kommt Eugen mit Lotti, dem corpus delicti. Dein Brief kam noch Vormittags, von Eugen einer früh. Diese “Mitteilungen” wären nicht nötig gewesen, denn abgesehn von meinen Augen hatte ja Rudi, dieser Gockel, diesen Sieg schon fleissig in die Welt hineingekräht, so dass ich z.B. die von euch so anonym behandelten Pläne Lottis für Oktober schon längst aus einem wohlwollenden (“hat sich einen Ehrenplatz in meinem Herzen zu verschaffen gewusst”) Brief von Rudi an Tante Dele kannte, so dass ich über eure Zartheit, die eben die Sache unwillkürlich von Lottis Seite aus sah, etwas lachen musste. Dass ich damals als du mich raten liessest, daran nicht dachte, lag daran dass ich nach deinen Worten an etwas Wirkliches glauben musste nicht an “Mädchenträume”. Das hätte mich für Lotti interessiert; das jetztige geht doch, ausser Lotti selbst, nur euch an, denn ihr habt da allerdingseine Verantwortung, nicht weil du irgend eine Schuld hast, – das ist Unsinn, an Rudi wie er nun glücklich wieder geworden ist, hat noch nicht mal Greda Schuld, sondern nur Helene -, eure Verantwortung ist ganz massiv (nicht für LottisSeele); du  kennst Rudi, denk ihn dir nun ohne die Bindungen, die ihn damals noch hielten, und dann weisst du, wovor Lotti zu hüten ist. (Wie, weiss ich selber nicht; du wirst selber als Schwester vielleicht wissen, wieweit einfach eine gewisse “Aufklärung” not tut, die freilich schwer genug so beigebracht werden kann, dass nichts Zerbrechliches kaput geht). Denn – um das mit aller Deutlichkeit zu sagen – mag Rudi mit “neuem Menschen” und Bibelversen nur so um sich streuen – ich traue ihm nicht über den Weg. Ich habe ihn ja mehrmals, dreimal, gesehen in dieser Zeit, und habe nie den Ekel vor dem gewissen Odeur, der von ihm ausging, und dem gewissen Ton, den alles hatte was er sagte, verloren. Dabei wagt er sich, genau wie in der genau entsprechenden (auch ganz auf das gleiche “Problem” eingestellten) Epoche seines Lebens, nämlich 1911/12, nicht vor mir recht heraus; auch damals hat er seinen sexuellen Protzbedürfnissen nur Hans gegenüber freien Lauf gelassen, mir erst hinterher, als Helene gekommen war und ers nicht mehr um zu protzen oder aus experimentellem Interesse tat, in anständiger Weise davon geredet. Das war freilich auch die Folge meiner Haltung: er muss es mir damals angemerkt haben, dass ich das von ihm nicht wissen wollte; ich hielt mich damals (wie jetzt) an die (wie jetzt) damit verbundene geistige Produktivität. Die ist ja auch jetzt da, und Vorwürfe kann man ihm kaum machen, nur etwas sich die Nase zuhalten, wenigstens ich. – Übrigens ist – das dürfte ich dir eigentlich nicht sagen – Lotti für ihn in dieser ganzen Epoche nur Episode. Das eigentliche Drama spielt sich zwischen ihm und Greda ab, Lotti ist da der notwendige Zwischenakt, der Entscheidungskampf mit Greda kann erst dann kommen. Die Herausforderung liegt in dem Wort Gredas, das so unverhältnismässigen, aber grade dadurch so bezeichnenden, Eindruck auf Rudi gemacht hat: “es” liege immer an der Frau. Dabei – du darfst mich nicht missverstehn – meine ich nicht, dass ihm an dem wirklichen Gegenbeweis was liegt, es wird ihm genügen wenn er sie schachmatt gesetzt hat. Überhaupt ist diese ganze erste nachhelenische Periode seines Lebens noch so, dass Helene noch zufrieden sein mag; vorläufig ist sie ja noch die Ehefrau à la Bahrsches Konzert oder noch nicht einmal: einfach der eheliche Hafen in den nach gelegentlichen Freundschaftspartien zurückgekehrt wird; und dass sie das werden würde, hat sie ja wohl voriges Jahr als sie das gemeinsame Leben verleugnete vorausgewusst; sie mags noch ganz erträglich finden. Aber wenn erst die zweiteSerie kommt (Zeitpunk: die ersten Theaterauffühungen seiner Stücke) und die betr. Weiber anders ins Zeug gehen, wie es ja dann geschehen wird, dann wird sogar Helene merken, das sie aus dem Regen in die Traufe gekommen ist.

Das klingt dir alles hart, und Eugen wenn ers läse würde wüten. Ihr steht jetzt mutatis mutandis zu Rudi wie damals 11/12 Hans. Ich will jetzt sein Vertrauen gar nicht. Ich weiss, dass wenn er mich noch je einmal brauchen wird, er mich deshalb brauchen wird, weil ich ihm jetzt, in diesen Jahren, nicht geglaubt habe und sein Vertrauen mir fern halte.

Noch einmal: für Lotti ist das Ganze, wenn sie nur unbeschädigt hindurchkommt, nicht schlimm; im Gegenteil wird sies sogar reifer machen, und den Spass mal fleissig angedichtet zu werden, kriegt sie noch als Zugabe. Eine gesunde Natur, die die paar obligaten Seelenkatastrophen überstehen wird bringt sie ja mit. Meine wirkliche Sorge geht, wie in diesen ganzen Monaten, unverändert nur auf diesen von seinem guten Geist im Stich gelassenen und von einem bösen, von dem bösen (verzeih, aber ist jenes Wort, “es liege immer an der Frau”, nicht aus dem tiefsten Abgrund der Hölle? sprechen nicht also, von Berufswegen – also sogar entschuldigt! – auch die Huren?) aufgegriffenen Rudi.

Ich hätte dir nicht geschrieben über all das, wenn du mich nicht direkt dazu aufgefordert hättest. Nun wollen wir weiter kein Gerede mehr

(doch noch ein Blatt!)

daraus machen; so etwas kann man nur als ein versiegeltes Buch von sich geben; überlass es der Zeit, die wird die Siegel lösen. Und sorg für den Knaben Absalom, ich meine die in eine Geschichte, die nicht ihre ist, hineingezogene Lotti. Es ist ja etwas das allgemeine Mädchenschicksal, dass das eigene Erlebnis die Epiosde der andern ist.

Ich sehe wie ich nochmal in diesen Brief hineinsehe, dass du dies letzte (und damit den ganzen Gehalt dieses Briefs) ja auch selber schon gesagt hast, dass du die beiden Lieben, das was Rudi so nennt und das was Lotti erfährt, “nicht in eins denken kannst”. Das ists eben.

Ich stecke in der Lokalfrage, die ja etwas auch deine ist.

Grüss Hanslis Grossmama.

Dein Franz.

Ich habe Frau Susmann einen Cohen versprochen; ich werde ihn Eugen geben, dass er ihn gelegentlich mit an dich schickt, wenn mal was zu schicken ist. Oder sonst bringe ich ihn selbst, wenn es möglich wird.

22.9.21.

Liebes Gritli,  nur rasch, bis eben hat mich Herr Kracauer aufgehalten, und gleich muss ich Ilse abholen, ich bin am Bahnhof.

Es war nett gestern, die Geburtstagsfeier bei uns. Wir hatten Lotti die Renaissance von Gobineau, die Gespräche mit Dämonen von der Bettina geschenkt und “zwei Predigten nach dem grossen Brande”, ein altes Heftchen, das ich mal wegen des lustigen Umschlags gekauft hatte. Sie vertiefte sich nur – in die Predigten, ob weil es Predigten waren oder wegen des allerdings anzüglichen Titels weiss ich nicht.

Abends in einer schönen Aufführung der Penthesilea. Und heut ein grosses Hintereinander von Telefonaten etc. Der Stundenplan ist nun im Werden. Die Bibelstunde ist um 7. Die Wiss. von Gott vielleicht auch (obwohl mir das sehr unangenehm ist, denn vorher ist Straussens Christentum, das ich ja hören will, – und das du wirklich auch hören solltest, es wird sicher was Besonderes. Es wird allerdings wohl mitgeschrieben werden.

Eugen war einen Augenblick vormittags da; abends sehe ich ihn auch wohl noch 1/2 Stunde, da ich um 9 in der Loge sein muss.

Ich gewöhne mich schon wieder an das Melusinenschlösschen.

Dein Franz.

23.9.21.

Liebes Gritli,

Eugen, bei dem ich gestern Abend noch einen Augenblick war, hatte auch noch kein Wort von dir gehört. Und heute wieder nichts. Ich fürchte, du warst von der Reise herunter, und da hat dich mein überoffenes Wort über Rudi wegen der nun einmal nicht zu übergehenden Beziehungen, in denen für ihn die Episode Lotti steht, mehr verstört als gut ist. Ich kann aber unmöglich etwas darüber sagen – wie du doch wolltest – und dabei den eigentlichen Dämon der hinter allem steht, über dem lieblichen Vordergrundsgehabe, verschweigen. Wenn man Lotti in ihrer gesund = kindischen Harmlosigkeit sieht, möchte mans ja gern. Im übrigen aber: du brauchst mir nichts darauf zu antworten; ich weiss, was ich sehe; und dass ich nicht darüber reden muss, sondern es stillschweigendin die Geschichte dieses ganzen grossen Auseinanderbruchs eintrage, das musst du doch auch gemerkt haben. Es bleibt allerseits noch genug übrig, was das Leben erträglich bis lebenswert macht.

Ich muss schon gleich wieder fort. Ich habe viel Lauferei, und zweifle doch, ob ich wirklich am 5ten ff eine Atempause werde einlegen können. Wenn jemand von euch, ich meine: wenn deine Mutter einmal jetzt herauf nach Badenweiler führe, täte sie wirklich ein gutes Werk.

Frau Hallo ist heute fort.

Dein Franz.

24.9.21.

Liebes Gritli,  das war doch wieder nett, nach 10 Wochen der erste “Schabbes” wieder. Ich hatte fast vergessen wie es tut, und es zuletzt auch nicht mehr vermisst. Ernst Simon war nachmittags da (Ruth konnte nicht); er blieb dann den ganzen Abend; zum Abendessen kamen Eugen und Lotti. Eugen las seinen Aufsatz für die Volkszeitung vor, er ist gleich in der ersten Fassung sehr gut. Es war überhaupt ein hübscher Abend; Ernst Simon in bester Form.

Die christlichen Welten sind angekommen, doch will ich sie morgen an die Bergstrasse mitnehmen und sie den Versammelten vorlesen; (Ernst S. kommt vielleicht auch mit).

Nach Tisch war Eduard da, um mir das “Büchlein” wiederzubringen, er geht eine Woche auf eine Vortragsreise; er ist gegen die Veröffentlichung, obwohl es ihm gut gefällt. Er befürchtet die Missverständnisse. Es sei geschrieben wie man sprechen dürfe. Auch der Brief der Huch, der mich wieder etwas irre gemacht hatte, beirrte ihn nicht.

Wir planen eine Festschrift für Nobel, ich würde die Häusliche Feier bei der Gelegenheit gedruckt kriegen; das wäre nämlich mein Beitrag. Ernst das Gedicht das du kennst. Von Nobel selbst ein Vortragsstenogramm ohne sein Wissen. Aufsätze von Ernst, zwei andren Jungen, Aphorismen von Strauss, vielleicht was von Koch. Kurzum nur die Jugend. Voran sein Bild. Er wird 50 Jahre alt. Die Zeit ist knapp, bis Ende November.

Vertrauen und Misstrauen – es darf ja immer beides da sein, gegen die andren sogut wie gegen einen selbst. Es ist nur der Unterschied, was dieGrundlage ist und ob es heisst: und dann glaub ich ihm doch, oder: und dann misstrau ich ihm doch. Und jetzt (zum Unterschied von der ganzen Zeit Helenes, 1912-20,) ist mir das Misstrauen die Grundlage (wie vor Sommer 1912) und der Glauben das “und dann doch wieder”, bloss. Lotti übrigens und ihrer Lebenskraft gegenüber ists ja leicht, das Vertauen zu haben, dass sies überleben wird, und die Beängstigungen treten, wenn man sie sieht, ganz an die Peripherie. Ich muss noch ein Telegramm für Schwiegerpapa dichten, der Geburtstag hat. Also gute Nacht.

Dein Franz.

25.9.21.

Liebes Gritli,  auf der Rückfahrt von Bensheim. Es war ein hübscher Tag, herrliches Wetter. Ich bin auf eine Idee gekommen: das Büchlein pseudonym zu veröffentlichen, etwa als Adam Bund, in der Vorrede direkt die Anregung durch “Rosenzweigs St.d.Erl.” “bekennen”. Auf die Weise hätte ich 1.) die viele Arbeit nicht umsonst getan, 2.) würde es seine Wirkung tun, 3.) könnte ichs solchen Leuten, bei denen ichs gut fände, es geben, 4.) rückte ich damit den nötigen Zwischenraum zwischen mich und das Buch und verhinderte 5.) dass man es läse und daraufhin den * nicht mehr läse. Und 6.) könnte ich gleich nach Erscheinen eine – Kritik darüber schreiben. Ich meine, da es wirklich schon von mir und nicht von mir ist, so wäre die äussere Maskerade nur die ganz stilvolle Fortsetzung der inneren des Buchs selbst. Komisch übrigens, dass du es noch gar nicht kennst.

Ernst Simon war doch nicht mit.

Ob ich nach Säckingen komme, das hängt davon ab, ob ich überhaupt fahren kann. An den 5ten glaube ich selber nicht mehr; bestenfalls werde ich wohl am 7ten fahren; am 10ten spätestens müsste ich zurück sein. Es hängt eben vom Herausgehn der Programme ab; noch sind sie nicht beim Drucker, und von 1.- 4ten kann ja nichts gearbeitet werden. Und ohne mich gehts nicht; es muss immer einer da sein, der sich um alles kümmert, das weisst du selbst. Der Säckinger Tag würde also eventuell der 9.X.

In der Bahn heut früh habe ich die ganze Vorlesung entworfen, alle 8 Stunden; sie werden wohl sehr schön. Sie ist Dienstag 6 1/4, anschliessend Straussens Christentum. Am Donnerstag 6 1/4 ist meine Arbeitsgemeinschaft und anschliessend Straussens Bibelstunde.

Und die Arbeitsgemeinschaft werde ich wohl themalos anzeigen; vielleicht kommen dann die richtigeren Leute (“Thema wird in der Vorbesprechung nach den Wünschen der Anwesenden gewählt”).

An der Tinte siehst du, dass wir wieder zuhaus sind. Die jüdischen Feiertage? 3.und 4. Neujahr, 12. Versöhnungstag, 17.18.23.24. Hüttenfest, 25. Gesetzesfreude. Immer die Vorabende natürlich noch dazu.

Bei dem Geburtstag haben wir uns doch nun natürlich gewaltig zusammengenommen, nachdem damals deiner so verdorben und Eugen so böse war. Über das was du folgerst, mag ich nicht sprechen. Wenns so ist, so ist es sicher noch nicht beredbar.

Die Nobelschrift gewinnt Gestalt, vorläufig in meinem Kopf. Wenn ich Zeit finde, schreibe ich vielleicht den grossen Aufsatz über Max Weber dafür, der mir im Kopf summt.

Ich fand einen Kasten Briefpapier noch im Schrank hier! Da die Christl. Welten doch ein grosses Couvert brauchen, so passts ja grade.

Grüss Hansli und sei selbst herzlich geliebt         von

Deinem Franz.

26.9.21.

Liebes Gritli

Mutter schreibt so sehr jämmerlich; am liebsten schickte ich dir den Brief, damit du selber siehst, aber Edith (und Ilse) sind fort in Wiesbaden und Schwalbach. Es wäre wirklich schön, wenn deine Mutter mal einen Tag dran wenden würde, selbst auf die Gefahr hin, dass sie gleich geduzt würde, was ich übrigens noch nichtmal glaube. Tante Paula musste ich gewaltsam fernhalten, Tante Clara gewaltsam herholen – es geht immer alles umgekehrt im Leben als es gehen sollte.

Ich war beim Drucker; es sieht ganz so aus, als ob die Sachen noch diese Woche zur Post kämen, dann könnte ich fast sicher am 5ten fahren.

Ich lebe sehr auseinandergezerrt in diesen Tagen, es ist jetzt noch nicht sicher, wo die Vorlesungen sein werden, ob in der Schule oder im Montefiore! Aber das ist nicht das Eigentliche. Sondern dass jeder Tag, den ich lebe ein Schritt am Abgrund des Schweigens entlang ist und dass ich hineinsinken muss, wenn du das Seil loslässest. Es ist so. Ich habe dir jene 7 Wochen lang vergebens ersparen wollen, es zu wissen. Nun weisst du es doch. Denk daran, ich bitte dich mit allem was in mir noch am Leben hängt.

Lass dich lieben!

Dein Franz.

27.9.21.

Liebes Gritli,   natürlich werde ich dich in Säckingen besuchen können. Wenn ich Mutter etwa am 5.X, besuche von da aus. Da wird ja Edith vermutlich auf ein paar Tage nach Berlin gehen, und Ilse wird allein mit dem Mädchen in der Wohnung bleiben und über der koscherté wachen.

Ich war – also erst gestern Nachmittag bei Tante Julie, die ganz herrlich war. Abends allein mit dem trübseligen Sönnerchen[?]. Heut Vormittags bei Trudchen, und nachmittags seit 7 Jahren zuerst wieder, bei Erna Jäckh. Dazwischen lagen ein paar Briefe im Frühjahr 18, von denen wir nicht sprachen; es hatte sie aber geärgert, dass ich seitdem nicht zu ihr gekommen war. Womit sie wohl recht hatte. Du entsinnst dich ihrer. Sie war dir damals unheimlich. Inzwischen hat sie das Altwerden gelernt und beginnt sachte, wieder süss und wohlschmeckend zu werden. Auf ihrem Hand = Büchergestell steht freilich unter ca 20 Bänden neben Allgeyers Feuerbach das Eherecht von Professor Ichweissnicht.

Nun muss ich das Sönnerchen bei Ehrenbergs abholen! Aber der Goethe ist schön geworden.

Die “Ferien” faulenze ich also, lese etwas zu Schelling, habe einen regelrechten Schnupfen, und trotzdem allerlei wichtige Gedanken für die Schlussstunde.

Die Geldablösung von Zwangseinquartierung wird nächstens auch hier eingeführt. Ich wollte es für Mutter wünschen. Mutter – hör was Edith schreibt: “Morgen kommt Fränkel. Das hat einen Sturm gesetzt, mit Toben, folgende Migräne und heute: völlige Schmerzfreiheit, wie schon seit Wochen nicht”.

Ich muss fort. Ob dich der Brief überhaupt noch in Frankfurt trifft?

Dein Franz.

27.9.21.

Liebes Gritli,  die Programme sind beim Drucker. Es wird wohl alles glatt gehen und vielleicht fahre ich schon Dienstag Nacht, um Mutter den aufgeregten Mittwoch zu ersparen, indem ich überraschend schon Mittwoch früh da bin. Wenn doch nur deine Mutter hinkönnte in den nächsten Tagen!

Wie ich vom Drucker wieder kam, lag dein Brief da. Nun ist der Tag wieder gut.

Ich wünsche doch sehr dass du dich nicht abschrecken lässest und weiternährst. Eugen war neulich schon ganz aufgeregt. Ich glaube aber an die Ärzte wenn sie mit der Natur im Bunde sind. Was schadets wenn du dich dabeianstrengst. Und es wird ja sicher immer schöner, je älter das Kind wird. Bei so einem wie Trudchens, das schon ein richtiges kleines Menschlein ist, so eins wie die Christkindchen der Maler, muss es ganz herrlich sein; sie hats ja freilich vor der Reise absetzen müssen; sie hatte es länger genährt als die andern, weil sie traurig war, dass es ja wohl das letzte sein würde.

Eine Antwort auf den “langen” Brief hatte ich nicht erwartet; ich hatte ihn ja selbst als “versiegeltes Buch” empfunden, das man aufbewahrt und viel später einmal wieder aufmacht. Deshalb wars mir auch nicht recht, dass mich Eugen am Sonntag darauf ansprach und mir mitteilte, Rudi sei nämlich “jetzt” “zum ersten Mal in seinem Leben ganz bewusst”. Ohne Zweifel – nur ist diese Vergehirnung eben das Schreckliche, und sie ist nicht “das erste mal”, sondern auch 1911/12 war das Scheussliche eben die vollkommene Vergehirnung der Dinge, der er ja nachher oder während – ich weiss nicht mehr – in der “Verführung zur Ehe” ein Denkmal gesetzt hat. Eben das ist ja die Atmosphäre, in die er im letzten Jahre getreten ist, Kennwort: “erotische Genialität” – Genialität! eben auch so ein Gehirnwort.

Das Programm sieht herrlich aus, wird aber wahnsinnig teuer. Es giebt sicher einen Krach darüber.

Dein Franz.

28.9.21.

Liebes Gritli,

da ist das Programm. Es kommt nun leider nicht als mein Vorreiter, sondern als mein Stellvertreter. Denn: von Mutter kam heut so ein entsetzlich jämmerlicher Komm = Brief, dass ich die Ereignisse des Postfertigmachens u.s.w. sich ohne mich abspielen lasse (nur Edith darauf sehen lasse, damit jemand mit unsubalternem Verantwortungsgefühl über der Sache wacht) und fahre morgen früh zu Mutter. Und da ich Sonntag mittag zurück sein muss, so fällt für Säckingen keine Zeit mehr heraus. Wüsste ich, dass deine Mutter in diesen Tagen mal hinfährt, so hätte ichs doch beim ursprünglichen Datum zu lassen gewagt, vielleicht treff ich gar mit ihr zusammen, vielleicht steht in einem Brief von dir, den ich morgen (schon nicht mehr) kriege: sie fährt; aber das ist dann zu spät und ich bin unterwegs. (Es wäre ein richtiger Traktätchenbeweis dafür dass man schreiben soll). Nach Neujahr kommen dann Otto Ehrenbergs, dann wohl Else, so ist für zunächst gesorgt; Mutters Schrei ging nach “gleich”. Und schliesslich musste ich schon fahren, damit sie noch das Gefühl hat, das Schreien hilft. Denn wenn man das nicht mehr hat, ists Zeit sich aufzuhängen. (Obwohl man das auch dann noch nicht tut, sondern “weiter = lebt”.) —

Ich war mit Nobel ein paar Stunden spazieren heute Morgen.

Dein Franz.

Heut Abend sind wir bei Eugen.

[29.9.21.]

Liebes Gritli,  es war ein sonderbarer Abend bei Eugen. Ich wusste ja nicht, dass Graf für Eugen eine “wichtige Persönlichkeit” ist, so legte ich ganz unbefangen los, und verdarb dadurch Eugen ein Stück Stellungspolitik. Überhaupt war ich richtig dumm und ärgerte mich über Pater Probes katholische Offizialitäten von der allerscholastischsten Scheusslichkeit, statt zu merken, dass er nur abgründig klug war. Nachdem mich aber Eugen – und Edith mit ihrem Sinn für Kirchlichoffizielle – belehrt haben, kapiere ichs nun. Du hättest dich aber amüsiert.  Die Arbeiter sind grässlich; und doch spricht man unwillkürlich für sie und auf sie hin. Sie sind “S.M. das Volk”, um das es geht. Das ist im Lehrhaus besser. Wenn ich da mit Koch rede, gehts nur noch um ihn, und die Leute mögen zusehn was mit ihnen wird.  Ist das Programm nicht herrlich? Ja und du? wirst du können? Sei nicht traurig, wenn du nicht kannst. Das “Christentum” wird mitstenographiert, die Bibelstunde wirst du schon mitmachen können, und die Wiss. von Gott weisst du –

Ich rufe dich heut Nachmittag an. Wenns von Fahrplans (und vor allem von Mutters) Gnaden geht, so besuch ich dich Freitag von Vormittags bis nach Tisch. Sehr komisch wärs, wenn Deine Mutter und ich auf die Weise aneinander vorbeiführen. Du darfst nicht fest rechnen, dass ich kommen kann; denn Mutter ist ja unberechenbar. Wenn sies schon übel nimmt, dass ich von den 2 1/2 Tagen ihr noch 3/4 Tag entziehe, so muss ichs eben lassen.

Ich habe schon Programmpläne für das 2te Trimester, und einen “grossartigen Finanzplan” für den Verein.

Mir gegenüber (im Speisewagen) sitzt ein Ostjude, der den üblichen “Odol” = Zahnstocherbehälter als Aschenbecher benutzt und eben seinen Stummel auf die Zahnstocher gelegt hat – oh Europa, oh Sitten und Gebräuche.

Ich bin in Unruhe um meinen Überzieher, den ich im Coupé gelassen habe. (Was ist nun schlimmer? der Zigarettenstummel auf den Zahnstochern oder der vermutliche Mitteleuropäer, der meinen Mantel stehlen wird bzw. schon gestohlen hat?).

Vielleicht schreibe ich für Nobel auch die “Orthodoxie im Judentum”, d.i. der erste Hauptabschnitt der Broschüre Wesen des Jud. (die Kassler Vorträge voriges Weihnachten), die ich ja diesen Winter schreiben möchte.

Dein Franz.

[auf der Rückfahrt von Säckingen? Ende September 21?]

Liebes Gritli,  schon dicht vor Mühlheim und im Coupé ist es dunkel. Ich war so vergnügt, dass ich auch auf der Rürckreise nur an der Häuslichen Feier gebosselt habe. Du kriegst doch nochmal einen Ehrenbügerbrief von Jerusalem.

Ich mag dir aber heut Abend auch nichts schreiben, nichts als das doch immer wieder eine – dieser Sturm bricht ja immer wieder auf und -: Homer sagt: λύτογούνατακαίφιλονήτος.

Es ist nicht anders.

Dein Franz.

Oktober 1921

2.[1.?]10.21.

Liebes Gritli,  während der Doktor grad bei Mutter drin ist und “schmiert” wie alle Abende, sitze ich in meinem Zimmer; ich fahre ja heut Nacht noch. Es war nicht sehr schön mit Mutter. Von deiner Mutter war sie natürlich sehr entzückt und ich bin ihr auch sehr dankbar, dass sie sich zu dem Besuch freigemacht hat. Aber sie selber leidet jetzt unter der Vorstellung von der Zwecklosigkeit dieses ganzen Kur = Sommers, an dessen Ende sie schlimmer dran sei wie am Anfang; ich glaube das ja nicht; merke auch, wie es mit dem Laufen wieder vorangeht; sie stiefelt schon ganz lustig los und braucht gar keine Stütze. Nur eben das Alleinsein, davor graut ihr. Mir fiel ein, dass eigentlich Lotti wenn sie will, am Montag kommen könnte und bis Göttingen hier bleiben; ich werde es jedenfalls Eugen morgen vortragen; ich denke ja, ich sehe ihn; ich habe ihm meine genaue Ankunftszeit geschrieben und dass wir um 5 nachmittags von Hause weggingen.

Nun aber die Sensation: Hans hat mir auf die Nachricht, dass ich ihn Sonntag Morgen besuche, das Manuskript geschickt, das er eigentlich mir und Eugen hatte vorlesen wollen. Es ist der Anfang des Idealismusbuches, hat Dialogform (Freund und Feind des Idealismus). Das Stück handelt von Fichte und scheint die Hälfte davon, also dann 1/6 des Ganzen, das danach etwa 20 Bogen werden mag. Und das wird nun nicht mehr und nicht weniger als – das erste gute Buch, das einer von uns schreibt. Ein vollkommen möcht ich sagen materialgerechtes Buch, ganz Buch, gar nichts andres, nicht gesprochen, nicht in Stein gegraben, sondern eben einfach Buch. Alles mit der grössten Einfachheit und Treffendheit hingesetzt. Vollkommen schön im Styl. Überall das Genie dahinter spürbar, aber das Buch selbst nicht genial, sondern – was viel schwerer oder jedenfalls seltener ist – schön!

Nicht etwa leicht; es ist durchaus ein wissenschaftliches Buch; trotzdem so dass man es sicher auch mit Freude lesen kann ohne es zu verstehen. Mutter hat die ersten 30 Seiten gelesen und war ganz stark angetan, obwohl sies doch sicher nicht verstanden hat. Es ist eben die Reife von 10 Jahren alten Entwürfen; die letzte wirklich gefundene Form nach vielen vielen Versuchen. Das ist eine grosse Zeit, in der er jetzt ist. Wenn er noch 5 Jahre aushalten sollte an der Universität, würde er Professor.

Ich schriebe dir am liebsten Stellen daraus ab. Es sind nämlich zwar grossenteils lange Reden, fast Referate, aber dazwischen immer die blühendsten, geistreichsten kurzen Wechselworte. Hör nur dies:

Freund: … Wenn die Menschen zu schwach waren, die Ideen eines Fichte zu verwirklichen, wessen Schuld ist es?

Feind: Fichtes! Doch ich sehe, wir sind noch lange nicht so weit, uns zu verstehen. Lasst uns deshalb erst einmal…

Es ist eben eine Zeit der Früchte: Hansli, die Fermente[?], dies Buch. Wenn Eugen dies läse, würde er für mich noch die Kassler Vorträge dazu stellen, aber das das ist Unsinn. Wenn mir je nach der allzuleuchtenden (so empfand sie ja auch die Susman) Blüte des * noch Frucht reifen sollte, so wird es viel später sein.

Wie wenige “gute Bücher” giebt es überhaupt grade von den grossen Philosophen. Von Hegel keins, von Fichte keins, von Kant höchstens aus seiner vorkritischen Zeit (der Geisterseher z.B.), von Nietzsche, obwohl er im Ecce homo ein Kapitel überschreibt: “Warum ich so gute Bücher schreibe” eigentlich wohl auch keins.

Der Doktor kam eben nochmal zu mir; er ist wirklich ein ganz besonderer Mensch, ein richtiger Trost.

Dein Franz.

[Sonntag 2.X.21 ?]

Liebes Gritli,  also heute Morgen bei Hans; er war natürlich sehr froh über meine Begeisterung. Ich sah auch schon den Anfang der Fortsetzung, es bleibt natürlich auf der Höhe. Dabei wirklicher Witz, kein flauer wie im Büchlein, sondern ganz echter, sozusagen gründlicher[?].

An Kurtz werde ich nun also doch schreiben mit der Anonymität. Ich habe zwar etwas schlechtes Gewissen, nachdem auch Strauss selbst gegen die Anonymität mit Nein votiert hat (“Jaja, neinein”)

Ich finde aber: objektiv kanns nützen, nicht mir aber den Lesern. Mir nützt es nur die 2000 Mark. Ausserdem aber hindert mich das anonyme Büchlein nie, es mal viel besser zu schreiben. Es giebt ja zahllose Methoden, das selbe zu sagen.

Dass das letzte Kapitel ganz ernst ist, habe ich dir wohl nicht gesagt. Es ist so geschrieben, wie ich das Ganze geschrieben hätte, wenn ichs im Ernst geschrieben hätte. So ist es eigentlich ein Bouquet von 3 ganz verschiedenen Gewächsen.

Im übrigen – sogut wie Hesse den Demian anonym geschrieben

hat –

Die Flauheit des Anfangs wird beim ersten Lesen von niemandem gemerkt. Und mehr als einmal soll mans garnicht lesen.

Ich las heut Morgen ehe ich Ehrenbergs aufstörte, im Wartesaal Stücke aus Bismarck III über Wilhelm II. Es ist das Ungeheuerlichste an geschärfter Giftpfeil = Litteratur, das mir je vorgekommen ist, eine ganz dämonische Ruhe, die sich schliesslich, wie es recht ist, gegen den Rächer selber kehrt, kehren muss.

Liebe Seele – Dein

4.10.21

Liebes Gritli,  der Werktag hat gleich kräftig eingesetzt heut Abend: ich hatte eine Besprechung mit Rothschild und Frau Nassauer über meinen Finanzplan, bei dem Rothschild mir die kleinlichsten Schwierigkeiten machte; ich kann ihn von seiner vereinsmeiernden Behandlung der Dinge (unter der natürlich das Lehrhaus schwer leidet) nicht abbringen; er glaubt mir einfach kein Wort. Die Folge ist natürlich, dass ich mich lächelnd aus diesen Sachen zurückziehe und die Gesellschaft ihrer Pleite überlasse. Schade nur über die Gedanken, die ich darauf verwendet habe: es waren leider nicht wenig.

Ich sollte dir gar nicht davon schreiben; aber ich bin noch geladen davon; ich komme grad heim.

Es waren schöne Tage. Nobel hat über alle Begriffe herrlich gepredigt. “Gepredigt” ist eigentlich ein dummes Wort dafür.

Ich will dir nur schnell wegen Eugen schreiben. Es ist gut, dass er ausspannt. Ich hatte es ihm schon neulich an der Bergstrasse gesagt.  Er hat den Schrecken mit Frau Deist gebraucht, um es einzusehen. Das ist natürlich ein unsinniger Vergleich; aber er hat ja die gute Folge gehabt. Dass währenddem Sturmfels allein wurstelt, schadet nichts; er wird sich ein bischen totlaufen dabei; opponieren ist leichter als regieren. Red Eugen also nicht ab. Die Hauptsache ist, dass er erst wieder in Stand kommt. Diese Kombination von geistiger und administrativer Tätigkeit ist aufreibend; im kleinen habe ichs heute Abend an mir selbst gespürt.

Ich bin nach Mannheim zu 3 Vorträgen aufgefordert. Ich werde “die Rel. d. Vern. aus d. Qu. d. Jud.” vorschlagen. Sonst vielleicht Glauben und Wissen.

In der Königsteiner Strasse hat Lazarus aus dem “erhabenen Buch eines neueren Denkers, dessen Verfasser unter uns weilt” gepredigt. (Er “weilte” aber bei Nobel!)

Dein Franz.

5.10.21.

Liebes Gritli,  so ein Tag vergeht fast in Briefeschreiben. Die Nobelfestschrift macht schon jetzt tüchtig Arbeit. Bisher ists gelungen, die Bonzen in eine eigene Schrift abzulenken, die vielleicht – auch sehr hübsch wird, weil auch sie wissen, wer er ist. Überhaupt solls eine grosse Feier geben, mit Bankett, Aufführungen u.s.w.

Der Billetverkauf hat begonnen, genau wie immer. Ich gebe allmählich die Hoffnung auf, diese Trägheit zu durchbrechen.

Eugen – du brauchst gar nicht besorgt zu sein; es ist nur das Zuviel an vita activa bei doch nicht ausgeschalteter vita contemplativa. Nicht sein Herz, sondern trotzt allem nur die Hände seines Herzens sind müde geworden. Selbst wenn er selber es so empfände, als wäre es sein Herz selbst, – das wäre ein Irrtum. Also einfach mal heraus; damit er, wenn er zurückkommt, die Kraft die er sich angeschlafen hat, nicht gleich wieder hineinbuttert, sondern sie dazu verwendet, sich innerlich und äusserlich anders einzurichten, den Lehrern und Schülern und Ausschützen[?] gegenüber. Das ist dann deine Sache, da einzuwirken. Ich tue es auch. Er muss sich zwingen, einen Teil seiner täglichen Beziehungen rein routiniert, ohne Kraftaufwand, “abzuwickeln”. Dieses Sichzwingen selber erfordert Kraft und die (keine andre) soll er sich jetzt holen.

Sehr freue ich mich über Hedi, dass sie nun endlich gefunden hat. Man konnte ja schon etwas bange um sie sein. Die Verrücktheit mit dem “Nichtverloben” ist ein kleiner Schönheitsfehler, nicht mehr. Der dumme Junge wird schon zugreifen; es braucht nur erst mal ein andrer am Horizont zu erscheinen.

Ich war übrigens erstaunt, dass es so schlimm neulich für deine Mutter war. Meine war sehr zufrieden, nur zu kurz. So ists freilich viel wahrscheinlicher. Hennar Hallo – ja das ist ein widerspruchsvolles Kapitel. Im ganzen glaube ich doch an das Aufwärts bei Mutter.

Ilse bleibt zu unsrer Freude noch über den Versöhnungstag. Von Nobel bin ich immer noch ganz betrunken.

Dein Franz.

6.10.21.

Liebes Gritli,

in “zweiter Lesung” bin ich eben mit meinem ganzen Plan fast unverändert durchgedrungen! Es waren in der Sitzung alle andern dafür, so dass Rothschild nachgab. Überhaupt war es ganz nett.

Dann habe ich den übersetzten Hymnus fast fertig; nur eine Strophe fehtl.

Morgen muss ich nun, das habe ich von meinem Eifer – den Tag wieder beim Drucker zubringen. Überhaupt die Zeit –

Das “Büchlein” ist an Kurtz abgegangen; er schreibt bedauernd über die Pseudonymität, möchte es aber gern sehen.

Ich bin müde. Gute Nacht

Dein Franz

[7.10.21.]

Liebes Gritli,  ich sitze also schon wieder beim Drucker und laufe in Frankfurt herum, damit die Einladungen man möchte

Förderer des Freien Jüdischen Lehrhauses 

werden, herauskommen. Dich werde ich auf jeden Fall dazu machen; es ist das Rentabelste in deinem Fall, da du ja ausser der Bibelstunde immer noch irgend eine andre hören wirst mindestens. Ausserdem wirst du damit automatisch auch gleich – Mitglied der Gesellschaft für jüdische Volksbildung. Und das wenigstens hättest du dir vor 4 Jahren, als du den heiligen Franz auf mich aufmerksam machtest, nicht träumen lassen. Ich weiss jene Zeit auch noch wohl. Dies Jahr hatte ich vorher an den 4.X. gedacht, am Tag selber hatte ich ihn aber ganz vergessen, er war da durch den 2.Tischri zugedeckt. Obwohl du wohl auch vom Standpunkt des heil. Franziskus mit der Predigt, mit der Nobel unsre Jahrestage feierte, hättest zufrieden sein können. Dass ich dir davon keinen Widerschein mitgeben kann. Er sprach dabei zu Anfang grade das aus, worunter ich die Tage litt, und ja nicht bloss die Tage, aber diesmal so besonders stark,;ich hatte mir so besonders stark eingebildet, diesmal würden unsre Hoffnungen erfüllt, ich weiss nicht warum, und nun war es wieder nichts. Und Nobel fing an vom erfolglosen Gebet. Ich merke eben: es war am ersten Tag. Er holte es aus 1 Sam.,1 heraus. Am zweiten sprach er von der Ewigkeit und etymologisierte das Wort mit dem Wort für Jungfrau ( das in der berühmten Jesajas = Profezeiung steht) zusammen: Ewigkeit die ewige Verjüngung. Der Schluss war ein Gebet (oder schon kein Gebet mehr sondern eine Beschwörung), um neue Profeten. “Wenn ihr wollt” sagte er, und es klang nicht nach “Willen”, dies “Wenn ihr wollt”.

Nachher war er wie ein Aschenhaufen, und so ist er noch heute, – ganz heiss innen, wenn man hineinstochert, aber von der Flamme, die aus ihm heraus es gewagt hatte bis an den Himmel zu schlagen, keine Spur mehr!

Morgen spricht er, und vielleicht über – das Sabbatlied, das ich nun fertig übersetzt habe, ihm zu Ehren.

Dein Franz.

8.10.21.

Liebes Gritli,

es war ein hübscher Tag. Gestern Abend war der hübsche jüngere Seligmann und seine Schwester da. Er hat den * wirklich aufgenommen, (er ist ein ziemlich stark philosophisch geschulter junger Arzt) und etwa auf Seite 60 kam ihm das Verständnis. Er bedauert, dass es nicht mit dem zweiten Teil schliesst! das hat mir noch niemand gesagt, das ist doch fein!

Heut früh eine mehr normale Nobelsche Predigt, worin er wirklich über den Sabbathymnus gepredigt hat, den ich grade gestern so ziemlich fertig hatte; seine Übersetzungen brachten mich aber nun fast zum Lachen; er wird sich sicher freuen. Eduard, der heut Nachmittag lange hier war (und seinen sehr guten – für seine Schreibverhältnisse sehr guten – Beitrag zur Festschrift, den Anfang seines Buches) brachte, war ganz begeistert davon und von dem Sabbatweihespruch, den du schon kennst und der jetzt den letzten Schliff hat, so dass glaube ich nichts mehr dran zu machen ist, während ich den J. Halevi noch etwas in die Mache nehmen muss, aber nicht mehr viel.

Rothschild war heut Morgen nach der Synagoge bei Nobel und war sehr eklig protzenhaft. Heut Abend kommt Ernst, dann arbeiten wir an der Festschrift.

Von Hans Mosbacher kam die Kritik, die im Referatteil schlecht ist, in der Einleitung den Eindruck der Leute wieder giebt und im Nachsatz meinen Eindruck. (Gut ist vom Referatteil grade der Schluss, der ihm nicht recht war.)

Ich lege es bei, aber schicks bitte gleich zurück.

Ernst kommt. Also –

Dein Franz.

9.[?].10.21.

Liebes Gritli,

wir waren nachmittags im Taunus, bei diesem ganz warmen Wetter und dabei das Laub so herbstlich, es war sehr schön. Um 1/2 6 landeten wir bei Blaus, trafen da Driesens, die Frau ist Französin, fein, unfrankfurterisch (natürlich). Driesen war wieder, wie er ist. Er fand tolle Gleichnisse für seine Pläne, verglich sich mit Ignatius von Loyola!, woran etwas ist. Dabei ist er ein Sammelsurium, aber das sind wir ja schliesslich alle, und es vertrüge wohl keiner von uns, dass man sein inneres Inventar aufstellte, da wären die merkwürdigsten Sachen friedlich beieinander.

Den Juda halevischen Hymnus habe ich nun abgeschrieben und wohl endlich fertig, eine Strophe habe ich noch beim Abschreiben ganz umgeschmolzen. Er ist schön geworden.

Von Eugen hatte ich eine Karte. Die Hauptsache bleibt doch, dass er den Urlaub hat; dass die Karte selber sehr beruhigt klang, ist schön, hilft aber nichts. Er muss einen Kraftvorrat hierher mitbringen.

Driesen hatte seinen Aufsatz in der Volkszeitung sehr gut gefunden.

Driesen ist nur 10 Jahre älter als wir.

Ich bin müde.

Dein Franz.

10.X.21.

Liebes Gritli,  es ist 1/2 1, Ernst Simon ist hier und bleibt zur Nacht, ich habe mit ihm seinen Nobelfestschriftbeitrag “Platon und die Tragödie” umgearbeitei; er ist nun wunderschön geworden, aber es war ein schweres Stück Arbeit. Er ist aber in diesen Monaten irgendwie vorwärtsgekommen, etwas aus den Eierschalen heraus, spricht fast unsre Sprache.

Die Anna war endlich heut bei uns! Sie hat 1 1/2 Stunden hierher gebraucht, weil sie sich verlief, hat schliesslich auf der Strasse geweint. Die Käte unterrichtet sie scheints ganz gern.

Dann war Kracauer Nachmittags da, und hat mir doch recht gut gefallen. Auf der Treppe nachher in Rembrandscher Beleuchtung sah er sogar –schön aus.

Dann war Frau Flake mit Ate da. Ate kommt also Freitag zu uns.

Aber ich muss schlafen gehn.

Gute gute Nacht.

Dein Franz

11.10.21.

Liebes Gritli,  ich schreibe den ganzen Tag Briefe. Gestern Abned war also Ernst Simon da. Er hat plötzlich den richtigen Sinn bekommen. Wir haben zusammen seinen Beitrag für die Nobelschrift in Form gebracht. Nun ist es wirklich hübsch geworden.

Anna ist wieder bei uns gewesen. Entweder langweilt sie sich sehr oder sie will wirklich was lernen.

Wie Kracauer gestern da war, wurde mir plötzlich hellseherisch deutlich, dass auch hier der Lump, der Michel, seine kleinen Intrigantenpfoten im Spiel hat. Was sind das für Menschen! Kracauer ist aber eine ehrliche Haut und die Journalisterei unverhältnismässig wenig verdorben. Ausserden war der hässliche Mensch so rührend selig, wie die kleine Ate ihm von selbst die Hand gab. Ate war kostbar mit ihrer 4 jährigen Erwachsenheit. Von unsrer Wohnung sprach sie ganz selbstverständlich per “Turm”!

Heut ist ein ungeregelter Tag: 1/2 12 Mittag, 1/2 5 Abendessen.

Hier erzählen mir die Leute von meinem eigenartigen Entwicklungsgang, auf Grund der Darstellung – meiner Mutter! Was die der Frau Geiger erzählt hat (du weisst, wie sie diese Dinge erzählt), das geht nun als authentischer Bericht von Frau Geiger aus weiter. Mir muss es aber recht sein, wenn überhaupt von mir gesprochen wird. Ich fürchte sehr, meine Vorlesung bleibt diesmal ganz leer. Und vor 10 oder 20 Menschen möchte ich sie nicht halten. Die Sensation vom vorigen November ist erschöpft und man weiss nun, dass ich weder “schön” noch angenehme Dinge rede. Und bei der Wissenschaft von Gott denken vielleicht grade die besseren, es gäbe so eine Art von jüdischem Religionsunterricht. Ich habe etwas Angst vor dem Anfang.

Dein Franz.

12.10.21.

Liebes Gritli,

nur rasch ein Gruss nach dem schönen Tag heut.

Abends fand ich eine unglaublich taktlose Karte von Rudi vor, die er von Lotti hatte unterzeichnen lassen!! Bezeichnend leider für beide, die vollkommene Verroztheit in menschlichen Dingen für Rudi, die Abhängigkeit für Lotti (die das sicher allein nicht gemacht hätte, schon aus Erziehung). Ich hatte auf Mutters Wunsch eine gleichzeitige Anwesenheit von Lotti und Ehrenbergs zu verhindern gesucht (zugleich auch in Lottis eignem Interesse, der dadurch die Zeit für ihren Göttinger Aufenthalt verlängert würde, wenn sies schon dort erfuhr), und hatte die selbstverständlichen Höflichkeitsformen angewendet (“Sehr geehrtes Fräulein Hüssy” und “Ihr ganz ergebener” glaube ich), die sich sowohl aus der Schriftlichkeit wie aus meinem mündlichen Gebrauch ergaben; ich habe sie auch mündlich, wenn ich Sie direkt anrede, immer “Fräulein Hüssy” angeredet, intimere Wendungen wären mir, da ich kaum 100 Worte in diesen ganzen Wochen mit ihr gewechselt habe, ganz unnatürlich gewesen, und ihr (die unsre Einladung uns zu besuchen, so oft sie wolle, einfach unbenutzt gelassen hatte) sicher genau so. Dies der Boden, auf dem Rudi sie vor den beiliegenden “Witz” vorspannt. Was sie für ihn ist, ändert doch nichts daran, dass sie für mich Dame ist. Aber es gehört auf dieselbe Linie wie sein Hahnenkrähen in dem Brief an Tante Dele.

Verzeih, dass ich dir so ausführlich damit komme. Aber du sollst die Tatsachen kennen, ehe sie in entstellter Form an dich gelangen. Rudi antworte ich natürlich mit keinem Wort, und Lotti gegenüber habe ich die Sache, die ihr selber, wenn sie zu Bewusstsein kommen wird, mal peinlich genug sein wird, einfach zu vergessen; wir haben alle mal Ungehörigkeiten begangen, in dem Zustand, in dem sie jetzt ist. Ich musste lebhaft an gewisse Primaneraffereien von mir denken, über die ich mich später noch Monatelang geschämt habe, mehr als die Sachen wert waren.

Dein Franz.

14.10.21.

Liebes Gritli,

Ilse und Erna Jäckh sind fort und Ate ist da. Sie füllt die Wohnung mit ihrer Existenz und ist ebenso klug als komisch. Mein Samtkäppchen hat sie sehr bewundert. Dagegen als ihr Edith mitteilte, dass der Onkel noch nach Tisch ein Liedchen singt (wir wollen sie doch nicht gegen den Willen ihrer Mutter theologisch infizieren), war sie nicht sehr einverstanden; als ich aber anfing, sagte sie plötzlich zu Edith: wohl ein Kirchenlied? Ich konnte vor unterdrücktem Lachen fast nicht mehr weiter.

Der Käte macht das Unterrichten Spass, obwohl sie für die “Katholen” nicht viel übrig hat (wenn sie krank sind, dann kommt die barmherzige Schwester und die betet so lange bis man stirbt) (“Juden gibts bei uns in Bebra auch, aber die sind gar nicht anders als wir, sie können sich sogar taufen lassen”). Übrigens ist Käte auch mit Ate sehr nett.

Das Theater gestern war herrlich, nachdem man erst mal über die ersten Szenen weg war. Dass das 1836 nicht verstanden werden konnte, ist ja klar. Hab ichs nicht im Krieg auf deine Veranlassung uns gelesen, es kommt mir so vor.

Und am Morgen war ich mit Erna bei Athene, dieser einzigen schönen Frankfurterin (und das ist natürlich auch keine “hiesiche”).

(Edith fragt eben, beim Kaffee: Gehst du nachher in die Synagoge? Darauf Ate: “ich war auch schon mal in einer.” – ?? – “Ja, ohne Kirchenturm”)

Mittag und Nachmittag waren wir zuhause und haben geschwätzt; es war nett, Erna viel gelöster als zuhause.

Es ist ein Durcheinander, ich kann nicht recht schreiben.

Dein Franz.

15.X.21.

Liebes Gritli,  Ate ist herrlich. Also gestern war ich mit ihr beim Frisör, um sie etwas an die Luft zu führen; sie war gleich sehr lebhaft mit den Frisören; schliesslich fragt sie einer: wie sie hiesse. “Das sag ich dir nicht.” Draussen frage ich sie, warum. “Mein Name ist doch viel zu schön!” Hinter netten Männern ist sie doll her. Ernst Simon hat sie aufgefordert, doch bei ihr zu schlafen. Mit den Füssen streichelt sie wie wenn es Hände wären. – Wir hatten viel Besuch zu und nach Tisch. (Gestern Abend nur Kracauer.) Ernst Simon blieb zu Abend und wir haben wieder an der Festschrift gezimmert. Edith blieb heut Morgen zu haus; ich war mit Nobels spazieren.

Mutter? es ist mir nicht recht klar. Ich bin ja Freitag bis Samstag Abend bei ihr; da werde ich sehen. Und vorher wirst du von Lotti über sie hören. Mit Else war die Freundschaft gross.

Strecke ich denn nicht mehr die Zunge heraus? Es hats freilich, auch früher glaube ich ausser Hedi niemand gesehen.

Kracauer ist ein halbgarer Mensch. Es war ein anstrengender Abend mit ihm, sehr philosophisch. Für wen eigentlich? Die Unnützheit meines Tuns hier wird mir immer deutlicher. Es ist schade um jedes Wort, das man nicht – schreibt. Geschriebnes kann warten, bis jemand kommt und es aufnimmt. So verexplodiere ich mich vor ein paar dicken Weibern, denen mit Surrogat besser gedient wäre. Es sind noch nicht viel über 50 Anmeldungen (=25 Menschen) im Vorverkauf gewesen. Nun kommen noch 2 Vorverkaufstage. Danach kann ich mir ausrechnen, wie gross die Pleite sein wird. Schliesslich ists weiter nichts als ein Eigensinn. Die, denen ich dienen will, denen ist mit mir gar nicht gedient. In 100 Jahren machen sie grossen Klimbim um mich. Heut, wo sie mich haben könnten, scheren sie sich den Teufel darum.

Dein Franz.

16.10.21.

Liebes Gritli,  es ist kurz vor dem Fest (morgen und übermorgen), ich war eben bei der Schopenhauergesellschaft und habe einen Vortrag mitangehört, der ganz lustig war. Onkel Wurzmann, von dem ich die Einladungskarte hatte, präsidierte. Es waren komische Typen da, kein Frankfurt, mehr – na, Fellnerstrasse 3. Erschrick übrigens nicht, wenn du nächstens deine “Fördererkarte” kriegst, ich habe dich zu beiden Sträussen und zu meiner Vorlesung angemeldet.

Bei dem Lessing, so hiess der Vortragende, wurde mir übrigens wieder klar, dass ich es viel besser kann.

Ate ist kostbar. Aber es ist zu viel zu erzählen. Ich hole nach. Freilich ists eine grosse Anstrengung für Edith. Heut Morgen trat sie schon um 1/2 7 an und da war es zwar sehr lustig, aber natürlich kein Schlafen mehr. Zuletzt hat sie mich – rasiert; genau wie sies vorgestern beim Frisör beobachtet hatte, mit allen Chikanen, Messerabziehen und allem.

Ist eigentlich Eugen in Kassel? ich denke.

Hete Caspary (die voriges Jahr im Sommer in Kassel bei uns war) ist über das Fest bei uns zu Besuch. (Es ist für Edith jetzt eine Erleichterung, keine Erschwerung; denn so ist ihr Ate etwas abgenommen). Edith ist übrigens so reizend mit Ate, dass es mir doppelt schwer aus Herz fällt, dass wir allein sind.

Kommst du wirklich zum 25ten? Förderin!

Dein Franz.

18.10.21.

Liebes Gritli,  der unvorstellbare Festtag, wenigstens die beiden ersten Tage, ist herum. Wir wollen gleich noch in die Loge, so nur ein paar Worte.

Wir haben wieder einen Gast, einen sehr netten, das schrieb ich wohl schon: Hete Caspary.

Lotti war gestern Mittag bei uns. Von der Karte habe ich keinen Schimmer mehr, die Überschrift war mir also nicht aufgefallen. Sonst hätte ich natürlich “Liebes Fräulein Lotti” geschrieben aber die “ganz ergebene” Unterschrift wäre ihr auch so nicht erspart geblieben – so bin ich nun einmal. Übrigens aber danken wir beide also dem lieben Lotti sehr für die schönen Blumen, die wir erst nachher entdeckten; bitte richt ihr das aus, wenn sie kommt.

Eine wunderschöne (so weit ich in der Eile sah), Besprechung des *, wohl von dem jüngeren Seligmann, der neulich bei uns war, hat in der Zeitschrift seines Vaters gestanden. Überhaupt kriege ich jetzt durchschnittlich 14 tägig einen Essay über “Rosenzweig”  vorgesetzt, teils *, teils Hegel.

Morgen schreib ich dir mehr. Dies soll nur fort.

Dein Franz

20.[?]10.21.

Liebes Gritli,

schreibst du nicht an jüdischen Feiertagen? Aber für euch gilt ja das Gesetz nicht.

Ich bin auf der Reise nach Heidelberg = Mannheim. Auf den Vortrag freue ich mich etwas. Wenn es über 100 Menschen sind, wird er gut. In der Wiss. v. Gott hatten sich in den 4 ersten Vorverkaufstagen nur 7 Leute gemeldet (du warst noch nicht dabei). Trotzdem hoffe ich auf 30, und das würde, wenns die Richtigen wären, genügen (aber, ich fürchte, Frau Nobel ist dabei!) Zu Salzberger waren schon 50 Voranmeldungen da. Die Arb.gemeinschaft kommt vielleicht überhaupt nicht zu stande. Dann meldest du dich, wählst ein Thema, und ich komme jede Woche eine Stunde zu dir!

Die Reinschrift der Häuslichen Feier ist auch bald fertig. Ich begegne dabei dem Problem der jüdisch revidierten Lutherbibel. (Das ist nämlich die einzige Möglichkeit einer “jüdischen Bibelübersetzung” ins Hochdeutsche. Nur ins Ostjüdische lässt sich neu übersetzen. Das weiss aber noch kein Mensch. Überhaupt, wie stehe ich noch im Winkel! Und bin dabei schon seit 1918 “entdeckt”. “Do helpt nun nüx!”

Gestern bekamen wir Befehl, die Wohnung innerhalb 8 Tagen zu räumen, sonst Zwangsräumung. Der Rechtsanwalt hat aber, als ich verzweifelt ankam, nur gelacht. Darauf konnte ich am Abend ganz lustig den Vortrag vorbereiten. 800 M für 2×3/4 Stunden, ausser der Reise, ist doch kein Pappenstiel.

Freitag und Sonnabend bin ich in Badenweiler. Ate geht morgen.

Unter den Angemeldeten zur Bibelstunde ist – Lisel Wurzmann.

Dein Franz.

[ca 22.X.21]

Liebes Gritli,  ich werde dir Sonntag vormittag von Frankfurt aus telegrafieren: “Komm baldmöglichst her. Anna bedarf dringend Aufsicht. Edith.” Ich schreibe es dir im voraus, damit du eventuell schon mit dahingehenden Sorgen vorstimmst. Mutter lässt dir sagen, sie käme nachmittags um 359. Es wäre sehr schade, wenn du grade Straussens erste Stunde versäumtest, sie wird sicher sehr merkwürdig. – Mit dem Abholen wirds nicht ganz leicht sein (ich weiss zwar nicht genau wann der Zug kommt), wir haben doch wieder Feiertag. Edith wird aber wohl können. Sonst im schlimmsten Fall alarmieren wir Wurzmanns. Er hat neulich Schopenhauer in der Frkft. Ztg. so für seine Menschenfreundlichkeit gelobt, dass man es wagen kann.

Mutter leugnet Stein und Bein ab, dass sie der Pichtschen Verwandten überhaupt etwas dahingehendes erzählt habe, und ich muss übrigens grade nach dem Brief sagen, dass ich mich nun auch mit ihm wirklich keine Spur mehr “ineiner Sekte” fühle. Es liegt wirklich ein Abgrund zwischen mir und dem womit man sich ihm “beweist”. Aber von diesem Persönlichen und Grundsätzlichen abgesehen – wie wenig weiss dieser Mensch doch von Eugen! Nach 3 Jahren scheinbaren Verstehens plötzlich ein Vorwurf, so schematisch (“semitischer Intellektueller”), so ahnungslos über Eugens Wesen und nun viel gefährlicher, als er vordem gewesen wäre, denn nun glaubt Eugen, ihn ihm glauben zu müssen, und – erlebt Beweise. Es ist schon weit mit uns allen gekommen; wir warten nicht auf die Parodien des andern, wir parodieren unser Leben schleunigst selbst. Muss das nun wohl sein? Ich glaube ja, es muss.

Helene, um dir das noch zu erzählen, hat ihr Herz, mangels andrer Aussprache, in einem grossen Brief an – Mutter ausgeschüttet. Sie wird dir ja davon erzählen, wenn du ein bischen anklopfst. Übrigens meint Mutter, Lotti empfände für Rudi “überhaupt nichts”, sie moquiere sich über ihn und sei hauptsächlich mit Helene zusammengewesen; ich habe sie ruhig dabei gelassen, lass sie auch dabei. Sie hat aus Helenes Brief nur Rudis Engagiertheit entnommen. Die Hülflosigkeit, zu der sich Helene selbst voriges Jahr (und damit uns alle) verdammt hat, führt sie jetzt zu diesem wahnsinnigen Schritt (Mutter selbst fiel es auf: sie habe noch nie zu ihr von diesen Dingen gesprochen), Hülfe zu suchen bei irgend jemand. Wer den Glauben verwirft, wird nicht “frei”, wie er möchte, sondern verfällt dem Aberglauben. So geht es ihr.

Wir sollten jetzt alle unsre ganze Lebensenergie darauf verwenden, nicht künstlich  dem Verhängnis, das uns uns jeden Tag weiterauseinanderleben lässt, rettungslos, entgegenzubocken, sondern das neue Leben, das jedem von uns als Einzelnem gelassen oder geschenkt ist (dies neue Leben, das freilich vom Lebensmittag nur gesehen Tod, aber für sich doch Leben, abendliches Leben ist – “am Abend schätzt man erst das Haus”) zu pflegen, nichts weiter. Wäre das nur leichter. Und fielen wir nicht alle wieder immer wieder ins künstliche Jungseinwollen zurück. Das Leben selber stellt eigentlich alle “Lebensaufgaben”, man braucht gar keine von aussen zu suchen; Altwerden, Altsein, Aufwachen, Erwachsen, – das sind alles richtige und die einzigen richtigen Lebensaufgaben, die es giebt. Aber ich verfalle in die Vorlesung, die ich nach Weihnachten halten werde, die Wiss. vom Menschen.

Die in Mannheim war gut, aber bloss vor 30-40 Leuten. Dafür aber 1000 M Honorar und – ein wunderschöner Brief von Else, die ich neulich mitgeschleppt hatte.

Hier mit Mutter wars nicht sehr schön. Dies Sprechen von sich selbst ist so furchtbar. Aber morgen bei dir wird sie abgelenkt sein durch Hansli. Mit deiner Mutter und auch mit Lotti glaubt sie gegenseitig sehr gut zusammen gewesen zu sein.

Der Zug kommt.

Dein Franz

Dezember 1921

16.12..21.

Liebes – die Möbel sind da. Um 8 kommt der Wagen! Ich kann jetzt nicht mehr schreiben.

Das Plakat wird herrlich, ich war ganz hingerissen.

Morgen schlafen wir in der Schumannstrasse Nr 10 !

Dein Franz.

17.12.21.

Liebes Gritli,  also der erste Abend in der neuen Wohnung oder ja in der ersten Wohnung! Und grad heut musste der Tischdank ankommen! (Einiges ist übrigens nun doch auch im Reindruck noch prudelig[?] und schief geblieben, trotz höher und heiliger Versicherungen des Verlegers).

Es wird alles sehr schön. Trotz allerlei Übereilung (sonst könnte manches noch schöner werden können [sic]; so ist nur mein Zimmer wirklich schön. Es waren so Odysseus auf Ithaka Gefühle heut, ich war manchmal ganz dumm und hatte vergessen, worum es sich handelte. Ganz hats mir wirklich erst der Tischdank wieder ins Gedächtnis gerufen.

Ich erlebe doch jetzt immer so kleine komische Providentialitäten, – so neulich das mit Ruth Nobels Bercher[?]decke, so heut dieses.

Dein Franz.

23.12.21.

Liebes Gritli,

wir fanden Mutter sehr schlecht aussehend, obwohl momentan ganz verjüngt. Sie ist ganz dünn, wiegt 122 Pf.!! und hat ein 70 jähriges Gesicht. Ich meine allerdings, da sie jetzt die Grenze erreicht hat, die ihr der Heinecke[?] dummerweise damals gesagt hat, so wird sie jetzt wohl wieder zu futtern anfangen. Wir fanden den “Amerikaner” da, einen braven Jungen, der in Berlin auf die Dirigentenschule geht und schön Klavier spielt. Einen wirklich grossen russischen Komponisten Rachmanikoff habe ich dabei kennen gelernt.

Den Ebner habe ich nachts angefangen. Es scheint nur * II,2 zu sein; noch nicht mal II 3, gar nicht II 1. Aber endlich ein Buch, das ich Koch schenken kann und vielleicht auch Nobel, um sie so, von hinten gleichsam, mit der Wahrheit zu überrumpeln, die sie ja von vorn von mir nicht annehmen würden. Die dritte Person (“da steht es“) ist eben doch unentbehrlich, weil die erste (“ich sage dir“) eben nur in Momenten und auch da nur momentan geglaubt wird.

Ich denke noch viel über mein Vorlesungsdebakel nach. Vielleicht werde ich schon im Sommer bei Epstein anfangen und zwar: “Die Jugendentwicklung grosser Männer” (Schiller, Goethe, Hegel, Friedrich d. Gr., Bismarck oder andre, die ich grade kenne), also auf das Pädagogische Biographologische und Jugendbeweglerische hin.

Ich habe auf der Fahrt das letzte Gedicht noch recht hübsch überarbeitet und ein neues Stück, etwas aus dem Abendgebet, das ich schon lange umstrichen hatte, sehr glücklich übersetzt. Vielleicht lege ichs noch bei.

Feiert schön und “seid gesund”.

Euer Dreie

Franz.

Hier ist herrliches Wetter!

[24.XII.21.]

Liebes Gritli,

der Amerikaner hat mir immer besser gefallen, er wird im März zu uns kommen. Er hat noch herrlich gespielt, ist dabei sehr verständig, bescheiden und tüchtig. Er fühlt sich deutsch, ist aber schon sehr amerikanisiert. Heut früh ist er fort.

Eine schöne Geschichte von ihm: Shaw nach einer Premiere vor den Vorhang gerufen; alles klatscht, einer zischt. Shaw winkt Schweigen und sagt: Dem Herrn scheint mein Stück nicht zu gefallen. Mir auch nicht. Aber was können wir zwei machen!

Mutter ist doch besser, gar nicht so nur mit sich beschäftigt.

Ich war wieder fleissig. Der Anfang des Abendgebets, im Styl und wohl auch in der Zeit noch den Psalmen nahstehend, und den ghaselmhaftenhaften Hymnus über die Glaubensregel, in stengem Rhythmus, mit zahllosen Zäsuren, so (durch 13 Zeilen durch alle auf “eit”, dazu noch ein paar Binnenreime):

— u— u— // — u— u—

Dann habe ich viel Ebner gelesen. Viel Schönes, aber doch etwas ungebildet, wirr, nicht sehr gründlich, wirklich “Fragmente”, also mit dem * doch nicht zu vergleichen, auch abgesehn von der engeren Fassung des Stoffs. Nur eben viele einzelne Stellen, die gut im * stehen könnten – und meistens auch wirklich drin stehen.

Es ist eine aufregende Lektüre für mich, zu denken dass der gleichzeitig daran gesessen hat. Es ist ein intuitives, aber kein “erfahrenes” Buch (ich meine aktiv, nicht passiv erfahren). Grade diese Reife der Vielerfahrenheit ist doch ein Vorzug des *. Er ist sicher etwa 5 Jahre mindestens jünger als ich und hat nicht den Dusel meiner langen Lehrzeit hinter sich gehabt.

Morgen also 35! in dem Alter sind Rafael und Mozart schon gestorben! Ich wollte gern alle meine noch zukünftigen Geisteskinder geben für ein leibliches. Das ist freilich kein grosser Einsatz, und deshalb wohl nicht das rechte Gelübde. In Wahrheit lautet es wohl anders, und da kann ichs nicht geloben.

Dein Franz.

[25.XII.21.]

Liebes Gritli,

das war nun ein Geburtstag ganz ohne ein Wort von dir oder von Eugen. Vielleicht liegt ihr beide?

Sonst war es aber hübsch. Ich habe schöne Sachen gekriegt, Kuchen, Zigarren, den Wang = lun, Salins'[?] griechische Kunst, den Hirschschen Pentateuch, 3 lateinische Bände Spinoza, La Bruyère Caractères, eine Vergrösserung von Onkel Adams Bild, die neue kurhessische Geschichte.

Auch wieder ein neues Gedicht.

Ich kriege vielleicht Grippe, ein bischen erhöhte Temperatur und Husten habe ich schon. Wenns morgen schlimmer ist, fahre ich nicht nach Dortmund.

Den Ebner lese ich mit bleibender Spannung weiter. Die Ähnlichkeit mit dem * geht auch dahin, wie er seine schönen Sachen sagt: immer etwas verdutzend, grade da wo man sich fürchtet, jetzt würde es arg abstrakt.

Edith ist auch erkältet.

Wer ist wohl der Meisinger[?] von der das antibibelkritische Weihnachts = Feuilleton in der Frkft. Ztg. war?

Schreib mir ein Wort, wie es euch geht.

Dein Franz.

26.XII.21.

Liebes Gritli,

heut habe ich nicht gedichtet, Edith hatte es verboten. Sie hatte wahrscheinlich recht, dass mir das Letzte gestern Abend, (nicht das vom Vormittag) überkünstelt war. Morgen reise ich also (Rabbiner Dr.Jacob, Dortmund, Arndtstrasse 73).

Nachmittags war ich bei Tante Julie; sie war ganz wunderbar. Sie sagte selbst, dass sie Tante Emmy gegenüber sich zusammennehme und nicht weine. Es lässt sich ja nicht wiedergeben, was sie sagt, obwohl es durchaus nicht bloss das Wie ist, sondern auch das Was.

Der Ebner ist doch auch erfahrener, als ich anfangs dachte. Z.B. in Sachen Wahnsinn. Die Doubletten zum * finden sich alle paar Zeilen. Er hat doch nun nicht von Eugen gestohlen. Woher hat ers?

Rudi hat sich greulich bei Tante Dele über schlechte Behandlung beklagt, als sie von Frankfurt kam sie gleich gefragt: ihn habe man ihr dort wohl als schwarzes Untier geschildert? Er war übrigens scheints wieder von zartester Diskretion zu ihr: jedenfalls wusste sie über sein innereheliches “Problem” vom August genau Bescheid! Dabei hatte sie komischerweise ganz parallele Gefühle in seiner Gegenwart diesmal wie du im Sommer. Ich werde ihn ja diesmal nicht sehen.

Dein Franz.

[28.XII.21.]

Liebes Gritli,

noch vor der Abreise kam dein Brief. An die Gefahr für Frau Michel hatte ich gar nicht gedacht. Hoffentlich geht alles gut.

Hier ist schlechtes Wetter aber ein nettes Haus, eine reizende Frau und nette Kinder und er der komischste Kindskopp alte Junggeselle und doch Ehemann, den man sich denken kann. Ich sehe ihn nun freilich auch in oll [sic] his glory. Denn es ist etwas entdeckt und entziffert, das (wenns keinen Haken hat) die grösste archäologische Entdeckung ist, die je gemacht ist, eine gradezu schauderhafte Entdeckung. Wir fahren heut Nachmittag zu dem Entdecker, einem Professor in Münster. Jacob ist ganz aus dem Häuschen und findet “alles Quark” was ich von ihm will, wird es aber doch machen, denn aus den Flugzeug = Ausgrabungsreisen von denen er dauernd spricht, wird ja nichts werden. Und die Sachen, die ich von ihm nun gesehen habe, sind wieder glänzend, und nachdem ich nun gemerkt habe was für ein dummer Junge in diesem alten Schulmeister steckt, verstehe ich auch, wie es überhaupt möglich ist, dass grade er so schöne Sachen schreibt.

Ich will mich noch etwas ausruhen. Jacob muss grade einen beerdigen.

Dein Franz.

[29.? XII.21.]

Liebes Gritli,

die grösste Entdeckung aller Zeiten war die Fata morgana eines deutschen Professorengehirns. Es ist auch gut so. Aber es war ein sehr merkwürdiger Besuch. Überhaupt nette Tage.

Wie mag es inzwischen bei euch gehen.

Ich lese weiter Ebner. Er ist der christlichste Christ der mir je vorgekommen ist. Er weiss weder, dass Gott die Welt geschaffen hat noch dass er sie erlösen wird. Aber von der Offenbarung weiss er. Und nur von ihr. In seiner Sprachlehre kommt die 1. plur. überhaupt nicht vor! Dagegen die herrlichsten Sachen über die 1. und 2. sing.

An dem Jacob sah ich wieder, dass wirklich schon alles in der Bibel steht; man muss sie nur lesen können und dabei die nötige Portion Erdenrest haben. Die hat er. Die moralische Frage der heimlichen Wegführung der Fundstücke nach Deuschland im Flugzeug (an die er allen Ernstes dachte, ehe wir gestern sahen, dass das Ganze ein Phantasieprodukt ist) erledigte er mit einem “Stehlen darf man!” Da kann man wohl die Bibel kommentieren. Zunächst will er freilich leider nur ein Andachtsbüchlein schreiben; der erste Aufsatz den er mir vorlas, ist ganz prachtvoll.

Ich sitze schon 5 Stunden in Schwerte; es ist Streik.

Dein Franz.

30.XII.21.

Liebes Gritli,

ich bin erst heut um 11 über Hannover zurückgekommen. Man ist gar nicht mehr an diese Technik gewöhnt wie vor 3 oder noch 2 Jahren.

Hier fand ich eure Nachrichten vor. Vor allem ists ja gut, dass Frau Michel aus der Gefahr heraus ist. Ich bin zufrieden, das Eugen etwas auf Koch eingeredet hat; ich konnte es ja nicht mehr.

Hansens Aufsatz gefällt mir sehr bis auf den unglücklichen vorletzten Absatz, der auch im Ton völlig herausfällt und wie ein nachträgliches Einschübsel klingt. Ausserdem ist er ganz falsch. Wo sage ich denn: “aus derPhilosophie ins Leben”? Das wäre freilich eine verbotene Überrumpelung des Lesers im letzten Augenblick und nicht ein Abschied an den Leser, der doch – hoffentlich – zuletzt nicht mehr an “Philosophie” gedacht hat, sondern an das Buch im ganzen einerseits und den Inhalt der letzten Seiten andrerseits (der aber nicht “Philosophie” ist).

Schafft im Jugendring,  – warum nicht? da ist weiter nichts zu überlegen, sondern irgend einer, den du kennst, also etwa

Pf. Weigert oder Michel oder sonst wer vorzuschicken.

Ein falsches Datum ist bei Kochs Vorlesung stehen geblieben.

Sonst noch eins?

Dein Franz.

31.XII.21.

Liebes Gritli,

es ist eine furchtbar zermürbende Zeit diesmal mit Mutter. Sie lässt sich hemmungslos an uns aus. Edith, die schon vorher etwas nervös war und nun durch den Streik leider nicht nach Berlin kann, kommt ganz herunter. Man kann kein vernünftiges Wort mehr mit ihr reden; immer nur sie, sie und nochmal sie. Meinst du, ich hätte ihr von Münster erzählen können? Statt dessen, wie ich anfangen wollte, hat sie mir (zum dritten Mal) erzählt, die Schwägerin von Jacob würde von ihr unterstützt, und nun dazu: seine Schwiegermutter hätte es sich zur Ehre gerechnet mit meiner Grossmutter verkehren zu dürfen (was vermutlich nach allem was ich von meinen Grosseltern und ihrer durchaus kleinbürgerlichen Stellung hier weiss, eher umgekehrt sein wird, denn jene Schwiegermutter war eine Frau Dr., was ja damals unter Juden noch was Besonderes war, und ausserdem zugegebenermassen auch eine nette Frau). Dazu die schreckliche Lügerei und dann immer wieder Schabbes, Schabbes, Schabbes. – Ich schreibe im Schlafzimmer, Edith hat sich schon gelegt, damit niemand sie mehr holen kann.

Für Schafft wäre es vielleicht wirklich gut, nach Frankfurt zu kommen. Schon weil bei dieser Gelegenheit vielleicht das Abhängigkeitsverhältnis zu seiner Mutter gelockert werden könnte; er hat ja einen Bruder in Hanau oder Hersfeld.

Gestern Abend waren wir bei Pragers. Heut Nachmittag ich bei Tante Julie.

Ich dachte schon, wir liessen uns durch euch ein Telegramm schicken, und kämen zurück. So wird man wie zerrieben. Ich kann dir auch jetzt nicht recht schreiben.

Von Scholem hatte ich eine scharfe Ablehnung meiner Häuslichen Feier.

Für Mutter wäre ihr bestgehasster Schabbes wirklich die heilsamste Erziehung gewesen, sich wenigstens einmal die Woche zusammenzunehmen. Denn ihre Hysterie ist so ungebändigt nur, weil sie nie ein Gesetz über sich gespürt hat.

Dein Franz.

Gritli Letters (Gritli Briefe) 1920

Contents

Januar 1920

1.I.20.

Lieber Eugen, mit Onkel Adolf habe ich gleich gesprochen, er wills machen, wenn er irgend kann. Gut wird es sicher, du wirst nicht mehr viel dran zu tun haben.

Die Sorge wegen des neuen Vertrages geht ja nur gegen Brennfleck, nicht gegen Weismantel. Was man von B. weiss, (Weine, Kino, christlicher Verlag), das sieht doch eben so rein nach Schieber aus, dass man auf die Idee kommen muss, sich soweit möglich vorzusehn. Wenn du gehört hast, dass er ein anständiger Kaufmann ist – tant mieux. Aber wird er auf die neue Form eingehn? und bleibt Weismantels Haftung nicht automatisch noch 5 Jahre bestehn? Die Personalfrage, wer an Stelle von Seifert treten soll, ist natürlich schwer. Kann Mirbt nicht? Erfahrung ist da doch wirklich weniger wichtig als ein bischen Verve.

Ich quant à moi glaube ja doch erst, wenn ich die ersten Druckbogen vom * in der Hand habe. Was ich dann tun kann, durch Vorlesen von III 1 Reklame für die Subskription zu machen (etwa noch in Frankfurt und Berlin) soll geschehn. Freilich muss Weismantel etwas auf meinen Rat hören. Es ist nämlich leichter, das Buch in jüdischen Kreisen subskribieren als nachher kaufen zu lassen. Weil nachher die Schwierigkeiten abschrecken werden. Während durch eine geschickte Auswahl von Stellen die Subskribenten angelockt werden können. Ich bin mir eigentlich dieses Erfolges für Sonntag ganz gewiss. Am besten wärs die Subskriptionseinladung ginge ganz bald heraus – an welche Adressen, muss ich ihm auch sagen -, damit eventuell sogar die Höhe der Auflage sich danach noch bestimmen lässt. Und der Subskriptionspreis darf nicht über 20 M sein, der spätre Preis meinetwegen dann 40 M. Das ist alles unseifertsch. Aber dies Publikum kennt Seiffert nicht. Sonst hätte er ja das Buch überhaupt nicht so pessimistisch beurteilt.

Woran glaubst du denn nicht an Frankfurt? ich dachte, du hättest mit Strauss doch auch darüber gesprochen. Mach meinen letzten Brief an Gritli, wenn er noch nicht weitergegangen ist, mal auf; da steht allerlei auch zu diesem Thema drin.

Ich bin gar nicht so traurig wie du vermutest. Vorher war ichs. Aber auch nicht so gelöst, wie du meinst. Jedenfalls nicht in deinem Sinne. Die “Theologica”, die ich in den Briefen vom 25. u. 26. “formulierte” lasse ich gar nicht beiseite. Dein “aus ganzem ungeteilten Herzen” habe ich eben nicht. Daran ist nichts anders geworden und kann auch nichts anders werden. Ich erwarte und verlange von Mutter gar nichts andres als die äusserliche Zurückhaltung und Freundlichkeit, die sie im Augenblick hat; dass es in ihr noch genau so aussieht, wie sonst, ist mir sicher – und ich verlange es auch gar nicht anders. Ich gebe ihrwirklich recht. Wenn zwischen Eltern und Kindern das wirkliche Wunder geschieht, dann ist die Welt fertig (vgl. Maleachi Schlussvers, und vgl. Rudi Hallos Sich Zerstören an seiner Mutter); das gleiche Wunder das zwischen den Gleichaltrigen die Welt erneuert, tötet die Welt ab, wenn es zwischen den Alten und Jungen geschieht. Bruder und Schwester – das kommt wirklich in den “besten Familien” vor (bei den Wälsungen, den Kroniden und Pharaonen), aber Mutter und Sohn, das ist der Untergang, Ödipus.

Ich bin jetzt wirklich sehr offen mit ihr, aber doch nur mit dem Gefühl des ungeheuren Leichtsinns, mit einem Mein = Sach = auf = nichts = Stellen, und ohne Liebe; denn ich traue ihr nicht über den Weg. ich traue ihr erst, wenn es “mit rechten Dingen zugeht”. Weshalb habe ich denn an die Versöhnung mit meinem Vater geglaubt? Weil sie nicht in meinem oder seinem Kopfe bestand, sondern höchst reale und normale Gründe hatte. Er sah, dass ich auch auf meinem Wege zu seinen Zielen kommen könnte. Das war eine solide Grundlage. Dass sie gelegt wurde, war das Wunder und ist nicht durch meinen Willen geschehn. Dass er sie betrat, das war dann weiter gar nicht wunderbar. Nun zieh die Parallele zu jetzt mir und Mutter. Ehe nicht eine Grundlage da ist, auf die sie normalerweise treten kann, eher ist alles nur Umnebelung für sie. Gelegt kann auch hier die Grundlage nur par miraculum werden, nicht “normal”, das weiss ich wohl. Zeit ists in Majno Morikowo und Bradt in Berlin – das war auch ein Wunder. Kommt dies Wunder für mich und Mutter nicht, so ist jetzt gar nichts geschehn. Denn was ich in diesen Tagen lebendig spüre wie seit langem nicht, ist die Unverjährtheit jener Versöhnung mit Vater; die Medaille, die mir Martha geschenkt hat, sehe ich alle Tage an; von dem mit Mutter spüre ich gar nichts; es passiert alles nur vor ihr, was jetzt passiert, – nicht in ihr.

Dein Franz.

1.I.20

Liebes Gritli,  ich habe Eugen (schon nach Stuttgart) noch geantwortet, so bin ich nun ganz müde. Wie fast immer in den letzten Tagen, wenn ich an dich schreibe. Wie komisch! Heute war wieder, ausser viel Korrekturen, allerlei, mittags Herbert Ganslandt, sehr langweilig, nachher Hans Hess, anfangs auch, aber nachher kam es doch noch zu einem Gewitter. Vormittag war Rudi Hallo einen Augenblick da. Eugen schreibt, er glaubt nicht an Frankfurt. Ja aber woran denn? Schrieb ich dir, wohl nein, dass grade gestern mir Prager auch einen Brief von Bradt gab, worin der ihn bat, mich zu beeinflussen, dass ich doch der Berliner Akademie treubliebe. Aber wieder ohne bestimmtes. Ich zeigte den Brief gleich Nobel, der wollte es Bradt schreiben, ob ich nicht von Frankfurt aus mich an der Berl.Ak. beteiligen könne. Das wäre mir natürlich recht, obwohl ich mir nichts dabei denken kann. Die Hauptsache ist jetzt wirklich der V.hochschulplan. Heute kam ich noch nicht dazu, und vor Montag wohl überhaupt nicht. Rudi sprach ich heut telefonisch, er war ja auf. Er wäre beinahe zum Sonntag herübergekommen. Aber ich habe es doch verhindert. Ich warte wirklich auf ein paar Worte von dir. Alleine kann ichs noch nicht. Denk doch, ich habe ja nicht das mindeste Bedürfnis ihm von allem zu erzählen, was in dieser Zeit vorgefallen ist. So ist es noch! Im Gegenteil, ich scheue mich beinahe, ihm zu erzählen.

Ich war so verwundert als heut Nachmittag eure Briefe kamen. Eugens hat mich ja etwas verstört. Er konstruiert so falsch und gewaltsam. Vor lauter Wundersichtigkeit vergisst er das Recht der Schöpfung, das Recht des Normalen, des “Immerwährenden”. Glaub, ich weiss, dass ich jetzt wieder in Wundern lebe und dass mir jeden Tag etwas “passieren” kann, wie mit Strauss oder mit Rudi Hallo – und alles was damit zusammenhing. Aber ohne den Generalbass der Schöpfung wäre die Melodie der Offenbarung und ihrer Wunder eine verwehende Improvisation. Nicht bloss der nackte Mensch ist “unbehaust”, auch der übervolle, der trunkene ists. Wenn ich jetzt auf den “jüdischen Menschen” traue, so ist darin wirklich beides, das “Jüdische” und das “Menschliche” so eng verflochten wie zwei gefaltete Hände, so dass ich gar nicht weiss, welches jeweils die Rolle des offenbaren Wunders und welches die der geschaffnen Regel spielt – so verschlungen ist beides in eins. Bald ist der Mensch das Wunderbare und bald der Jude, aber nie eins ohne das andre. Eben weil auch die Behaustheit wunderbar ist, deshalb ist sie nie “blosse” Behaustheit. Weisst du was ich meine? Ich sage es noch dunkel. In der Straussdenkschrift muss es hell gesagt werden. Aber Eugen darf nie vergessen, dass ich mit dem blossen Wunder ebenso halbgar herumliefe wie mit dem blossen Haus. Denn das blosse Wunder allein ist eines Morgens wenn man aufwacht entwundert, weil dann die Kraft des “Wunders” in das “Haus” hinübergewandert ist. Nur wenn beides beisammen ist, Gefäss der Schöpfung und Gefäss der Offenbarung, nur dann kann die Kraft niemals ausgehen, denn sie tauscht höchstens ihren Sitz, aber sie bleibt bei ihm wohnen.

Sei geduldig mit diesen Dunkelheiten, du hörst sie bald so, dass sie dir eingehen. Hab mich doch lieb, du Liebe Liebe. Ich geh noch zu  deinem lieben Heiligen in die Portiuncula, so müde ich bin. Gute Nacht –

2.I.20

Liebes Gritli,  ich muss dir gleich schreiben, ich bin so verstört. Dein Geschenk oder euer Geschenk kam, ich vertrage ja so etwas nicht, weisst du das denn nicht? ich vertrage ja kaum Bilder, könnte mir keins aufstellen, ich habe tatsächlich keins von dir so dass ichs finden könnte, alle liegen irgendwo in einem Briefcouvert wie sie kamen. Und nun gar so ein Panoptikumsgegenstand. Ich weiss gar nicht in welchem “wo = es am = tiefsten = ist” ich ihn vergraben soll und hoffe, dass ich nie in den Fall kommen werde, den einzigen denkbaren, wo es mir Freude machen würde, ihn zu haben. Die Maske tötet. Und nun gar die Maske deines Lebendigsten, dessen was ich am ersten liebte, das ich in jener Stunde, wo der Zwiespalt in mein Leben kam, der ungeheilt ist und bleiben wird, denn Eugens “aus ungeteiltem Herzen” ist mir fremd – was ich in jener Stunde küsste, – Liebe, und das soll ich jetzt als einen toten Gipsklotz auf den Tisch legen – wohl gar als Briefbeschwerer, nein fort in den – ich weiss noch nicht wohin, nur wo ichs nicht finde ohne es zu suchen, und hoffentlich also nie nie finden werde. Wahrhaftig, ich war nicht sehnsuchtskrank diesmal, aber jetzt möchte ich bei dir sein und deine lebendige in meiner Hand halten und spüren wie sie sich in meine still hineinlegt – nur um den Eindruck dieses Vitzliputzli loszuwerden. Gritli Gritli –

Everich und Viktorine waren da, heut Vormittag, es gab wieder ein dolles Gespräch. Eva gefällt mir gar nicht sehr. Und Putzi ist wirklich unter aller Kritik. Heut Abend kommt Edith Hahn, Mutter hat schon Jonas ins Vertrauen gezogen, dass er sie mit mir oder ohne mich nach [sic] nachhausebringt, damit na u.s.w. Ich war doch etwas entgeistert als ichs hörte. Und fast hätte ich das Ereignis von heut früh vergessen: ein langer englischer (= allzuenglischer) Bedankemichbrief von Winie. Worauf ich ihr nun morgen oder heut Nacht noch mit einem “richtigen” antworten werde; denn schaden kanns ihr ja keineswegs, wenn ich etwas in ihre englische Windstille hineiblase.

Liebste, ich versuche nochmal das Götzenbild anzusehn, aber es ging nicht und es wird nicht gehen. Bleib leben, bleib leben, liebes, geliebtes Leben –

Dein Franz.

3.I.20

Liebes Gritli,  zwei Briefe auf einmal waren eben da, der von Silvester und der vom Neujahr. Die Hand – ich hätte dir gern heut ein besseres Wort geschrieben, ich nehme sie immer mal hervor, aber es schaudert mich jedesmal und ich werfe sie wieder fort. Sie schiebt sich jetzt wirklich zwischen mich und dich, zwischen meine wirkliche Stirn und deine wirkliche Hand – ich fühle wie es den Heiden zumute sein muss und weshalb sie es wirklich nur zum Christentum bringen können und das schon etwas Ungeheures für sie ist. – Wie mir ist? Ach ich vermisse von dir nur das eine, was du sorgfältig unterdrückst; deine Briefe tuen, als ob es keinen Rudi gäbe, und doch bist du die einzige, die mir wieder zu ihm helfen kann, ich selber fahre nicht eher zu ihm hin, ich bat dich darum in einem der nicht angekommenen Briefe wohl, du hast es also nicht von selber gespürt, meintest mich “schonen” zu müssen, meinst du, das wäre “Schonung”? inzwischen wirst du ja die Briefe von Stuttgart nachgeschickt gekriegt haben.

Auch auf dein Wort vom Bolschewismus habe ich dir ja geschrieben. Eugen selbst weiss es ja, dass alles was er sagt für andre nur die Hälfte der Wahrheit sein kann und nur für ihn den Kinderlosen die ganze. Nur daher kann er die Grenzen dessen was z.B. mit Mutter geschehn kann, so verkennen. Du fragst, ob es “ebensoviel” wäre, meine Kinder sähen mich mit meiner Mutter in Frieden leben? ebensoviel? gar nichts wäre das, eine blosse Selbstverständlichkeit, es wäre ein Wunder wenn es anders wäre; ja im Ernst: wenn ich als Vater ihrer Enkel mit ihr in Unfrieden lebte, das würde wahrscheinlich den Kindern ebensoviel bedeuten, als wenn sie jüdisch lebten. Denn beides wäre ihnen das Wunder mitten in der Welt. Das andre kann nur uns Unbehausten, Entwurzelten, als ein grosses Wunder erscheinen. Die Kraft, die ich jetzt in das Verhältnis mit Mutter hineinstecke, werde ich später gar nicht hineinzustecken brauchen.

Ach du Geliebtes, über Bildnis und irgendein Gleichnis Geliebte, und nun geht es so: Gestern Abend war Edith Hahn bei uns. Sie ist die mir Bestimmte. Es ist ein Paradoxon, dass wir uns nicht heiraten. Sie – aber das Schlimmste ist, wenn ich so mit ihr zusammen bin, zerreisst es mir das Herz, wenn ich denke was so aus ihr wird und was mit mir aus ihr werden könnte, denn sie hat wirklich alles Gute, was eine Frau haben kann, Ehrlichkeit, Feinheit, auch Klugheit. Jetzt hat sie sich in eine “Selbstständigkeit” eingepanzert, lässt sich offenbar als “die kluge Edith Hahn” behandeln, “beschäftigt sich mit..”, nennt weibliche Wesen per “Mensch” u.s.w., aber in ein paar Jahren ist das alles (jetzt noch nicht) sauer, wies eben werden muss. Sie hat jetzt den ganzen Relig.unterricht an einem Lyceum, 10 Klassen = 20 Stunden, dazu noch Privatstunden. Und ich weiss, wie lebendig sie mit mir werden könnte und wie sie die künstliche Redseligkeit von gestern (gestern führte sie die Unterhaltung! früher war sie ganz still) wieder verlernen würde und selbst die schrecklichen nervösen Krächztöne. Aber es fehlt – ja wirklich nur “ein Geringes –  was denn? – was denn? – das Siegel”! wies im Figaro heisst, ja wirklich nur das Siegel, nur die Nagelspitze voll Verliebtheit, nur das Gramm Müssen, ach was sage ich “Müssen”, nur das Gramm von wirklichem Möchten. Gar kein Zweifel, dass das “nachher” alles kommt, wenn wir ohne die Zurückhaltung von jetzt aufeinander angewiesen wären, denn ich fühle ja wie ich ihr Schicksal bin und sie meins wenigstens erfüllen würde. Aber eben es fehlt dies kleine Etwas. Oder schlimmer sie hat Töne, Stimmtöne, zum Davonlaufen noch unterm Trauhimmel wo ja allerdings jüdische Bräute kein Ja zu sagen brauchen. Und so kucken ihre herrlichen dunkeln Tieraugen so unerlöst aus ihrem Gesicht heraus, eben wie die Augen eines Tiers, das verdammt ist, keine Menschensprache zu sprechen, sondern tierisch zu krächzen. Weisst du wie es einem bei Hunden immer erschüttert: aus den Augen sieht einen eine lebendige Seele an, aber wenn sie sprechen wollen, dann bellen sie.

Und  – ja trotzdem ich weiss nicht was geworden wäre, aber (lach nicht! es ist doch eher zum Weinen) eben hat Fritz Mosbacher, Hansens etwas jüngerer Bruder, bei dem oder vielmehr bei dessen sehr feiner Frau sie zu Besuch hier ist, sich – bei Mutter angemeldet, er habe sie zu sprechen. Das arme Mädchen soll ausgeboten werden wie sauer Bier. Und nun wird es also sicher nichts. Und es ist nur gut, dass es auch sonst nichts geworden wäre. Obwohl ich jetzt, nach diesen letzten Tagen und Wochen des Jahrs die Kraft gehabt hätte – das wirst du mir glauben – diese Ehe nicht zum “Kloster” werden zu lassen. Heut früh hatte ich mit Rudi H. und Gertrud R. ein Gespräch, sie wollten meinen Brief nochmal auf Kleingeld haben; ich bin mir des Neuen so ganz sicher, ich habe wirklich keine Spur von schlechtem Gewissen mehr gegen die “Orthodoxie”. (Aber ich habe eigentlich  nur bekannt – , wie es wirklich in Rudi H. selbst aussieht, weiss ich nicht.) Ich habe ein Gleichnis gesagt: früher stand dies ..tum vor mir und hatte mir an einem bestimmten Verfallstag einen bestimmtem Wechsel zu präsentieren; heute habe ich Bürgschaft geleistet für alle eintretenden Fälle, in unbestimmter Höhe, eventuell selbst in der Schillerschen, also ganz unbestimmt, aber wirklich eine Bürgschaft (grade durch ihre Unbestimmtheit) “mit ganzer Seele, ganzem Herzen und ganzem Vermögen”.

Alles schön und gut. Aber warum bin ich nur nicht in Edith Hahn ein bischen – verliebt?

Sag was an dir ist, du liebe Lebendige, du mein liebes Gritli.

Es wartet auf dein Wort, dein lautes oder stilles

Dein Franz.

3.I.20

Liebes Gritli,  eben habe ich das unheimliche Ding wieder herausgenommen, es ist wie eine Spur von dir; für einen Augenblick ehe man erschrickt, dass es tot ist, ist es beinahe schön.

So wie ein Hauch von Freude, den man verspürt, aber nur ein Hauch und er vergeht wieder und man zittert gleich, dass er vergeht.

Wirklich also war Fritz Mosbacher deshalb da. Mutter hat mit ihm allein gesprochen und hat wie wirs ausgemacht hatten, abgewinkt. Es ist so traurig. Es wäre alles gut. Aber ich will doch nicht plötzlich auf meine alten Tage anfangen zu “wollen”. Damals, 1914 im Januar, erschrak ich plötzlich, dass ich “wollte” und liess mich treiben, und es war gut so. Denn im Ernst, ich kann doch nur dankbar sein, dass ich damals vor dem höllischen Wollen auch wenn es himmlische Gestalt angezogen hatte, bewahrt blieb. Und jetzt sollte ichs aus blosser Ungeduld? Ach Gritli, ich bin ja ungeduldig, ich bins. Soll ich nun warten, und immer weiter warten?

Wie traurig nun – das ist Mutter[sic] nun zum zweiten Mal geschehn, damals durch ihre Mutter, jetzt durch den Mann der Freundin, der sie sich anvertraut hatte. Könnte ich nur – aber ich fürchte mich selbst sie so wiederzusehn oder freue mich jedenfalls nicht darauf, so erschreckt mich die Stimme. Ach Liebste, du weisst wie es bei mir “durchs Ohr” geht. Ich bin ein rechter Jid, auch darin.

Liebes Gritli, es ist der 4te und Abends nach der Vorlesung. Es hat ungeheuer gewirkt, ich hatte es auf etwa 2/3 zusammengestrichen und las in zwei Hälften. Mit allen Mitteln der Sprache. Es war schade, dass du es nicht gehört hast, du hättest auch einen grossen Eindruck gehabt. Überhaupt – wenn du jetzt da wärest! Mit Trudchen sprach ich Nachmittags, ich brachte sie auf den Stand von heute. (Morgen reist sie nach Köln auf 8 Tage). Aber danach fiel mir was ein und ich sagte es dann Trudchen auch auf dem Weg zur Landesbibliothek. Und dabei warst du auch. Ich werde dies Gespinst zerreissen und mit Edith rückhaltlos offen sprechen. Es muss etwas passieren. So oder so. Aber es kann nichts passieren, wenn ich nicht die Schleusentore der Wahrheit aufziehe. Was dabei herauskommt? wahrscheinlich ein grosser Schmerz für sie, denn ich muss ihr eben sagen, dass ich nicht verliebt bin in sie. Aber sie muss dabei überhaupt sehen und hören wer ich bin. In wen ist sie denn verliebt? Was weiss sie denn von mir! Wie stellt sie sich denn das Leben vor! Damals, 1914, konnte nichts werden, denn es war alles auf meinen Willen gestellt. Jetzt soll nichts darauf gestellt sein. Ich will Raum schaffen für das “Geschehen”. Jetzt ists wie 1914: es könnte nur etwas nach der Schnur eintreffen, zum Geschehen ist einfach kein Raum, kein Raum für ein Entweder = Oder. Aber es liegt doch bei uns Menschen, Gott Raum zu schaffen, dass er wirken kann. Das Mittel das dazu in unsre Hand gelegt ist (wenn wirs auch nicht immer gebrauchen können) ist: die Wahrheit sagen. Sie sagen zu können, liegt selber schon nicht bei uns. Schon das ist Gottes Erlaubnis. Aber die spür ich nun. Das Weitere steht dann nicht mehr bei mir.

Sei bei mir in diesen Tagen.

Und immer, immer – ich kann nicht leben ohne deine Liebe.

Dein Franz.

5.I.20

Liebes liebes Herz,  ich habe den Tag so hingehen lassen, ich wollte erst noch etwas über den Gedanken des Briefs so ein bischen hinwegleben, ich blieb ganz ruhig, wartete noch auf die Nachmittagspost, sie brachte nichts von dir, dann schrieb ich. So wie ichs vorhatte. So also, dass sie sich aus dem Brief keine falsche Hoffnung machen kann, sie wird nur erschrecken. Es ist jetzt genau die Lage hergestellt, die “Gelegenheit” die eben bisher fehlte. Irgendwas kann nun geschehen, wahrscheinlich – nichts. Aber das ist dann ein geschehenes Nichts, nicht wie sonst jetzt ein ungeschehenes. Ein ungeschehenes Nichts ist doch wirklich zu wenig. Wie ichs geschrieben hatte, wuchs es Abends, als Hans Hess da war (dem jetzt endlich mal wieder seine Kartenhäuser zerbrechen) also da wuchs es mir ins Ängstliche auf. Aber ich trug es doch noch Nachts zur Post. Sieh, am Nachmittag ehe ich schrieb, flüsterte mir ein kleiner Teufel (nicht der grosse der Gottes Diener ist, das kann man unterscheiden) also ein kleiner flüsterte mir zu, ich sollte nicht schreiben, “kann dir denn je besser werden als dir ist?” wirklich, so sprach er. Da schrieb ich grade!

Ach wie nötig ists, dass man verliebt ist um zu heiraten. Es ist doch etwas so Ungeheures; ohne Verliebtheit – wie wagt man sich da durch das grosse Tor hindurch?

Liebe, Liebste, so sei bei mir, bei allem was geschieht.

Ich bin ja dein und bleib es.

Geliebte  —- Dein.

6.I.20

Mein liebes geliebtes Gritli,  es ist doch so gekommen, ich habe mich heut Vormittag mit Edith verlobt. Das Wie kann ich dir noch kaum sagen. In meinen Gefühlen ists gar kein plötzlicher Umschwung, kein “Damaskus”, es ist alles noch da was vorher da war, es ist nur – ja Liebste ich konnt es nicht ertragen wie sie litt und hart wurde in sich selber und wie die süssen Augen – du wirst sie sehen und lieben – sich verschleierten. Ich konnt es nicht ertragen, da habe ich zaghaft und leise die Hände hingehalten und ihr Herz das zerbrechen oder versteinern musste, darauf genommen, dass es ganz bleibt. Ist es denn nicht ein Wunder dass es mir noch entgegenschlug, auch als sie alles wusste, alles was sie erschrecken musste, ich habe ihr ja natürlich nichts abgeschwächt, nichts verkleinert, ja die Dinge bei den Namen genannt, die ich selber nur mit Scheu gebrauche. Sie konnte nicht meinen, es wäre weniger als es ist; ich habe ihr gesagt, dass ich einen Blick auf deine “Hand” geworfen habe, ehe ich fortging; die Hand verliert das Tote, sie ist jetzt in diesen Tagen, gestern schon, wirklich ein Stück von dir. Wärest du hier – . Ich will nun zu ihr gehn. Mutter ist ja in Göttingen, ich habe sie eben angerufen, sie muss ja natürlich erschrocken sein, nach den letzten Tagen. Kannst du dir denn das denken, das alles? Ja wirklich “ward je in solcher Laun…” und doch, ich habe es vorhin als wir uns trennten, zu Edith selbst gesagt – ich muss ihr doch alles selbst sagen können, auf diesen Grund der Wahrhaftigkeit habe ich durch meinen Briefentschluss vorgestern die Sache gestellt, und auf diesem Grund ist es nun so gekommen; in diesem Erdreich wächst nun seit heute meine Liebe zu ihr – “ein zartes Pflänzchen, aber es lebt”. Sieh, ich hätte mich einfach nicht nicht mit ihr verloben können, heute Morgen.

Sei bei mir – so sprach ich heut Morgen, als ich mich auf den Weg machte, zu einem andern, so sprech ich nun zu dir. Und sei auch bei ihr. Sei bei uns beiden.

Geliebte Seele  ——Dein.

6.I.20

Liebes liebes –  nachmittags kam dein Brief, ich hatte ja erwartet, dass ein gutes Wort zum Tag drin stehen würde und so war es auch. Das was du von Turneysen sagtest und wie du sein Wort über Deutschland auf mich gewandt hast. Denn sieh – auch Eugen! – wir sind ja nicht wie 1913/14 “in der Synagoge” zusammengekommen, sondern was wir in diesen Tagen seit meinem Briefentschluss und heute Morgen vor allem empfangen haben, das haben wir unmittelbar aus der Hand empfangen, die über uns allen, euch wie uns, aufgetan ist. Wirklich, erst heut Nachmittag fiel uns wieder ein, dass wir nun ein jüdisches Leben zusammen werden führen dürfen. Das ist nur eine Folge, eine wunderschöne, aber nicht das Band das uns umschlungen hat. Nur so konnte es geschehn, dass wir es ganz vergessen hatten.

Diese ganzen Wochen nun – ich kann ja nun Rudi wieder sehen, selbst ohne das was du heute schreibst (ich kann das nicht recht nachfühlen, wie du das jetzt schreibst; so sprachst du ja vor Göttingen; was in Göttingen geschehen ist, weiss ich daraus auch nicht; aber ich brauche es jetzt kaum zu wissen. Ich kann ihn eben nun sehen. Diese Wochen haben also hierhin geführt. Vielleicht war es ein Abbrechen einer Krise. Eugen wird es vielleicht so sehen. Aber nein, was in dieser Zeit geworden ist, bleibt unverloren; ich nehme nichts zurück von dem was ich am 25.XII. und den folgenden Tagen schrieb, und eben die Art, wie wir heute zueinanderkamen, wir zwei beide im Tor der Synagoge stehend und doch nicht dort sondern unter Gottes freiem Himmel zusammengeschleudert, zwei Herzen, nicht zwei Juden —- ist das nicht selber schon ein Siegel auf die Wirklichkeit meines letzten Geburtstags? Dass alles noch keimhaft ist – wie sollte es anders sein. Aber dass das “zarte Pflänzchen”, das doch lebt, ja wahrhaftig lebt, – dass es wächst, dafür bietet uns nun die Wärme des alten Hauses, in das wir es tragen dürfen, Gewähr.

Aber ists nicht wirklich so, als ob mir mein frivoles Belaubfroschen des Jahres “1919” verwiesen werden wollte und “1919”  ausdrücklich hart an den Anfang von 1920 gelegt wird – nur damit ich lerne, was ich eben erst in den letzten “unwiderruflich letzten” Tagen von 1919 hatte lernen können: nicht wollen. Denn nun  habe ich ja was ich wollte, aber erst als ich nicht mehr “wollte“.

Dass ich unter der Zartheit des Pflänzleins leide wenn ich daneben den sturmfesten Baum unsrer Liebe sehe, Gritli, muss ich dir das sagen? Ich kann nur von ganzem Herzen bitten, dass es wachsen möge und dass der Baum ihm Stürme auffängt und den Sonnenschein nicht verschattet. Und da bitte ich um ein Wunder. Aber lohnt es sich, um Geringeres zu bitten? Und Edith selber nannte es ein Wunder. Aber sie glaubt daran. Sie glaubt an Wunder. Braucht es mehr?

Dein Franz.

7.I.20

Liebes, du mein liebes Gritli,  ein Brief von dir kam heut sonderbarerweise nicht, so nahm ich heut Abend noch einmal deinen von gestern heraus, sieh, da stand ein Wort, du sprachst von dir und Rudi, aber es leuchtete auch in mein Herz. Dass zwei Seelen die keine Geschwister sind, es nicht werden können. Das ists zwischen mir und Edith. Wir sind uns gar nicht geschwisterlich, die Liebe langt über einen Abgrund weg, hier steht ein Mann und dort ein Weib – ich habe bei dir nie gewusst, dass ich ein Mann bin, noch dass du ein Weib, so schlugen unsre Herzen in eins. Ediths und meins schlagen gar nicht den gleichen Takt, es ist schmerzhaft für mich dem ihren zu horchen, es muss wohl schreckhaft für sie sein, meins schlagen zu sehen, so muss mein Herz überströmen, um ihres zu umfluten, ihres muss wachsen (sie nannte es selber heute so), um in meins hineinzufinden. Es ist keine andre Gelegenheit für uns als diese des Überströmens und des Wachsens. Wie es in dem Augenblick war, der uns zusammenzwang. Wie zum Ersatz dass uns dieser Gleichklang der Herzen, der geschwisterliche – o du Geliebte – versagt ist, ist uns ein andrer Gleichtakt gegeben: unsre Füsse gehen den gleichen Schritt. Ganz wirklich. Weisst du wie schwer es uns wird, wenn wir, du und ich, Arm in Arm gehen wollen? Und wie alles “ganz Wirkliche”, ist auch dies ein Zeichen, wo uns der Gleichklang der uns von der Schöpfung her versagt ist doch geschenkt werden wird. Es ist nicht mehr um meinetwillen nötig dass ich jüdisch lebe, und nicht um ihretwillen, dass sie es tut; wir müssens beide um unsrer beider willen. Um nicht unter der Anstrengung des ständig Ganz = Mann = und Ganz = Weib = sein = müssens zu erliegen. So brauchen wir diesen Kreis, wo wir im gleichen Schritt und Tritt gehen. Aber ach Geliebte, so sehne ich mich selbst an ihrer Seite nach deinen lieben Worten, und wenn ich ihre Kinderhände umschliesse, fühlte ich gerne das leise Streichen deiner Hand. O du wirst mich gar nicht los, du Armes, du Liebereiches. Und warst es ja auch selber die mich in jenem Augenblick des Nichtanderskönnen vorwärtsstiess, als ich ganz körperhaft die Länge der Allee herunter wie einen Ausweg sah und eine Flucht; du sprachst nur: man flieht nicht, und wiesest dem Überstrom meines Herzens seinen Weg. Seitdem mag ich Rudi wieder hierhaben – er kommt Sonnabend, es war ja wieder ein Schutzengel da, bei mir. Welcher wohl bei ihr war? meiner? oder ihr eigener? Ich glaube fast, meiner.

Liebes, es war ein stiller und fast glücklicher Tag heute, und was ich dir schreibe, lag nur wie ein Unterton in der Begleitung darunter, aber freilich keinen Augenblick aussetzend. Ich brachte es nicht übers Herz, nachzuspüren ob sie ihn hört. Es war keine Unwahrhaftigkeit. Aber nach dem gestrigen Tag des Geschehens brauchte sie und brauchte ich Ruhe im Hafen heute und kein Treiben auf dem Ozean des Geschehens. Nachmittag haben wir uns beide richtig 1 1/2 Stunden schlafen gelegt.

Spätnachmittags waren wir dann bei Tante Julie. Das war Geschehen, aber wie in einer andern Welt. Und Abends mit Mutter und Jonas. Die Hilla ist ein herrliches Kind, Rudi ein Barbar dass er sie gehen liess.

Weisst du, dass ich das Gefühl habe, ich möchte gern, sie läse alle Briefe, die ich dir seit vorgestern geschrieben habe? Vorher keinen. Seit vorgestern – obwohl sich doch nichts geändert hat – alle. Dies eine hat sich eben geändert: dass ich dies möchte. Und ich weiss genau, dass sie es kann. Obwohl ihre Gedanken in dem Hafen des heutigen Tages vielleicht nicht daran gedacht haben. Ist es nicht merkwürdig, dass ich “vielleicht” sage? so fern ist sie mir wie – ein Weib einem Mann. Und so liebe ich sie.

Du liebes, geliebtes, du κοινοναύταδελφον, du Herz  — wir sehen uns, wenn ich am 15./16. in Würzburg bin, dort oder gleich danach in Stuttgart. Dann Frankfurt, und am 23. hat Edith Geburtstag in Berlin. Denk sie kann Haushalt und Schneidern, aber man merkt ihr gar nicht an, dass sie was “kann”. Überhaupt ists herrlich über wie viele Dinge man nicht spricht. Sie wird 25. Ich hatte sie für 2 Jahre älter gehalten. Gritli liebes –

Dein.

8.I.20

Mein liebes, geliebtes Gritli,  ich bin müde und möchte zu Bett – was war das für ein schöner reifer Tag, ein rechter “dritter Tag”. Ich bin so froh, mir ist so leicht, erst heute weicht mir der Schreck aus den Gliedern, der Schreck des vorgestrigen Morgens, wo mir die beiden Hände, Seine und deine, im meine Gespinste fuhren. Ja auch deine. Du hattest recht, mir ihr Abbild zu schicken, ich liebe es nun auch, es ist mir nicht mehr tot. Die Windstille des gestrigen Tags hatte ja etwas Lähmendes, heut fuhren wir wieder übers Meer, das schlug seine Wellen, aber die Sonne lag darüber. Ich fürchtete gestern, sie könnte vergessen haben, aber nein, sie hat nichts vergessen, sie trägt, aber sie fühlt ihre Kräfte wachsen. Und meine Liebe schlägt heute über all den dummen gefühllosen “Gefühlen”, die mich ängsteten, zusammen; es ist gar nichts mehr davon zu sehen, sie liegen vielleicht wie Riffe noch dicht unter dem Wasserspiegel, aber selbst wenn es so ist – der Lotse oben weiss den Weg zwischen hindurch. Und warum sollten die Wasser nicht noch steigen?

Liebes Gritli, das sind ja alles dumme Worte gegen das eine – ich liebe sie. Auch du wirst sie lieben, ich zweifle eigentlich gar nicht daran. So zu recht kamen heut dein Telegramm und deine Briefe. Ach ich spüre jetzt den Zusammenhang dieser Wochen, auch das Unrecht das ich Rudi tat; er war eben einfach wie ich ihm heute schrieb “Der Prügelknabe der Entwicklung”. Sonnabend kommt er. Gute gute Nacht geliebtes Herz  ——- Dein.

9.I.20

Mein liebes Gritli,  ich bin so froh, es ist so gut mit Edith. Es war wieder so ein schöner, wahrer Tag. Wir haben heut einmal zusammen “gelernt”, die Schriftabschnitte dieser unsrer Woche, 2 M.1,1-6,1 und Jerem.1,1-2,3. Lies sie einmal, es stand so viel drin für uns beide. Sie kann übrigens so viel Hebräisch wie ich (oder ich so wenig wie sie), das ist auch lustig. Mit zweitem Namen heisst sie, nach einer Grossmutter, Mirjam. Ist das nicht schön? auch grade für morgen. Und es ist doch gut, dass ich am Dienstag nur zu “Edith” gekommen bin und dass “Mirjam” nur die erst am Nachmittag wiederentdeckte “Zugabe” war. Wir fahren morgen am Spätnachmittag zu Helene und abends mit Rudi zurück. Denk, sie fährt nicht am Sonnabend – ich habe Mittags gewollt -, sie hat sich seit Jahren, so gut sie es in ihrem Elternhaus konnte, ihren eigenen Sabbat zusammengestückt; das gehörte dazu. Es ist so schön, wie das nun ohne jeden Zwang für mich beginnt, wirklich einfach eine Zugabe zu diesem neuen lieben Stück Leben. Ach känntest du sie schon. Ich mag dir von ihren Bildern keins schicken, es ist keins richtig. Ihr Konfirmationsspruch – sie ist in der bei uns neumodischen Weise konfirmiert worden, obwohl sie beinahe noch am Tag davor gestreikt hätte, als sie merkte wie theatralisch es war – also ihr Spruch war Micha 6,8; das kam eben heraus, als ich ihr den Schluss von “Tor” zeigte, zu deinem Brief; als die Stelle kam, da lachten ihre Augen; – ach wenn du sie känntest die Augen! sie sind blau und ganz samten in einem ganz zartfarbenen Gesicht, die Haare ganz dunkel, die Stirn klar gewölbt, die Nase ganz fein, aber an den Mund kommt man nur schwer heran! das Untergesicht springt nämlich zurück, sonst wäre sie eine Schönheit; so ist sie nur – mehr.

Ach so viel mehr, Gritli. Ja ich las deinen Brief mit ihr mit Ausnahme der Worte über Rudi und Helene, die Zeilen bat ich sie zu überspringen. Es ist so gut. Ja Gritli, es ist gar kein Schnitt; ich habe das immer gewusst, dass es einmal so kommen musste, so sanft. Als ich damals, jetzt vor bald einem Jahr, um einen Schlag von Gottes Hand bat, aber einen sanften, sieh er hat es mir erfüllt, beides, den Schlag am 22.VIII., das Sanfte am 6.I.(und gestern – und nun immer). Nun habe ich, worum ich gebeten habe und nun kann mein Herz nicht mehr zittern, wenn es bei dir ist. Du Geliebte – fast bin ich traurig, dass ich es nicht mehr soll schreiben dürfen, das “Allermeist”, aber Liebste ist gar nicht mehr als Geliebte, und wenn selbst – es käme mir gar nicht darauf an – auch du hast es wohl erst vermieden, seit ich dich damit neckte, denn neulich in den Briefen vom September 18 fand ich es auch. Aber nein, du mehr als Liebste und Geliebte, du Meine, du Seele, Du Schwester  ———Dein.

10.I.20

Liebes Gritli,  heut Nachmittag waren wir dann in Göttingen. Es war so schön, alles ganz natürlich, und wir konnten sprechen wie stets, es war keine Verborgenheit. Rudi ist nämlich mitgefahren, er ist schon zu Bett, und ich gehe auch gleich; diese Wochen meines “Zürnens” sind ja nun vergangen, wir werden kaum mehr nachträglich davon sprechen. Insofern ist das Neue ein Anfang.

Auch sonst war es das heute. Es war so schön, wie wir heut Morgen zusammen zur Synagoge gingen und wieder heim. – Ich schreibe dir immerfort nur: es war so schön. Aber was soll ich dir anders schreiben! Ja, es ist so schön. Es ist mir immer ganz verwunderlich, dass ich sie Abends noch in ein fremdes Haus bringen muss. So sehr sind wir schon beieinander. Es ist mir ganz “verheiratet” zu Mut. Und immer wieder wünsche ich nun, du sähest sie. Du wirst sie lieben.

Liebes liebes Gritli —– Dein Franz.

11.I.20.

Liebes liebes Gritli,  ja ich glaube es auch, du kannst den festen Glauben haben. Ediths Herz ist gar nicht gross, aber es hat die Kraft zu wachsen, wenn es nur fest gehalten wird. Ich spüre es in meinen Händen wie es sich ausweitet. Vielleicht wird es sich nie aus eigener Kraft ausweiten können, vielleicht immer nur in der haltenden und wärmenden Umschliessung meiner Hände. Aber wäre das schlimm? Es giebt da ja keine Rezepte. Wessen Augen uns erwecken, ist ja so gleich, – wenn wir nur erwachen. Sie ist erwacht. Und wenn sie je wieder einschlafen und sich verhärten sollte, ich fühls, ich weiss die Zauberworte, sie wieder zu erwecken und zu erweichen. Es ist so, dass ich fast – nein nicht fast, dass ich  alles mit ihr wagen kann. Ich verberge nichts vor ihr, was der Tag bringt. Über das Wort “ungesund”, das sie am Dienstag Morgen brauchte als ich anfing von dir und mir zu erzählen, haben wir heut selber einfach gelacht. Und als sie mir eben einen Brief einer Freundin zeigte, worin das Wort “Einfühlungsvermögen” vorkam, und ich sagte das wäre ein Fremdwort, brauchte ich ihr das deutsche dafür nicht erst zu sagen. Und Rudis grosses, ganz grosses Neuestes, die “Schwester”, hat sie tief aufgerührt; denn es sprach ja das aus, was neu in ihr Leben gekommen ist. Ich kann Gott nur bitten, dass er es doch giebt, dass diese Augen, die jetzt wohl nur mich ansehen können, mit einem so tiefen unendlich gläubigen Blick ansehen können, einmal auch in andre hineinblicken mögen. Denn nur dann, nur wenn es einmal auch für sie gesagt sein wird, das “Wie er dich liebt, so liebe du”, nur dann verdiene ich ja das Geschenk, das mir Gott geschenkt hat. “Verdiene” ist ein falsches Wort. Aber du weisst, was ich meine, auch wenn ichs jetzt nicht sagen kann.

Es war ja so ein grosser Tag durch Rudis ungeheures Gedicht. Was magst du dazu sagen? von seinem Brief hatte er mir schon in der Nacht erzählt und von dem Gespräch mit Helene das drin steht. Sag, es kann doch nicht sein, dass das was mir geworden ist, nicht auch für Rudi und Helene ein neues Stück Weg aufschliessen sollte. Wenn unsre Kräfte verbraucht sind – und sie sinds seit November gewesen, und meine Zerstörtheit im Dezember war nur das Anzeichen davon, unser aller Kräfte waren verbraucht, deine, Rudis, Eugens, Helenes, meine – dann schickt uns Gott einen neuen Menschen, eine neue Kraft, eine aufbewahrte, die erst jetzt die Schale sprengt, sie muss doch die entleerten Adern neu durchpulsen. Jetzt ists nur ein leiser Anfang. Helene liebt sie. Einfach von Natur, in einfacher Neigung, ohne Mühe und Zwang. Was sie an ihr erleben wird – ich kann nur auf den Knien bitten, dass sie etwas erleben wird – das muss sie ja glauben, das wird sie sogar “verstehen”, denn sie versteht ja – seit gestern, unmittelbar, von Auge zu Auge, – sie.

Wohinaus? Es ist uns ja nur ein neuer Weg aufgetan. Uns allen. Der heisst Edith. Liebe sie.  Mit ihr, die mein ist,  —

Dein.

12.I.20.

Mein liebes Gritli,  ich bin noch bis Kreiensen mitgefahren. Da sassen wir am selben Tisch wie heut vor drei Wochen ich. So kurz ist die Zeit dazwischen. – Ich bin heut Abend etwas furchtsam. Ich fürchte die Entfernung. Ich weiss ja noch nicht, ob ich sie mir über die Ferne weg halten kann. In der Nähe brauche ich ja nur ihre Augen zu suchen, diese allerschönsten Augen, so hab ich sie ganz, und in diese Stille kann kein falscher Ton dringen. Aber auf die Ferne – ich fürchte mich vor ihrer Handschrift, die ist so leer und hart, so ganz noch aus der Zeit vor dem Erwachen. Und so schnell kann sie ja noch nicht mit erwacht sein. Es ist wohl unrecht von mir, sehr unrecht. Vielleicht kann ich noch diese Woche hinfahren, denn Weismantel schreibt eben, wegen Bahnstreiks wäre es am 15./16. noch nichts mit dem Zusammentreffen. So hätte ich, wenn ich morgen bald fertig werde mit der Strauss = Denkschrift, die ich morgen anfangen will – der Zusammenhang ist mir im Gespräch mit Edith in der letzten 1/4 Stunde in Kreiensen aufgegangen! – so könnte ich also vielleicht schon bald nach Berlin und erst nach dem 23. nach Frankfurt. Für mich und Edith wäre das gut, für mich und Frankfurt schlecht; denn alles was ich in Berlin tun kann, hängt davon ab, was für Form die Frankfurter Aussichten gewinnen; – nun ich will mich jetzt nicht besinnen, sondern morgen erst mal das V.hochschulding schreiben (Motto aus Pred.12,12)

Liebes Gritli, bitte sag mir ein gutes Wort. –

Rudis Brief schicke ich dir heute zurück. Mir war die Stelle auf der 2ten Seite oben sehr eingegangen; so herum (nicht Rudis Verhalten als Bestätigung, sondern als Folge meines zu schwachen Vertrauens) so herum hatte ich es noch nicht angesehn, und fast glaube ich, er hat recht.

Ihm selber habe ich in der ersten Nacht ausführlich von mir erzählt. Nicht ganz leicht. Es war ein Stück Busse für mein Verhalten gegen ihn, dass ichs tat. Ich tat es nicht mit vollkommenstem Vertrauen. Trotzdem mit vollkommenster Offenheit. Er hat ja einen Dämon in sich, der grösser ist als er. Er leidet selber am meisten darunter. Denn deshalb ist es schwer, ihn zu lieben, weil ihn der Dämon plötzlich fort in die Lüfte reisst. Und zur Liebe gehört die Gewissheit, dass das Geliebte auf der Erde bleibt, bis es – zu Erde wird.

Geliebte, Bleibende, Nahe, nie Entrissene, nie Entreissbare, – sag mir ein gutes Wort, nein sag es nicht, es ist mir du hättest es eben schon gesagt, ich bin ja so dumm. Nein, ich habe Edith lieb und sie mag mir die dümmsten Schulaufsätze schreiben, ich sehe doch ihre Augen. Nein ich bin ein ekliger Kerl. Behalte mich doch lieb, Gritli, nichtwahr?

Dein Franz.

13.I.20.

Liebes Gritli,  ist es nicht überhaupt so: dieses in die Lüfte Hineingerissen werden ist ja bei allen Männern wie bei allen Frauen das IndieErdehineinVersinken. Deine “Schlaf”=Perioden. Da ist es schwer einander zu lieben. Da leiden wir alle aneinander. Männer können sich allenfalls da oben noch à la Schiller = Goethe begegnen, aber das ist ja nur was Kümmerliches. Wenn der Geist den Mann bei den Haaren ergreift, wenn die Erde das Weib in sich hinabsaugt, – dann ist man eben “nicht zu sprechen”. Und “nicht zu sprechen” heisst ja “nicht zu lieben”. So geht es dir, aber im Grunde uns allen, mit Rudi. So ging es dir Ostern in der Stiftsmühle mit Eugen, und wieder uns allen. Man muss dann Geduld haben, bis er wiederkommt.

Gegen die Vereinfachung alles Ereignisses auf den Gegensatz kath. = prot. habe ich Rudi gegenüber sofort Einspruch erhoben, als er sie mir erzählte.Obwohl sie richtig [doppelt unterstr.] ist. Aber sie gehört zu den tödlichen Richtigkeiten. In Wahrheit hat eben jeder wirkliche Mensch Kirche und Ketzer, Haus und Herz im Bezirk seines eigenen Lebens beisammen. Es giebt da keine Verteilung auf zwei Träger. Oder der eine (oder beide) sind keine lebendigen Menschen. Und lieber würde ich Helene (und Rudi) das vorwerfen, als dass ich jene endgültige und mörderische Verteilung auf zwei, noch dazu historische (hang up all history!), Mächte zugäbe. Wer so im “historischen” Sinn der gute Ketzer oder die gute Katholikin ist, der ist sicher im unhistorischen Sinn noch ein schlechter Christ. – Also keine Endgültigkeiten – “nein kein Ende, kein Ende!”. Die Hoffnung, die mich jetzt über dies “Ende” hinausschauen lässt in eine neue Zukunft, weisst du.

Denk einmal, Ediths Farbe, ihr selbst freilich unbekanntermassen, ist eine mir bisher ganz fremde: ein tief olives Samtgrün! Und dein = mein Braun läuft ganz von ihr weg! Ist das nicht merkwürdig? Ich will heute nach einem Papier suchen, fürchte aber, ich finde keins. Du kennst doch die Decke aus doppeltgewebtem Plüsch, die oben auf meinem Sofa liegt, aussen grün, innen grau (ein Grau, das ihr auch steht). An der hab ichs entdeckt. Ich war ganz erschüttert über dies sichtbare Zeichen des neuen Zustroms in mein Leben. Weisst du noch wie traurig mich die grüne Tinte bei deinem ersten Göttinger Brief gemacht hatte?

Mein liebes, liebes Gritli, nun weiss ich auch warum ich die beiden Knielederstücke dir nie habe verarbeiten lassen, sondern immer eine Hemmung da war, die mich zu faul dazu machte. Du trittst sie ihr doch ab, Geliebte?

Dein

13.I.20.

Liebe –  was sagst du zu diesem schlechten Kleid, in dem ich heut schon zum zweiten Mal komme. Aber mein grosser Koffer, worin noch das bessere liegt, ist noch nicht da. Es wäre gut, du besorgtest noch was du von dem “echt deutschen” Herrn Czech kriegen kannst, denn bald ist auch das alle was ich noch im Koffer erwarte. – Wir haben heut Morgen nach einem Stoff für Edith gesucht, Mutter und ich, es war sehr lustig. Einen ganz leichten graubraunen haben wir gefunden, aber den olivgrünen Velvet noch nicht.

Zum Straussianum kam ich noch gar nicht. Denn es kam ein schwerer aber gewaltiger Brief von Rudi Hallo, ein rechter Ketzerbrief. Und weil ich nicht “Priester” bin und Edith die mich nach meinen Gedanken dazu machen sollte, nach Gottes Gedanken mich nun grade verhindert, es zu werden, so konnte ich ihm ketzerlich antworten. Ich schrieb es ihm in einem mit der Nachricht von der Verlobung. Um die Wirkung ist mir nun bange. Denn er steht hart an irgendeiner Grenze. Und ich habe ihn stark angefasst, und versucht, sein Ketzertum, das Gott den Rücken drehen möchte, auf den Fersen herumzudrehen, dass er ihm wieder ins Auge sieht.

Von Hans und Else waren heut Briefe da, von Else an mich ein feiner (aber ein “Deutsch” schreibt diese Lehrerin! freilich in allen ihren Fehlern ganz lebendig), sie hat etwas herausgehört aus meinem Brief, trotz (oder wegen) des spasshaften Tons. Hans wieder tief ahnungslos! An Mutter schreibt Else dafür sehr komisch: sie könne sich nicht denken, dass auch eine Frau mich je anders machen würde, als sie mich aus den “Diskussionen mit meinen Freunden” kenne. Das ist doch ein ungewolltes Leumundszeugnis für mich aus diesem Munde.

Die Nacht zum Einschlafen lese ich immer Jörgensen. Jetzt habe ich die heilige Clara hinter mir. Aber ein bischen viel schweinslederne Hemden mit den Borsten nach innen ist es mir doch. Weisst du, im Leben ist das alles anders. Da ist die Welt drum herum mit seidenen Hemden ohne Borsten. Und da ist die Heiligkeit so lebendig, wie – nun wie irgend eine grosse oder kleine Entsagung in einem selber einem lebendig ist, weil sie eben mitten in dem steht, dem entsagt wird. Aber in der Legende wird die Heilige so isoliert, die Welt ist nur Folie, da wirkt alles kalt = gewaltsam; man spürt die lebendigen Kräfte der Abstossung nicht mehr, die zwischen Heiligkeit und Weltlichkeit sich spannen. Und erst die machen alles wirklich und glaubhaft. Am Anfang der Legende ist das naturgemäss noch nicht, da ist die Welt noch da, da ist noch Sehnsucht nach Heiligkeit und ein Umblicken nach dem Pfluge. Aber nachher wirds mehr und mehr abstrakt, fast – technisch, ja das ist das Wort: eine Technik der Heiligkeit. Ich kann mir nicht helfen, aber es widert mich an, wenn dieser Mann, dem ichs wirklich zutraue, dass er sich untergekriegt hat, immer wieder demonstrativ (versteh: demonstrativ) seine Sündigkeit betont. In solchen Demonstrationen steckt ein Stück Routine.

Greda ein bischen gut sein? das bring ich nicht fertig. Und im Ernst: du glaubst es ja selber nicht. Du hast uns doch in diesen ganzen Jahren so fein säuberlich auseinandergelassen, wie mans nur bei Menschen tut, die man jm Grunde gar nicht zusammen haben will. Du spürst eben im Innersten, dass ich ihr gar nicht gut sein kann. Ihre “christliche” wie ihre heidnische Seite stösst mich gleich stark ab. Dass Rudi die Beziehung zu ihr sorgsam warmhält, nehme ich ihm nach wie vor übel. Und ich meine immer wenn ich von Greda nicht mich abgestossen fühlte, wäre ich nicht, der ich bin: –                                                                 Dein Franz.

14.I.20.

Liebes liebes Gritli,  ich dachte heut Vormittag, ich fahre Freitag Abend auf alle Fälle nach Frankfurt und Montag treffe ich dich, ob mit oder ohne Eugen hättest du selbst bestimmen müssen, denn ich weiss ja, so sicher wie ich von Anfang an deine Freude wusste, dass er sich ärgern wird und dass er mir das was seinen Ärger beschwichtigen müsste, nur halb glauben wird, es auch nur halb glauben kann, nachdem er sich so stark andersherum engagiert hat; so weiss ich selber gar nicht, ob ich ihn jetzt im Augenblick gern sehen möchte. Aber nun ist alles wieder anders. Denn heut Nachmittag ist mir, als ob ich trotzt Schwiegerelternfolterbank nach Berlin zu ihr fahren müsste. Ich habe noch so wenig Kraft für die Entfernung. Zwar wird mich auch in ihrer Nähe der Familienrummel verstören und schon hier vertrage ich ihn nicht (seit heut ist er im Gang). Und besser wärs, ich spräche E.Strauss und Nobel vorher über mich. Aber vielleicht lass ich alles und fahre zu ihr. Geschrieben hat sie mir noch kein Wort. Und ich hätte es jetzt so nötig. Dass von dir auch nichts kam, wird ja wohl an dem verwirrenden Einfluss von Eugen liegen. Glaub mir doch, es ist gut, auch wenn es schwer wird. Es wird ja schwer. Aber hatten wirs denn je leicht? Liebes Gritli, denk freundlich an mich. Ich brauche deine Gedanken, brauche sie jetzt für mich und für dies gute Menschenkind, das den Mut zu mir hatte. Sei uns gut.

Dein Franz.

15.I.20.

Mein lieber Eugen, ich brauchte heute Rudis Bestätigung nicht, dass du dich “nicht freuen kannst”; ich schrieb ja gestern schon Gritli, dass ich es von Anfang an wusste. Für dich hat sich ja bei mir wiederholt, was dir 1913 an mir geschehen war. Damals bekehrtest du mich zum Christentum, ich gab mich überwunden und – ging in die Synagoge. Das war in unserm ersten Jahr. Heut, in unserm siebten – du erinnerst dich der Nacht, wo ich dich daran erinnerte, du hattest seinen Anfang selber bezeichnet mit deinem Gebet, es war wohl wirklich die gleiche Nacht wie damals in Leipzig 1913 – heut also wolltest du mich zum Heidentum bekehren, ich gab mich überwunden und —– gründe mein jüdisches Haus. Das ist also offenbar dein Schicksal mit mir. Aber du kannst mir glauben: meine Unterwerfung ist diesmal genau so vollständig wie 1913, und kann mir genau so wenig verlorengehn; und wie ich meine jüdische Einkehr nicht von jenem Tag in Berlin Oktober 13 sondern von unsrer Leipziger Nacht her datiere, so meine Ehe nicht vom Tag der Verlobung, sondern wieder vom Tag meiner Unterwerfung unter dich, also etwa vom 25.XII (oder selbst von “seit Lotti”, wenn du das lieber hören willst). Wenn du dies jetzt zweimal Geschehene (und also, nach Hegel, Wahre) ernstnimmst, dann hast du vielleicht zum ersten Mal wirklich verstanden, was Judesein heisst, besser als ich es selber dir im Augenblick begrifflich ausdrücken könnte. Den Juden macht eben alles noch jüdischer. Aber wie dir die Synagoge seit dem Augenblick sichtbar und glaubhaft wurde, seit du mich aus dem Schatten der Kirche in ihr Tor verschwinden sahst, so – nun so hoffe ich auch jetzt auf deinen Glauben (seit sich uns dies Wort theologisch so schön entlastet, dürfen wirs doch wieder unter uns Menschenkindern brauchen). Und wenn es dir schwerfällt – nun so hör von der, an der du selber ja jetzt den Gang meines Lebens ablesen willst, von meiner Mutter. Sie war gestern nachmittag ganz unglücklich über mich, so unglücklich wie in den ersten Tagen als sie an Gritli schrieb. Sie erkannte ganz richtig, wie wenig die (in ihren Augen) Besserung meines Benehmens während der spätren Tage von Ediths Hiersein in Wahrheit zu bedeuten habe. Sie jammerte um “das Mädchen” und um mich. Ja noch mehr um “das Mädchen”. Sie sah mich ohne Leichtigkeit, ohne sichtbare Freude, gedrückt, kalt; dass ich unter der Entfernung litte, gab ich ihr selber zu. Das dürfe doch nicht sein, das sei doch ein entscheidendes Zeichen, wie Unmögliches ich mir und Edith zumutete. Sie sprach schliesslich von nichts anderm als von Zurückgehenlassen. Ich wurde nicht etwa grob, blieb recht ruhig und freundlich. Abends kam Hennar Hallo. (Vorher waren eine Anzahl Besuche dagewesen, und durch mein Benehmen dabei war Mutters Ausbruch gekommen). Da benahm ich mich nun ganz einfach wie mir wirklich ums Herz war. Nicht etwa dass ich grosse Konfidenzen gemacht hätte. Aber ich log auch gar nicht. So dass Hennar merken konnte, wie es ist. Und es war uns beiden, Mutter und mir, leichter. Aber als ich schon im Bett lag, geschah etwas ganz Unerwartetes. Mutter kam zu mir und, obwohl ich ihr doch gar nicht böse gewesen war und ihr das auch gezeigt hatte und obwohl doch am Tatbestand sich nichts geändert hatte und die Glücksaussichten gleich ängstlich standen wie vorher und sie durchaus spüren musste, dass der “erste Tag”, und nicht die späteren, der Erste Tag unsrer Ehe sein würde, trotz alle dem: nahm sie alles zurück und sagte, du musst sie doch heiraten.

Sieh, da war das eingetreten, wovon du sprachst. Sie hatte wirklich etwas geglaubt, was sie aus eigenen Kräften zu glauben unkräftig gewesen war. Unbeeinflusst und über ihren eigenen, sehr berechtigten, Verstand weg. Der wird noch oft genug wieder lamentieren. Er tuts wahrhaftig auch bei mir. Aber den Augenblick gestern Abend vergesse ich ihr trotzdem nicht, und auch sie kann ihn nicht vergessen. Obwohl ich in dem Moment fast wie über eine Selbstverständlichkeit darüber hinwegging und nur sagte: gewiss, ich zweifelte ja auch keinen Augenblick daran.

Es war eben plötzlich etwas über sie gekommen von dem was mir passiert war.

Und dir als Gritlis Liebstem fiele es noch immer schwer? du weisst doch, dass die Hand, über die ich so gejammert hatte, am 6ten Vormittags in der Aue plötzlich lebendig wurde. Du hattest sie mir lassen wollen, wenn ich Mutter deinen damaligen Brief vorlas. Ich hatte es ja getan, aber wissend dass es nicht das bedeutete was du dachtest, denn sie durfte mir da noch nicht glauben. Gestern Nacht tat sies, denn da durfte sie es, und es war genau so schwer (trotz des “Dürfens”) und so wunderhaft unerwartet (trotz des “Dürfens”), wie da, wo du es verlangtest. Liebe mich und hilf mir.

Dein Franz.

15.I.20.

Geliebtes Gritli,  eben erst kam dein Brief vom Montag noch vor dem Wiedersehn mit Eugen; aber ich habe heut Nachmittag schon selber an ihn geschrieben, das starre Gefühl es ihm nicht selber sagen zu können war gewichen, nun wird er hören. Was in dem Brief steht, – du weisst es ja alles, hast es gewusst und konntest dich doch freuen, und so wird er es auch können. Es geht ja nie so wie wir es meinen, und geht schliesslich doch so, “nur mit ein bischen andern Worten”. Du Liebe, so wird es ja auch dir mit Edith gehn. Sie selber wollte dir schon schreiben. Mit dem Sehen das muss aber schlau angefangen werden. Denn die Eltern werden streiken. Ich denke es wird sich mit Frankfurt kombinieren lassen, im Februar, indem ich erkläre, ich müsste sie dort mit haben, wegen Wohnung, oder auch damit Nobel sie kennen lernt und sich daraufhin energischer für mich einsetzt, oder so. Dann lässt sich leicht ein Seitensprung nach Stuttgart einlegen, oder sonst ein Treffen. Eventuell wäre es auch mit Leipzig zu kombinieren. Denn nach Leipzig, “um Ehrenbergs zu besuchen”, das wird den Eltern auch einleuchten (Tochter Iherings! man ist doch nicht umsonst Jurist), und Edith Fromm = Frank und sich von der photografieren lassen – es giebt noch kein nettes Bild von ihr – eventuell gäbe es eine Tournee Leipzig – Frankfurt – Kassel – Berlin, und da wäre die Stuttgarter Einlage leicht. Ich wollte es ja auch sehr, sie käme zu euch, vielleicht selbst ohne mich, ich würde etwa schon vor nach Frankfurt fahren. Aber das ist alles noch weithin. Am 21. erst fängt ihre Schule wieder an. Hätte ich das gewusst, so hätte ich sie schon jetzt nach Frankfurt genommen und dann – schade!

Wie es ihr mit dir gehen wird? Sie ist bereiter als Helene. Sie ist ja neuer. Und sie muss es fühlen, das du jetzt mit ihr bist, dass du es in den entscheidenden Augenblicken warst, ja dass ohne dich – sie muss es wohl fühlen. Denn es ist ja einfach so. Deine Art Frauen, die du liebst, ist sie ja so wenig wie Helene. Aber eben sie ist ohne etwas, was sich dir verschliessen möchte. Es wird wohl gehen. Wenn ich ihr von dir sprach, wenn sie mit mir deine Briefe las, so hat sie wohl stets – mehr geliebt, freilich nicht dich (glaube ich) sondern mich. Aber so begrenzt ist ja der Umkreis der Liebe nicht. Sieh, wenn Helene es schwer wurde dich zu lieben, so wars weil sie (glaube ich) auch Rudi nicht recht lieben konnte in den Augenblicken wo sie ihn mit dir sah. Und das ist hier so ganz anders. Das habe ich gefühlt. Das ist das einzige was ich schon weiss. Aber das ganz sicher. Wir haben ja so offen miteinander gelebt, tun es auch jetzt, in dieser Trennung, die mir schwer war, heute wo ich Briefe habe nicht mehr schwer ist. Es war ihr nichts verborgen was in mir war, doch vielleicht einmal, als sie Jonasens schöne Zeichnung von mir, du weisst welche, nicht mochte und die andern eher, da habe ich etwas verschluckt. Sieh, Rudis erste Frage an Mutter war: “hat er ihr von ihr erzählt?”

!!!!!! und dann: “hat er ihr Briefe gezeigt?” Das ist eben der Unterschied. Es ist nicht mein Verdienst, wahrhaftig nicht, es lag wohl einfach an der ganzen Lage, eben daran dass hier dein Schutzengel schon in der ersten Szene dabei war, undallein dein Schutzengel.

Ich möchte dir gern von ihr erzählen. Aber ich habe doch das Gefühl du weisst viel von ihr. Wie schön sie wurde, von Tag zu Tag schöner, wie die überirdisch schönen Augen schliesslich das ganze Gesicht nach sich bildeten, – und sie trägt wieder statt einer Frisur den schlichten Scheitel den sie als Kind trug, einen Madonnenscheitel hinten mit einem kleinen à la Grequechen. Für Eugen zum Angewöhnen noch eine kleine Geschichte. Ich zeigte ihr, um ihren jüdischen Instinkt für mich auszunutzen, die Lagerlöfstelle des Hegelbuchs, ob man mir denzitierten “Christus” jüdischerseits aufmutzen können würde (denn am Hegelbuch will ich nicht zum Märtyrer werden, sagte ich ihr dazu). Sie fand nichts dabei (ich ändre es übrigens doch), aber sie monierte die “grosse nordische Dichterin”: warum schreibst du nicht “die Lagerlöf”. Im Stern kannst du so schreiben, aber in das Hegelbuch passt das doch nicht. Also Eugen hat eine Bundesgenossin an ihr in diesem Punkt. Es versteht sich, dass sie ausser dieser Stelle kein Wort aus dem Hegelbuch kannte. Nur aus dem * habe ich ihr die Schlussseiten vom Tor vorgelesen und den Schluss von II 3, über den Psalm Non nobis; und ein paar Sätzchen über Laotse aus I. Dazu natürlich aus dem Vortrag sogut wie ganz III 1.

Aber das ist ja alles so unnötig für dich zu wissen. Liebe, Liebe, du hast ihr ja dein Herz aufgetan. Und wenn sie heut noch stumm ist für dich, so lass es mich mit für sie sprechen und hör es auch von ihr mit; denn wie kann ich nun noch Ich sagen, ohne dass sich die Gewissheit meines Wir darum bärge, meines neuen und – trotz allem – glücklichen, erlösenden Wir  ——–                                         Ich bin dein.

16.I.20.

Mein liebes Gritli,  ich kam grad von Trudchen, ich hatte, weil ich sie ja nun zum ersten Mal sprach, erbarmungslos gegen mich selbst die Wahrheit in kleinen Mosaiksteinen vor ihr ausgebreitet; es war schwer für sie, schwer für mich, und doch ging es und die Liebe schloss zuletzt den widerspenstigen Wirrwarr der Steine dennoch zum Bild, zum Bild des geliebten Antlitzes. Und wie ich nachhause kam, lag ein ganz lebendiges Zettelchen von ihr da, ein leeres Blatt losgerissen aus ihrem Tagebuch von 13/14, das sie mit Erstaunen wieder entdeckt hatte und dieser kürzeste Brief war näher und reiner als die beiden langen vorher; aber nein, das wollte ich dir nicht sagen: sondern, es lag dein Brief an Mutter da, und ich erschrak fast wie du aus dem wirren Licht meiner Briefe nur den Sonnenschein aufgenommen zu haben schienst. Und doch, Geliebte, du hast ja recht, es wird wahr, wenn es dir so scheint, – es ist Sonnenschein. Dir glaube ichs.

Und ich brauche auch nicht zu erschrecken, dass meine Liebe zu dir – sieh ich dachte, sie könne nicht mehr wachsen, ich schrieb es dir einmal, sie könne nur noch in Schmerzen reifen und sich reinigen, – aber nein, in diesen Tagen dieses Januar ist sie gewachsen, ich habe eine grosse – aber gar keine schmerzliche – Sehnsucht nach dir, dich in die Arme zu nehmen und dir zu sagen, wie sehr ich dich liebe. Nein ich will und kann nicht darüber erschrecken, es ist ja alles verflochten; verflochten, nicht vermischt, es ist ein Leben aus vielerlei Fäden der Liebe, ja nur ein Leben.

Montag fahre ich nach Frankfurt, wir werden uns wohl kaum noch vor Berlin sehen können, immerhin halt dir Mittwoch bitte frei. Denn ich fahre nun nicht über Kassel nach Berlin, sondern direkt und da kann ich eventuell nach Stuttgart oder, wenn Weismantel es lohnt, Würzburg. Am Freitagfrüh spätestens müsste ich natürlich in Berlin sein, da hat Edith Geburtstag. Und lieber schon am Donnerstag.

Die Straussdenkschrift wird glaube ich doll.

Liebe, du Geliebte – ich bin und bleibe

Dein

17.I.20.

O du liebes Gritli,  ich bin so weg von deinem lieben Einfall mit dem alten Brief. Ich las ihn wirklich gleich zuerst; die Schrift, obwohl ich sie ja kenne, erkannte ich zuerst auch nicht, und ich war ganz erstaunt, wie anders du damals warst, gewiss auch lieb, aber wie wenig warst du doch. Ich hatte es ja früher immer gesagt, dass Eugen dich geschaffen habe, und seit ich wusste dass es nicht so war, hatte ich es doch vergessen; aber es war doch so, neugeschaffen jedenfalls hat er dich. In diese Schrift hätte ich mich nie verliebt, während mir doch heute schon heiss wird, wenn ich nur eine Adresse von deiner Hand sehe, sie braucht gar nicht an mich zu sein. Und ein bischen gestolpert wäre ich sogar über das was drin stand. Kurz es war eine gute Lektion, und ich danke dir, du meine liebe Lehrerin.

Aber nötig war sie gar nicht so. Denn denk, Edith schreibt oft wunderschön; ganz einfach, wie sie ist, und gar nicht abgekühlt kommen die Worte. Es strahlt vielleicht nichts von den Briefen aus wenn man sie gelesen hatund sie wieder ins Couvert legt (deine leg ich glaube ich deshalb immer ins Couvert, weil es sonst ist, als könnten sie sich wie Radium verstrahlen und ich hätte schliesslich nur noch die leeren braunen Blätter; so ist es nicht bei ihr, aber solange ich den Brief lese bin ich im Briefbann und spüre sie hinter dem Papier.

Ja diese Woche ist mir lieb, um des Briefschreibens willen. Ich habe Sehnsucht nach ihr, aber immerhin auch soviel Angst vor dem Berliner Rummel, dass ich ganz gern hier war. Anfangs war es mir ja angst, wir würden durch die Entfernung uns ferner, jetzt spüre ichs schon, wir sind und doch näher gekommen. Heute Morgen fand ich einmal Worte dafür, als ich ihr schrieb.

Eugen hat mir ja geschrieben, ich mag ihm nicht schreiben, denn auf meinen langen Brief hin schreibt er mir ja ganz von selbst nochmal.

Du siehst uns schon als verheiratet; genau so gehts mir. Schon am zweiten Tag wars mir komisch, dass ich sie Abends zu fremden Leuten bringen musste. Wir heiraten, denke ich Ende März, hoffentlich mit möglichst wenig Civilbrimborium.

Die Schwester scheint mir auch Rudis Grösstes (die Schutz Engel sind ja hors de concours) und überhaupt etwas Grösstes. Die Verbesserung des Schlusses wird noch einmal verbessert, damit das Allzulaute und = demonstrative herausfällt (in der Sache bleibts wies ist). – Was du von dir und Rudi schreibst, ist aber eigentlich furchtbar. Denn freilich er ist so, dass er sich in seinen Dichtungen fortlebt, das habe ich dir ja von jeher erzählt. Aber das ist doch seine Unlebendigkeit, eben sein Dichtertum. Und es wäre deine Bankerotterklärung, wenn du nicht ihn zum Menschen machtest, und seis auf Kosten seiner Poesie. Es ist das Unvergleichliche an den Schutzengeln gewesen, dass sie nicht so richtig Werk geworden waren; er hat das freilich auch nicht vertragen können; hat sie auf jeden Fall zum Werk machen wollen, hätte sie gerne weitergezeigt; aber ihre Unzeigbarkeit ist grade für ihn sehr nötig; nur da war er mehr Mensch als Dichter.

Das “Helenianum” (Weihnacht) fandet ihr wohl auch schlecht? Die Narren sind ein Spass, aber ein sehr geistreicher, besonders der 2te. – HOH dachte ich mir sofort in der Werkzeitung.

Helene ist wohl wirklich augenblicklich furchtbar starr. Deshalb liegt mir auch so wenig daran, dass ihr Edith so gefallen hat.

Würzburg scheint also schon pleite, ehe es angefangen hat. Wenn Eugen Max Hamburger nicht herkriegt, ists ein Malheur. Ich bin einem Kaufmannauch nicht gewachsen. Denn ich weiss ja auch nicht, an welcher Stelle der Unterhaltung ich sagen müsste: bitte, wieviel? Der Grundfehler ist jetzt: das Getrenntverhandeln. Nötig wäre: Eugen, Hans, ich zusammen ohne Weismantel: gemeinsames Programm mit Mindest = und Höchstgrenzen. Darauf Besprechung mit Wsmtel. Hans hat doch scheinbar ganz naiv alles was Eugen schon erreicht hatte, gleich wieder preisgegeben. Und hat sich von Wsmtel das dümmste Zeug aufschwätzen lassen: z.B.: ich hätte die Kassler Druckpreise niedriger gefunden. Während ich in Wirklichkeit zweimal nach Würzburg Warnungen vor Gotthelfts Preisberechnungen geschickt habe, denen aber keine Folge gegeben wurde! – Eugen soll zunächst mal einfach kein Geld hinschicken. Papier ist nur dann eine Sicherheit, wenn die Reihenfolge der Befriedigung der Ansprüche feststeht. An sich halte ich es überhaupt wie schon Anfangs für Unsinn, dass Eugen, der kein Kapital hat, sondern einen Reservefonds, einen Sparpfennig, diesen plötzlich in Kapital, das ihm Zinsen bingen soll, verwandelt.

Ich denke jetzt manchmal, ich lasse einfach auf eigne Rechnung drucken, wie ichs anfangs vorhatte. Denn wer weiss, was noch alles kommt. Allerdings macht mich das auch noch nicht vom Verlag los. Ich möchte am liebsten ganz raus; mit dem nötigen Zuschuss nimmt mir ein andrer jüd. Verlag den * auch ab.

Früher hast du mir abgestritten, wenn ich meinte es bedeute nicht viel für uns, dass der * geschrieben sei, und du meintest das Schicksal unrer Liebe wäre an seine Veröffentlichung gebunden. Ist er nicht doch etwas wie ein Kind? Und Kinder sind nicht bloss Früchte der Liebe, sondern ich glaube, die Liebe nährt sich auch vom Duft ihrer eignen Früchte. Aber ich weiss wirklich nicht – habe ja grade II 2 seit wir es vor 13 Monaten zusammen lasen, nie mehr wieder gelesen, ich hatte eine Scheu davor. Und jetzt gar – denn sei einmal ganz still: ich glaube fast – aber nein, ich kanns nicht sagen. Nur – nein es geht nicht.

Ich habe dich lieb.

Sag Eugen: ob er schon gemerkt hat, dass Maria Eugenia nun doch nach allen ihren Paten heisst. Wie Eugen an deiner Statt vorgetreten ist, so Edith an meiner: Maria = Mirjam. Ein rechtes X. Gemeint waren du und ich. Genannt wurden er und sie.

Das kann doch kein Zufall sein.

Es ist auch keiner, dass unabhängig von einander in Berlin wie in Kassel die Zufügung des zweiten doch durchaus bürgerlich = standesamtlichen Namens am Widerspruch der älteren Generation scheiterte!

Und es ist auch kein Zufall, dass ich euch liebe, und dich lieber Eugen gar nicht mit aufsteigendem Strom, sondern durchaus im natürlichen Herniedersturz meiner Gewässer

Geliebte beide  —–Euer Franz.

18.I.20.

Liebe – Margarete,  denn du musst nun schon erlauben, dass ich dich auch in dieser Gestalt liebe, du bist selber schuld daran. Denn freilich – 1913 hätte ich wohl nichts mit Margarete “anfangen können”, aber die Margarete, die du mir heute, 1920, geschenkt hast, liebes Gritli, die kann ich nun auch nicht mehr lassen. Sieh, wir haben nie einander danken mögen und haben den Dank immer auf den füreinander abgewälzt. Aber diesmal und dafür kann ich dir danken, wirklich dir, dir Gritli für Margarete. Denn zum ersten Mal hast du mir nicht dich geschenkt, sondern richtig etwas, ein Geschenk. Und doch ist auch dies Etwas wieder ein Du, dein Du.

Ich mag es dir auch gar nicht wiederschicken, ich möcht es mir bewahren. Aber das geht wohl nicht.

Das Gripplein, das schon diese ganze Woche leise rumort, meldet sich heut energischer. Hoffentlich hinderts mich nicht an der Frankfurter Reise. Und um die Denkschrift ist es mir ganz bange; sie wird wohl nicht fertig werden. Strauss hat grade heut Vormittag eine Besprechung in seinem Plan für mich. Das scheint komischerweise nun auch wieder auf “Wissenschaft” herauszukommen; Strauss hat noch nicht mein Berliner Qui mange du pape y meurt erfahren; auf dieser schiefen Ebene giebt es kein Halten; irgendwo geräts immer ins Täublersche.

Ich habe gestern Nacht einen kleinen Brief an Helene geschrieben. Das Herz war mir so voll von “Margarete”. Liebe, und ich fühle mein Eingewachsen so sehr in diesen Tagen, wie noch nie kommt mir vor. Weisst du, dass ich in Ediths Armen verdorren würde wie eine abgeschnittenen Blume, wenn je der Grund deines Herzens aufhören würde, seine Säfte in mich hinaufzutreiben. Alle ihre Liebe könnte mich da nicht retten. Geliebte, aber du bleibst mir ja und ich bleibe dir, es giebt keinen “Schnitt”, ich habe das auch nie für möglich gehalten. Uns kann nichts scheiden.

Du Meine  ———Dein.

18.I.21.

Mein liebes Herz,  ich kann gar nicht einschlafen vor Vergnügen, so mache ich das Licht wieder an und schreibe auch noch an dich. Nämlich das neue Zeit ists ist fertig geworden und ganz puppenlustig. Eugen wird seine Freude dran haben und wird ganz beruhigt sein, wenn er diese meine erste jüdische Kundgebung seit dem 6.I. liest. Denn sie ist ganz vom 25.XII., ganz “An Eduard Strauss”, ganz “bolschewistisch”. Ich bin ja so glücklich, Gritli, dass ich mir das “Bolschewistische” nun ohne Furcht leisten kann, ich habe ja nun mein Haus (Habe ich dir wohl mal erzählt dass in der Sprache des Talmud Haus direkt für Frau gebraucht wird?). Das Neue ist ganz fidel, voller Spässe, kleiner und grosser Bosheiten, ich stecke ganz drin. Nun wenn sie mich daraufhin nach Frankfurt holen, wissen sie wenigstens wen sie holen. Das Ganze ist nur eine lange Selbstofferte. Es ist nicht viel kürzer wie Zeit ists; morgen Abend lese ichs E.Strauss vor, und dann wird sich herausstellen was damit geschieht. Jedenfalls wird ihm die “Volkshochschule” dadurch erst mal wieder als das Wichtigste vorgesetzt, wichtiger (und billiger) als diese “Akademiepläne”.

Bildung – und kein Ende.

Pred.12,12.

Neue Gedanken

zum jüdischen Bildungsproblem

des Aubenblicks,

insbesondere zur Volkshochschulfrage.

An   E d u a r d   S t r a u s s.

Heut Abend als ich fertig war habe ich plötzlich eingesehn, das mir ganz recht geschehn ist mit der Akademie. Ich hatte eben in Zeit ists eine Bonzenmiene aufgesetzt, um den Bonzen bonzig zu kommen. Das ist mir gelungen und infolgedessen ist mein Gedanke dann auch – vor die Bonzen gegangen. Ich darf mich gar nicht beklagen, ich habe selber die Schuld.

Aber nun Licht aus! Gute Nacht, du Geliebte, verlass mich nie!

—-Dein Franz.

19.I.20.

Liebes, mein heissgeliebtes Gritli  – ach du musst es ja fühlen, grade an den gewaltsamen und beinahe schrillen Tönen, in dem ich es dir jetzt manchmal sagen muss, – wie sehr ich dich liebe und wie ich weiss dass auch deine Liebe nicht abnehmen kann. Dabei ists gleichwohl in mir wie ein gelöster Krampf. Es ist sogar kein Schmerz mehr in meiner Sehnsucht, sie brennt nicht mehr (denk, brennen, ganz leise brennen tut sie nur nach Preussisch = Edithhausen – ich habe den Namen Berlin abgeschafft), aber sie leuchtet und ich sehe dich ganz hell umstrahlt und möchte zu dir in dein Licht. Geliebte – wie könnten wir fragen, ob wir uns sehnen dürfen. Ohne das Müssen, das mein Herz dir entgegenschlagen lässt – ohne dies Müssen, was wäre mir da Edith heute? ein kleiner Gewissensbiss, kaum das. Nun hat jenes gleiche, jenes selbe Müssen um mich und sie den goldnen Ring des Lebens geschmiedet, dein Herz schlug die Hammerschläge die den Reif formten – wie könnte ich da fragen, ob ich dich lieben darf. Aus deiner Liebe kommt mir die Kraft, Edith zu halten, ich fiele zusammen, wenn du dein Herz von mir wenden könntest. Aber du kannst es ja nicht  Geliebte. Eingewachsen – eingewachsen –

Und du schreibst mir so lieb wie eine erwachsene Schwester, ein ganz neues Gritli, wie du mich beruhigst über die neuen Verwandten (wo ich an den Alten schon genug habe). Liebe, ich will dir schreiben, wie es geht. Für Ilse, die 17 jährige habe ich ja einen alten Faible. Und auch die Eltern sind mir nicht unzugänglich, obwohl der Vater die Schwäche hat, mich für dümmer zu halten als sich; er ist nämlich Jurist. Es wird schon gehn. Ich freu mich so auf Edith. Auch ein klein bischen Angst und Nichtkönnen ist wieder dabei, aber doch viel mehr Freude. Viel mehr. Wie schön wieder die ersten Schritte an ihrem Arm, “im gleichen Schritt und Tritt” – und – aber nein. Ich möchte immer wieder dir von ihren Augen erzählen, aber du musst sie sehn.

Heut Abend also Strauss. Morgen Abend wohl Heidelberg, Dienstag früh Würzburg. Ich werde wohl mein Verhältnis zu Wsmtl. einfach lösen. Es taugt nichts. Und dann den * mit Geldopfer bei Kaufmann oder so unterbringen. Euer Geld werde ich also versuchen zu retten. – Und würdest du oder gar ihr beide am Mittwoch auch nach Würzburg kommen? es lohnt nur wenig. Ich müsste ja nachts um 11 nach Berlin weiter, damit ich schon Donnerstag nicht erst Freitag (am Geburtstag selbst) früh bei ihr bin. Da fällt mir ein: das Beste wäre: wir träfen uns Dienstag in Heidelberg, abends. Sprechen mit Hans, hätten dann aber die Nachtfahrt 2ter Klasse Personenzug nach Würzburg gemeinsam. Dann spräche ich mit Wsmtl., du schliefest währendem in der Sonne von der Nachtfahrt aus, und Nachmittag und abend wären wir in Würzburg zu zweien oder wenn Eugen etwa dann noch direkt herüberkommt zu dreien allein. Ich werde dir wohl von Frkft. ein langes Telegramm schicken. Ja so gehts. Ich habe eben die Züge nachgesehn, werde es in Frkft. noch fragen. Nun will ich bis Frkft. noch Vorrat schlafen. Eventuell fahren wir auch erst Tags von Heidelberg nach Würzb. – Mit Wsmtl. genügen mir 1-2 Stunden.

Mü = müde

Dein Franz.

[2.Hälfte Januar ? 1920]

Lieber Eugen, lass gut sein – was machst du dich unnötig schlecht. Als ob alle deine Theorien nur “um zu ..” gewesen wären. Da kenn ich dich wirklich besser. Du hast sie alle wirklich geglaubt. Selbst die unsinnigste, diesen Herbst, dass ich nicht heiraten würde. Und dass ich eine Christin heiraten müsste. Oder eine Heidin. Oder gar nicht. Und dass meine Mutter dieses “Garnicht” wahrhaben und gutheissen müsste. Nein, so trennen zwischen deinen Worten und deinen Meinungen tust du nicht. Und wenn dus heute tust so ist es ein Rückzugsgefecht. Und wirklich ein ganz unnötiges. Von dem was ich dir zugegeben habe, nehme ich ja kein Wort zurück. Und über deinen Schreck bin ich ja nicht erschrocken. Ich habe sofort zu Mutter, die über dein Nichtschreiben bourgeoise-ment entsetzt war, gesagt: Eugens Fluch wäre mir noch mehr wert als Hansens mit familiensinniger Besinnungslosigkeit gezückter Segen. Wie du deine Theorien ab= oder umbautest, konnte ich nicht wissen, ist auch Nebensache. Die Hauptsache: dass du ja die Theorien ruhig stehen lassen kannst  und nur die angehängten “praktischen Beispiele”, die Profezeiungen (Franz muss, Franz wird, Franz wird nie u.s.w.) nur die musst du in der Neuauflage weglassen. Aber die Lehrsätze, das q.e.d. – demonstratum est. Ich lasse mir die Freude, abermals, ein zweites Mal, nach jenem ersten nun im siebten Jahre, von dir überwunden zu sein, nicht nehmen, – von niemandem, auch von dir selber nicht. Wehr dich nicht dagegen. Es hat sich wirklich etwas wiederholt. Du hast mich nocheinmal geboren, wie schon damals 1913. Das ist meinetwegen Theorie, aber kein “Um zu”, sondern einfach die Wahrheit. Und die auszusprechen, ist immer gut. Aber nun wollen wirs nicht weiter beschwätzen. Die eigentliche Antwort auf deinen Brief ist dir ja Edith schuldig. Hoffentlich werde ich mich genügend dünn dazu machen können, dass sie sie dir nicht schuldig bleibt. Sonst nimm mit diesem unvollkommenen Männergeschreib vorlieb. Es ist sehr unvollkommen. Einen Vorsprung habe ich doch immer vor dir. Ich muss dich nicht jedesmal erst wieder entdecken. Ich sehe dich eigentlich unverändert nun schon seit vielen Jahren. Meine Liebe zu dir ist lange schon aus den Überraschungen, dem Trotzen und nicht Wollen heraus. Mein Verstand trotzt jedesmal aufs Neue. Gegen deine Theorien steht immer gleich eine ganze Front Widerspruch in mir auf. (Ich fühls jetzt, schon ehe ich ihn gelesen habe, beim Brief an Picht wieder im voraus – ich meine die Ehrlos = heimatlos = These). Aber meine Liebe trotzt nicht mehr. Siekennt dich. Da kannst du gar nichts gegen machen. Lass es dir also gefallen.

Dein Franz.

[gross in dem Feld, das durchs Zusammenfalten des Blatts aussen entstand:] Lieber Eugen –

[22.I.20]

Du Liebe, es wäre gar nicht nötig gewesen, dass wir uns schon trennten, der Zug ging erst um 3/4, die Maschine war noch nicht voll. Ich war noch im Wartesaal, aber ich fand dich nicht mehr. So ging ich wieder in den Zug, es sass ein reizender alter Mann neben mir, ein Angestellter (offenbar rechte Hand des Chefs) in einer kleinen Plauenschen Weberei, vielleicht bitte ich ihn um seine Adresse für Eugen, er sagte so merkwürdige grundsätzliche Sachen über das Neuaufkommen der Hausindustrie durch den Motor. Er kenne Häuser, wo neben dem Handwebstuhl des Vaters die Maschine des Sohns stünde, und das sei die Zukunft und die Erlösung aus der Fabrik. Er heisst Ferdinand Reiher, Plauen i/V. Lessingstr.116. Wenn Eugen ihm schreibt, wird er Eugen sicher einen schönen Aufsatz schicken. Er war auch in Amerika und hat überall die Augen sehr offen gehabt. Sein Interesse scheint ganz auf solche Dinge zu gehn, die in die Daimlerztg. gehören, gar nicht auf Politisches.

Liebe, so glitt ich dann fast unvermerkt fort von dir und bins doch weniger als je. Vielleicht durch das gar nicht recht bis ins Bewusstsein gedrungene militärische Wecken heut früh; ich bin noch so bei dir. Es bleibt ja schmerzhaft dass eine Stück Schweigen, Schweigen der Gedanken, da von Edith in mir sein muss, aber es ist ja nur auf Zeit, auf kurze Zeit; es ist mir wirklich als hätte ich einen Vorschuss von ihrem Herzen genommen, und freilich auch, als müsste ichs ihr nun mit mehr Zartheit als ichs ihr bisher gezeigt habe, vergelten – die unbewusste Grossmut dieses Vorschusses. Oder ist das ein Sophisme? Könnte jeder Dieb so sprechen: er habe nur einen Vorschuss nehmen wollen? Kassen[?]fraudenten empfinden glaube ich meist so. Aber nein, es ist kein Betrug. Denn ich sage ja nicht: irgendwann, sondern ich weiss genau: bald, bald und für mein ganzes Leben gehöre ich ihr so, dass nach und nach nichts mehr in mir von ihrer Ahnung nicht erreicht wird. So muss es doch werden? Herrgott, was wäre die Ehe sonst. Du hast ja recht, Rudi und Helene das ist wirklich genau wie es nicht sein darf. Es war von Anfang an ein Schonen darin, das kein Schonen der Geduld war (so wie man schonen darf, nämlich wenn es einem selbst weh tut, zu schreien, aber man tuts doch), sondern ein Schonen, das Helene gern so erhalten hätte, wie sie war, als den heiligen katholischen Engel und das ihr die “geheimeren tieferen Schmerzen des Lebens” gern erspart hätte. Weisst du das? Rudi empfand es als Bräutigam, trotzdem ihm ja die lange Brautschaft natürlich sehr schwer fiel, doch mit Kummer, dass Helene einmal aufhören werde, “reine Jungfrau” zu sein! Er hätte das Leben gern festgebannt. Darin steckte eigentlich alles. Die Unmöglichkeit, das Lustspiel ihr vorzulesen oder zu geben war ja nur ein Symptom dafür.

Ach du Liebe, aber du und ich – wie schön war es wieder – wie sprach das zweisaitige Instrument wieder an, wie gab es jeden Ton her. Ich habe solchen Mut jetzt wieder zu Edith, sie auch die Töne die noch stumm und heiser in ihr sind, singen zu machen, sie war ja ein Instrument ohne Saiten, edelster Bauart, aber ganz tonlos, ganz unbespannt; nun habe ich mich selbt darauf gespannt, mein ganzes Mich, es ist ein G = saite, nämlich ein E um das ein Silberfaden herumgewickelt ist, nun giebt sie statt der hohen Eigentöne einen tiefen vollen Ton, den stärksten von allen Saiten. Kennst du den Silberfaden, du Geliebte, weisst du wer er ist? Ach du weissts seit je und ich wills nie vergessen. So, Saite mit Silber umsponnen, hat mich der 6.I. aufgespannt, nun nehmen mich diese Tage und Wochen beim Wirbel und stimmen mich, bis ich auf dem rechten Ton stehe. Und dann mag der göttliche Maestro seinen Bogen ansetzen. Ich bin bereit.

Einen Kuss auf deine Hände  —– Dein Franz.

22.I.20.

Liebe,  und dennoch – es ist mir so verworren zumute. Ich bin noch trunken von dir, von dem jäh aufgeschreckten Glück in deinen Armen, und nun = wär ich mit Edith allein, und nicht mit der Familie (die übrigens wirklich nur reizend zu mir ist und es mir gar nicht schwer macht), aber doch wär ich mit ihr allein, so wärs wohl anders, aber so schlägt alles nur so lau an mich heran, ich habe ihr noch gar nicht wieder recht in die Augen sehen können, wir waren uns nur so selbstverständlich nah wie zwei uralte Eheleute, aber zugleich getrennt durch ein völliges Einandernichtsehen. Ich erschrecke bei dem Gedanken, die masslose Offenheit meiner Briefe, der letzten besonders glaube ich, könnte an ihr einfach abgeprallt sein, indem sie sich eingehüllt hätte in einen Schleier von innerem Glück, innerem, ich meine auf dem Wege der Selbstversorgung hergestelltem. An den Kinderbildern, die ich mir eben – es sind schon alle zu Bett (morgen ziehe ich in eine Pension gegenüber, die Adresse weiss ich noch nicht) – also auf Kinderbildern sind so viele harte (weisst du “helenisch” harte) Züge. Aber dann ist eins, endlich eins, wohl 15 jährig da ist sie drauf, das muss ich kriegen und dann schick ichs dir, auch hart, aber ein geheimes Zucken von Licht aus der Härte. Und heute, es kann ja gar nicht anders sein, noch nicht anders sein, sie ist weich nur bei mir und in den Augenblicken wo sie fühlt wie ich sie halte, sonst ist sie noch die Kalte zu der sie von Kind auf bestimmt war. Gritli Gritli – behalt ich die Kraft?

Dein Franz.

23.I.20.

Liebes Gritli,  der Geburtstag war heute. Ich war den ganzen Tag drüben. Und ich habe sie wieder gesehen. Des Morgens früh (übrigens ich wohne von heut ab gegenüber, also Brüderstr.7 bei Weisspfennig) des Morgens früh hab ich ihr erst ein schönes Gedicht gemacht für das Buch, das ich ihr schenkte, eine “Zennerenne”, das ist ein “Weiber = Chumesch”, d.h. eine Weiberthora, das altjüdische Frauenbuch, worin die alten Legenden zu den einzelnen Wochenabschnitten stehen. Legenden und Moralien, die herrlichsten Sachen, auf jüdischdeutsch, mit alten Bildern, Holzschnitten, mein Exemplar ein Sulzbacher Druck von 1790. “Zennerenne” heisst es nach den Worten “Geht und schaut” (Hohelied III, Schlussvers) (“ihr Töchter Zions u.s.w.”). Darauf habe ich ihr ein Gedicht gemacht, das am Schluss in den Hohelied = Vers auf Deutsch mündete, diesen Schluss und den Vers im Original in Goldtinte, die 5 Strofen dazwischen in silberner, es sieht reizend aus. Aber weil ich das Buch erst Vormittags beim Buchhändler (und Verleger) Lamm, wo ich es bestellt hatte, abholen konnte, so konnte ichs ihr erst Abends schenken. Aber denk, Lamm, als er merkte, dass ich “der grosse Franz” bin, wurde ganz enthusiastisch und bat mich dringend, ihm etwas in Verlag zu geben, irgendwas! “Zeit ists” wäre noch zu hoch, etwas noch viel Einfacheres sollte es sein. “Von Ihnen möchte ich gern was haben!” Ich erzählte ihm vom Moriah und dass ich da gebunden wäre; nun schreibt er gleich dahin, wegen der Subskription auf den Stern. Vielleicht auch um mal auf den Busch zu klopfen, was denn mit diesem neuen Verlag los sei). Aber eigentlich – ich könnte es offenbar doch bequemer haben als mit Weismantel, und ohne 20000 M zu mobilisieren. Die Broschüre ihm einfach zu geben, war ich wirklich in Versuchung, tue es aber nicht.

Es war im ganzen ein reizender Tag. Ilse, die mir beim Linieren des Blatts u.s.w. half, ist so lieb geworden, ein so ernsthafter und lustiger und begeisterter Backfisch von 17, und die Gertrud ist auch eine hübsche Person. Mein Schwager Jordan zwar ist ein Stiesel. Heut Abend war eine recht nette Freundin da, und Salomons (Bruder und Schwägerin meiner Schwiegermutter mit Eva, der Tochter von der ich via Kassel zu viel gehört hatte um nicht enttäuscht zu sein. Ediths kühles Urteil hat sich bestätigt. Überhaupt habe ich eigentlich noch all ihre Menschenbeurteilungen richtig gefunden. Der ganze Ton im Hause ist, – “jeder Zoll C 2” – doch famos, so die gewisse Selbstverständlichkeit mit der von den 3 Bräuten geredet wird, die Köchin ist die dritte! Es ist eben wirklich ein Haus, wie ichs ja damals auch schon immer empfand. Und Edith – gewiss ich stolpere immer noch oft über sie und doch – es ist etwas da was mich immer wieder nicht fallen lässt, und seh ich ihr in die Augen —  Liebe wann siehst du ihr hinein? ich wollte es so sehr bald; es steht eine Vertretung für sie in Aussicht, so hoffe ich vorläufig, wird es nach dem 4. möglich sein. (Am 4. spricht Strauss in Kassel, und wenn mein Frkfter Vortrag auf den 11., nicht auf den 18. angesetzt wird, so ists vielleicht zu machen, dass ich am 2.II. hier abfahre, etwa über Leipzig, am 4. in Kassel, dann sie nach Stuttgart, ich nach Frkft., und nach dem 11ten über Kassel zurück. Aber ich habe natürlich noch nichts von Strauss gehört.

Das schöne Bild schicke ich dir mit, aber bitte schicks mir gleich wieder. Sie war noch jünger, 13 oder 14 jährig, es ist in der Art ähnlich wie dein Konfirmationsbild, das ich mir damals nach Säckingen so wünschte und das du mir zum Geburtstag schenktest. Kindhaft, aber schon da. Eigentlich vollkommen ähnlich. Jedenfalls wird sie dir danach keine Überraschung mehr sein. Und wenn du ihre Augen lang ansiehst, wirst du sie lieben können. Denk eigentlich wie sonderbar: es geht mir immer nur darum, dass du sie lieben können wirst, gar nicht ob sie dich. Es müsste ja eigentlich grade umgekehrt sein. Aber es ist so, nurso. Vielleicht weil ich weiss, dass wenn du sie mit echter Liebe lieben kannst, sie dir ebenso gehören wird wie mir. Nicht weil deine Liebe so unwiderstehlich ist. Aber weil ihr Herz bereit ist, geliebt zu werden. Denn es liebt. Und da versagt der mich peinigende Vergleich mit der armen lieben Helene. Denn der ihr Herz ist nicht bereit, sich lieben zu lassen. Denn es hat ja eben selber in diesem Jahr nicht neu zu lieben gelernt. Es ist eine grosse Gnade Gottes um das Neue. Wir nennen ihn in einem Gebet den “der Neues macht”. Das ist vielleicht sein grösster Name.

Willst du noch ein bischen Theologie hören vor dem Schlafengehn? Aus dem Weiberbuch? in dem kurzen Stück des morgigen Wochenabschnitts, das wir vorhin noch rasch zusammen lasen. Da heisst es zur “Herzensverhärtung” Pharos[sic] durch Gott: Wohin der Mensch will, dahin führt ihn Gott. Will er gut sein, so hilft ihm Gott, will er böse sein, so hilft ihm Gott auch.

Das stand auf der 10.Zeile; etwa 20 lasen wir. Was sagst du zu dieser Frauenlitteratur? (das Buch wurde am Sabbat während des Gottesdienstes von den Frauen gelesen). Ist das nicht was andres als Thomas von Kempis? Freilich als ich Edith fragte, ob sie nun aber heut einen einzigen Rabbiner wüsste, der so von der Kanzel herab spräche, so ernsthaft und wahr, ohne liberale Flachheit oder orthodoxen Aberglauben, da musste sie verneinen. Aber es giebt ja Gott sein Dank – wirklich Gott sei Dank – noch andre Kanzeln als die Kanzel.

Gute Nacht, liebes liebes Gritli, grüss Eugen —

Dein Franz.

Kassel, d. 23. 1. 20

Liebe Frau Gritli,

Franz fragte mich, als wir uns heute vor einer Woche zum erstenmal nach seiner Verlobung sprachen, ob ich in letzter Zeit mit Ihnen Briefe gewechselt hätte, und wir stellten fest, daß Ihr Brief und meine Antwort im Mai die letzten gewesen waren. Damals schrieb ich Ihnen “Ich vertraue…”, und in dies Vertrauen war eine Bitte mit eingeschlossen; hätte ich inzwischen an Sie schreiben wollen, so hätte es heißen müssen: “Ich bitte Sie”. Aber nach Zweifeln und Tränen, die ich bekennen muß, (denn ich weinte und kämpfte um Ihr Bild in meiner Seele), blieb diese Bitte ungesagt doch wieder aus – Vertrauen. Heute nun breche ich gern das Schweigen zwischen uns, da der graue Himmel sich so entwölkt hat, und wir solch frohe Aussicht geniessen. Und mein Wort an Sie ist: Ich danks Ihnen. Ich danke Ihnen nicht heute zuerst. Ich tat es bewegten Herzens in dem Augenblick, da ich sah, wie Sie Franz erkannten und liebten. Das hatte ich ja noch nicht an andern erlebt. Und als ich weiter sah, wie Sie sein Leben, das ich aus einer frühen gemeinsamen Vergangenheit nur notdürftig durch wirre, verschlungene Tage in eine erhoffte Zukunft hinüberreißen half, mit einer leuchtenden Gegenwart erfüllten – hätte ich da anders gekonnt als Ihnen danken? Daß diese Gegenwart nicht angetan schien, eine Zukunft aus sich erstehen zu lassen, das machte mir – Sie wissen es – Sorge vom ersten Augenblick an. Und wenn ich immer wieder Vertrauen faßte, so war es eben, weil ich fühlte, daß all diese gegenwärtigen Augenblicke ewig waren, und daß schließlich – irgendwie – unter ihrer Ewigkeit doch auch die Zukunft Platz haben müßte. Und so ist es denn nun wirklich gekommen. Jedem Heute ist ein neues Heute gefolgt und nun – unbegreiflich plötzlich – dies Heute, das auf morgen weist und auf das ganze Leben, das noch kommt.

Liebes Gritli, ich danke Ihnen, daß Sie Ihre Gegenwart freundlich über diesem Heute leuchten lassen – Sie haben ja damit meine unausgesprochenen bitten erfüllt und mein Vertrauen gerechtfertigt. Und ich wünsche und glaube, daß sie immer weiter so leuchten wird über Franzens Zukunft, seiner Größe und seinem Glück.

Ihr Trudchen

24.I.20.

Liebes Gritli,  wieder ein schöner Tag. Des Morgens nach der Synagoge ein Besuch bei einem wirklich feinen Rabbiner, dem lieberal + zionistischen hier, Warschauer, mit netter Frau und einem entzückenden 15 jährigen Töchterchen. Er sprudelte von Anekdoten aus seiner Studentenzeit; wir waren über eine Stunde da; am Schluss beim Verabschieden ritt ich komischerweise noch rasch eine Attacke gegen seine Theologie oder vielmehr Untheologie, ohne das gehts wohl nicht mehr. Er hatte auf “Lohn und Strafe” gescholten; das gehört ja zu den modernen Hochnäsigkeiten. Sie tuen alle, als wäre es so eine Kleinigkeit, an “Himmel” und “Hölle” zu glauben und als täten sies bloss nicht, weils unter ihrer Menschenwürde wäre. In Wahrheit gehört eben wirkliche Glaubenskraft dazu, dran zu glauben. Und auf einen Augenblick wo ich dran glaube, kommen 10, wo ich viel zu viel Angst habe dran zu glauben, und also lieber – nicht dran glaube. Und auf diese 10 Augenblicke stellt sich der “moderne Mensch” und kommt sich wer weiss als was vor.  Abends war Hermann Badt da; es war sehr nett. Ich besprach die Weisersche Idee mit ihm, da ich ja Weiser an ihn weitergeben werde. Nachmittags hatte ich “das” Gespräch” mit dem Schwiegervater. Anfangs verstand ich ziemlich alles, nachher tat ich nur so. Aber es sind nette Leute. – Am 7.II. hat die Schwiegermutter Geburtstag, so könnte Edith erst am 8. reisen. – Das Manuskript der Broschüre schicke ich morgen an Gotthelfts, damit sie es kalkulieren und lasse es ev. gleich drucken.

Mü – müde  —

Dein Franz.

25.I.20.

Mein liebes liebes Gritli,  was für ein schöner Sonntag, mit euren Briefen! war denn eurer auch schön, mit Ediths Bild? Liebe, des Morgens waren wir zuerst bei Weiser, er tut etwas Bestechendes, und ich habe wohl den Eindruck, dass einmal etwas werden kann aus dem was er will; es ist ja das einzige was sich überhaupt tun lässt. Ich habe ihn zunächst an Badt gewiesen wegen der Adressen, die er braucht. Denk, er hat die ganzen deutschen Bischöfe bereist; in zwei Monaten geht er herüber. Das Gespräch war bei allem ohne letzte Fühlung. Edith war nicht recht dabei, ich spürte es die ganze Zeit über, ohne noch zu wissen was eigentlich los war. Ob es am Gespräch lag, oder umgekehrt das Gespräch an Edith weiss ich nicht, ich war aber etwas unglücklich; ich dachte: wärest du dabeigesessen –  Aber dann waren wir bei Bradt; und da war es ganz anders. Sie kannte ihn ja auch noch nicht; sprach natürlich auch dort nicht mit; aber ich fühlte ihr Mitgehn; und das Gespräch war wunderhübsch. Ich habe mich, da auch Bradt mich in Frankfurtwünscht, von ihm ruhig wieder für die Akademie einwickeln lassen, so ein bischen wenigstens. Wenn ich nämlich für Frankfurt die Organisation irgend einer Aufgabe (meinetwegen der Mendelssohnausgabe) übernehme, so werde ichs mit einigem Geschick einrichten können, Mitarbeiter in die Provinz zu setzen und damit meinen Ak.= Gedanken verwirklichen. Natürlich muss das mit List und Tücke durchgesetzt werden, denn an sich wird Täubler es nicht wollen; und Landau ist inzwischen ganz vertäubert. Edith war etwas erschrocken, dass ich mich möglicherweise nun doch selbst mit der Mendelssohnausgabe belud; aber es ist ja zunächst nur ein Fühler, nicht mehr. Bradt war kostbar in seinem hochstaplerischen Idealismus. Am Nachmittag nahm mich Edith zu einem kleinen Zusammensein bei einer Bekannten von ihr; es sollte eine Schrift von Buber gelesen und beschwätzt werden. Es waren zwei feine Leute da, ein Bruder von Kurt Hahn und vor allem ein Ollendorff aus Breslau, Freund von dem Pfarrer Siegmund Schultze (er kennt auch Caro und wusste durch ihn von mir). Das wurde nun durch mich zu einer dollen Stunde, richtig eine Illustration zu dem “Machen Sie das” Nobels. Erzählen lässt es sich eben deshalb schlecht. Im grossen ganzen wars eine Verlobungsanzeige. Das war schön. Abends waren die Schwiegereltern von Gertrud da, Figuren aus einem Herrn[?]feldtheaterstück. Mama Hahn schämte sich vor mir im voraus; ich fands aber eigentlich sehr lustig.

Und also Mittags lag der Eilbrief da (natürlich 20 Pf. Stafporto!). Liebes Gritli, mir ist ja nun erst ganz verlobt zumute. Obwohl ich doch gar nicht “gezweifelt” hatte. Aber auch wenn man nicht gezweifelt hat, ist der Augenblick der Bestätigung ein grosser Augenblick. Du warst ja nun bei ihr. Und ich wurde zum ersten Mal wirklich von leidenschaftlicher Liebe zu ihr übermannt, in diesem Augenblick, wo ich wirklich dich mit ihr umarmte. Versteh, von leidenschaftlicher – und wirklich über = mannt, so dass ihr mein ganzes Wesen entgegenflog. Denn das war noch nie. Ich fühlte ja immer, dass das fehlte, dass ich – eben nicht aufflog, ich, ich selber, ganz, sondern es war immer nur etwas in mir was ihr zudrängte, nicht mein ganzer Mensch, die ungeschiedne Einheit von Leib und Geist und allem. Es war immer noch eine Zaghaftigkeit in mir. Es hatte mich kein Sturm gefasst; da fasste er mich, so dass mir alles in eins ging und ich nicht viel wusste, ob Stimme von oben oder Stimme von unten. Ich war einfach hingerissen zu ihr. Sie muss es gespürt haben. Es war wie ein Augenblick des Reifens. Nicht mehr so vorfrühlingshaft ängstlich. Sommer. Dank dir du Geliebte. Es war ja wie das Leben selbst. Ich spürte plötzlich, was es heisst: meine Frau. – Seit gestern tragen wir die Ringe.

So habe ich selbst über deinen Brief an mich zuerst nur so hingelesen. Ich war zu überwältigt. Ich kann dir auch jetzt nichts andres sagen, als dass diese neue Kraft siegen muss über alles. “Ich kann nicht”. Auch über Rudis gefährliches(weil zu sehr von ihm selbst ab = sehendes und alles dir und Helene zuschiebendes) Operieren mit den Begriffen “protest.” und “kathol.”. (Denn er vergisst darüber, dass Helene nur so “katholisch” ist wie er sie gemacht hat – und wie er sie immer wieder macht. Das angstvolle Auge, mit der er die “Wirkung” von Briefen an Helene auf sie beobachtet – du sprachst neulich selbst davon – das, und nicht ihr Beichtvater, macht sie immer wieder “katholisch”). Und er “geht in die Einsamkeit” nur, weil er im Grunde immer drin ist und nie recht herausgekommen ist. Es ist eben ein Unglück, Dichter zu sein. Noch nicht einmal du hast es ihm austreiben können. “Schade” wärs ja. Aber, wenn nicht das Heilmittel, so doch mindestens das Symptom der Heilung. Ja, wir müssen leben. Auf die Gefahr hin, dass dabei ein paar “Talente” verlorengehn. Es ist besser, sie sterben in uns, als wir selber. Du mein, du unser geliebtes Leben –

Dein.

26.I.20.

Liebes Gritli,  es ist noch Tanzstunde nebenan, mein Bett in der “Pension” kann noch nicht aufgeschlagen werden. Dabei wollte ich morgen früh heraus, um Edith in ihre Schule zu bringen; sie hat ja noch keine Vertretung gefunden. Die Aussicht auf eine Wohnung in Frkft. die sich plötzlich aufgetan hatte – ich hätte auf alle Fälle zugegriffen – ist leider nichts. Überhaupt habe ich ja noch nichts gehört. Heut der Tag hat insofern nichts Neues gebracht. Er war überhaupt nur ein Ausklang des starken Akkords, den der gestrige angeschlagen hatte.

Die Tage fliegen ja rasch herum. Aber das Leben ist ja lang. Edith bringt eine ganz schöne Mitgift von Menschen, selbsterworbenen, mit in die Ehe, mehr als ich dachte; schon was ich in diesen Tagen gesehen habe.

Heut Abend waren wir bei der Grossmutter (Salomon), verbitterte Witwe, klug, unangenehm anzusehen. Edith steht ihr nicht näher. Überhaupt hat eigentlich der Kompass unsres Menschengeschmacks bisher immer gleich gezeigt, so dass ich schon anfange, mich einfach auf sie zu verlassen. Überhaupt – (wenn sie nicht so krächzte, wenn sie lustig ist, wäre sie eine ganz vollkommene Person, – es ist also gut, dass sie krächzt, denn was finge ich mit einer vollkommenen Person an; übrigens aber wir müssen nach Frankfurt, schon damit unsre Kinder Frankfurter statt Berliner Kehlen kriegen). Verzeih das dumme Zeug – ich habe sie lieb.

Ach, und dich auch. Sehr — Dein Franz.

27.I.20.

Liebes Gritli,  ich sehne mich so nach einem Wort von dir, grade nachdem ich heute früh einen Brief von Rudi vom Sonnabend hatte, der einen genauen, sehr genauen, viel zu “genauen” Bericht über die gute Wendung bei Helene enthielt. Denn Rudis Brief war so, dass ich einen tiefen Widerwillen hatte, ihn Edith zu zeigen, um ihretwillen, um Rudis willen, um umser aller willen. Eben genau, objektiv zum Erbrechen, eben objektiv – weil er seine eigene Beteiligung bei allem überhaupt nicht gesehen hatte und alles nur als einen Vorgang an Helene (und dir) ansah. Das, was mich gleich entsetzt hatte, als er alles so fein säuberlich auf “die Protestantin” und “die Katholikin” abgezogen hatte. Ich schrieb ihm gleich – Edith war in der Schule – und schrieb ihm grade das, schrieb ihm dass Helene nur so (und nur darum) “katholisch” gewesen wäre weil er sie so gewollt hätte, ich habe es dir ja schon ähnlich gesagt und geschrieben. Ich schrieb ihm auch, dass ich seinen Brief nicht Edith zeigen möchte (er hatte ja wohl auch gar nicht daran gedacht!). Ich fühlte mich eben so fern von ihm, grade in diesem Augenblick, – dass ich wirklich nicht Anlass geben wollte, dass Edith mich auch nur einen Augenblicklang mit ihm (und damit sich mit Helene) verwechselt hätte. Dies Bulletinleben – ich bat ihn zuletzt gradezu, er möchte das Dichten verlernen und das Briefeschreiben an Helene auf Vorrat. Ich habe dann Edith, damit sie doch erfuhr was geschehen war, meine Antwort gegeben. Aber ich hoffte, es käme ein Wort von dir und damit ein reiner Ton auch von draussen; denn es genügt ja freilich nicht, wenn die zwei Stimmen selber rein ineinander gehn; aber ich habe doch recht gehabt, wenn ich diese ganzen Wochen mich sperrte gegen die Töne aus Rudis allzu bombastisch vor sich her getragener Harfe, in der wohl Saiten reissen, weil der Spieler zu gewaltig hineingegriffen hat, aber in seinem Herzen reissen keine Saiten. Nur seine Hand zerreisst welche. Und das ist wohl der Grund, weshalb ich jetzt nicht brüderlich mit ihm leben kann. Solange in mir selbst noch Kräfte waren, die bildeten und schufen, wars anders, aber sie sind nun ganz und gar aufgezehrt, ich bin nur noch selber da; so ist mir ein Herz, in dem nichts springt, ein Mensch, in dem vor lauter Kraft der Hände, vor lauter Gewalt der Tat und vor lauter Fortgang des Lebens die leise Stimme, die peccavi spricht, erstorben ist, – ein solcher Mensch ist mir jetzt un = fass = bar. Fern – er sieht nur, so sehe auch ich ihn nur. Seine Stimme klingt nicht in mir wieder, ich höre sie nur. Die “Schwester” etwa ist gross wie ein Stück Natur, aber ich suche ja auch “in Wald und Hain, in Busch und Wasser” nicht meine Brüder.

Liebe Schwester – ich muss dich schon so nennen, obwohl Eugen mir das Wort symtomatifizieren und damit mumifizieren wollte, nein, ich habe dich immer so genannt, nicht bloss – nein am wenigsten in den Augenblicken der Scham, nein du weisst ja wo es “geschrieben steht”, so muss ich es jetzt und immer sagen, selbst wo ich zu einer andern das “liebe Braut” sagen darf. Sie “meine Schwester” zu nennen, ist mir ja noch verwehrt, ist mir erlaubt nur in seltenen Augenblicken, nur in den Augenblicken unsres “Selbanderschreitens”. So wie ich dir das andre Wort nicht laut sagen durfte und darf – und es doch ewig sagen möchte. Was ist da zu tun?  – – – Liebe Schwester, gar nichts. Ich habe dich lieb. Ich weiss nichts andres.

Dein Franz.

28.I.20.

Mein geliebtes Gritli,  heut vormittag gab mir Edith das Tagebuch, von dem sie mir geschrieben hat. Es ist gar kein Tagebuch. Ein Wachstuch = Kollegheft mit Linien; Einträge, die ersten im August 14, der letzte im Mai 17, eine Entschuldigung vorweg, dass sie in dieser Zeit der allgemeinen Not anfinge ihr eigenstes privatestes Leid auszuschütten, aber sie habe keinen Menschen, dem sie es sagen könnte; und dann kommen die Einträge, anfangs häufig, nachher nur mit grossen Zwischenräumen, und alle nur über das eine Thema, andres höchstens einmal en passant. Das ahnte ich ja nicht, bis heute noch nicht, auch aus ihren Worten nicht. Die Sprache ist dumm klug, aber das Herz, das spricht, ist so weise, eine so abgründige Weisheit, dass Gott selber wohl nicht anders konnte, er musste diesem Herzen zuwenden, worum es bat. Ich habe nie gewusst, dass ein Kind so Seinen Willen lenken konnte. Ich wusste ja noch jeden Augenblick, den sie darin durchklagt und durchbetet, und denke ich, wie mein Herz ihr damals abgekehrt war während der ganzen Zeit, ja selbst in jenem ersten Winter 13/14, den sie selbst mit dem ersten geschriebnen Wort schon als das erste Jahr ihrer Liebe hineinzieht – so überläufts mich, wie ein lebendiges Herz ein totes, ein ihr totes, lebendig, für sie lebendig, machen konnte. Ich musste weinen vom ersten Wort an, und immer wieder aufs neue, so schlicht war alles, so rein und so unendlich stark.

Ich habe ja keine Worte dafür, ich sagte ihr selber, dass ich ihr nur mit einem ganzen langen Leben darauf antworten kann, auf dies eine unermüdliche von keiner Hoffnungslosigkeit zum Schweigen gebrachte Wort der Liebe. Denn die Hoffnungslosigkeit, die sie von Anfang an ahnt, ist ihr ganz erbarmungslos klar seit dem Oktober 14, wo ihre Mutter bei mir war. Und doch hört ihre Liebe nicht auf, es war eben wirklich “die” Liebe. Ich kann mein Leben lang nichts tun als ihr dies gedenken, verdanken.

Mein Name kommt gar nicht darin vor. Ich heisse nur “er”. Ich ahnte ja nichts, trotz des Besuchs von ihrer Mutter bei mir, nichts von diesem “er”. Und still und unermüdet hat dies “er” mein Schicksal in seinen Bereich gezwungen, bis es sich verwandeln konnte in ein “du”. Liebste, von Dir ganz zu schweigen, aber das ist auch nicht Helenes Charakterfestigkeit, die hält was sie hat; nein, es ist wirklich die Seele im Pilgerkleid mit Stab und Wanderschuhen, die ausging und ging und ging und sah wohl nicht viel von der Welt, durch die sie ging, bis sie “ihn” – mich gefunden hatte. Und ich habe mich ja gesträubt, noch bis heute, diese “6 Jahre” ernst zu nehmen, ich wollte sie für sie genau so wenig wahrhaben wie sie es für mich waren. Aber das Sträuben ist mir vergangen, es war ein letztes Sträuben, ich wollte ihr die ganze Grösse ihres Vorsprungs vor mir nicht eingestehn, aber nun kann ich nicht mehr, mein Herz liegt vor ihr auf den Knien.

Liebe, und du kannst sie nicht finden in dem Bild. Ach, abgesehn von allen Bildern und ihrer Unmöglichkeit, ich verstehe es ja selber zu gut. Habe ich sie denn gefunden? und krampft sich mir nicht täglich noch in ihrer Nähe das Herz zusammen, wenn ich ihre Stimme ungeräuspert rasseln höre. Ich kann gar nichts dawider. Es wird mir immer aufs neue schwer. Und ich muss mir immer aus Neue die Kraft aus ihren Augen holen – die mich doch selbst noch anfremden, solange sie mich nicht ansehn. Und dennoch, wenn ich das Bild jetzt wieder sehe, begreife ichs wieder nicht, dass du sie nicht doch darin gefunden hast. Wie sonderbar – mir wird es immer wieder schwer, und von dir, wo sie wirklichgarnicht dein “ganze” ist, (in einem ganz andern Sinn als ich nicht dein “ganze” bin oder Eugen oder Rudi), von dir erwarte ichs. – Ob unsre Herzen je auseinandergelaufen sind bei einem Menschen? Kähler würde ich nicht nennen. Da empfinde ich doch genau wie du. (Ich hätte doch nie das Du mit ihm erneuert.) Aber bei Greda. Also grade bei einer Frau.

Vom Briefpapier kommt noch ein Nachtrab von etwa einem halben Block. mein Koffer, worin er war, kam ja erst im Augenblick meiner Abreise in Kassel an.

Wir waren heut Abend in einer hübschen kleinen Gesellschaft, wir hatten uns beide fein gemacht, ich mit Smoking, sie mit ihrem Gesellschaftskleid, einem lachsfarbenen, halb griechisch, halb kinderhaft geschnitten und ohne eine Spur von Garnitur. Über Sonntag fahren wir vielleicht nach Leipzig und lassen uns von Edith Frank – Fromm fotografieren. Aber es hat ja eigentlich keinen Zweck. Denn es wäre ja doch nur für dich. Wenn es sich nur bald gäbe mit der Reise nach “Frankfurt”. Aber noch kein Wort von dort!

An Hans und Weismantel habe ich Brandbriefe geschrieben. Denn wenn Moriah nun nicht prompt funktioniert, warte ich nicht wieder neue Tarif= und Papierpreis steigerungen ab und gehe zu Kaufmann. Gut Nacht, ich muss morgen früh zur Schule!

Dein Franz.

29.[?]I.20.

Mein liebes liebes Gritli,  drei Kouverts lagen heut Abend da als ich in meine Kabine kam (Ilse nennt die Wohnung hier “wie ein Dampfschiff” – ich muss dir überhaupt mal mehr von Ilse erzählen, ich bin wieder ganz verliebt in sie; sie hat etwas von den Zwillingen, aber natürlich auch wieder ganz anders). Ich bin froh über den Ehebrief aus Göttingen. Den freue ich mich, Edith zu geben. Obwohl alles genau so drin steht (und sogar ebenso “genau“) wie in dem Brief an mich, vieles ganz wörtlich. Aber der Ton macht hier wirklich die Musik, und vor allem Helenes Beischrift. Ich wüsste wirklich nicht zu sagen, woran es liegt. – Es ist ja sicher, dass dies der Durchbruch ist, einfach Helenes Mitschreiben besiegelt ihn; bisher waren alles eben immer nur Rudische Phantasiegebilde, – Er = zähltes, statt Geschehenes. Es ist der Durchbruch, denn nun muss er ja spüren, dass Helene nicht katholisch geschaffen und beschaffen ist und dass es nicht heisst hier Freie,dort Gebundene, sondern – mit unsrer Osteragende: – “heute Knechte, morgen frei”. Eben nicht räumlich starr “hie” und “dort”, sondern so, dass Raum bleibt für den, der “Neues schafft”: “heute” und “morgen“. Dass du selber noch sogar bei diesem Brief nur zu hoffen wagst und zu fragen, das entschuldigt ja mich, wenn ich auf Rudis Brief noch mit einer Strafpredigt antworten musste. Sie wird eben noch nicht geschadet haben.

Um die Predigten brauchst du dich nicht gross zu bekümmern. Rudis Werke wirken auf die ihm Nahstehenden immer nur in statu nascendi. So auf dich die späteren, die du entstehen sahst (denk vor allem an die letzten, über die Stiftsmühle). Im Entstehen verliert sich Rudi in den Dichter, da giebt es gar keinen Rudi, nur den Dichter Rudi. Nach der Schwester musst ich ihn umarmen, später könnt ichs nicht mehr, das ist sicher; denn später würde auch der Dichter der Schwester wieder nicht mehr Rudi sein. Mich zieht jetzt auch nichts Besonderes mehr zu den Predigten. Lese ich sie wieder, so wirds wohl ganz objektiv sein. Aber ob ich sie wiederlesen werde? Vielleicht durch Edith. Allein schwerlich. Wären sie Produkte, überhaupt, wären seine Werke Produkte, so könnte man ihn selbst immer wieder dahinter suchen. Aber seine Werke sind wie ein Bergführer, der einen ungewandten, ja feigen Touristen (der aber den Ehrgeiz hat, Erstbesteigungen zu machen) nachseilt. So bleibt von ihm selbst so wenig mehr darin oder dahinter, wie von der Kletterei bleibt. Es sind eben Schritte, nicht Produkte. Im Schritt findest du den Schreiter nur, solange er ihn schreitet; schon der nächste Schritt macht den vorigen zu einem Nichts. Als Produkte können sie nur die Entfernten lesen. Z.B. etwa schon Pichts.

Du hast mir wieder so einen lieben erwachsenen = Schwester = Brief geschrieben, auf meinen ersten von hier, den Nachzügler. Dafür kann ich dir ja immer nur einfach danken. Du hast wohl sicher recht. Auch ist eben doch wohl nichts abgeprallt. Es war Kleinglaube von mir, dass ich das glaubte; ich wollte eben einfach nicht an die Tragkraft ihres Herzens glauben, das eben nicht bloss trägt, sondern heiter und lächelnd trägt, als wäre alle Last ein Nichts. Wie konnte sie denn meine Worte überhören; sie waren ja unüberhörbar. Ihre Liebe ist eben nur viel grösser als ich dummer Mensch glauben wollte.

Liebes Gritli, was der Mensch “an sich” ist – wem schreibst du das. Von diesem Glauben leben wir ja alle, dass es keine “Charaktere” giebt, sondern nur das Ereignis. (Denn selbst der Charakter, wie er einmal “beschaffen” ist, ist ja doch erschaffen – und also auch Ereignis). Weshalb graut es uns denn, wenn wir jemanden als “charakterfest” rühmen hören und ist uns als ob man von ihm sagte: er hat einen Parkettfauteuilplatz in der Hölle. “Katholisch” (in Anführungsstrichelchen) ist doch eben unmenschlich, widergöttlich, – teuflisch.

Die Kantate kam heute – wir haben uns so sehr gefreut. Wie seltsam – ich schenkte sie dir damals wegen der einen Zeile im Recitativ ( vom Siegel), alles was dann im Recitativ folgt hatte ja mit dir und mir überhaupt nichts zu tun, und nun für uns stimmt es, als wäre es nur für uns gesagt. Und wie sehr es stimmt, weiss ich doch erst seit gestern. Selbst die Verspätung war also gut. Den Text der Duette hast du ja selbst so umgeschrieben, Geliebte, dass er nun uns allen, dir mir und ihr, zugeschrieben ist. Und wie ich mit ihr die Titel auf dem Umschlag las, fand ich unversehens eine andre, aus der wir uns auch noch etwas singen lassen müssen, ich kaufe sie morgen; es ist natürlich die 40te (er hat dir gesagt, o Mensch)

Heut sah ich alten Kinderschmuck von ihr mit ihr durch, ich wollte etwas haben, um es in ein Petschaft verarbeiten zu lassen (für mich an sie; sie selber braucht nicht zu siegeln – warum eigentlich nicht? aber es ist so). Da fand ich etwas, was ihre Mutter schon als ganz kleines Kind getragen hatte und dann Edith in den ersten Jahren: ein blaues Emailherzchen und darauf – o Liebe, du weisst wohl, was darauf sein musste? sie selber ahnte nichts mehr davon  — der * !!!

Es war überhaupt ein Tag der Fünde. Am Nachmittag geriet ich zufällig in ein Papiergeschäft, fragte frech nach dem “Papyrus” von Max Krause – und siehe, es ist eins von den paar unmittelbaren Detailgeschäften mit denen M.K. arbeitet und für nächste Woche ist unser Papier nach Jahren endlich wieder angezeigt, viel teurer natürlich, aber wahrscheinlich doch wieder das Richtige. Ich wäre der Inhaberin fast um den Hals gefallen.

Abends war ich mit ihr im Volksheim bei der Leiterin, Gertrud Walkanos. Wieder eine besondere, ganz besondere Person, wie eigentlich alle mehr oder weniger, mit denen Edith umgegangen ist. 30 jährig oder älter, schön, leider unverheiratet, trotzdem ganz reif, ganz süss, etwas mit einem  – lach nicht – jüdischen Heiligenschein, nämlich gar nicht nonnenhaft heilig, sondern fraulich überfliessend und doch begrenzt. Ich kam mir recht nichtsnützig vor ihr vor. – Nachher haben wir uns noch in der Gegend im Volkstheater Bülowplatz im Schlussakt eines ganz kitschigen Stücks (“Predigt in Litauen”) Jürgen Fehling in einer Hauptrolle angesehn. Es rührte sich nichts mehr in mir. Freilich gilt das ja nicht. Der Schauspieler ist ja wirklich nicht der Mensch selbst. Eine Schauspielerin vielleicht eher.

Gute Nacht. Ich freue mich  auf morgen. (Obwohl leider Emil da ist, und mir gar nichts an seiner kritischen Besichtigung liegt; wir sehen ihn morgen Vormittag). Aber nein, ich freue mich doch. Gute Nacht liebes liebes geliebtes Gritli

Dein Franz.

30.I.20.

Mein geliebtes Gritli,  wie schön, wenn ich abends herüber komme und es liegt dein Wort da und du nimmst mich noch einmal vor dem Schlafengehn in deine Arme.

Liebe, die Nähe zwischen Rudi und Helene ist wieder da, wieder? vielleicht zum ersten Mal, und wenn auch nur stossweise, nicht dauernd, so spüre ich doch die “Stösse” bis hier; es ist eine neue Nähe zwischen uns allen. Sieh, zum ersten Mal schrieb mir auch Rudi heut ein Wort, das unmittelbar so klingt, als hätte er meinen Brief an dich gelesen, wo ich das “peccavi” vermisste: “Schriebe ich heute an dich, so würde ich bekennen, anstatt danken, aber nun ists ja gar nicht mehr nötig, das zu tun“. Das hat er die ganze Zeit nie gekonnt: fühlen was ich zu dir, du zu mir sagtest. Nun kann ers. Und wenn nur auf Augenblicke – nun gut, so halt ich mich an diese Augenblicke und nicht an so ein ohrfeigenwertes Wort wie das von den “beiden Sorgenkindern”, dieses infame gewalttätige Versuchen, eine Nähe herzustellen, die die andern ausschlösse.(Er weiss wirklich in solchen Augenblicken nicht, was er tut. Wüsste ers, so täte ers nicht). Das Dichten hatte ich ihm auch “verboten” und er versprichts mir in seinem Brief heute mit einer kostbaren Wörtlichkeit, es nicht wieder zu tun “diese 2.Ich = Helene = Szene werde ich nicht schreiben“. Wie seltsam auch, dass du mir mein “z.B. Pichts” in meinem vorigen Brief mit deinem heutigen bestätigst. Mir will er komischerweise auch jetzt wieder nachträglich “Gescheitheit” andichten und vergisst ganz, dass ich schon seit Mitte Dezember ihm nicht mehr schreiben konnte, weil ich seine einsamen Wahnsinnsge-spräche mit seinen Phantasiegebilden (der in seinen Glauben gegebenen “Helene”, der Selbstmörderin “Gritli”, dem diese Frau an sich gefesselt habenden “Eugen”, dem Sorgenkind “Mir”) einfach nicht mehr aushielt. (Auch die Blindheit für Hilla gehört eigentlich auf dasselbe Blatt; er konnte sie sich noch nicht vorphantasieren, da war sie nicht für ihn da). (Dass ich in Kassel bei aller inhaltlichen Detaillierung doch gar nicht das Gefühl hatte, einem lebendigen Menschen zu beichten, sondern eigentlich pflichtgemäss einem Götzenbild, habe ich ihm freilich erst jetzt geschrieben). Aber über alles musste ich ihm jetzt doch schreiben, dass er lebt, und dass ich es fühle, dass er lebt. Ich konnte ihm einfach Guten Tag sagen, ihm und Helene auch. Man kann ihm jetzt schreiben. Und da muss man es eben auch tun. Es wird ein bischen wie im Gleichnis vom Sämann gehen: vieles wird nebenaus fallen und das fressen dann die Phantasievögel unter dem Dichterhimmel, aber einiges geht nun ganz gewiss auf und bringt die nicht hundert= sondern ein = fältige Frucht der Antwort. Hätte ich deine Worte nicht nötig wie das liebe Brod, ich würde dich gern “entlasten”, aber du weisst ja, mir genügt das eine, kleine Wort; es ist soviel wie viele; darin bin ich wirklich wie der liebe Gott “eins ist wer viel und wer wenig bringt, bringt ers nur aus dem Drange das Herzens”.

Weiser ist auch die Sorte wie Bradt und Weismantel. Das Wort “maestro” ist herrlich. Strauss hat mir nichts geschrieben, weder ob Weismantel bei ihm war, noch über mich. Ich schreibe ihm morgen einen Eilbrief. Und wenn Weismantel mir bis Sonntag nicht geschrieben hat, so telegrafiere ich dringend und bleibt das unbeantwortet, so gebe ich zunächst einmal die Broschüre an Lamm (der Verleger der mich neulich hier so inständig um irgendwas für seinen Verlag bat, als er in mir den Verfasser von “Zeit ists” erkannt hatte). Das ist dann das einzige Mittel: ihm zeigen, dass ich Ernst mache und nicht mehr warte. DieSprache wird er verstehn. Ich habe mir das Manuskript von Gotthelfts unter einem Vorwand nochmal zurückschicken lassen, um die nächsten Tage freie Hand zu haben.

Emil heute – es gab am Vormittag ein komisches Verfehlen, durch das ich 1 1/2 Stunden allein mit ihm war, da wars nur professoral. Nachmittags dann zu dreien, da war es gut (obwohl er von Edith anscheinend degoutiert war), ich tat wieder was ich immer wieder bei ihm tue und nahm ihn bei der Locke an der ihm lose angewachsen der Heiligenschein baumelt und rückte ihn (den Heiligenschein) grade; dann sitzt er immer ganz fröhlich darunter und fühlt sich wohl, bis der nächste Ordinarius in Sichtweite kommt, dann schüttelt er den Kopf ein bischen und der Schein baumelt wieder; es ist eben doch nur ein Heiligenschein. Und doch habe ich ihn eben so gern, dass ich immer wieder anfangen muss, es ist so ein grosses natürliches Wohlgefallen zwischen uns, das mich so sehr an ihn, ihn an mich bindet, so dass doch immer wieder etwas geschehen muss, wenigstens die Andeutung von einem “etwas Geschehen”.

Ach Liebe, aber wie gehen die Tage, ich fühle sie jetzt so körperlich verfliessen, ich fühle eben wie mein Leben einen Körper bekommt. Auch die Leiden der Verkörperung fühle ich, nichts andres bedeuten ja meine immer wiederkehrenden Klagen und du, du Liebe, du nimmst sie ja von selber nicht anders auf. Aber die Wonnen sind grösser als die Leiden und wenn ich fühle wie das geliebte Wesen unter meinen Lippen zum Leben erwacht, wie dieser bittere Mund süss wird und diese Augen leuchten – gewiss alles nur unter meinem Kuss und meinem Blick, – aber kann sich denn Leben verschliessen, es muss doch hervorstrahlen, ich brauche bloss ein wenig Geduld und glaub mirs ich habe viel, ich liebe sie so langfristig, eben für ein ganzes Leben, ich bin keine Spur ungeduldig. Und die Reinheit dieser Seele, spürst du sie nicht auch schon aus den sicher schwachen Worten ihrer Feder – ich meine, man müsste es. Sieh, ihre Art Menschen zu spüren, aufzuspüren, – ich fand heute ein Gleichnis: sie zuckt wie eine Wünschelrute, wo trinkbares Wasser, wo echtes Metall verborgen ist. Und die Metalle freuen sich wenn die Wünschelrute zuckt. Aber freilich, emporsteigen sie nicht vom Zucken der Wünschelrute, da muss man selber in die Nacht der Erde hineinwühlen – und das hat sie noch nie getan, ausser das eine Mal. So fühlt sies selber mit Recht, obwohl sie doch mich zu herrlichen Menschen hier geführt hat, dass sie eigentlich auch mit diesen und überhaupt mit keinem Menschen je gelebt hat. Und so erschrickt sie an uns allen ausser an mir und ist doch ganz bereit und aufgetan für uns alle eben durch mich. Ich muss sie halten, jeden Augenblick – sieh mitten in diesen Brief hinein habe ich ihr eine lange Widmung in ein Buch geschrieben, das ich ihr heute kaufte und das sie mir zufällig wiedergab sodass ichs eben in der Tasche fand. Heut Nachmittag kam es einfach rein quantitativ zu viel auf einmal über sie, der Maria Eugenia Elternbrief und deine beiden von gestern. Nur das Zuvielaufeinmal wars, nichts andres, – und dann — ach wozu alle Worte, es ist doch so gut, so gut. Gritli liebe sie und schenk ihr einen von deinen letzten Gedanken vor eurem Einschlafen, ich glaube mehr daran als an Krebsche Kirchenfürbitten vor der Wandlung; dein Einschlafen ist auch eine Wandlung, – aus dem Tag= in das Nachtgritli – Liebe, Geliebte, ich habe dir ja mal im “Gritlianum” eine richtige Zwei = Naturen = Lehre dazu geschrieben – Gott verzeih mirs. Ich liebe dich, du, spürst dus? es ist keine Ferne  —  ich bin Dein.

31.I.20.

Liebes Herz,  Rudi Hallo hat sich mit Gertrud Rubensohn verlobt. Ich bin so selig. Mein grosser Brief an ihn vom Tag nach Ediths Abreise schloss damit, (nachdem ich vorher wirklich jeden Gedanken daran aufgegeben hatte, aber in seinem Brief – du entsinnst dich – war sie an zwei Stellen so vorgekommen – und die andre gar nicht mehr – , dass ich am Schluss alle meine und seine Worte mit ihrem Namen umwerfen und bedecken musste). Nun ist erst das Siegel gesetzt auf alles was zwischen mir und ihm geschehen ist. Und sicher ein rechtes Siegel, keins aus dem schlechten Siegellack = Ersatz des Willens und der Absichtlichkeit, sondern ganz gewiss aus dem weichen Wachs des Herzens. Ich bin, ohne ein Wort mehr zu wissen als die “Tatsache”, davon so gewiss, dass ich sie eben als ich Rudi noch anrief und sie unerwarteter Weise auch ans Telefon kam gleich duzte.

Sonst? Von Weismantel ein sehr anständiger Brief, der mich meiner Moriah = Verpflichtung eigentlich (wenn auch nicht ausdrücklich) entlässt. Er rät mir, da jede Woche den Druck verteure, auf eigne Kosten den Stern selbst zu drucken. “Mögen Sie es nun später dem Moriah = Verlag – oder falls derselbe infolge der auch Patmos betreffenden finanziellen Schwierigkeiten nicht zur Auswirkung käme – einem anderen Verlag übergeben – jeder wird Ihnen dafür dankbar sein, denn jede Woche verteuert das Werk”. Und da gleichzeitig Strauss sehr hoffnungsvoll bez. Frankfurt schreibt (am 25.II. lese ich dort), so werde ich Dienstag nach Kassel fahren, Mittwoch dort Strauss hören und Donnerstag mit ihm nach Fr.fahren und dort mit Kaufmann sprechen. Lieber wärs mir ja, ich könnte bis zum 25. warten – denn dann würde Kaufmann mit mir sprechen; aber “jede Woche…” Etwas Bestimmtes steht eigentlich in Straussens Brief auch noch nicht, nur: Zweigstelle der Akademie”. Morgen gehe ich mit Edith zu Landau.

Nita Rockamore[?], Winnies Freundin, war heut Nachmittag zum Thee da. Sie war vor dem Krieg hier verlobt und hat nachher geheiratet. Sie erzählte politisch Ärgerliches von Regensburgs und von England überhaupt.

Vormittags waren wir bei kostbaren alten Verwandten von Edith, einer Schwester ihrer Grossmutter väterlicherseits, die mit ihrem Mann einem richtigen Österreicher, uralt, aber im Benehmen ein junger Mann, fesch, lebendig, “ungebildet”, witzig und “Mädchen für alles (denn sie ist blind) zusammenlebt. Nachher bei einem führenden orthodoxen Rabbiner hier, Hildesheimer, der mir diesmal auch viel besser gefallen hat als früher (die Wünschelrute hatte mal wieder recht geführt).

Das böse “Ersatz des Leidens” ist zunächst überraschend richtig; so Sachen sagt Mutter. Aber die Wahrheit ist noch viel antithetischer (und gar nicht boshaft): die Saat des Leidens. Der Dichter sät hier den Samen, aus dem Leiden des Menschen aufgehn können. Es ist nur die Formel für das was ich dir schon schrieb.

Du schreibst: “heut ist der 30.” Das Datum? war es nicht der Tag eurer Ankunft in Leipzig? und also meines morgendlichen Erschreckens am 51.Psalm? Sodass es nur recht war, dass ich gestern Nacht in das Büchlein – denn es waren die Psalmen – 103,2-5 hineinschrieb. Ich konnte es ja erst schreiben, wenn mir “meine Seele” nicht mehr bloss eine nach innen gerichtete Anrede zu sein brauchte, sondern ich die Worte als Widmung hineinschreiben konnte. Erst da durften sie mir zur Palinodie[?] auf den 51ten von damals werden.

Ediths Reise wird ja nun, da ich am 25. in Fr. spreche, sich bis dahin hinziehn; d.h. wohl vorher. Die Eltern waren heut, als ich sagte, sie müsse nach Fr. mit, gar nicht widerspenstig. Strauss hatte es “auf Verlangen” in den Brief geschrieben!

Das “Selbanderschreiten” ist wohl schön und gut, aber es ist ja gar nichts. Es ist – ich meine das Wirkliche ist furchtbar anstrengend, denn es bleibt dabei: ich kann sie nur lieben, wenn ich sie, sie mich, wir uns ansehn. Sehe ich sie so, ohne ihr in die Augen zu sehn, so frage ich mich noch heute: was habe ich denn mit ihr zu schaffen. Und sehe ich ihr in die Augen, so ist das “Untrennbar” so alt, so selbstverständlich, als wären wir damit zur Welt gekommen. Diese Bitterkeit ist mir in den Kelch dieser Tage gegossen – ich weiss zu genau, dass es nicht so sein muss, als dass ich es nicht als eine wirkliche Bitterkeit erlitte. Freilich ist der Weg ja nah und ich kann ihn jeden Augenblick gehn, denn ihre Augen warten nur, dass meine hineinsehn. Aber etwa, wenn ich eben mit ihr war und plötzlich wird sie gerufen und muss irgend was tun und ich folge ihr mit den Augen, so bin ich entsetzt, wie mein Herz augenblicklich erkaltet und erstarrt; sie ist mir wie eine Fremde. Nur wie eine Fremde, denn ich weiss ja: sie ist mir die Nächste, meine Nächste, mir gegeben dass ich an ihr das Gebot erfüllen lerne. Muss sie mir deshalb sein “wie eine Fremde”, damit ichs an ihr erfüllen lerne, dass der Fremde zum Nächsten werden muss?? Ist[s] deshalb? Sag ja, geliebtes Gritli.

Gute Nacht, liebes Gritli – und eugen, du brauchst keinen “netteren Brief zu schreiben”, Edith kommt ja zu euch und ich habe dich ja jenseits von Titel und Papier, und brauche also von Briefen höchstens (von Zeit zu Zeit) einen von den “unnetten”, den “Keulenschlägen” (Aber eigentlich nicht). Liebe Beide –

Dein und Dein Franz

Februar 1920

1.II.20.

Liebes Gritli,  wir waren wieder in diesem “Sprachraum= und Sprachzeit” =Nachmittag wie vorigen Sonntag; es war fast noch schöner wie das vorige Mal. Der Hauptsprecher ausser mir ist ein Breslauer Ollendorf, der Fritz Caro kennt (der übrigens jetzt auch ins Jüdische hineinkommen soll). Ollendorf hat eine ziemlich genaue Parallelentwicklung zu meiner. Es geht ihm auch so, dass seine Bekehrer ihn jetzt nach dem “Misslingen” noch mehr lieben als vorher. Freilich ists dabei ein ungesund aussehender Mensch. Aber die Nähe ist doch gross, und eigentlich unter allen, die beisammen waren, wenigstens denen die sprachen. Dass manche, wie eben dieser Ollendorf, die Spuren der Zerbochenheit mit sich herum tragen, ist ja nur klar. Meine verhältnismässige Unzerstörtheit kam doch immer nur aus der Gewissheit, dass ich sowie ich heiraten würde, die nötige Verkörperung schon gewinnen würde; ich nahm eigentlich eine zukünftigeGesundheit vorweg, wenn ich aussah wie ein Gesunder, und konnte das nur, weil ich an der Gewissheit dieser Zukunft mir niemals rütteln liess. Daher ja eben jener heftige Widerstand gegen “Lotti”, der Eugen damals so entsetzte. Bloss in der Luft des Wunders kann eben kein Mensch leben; man braucht eine Gewissheit der Ver = wirklichung, Ver = körperung. Man braucht sie sich nicht künstlich und gewaltsam zu schaffen, aber man darf auch nicht wie Eugen damals von mir wollte, sich die Möglichkeit gewaltsam wegnehmen. Als ich dennoch diesen Mut, bloss in Wundern zu leben, mir aus dem Wunder Rudi Hallo schöpfte, da wurde ich 8 Tage später eben aus diesem Wunder R.H. und an ihm belehrt, dass die Wunder eine Grenze haben – solange eben die Welt noch übrig ist. Jener Augenblick, wo Rudi H. mir sagte: “das sagen Sie nicht theoretisch, das sagen Sie aus und auf sich selber” und seine Enthüllung die dann folgte, haben meine Seele bereit für Edith gemacht. Und ich denke, im gleichen Augenblick – ich empfand ja, wie er in diesem Augenblick mein Bruder wurde – ist Rudi H. das gleiche geschehn: auch seine Seele ist da bereit geworden zu ihrer Verkörperung. Nur bereit. Gewusst wird er so wenig haben wie ich.

Vormittags waren wir bei Salomons, wo wir neulich (Mittwoch) Abend waren, Ediths Onkel; ich habe Edith einmal tanzen gesehn; sie sieht ganz entzückend dabei aus; sie tanzt die ausschweifenden neuen Tänze mit einer so heiteren schlanken Herbigkeit – wir Männer sind die grössten Esel von der Welt, dass wir dies Mädchen, bloss weil es nicht zu sagen verstand “seht wie entzückend ich bin”, 10 Jahre lang haben sitzen lassen und selbst ich erst mit der Nase drauf gestossen werden musste. Schade übrigens nun, dass ich so schlecht tanze, Rudi dürfte da wirklich sagen: “und diese Frau hast du an dich gekettet”. Haut ihn! (ich meine Rudi).

Dein “Sorgenkind” (Haut ihn!)

Franz.

2.II.20

Ach liebes Gritli,  heute Abend – ich ging mit ihr aus dem Theater, Hamlet, nachhause – ich hatte schon gleich nicht hingehn wollen, sondern die Freiheit des Abends benutzen wollen, um mit ihr allein den Abend zusammen zu sein – es wäre besser gewesen, aber es scheiterte an ihrem Ordnungssinn, da wir die Billette einmal hatten, und ich selbst drang auch nicht sehr energisch darauf, sonst hätte sies ja getan – , so überfiel mich auf dem Heimweg an ihrem Arm eine solche Welle von Kälte; sie spürte es selber und ich verbarg es ihr nicht, sie wollte selber auch keine Schonung; wohl ganz grundlos, sinnlos, ein blosses Aussetzten der Kraft; kam es, weil durch den Sonntag heut und gestern kein Brief von dir gekommen war? denn es ist ja schon so, dass mir aus deinen Briefen immer aufs Neue die Kraft grade für die kraftlosen Augenblicke kommt; es ist mir manchmal, als hätte ich dein Wort und deine Hand nie so nötig gehabt wie jetzt seit diesem 6.I. wo dein Wort und deine Hand mich vorwärts stiessen. Es war so schwer wie in den allerersten Tagen. Wird das immer wieder kommen? Wie mir das ein Mal bei dir passierte, glaubte ich, ein zweites Mal würde ich es nie aushalten. Und jetzt liegt es ständig als ein Abgrund unter mir und tut sich fast täglich auf. “Dazu ist man verheiratet, dass das nichts schadet”, sagte damals Eugen – oder sagtest du es? – , und Edith sagte auch heut Abend: wenn sie mich jetzt doch nicht allein zu lassen brauchte  —

Wir haben uns (zu dem Zweck) heut früh aufbieten lassen; es war ein sehr hübsches Standesamt, und in den 10 Minuten wo wir im Wartezimmer sassen, war mit uns ein Sterbefall, eine Geburtsanzeige, eine Trauung – also das ganze Leben (Was die Kirche noch dazu giebt, ist eigentlich doch bloss noch Butter; das Brot des Lebens selbst wird uns doch schon in jenen drei nackten Tatsachen verabreicht.)

Bei Landau war ich heut Morgen, Edith kam zur zweiten Hälfte des Gesprächs nach. Er rast auf mich, weil ich in Frkft. gegen die Akademie “gewühlt” habe, er hat mich direkt bedroht, sie würden mir was ich etwa machen würde ebenfalls nach Kräften “konterkarrieren”! Dass mir auch Strauss und Nobel schrieben, ich dürfte die Broschüre keinesfalls ohne Rücksprache mit ihnen herausgeben, schrieb ich dir schon (?). Zu deutsch also: sie wird ungedruckt bleiben. Und ich werde die Wahrheit ungesagt lassen. Denn das wird ja bei der “Rücksprache” herauskommen. – Guter Wille, Frankfurt und mich daselbst selbständig von Täubler zu lassen, ist bei Landau nicht die Spur vorhanden; extra Columbarium nulla salus. Was sich aber die Frankfurter einreden. Insofern, nämlich um ihnen das wieder auszureden, ist es ganz gut, dass ich bei Landau war. Ich habe ihn ganz offen gefragt, und er hat nach einigen Ausflüchten ganz klar geantwortet; Edith hat ihn genau so verstanden wie ich. Auf Täubler schwört er, schon immer, aber jetzt mehr als je.

Von Lotti hatte ich ein paar so liebe Zeilen. Von Rudi eine Antwort; er möchte wenigstens für die “Schwester” mein lebendiges Verhältnis retten; und doch habe ich dir ja grade für sie geschrieben, wie ganz momentan dieLebendigkeit mir auch bei ihr war, und wie sie schon jetzt als Lebendiges nicht mehr für mich da ist. Ich fahre erst morgen Abend, um noch den Tag hier zu sein.

Ich will schlafen gehn. Es wird wohl nötig sein. Liebes Gritli, sei bei mir, um meinetwillen und ihretwillen. Gute Nacht –

Franz.

3.II.20.

Liebes Gritli,  es war so gut, wie ein Brief von dir dalag, als ich vor dem Fortgehn nochmal rüber in meine Wohnung ging. Es war wie ein Aufwachen; ich war ja bei ihr, ich drängte mich an sie, aber fluchtweise, es war ohne Kraft. Liebe, ich bin einfach ganz wirklich geworden, ich kann nur noch soviel Kraft aufbringen, als mir zugeführt wird – nein, so ist es wohl nicht, aber es setzt sich alles in mir um, das blosse “Denken, es wäre” hilft gar nichts mehr. Recht zur Illustration dessen war Täubler Nachmittags bei uns, der reine wilhelminische Gast, Jude im Gardeleutnantston, klug bis zum Exzess, fast so klug wie ich vor 10 Jahren war, in “Baden = Baden”. Sein Wissenschaftsstand ist auch wie unsrer damals die “Selbsterkenntnis”. Sag Eugen: wir sind doch “Theologen”, wenigstens wenn wir mit einem solchen Auto = logen sprechen – wie sollten wir da anders ausdrücken, was wir sind. Als ich ihm sagte, die Wissenschaft müsste für Frauen werden, wies er allen Ernstes darauf hin, dass die Akademie eine Dame, die über Geschichte der Emanzipation arbeitet, beschäftigt!! Edith rief: das ist ja ein Mann. Das Schlimme aber (oder doch wohl das Gute) ist, dass der Akadamieplan für mich in Frkft. eine Unmöglichkeit ist. Und das ist gut, denn es würde doch eben nur eine Lüge sein. Wenn ich mein Leben jetzt nicht auf die Messerschneide der Wahrhaftigkeit stelle, bin ich verloren. Diplomatie jetzt – dann heiz ich mir selber meine Hölle.

Morgen in Kassel Strauss, übermorgen wohl noch Kassel, Freitag wohl sicher Strauss (Adresse bei ihm, auch wenn ich anderswo wohne). Dann wohl wieder über Kassel zurück nach Berlin. Ich denke, in der 3.Woche des Februar wird dann die Frankfurter Reise möglich sein.(Mutter möchte alles nach Terrasse 1 haben, aber ich danke dafür; Edith hat doch gar nichts Richtiges von euch, und vor allem von dir, wenn sie nicht richtig bei euch ist. Obwohl sie ja gegen Mutterganz immun ist, und meine alten Ängste in dieser Beziehung bei dieser Frau ganz illusorisch werden.

Heut Vormittag Kostümbesorgen (ein schönes starkblaues – eine der wenigen Farben, wo ihr zusammenkommt; den Mantel den du neulich in der Bahn trugst, könnte sie als Farbe auch tragen, freilich würde er bei ihr anders wirken, nicht hell, sondern grade halbtönig). Dann Schlosskonditorei, dann Ministerium. Dies Min.d.I. hat eine Ordnung und auch eine Materialverwahrlostheit, dass man glauben könnte, Preussen wäre ein vorgestern gegründeter Balkanstaat.

Aber, das ist ja alles Nebensache – die Hauptsache ist das eine, immer wieder Eine

Liebes, liebes Gritli bleib bei uns

Dein Franz.

5.II.20.

Liebes Gritli,  eben habe ich Rudi fortgebracht, er war zum StraussschenVortrag hier. Helene geht es ja besser. Rudi wehrt sich gegen meine (=deine) Konstruktion, vielleicht mit Recht. Es kommt ja auch wirklich nicht auf die Richtigkeit der “Erklärungen” an. Es ist eben sicher etwas geschehen. Rudi sagt ganz richtig von Helene: 1912 hat sie nur etwas erlebt, aber es ist ihr nichstgeschehen (während Rudi damals etwas geschehen war); jetzt ist ihr und Rudi etwas geschehen. Das ist nun gut, und wir andern wollen nun auch unsrerseits nicht mehr viel in der dritten Person davon reden. Es war eben diesmal, obwohl wir weniger, viel weniger vertraut miteinander redeten und taten wie das vorige Mal, in Wahrheit viel vertrauter zwischen uns; wir vergassen direkt auf dem Bahnhof, uns zu küssen; es war viel besser so, dies Vergessen.

Über Strauss habe ich eben an Edith so viel geschrieben, dass ich sie bat, den Bogen an euch zu schicken. Dass ich nun wieder auf die steinigen Verlegerwege muss mit dem * wurmt mich. Am liebsten druckte ich selbst, und liesse nachher von Weismantel Scheinadoption vornehmen. Sonntag bin ich in Frkft., Montag bei einer Sitzung des dortigen Akademie = komités (hoffentlich) dabei; vielleicht bringe ich einen kurzen Plan mit für das “Frankfurter Hochstift der deutschen Juden” – ein schöner Name für den Verlag, den Strauss und ich gemeinsam ausgeheckt haben.

Dein Franz.

5.II.20

Liebe, Geliebte,   ich bin müde zum Umfallen. Nur das Wort, das eine vor Schlafengehn:

Dein.

6.II.20.

Liebes Gritli,  du schreibst mir ja genau so ein kurzes mü = müde =Briefchen, wie ich dir gestern Abend. Und beinahe bin ichs heute genau so. Von Rudi hörte ich heute am Telefon, dass Eugen in Leipzig ist. Das ist sicher gut, besser jedenfalls als wenn ers verschöbe. Und er muss wenigstens auch alles getan habe, was er tun konnte. Gehts dann nicht, so hat er sich wenigstens keine Vorwürfe zu machen. – So nehme ich jetzt etwas auch meine Frankfurter Reise. Ich glaube nicht mehr recht daran. Denn die Frankfurter, die mich nicht kennen, sind ja genau die gleichen Leute wie die Berliner Akademie-menschen und haben gegen die nur einzuwenden, dass sie in Berlin, nicht in Frankfurt sind. Es giebt kein lokalpatriotischeres Judentum als das Frankfurter. Weil es ausser dem Wiener überhaupt keinen lokalpatriotischeren Deutschen giebt als den Frankfurter.

A propos Deutschland – so wird man an seine Existenz ja wieder mal erinnert. Wie immer jetzt, in der Form, dass einem seine Nichtexistenz (“im Eigensinn” wie Morgenstern sagt) zu Gemüte geführt wird. Sehr ergreifen tuts mich aber nicht. Ich leide vielmehr unter dem Zustand der Edithferne (meiner, nicht etwa ihrer) als unter allem was die Zeitung bringt. Der Tag verstreicht und es giebt wohl ganze Stunden, wo ich sie überhaupt vergesse. Während du mich doch keinen Augenblick verlässest. Es ist wohl sehr nötig, dass wir heiraten. Aber was es für eine Tollheit (bürgerlich gesprochen) war, sie an mich, mich an sie zu binden, wirklich ein “Ward je in solcher Laun” – das spüre ich sehr in diesen Tagen wieder. Ich soll es wohl nicht vergessen. Wie ichs dir von Berlin aus schrieb: ich soll wohl die Liebe an ihr lernen. Dich zu lieben, das war leicht “und ist nicht erst zu lernen”. Bei dir musste ich wohl nur das “Lassen” lernen. Aber bei ihr – trotz Rilke – das “Halten”. Hilf mir ohn Unterlass.

Dein Franz.

7.II.20.

Liebes Gritli,  im Zug nach Frankfurt, und ziemlich ohne Hoffnungen – ich weiss nicht warum. Das einzige was ich mit Sicherheit zu finden hoffe, sind – Briefe. Von Berlin ist mir keiner mehr nachgeschickt, (hattest du am Montag noch geschrieben?). Ich habe ganz viel gehegelt, Oldenbourg druckt schon am 2.Band. – Trudchen war da, vorhin. Denk, sie erwartet wieder ein Kind, – d.h. es ist noch lange hin, bis in den Spätsommer. Ich hatte ihr nie geschrieben, im Erzählen stand dann alles wieder sehr deutlich vor mir auf. Das “ward je in solcher Laun” bleibt ja unverändert bestehn, und alle Hoffnung steht darauf, dass das nichts ist was wächst, und das andre wächst.

Eine alte Liebe von mir ist gestorben, Liesel Wertheim, Grippe. Sie war 27 alt, unverlobt, hatte sich in ein brav talentiertes Künstlertum geflüchtet. Vor 7 Jahren hätte es einmal beinahe zwischen uns etwas gegeben. Seitdem (und infolgedessen) hatte wir uns nicht mehr wiedergesehn, bis jetzt Weihnachten, wo sie mir zu dem Billet nach Kassel verhalf, da sah ich sie plötzlich drei Mal. So geht es mir nah, näher jedenfalls als es mir sonst gegangen wäre. – Dass ich mich damals, Anfang 13 nicht mit ihr verlobte, hatte ja seine guten Gründe: mit ihr hätte ich kein 1913 erlebt. Vor gewissen Erlebnissen ist man als Verheirateter eben doch sicher. Oder sie sind so stark, dass die Ehe dabei zerbricht. Bei “die Ehe” fällt mir ein, dass Rudi heut am Telefon wieder über “so theoretische” Briefe von dir klagte. Gib ihm doch wirklich etwas Ruhe. Er ist verändert, glaub mir, ich

habe ihn ja gesehn.

Strauss hat mich doch wieder nicht eingeladen! Ich wohne im Viktoria, ziehe vielleicht (aber unwahrscheinlich) zu Hedi und versöhne sie auf diese Weise. Die Vorlesung am 25. ist ja das einzige sichere Datum in näherer Zeit. Ich will versuchen, Edith vorher von ihren Eltern loszueisen, das wird freilich schwer werden, denn da sie von Freitag Nachmittag bis Sonnabend Abend und die Bahn am Sonntag nicht fährt, so müsste ich sie schon eine volle Woche vorher freikriegen, etwa so, dass wir am Mittwoch Abend nach Leipzig fahren und am Donnerstag Abend sie nach Stuttgart ich nach Frankfurt. Aber ich muss ja erst sehn, was dort wird. Am Montag werde ich *II zu Rütten und Löning bringen und *III zu Kaufmann. Das Ende wird ja doch Selbstverlag, und dann kann ja proforma vorn Moriah draufstehn oder auch nicht, (denn Strauss ist für Moriah nun doch verloren, nachdem ich ihm gesgt habe, wie es jetzt steht – und nachdem Weismantel ihm gegenüber eine seiner grossen Dummheiten gemacht hat; er hat ihn, statt sich mir ihm zu verabreden oder ihn aufzusuchen, durch eine dritte Person, wahrscheinlich die Sekretaise im Volksb.bund, zu sich bestellen lassen, telefonisch! Strauss hätte übrigens sowieso zu der von W. angesetzten Stunde nicht gekonnt). Die politische Unsicherheit (ich bin zwar ganz optimistisch, und glaube dass wir mit Besetzung Essens und einem Haager Gerichtshof davon-kommen werden) aber für jetzt wird sie jedenfalls die Verleger auch nicht grade besonders *ansehnsüchtig machen. Überhaupt – die *e die begehrt man nicht.

Ich warte sehr auf deinen Brief, wir sind schon in Giessen. Es wird sein wie ein kleines Wiedersehn. Wann wird das grosse sein? Vielleicht fahre ich doch Dienstag nach Stuttgart. Ich wollte es erst nicht, aber jetzt so im Schreiben und wie es immer südlicher wird, wächst die Sehnsucht.

Mein geliebtes Herz –

Dein.

8.II.20.

Liebes Gritli,  gestern Nacht war noch nichts von dir da. Aber heut früh, ehe ich zu Strauss ging, zwei Briefe und dazu einer von Rudi von gestern, schon nachdem er an dich geschrieben hatte. Ich bin tief erschrocken, obwohl ich doch deutlich wieder Rudis gewaltsame Phantasie am Werke spürte. Ich fühle einfach, wie sehr ich dich brauche, einfach brauche, du bist ja jetzt mit deinem Leibe die Brücke über den Abgrund geworden, über dem zu wohnen mir Gebot (und gewissauch Verheissung) geworden ist. Edith ist ja aus eigner Kraft keinen Augenblick “bei mir”, ich betreffe mich ständig darauf, dass ich sie vergessen habe, so wie ich mich ständig darauf betreffe dass ich an dich “denke”. Das ist so, es wäre sinnlos wollte ich es leugnen. Wie ich erschrak, hielt Edith nicht mein Herz; es zitterte bei dem Gedanken, einsam sein zu müssen, so als ob es wirklich – einsam wäre. Also ist es einsam, von Edith her.

Ich zittre bei dem Gedanken, dass du die Augen abwendetest und mir auch nur eine Weile lang das Leichentuch über den Kopf zögest. Ich könnte eben die Kraftlosigkeit (und ich habe keine eigene Kraft mehr!) jetzt weniger ertragen als je; da hilft mir kein Ring, der mich und sie umschliesst, ich habe es heute Vormittag gespürt bis an die äussersten Grenzen der Ketzerei. Es giebt gar nichts, wenn du dich abwendest.

Ich fürchte nicht den Mann, nichts für dich. Dass es einmal kommen musste, wusste ich schon lange, wusste es genau, seit ich sah wie Eugen sich in die Lüge eines Herr = und = Diener = Verhältnisses zu ihm verbiss; schon um diese Lüge zu zerstören, muss etwas zwischen dir und ihm geschehn. Wäre ichnicht, oder wär ich “in Sicherheit” (mit dem Sorgenkindtheoretiker zu reden), so wäre ich ohne Furcht; ich glaube nicht an begrenzte Kompetenzbereiche der Schutzengel. So kann ich dir gar nichts sagen, es ist nichts zu “warnen”, beinahe im Gegenteil, aber ich muss zittern, ganz egoistisch, ganz für mich selbst. Briefe aus dem Nebenzimmer, durch die Wand, ungesiegelte Briefe – ich ertrug sie heute nicht. Und doch könntest du dann nicht anders und schriebest (schreibst!) mir solche Briefe.

Greda? Nein nein und nochmal nein. Greda ist in der “Schwester” als ihre Natur, als der “Hang, den sie immer hatte”. Nämlich Greda ist der Übergang von 1 zu 2, von 2 zu 3. Aber die Schwester ist der Übergang von 3 zu 4. Dem Vierten zieht sie nämlich das Leichentuch nicht übers Gesicht. +) Was dir geschieht. sind immer Übergänge von 3 zu 4, ja eigentlich von 4 zu 4. Die sind “eigentlich” nicht möglich. Deinem menschlichen Herzen wären sie auch wirklich nicht möglich. Greda hat ein menschliches Herz. Du liebst mit einem “andern” Herzen. Du gehst ja auch nicht von einem zum andern. Gredas Lieben sind alle im Positiv und stehen daher zueinander auch im Komparativ (nah, nah, näher, auch ihr “am nächsten” ist kein echter Superlativ, sondern nur ein Komparativ zu “näher”). Du liebst immer und nur im Superlativ. Damit es da keinen  Mantsch  giebt und keine Leichen, bleibt nichts als: es müssen vielerlei Superlative sein, eingegliedertes Leben. Gegliedert, das heisst: jede neue Liebe erschafft auch ein neues Leben zwischen denen, die du liebst. Rangordnung – das wäre gar nichts. Liebeskommunismus (geliebte Drei, Vier, Fünf u.s.w.) auch gar nichts. Aber zwischen uns ist ja so etwas entstanden wie ein Reich der Liebe. Im Reich Gottes giebt es auch keine Näheren, sondern nur Nächste. Die Ausdehnung dieses Reichs ist eine Kraftfrage, deine Kraftfrage. Du selbst hast einmal gezittert vor dem Gedanken. Aber dein Zittern gilt nicht; Gott kümmert sich nicht darum; vielleicht zerbricht er dich freilich, oder einen von uns. Die Ausdehnung von Gottes Reich ist Gottes Kraftfrage und also keine Frage. Das ist der ganze Unterschied. Gegen Greda ist der Unterschied absolut. Denn bei ihr ists auch keine Kraftfrage. Sie hatdas Leichentuch immer zur Hand.

Ich muss dir wohl Rudis Brief mitschicken; denn da er gleichzeitig mit deinem kam, so ist meine Antwort zugleich auch Antwort an ihn geworden oder vielmehr an dich auf ihn. Ich schreibe ihm selber wohl auch noch. Es ist ja auch ausser dem, was ich eben schon richtiggestellt habe, auch sonst so viel Schiefes in dem Brief. Und eigentlich schreibe ich dir trotz Rudis Brief doch nur ganz direkt. Denn das Eigentliche ist ja, dass Edith nicht “bei mir” ist. Ich habe jetzt auch gar keine Sehnsucht nach ihr, nur die eine, dass sie bei dir wäre. Und das muss bald sein. Geht es nicht willig (ich meine die Eltern), so brauch ich Gewalt.

In Frankfurt trolle ich nun so rum. Ich kann nicht sehr ernsthaft an das denken, um wessentwillen ich hier bin. Strauss will alles durch “Diplomatie” machen. Zu Nobel will ich jetzt . Aber mein Kopf ist ganz wo anders.

Fragst du, wo? Dein, Dein, noch wenn er zerbricht Dein.

+) das hatte ich Rudi ausdrücklich angegeben, ich weiss nicht warum er das

geändert hat.

8.II.20.

Liebes Gritli,  ich habe dir wohl verworren geschrieben heut Nachmittag. Es war das aufregende Durcheinander von Rudis Brief mit deinen Briefen, dazu die zermürbend lange Antwortlosigkeit seit so langer Zeit, eigentlich schon die ganze zweite Hälfte der Zeit in Berlin. Und das Gefühl der eignen Kraftlosigkeit gegenüber Edith. Hast du wohl gemerkt? der Schwächeanfall Montag Abend war zur gleichen Stunde, wo du mir schreiben wolltest und überm Tisch einschliefest, bis dich Eugen um 12 weckte; der Heimweg aus dem Theater war gegen 11! So schreckhaft greifbar ist diese Abhängigkeit; und doch braucht sie mir nicht schreckhaft zu sein, doch kann sie mir das Innerste meines Lebens sein, wenn du nur hältst. Du schreibst Rudi über mich “… solange er nur will”. Ach Geliebte, wollen – ich muss wohl wollen, ich bin ganz fadenscheinig wenn ich nicht mehr wollte. Solange ich mit dieser geliehnen Kraft nicht ein zweites Leben mit trug, solange konnte ich mir wohl noch einreden, es gäbe eine Grenze auch für deine Macht über mich, wie für alle Menschenmacht. Jetzt weiss ich von keiner Grenze mehr, und will ich noch an die Macht über allen Mächten glauben, so muss ich wohl glauben, dass er dir diese Macht über mich gegeben hat. Das war mir bisher

ein Vielleicht. Jetzt muss ich es glauben, wohl oder übel. Erst wenn man glauben muss, glaubt man. Du musstest es schon immer. Wohl um Eugens willen. Man muss immer erst, wenn man nicht mehr allein in etwas ist. Solange man allein in etwas ist, solange kann man darin “wählen”. Zu zweien hört das Wählen auf und das Müssen fängt an. Ich bin nun zu zweien unter der Allmacht deiner Liebe; so muss ich nun glauben, dass es wirkliche Allmacht, Macht aus dem Brunnen aller Macht ist.

Halt fest, du über alles Geliebte

–  Dein.

11.II.20.

Liebes Gritli,  ich fand hier ein Telegramm von Edith, ich soll wegen meiner Schwiegermutter erst Montag kommen.

Liebes Gritli, du hast ja gespürt, dass ich den Faustschlag mit den Schutzengeln nicht verwunden habe, ich bin auch jetzt noch wie betäubt davon und kann an gar nichts andres denken. Die Betäubung verdeckt mir ganz unsern gemeinsamen Tag, die Gedanken finden sich nicht bis dahin zurück, immer laufen sie an das Hindernis, das dazwischen steht. Ich weiss wohl es war von dir nicht als Ohrfeige gemeint, natürlich nicht, aber das was für Werner ein Streicheln war, dieselbe Bewegung gab mir eine Ohrfeige – das ist ja wohl möglich wenn man ungeschickt ausholt, oder wenigstens ein Nasenstüber, aber dann bin ich das Nasenbluten noch nicht los. Es ist mir aber gar nicht zum Spässemachen darüber. Ich will wirklich an gar keine Folgen denken; wenn du willst, will ich selbst Gredas “Takt” nicht nach neinen 1918er Erfahrungen beurteilen, aber auch wenn ich mich nur an das Unmittelbare halte was geschehen ist, ohne an Folgen zu denken, auch das genügt ja wirklich. Es war eben doch eine “Schwester” 1-2-3 = Tat. Du hast beim einen den andern vergessen. Dass dus “vor dem 6.I.” nicht getan hattest, ist mir gar unbegreiflich. Für mich ist ja der 6.I. überhaupt kein Datum. Ich habe nichts was vorher nicht war und nachher war, ausser Edith selbst. “Scheiden” sollte – der 6.I. doch “nichts”. Die Schutzengel waren mir ein Siegel auf unser aller Zusammen-gehörigkeit, es hatte keiner ein privates Verfügungsrecht darüber. Dass sich der Kreis ihrer Leser erweitern würde, war mir immer notwendig geschienen, ich habe es immer gehofft. Aber eben wirklich der Kreis musste sich erweitern. Erweitern, nicht zerstört werden. Diesen Kreis hast du einfach zerstört. Es bläst ein kalter Lufthauch hinein. Hättest dus vorher gesagt, dass du eine Tür aufmachen müsstest, so hätte ich mich wohl darauf vorbereitet; so geschah es plötzlich und nun bin ich erkältet und habe das Reissen. Gewiss der “Kreis” hat mir nie das bedeutet was er Rudi bedeutet. Ich habe immer die einzelnen Verhältnisse für wirklicher genommen als den Kreis. So stört er meine Liebe zu dir nicht. Aber das bischen Vertrauen, das wusste, hier würde einer nicht ohne den andern handeln, das ist dahin. Es hat keinen Zweck wenn ich mir das verheimliche. Ich habe das Gefühl, ich müsste “vorsichtig” sein!!! Ich kann diese ganze Geschichte auch Edith nicht erzählen. Auch das spüre ich ganz deutlich. Ich kann ihr meine Nächsten zumuten. Aber nicht Herrn X und Frau Y. Das muss sie verstören. Denk doch bitte einmal, wie ungewöhnlich an sich diese unsre “Öffentlichkeit” der geheimsten Beziehungen ist. So etwas ist nur möglich, wenn man die Gewissheit hat, dass Offenheit, mit der ich mein Inneres (und damit auch Ediths Inneres) vor dir hinbreite, nicht weiter geht als bis zu denen mit denen du und ich gleichzeitig verbunden sind. Vor Eugen, Rudi, Helene habe ich keine Scham und wage es drum, auch Ediths doch natürlich vorhandenes Schamgefühl zu überwinden. Wo aber einer von uns seine Hände aus diesem Kreis herausstreckt (wie wirs alle müssen und sollen), da muss er das Gestz der Diskretion, das innerhalb des Kreises aufgehoben ist, heilighalten, solange bis eben der ihm Nahe, doch den andern noch Ferne, wirklich allen nah geworden ist. Dagegen hast du dich vergangen. Es ist ganz unrecht, wenn du wie dus vorhin gern getan hättest, dich in eine Wolke von Trotz und Tränen hüllst und wie ein verzogenes Kind auf dein unveräusserliches Gritlirecht des Nurgradausgehens pochst. Dies Gritlirecht hat eine Grenze, eben jene (ich merke sie selber erst heute, natürlich! wo sie verletzt wird). Die Grenze hast du überschritten. Das musst du einsehn, darfst nicht trotzig sein und musst es mir sagen. Das ist ja das einzige was man tun kann, wenn man einem Unrecht getan hat. Ein “Zurück” steht nicht in unsrer Macht. Ein “Wiedergutmachen” – es ist an dir, aber in deiner Macht steht es nicht, wir können nur bitten, dass der Riss wieder geheilt wird; Mittel und Wege dafür wissen wir selber nicht.

Ich habe wohl noch nie so zu dir gesprochen. Du hast mir auch wohl noch nie Unrecht getan. Ich dir schon sehr oft. Aber ich glaube, ich habe mich dann auch noch nie besonnen, es dir zu sagen; mehr braucht es nicht; und so ist noch keines der vielen Unrechte die ich dir getan habe jemals zwischen uns getreten (ich meine nicht zwischen unsre Liebe, die “trägt alles”), aber zwischen unser Vertrauen; denn Vertrauen ist ein empfindliches Ding, trägt nicht “alles”; und dein Vertrauen, dein Mir = alles = sagen = können hätte ich schon manchmal zerschlagen, wenn ich nicht immer bald hinterher meinen Trotz kleingekriegt hätte und dir gesagt hätte, dass ich dir Unrecht getan hatte. Dann kann man wieder weiterleben. Und dann wird es auch nicht mehr auf mir lasten. Und dann,(wenn es gar nicht mehr in mir lebendig ist) brauch ichs ja Edith auch nicht mehr zu sagen, denn mit “alten Sachen” handle ich nicht. – Liebes Gritli, hilf mir dazu, es braucht nicht viele Worte, die habe ich ja eben gemacht, es braucht nur eins, ein kleines, ganz einfach.

Grüss Rudi und Helene.

Dein Franz.

12.II.20.

Liebes Gritli,  erst jetzt komme ich zu einem Wort an dich. Ehe Rudi kam, wollte ich nicht schreiben, ich dachte er brächte mir schon deine Antwort. Nun brachte er nicht die, aber einen Brief. Liebes Gritli, du hast natürlich richtig gehört gestern am Telefon, mein Brief hat es dir ja inzwischen gesagt. Heut bin ich viel ruhiger, oder eigentlich abgestumpft; als mich vorhin Rudi drauf zu sprechen brachte, übermannte mich plötzlich wieder der Zorn auf dich und die Trauer über das Zerstörte. Und doch hatte mich ja aus deinem Brief ein Auge angeblickt (wie kann man nur “Augen = blick” ins Englische übersetzen!) und ich meinte fast, ich könnte wieder hindurchschauen durch den Vorhang der letzten Bahnstunde in das Märchenland der 16 Stunden die vorherlagen. Unsrer Stunden – ach Gritli.

Gritli, es ist ja keine “scheinbare” Nähe, morgen kommt ein Brief von dir und giebt mir wieder, soviel du mir wiedergeben kannst, und vor allem auch die Gewissheit, das Vertrauen, ohne das man nun einmal nicht so leben kann wie wir leben; das Vergangene ist geschehn, aber ich darf nicht jeden Augenblick fürchten müssen, es könnte ähnliches für die Zukunft wieder geschehen. Um die Schutzengel handelt es sich ja dabei nicht mehr, die sind profaniert und prostituiert, sie müssen jetzt wirklich, mit 4 “objektiven” Personenbezeichnungen gedruckt werden; auf die Weise wird am ehesten alles wieder ins Gleiche gerückt, es ist dann eben ein Werk und man wird es lesen, wie Siebeck es gelesen hat: jeder wird sich selber darin sehen, und ich werde nicht mehr das Gefühl haben, dass meine oder dass Ediths Nacktheit entblösst ist vor Fremden. (Auch Helene hat es ja für sich, mit Recht, so empfunden). Also um die Schutzengel geht es nicht mehr. Aber um irgend sonst was, ich weiss nicht was. Wir müssen nur wissen, dass wir nicht einer allein handeln dürfen in dem was uns allen und nur uns allen gehört. Sonst ist unser “Kommunismus”, der kein “Liebes = Kommunismus” ist, aber ein “Lebens = Kommunismus”, jedem von uns unmöglich gemacht.

Ich wollte gar nicht soviel mehr davon schreiben, es ist mir aus der Feder gerutscht. Ich hätte noch allerlei andres, von heute. Aber es ist spät, bald 2. Ich will zu Bett. Rudi soll den Brief morgen mitnehmen. Gute Nacht. Du brauchst dich wirklich nicht zu sorgen, ob du mir “genügend” schreibst. Ich habe dich diesmal wirklich ohne ängstiche Vorgefühle nach Göttingen gebracht. Diese Gefühle stimmen eigentlich immer. Deshalb bin ich ja auch wegen der Schutzengel so besorgt und wünsche statt der drohenden Beschmutzung das Radikalmittel der Veröffentlichung; wo dann alle H.U.s der Welt es lesen können, ohne das Recht zu haben, etwas draus “herauszulesen”.

Aber ich wollte ja nicht mehr. Gute Nacht, Liebe. Ich musste einen schweren Brief an Edith schreiben, sie hatte mir empfohlen, doch meine “stimmungshaften Zustände” etwas zu unterdrücken (nicht vor ihr, sondern überhaupt!), ich möchte “wollen”. Als ob wir verlobt wären oder als ob ich sie heiraten würde, wenn ich mir noch erlaube zu “wollen”. Als ich “wollte”, bin ich ihr davongelaufen, 1913. Sie weiss nicht was sie verlangt. Ich habe ihr übrigens nicht so scharf geschrieben, sondern besser, mehr von ihr aus. Zur Schärfe habe ich ja wahrhaftig kein Recht. Ich bin auch ganz gewiss, dass sie es verstehn wird. Aber was für ein Abgrund?

Du Nahe  –  Dein.

13.II.20.

Liebes Gritli,  ich habe gar nicht viel Lust, am Montag nach Berlin zu fahren und da die Kämpfe um die Reise zu führen. Ich habe Edith hierher zu zitieren versucht; von hier aus ergiebt sich ja die Weiterreise von selbst. Wenn es gelingt, so kommt sie also Montag; Antwort von ihr habe ich zwar noch nicht. Tatsächlich haben mich also die Eltern nicht dahaben wollen; weil es jetzt nicht schön genug bei ihnen ist! Ob du dann schon mal einen Abend herüberkommst – aber das giebt ja einen toten Familienabend unter Mutters Fittichen und meiner Verlegenheit, das ist nichts. Aber nach dem 25. ist es dann ja ganz sicher. – Ich warte sehr auf deinen Brief heute. Obwohl ichs ja spürte, auch in diesen Tagen grade, seit vorgestern früh, wo ich so auseinandergerissen bin – hier meine unveränderliche Liebe und dort mein vor den Kopf gestossenes Vertrauen -, eben ich spürte es grade in dieser Auseinandergerissenheit, wie sehr ich dir gehöre, wie mit jeder Faser; es wäre mir beinahe wohler, ich könnte dir böse sein; dann wäre ich nicht so auseinandergerissen. Mein Gefühl, dass die Schutzengel nun gedruckt werden müssen und das dann das einzige Heilmittel ist, bleibt bestehen. Eventuell ja unter einem Pseudonym, obwohl ich das nicht wünschte.

Gritli, und wenn dann die Fühler meiner Gedächtnisses sich durch den Vorhang der letzten Stunde hindurch in unser gemeinsames Land dahinter vortasten, Gritli – warum kann ich diesmal die Süsse dieser Stunden nicht nach-schmecken, warum ist es nur wie ein Hauch, warum musste sich etwas dazwischendrängen? Warum? Und doch schon der Hauch, Gritli, oh wie süss –            Und bitte nun “ruf Rudi”: Ich habe das Gleichnis von den 3 Söhnen gelesen. Das ist ja die “Heimkehr des Ketzers”!!! Das hätte er an den Schluss schreiben müssen. Das ist Hans, der dritte Sohn, der die Kirche (die sich aus dem Volksleben zurück in den Schoss des “religiösen Erlebnisses” geflüchtet hat) erschlägt und den Sozialismus (der sich an das Volksleben verloren hat) wieder lebendig macht.

Mit Rudi ist es jetzt  ein ganz andres Leben, als es zuletzt war. Ein bischen zerbrechlich noch immer. Aber die Scheu, zu ihm zu sprechen, ist weg. Er lebt.

Von gestern – Ritter, und Prager – wird er dir erzählen.

Weisst du, vorgestern am Telefon, etwas war es doch auch der Telefonschreck, dies Zirpen zu dem da die geliebte Stimme wird – auch Hermann Cohens Stimme habe ich das letzte Mal im Leben ja so gehört.

Ich bringe den Brief noch zur Bahn.

Geliebte, über alles Geliebte  —–

Dein.

Edith schreibt auch heute wieder: Gritli

13.II.20.

Liebes Gritli –  kein Wort, auch mit der Nachmittagspost? Es wird wohl nur ein postalischer Schabernack sein, es ist ja gar nicht anders möglich; mein Brief vom Mittwoch Abend war ja auch gestern Nachmittag als Rudi fortging, noch nicht bei dir. Sieh, Kassel und Göttingen sind gar nicht so nah! – Aber denk – und “sags Rudi” – von Hans eben eine Karte: “Moriah gesichert. Weismantel bittet, es dir mitzuteilen”. Zu spät! (wenigstens hoffentlich). Und Lamm, bei dem Edith etwas zu besorgen hatte, “profezeit mir eine grosse Zukunft”. Nun kommen also die Verleger in Scharen. Es scheint wie mit dem Unglück: eines kommt nie allein. Vorher sind sie wie die Schutzleute: wenn man einen braucht, ist sicher keiner da.

Ich bin bei Pragers heut Abend. Eben hatte ich Schafft da und habe ihm “die Meinung gesagt”. Er war sehr zugänglich und lehnte Identifikation mit Ritter ab. Es war sehr komisch: ich hatte ihn heut Morgen angerufen, einfach um meinen Ärger zu entladen; ich traf ihn nicht. Dann rief er, ohne von meinem Anruf zu wissen, mich an, um sein schlechtes Gewissen zu entlasten. Da verabredeten wir uns auf den Nachmittag.

Dein Franz.

[Telegramm vom 14.II. an Gritli bei Ehrenberg in Göttingen]

Geliebte es ist alles wieder gut

14.II.20

Geliebte,  ich bin so froh, es ist ja so wie ich dir eben telegrafierte. Nämlich es ist doch so wie wirs als Kinder sagten; wir können ja überhaupt als Erwachsene nichts andres, als zu Gott und untereinander wieder so sprechen lernen wie wirs als Kinder taten. “Ich wills nicht wiedertun” ist wirklich der Boden, auf dem das Vertrauen neu gebaut wird, das weisse Blatt, nach dem du verlangst. Ich wills, nicht ich werds – wie könnt ich das von dir erbitten, du kannst und sollst und brauchst nicht zu wissen, ob es dir nicht wieder einmal passieren wird, denn es ist dir ja aus dem Besten was in dir ist passiert, nur wollen kannst und sollst und darfst du, dass es nicht wieder geschieht. Das ist das weisse Blatt, lass es uns beschreiben, Geliebte, immer wieder, ohne “Verzicht” und ohne Sparen, mit dem einen unendlichen Wort das dir gehört und mir gehört, weil es weder dir mehrgehört noch mir –  : Dein Dein Dein.

Mein liebes Herz, nun senkt sich erst die Erinnerung an dieses unser letztes Beisammensein auf mich wieder herab und hüllt mich ganz ein. Es ist mir als wäre es noch nicht Tage lang zurück, als wäre ich noch bei dir und sähe nichts weiter als deine Augen, fühlte nichts weiter als dein Herz. Geliebte, hüll mich ein mit deiner Liebe – immer, immer, ich kann nicht atmen ohne sie.

Geliebte, am Montag kommt Edith. Wohl sicher über Kreiensen, und bis dahin fahre ich ihr entgegen. So kann ich schon Vormittags nach Göttingen kommen. Und ich denke, trotz deiner Haushaltsregierungsgeschäfte werd ichs tun.

Ich drücke dich an mein Herz.

Ganz dir zugewendet, ganz

Dein.

[Telegramm vom 14.II. an Gritli bei Ehrenberg in Göttingen:]

Geliebte es ist alles wieder gut

15.II.20.

Liebes Gritli,  es ist ja fast sicher, dass wir uns morgen sehen und wohl früher als dieser Brief kommt. Aber es ist ja kein rechtes Leben, so ein Tag ganz ohne Schreiben an dich. Ich schreibe ja nicht “gern” an dich, sondern es quält mich wenn ich es nicht täte. Dass ich Edith heute nicht mehr schreibe, merke ich gar nicht. Sie schreibt gestern, nach dem 25. würde sie sofort nach Berlin zurückmüssen, “wegen Schneiderei etc.” Nun ist aber andrerseits die Reise nach Frankfurt an sich für sie ganz unnötig und von mir nur als Vorwand und Sprungbrett für Stuttgart gedacht. Denn mit dem Wohnunssuchen hat es noch gute Weile, – und überhaupt heute Wohnungssuchen! Und da sie von der Grippe noch so angegriffen sein soll und so schlecht aussieht (so heute wörtlich an meine Mutter!), so lasse ich sie vielleicht dann überhaupt hier und hole sie erst auf dem Rückweg von Frankfurt wieder ab. Mir selber täte es ja leid und mehr als leid, wenn sie nicht nach Stuttgart käme; denn hier in Kassel – na.

Mutter ist übrigens heut endlich im Bett geblieben. Durch ihr kindisches Sichnichtschonenwollen ist die Blasenreizung jetzt glücklich schlimm geworden; wie weit die Niere beteiligt ist, wird sich erst morgen herausstellen. Das würde aber nicht hindern, dass du eventuell morgen von Göttingen mit nach Kassel fährst und über Nacht bleibst. Jedenfalls kommst du wohl an die Bahn. Es hängt ja dann auch noch von Ediths Zustand ab. Und freilich auch von deinem. Denn überanstrengen sollst du dich nicht. Es ist mir sogar etwas bange, ob dir mein Besuch am Vormittag nicht zu viel ist. Ich werde jetzt über Mittag anrufen.

Wie du am Freitag Abend nach meinem Telefonanruf jammertest so ich nach deinem Brief. Und wir setzten beide unser “Hoffentlich” auf die Langsamkeit der Post. Die ist ja wirklich jetzt ganz ungeheuerlich zwischen Kassel und Göttingen. Aber liebes Herz, nun ist doch alles wieder gut; ich habe dich in die Arme genommen und du sei ganz still, ganz ganz still.

Liebe  —

Dein.

17.II.20.

Liebes Gritli,  du warst nun hier – und Sehen ist doch immer etwas. Du hattest eben noch nicht gesehen, und so hattest du das Nicht, das viele Nicht – mag sein: Nochnicht – leichter nehmen können als ich. Noch gestern Morgen, als du mir sagtest: “nun eben Mozart, aber das ist doch wunderbar”. Nun hast du gesehen: es ist nicht Mozart, das Nicht, sondern es ist einfach – Nichts, ein leerer Fleck, ein Nicht = da = sein. Mir ist’s lieber so, dass du das nun selber genau so fühlst wie ich, und dass du die Gefahr sprühst, die nun über mir hängt und der von Ediths Seite nichts aber auch nichts entgegenwirkt: die Gefahr, an der Seite eines mehr oder weniger gracious silence zu vermännern. In ihrem Beisein zu sprechen – nun:nicht als ob sie nicht dabei wäre, sondern mit dem deutlichen Gefühl: sie ist dabei und es fällt doch alles an ihr aussen herunter. Denn es ist fast am schlimmsten wenn sie mir sekundiert. Das tut sie bisweilen. Ganz richtig, denn sie ist ja gar nicht dumm, aber – nun eben wirklich ohne selber dabei zu sein; sie ist in solchen Augenblicken wohl bei mir, aber nicht sie selber, nur ihr Sekundantenschläger fuchtelt einen Augenblick vor mir her. Das hast du nun alles gesehn, hast auch das andre gesehn, und verstehst nun erst ganz die Angst, mir der ich in die Zukunft sehe. Denn die liegt wenig, sehr wenig in meiner Hand. Liebte ich sie stärker, mit einer selbstverständlichen Liebe – aber nein: ich will nicht Wenn sagen. Es liegt gar nichts in meiner Hand. Alles was ich tue, kann genau so gut die natürlichen Kraftquellen, die ihr doch fliessen (wenn sie auch nur für sie ausreichen, nicht für mich) abdämmen. Und doch muss ich um den Kraftüberschuss bitten, den ich für sie brauche und ohne den mir das Leben mit ihr unerträglich werden wird; ich fühl es ja täglich in den Augenblicken und Stunden, wo er aussetzt.

Ich kann dir jetzt nicht mehr sagen. Es ist ja alles auch nur, was du weisst, seit heute doch erst richtig weisst. Die Vergleiche der “erwachsenen Schwester” müssen dir ja doch versagen; es ist eben – natürlich – doch alles anders; wie sollte es nicht? Es hat jeder sein eigenes unvergleichliches Leben. Und es sind mir ja Hülfen gegeben, die ihren Dienst nicht versagen können. Und du bist mir gegeen. Ich danke wirklich Gott für dich – noch anders als Tante Helene für Rudi dankte. Oder schliesslich – was heisst hier “anders”? das ist aucheine falscher Hochmut. Man kann doch immer nur mit allem Lebendigen zusammen danken; man ist nicht allein.

Dein Franz.

[18.II.20.?]

Liebes Gritli,  Eugen schickt mir einen Brief von Weismantel, in dem nicht viel für mich drin steht, der ihn aber zu seinem Telegramm veranlasst hat. “Es ist doch anscheinend eine reife und gesicherte Lage jetzt geschaffen. Ich bin der festen Hoffnung, dass du trotz alles Vorangegangenen uns jetzt nicht im Stich lässest. Der Brief an Dich, durch den Wsm. dich freigab, war ja wirklich nur als Anständigkeit von ihm gedacht, um dich vor Schaden zu bewahren. Komm wieder, Nöck! Es steckt eben doch ein zu gesunder Kern in dem Plan der Neubau Verlage. Selbst Weizsäcker sieht ein, dass er dort erscheinen müsste.”

Ist ja alles gut und schön, aber gewiss war Wsm.s Brief damals (endlich einmal!) anständig. Aber auch anständige Handlungen haben unter Umständen Folgen und die müssen nun ihren Lauf haben. Ich habe heut Abend mit Strauss telefoniert und an Kauffmann geschrieben, um den Abschluss mit K. zu beschleunigen. Übrigens wennn Eugen Wsmtels komischen letzten Brief an mich kennte, den Edith mitbrachte, so würde er doch über die Gesundheit von Moriah anders urteilen; ich bin wirklich froh, dass ich nun wahrscheinlich mit heiler Haut heraus bin.

Er schreibt überhaupt so nett. Nur will er den * in Pergament gebunden haben, weil er doch noch romantisch und Mittelalter sei; und denk, beim Durchblättern merke ich doch, dass in Einl.III und III 3 dennoch alles Wesentliche auch zum Thema “Ketzer” steht – nur eben allerdings selber nicht ketzerlich gesagt. Ist das nicht vielleicht grade gut? Es ist die Wahrheit über den Ketzer. Es grenzt ihn also auch ein, es reisst nicht alles um, was steht, es verketzert nicht um der Wirklichkeit des Ketzers willen alle noch sichtbaren Kirchen, es zeigt die ganze Wirklichkeit, die des Ketzers und die der Kirche. Vonda aus lässt sich dann ganz lustig ketzern.

Es war ein toller Nachmittag heute. Ein Gespräch mit – Louis Oppenheim. Unter unmittelbarem Eingreifen der Hand von oben, die bald ihn vor mir, bald mich vor ihm in die Hölle schleuderte. Mit dem Endergebnis, dass er mir seinen Sohn anvertrauen wird! Ich muss es dir richtig erzählen, wie es ging. Es giebt eben gar keine Unterscheidungen vor dem Auge Gottes, und er lässt uns die Klingen im Gefecht vertauschen wie im Hamletschluss – keiner kann gewiss sein, selber die reine zu führen und der andre die vergiftete. Damit wir lernen, immer wieder, dass seine Macht grösser ist als unsre Gewissheiten.

Der Brief muss noch fort. Gute, gute Nacht, du liebes

– Dein Franz.

19.II.20

Gute Nacht, liebes Gritli,

wir waren bei Oppenheims zum Abendessen, nun bin ich müde. Ich will noch zum Einschlafen etwas in deinem Franziskus lesen.

Gute, gute Nacht. Grüss Eugen.

Dein.

20.II.20.

Liebes, liebes Gritli,  morgen kommt ihr also. Es ist nicht leicht hier. Das Zusammensein mit Mutter, die alles weiss und nichts begreift, macht alles schwerer. Ich ertrage die Mitleidsgesten nicht, mit denen sie Edith umgiebt, genau wie mich auf die Dauer doch auch ihre ständigen Bitten, doch die “Partie” “zurückgehen” zu lassen, nervös machen; sie spricht wirklich als ob ich mir Edith “ausgesucht” hätte, und warnt mich vor allem wovor ich gewiss mich fürchte, aber sie warnt mich so erbarmungs = und trostlos, dass es kaum zum Aushalten ist. Im übrigen möchte sie, dass ich mich einmal von einem Irrenarzt beobachten lasse, weil meine Handlungsweise normal nicht zu erklären ist. Ich bin auch grob geworden und habe ihr gesagt, meine Liebe zu Edith sei immerhin so gross wie die von Vater zu ihr oder von ihr zu Vater, und nur gegen Ediths Liebe zu mir gehalten sei sie so dürftig und so jammervoll klein, wie ichs empfände.

Dass ich mich dann gegen sie auch zu hysterischen Worten hinreissen lasse, in denen ich die Dinge nicht aussage, sondern verzerre – weil sie ja eben das Verzerrte hören will, denn nur verzerrt “begreift” sie -, kannst du dir auch denken. So wie ichs dir oder Trudchen sage oder auch Edith selbst, so kann ichs ihr nun eben nicht sagen. Ich versuche es ja immer wieder; aber sie will nur entweder den seligen Bräutigam oder die zurückgegangene Partie – und da ich von beidem gleich unendlichweit entfernt bin, so kann sie eben nichts rein aufnehmen, was ich ihr sage. Es wäre richtiger gewesen, gegen sie stumm zu sein und die Tatsachen sprechen zu lassen, mit denen sie ja einverstanden sein kann.

Vorhin als ich sehr kaput war – ich bins noch – schlug ich die Predigten auf und las das ganz vergessene Axtgleichnis, mit dem die Ostersonntagspredigt beginnt. Geht das nicht auf mich?

Wir müssen fort. Und ihr kommt ja morgen. Nimm sie mit nach Stuttgart, es ist ja wichtiger als alles andre. Ich kann es nicht allein tragen.

Dein Franz.

Und denk doch, diese Nacht konnte ich nicht schlafen, stundenlang, vor hellen und frohen Gedanken an sie. Und dann des Morgens, als Mutter anfing, war alles wie weggeblasen. Wir müssen wohl zusammen sein; ich glaube so empfindet sie es selbst und deshalb hat sie Mut.

24.II.20.

Liebes Gritli,  das war also unser “zweiter Jahrestag”, selbst bis auf die Stunde! Ich bin noch ganz verdutzt davon. Es war so viel gewollt und ungewollt Bedeutungsvolles – der Vortrag über den *, dein Auftauchen bei Nobel, der schwarze * bei hellem Tag und à quatre, endlich auf der Bahn die letzten Minuten mit dem ungewollten Auseinander-brechen nach Männern und Frauen und dem gewollten Auslassen der Abschiedsaugen-blicke. Liebe, und dennoch kann ich an alle “Bedeutungsvolligkeiten” nicht glauben, noch nicht mal an die deines Einschlafens während ich auf deine Frage Eugen das mit Louis Oppenheim erzählte. Denn alle Kraft mit der ich in dies unser, ja unser , drittes Jahr hinein-gehe, stammt aus den Kräften die mir diese zwei Jahre gegeben haben, das fühl ich jeden Augenblick; wo die Kraft mich zu verlassen droht, am meisten.

Ich schreibe dir vom Bahnhof aus. Nachmittags waren wir etwas bei – Hedi. Denk, wir könnten bei ihnen drei Zimmer und Küche haben! Der Nachteil wäre nur, dass Hedi wahrscheinlich etwas viel Ediths Hülfe beanspruchen würde, wenn sie sie braucht. Vertragen würden wir uns ja schiedlich = unfriedlich. Die Kinder sind reizend, sie gefiel mir wieder gut. Aber sie leidet wieder an den Depressionen wie vor drei Jahren. In Straussens Vortrag war es so schön, dass mir leid tut, dass ihr ihn nicht gehört habt. So wirklich gut. Sprachlich ganz lebendig, klar, eigen, richtig und ohne alle Schwierigkeit für die Hörer. Viel besser als der Kassler Vortrag.

Morgen früh nun der Besuch bei Mayer. Besser wäre das alles nachmeiner Vorlesung.

Bei Borns war es sehr merkwürdig. Er klagte über seine ihm von Rudi (aus sehr schlechten, nämlich Familieneitelkeits = Gründen) abgezwungene Taufe!  Gute Nacht, ich bin müde. Der Tag hat mich verwirrt, wie eigentlich jetzt alle Tage. Die Angst vor dem Vermännern verlässt mich nie. Eigentlich ist ja auch dieses “gute Verhandeln” mit Kauffmann ein rechtes Männerstück, – so auf die Melodie “Heinrich, wieviel hast du heute umgebracht”. Oh weh.

Du willst das alles nicht hören. Aber du musst schon. Dafür ist der 24.II.! Gute Nacht, du Liebe

Dein Franz.

25.II.20.

Liebes Gritli,  die Eroberung Frankfurts macht Fortschritte. heut früh der Macher der j.Volkshochschule, ein Dr. Maier, Syndikus der j.Gemeinde. Ein sehrnetter, einfacher Mensch, Jurist und doch gelöst, etwas wirklich Sympatisches. Mit dem gehe ich morgen zu einer Dame, der andern Macherin der V.h.sch. Ich fordere 8000 M, (nämlich die Hälfte des Existenzminimums!) Es giebt einen organisa-torischen Posten; Maier hält ihn für nötig, ob die Frau auch, wird sich morgen zeigen. Die Frau (Dessauer) war leider nicht heut Abend in der Vorlesung. Leider überhaupt nur etwas 70 Menschen. Meine einleitenden Worte waren diesmal gradezu schlecht, besonders nach Straussens sehr schönen und herzlichen, mich zuletzt mit Du als Freund und Nächsten grüssenden. Aber dann war es ein grosser Erfolg. Der grösste: Frau Strauss, die mir vorher aus Neue “aufgesagt” hatte, war umgeschmissen, sie war ganz klein und hässlich, und sagte es mir. Das hätte ich nie gedacht. Edith hatte sie beobachtet; sie sei anfangs ganz widerwillig gewesen, dann habe sie doch zuhören müssen und zuletzt hingerissen. Es sind nun viele, die mich haben wollen und ich glaube selbst daran. Maier nannte meine Forderung von 8000 M ein Minimum. Von ganz links kam Lazarus: der Mann, den wir brauchen. Kurzum rechts und links will man mich. Mittags waren wir bei Borns. Im Notfall kriegen wir bei ihnen von Mitte April ab zwei schöne Zimmer und müssten uns dann weiter umsehn. Eine Wohnungmöglichkeit tauchte heut Abend auch schon auf: Bertha Pappenheim will ihren Haushalt vielleicht auf ein Mindestmass reduzieren. Es war nett bei Hedi. Sie geriet allerdings wieder in einen maxfernen, rudinäheren Zustand, und das bedeutet ja bei ihr Krankheit. Auf ihrem Nachtisch lag eine Bibel und in einem Gespräch zwischen mir und Max hatte ich das Gefühl, sie stünde bei mir.

Von Bildung u. kein Ende war die Erstkorrektur da. Der Titel macht sich

grossartig. Überhaupt wird das wohl ein Schlager.

So ein Tag fliegt nun leicht dahin, und Edith fliegt so mit, – getragen. Da habe ich kaum viel Zeit, nach ihr zu sehen, und weiss viel, ob sie “dabei” ist oder nicht! sie ist ja doch eben an mich gebunden und so ich an sie. Ist das nicht schliesslich doch gewichtiger als alle “Gefühle”? Rudi übersetzt, in einem merkwürdigen Brief heute, credo quia absurdum mit: ich muss, denn ich kann nicht!!!

Schlaf wohl, liebe Seele –

Dein Franz.

Auch Straussens Schlussworte waren ganz herrlich, weich und gelöst.

29.II.20.

Liebes Gritli, wir hatten eine schöne Fahrt. Der Schwiegerelternbetrieb quält mich diesmal mehr als das vorige Mal – was ja wohl ein gutes Zeichen ist; damals war ich einfach noch nicht fähig, mich von Nebensachen quälen zu lassen. Mutter rief ich an, es geht ihr nicht besser, obwohl der Arzt sie aufstehn lässt. Frau Pochwink[?] rief ich auch an, ich hatte nicht den Eindruck, dass ihr Leute fehlten, sie kennt ja eigentlich doch von früher her hier alle, die sie braucht; ich habe mich auf übermorgen mit ihr verabredet.

Es fiel uns ein: für die Hochzeit hast du doch ein weisses Kleid: das urgrossmütterliche! zieh doch das an, ich habe es ja noch nie an dir gesehn. – Ich bin sehr müde. Aber seit gestern, seit dem Stuttgarter 28ten Februar und Helenes Brief zum Tag ist mir immer, als ob Edith lachte – und als ob sie es nun auchdürfte.

Ihr und

Dein.

März 1920

1.III.20

Liebes Gritli,  ein Brief noch nach dem Viktoria kam heut und nahm von dem brieflosen Tag Besitz. Ich war erstaunt, sowohl über das so starke Minus des Kassler, wie über das so starke Plus des Frankfurter Tags; ich hatte beide Ausschläge für geringer gehalten als sie waren. Auch diesmal ists ja nun so, dass der 28te den 24ten doch zur Vergangenheit gemacht hat, ich kann mich kaum mehr erinnern, soviel grösser und wahrer ist seine Wirklichkeit gegen die schwanke und ungewisse des 24ten, – auch diesmal. Helenes Brief füllt mich ganz und gar an; es ist, als ob nichts in mir nicht davon angrührt wäre. Ich muss Edith immer anlachen, und nun strahlt es aus ihr wieder; nicht als ein starkes Strahlen, nein, aber ein Wiederstrahlen und eine einzige frohe Gewissheit.

Heut Nachmittag Jacobus. Es ist wohl der Mann für Kassel. Ein bischen sehr rechts, trotzdem er von der Lehranstalt, nicht vom Seminar herkommt. Und natürlich nicht “mein” Mann, noch nicht einmal in dem Sinne, wie Eugen Mayer es ist. Aber sehr anständig, klug, bescheiden (trotz der kolossalen Heftigkeit jener Attacke, die er auf der Rabbinerversammlung von 1916 gegen die Alten ritt und durch die er mir zuerst aufgefallen war) und mit einem grossen Werk beschäftigt, von dem der erste Band, über das mosaische Gesetz, jetzt fertig ist (die künftigen behandeln seine Fortentwicklung). Ich will ihn hier nochmal sehen und dann in Kassel versuchen, was sich tun lässt.

Heut früh haben wir Stoff für das Brautkleid gekauft.

Mein Schwiegervater behauptet, es gäbe einen grossen Preissturz, das Barometer “altes Eisen” sinke schon.

Von der Broschüre ist die Revision da. Und von Oldenbourg auch; er scheint beide Bände gleichzeitig machen zu wollen. Gute Nacht.

Dein Franz.

Die Abschrift meines Landaubriefs bitte zurück.

2.III.20

Liebes Gritli,  ich komme nicht zu viel, weil so vielerlei sich drängt. Martha habe ich jetzt wohl 5 oder 6 mal angerufen, es ist ja so sinnlos; auch wenn ich ihr einen halben Tag opfere (denn darauf kommt es heraus), wird sie ja nachher nur dasselbe Gefühl haben wie vorher: eine Pflicht familiärer Korrektheit erfüllt zu haben. Brauchen tut sie mich wahrhaftig nicht; sie hat ja alle Leute die sie braucht: noch nichtmal Fritz Caro, der ja Berliner ist, wollte sie haben; was kann ich ihr da tun? und ein besonderes persönliches Vertrauen kann sie nach den 100 Worten, die wir vielleicht schon miteinander gewechselt haben, auch nicht zu mir haben. Eugen ist ein schrecklicher Familiensimpel. In drei Wochen kommt er ja selbst und kann sich ihr nach Herzenslust widmen. Auch zu Picht habe ich keine Zeit; die Broschüre hat für ihn kein Interesse, zwischen der deutschen und der jüdischen V.hochschule besteht nur die eine Gemeinschaft des (für die jüdische unzutreffenden) Namens. Heute früh erst wieder ein paar Stunden Jacobus, dann Rabbiner Liebermann, der uns trauen soll. Nachmittags Besorgungen, Umsehen nach Pension für Mutter und euch (wir haben etwas sehr schönes gefunden: am Gendarmenmarkt), Badt. Dazu ständige Kämpfe mit den Schwiegereltern über die Details der Hochzeit. Kurzum es ist so aufreibend wie möglich, sodass ich auch meinen Nerven eine so schwierige und ungemütliche Bekanntschaftsmacherei, wie es die mit Picht notwendig werden muss, jetzt nicht zumuten will. Und endlich bleibt es dabei: den ersten Schritt muss er tun, nicht ich. Auch ist jetzt ja alles noch erschwert dadurch, dass ich ihn hier nur mit seiner Frau sehen könnte, wo ich mich also noch mehr zurückhalten müsste, als schon ihm allein gegenüber.

Morgen Vormittag wird wieder draufgehn auf Wege für Beschaffung des Traulokals, der Nachmittag ist auch schon besetzt und so geht es weiter bis Sonntag. Dazu Korrekturen.

Liebermann ist Ediths Lehrer gewesen in den letzten Jahren. Er soll sehr gut sprechen, ist reichlich orthodox und mir sehr fremd, aber nicht unsympatisch. Er wird uns ohne Ornat trauen; das war das Netteste, wie er selber davon anfing. Natürlich müssen wir das den Schwiegereltern verheimlichen, die sonst aus der Haut fahren würden. Es ist ihm Herzenssache, Edith zu trauen; er hat übrigens alle Amtsfunktionen aufgegeben.

Ich bin müde von dem Tag, beinahe schriebe ich da besser nicht. Ob ich morgen ein Wort von dir habe? Eugens Brief an Edith kam heut früh.

Dabei trägt mich eigentlich mein jüngstes Glück mit Edith fast schlafend durch diese Tage, ich bin eben doch einfach froh. Heut merkte ich, es sind erst 8 Wochen. Wieviele Abschnitte haben aber diese 8 Wochen schon gehabt, es ist wie eine ganz lange Zeit, auch der jüngste Abschnitt seit dem Stuttgarter Tag kommt mir ja schon ganz lang vor.

Dein Franz.

3.III.20

Liebe,  wieder einer dieser leer = vollen und doch im Grunde glücklichen Tage. Eigentlich bin ich ja erst jetzt verlobt. Ich bin einfach froh, bei ihr zu sein, und in diesem Frohsinn versinkt vieles was mich sonst verstörte.

Von dir auch heut kein Wort. Du schreibst doch nicht gar nach “C 2”? Zu erzählen ist wenig von so einem Tag. Besorgungen u.s.w. Für die Trauung haben wir jetzt einen sehr schönen Raum, wenn wir ihn kriegen. In einer Synagoge gehts nicht, weil wir einen orthodoxen Rabbiner haben und liberale (nämlich begleitete) Musik; in den orthodoxen Synagogen sind keine Orgeln.

Abends waren wir in der Synagoge, es ist der Abend wo Esther verlesen wird. Nachher bei Salomons, es war wieder nett, die Eva doch sehr hübsch. Mit Badt trafen wir uns in der Synagoge. Er tobte vor Wut auf die Juden überhaupt und die Synagoge insbesondere und behauptete man müsse täglich dreimal hingehn, sonst hielte mans nicht aus; nur das könne einen immun dagegen machen; er sagte immer: zeig mir ein Gesicht. Ich konnte es natürlich nicht.

Ich empfinde es ja ganz anders, brauche keine “Gesichter”, weiss ja auch nicht, ob ich selber eins habe. Sucht man freilich nach Gesichtern, so ist man aufgeschmissen, das geht mir auch immer so. Auf den Gesichtern ist der Name Gottes genau so unsichtbar wie – im Buch Esther, wo er ja auch nicht vorkommt. Und wo er doch [doppelt unterstr.] vorkommt, und auf den Gesichtern auch! Und wer das Buch im rechten Ton zu lesen und die Gesichter mit dem rechten Blick anzusehen weiss, der macht ihn hier wie dort sichtbar.

Gute Nacht, liebe Seele.

Dein.

4.III.20.

Liebes,  heut früh endlich ein Wort von dir. Wie sonderbar, dass du schon anfängst, unsre beiden Köpfe in einem Rahmen zu sehn. Mir ist das noch ganz unmöglich. Ich weiss die Zusammengehörigkeit nur, ich sehe sie noch nicht im mindesten, und wundere mich immer aufs neue, und ganz besonders eben wenn ich durch irgend einen Zufall uns zusammen in einem Spiegel sehe. Mir ist so aufgefallen in dieser Zeit wie man alle Verheirateten in Gedanken immer zu zweien sieht; mich sehe ich noch gar nicht zu zweien. Bei “Franz und Edith” kann ich mir noch nichts Rechtes denken. Auch das viele Alleinsein zu zweien, selbst das Zusammenreisen hat daran nichts geändert. In den Schaufensterspiegeln erstaune ich immer wieder, dass ja “Edith Hahn” da bei mir ist.

Der Tag einer von diesen Tagen. Besorgungen (ein Sommerhut!), Besuche, das Traulokal (etwas ganz famoses: das Lessinghaus, in der Brüderstr. schräg gegenüber; ein Museum mit einem kleinen Musiksaal für etwa 150 Menschen. Ganz Altberlin. Das Haus hat Nicolai gehört!  Prachtvolle alte Treppen, Hof u.s.w. Schöner konnten wirs gar nicht finden. Dass es keine Synagoge ist, ist mir ja nur recht. Abends kleine Gesellschaft bei dem Arzt und Freund der Familie. Der “Prediger” der Reformgemeinde war da, ein fetter, roter, freundlicher Prälat, seine Stieftochter ist die Braut des Sohns, diese Stiefkinder sind alle etwas, aber zugleich ein schlagender Beweis für die vollkommene Nichtsigkeit des 10 jährigen stiefväterlichen Einflusses. Es war von einem katholikgewordenen Sohn von Alexander = Katz die Rede. Die Tochter, obwohl sie nicht begriff, dass er grade Katholik geworden war, begriff doch vollkommen, dass ihm das liberale Judentum “nichts Positives” habe geben können. Es war aber überhaupt ein nettes Gespräch; die Braut ein Entweder = Oder von Hässlich und Schön (also für meine Begriffe ja schön). Edith sass wieder so stumm aufnehmend (und im Aufnehmen nichts gebend, wie es vorhandenere auch im blossen Aufnehmen tun) dabei – und doch müsste es eigentlich mit sonderbaren Dingen zugehen, wenn das alles nicht seine Spuren in sie graben sollte, eben weil sie ja schliesslich doch aufnimmt und froh ist, dass sie dabei ist. Es ist eben so: sie wird wohl schon dabei sein, man merkt es nur nicht. Man merkt überhaupt so wenig. Manchmal denke ich, sie hat alles, euch alle, vergessen oder es ist nie etwas bis an sie herangekommen, und ich möchte sie gradezu “erinnern”, – aber das wage ich dann doch nicht, es wäre Gewalt. Und vielleicht irre ich mich auch. Oder vielleicht wächst es drinnen in ihr, und ich muss Geduld haben. Und das, das Geduldhaben , fällt mir ja jetzt nicht mehr schwer. Mir ist ja doch soviel wohler als mir vor 8 – nein selbst als mir vor einer Woche war  —-

Denk übrigens: in dem kleinen Hut sieht sie wirklich etwas dotzig aus! Dass wir zueinander passen, merke ich übrigens nirgend so als beim – Kleideraussuchen. Oder eigentlich ja nur, dass ich sie verstehe. Verstehe? Warum wage ich eigentlich das richtige Wort nicht hinzuschreiben??

Dein Franz.

[Edith an Gritli]

B.d.5.III.20.

Liebes Gritli, jeden Tag will ich dir schreiben und komme nicht dazu; es drängt sich so vielerlei zusammen, und abends falle ich müde ins Bett. Ich bin so froh, so sehr froh, dass ich bei Euch in Stuttgart war, für mich und für Franz. Die Tage jetzt sind wunderschön trotz aller Unruhe und Hast, die diese letzten Wochen mit sich bringen. Ihr werdet in den nächsten Tagen die offizielle Hochzeitseinladung bekommen. Schreibt mir bitte recht bald, wann Ihr kommt, damit ich Zimmer rechtzeitig bestellen kann. Eugen herzlichen Dank für seinen Brief und viele Grüsse. – Ich freue mich so auf Euch – noch drei Wochen!

Lass dich umarmen von

Deiner Edith.

6.III.20.

Liebes Gritli,  das war eine Enttäuschung als die Post heut Morgen “bloss” Eugens Psychotechnik brachte. Aber Nachmittags kam dann doch ein Wort von dir. Von Frau Muffs Tod wusste ich nichts, noch nichtmal dass sie krank gewesen war.

Wir waren Vormittags bei Warschauer, den ich nach Kräften über die j.Volkshochschule auspresste; ich weiss nun genug. Morgens rief ich Strauss an, der hier ist aber seine Zeit zu besetzt hat; er war bei Mayer, Mayer will über die “Finanzierung” mit den bisher Interessierten sprechen. Nach bald sieht es allesnicht aus, und ich rechne nun damit, dass wir wirklich den Sommer in Kassel sein müssen. Schade. Die hiesige V.h.sch. ist der Typus, wie es nicht gemacht werden darf. Warschauer war wieder reizend. Nachher trafen wir Richard Gotthelft der hier ist. Er war bei Kauffmann gewesen, der einen riesigen Auftrag für sie hat (den die Kerls also mir verdanken!). Und er erzählte mir: Kauffmann will für den * “wissenschafltiches Format” – also grosse engbedruckte Seiten, sodass das Buch 3-400 Seiten stark wird. Das ist doch scheusslich! Ich werde morgen an ihn schreiben und ihm klar zu machen suchen, dass das Buch eine gewisse Dicke braucht. Leider hatte ich im Vertrag nichts darüber ausgemacht. Wer denkt an sowas! Stell dir mal den * vor gesetzt wie Pichts Buch (das übrigens auch noch mal so schön wäre, wenn nicht jede Seite doppelt belastet wäre) oder wie Barths Broschüre (die so gesetzt sein darf).

Abends waren wir im Deutschen Theater und sahen Zweigs Ritualmordstück. Es wirkt z.T. (in den irdischen Szenen, ausser in den zu “frommen”) doch sehr stark und Reinhard führte es so auf, wie ich es mir damals vor 4 Jahren auf dem Kala Tape von ihm vorstellte. Die Himmelsszenen sind auf dem Theater genau so papierern wie im Buch.

Wir haben heut viel in der Zennerenne (dem “Weiberbuch”) gelesen, herrliche Sachen, eine nach der andern, eine ganze Reihe zufällig über Hansens “Einziges, was das Christentum neu zum Judentum hinzugefügt hat”, den “Jubel über den bekehrten Sünder”.

Gute Nacht – wann werde ich mir wohl wieder angewöhnen, des Tags zu schreiben und nicht so müde wie jetzt immer! (Ich sitze im Zimmer des Sozius, da schlafe ich nämlich nachts).

Denk, “Papyrus Rex” ist von Max Krause, dem Schuft, nicht neu hergestellt! Kannst du wohl von diesem “Echt Deutsch” (Czechs Büttenblock) noch aufkaufen, was da ist? Papier ist jetzt so toll in die Höh geschnellt, dass vom 1.IV. ab bei den neuen Portos ein Brief zwischen 1 M und 1.50 M kostet!

So pleite und so pleite  —

Dein Franz.

7.III.20

Mein liebes Gritli,  zum letzten Mal, dass ich hier aus Berlin schreibe. Denn wenn ich das nächste Mal hier bin, dann werdet Ihr ja auch schon bald hier sein. Dass Mutter nicht kommen kann, fürchte ich nun wirklich. Beinahe noch schlimmer wärs, sie käme mit Müh und Not und läge dann hier auf der Nase.

Heut Vormittag waren wir bei Landau. Es war ziemlich oder ganz zwecklos, aber schliesslich doch nett. So ein Haus am Pariser Platz ist doch eine Sache. Abends Geburtstag von “Grossmama” und grosse Familienassemblee da; dabei noch ein sehr vorzeigbarer Vetter meiner Schwiegermutter, den ich noch nicht kannte. Dabei wurden Erinnerungen an “heute vor einem Jahr” aufgefrischt, wo Hahns nicht zur Grossmama kommen konnten, weil die Schlacht im Zentrum war und niemand auf die Strasse konnte! Ich glaube, auch Borchard war den Abend geschlossen? nichtwahr?

Wie sonderbar ists überhaupt, dass in dieser ersten guten Woche, die ich mit Edith verlebe, sich genau unsre Berliner Woche von vorigem Jahr jährt. Am Mittwoch darin war das Konzert wohl, wo ich glaubte, sie zu sehen. Sie war es aber nicht. Ist sies jetzt? Sie ists wohl auch jetzt noch nicht, aber ich darf doch glauben, dass sie es wird; und die Windstille dieser schönen Woche konnte ich ohne Unruhe geniessen, anders als am 7.Januar, wo mich die “Windstille” beunruhigte.

Meine Gedanken laufen viel zu dir, aber es ist mir, als fänden sie in diesen Tagen bei dir keinen Ort zu ruhen, und viele müssten mit unausgerichteter Botschaft zurückkehren. Was ist dir?

Wie ist dir?

Ich hab dich lieb –

Dein Franz.

[Edith an Gritli]

B.d.8.III.20.

Liebe, liebe Gritli,

zum ersten Mal komme ich an deinem Geburtstag zu dir, und mein Herz ist voller Wünsche für dich. Dank, Liebe und Dank, nichts andres kann ich dir sagen, und darin ist auch alles enthalten, was ich für dich erhoffe. Eben habe ich Franz zur Bahn gebracht. Es waren so schöne Tage, und ich bin so sicher und hoffnungsfroh wie noch nie. Wie mag dir wohl das Buch gefallen, das wir dir schickten? Ich liebe es schon sehr lange und Franz konnte, als ich es ihm gab, garnicht davon los. Für dich ist’s ja eine fremde Welt, oder doch nicht mehr ganz fremd?! Eigentlich ist es ein starkes Stückchen, dass wir dich so hinter die Kulissen sehen lassen, aber ich glaube, wir können es getrost und du wirst schon herausfühlen, was zum grossen ..[?] gehört und was nur örtliche ..[?] ist. So, nun lass ich dich drauf los, ohne weitere Vorrede und überlasse alles übrige dieser prachtvollen Frau.

Grüsse Eugen sehr von mir.

Viel, viel Liebes von deiner

Edith.

8.III.20.

Liebes Gritli,  ich will den Brief noch zur Post bringen, damit du ihn sicher zum Geburtstag hast. Hab ich dir eigentlich schon mal zum Geburtstag geschrieben? vor zwei Jahren ja nicht, und voriges Jahr doch auch nicht. Und auch dieses Jahr kann ich dir nicht “zum Geburtstag” schreiben, denn dass du geboren bist, daran freue ich mich jeden Tag, ich müsste schon wirklich mit vom Geburtstagskuchen essen, um mich grade an dem einen Tag noch besonders und anders zu freuen. Und ich habe ja auch keine Wünsche für das Jahr. Ich habe mir die weitsichtigen Wünsche für dich ganz abgewöhnt.  – Anfangs hatte ich ja noch welche, oder wenigstens einen; nun sind auch alle meine Wünsche für dich ganz kurzsichtig, ganz all=täglich, ganz von einem Tag auf den andern geworden, und wie ich jeden Tag für dich danke, so kann ich auch nur jeden Tag für dich bitten, nicht mehr um gute Jahre sondern nur immer um gute Tage, nein gute Stunden, gute Augenblicke. Du geliebtes Herz – hab einen guten Tag.

Auch unser Geschenk, das dir Edith heute abschickt, ist recht aus dem Tag gekommen; erst gestern bin ich auf das Buch geraten, Edith hat es schon lange und hatte mir davon erzählt, aber nicht recht; nun liess es mich gar nicht los; gestern Abend fiel es uns im gleichen Augenblick ein, es würde ein Geschenk für dich sein. Ich kenne eigentlich wenig, – und da nur lauter anerkannt Grosses –  wo das Menschliche so wahr und echt ist und doch das Schicksal einer ganzen Welt sich unverkleinert und unverkleinlicht drin abspiegelt. Das Buch gehört einfach zu den ganz grossen Selbstbiografien. So erschütternd ist doch eben nur das Leben selbst; keine Legende kann da heran. Freilich wird es so nackt sichtbar auch nur in den Augenblicken, wo es aus den Fugen geht, der Tod ist hier wirklich der teure allzuteure Preis, der für das Leben gezahlt wird. Wo konnte sich diese Welt so spiegeln, als in einem Herzen, dem sie gestorben war? Aber solche Herzen verbürgen dem Gestorbenen, das in ihnen begraben wird, doch auch die Auferstehung. Lies es und spür nicht bloss den Tod daraus, sondern auch die Auferstehung, deren Anheben noch die Alte selber (in ihrem zweiten Vorwort) vernommen hat. Und dann denk an uns – und auch an euch, denn sterben tut zwar jeder allein, aber die Auferstehung geschieht keinem oder allen. Also denk an uns beide, wir brauchen dich – und euch.

Es küsst dich

Dein Franz.

[10.III.20]

an deinem Geburtstag1920

Liebes Gritli,  es hätte gar nicht der furchtbaren (und augenblicklich, wo du schon so kaum schreibst, gar nicht so furchtbaren) Drohung bedurft, du würdest in der Proletarierkolonie keine Briefe mehr schreiben (ist doch auch gar nicht mehr nötig, denn Voraussetzung wäre ja das Zusammenleben), also es hätte gar nicht dieser Drohung bedurft, damit ich über Rudis Brief lachte. Ich las ihn nämlich zuerst, noch vor deinem. Weisst du, ich kenne ihn ja länger und kenne auch diese Epoche bei ihm von früher. Das hat bei ihm gar nichts zu sagen, es sind nur die Geburtswehen eines neuen Gedichts. Während bei Eugen aus dem entsprechenden zwar nicht die Tat von der er spricht, aber eine andre Tat, und immerhin also eineTat herauskommt. Was du dazu schreibst, stimmt fast alles. Nur das noch: das Rudische daran ist, dass er sich die Tat, statt sie zu tun, sich zunächst mal dichtet; er “fordert auf”, es müssen zunächst mal alle mittun, er baut sich eine ganze Bühne voller Personal auf, denkt sich auch noch den Zuschauerraum dazu, und dann Klingelzeichen und dann beginnt – nicht die Tat, sondern das Drama. Ich fühle mich von diesem Ruf zur Tat nicht im mindesten getroffen oder auch nur beunruhigt. Unser Nichttuen ist uns viel näher, als Rudi sichs jetzt hinstellt. Es ist jedem sein eigenes Nichttun. Deshalb ist Hans nicht nur etwas besser als wir, sondern wirklich gut. Denn er tut seine eigene Tat, die in seinem Kreis und an seinem Ort ihm vor Händen liegende Tat, ganz und gar. Bei ihm fehlt gar nichts. Rudis Nichttun besteht in so etwas wie diesem Kassler Vortrag oder jetzt in seinen Göttinger Volks = Vorträgen, wo ihm die Leute, wohl mit Recht, davonlaufen, offenbar weil er den Professor nicht ausziehen kann, da wo er ihn ausziehen müsste. Es ist sehr billig, dieses Ausziehen des Professors von dem Heute wo es gefordert wird, auf ein Übermorgen, wo mans selbviert, dann aber auch “radikal” tun wird, verschiebt [sic]. – Was ist mein schlechtes Gewissen? (indiesem Punkte, dem “Nichttun”)? nur dies: dass ich nicht Zionist werde. Das ist aber nicht etwa die Frage: soll ich nach Palästina oder hierbleiben. Die stelle ich mir gar nicht, würde sie mir auch nicht stellen, bis ich von den “Christen”  fortgejagt würde (hast du die Münchener Szenen in der Zeitung gelesen? und die Baden = Badener?). Sondern es ist einfach eine Frage meiner Wirkungsart hier in Deutschland; ob ich mich eingliedern soll in die starke bestehende Organisation und mich auf ihre Leisten schlagen lassen, damit doch mindestens ein rechtschaffener Schuh aus mir wird, – oder ob ich frei und alarmbereit bleiben muss wie ich bin. Und so hat jeder von uns hier sein ganz eigenes schlechtes Gewissen zu haben. Über Picht sprachen wir schon. Über Eugen (sein freiwilliges Sichkleinmachen) auch schon. Für die Frauen liegt ohnehin alles anders. – Aber Rudis Rezept für alle, ist weiter nichts als ein Ablehnen der Medizin, die schon auf seinem Nachttisch steht, mit der grossen Geste: die ist mir viel zu wenig bitter.

Den “Glauben der Knaben” kann man so wenig erzwingen wollen wie irgend einen andern Glauben. Sowenig wie man ihn sich einpökeln kann, wenn er einem einmal wird. Man kann ihn dann nur frisch verzehren und NB dann schleunigst verdauen und wieder von sich geben(“verzeihn Sie den harten Ausdruck”).

Wir schmähen ja weder die Wissenschaft, noch bolschewisieren wir die Kirchen, noch begraben wir den Staat. Nur die Götzenbilder der drei stürzen wir, oder richten vielmehr die gestürzten nicht wieder auf. Aber wenn Menschen nach Wissen verlangen, geben wirs ihnen so gut wirs können. Nur nicht mehr das unverlangte, das von niemandem als dem Götzen “Wissenschaft” verlangte Wissen. Und wenn Menschen nach Ordnung verlangen oder nach Gemeinschaft – von “uns” sollen sie doch nicht umsonst bitten, wenn wir nur irgend ihnen geben können, was sie wollen. Wir dienen aber, wir demonstrieren nicht. Wegen unsrer Werkzeitungen, Akademien, Volkshochschulen, Verlage und was weiss ich soll und kann uns niemand glauben. Aber vielleicht bei Gelegenheit aller dieser schönen Dinge. Und was ists für ein komischer Einfall, die Frucht müsse ausserhalb des Leibes liegen. Das Gleichnis führt eben hier ganz irre, es ist bloss eine dumme Metapher. Unsre “Früchte” bestehen ja grade darin, dass irgend ein Mensch oder ein Ding aus seinem bisherigen Ausserhalb in unsern gemeinsamen Leib hineingezogen wird und nicht ausserhalb des Hauses bleibt. Wie gross dies Haus ist oder wird – ist das unsre Sache? Und weil bisher immer nur einzelne von draussen hineingekommen sind, können deswegen nicht einestags auch mal 100e und 1000e kommen? und dann natürlich anders hineinkommen als die Einzelnen bisher. Mir ist um die Masse und das Aussen gar nicht bange, das kommt alles. Aber in der Lüneburger Heide käme nichts weiter hinzu, und nichts weiter herausals – Rudis Satire.

Wenn ich des Morgens hier im Haus ein Ei kriege und Jonas nicht, wie heute Morgen, so legt sich mir das wirklich mehr aufs Gewissen als alle künstlichen Überlegungen, dass ich “Kapitalist” bin.

Beim Abgewöhnen des Wörtchens “an” ist Rudi jetzt bei dem ebenso gefährlichen Wörtchen “mit” hängen geblieben und fragt (oder vielmehr dekretiert), was wir “mit”  Volkshochschulen Werkztgn. u.s.w. erreichen oder nicht erreichen können. Während in Wirklichkeit die Welt weder mit “an” apotheosiert noch mit “mit” instrumentalisiert werden darf, sondern nur mit “bei Gelegenheit von..” er = ge = und be = lebt werden soll.

Wäre es anders, hätte Rudi recht, dann wäre ja z.B. meine Heirat, (abgesehn von der fehlenden “Sichtbarkeit”) ganz und gar eine “Tat” im Rudischen Sinne. Und das ist sie doch ganz und gar nicht.

Übrigens bin ich ja der Gegenbeweis gegen die Kolonieidee überhaupt. Denn mein “Judentum” würde ja, wenn ich mit euch in der Kolonie leben wollte, zum blossen Kostümfest. Und doch – was wäre die Kolonie ohne mich. Also. Q.e. d. Ganz abgesehn von der Vorstellung, Edith und Greda zusammenzusehn. Schon du und sie – ihr hängt doch leibhaftig nur durch mich hindurch zusammen. Alles andre ist doch nur ein Gespinst und weniger als Gespinst.

Ich habe schrecklichen Schnupfen, fahre wohl trotzdem morgen einen Tag nach Lauenförde und bin Freitag, wenn Rudi kommt, wieder hier. Da hab ich nun doch an deinem Geburtstag eine Stunde mit dir verredet. Wenn du nun wirklich dasässest, kriegtest du einen Kuss, schon zur Erholung von dem langen Geschwätz. So bleibts beim Wort, beim blossen Federstrich  —

Dein.

11.III.20.

Liebes geliebtes Gritli,  eben kommt Eugens Brief an Mutter mit der bösen Nachschrift. Wir sind so erschrocken. Mutter machte zwar gleich Pläne für gemeinsam Wildungen. Aber erst werd einmal gesund. Oder nein, erst hab nur keine grossen Schmerzen. Liebes Gritli –

Ich fahre erst Montag nach Lauenförde. Ich bin noch zu verschnupft. Morgen Mittag kommt ja auch schon Rudi, und wenn möglich will ich morgen Vormittag noch herauf zu Helene. Ich habe das Lesen wieder angefangen seit einigen Tagen. Kennt Eugen Bahrs Expressionismus = Büchlein? sonst muss ers lesen. Er muss überhaupt jedes Nein zu diesem Menschen in sich stille machen, so laut es ist und sein muss; denn er ist doch der einzige Ältere, der wirklich zu Patmos gehört. Und dann: zum Werdenden in der Piperschen Ausgabe (dort der “Jüngling” geheissen) hat Mereschkowski ein paar Seiten Vorwort geschrieben, die wohl noch über das zu den Karamasoffs hinausgehen; ihr müsst es beide lesen, es handelt von dem was Eugen im August seinen “Verrat an Christus” nannte, er spricht davon als wäre es eine Selbstverständlichkeit und sagt, dass das was Tolstoi wie Nietzsche, jener schaudernd, dieser jubelnd, als den Antichristen erkannten, in Wahrheit das Gesicht des wiederkommenden Christus sei! Und da ich grade von Gelesenem spreche: die Isolde Kurz hat in ihren Florentinischen Erinnerungen ihren Nachruf auf ihren Bruder Edgar abgedruckt, eine wunderbare Arzt = Biografie, aus der man mal wieder erfährt, was die Heiden für gute Menschen sind – wenn mans aus dem Buch Jonas noch nicht gelernt hat.

Aber genug vom Gelesenen. Waren Eugens Vorwürfe wegen Karoline  nicht 100mal begründeter als Rudis komischer “Aufruf zum Pauperismus. Übrigens denk mal, der hl.Franz hätte mit einem Aufruf zur Armut angefangen. Überhaupt das Aufrufen!

Wie profetisch wieder meine Ahnung war, dass dir etwas wäre. Wobei ich übrigens an gar nichts Bestimmtes gedacht habe, also auch gar nicht etwa an Krankheit. Aber ich bin im Augenblick so merkwürdig gewiss, dass es bald vorübergehn wird und du wohl gar doch noch nach Berlin kommen kannst. Und dort hören, dass “die Liebe soll nichts scheiden” –

Du mein liebes Herz, – du mein, du unser liebes Gritli

— Dein Franz.

12.III.20.

Liebes Grili,  dein Tintenbrief vom 10. heut Morgen an Mutter war ja eigentlich beruhigend. Schon dass du die Marthakomplikation darin noch so ernst nahmst, als käme das überhaupt in Betracht, dass du am 15ten etwa reisen könntest. Aber hast du denn Briefe von mir nicht gekriegt? ich schrieb dir einmal aus Berlin am Donnerstag oder Freitag, dass wir bei Martha waren, ohne sie zu treffen. Ich schickte dir einmal auch den Brief an Landau mit, zum Zurückschicken. Ich habe dir täglich geschrieben.

Heut Morgen war ich bei Trudchen und bei Helene. Es war sehr schön, mit beiden. Nach Tisch kam dann Rudi. Die Broschüre ist fertig, ich habe mir meine Freiexemplare schon genommen. An Mayer geht sie mit einem Brief; es ist ein letzter wohl schon aussichtsloser Versuch, den Stein Frankfurt noch ins Rollen zu bringen; vorläufig werden wir uns ja wohl den Einzug in die “eroberte Stadt” verkneifen müssen und du wirst auch weiter bei der alten Adresse Terrasse 1 bleiben.

Ich kann dir heute nicht recht schreiben, mir fehlt ein Wort von dir. Wovon lebe ich denn?

Dein Franz.

13.III.20.

Du Liebe – was war es nur, aber es war so schön heute Morgen, zwei Briefe von dir kamen und zugleich auch von Edith zwei, aus denen es mir auch so wirklich entgegendrang, dass sie da ist, doch da ist; ich hatte es gestern wirklich nicht mehr recht glauben können; freilich hatte ich deine Briefe zuerst gelesen und vielleicht war das nötig, damit ich Ediths recht lesen konnte; aber das merkte ich selber erst nachher.

Ich bin ganz hoffnungsvoll für dich, dass du doch kommen kannst. Das Zimmer für euch ist besorgt. Ihr, Rudis, Mutter und – die Leipziger wohnt in der Pension am Gendarmenmarkt, ich wohl auch. Hans = Else irgendwo mit Otto = Emmy zusammen. Louis = Trudchen in seinem gewöhnlichen Hotel.

Das Weiberbuch ist ja mit hebräischen Buchstaben gedruckt und selbst wenn du die Schwierigkeit überwindest, was dich keine 2 Stunden kosten würde, so kommen so viele hebräische Worte zwischen den deutschen vor, dass du schon das kleine Wörterbuch des Jüdischdeutschen von Strack brauchtest – und da würde es zu viel Mühe. Also du wirst dich da nicht vom Lehrer emanzipieren können – etsch! Bei Pessele[?] hatte ich erst ein Bedenken, Eugens wegen. Gegen den eigentlichen, über = genrebild = mässingen, Inhalt des Buchs muss sich doch etwas in ihm aufbäumen; der Kampf zwischen alt und neu wird ja doch von der grossartigen Person geschildert als eine Pöbelrevolte des Neuen gegen das Alte, wobei der Pöbel freilich siegt, aber eben wie Pöbel, und nicht auf immer.

Mit Frankfurt – das darf ich nicht anders machen als ich es mache, nämlich Schritt vor Schritt. Erzwingen kann ich gar nichts dabei. Es ist ja ausserdem einfach nicht wahr (oder vielmehr eine christlich = germanische Wahrheit), dass kein Mensch eines anderen Sache vertritt als wäre es die eigene. Bei Juden kommt das durchaus vor. Ich muss hier nur das eine: nicht lügen. Also kann ich z.B. Mayer nicht sagen, warum ich kein halbes Jahr warten kann. Denn – ich kann ja warten. Warum denn nicht? Ich habe Mayer die Broschüre geschickt mit einem gar nicht dringlichen Brief, trotzdem mir Edith zuerst geraten hatte, ihm “die Pistole auf die Brust zu setzen”; ich habe sie dann aber zu meiner Ansicht bekehrt. Der Grundunterschied zwischen Eugen im vorigen Jahr und mir jetzt ist der: dass Eugen nach St. ziehen konnte, sogar musste, ich (auch nach Ediths Ansicht) nach Frkft. nicht ziehen darf ohne den Anfang einer Stellung. Daran halte ich fest. Irgend eine Folge wird ja die Broschüre haben. Wo, wie, was? weiss ich nicht. Aber sogar Zeit ists hat Folgen gehabt. Dass ich den Folgen damals selber keine Folge leisten konnte, lag daran dass Zeit ists gelogen war. Und Lügen werden immer offenbar, wenn der Lügner sie ins Leben umsetzen soll. Diesmal habe ich die Wahrheit gesagt. Also bin ich diesmal bereit, jederFolge, die diesmal entspringen wird, persönlich Folge zu geben. Aber ich muss warten. Ich war in Frkft., meine Broschüre ist erschienen, ich habe an Mayer geschrieben; nun ist die Reihe des Antwortens an “Frankfurt”.

Jonas? aber er ist ja noch gar nicht verlobt. Eigentlich soll michs doch wundern wenn sie ihn nimmt. sie ist nach den Bildern eine ganz besondere Person und wunderhübsch. Er ist allerdings jetzt auch netter als je. Heut hat er wieder ein schönes Bild fertiggemacht, eine Alte in Blau.

Liebes Gritli, ich denke immer an den Gang durch den Garten.

Dein Dein Dein

[13.III.20.]

Liebes Gritli,  ich schreibe vorm Er=stehen von Plätzen für Oberon heut Abend. Wir kennen ihn alle noch nicht.

Rudi hat mir von dem Plan erzählt, wonach ihr euch – offenbar wegen der “Einladung” – verpflichtet gefühlt habt, mir zusammen “etwas” zu schenken. Rudis Beteiligung an diesem “etwas” habe ich schaudernd verhütet. Nun bitte ich dich, deinen Mann Eugen, geborener Rosenstock, nach Aufgebot deiner ganzen Gritlichkeit vor diesem Ausrutschen in sumpfigstes Bourgeoisgelände zu beschützen. Ich wäre sonst zu Taten fähig, die Schutzengel weinen machen könnten. Ich will nicht “etwas” von euch. Oder soll damit demonstriert werden, dass “wir”, anders als ich, noch “etwas” von euch kriegen könnten? Sollen diese “Wir” verewigt werden? Aber noch nicht einmal die Einladung ist von diesen Wir gekommen. Was hätten diese Wir denn für einen Grund, Herrn und Frau Dr.Rosenstock aus Stuttgart zu einer im engsten Kreis gefeierten Hochzeit einzuladen. Verschwinde, Spuk.

Verschwinde auch der Spuk, dass die arme Edith am Tag vor ihrer Hochzeit noch ausgerechnet mit “Greda” zusammengebracht werden sollte. Denk doch bitte, dass noch 100 mal eher ich mich mit Greda vertragen könnte (auf die Melodie”ganz amüsant”), als Edith. Das ist genau so undenkbar wie etwa für Helene. Sogar ohne die Besetztheit dieser Tage würde ich ihr das nicht zumuten.

Im übrigen ist Sonnabend “Zusammensein” bei Salomos, von dem ich euch alle schon befreit habe, Freitag ist Freitag Abend, ihr habt also beide Abende für euch.

Grad komm ich an den Schalter!

Dein Franz

14.III.20

Liebes Gritli,   mit den Oberon = Billeten ist es nichts geworden. Rudi und Helene sind bei Tante Julie, ich gehe wohl noch nach. Ich will auch weiter nichts als dir nochmal sagen, dass ich bei dir bin. Wie sehr. Ich weiss gar nicht, warum ichs dir plötzlich sagen muss. Aber ich sag es eben, immer, immer wieder.

Dein.

15.III.20.

Liebes Gritli,  ich hätte wohl nach Berlin fahren sollen und Edith herausholen? Die Trauung hier etwa durch Prager. Wer weiss jetzt, wies wird.

Durch die Streiks konnte ich heute nicht nach Lauenförde. Rudi und Helene sind auch noch hier. Wie mag es dir gehen?

Mir wurde heute so klar, was die innerste Unmöglichkeit bei allen Lehmkoloniegedanken ist: die Unmöglichkeit für uns alle, zusammenzuwohnen. Eugen darf die nicht wahrhaben, aber wir mit unserem Vorrecht eines Überschusses an Wahrhaftigkeit, (das ja nicht unser Verdienst, sondern Folge unsrer Schuld ist) müssen es uns doch einfach eingestehn. Weder Rudi noch ich könnten mit dir in einer Strasse wohnen. Es wäre unerträglich für uns alle. Briefe, Besuche – das sind nun mal die Naturformen für ein so ganz un = und übernatürliches Verhältnis wie es zwischen uns besteht. Nur Eugen darf (und muss vielleicht) das “um=” und “über=” leugnen und alles für natürlich (im Zeitalter des Antichrists, früher der “Ketzerkirche” geheissen, natürlich erst natürlich) erklären. Wir dürfen es nicht. Wir dürfen nicht vergessen, was wir tun. Denn uns ist das Tun gegeben, nicht, wie ihm in diesem Fall, das Leiden.

In Sehnsucht und Liebe, in brennender,

unverlöschlicher,

Dein.

 

16.III.20.

Liebes Gritli,  es ist noch keine Antwort da, auf unser Telegramm gestern, (über das sich übrigens Mutter schwer erregt hat, weil ich nicht gleichzeitig daran gedacht habe, eins an Edith zu schicken!! um deren Befinden mich zu sorgen ich doch nicht den mindesten Grund habe. Um deins ja auch nicht so sehr, aber weil du wahrscheinlich doch in diesen Tagen nicht schreiben wirst sondern denkst, die Briefe kämen nicht an – wir hatten heut einen vom 13. abgestempelten Brief aus Tübingen! -, so wollte ich wenigstens so etwas von dir hören. Ich habe eine so unmögliche Sehnsucht nach dir, nach deiner Nähe, deiner Stimme, deinen Händen. Die Steinhand hilft wenig, sie ist nur eine Parodie, nicht auf deine Hand, aber auf meine Sehnsucht.

Rudi und Helene sind noch hier. Auch Helenes Grenzen werden einem bei so einem längeren Zusammensein wieder sehr deutlich. Sie ist eigentlich noch ganz befangen (“katholisch”), das Sichselbstübersteigen ist wirklich einGeschehen – “an” ihr. Sie ist es nicht selbst. Erinnert man sie daran, so steht sie sich selbst wie gegenüber.

Gestern Abend kamen wir auf alte Sachen. Ich las aus dem Entwurf die in der Reinschrift leider von Philips verschlamperte Prometheusparodie von 1913 vor, ich hatte sie fast vergessen, sie war wirklich sehr gut. Dann suchte ich nach meinem Brief über Grünewalds Colmarer Bilder, von 1906. Dadurch geriet ich überhaupt auf die Briefe dieses Freiburger ersten Winters und las sie in der Nacht noch durch. Es ist ja eine Epoche in meinem Leben gewesen, die typische “erste Krise” (das Erwachen mit 14 ist ja keine Krise, sondern ein Erwachen). Der Winter ist noch voller Musik gewesen und – selbst in dieser zurechtgestutzten und vergeistreichelten Aufmachung für die Eltern – ganz quietschlebendig. Aber schon fängt die Philisophie an, und den Abend wo ich über das J.Cohnsche Seminar den Anfang eines Konzertes versäumen musste, empfand ich schon damals gradezu als symbolisch; wenigstens ulke ich so darüber an die Eltern. Der geistreich = spritzige Ulk = Ton, den diese Briefe anschlugen, hat mich doch etwas erschrocken gestern, wenn ich denke wie anders es in Wirklichkeit in mir aussah. Aber die Rolle ist so gut gespielt, dass ich wirklich kein Recht habe, es meiner Mutter übel zu nehmen, dass sie mir diesen Mich geglaubt hat. Übrigens werden die Briefe mit dem fortschreitenden Semester immer dürftiger und unliebenswürdiger, wie ich selber doch wohl auch. Man kann eben eine Maske mit soviel Grazie nur tragen, wenn sie einem immerhin – mag sie auch Maske sein – doch passt. Die nächsten Jahre passte sie nicht mehr, und die neue war die der Unliebenswürdigkeit. Mutter hat freilich wohl die ganze Jahre gleichmässig über mich gejammert; das weiss ich ja aus den Briefen von Tante Ännchen, die ich einmal las und die eine Kette von Trostbriefen über mich sind.

Was schwätze ich. Ich möchte bei dir sein, nur bei dir.

Dein Franz.

17.III.20.

Liebes Gritli,  Eugens Telegramm heute gab uns seit Tagen die erste Nachricht wieder. Ich war schon recht gedrückt gestern, nicht ob du nach Berlin kommen könntest oder nicht – das liegt ja nun überhaupt in weitem Feld, die ganze Hochzeit. Aber so gar nichts von dir zu hören.

Eugens “Frieden” fängt gut an. Heut Abend sind hier aufregende Bolschewismus = Gerüchte. Ist es so, dann ist Edith in Brüderstr.39 sicherer aufgehoben als in Terrasse 1. Das ganze Jahr, was jetzt vorbei ist, nach dem Berliner März und dem Münchener April war vielleicht die letzte friedliche Episode, und wir haben es nur nicht gemerkt, solange es war. Was wird nun kommen?

Die Broschüre macht weiter – keinen Eindruck. Tante Emmy heute; dann rief ich Trudchen an: “hübsch, hübsch, soweit es überhaupt etwas ist, aber es ist doch sehr wenig”. Dabei gefällt sie mir selber immer noch besonders gut, wenn ich wieder reingucke.

Ich spüre die Basislosigkeit meines Lebens wieder so sehr, wenn ich jetzt mir vorstelle, es käme wirklich die bolschewistische Revolution. Eugens Mutter, die mir 1913 erklärte, sie würde mir keine ihrer Töchter geben, denn ich könne mein Brod nicht verdienen, hat eigentlich ganz recht gehabt.

Helene leidet unter dem Getrenntsein von den beiden Kindern. Wir gehen jetzt nachts nochmal zur Bahn, um zu sehen, ob Züge fahren. Ich will auch Edith noch schreiben vorher, gestern konnte ichs nicht recht, ich tue es eben so gar nicht aus Bedürfnis; weisst du nicht wegen des abgehenden, nur wegen des ankommenden Briefs, zu deutsch: ihretwegen, nicht meinetwegen. Es ist mir nur Pflicht, nicht Notwendigkeit, ihr zu sagen wie mir ist. Sie ist eben eigentlich in meinem Leben doch noch nicht vorhanden und liesse heute noch wenn sie plötzlich verschwände keine Lücke, wenigstens in meiner Gegenwart keine, in meinen Zukunftsphantasien wohl schon. Aber worin lebt man eigentlich? In der Gegenwart oder in den “Phantasien”? Man kann wohl das eine so gut wie das andre. Stärker freilich sicher in der Gegenwart.

—  —  —  —  Dein Franz.

18.III.20.

Liebes Gritli,  ich bin so froh, dass wieder ein Brief von dir da ist, das geht beinahe über alles weg was drin steht. Was du zuletzt schreibst, vom nie = für = immer = beieinander = sein das ists ja auch was mich in diesen Tagen so ausfüllt. Ich meinte immer, ich hätte es längst erfasst; auch ohne Eugen mussten uns ja immer, und schon “vorher”, die getrennten Häuser unsrer Seelen trennen; wie wirs an jenem Abend im Oktober 18 in Frankfurt erlebten, und wieder an jenem Morgen in Breisach; ja das war mir immer eine Stütze in meinem Gefühl für Eugen, dass ich ihn auch mit Wenn und Aber für die Vergangenheit nicht wegdenken konnte; dies “es ist nicht möglich” lag auf der breiten Basis eines “und es wäre auch nie möglich gewesen”; und durch dies zweite wurde das erste ganz entgiftet. Und dennoch hatte ich es nicht ganz erfasst. Erst seit nun auf jenem breiten Grund des “es hätte nie sein dürfen” zu dem einen “es darf nie sein”, das Eugen heisst, nun das andre, das Edith heisst, hinzutritt, erst seitdem weiss ich es ganz. Aber dies vollkommene Wissen legt sich schwer auf mich. Es ist nur Bestätigung, es sagt gar nichts Neues, aber es sagt das Alte so – ich habe kein Wort dafür. Du verstehst mich auch so. Aber fühlst du auch – ja du tusts -, dass meine Liebe, wenn sie es konnte, noch wächst in diesen Tagen, wo ich unter das Joch – das Gott sei Dank süsse – Joch dieser Bestätigung mich beuge. Ich habe auch dafür keine Worte. Es ist etwas Eisernes dabei. Ein mich = gar = nicht = vom = Platze = rühren = können und es auch gar nicht wollen, ein von dir geatmetwerden und dich atmen. Nein, vor allem dies Gewichtigwerden meiner Liebe, etwas wie ein Erstarren, etwas also was nicht sein darf, wie wirs beide doch wissen, – was aber nun doch ist. Ein Festwerden, mehr ein – ja nun hab ich das Wort: durch diesen Schluss des Ringes der Sakramente, die unsre Trennung verewigen, wird unsere Untrennbarkeit selber Sakrament. Sie ist kein blosses “Wunder” mehr, unsre Liebe. Sie ist ein Sakrament, – trotz aller Sakramente. Du mein geliebtes Herz, du nun, erst nun, ewig Meine  —

ewig Dein.

18.III.20.

Liebe,  Rudi und Helene sind fort, und die Zeitungen klingen ja so, als ob wir uns darum, wo wir “in 1-2 Jahren” sein werden, die geringsten Sorgen zu machen brauchten. In den nächsten 14 Tagen werden sich wohl ganz andre Dinge entscheiden. Gar das Datum des 28ten ist ja nun ganz in die Wolken geschrieben. Heute Abend wurde zwar ein Telefongespräch nach Berlin angenommen, vielleicht kann ich also sogar hinreisen, schleunigst Civiltrauung machen, die richtige dann dort oder hier, das ist ja gleich, und sie jedenfalls hierhernehmen. Denn je östlicher, um so bolschewistischer; die Teilung Deutschlands zwischen einen russischen und einen französisch = amerikanischen Teil kommt ja nun doch, und die Elbe wird zwei feindliche Länder von einander trennen. Mutter jammerte heute, als ich nicht dabei war, sehr über meine Berufslosigkeit. Kunststück! Sie versteht freilich darunter doch nur, dass ich nicht Privatdozent bin; dann wäre alles gut. Sie verspricht mir auch jüdische Erfolge davon (trotz Cohen) und ahnt gar nicht, dass ich heute, selbst wenn ich wollte, nicht mehr könnte: ich bin viel zu kompromittiert, kein Ordinarius könnte mich, nach den beiden jüdischen Schriften und dem * mehr vorschlagen. Ob der * nun je aufgehen wird??

Und nun, lieber Eugen, ich freue mich, dass es nun endlich, nach der langen vielleicht allzulangen Zwischenaktsmusik endlich zum Aufgehen des Vorhangs gekommen ist. Lass dir doch auch ja nicht einträufeln, es wäre dégoutant was du getan hast. Du brauchst gar keinen übeln Nachgeschmack zu habe; du hast einfach recht getan, und Riebensahms [?] masslose “Empörung” beweist dir doch nur, dass du recht getan hast. Wäre er weniger “empört” und etwa statt dessen ein bischen traurig, dann wäre das der Beweis, dass du zuviel getan hättest, dann hättest du ein zartes zu zartes Leben geknickt; eine Blume, die man knickt, ist traurig. Dass er empört war, ist das sichre Zeichen dafür, dass es gar kein zu zartes Leben war, sondern überhaupt kein Leben; das Tote, das lebendig werden soll, empört sich gegen den Weckruf, es ist nicht traurig, es rast. Du hast ihn rasend gemacht, und einfach weil du ihm statt des “Dieners” dich selbst gezeigt hast. Dass du dabei im übrigen einfach “besonnen” warst, kann dich weiter beruhigen; du bist ja erst hingegangen, als die ganze Umwelt längst in das Ehe = “Geheimnis” hineinsah und nach dir rief; (das Kästchen, die Hausdame, die Privatsekretärin). Wie er sich gegen dich abzuschliessen meinte, indem er dich “zum Zweck grösserer geistiger Gemeinschaft” gleichzeitig an sich heranliess, das ist so toll, eine Einteilung des Lebens nicht in das übliche “Innen” und “Aussen”, sondern in ein “Innen” für dich und ein “Innen” für sich – von diesem Heidentum kannst du nicht mehr sagen dass es “die Schöpfung erhält”, denn die ist von Gotteinfach geschaffen und erst die Menschen machen ihre künstlichen Zäune und Gräben und vervielfältigen die Einfalt des Lebens. Solange er dir einfältig erschien, so lange musstest du ihn in seiner Geschöpflichkeit ehren und stehen lassen; in dem Augenblick wo er dir seinen “Kult auf zwei Altären” vorführte, musstest du “hineingreifen”, denn nur den Heiden sollen wir ehren, nicht seine Götter; da müssen wir “vorgehen” und sie “masslos empören”.

Übrigens ists ja nur ein erster Akt, da kommt sicher noch mehr. Aber ich freue mich für dich und uns alle – du weisst dass ich in diese “uns alle” längst ihn mit hinein zähle -, dass du endlich diesen ersten Akt aufgeführt hast, indem du auf vielfach zusouffliertes Stichwort endlich als du selbst auf die Bühne getreten bist.

Liebes Gritli noch einmal,  hoffentlich werden wir alle nie so “alt und erfahren”, dass wir das was Eugen getan hat, tun “dürften“. Dann dürften wir es freilich nicht mehr.

Dein Franz.

19.III.20.

Liebes, liebes Gritli,  ich fahre morgen früh doch nach Lauenförde. Berlin ist nach der Bahn = Auskunft hier frei, nach dem Abendblatt gesperrt. Der letzte Brief von Edith ist vom Sonnabend Abend. Überhaupt sind ja die Berliner Nachrichten so, dass es wohl kaum zur richtigen Tschiumbumm = Hochzeit mit Essen u.s.w. kommt. Stattdessen werde ich morgen früh von der Bahn aus telegrafieren und anfragen, ob sie mit abgekürztem Verfahren einverstanden sind.

Ich war heut Morgen allein auf dem Friedhof, Mutter konnte nicht mit; so schwach ist sie doch noch. Weisst du, wenn ich allein  in Berlin bin, möchte ich keinesfalls eine Festerei, bei der ich dann als Waisenkind dabei sässe; das dürfen wir Hans nicht zumuten.Sie werden aber wohl überhaupt kaum in der Brüderstrasse nächste Woche Feste feiern können.

Eugen selbst trifft die “Pöbelrevolte” natürlich gar nicht. Aber doch seine Eltern. Und deren Verhalten hat er doch nicht unter diesem Gesichtspunkt angesehn.

Es ist vielerlei zu erzählen. Ich lese viel Luther. Hat Eugen nicht meinen II. und IV. Band mitgenommen? Sieh mal rein, er ist doch ein ganz grosser Mann, ein grösserer Deutscher als Goethe. In jedem Wort steckt er ganz drin.

Mit Jonas hatte ich heut ein Renkontre, das erste überhaupt – so empfand ers -, seit er hier ist, wo er mir doch ins Ungreifbare und Unangreifbare wuchs.

Und mit Mutter gestern Abend ein Berufsgespräch, wo auch sie ernsthaft vom Rabbiner anfing – schrecklich!

Ob einer verzeihen kann, der noch nicht erfahren hat, dass er Verzeihung braucht?

Vielleicht nachher nochmal ein Wort.

Ich bin so eilig. Aber immer,

immer     Dein.

20.III.20.

Liebes Gritli,  Eugen wendet das “Die in Tränen säen, werden in Freuden ernten” auf mich an – ich weiss nicht. Wenn ich wenigstens “weinte”. Aber mir ist gar nicht zum Weinen, mir ist nur so unendlich dürre, so liebeleer. Noch nie habe ich bei einem Schritt meines Lebens so sehr nur das Gefühl des Sterbens gehabt und gar nicht dabei zugleich das des Auferstehens. Gewiss 1907 oder 1913 oder auch der Urlaub 1918 – das war auch jedesmal ein Sterben, aber doch auch verbunden mit der ganzen unwiderstehlichen Lust eines Geborenwerdens und dasLichtderWeltErblickens. Diesmal ist davon nichts. Es ist nur ein Tod. Ich habe mich in den 8 Tagen nach Stuttgart darüber hinweg betäubt – ich werde das wohl immer wieder tun – , aber in Wahrheit sind grade diese Tage jetzt in meiner Erinnerung wie eine völlige Leere, wir haben ja auch wirklich in dieser ganzen Zeit kein einziges Wort von Herz zu Herzen gesprochen. Sie hat das wohl nicht gespürt – ich weiss nicht, was sie spürt, ich weiss es genau so wenig, wie irgend sonst jemand, und ich weiss wenig Menschen, bei denen ich es so wenig weiss – aber ich habe mich nur darüber hinweg gelullt. Ich weiss nur, dass unsre wirkliche Nähe in all den Wochen kaum gewachsen ist und das ist doch das einzige was den Namen Liebe verdient. Die “Arbeitsgemeinschaft” und das, [was] jeden Mann mit jeder Frau zusammenführt, funktioniert natürlich, aber hätte ich je noch Kameradschaft und Sinnlichkeit mit Liebe verwechselt, so hätte ich mir den Irrtum jetzt gründlich abgewöhnen können; es war nur gar nicht mehr nötig. Eine Ehe mag man auf diese beiden Surrogate der Liebe wohl aufbauen können, die meisten Ehen sind auf nicht mehr aufgebaut, aber ein Leben? überhaupt Leben? Ich fühle mich auf dem Gang zum Schaffot, und meine Eiligkeit, mein – übrigens nur betriebsamer, gar nicht herzlicher – Wunsch, einen Aufschub zu vermeiden, ist nur der Wunsch eines Hinzurichtenden, der die Hinrichtung will und die Begnadigung ablehnen würde, lieber heute als morgen hingerichtet zu werden. “Was muss geschehn, mags gleich geschehn”. Ein Vorgefühl von Leben, wirklichem Leben meine ich, wie ichs seit 1900 gehabt habe und wie dus seit 1917 oder 18 mit mir lebst, habe ich für das jenseits dieses Augenblicks nicht. Wohl allerlei Betrieb, Wirksamkeit, Macherei, “Mich = Beschäftigen = mit..”, “mich = interessieren = für…” wahrscheinlich auch allerlei sentimentales “Glück” – wahrscheinlich ists auch für eine Leiche ein ganz schönes Gefühl, so ein angenehm gewärmtes, wenn sie allmählich verwest. Wieviel stärker das Muss ist als aller eigner Wille, wie aller eigne Wille mir hier höchstens noch im Wenn = Falle steht – ich würde wollen, wenn ich wollen könnte, – das erfahre ich nun so stark wie noch nie. Dass es nur mein Geschick ist, nicht ihres, das ist das einzige, was mich die Wochen dieser “Verlobung” gelehrt haben. Vor 8 Wochen hätte ich so einen Brief an sie geschrieben, oder wenn ich ihn an dich geschrieben hätte, ihn zuvor ihr geschickt. Jetzt erspare ich ihn ihr. Nicht weil sie ihn zu schwer tragen würde, sondern im Gegenteil, weil mich diese Wochen gelehrt haben, dass sie ihn zu leicht nehmen würde; sie vertraut noch heute auf all die Mächte des “Zusammenlebens”, auf die sie ja auch durchaus vertrauen kann, denn sie funktionieren ja sicher; nur sinds keine Mächte des Lebens, sondern Mächte des Todes, und deshalb funktionieren sie so sicher.

Dein Franz.

Ich zerreisse den Brief nicht. Aber ich habe eben, als ich ihn schon kouvertieren wollte, Helenens Brief hervorgenommen, den ich in der Brieftasche trage, und wieder gelesen. Und nun ist mir wieder gut. Es bleibt alles wahr, was ich da eben geschrieben habe. Aber in diesem “Müssen”, in diesem Ablehnenmüssen der “Begnadigung” steckt auch eine Wahrheit. Eine Wahrheit, von der ich weiter gar nichts weiss, keine Gewissheit also, aber doch eineHoffnung, dass auch diesem Tod noch eine Geburt folgt. Freilich bleibt er darum nicht weniger Tod. Und also furchtbar. Aber ich habe doch wieder Mut. Und nicht bloss den Mut des Hinzurichtenden, mit Anstand zu sterben. Sondern wirlichen Mut. Ein bischen weingstens.

Dein Franz.

21.III.20.

Liebes Gritli,  Hanna geht es immer weiter schlecht, sie ist nur  noch wenig bei Bewusstsein.

Ich habe oben im grünen Zimmer ein neues Gestell aufgestellt, jetzt sieht es weniger schön aus, vielleicht muss der Schreibtisch in die Sofaecke und das Sofa längs der grossen Bücherwand, damit es wieder hübsch wird. Im ganzen rechne ich ja trotz Straussens Brief (oder wegen) mit – mindestens – dem Sommer hier in Kassel. Über Mayer schreibt Strauss bloss: “die Sache scheint im Gang”. Und wegen der Akademie hat er “bindende schrifliche Zusagen von Berlin” erhalten; mein diesmaliger Besuch bei Landau scheint den Berlinern einen Schrecken eingejagt zu haben, sie bekämen das Frankfurter Geld nicht. Die Absicht hatte ich nicht. Aber es scheint mir so unmöglich, dass überhaupt die nötigen Hunderttausende in Frkft. jetzt zusammenkommen sollen. Obwohl – für das Unfruchtbare ist schliesslich immer Geld zu kriegen.

Schrieb ich dir, dass meine hiesige “Aktion” eine Rechnung war, die ohne Gast wie ohne Wirt gemacht war? Der Gast hat anderweitig angenommen, und die Wirte haben auf den blossen Plan hin Zetermordio geschrien, sodass ich gar nicht traurig war. Er sei “Zionist” (heimlicher!), hat es geheissen. Huhu!!!

Von Berlin immer noch kein Wort. Aber von dir gestern und heute auch keins. Dass Mutter nach Berlin geht, gebe ich noch nicht auf. Es wäre doch sehr bös für sie, wenn sie nicht dabei wäre.

Die Telefonsperre schneidet uns auch von Göttingen ab.

Ich lese Luther; im übrigen ist mir elend zumute, wie du wohl auch ohne ausdrückliche Versicherung an diesem Brief merkst. “Ward je in solcher Laun?…”

Dein Franz.

22.III.20.

Liebes Gritli, – ich sitze in einer hochpolitischen IV.Klasse, auf der Rückfahrt von Frau Löwenherz. Es war ein schöner Tag – gut gesprochen, gut gegessen, gut gefahren (im Wagen nach und von Amelith). Das Land an der Weser ist wunderschön, so hanna v. kästnersche Landschaft. Nun müsste ich nur nach Berlin können – und NB. von Berlin wieder heraus; es sieht ja eben wieder sehr trüb aus mit den Fahr = und sonstigen Plänen. Am Ende werde ich Zivilfreiwilliger statt zu heiraten.

Aber weisst du, so ein Tag wie der heute, wo ich das Heiraten und Verheiratetsein mehr als eine äussere Angelegenheit behandle und etwas “dafür” zu tuen habe und nicht bloss daran denken muss als ein Aufeinanderangewiesensein von Edith und mir, tut mir gut. So wird es ja schliesslich werden. Man wird “etwas” zu tun haben, und so wird alles leichter werden als ich jetzt fürchte. Dass es nicht das Richtige so ist, das weiss ich ja. Es ist sogar grade das, was ich neulich “Tod” nannte. Die meisten Menschen nennen das ja das Leben. Aber wir doch nicht. Oder kann uns, wenn wir wissen, dassdieses “Leben” nur Tod ist, etwa auch aus diesem Tode das wirkliche Leben wachsen? wenn wir wissen, dass es der Tod ist.

Ich kann im Dunkeln und zwischen den Gesprächen nicht recht schreiben was ich meine. Ich beisse wohl in die Kandarre, die mir Gott ins Maul gelegt hat? Aber wie kann ich das eigentlich wissen? Hat ers 1913/14 wirklichnicht gewollt und will ers jetzt?

Du sollst mir ja auf all das nicht antworten, du kannst es nicht. Aber die Fragen musst du anhören.

Du geliebte Frau –

Dein

23.III.20.

Liebes Gritli,  von einer Verfrühung der Hochzeit ist gar nicht die Rede. Programmgemäss, oder überhaupt Verschiebung. Von Edith oder ihren Eltern hatte ich gestern ein wortkarges Antwortstelegramm aus dem ich nichts entnehmen konnte. Ich fahre nun die kommende Nacht nach Berlin und lasse den Dingen ihren Lauf, und wenn sie nur “Puppchen” zur Trauung spielen!

Ob Mutter kommt, ist noch unsicher. Wenn ihr kämet, so dass sie jemanden zum Rückreisen hätte, täte sies wohl. Da freilich Thüringen so rasch nicht frei werden wird, so werdet ihr wohl über Frankfurt fahren müssen. An Rudi schreibe ich, er möchte kommen, auch wenn Helene nicht kommt; so hätte Mutter jemanden, der sie hinbrächte. Ich überlege diese ganzen Sachen, als ob es sich um jemand anders handelte. Nicht bloss die “Hochzeit”, sondern die ganze Heirat kommt mir so vor, als wäre ich es gar nicht. Ich kenne mich eben noch nicht in dieser Gestalt. Wie kann Edith es eigentlich wagen? Aber freilich sie kann es wohl; denn mit dem, was von mir übrig bleibt, kann sie ganz gut verheiratet sein; sie hat wohl recht, sich auf die Macht der grossen Henkerin Zeit zu verlassen, wie sie es tut. Bin ich erst geköpft, so werde ich ganz brauchbar sein.

Ich schrieb heut Morgen einen langen Nachruf auf Hanna (den ich übrigens dann zerriss, aus Ärger über Marthas Verhalten), da merkte ich so recht, wie “nicht = existent im Eigensinn” und nur “bürgerlicher Konvention” und “wennschonhin” Edith für mich ist; ich konnte keinen Augenblick an sie denken, nur daran dass ich nicht an sie denken kann. Genügt das eigentlich zum Verheiratetsein? Dass man sich gründlich fremd ist? Manchmal ist mir dies Gefühl der Fremdheit näher am Hass als an der Liebe.

Von Seifert kam bei Prager der gelbe Spengleraufsatz an. Es geht wohl nicht? An Rudi hatte Weismantel über HOH einen wirklich vernünftigen Brief geschrieben. Aber es läuft jetzt alles, auch Hannas Tod, an mir ab; die “Hinrichtung” absorbiert – nicht meine Gedanken aber meine Lebenskräfte vollständig; das Herz erstarrt mir in einer richtigen Todes = Angst. Vielleicht musste diese Woche des erzwungenen Schweigens noch kommen, um mir zu zeigen, wie sehr mir Edith auch sonst schweigt. Dies Nichtdasein – wie könnte ich dir auch nur diesen Brief schreiben, wenn sie “dawäre”. – Es klingt so leicht: nur die Wahrheit sagen! Aber es gehören zweie dazu, einer der sie sagt und einer der sie hört. Edith will und kann nicht hören, dazu müsste sie ja – dasein. So schlucke ich das alles jetzt – ihr gegenüber – in mich hinein, recht ein Beispiel für Rudis “Sterben durch Schlackenbildung”. Bin ich eigentlich noch zu kennen, Gritli? oder hat der hippokratische Zug mein Gesicht schon so entstellt, dass du es gar nicht mehr erkennst? Sprich doch! Ich möchte wie Pessele [?] sagen:

Ich bin doch Franz.

24.III.20.

Liebes Gritli,  nach einer ganz fahrplanmässigen Nachtfahrt bin ich hier in Berlin. Von dir hatte ich in Kassel noch einen Brief, den wo du schreibst, dass ihr beide nicht kommt. Die arme Thea! ich glaube ja nicht an ein Matt, ehe die Partie nicht wirklich ausgespielt ist, und habe es nie begriffen, wenn beim Schach mein Gegenspieler die Steine zusammenschob und sich für besiegt erklärte; es steckt ein Unglauben an das Leben darin, den doch das Leben selber immer wieder Lügen straft. Denn wer sagt meinem Partner, dass ich wirklich das Spiel so klug weiterspielen werde, wie ers meint, dass ich müsste. Vielleicht wirft die abenteuerliche “Dummheit” meines nächsten Zugs all sein voreiliges Verzweifeln über den Haufen und macht ihn wieder zum Herrn der Situation.

Müsste ich diese Predigt nicht eigentlich mir halten? Ich halte sie mir auch immerfort und ihr haltet sie mir alle. Aber dann erschrecke ich wieder vor meiner eignen Predigt, und die Gewissheit des Todes ist mir gewisser als alle Hoffnung auf ein Auferstehen. Was ist das nur für ein Tag heute. Ich ging ja fast im Zorn zu ihr. Wie ich sie dann sah, war ich freilich gleich gerührt und alles wie weggeblasen. Aber es blieb doch auch eine grosse Leere. Und nun laufen die Leere und die Rührung den ganzen Tag nebeneinander her, wie ein Text und eine Begleitung, wirklich so, denn die Leere ist schrecklich geschwätzig und die Rührung ist stumm. Was soll das für ein Leben werden! Und glaub mir, ich weiss weniger von ihr als je. Wir sind stumm gegeneinander geworden. Und doch sieht sie mich an, als ob sie alles wüsste. Ja es kann gar nicht sein, dass sie mich so ansieht und wüsste nicht, was in mir vorgeht. Oder mindestens: dass nicht in ihr das gleiche vorgeht. Wüsste sie nicht, hätte sie wirklich (wie ich damals, an dem stillen Tag nach unserem Verlobungstag es fürchtete) vergessen, – das wäre schrecklich.

Gute Nacht, ich bin müde. Gestern in Kassel ist Vaters Stein gesetzt. Es ist ganz prachtvoll geworden, ganz so wie wir ihn uns gedacht hatten.

Grüss Eugen und sag ihm, dass ich immer zwischen hinein an ihn denke und bei ihm bin.

Dein Franz.

25.III.20.

Liebes Gritli,  von Mutter kam heut ein Telegramm: es kommt nur Rudi mit ihr, auch Trudchen nicht. Ich will ja nicht klagen, es kann ja niemand etwas dafür, und schliesslich was ist der Tag der Hochzeit, das Leben hat noch viele Tage, und wenn ihr mich an diesem Tag allein lassen müsst, so stehen noch viele vor uns, wo wir zusammen sein werden. Spräche ich dies alles nur nicht so allein von mir aus und fühlte dabei so deutlich, dass [Gritli] [durchgestrichen] (verzeih!) Edith gar nichts davon spüren kann. Wirklich nicht kann , das weiss ich wohl. Alles das in den Wochen der Verlobung rasch Vorweggenommene war eben nur vorweggenommen. Es fängt alles erst jetzt an. Und ich fürchte, sie weiss heut weniger von mir als in den ersten Wochen. Sie hofft auf den Tod -, und ich will nicht sterben. Ich kann ihr keinen Schrecken ersparen. Sie hat jetzt nicht erschrecken wollen; so wird sies später müssen. Ich habe, ausser mit nächsten allernächsten Blutsverwandten – mit Mutter und Vater -, noch nie so lange mit jemandem nahe zusammengelebt, und dabei sosehr das Gefühl der Fremdheit behalten. Noch heute stolpre ich über ihre Worte wie am ersten Tag, und dann am meisten wenn es “meine” Worte sind die sie mir abgelernt hat.

Ich will versuchen, dir in den Amelither Tagen nicht zu schreiben. Bitte tu dus auch nicht. Wir haben uns ja schon einmal in dem Empfinden getroffen, dass wir uns einmal nicht schreiben durften, damals Anfang August 18. Auch damals wusste ich nicht, ob ichs können würde. Diesmal weiss ichs noch weniger. Es muss aber sein, auf die Gefahr hin, dass sie noch tiefer in ihre vergessene Sicherheit versinkt. Vielleicht muss es sogar um dieser Gefahr willen sein!

Gute gute Nacht, Liebe. Das Herz ist mir schwer. Ich leg es in deine Hände. Bewahr es. Es ist ja dein.

26.III.20.

Geliebtes, unser geliebtes Gritli,  Rudi brachte heut Abend Eugens Brief. Gritli, um Himmelswillen werd wieder gesund, ich habe solch einen Schreck gekriegt. Und was habe ich dir grad in den letzten Tagen alles geschrieben! Grade heute kann ich dir schreiben, dass es nun wieder gut ist. Ich hielt es nicht mehr aus; nach der Ziviltrauung sprach ich. Ich zerhieb einfach die Wand des Schweigens, es war Zeit, sie selber hatte sich dahinter auch nicht mehr wohl gefühlt; und ich stellte uns wieder auf den Boden der Wahrheit, auch wenn sie weh tut. Es ist ja gar nicht schön, sich mit ihr “auszusprechen”, es entstellt sie und ich selber entstelle mich auch dabei; es ist eigentlich scheusslich, aber grade darum ists wohl nötig, denn schliesslich wenn man den Mut gehabt hat, mit ungeschickten stöckerigen Bewegungen die Schleier zu zerreissen, dann ist wieder alles gut, und wir spüren wieder das Muss, das stärker ist als mein Ich = will = nicht – und auch stärker als ihr Ich = will. Und danach konnten wir auch wieder reden. Es kam ein Nachzüglerbrief von dir aus den Streiktagen, sie fragte endlich wieder einfach nach dir und ich schob ihr ebenso einfach und selbstverständlich den Brief hin. Und dann kam Abends die Erklärung weshalb aus dieser Woche noch kein Brief von dir da war. Ach Gritli, nun darfst du mich in Amelith nicht ohne Nachricht lassen, bitte Eugen dass er mir Postkarten schreibt (Gutshaus Amelith bei Bodenfelde, Provinz Hannover), und nun schreibe ich dir auch weiter, denn ich mag dich keinen Tag ohne ein Wort von mir lassen. Auch, wenn du es nicht hören willst und bist zu müde, so sieh doch wenigstens die Adresse, – steht nicht eigentlich alles schon in diesem Dativ der Adresse? Es ist doch weiter nichts als ein in die Briefträgersprache übersetztes Dein.

Liebes liebes liebstes Gritli, schlaf dich gesund ganz gesund.

Lieber Eugen, um Thea ist es mir auch sehr leid. Du weisst, was für einen starken Eindruck ich noch vorigen Winter wieder von ihr hatte, oder eigentlich erst da, denn grade das worin sie deine Schwester ist (und mehr als alle andern, auch mehr als Käthe), das konnte ich ja erst da sehen; 1909 /10 und selbst 1912 kannte ich dich ja noch kaum. Ich wollte damals immer mal einen Nachmittag abpassen. wo er Vorlesung hatte, um sie mal richtig allein zu haben, versäumte es dann, nur bei Ditha sah ich sie einmal eine halbe Stunde U =frei. Ganz war sie das freilich wohl nie, denn er hat sie ja nur unglücklich machen können, weil er sie doch zuerst einmal eine Weile lang glücklich gemacht hat. Grade bis in jenes “zuerst” hätte ich mich gern einmal vorgetastet, als ob da ihr eigentliches Leben steckte, aber das war wohl gar nicht wahr, und das Eigentliche war grade das Letzte, worunter nun der Schlussstrich gezogen ist. Ein Rest bleibt trotzdem. Ich glaube nicht an die vorzeitig ausgelebten Leben. Der Mensch hat ein Recht auf alle seine Alter. Nur Greise können Hamlets letztes Wort nicht sprechen. Faust spukt nicht. Aber Hamlet “geht um”. Wir dürfen nicht darum bitten, unser Leben ausleben zu dürfen. Es ist Gottes höchstes Recht, es damit einzurichten, wie erwill. Aber es ist unser Recht, nur das ausgelebte ausgelebt zu nennen und das abgeschnittene abgeschnitten, ohne den Spruch des Schicksals umzudichten.

Dein Franz.

[27.III.20.?]

Liebes Grtili,  es ist Sonnabend Abend, und es war ein Tag wirklich wie kurz vor dem Sterben, es heisst doch dass da das ganze Leben an einem rasch vorüberzieht; so drängte sich heut eins ans andre; des Morgens Mutter, die gestern bei der Ankunft furchtbar gewesen war, Edith hatte sie etwas zurechtgekriegt, sie war auch des Morgens noch schrecklich, ich ging dann mit Rudi fort, nachdem ich Edith von Mutters Pension (wo sie übernachtet hatte!) heimgebracht hatte, und ich hatte so recht gespürt, wie gut sie ist, nur freilich eine mir fremd und ferne Güte. Mit Rudi also dann, der so widerwärtig war wie nur je, Mittags allein bei Hahns, Nachmittags mit Rudi und da war es wieder so schön mit ihm wie nur je. Dazu nachmittag Eugens Brief, und auch er darin plötzlich wie seine eigne Karrikatur, alles Verwirrte in ihm beisammen in der Nussschale zweier Briefseiten und dann, als Rudi zu Greda ging, sein Telegramm und die schreckliche Sorge um dich die uns ja nicht verlassen hatte, gelöst, Abends – dazwischen allerlei Vorbereitungen natürlich – also Abends alles bei Salomons, ein schrecklicher Abend für mich (an sich sehr hübsch), ich sass neben Edith und es ging mir wie eigentlich meist: ich hatte nichts, aber auch nichts mit ihr zu reden; wir müssen doll ausgesehen haben, die einzigen am Tisch, die nicht sprachen, nur gelegentlich nach der andern Seite. So ist es also, – und wenn ichs nach Tisch Rudi – auf grund von gestern – anders geschildert hatte und alles sei sehr gut, so wurde ich nun gleich wieder mit der Nase drauf gestossen, dass es gar nicht gut ist, und dass mir wirklich nichts übrig bleibt als grundlos zu hoffen, dass es noch wird. Ich weiss ja wohl, weshalb ich es sterben nenne. Wirklich nicht wegen des Sterbens, sondern wegen der Leichenhaftigkeit, dem Gestorbensein. Gewiss soll ich sterben – wie Eugen sagt – , aber auch gestorben sein? das ist etwas andres als sterben.  Ich will nicht vergessen, das auch dieser Tag wieder die Keime von Zukunft in seinen engen 24 Stunden = Grenzen hervorgetrieben hat, aber es sind wirklich nur Keime.

Und doch darf ich ja nicht klagen. Du lebst, Du liebst mich. Und kann mein Leben mit Edith eigentlich noch leerer, noch töter werden als es schon ist? Hätte ich sie gewollt, – wäre es gewesen wie 1914 – aber es war ja 1920 und ein Zwang, gegen den ich nichts konnte, und keinen Augenblick etwas kann. Es ist ein ständiges “Was habe ich mir dir zu schaffen” (wirklich: te; ejmoi; kai; soi;) in mir, wenn sie redet, wenn ich sie sehe; ich ertrage sie ja nur in den Augenblicken – wo sie nicht selber jemand ist, sondern nur für mich und zu mir lebt; und freilich in diesen Augenblicken schlägt das “Nichts”, was Herz, Geist, Aug und Ohr unisono auf jene Frage brüllend antworten, ganz unvermittelt um in ein ebenso unisono gejubeltes “Alles”. Ich muss sie lieben, um sie nicht hassen zu müssen. Es ist wirklich wie bei der Nächstenliebe. Es kann doch auch anders sein, Gritli? so hat es noch keiner von uns erlebt, auch Rudi nicht. Aber es ist eine strenge Schule, und das Leben selber ist das Schulgeld. – Ich muss Eugen noch schreiben. Liebe mich.

Dein Franz

April 1920

4.IV.20.

Lieber Eugen,  ich bin froh, dass ich dir auf deinen Brief diesmal die Antwort schon vor ein paar Tagen schrieb. Grade weils nicht Antwort war, sondern gleichzeitig mit dir, muss es dir doch dein Gefühl wieder soweit entkräften, wie es sich entkräften lässt. Es ist ja so: du rühmst das Mass. Aber es gäbe kein Mass, keine messbare Grösse, keine begrenzte Zahl, gäbe es nicht die beiden Grenzen der Welt von Zahl und Mass, die unzählbare Zahl und das übermässige Mass, die 0 und das ∞. Aus Null und Unendlich wird alle endliche Grösse gespeist, ohne die beiden wäre sie starr und tot. Wenn es wahr ist, dass jetzt zwischen unsern – Ediths und meinen – neuverbundenen Händen etwas Endliches entsteht (und die beiden vergangenen Abende, wo wir unsre jüdischen Ostern feierten mit lauter alten Worten und lauter jungen Weisen, haben selbst mich Kleingläubigen glauben gemacht, dass es wirklich so ist, und hier wirklich, über unser Wissen und Vermögen hinaus, etwas entsteht), – also wenn es so ist, würde dies Endliche entstehen ohne die beiden Unendlichkeiten die kleine und die grosse, das Null und Unendlich? Und gehört uns also nicht dein 0 von heute wie uns dein ∞ von vorigem Jahr gehörte? Du kannst wirklich nichts mehr bloss für dich leben. Du gehörst uns allen, ob du als “Staub” lebst oder “Wie Götter”. Es ist nicht wahr, dass es nicht mehr bedarf als einmal wie Götter gelebt haben. Wissen wir es nicht anders als diese Heiden von 1800? (das einzige Jahr wo es wohl wirklich “Heiden” gegeben hat). Wissen wir wirklich nicht, dass es des einmal als Staub Lebens genau so “bedarf” wie des einmal wie Götter. Denn es bedarf nur dieses einen: unsres Lebens, einerlei wie. Sogar damit wir sterben dürfen, bedarf es (und bedarf es einzig) unsres Lebens. Darum lebe wie du kannst und musst: Wir bedürfen dein nicht anders wie “es” deiner bedarf, als Staub oder wie Götter, gleichviel, aber lebend.

Lebe für uns.

Dein Franz.

Geliebtes Gritli,  ich müsste dir viel schreiben oder nur dies eine Wort. Hörst du nicht auch jetzt wieder alles aus dem einen heraus? Es ist so viel Anfang in diesen Tagen und heute kam, gleichzeitig mit Eugens schönem Brief ein Brief von Strauss, der die offizielle Einladung für die Stelle das “Leiters der j.V.h.sch. Frkft.” enthielt. Das Gehalt wird noch geringer als das Minimum das ich forderte, nur 6000 M. Aber das ist ja ganz egal. Es ist ja bloss ein Anfang und wäre es mir bloss nicht um die Festlegung meiner Gehaltbedürftigkeit von Anfang an (wegen meiner Terrasse eins = igkeit) zu tun gewesen, so hätte ich doch (auf Strauss + Nobel + Mayer hin) den Anfang genau wie Eugen in Stuttgart ganz ins Blaue hinein, ohne jedes Entgelt gemacht. Also um die Zahl feilsche ich nicht. Die wächst von selber.

Und noch? Hör doch bitte mehr als ich dir schreiben kann, heute und jetzt. Es ist nicht so, dass es nicht auch noch immer wieder an mir risse. Aber das Reissen ist doch wie bei einer Operation mit Lokalanästhesie: ich spürs, aber es tut nicht weh. Und wie ich an Eugen schrieb: ich spüre ein Wachsen neben mir und in mir und singe wirklich “ein neues Lied” zu alten Worten. Wird die neue Weise auch in unser Wort, unser altes, erst und letztes, hineindringen? ich glaube nicht, denn unter allen Worten ist das das einzige was keiner neuen Weise bedarf, denn es war immer offen und bereit für jede Weise und jeden Ton, und war nie starr geworden wie sonst alte Worte; so ist ihm auch die neue Weise schon vertraut, als ob sie es immer begleitet hätte. Und hat sie es nicht? vom ersten Augenblick an? Ist nicht das Lied der Lieder unser, dein = mein Lied? Und hastdu es uns, Edith und mir, nicht zur Hochzeit gesungen?

[Notenauszug 140 Kantate Bach]   Und ich bin

Dein.

10.IV.20.

Liebes liebes Gritli,  heut oder morgen ist der letzte Tag in Amelith, dann fahren wir nach Kassel und von da so bald es geht nach Frankfurt. Frankfurt ist ja jetzt ganz sicher; ich schicke dir von Kassel aus einen zweiten Brief und meine Antwort darauf: ausser der V.h.sch. will mich nämlich auch die “Konkurrenz”, die Jugendvereine, und zwar entweder im Sinne des Ausspannens oder im Sinne konkurrenzloser Nebeneinander-arbeit. Eugens grosses Wort von der “Eroberung Frankfurts” wird also doch noch wahr; der zweite Brief (von Löffler) sieht ganz so aus. Löffler bietet mir auch noch eine dritte Möglichkeit: geistiger Spiritus rector (“Sekretär” und Herausgeber des Vereinsorgans) für die Jugendvereine (es handelt sich immer um die neutralen, die zionistische orthodoxe und liberale Kreise umschliessen) für ganz Deutschland zu werden; das wäre eine nicht an Frankfurt gebundene Stellung, sondern eigentlich sogar an Berlin, uneigentlich selbst an Kassel oder wo ich wollte, und mit viel Visitations = und Vortrags = Herumreisen in Deutschland. So nun bist du auf dem Laufenden der Ereignisse.

Die letzten Tage habe ich es schwer ertragen, dir nicht zu schreiben. Die Zeit wurde eben zu lang. Ich hatte mir doch nur eine Woche vorgestellt, nun wurden es zwei. Und es war mir nun von meiner Seite so, als ob das Seil am Boden schleifte. Liebste, was machen wir denn ohne Briefe? wir haben es uns ja hundertmal gesagt, dass es so ist, und trotzdem hat mir die Erfahrung dieser Wochen noch etwas hinzugefügt, noch dazu wo du krank warst, und meine Briefe hätten doch eiei machen dürfen. Und jetzt ist mir, als wüsste ich gar nicht recht, wo du bist. Ich weiss ja übrigens wirklich nicht. Gehst du wohl erst nach Säckingen, und dann erst nach Wildungen? Aber du müsstest da doch rechtzeitig bestellen. Vierzehn Tage Säckingen würden dich doch schon soweit hoch-bringen, dass du Wildungen vertrügest.

Mit Edith ist es wohl gut. Wir leben eben in dem was uns gemeinsam ist. Das ist soviel, dass ich wohl vergessen könnte, dass es nicht alles ist. Wollte ichs aber wirklich vergessen, diese Woche mit der dauernden Qual, dass sie, obwohl sie fast täglich an irgend jemand schrieb, keinmal daran dachte, dir ein Wort zu schreiben, wo sie doch sah, dass ichs nicht tat und wo ich sie am Sonntag gefragt hatte, ob sie ein Wort in meinen Brief an euch beide einlegen wollte (da war sie zu müde gewesen, aber so wusste sie ja, dass es gut gewesen wäre, wenn sies getan hätte) – ja diese Woche hätte mir dann gezeigt, dass das Gemeinsamenicht alles ist. Ein Brief, oder vielmehr ein “Toast”, von Eva zu unsrer Hochzeit, der nachträglich kam, hat mich dann auch einmal gewaltsam aufgeschreckt; ich habe mich zwar in Trotz zusammengenommen und eine innere Scheidelinie zwischen meiner Ehe und Evas Ehe gezogen, – aber darf man das? doch wahrhaftig nicht.

Dabei merke ich täglich, dass ich eigentlich “glücklich verheiratet” bin, zu meiner eigenen Verwunderung, richtig glücklich, und dass wohl auch Edith alles in allem viel glücklicher dabei ist als nach Eugens Theorie die armen Frauen bei uns bösen Männern sein dürften. Aber dies “glücklich verheiratet” ist hier wirklich ein reines unbegreifliches Geschenk, und ich würde mich keinen Tag wundern, wenn es eines Morgens beim Aufwachen plötzlich nicht mehr da wäre. Zu innerst und unterst spüre ich unaufhörlich die Leere. Sei nicht böse, Geliebte, dass ich dich damit quäle. Soll ichs für mich oder zwischen mir und Edith behalten? Liebe -.

Dein.

Vielleicht hätte ich doch lieber immer schreiben sollen! Ich habe mir zuletzt Gewalt angetan.

11.IV.20.

Liebes Gritli,  durch Bummeln des Verwalters ist gestern unsre Post liegen geblieben, und so hätte ich heute nicht übel Lust gehabt, das als ein Zeichen zu nehmen und den Brief von gestern zu zerreissen. Aber es wäre doch eine Unwahrheit, denn es bleibt alles stehn und ich will nicht wieder mit dem Briefzerreissen anfangen, wir haben genug davon gehabt, und vor allem: du nimmst es schwer wie es ist, aber nicht schwerer. Über alles weg spüre ich ja das innre Wachstum dieser Seele, die immer feinhöriger wird, die mich etwa diese Nacht, als ich wachlag und mit meinen Gedanken abirrte, plötzlich ansprach, nicht was mir wäre, sondern weil sie sich selber plötzlich “so allein” fühlte. Das Wunder des 6.I. kann eben doch nicht ohne Ausläufer bleiben; miracle oblige. Und ich war vielleicht undankbar geworden für die überreiche Erfüllung, die unsre Ehe meinem jüdischen Leben bringt, und unterschätzte in der Verwunderung darüber alles was sonst noch, in der Stille und ungreifbar geschah. Das Jüdische ist ja mit Händen zu greifen. Wir bringen, ausser dass wir alle Tage irgend ein “zum ersten Mal” erlebten und dass Frankfurt nun wirklich sich “erobert” giebt, auch ein ganz schwarz auf weisses Produkt mit, Produkt der Ehe zunächst, aber doch auch ein bischen der “Arbeitsgemeinschaft”. Ihr werdets bei uns im Haus kennen lernen, denn wir fingens für unsre künftigen Gäste an, für die unhebräischen Juden und für die Christen. Eine Übersetzung des Tischgebets, eine grosse und wie mir scheint wunderbar gelungene Arbeit. Es ist wohl die erste wirkliche Verdeutschung eines jüdischen Gebets, in engstem Anschluss an Wort, Klang, Tonfall, Rhythmus. Es waren stundenlange Kämpfe um je 3-4 Zeilen, und wir haben die vielen schlecht Wetter = Stunden und selbst manche gute dazu ausgenutzt, und das wunderbare Essen hier (wirkliche Ströme von Milch, und Butter, und Eier, ganz vor = Kriegs = Gutswirtschaft) das tat auch seinen Anteil am Gelingen. Jetzt in Kassel oder später werde ich zur Sicherheit noch alles, was ich an Kommentar habe, dazu lesen und dann wirds mit aller Kunst ins Reine geschrieben, und wenn du dann zu uns kommst, kriegst dus nach Tisch. Es ist so sehr aus dem wirklichen Sagen heraus entstanden, dass ich z.B. die grosse Festtagseinlage erst heute, nachdem gestern und vorgestern noch Festtage gewesen waren, herausbringen konnte; neulich wo bloss die beiden ersten Festtage vorangegangen waren konnte ichs noch nicht. Über Ediths Anteil (ausser dem eigentlichen, der ja doch die Hauptsache bleibt) war ich selber erstaunt; er war nicht bloss kritisch (mit fast absolut sichrem Gefühl), sondern auch positiv sind so viel erlösende Einfälle, z.T. ganz gewagte und doch vollkommen sinndeckende, von ihr, dass ich, wäre sie ein Mann und nicht meine Frau, es bei einer Veröffentlichung ehrlicherweise als Kompanie = Arbeit geben müsste; die ganze Tendenz und der entscheidende Grundeinfall (die rhythmisch = dekorative Schreibweise, mit viel Einrücken also u.s.w.) stammt natürlich doch von mir.

Aber nun gute Nacht, Liebe. Ich will geduldig sein. Es wird mir doch so leicht gemacht.  Ich hab dich lieb.

Dein Franz.

Durch die Besetzung bleiben wir natürlich ein paar Tage mindestens in Kassel. Denk, Oldenbourg hat gestern prompt wieder angefangen, Korrektur zu schicken! Scheinbar will er nun den 1.Band doch beschleunigen.

[12.oder14. ?IV.20.]

Liebes Gritli,  wieder in Kassel, und ich war zuerst etwas hausnervös (über Mutters Klucken = Überseligkeit), nahm mich aber zusammen, um nicht wieder in den Fehler der Verlobungszeit zu fallen, und liess es über mich ergehn; es ist ja wirklich nicht schlimm. Aus Eugens Brief vom Ostermontag (hat er wohl daran gedacht, was sich bei Mutter da vor einem Jahr abgespielt hatte, am Ostermontag?) sah ich dann erst, wie es mit deinen nächsten Wochen steht. Ich meine, du müsstest, wenn du bis Ende des Monats einigermassen auf den Beinen bist (wozu dir doch nach der Einführung des neuen Mädchens 1-2 Wochen Säckingen genügen würden) wirklich die Gelegenheit benutzen, die Kur mit Mutter mitzumachen; Wildungen soll ja das einzige sein. Kannst du, so telegrafier gleich, denn es ist schon schwer, Zimmer zu kriegen. Mutter ist ja jetzt keine schwierige Gesellschaft mehr.

Die Passschwierigkeiten werden uns wohl eine Woche hier halten. Hans und Else sind hier, Hans sieht reizend aus, zum Anbeissen (er hat sich seine Litewka blau färben lassen). – Edith ist schon schlafen, ich habe noch Korrekturen gelesen; der grösste Teil der Anmerkungen zum 1.Band ist gekommen. Vielleicht erscheint der nun doch mal.

Habe ich dir – nein natürlich habe ich nicht, ich meine: von Löwenherzens erzählt? es war nämlich wirklich schön, und vielleicht kommt noch etwas ganz andres dabei heraus; aber ich erzähl dir morgen weiter, da wird die Sache wohl reifer sein – und ich weniger müde als ich jetzt bin.

Jonas reist in diesen Tagen nach Bromberg. Mutters Mädchenpech war gar keins, sondern sie hatte, sofort nach Trinas[?] Abgang, eine solche Menge von Angeboten, ganz dringlichen, dass sie nur zu wählen brauchte! in dieser Zeit! und Ende der Woche kommt Trinchen als Aushilfe bis zum 1. zurück.

Ich bin noch so im Nachholen. Wann kommt wohl ein Wort von dir? Ich war so froh heut Morgen, als ich auf Ediths Nachttisch den Brief liegen sah, denn sie gestern Abend nach dem Heraufgehn, als ich unten noch an dich schrieb, geschrieben hatte; ich hatte ja kein Wort gesagt, obwohl es mich auf der Zunge brannte. Sie ist besser als ich es verdiene. Kunststück! – was schreib ich da für Unsinn.

Gute Nacht.

Dein Franz.

13.IV.20.

Liebes Gritli,  so ein Profiltag wieder wie in der Brautzeit, sie sind noch immer schwer zu ertragen, soviel näher wir uns sind; es ist eben doch eine so eingeschränkte Nähe, und so reich, so unerwartet reich das Gebiet ist was innerhalb der Schranken liegt, so wenig ist doch ausserhalb davon schon angebaut. Ich war den Tag über mit Hans und da war es eben wieder so, dass Edith kaum vorhanden war – und dass ich kaum darunter litt; am ehesten noch wenn sie dabei war. Hans selbst, das ist nun sonderbar, durch das viele Schweigen steht so sehr viel zwischen uns, nichts das uns verfeindet, kaum etwas was uns eigentlich trennt, aber viel was uns auseinanderhält. Schön wars dabei doch. Ihn über Eugen kennend und doch gar nichts wissend reden zu hören, ist auch seltsam.

Gute Nacht. Sie sind noch unten. Edith ist schon zu Bett.

Gute gute Nacht  Liebe –

15.IV.20.

Liebes Gritli,   wenn deine Anatomie u.s.w. stimmt, dann hätte Wildungen sicher keinen Sinn. Es war ja auch nur gedacht, weil hier alle meinten, du müsstest hin. Um “Gesellschaft für Mutter” handelt es sich gar nicht, ihr wäret sowieso zu dreien, denn Hennar Hallo geht auch hin und wohnt Zimmer an Zimmer (mit Verbindungstür) neben Mutter.

Jonas ist heut fort, wird sich in Berlin wohl verloben. Hans ist schon die Nacht weg. Else ist und bleibt doch etwas Abscheuliches wenigstens als Ehefrau; die Art wie sie dauernd ihr (eingebildetes, gar nicht das wirkliche!) Verhältnis zu Hans ins Gespräch bringt, hat etwas furchtbar Schamloses, und ich nahm es Edith wirklich nicht übel, dass sie gar nichts für sie verspürt hat. Hans hatte das “Drama” von Wolf Meyer dagelassen; er muss wirklich ein sehr netter Mensch sein, dass irgend jemand von uns auch nur einen Augenblick lang das Ding anders als komisch nehmen konnte. Verspätete Sekundanerdramatik (Eugen, ich schlage dich tot, wenn du jetzt etwa sagst: das sei grade das Gute daran).

Ich war eigentlich richtig erstaunt, wie heut früh schon ein Brief von dir da war. Und dann recht froh. Es ist so komisch hier. Ich glaube, ich habe Edith seit Montag nicht mehr gesprochen. Wir sind eben bei Mutter im Haus. Heut Mittag musste ichs plötzlich (nur scheinbar im Spass) mit den Zuständen von Grossfamilie vergleichen, die Pessele schildert. Morgen Abend gehen wir wohl zu – Sepp Katzenstein, weil Freitag Abend ist und wir wenigstens eine Andeutung haben wollen. Ich freue mich schon auf dies Wiedersehn mit Edith. Ist es nicht toll? Aber es ist so.

Den offenen Brief an Straussens Adresse hab ich noch nicht gekriegt. Mit Mayer habe ich heut telefoniert, um unser Frankfurter Passvisum zu beschleunigen; er selbst heiratet Anfang Mai; vorher muss ich doch die Sache da im Reinen haben. Den Löffler = Brief und =Gegenbrief schickt mir bitte gleich gelesenhabend zurück (oder eventuell auch, mit ein paar Worten, an Strauss, denn seinetwegen will ich ihn bloss wiederhaben; Strauss soll die beiden Briefe lesen). Dass wir das Visum schon nächste Woche kriegen, glaube ich kaum. Aber vielleicht kann Mayer ein Wunder tun; er war ja lang in Paris.

Denk wie traurig: der * wird in einem Riesenformat gedruckt, wie die Gundolfschen Bücher (aber natürlich sicher nicht so schön), und er passt so gar nicht dafür. Aber Kauffmann hat den Ehrgeiz, ein “wissenschafliches” Buch daraus zu machen; mein Vertrag giebt mir keine Handhabe dagegen, und ein gut = Zurede = Brief hat nichts geholfen. So wird mir wirklich die letzte Freude am “Büchermachen” genommen, noch ehe es überhaupt da ist.

Liebes Gritli, ich schreibe so drumherum um etwas Eigentliches was ich nicht recht sagen kann. Mir sind ja jetzt die Worte wieder verschlagen (das gehört auch zu den hippokratischen Symptomen). Du musst es schon ohne Worte hören, – oder aus dem einen:

Dein

16.IV.20.

Liebes Gritli – ein kurzes und betrübtes Grüsslein; es giebt keine Juden hier, Prager hat seinen Nervenanfall den er manchmal hat, (immer 1 – 2 Tage), und so können wir auch heute Abend kein “Wiedersehn” feiern. Und überhaupt, der Probesatz vom * ist abgründig scheusslich; dabei durch mein Dazwischentreten bei Gotthelfts schon etwas besser als sie ihn selber gemacht hatten. Es sieht aus wie eine Dissertation! Ich habe an Strauss geschrieben, aber für den ist Kauffmann Tabu. An Kauffmann selber schreibe ich vielleicht auch noch, obwohl das ja nichts hilft, ich habe schon einmal ihm einen Brief über dies Thema geschrieben, ohne Erfolg.

Hans Hess war eben da, ich hatte in Ediths Beisein das mit ihm nun schon bald übliche Gespräch, wovon er sich nur immer mehr verhärtet. Eigentlich hat er damit ganz recht. Es ist eben nichts, sich nur mal alle drei Monate zu einem “Gespräch” zu sehn.

Alle drei Monate  — wie lang haben wir uns denn schon nicht gesehn? Ach, es sind erst 6 oder 7 Wochen, wirklich morgen 7 Wochen, es kommt mir schon so lang vor.

Sehr  —

Dein Franz.

Die geknickte Pfauenfeder drohte abzubrechen. Wir haben sie vorhin mit einem kleinen Seidenfadenverband geschient!

17.IV.20.

Liebes Grilti,  die Tage laufen schnell weg, ohne dass man recht weiss, wohin. Die Atmosphäre hier ist mörderisch für unser eben anfangendes Zusammen. Das Leben besteht aus lauter “Störungen”, lauter Von = aussen, so sehr bloss von = aussen, dass es gar nichts Gemeinsames werden kann. Hoffentlich gehen wir bald nach Frankfurt. Du weisst ja, wie wenig ich Edith im “Profil” vertrage, und hier muss ich sie den ganzen Tag so sehen. Dabei kann ich Mutter wirklich keinen Vorwurf machen, sie ist nett zu uns und “bei uns” könnten wir sie gern haben, aber bei ihr sind gar nicht wir, sondern ich mit jemand, der wie ich weiss meine Frau ist.

Sag, ist es denn immer so schwer, verheiratet zu Besuch zu sein? War es am Ende für euch hier auch so eine schwere Zeit 1916, und ihr habt es bloss nicht gesagt, weil ihr ja froh sein musstet es so zu haben?

Mit dem * ist mir heute wieder leichter; ich habe nach den ersten beiden scheusslichen Proben heute eine endgültige fertiggebracht, die sehr schön wirkt; auf “monumental”, da Kauffmann eben das grosse Format will. (Muster: Gundolfs “Sh. und der deutsche Geist”, also die dicke Kapitelüberschrift und ein dicker Strich über jeder Seite, …[Zeichnung] auch ganz ähnliches Format wie Gundolf. So geht es nun an Kauffmann. Aber durch sein Verschleppen ist der Druck inzwischen fast doppelt so teuer geworden, so dass ihn das Exemplar über 20 M kosten würde, das bedeutete einen Ladenpreis von 60 – 70 M!! Hoffentlich kann er nicht abschnappen; ich weiss nicht, wie das verlagsrechtlich ist.

Auf die Seite geht bei diesem Satz etwa 1 1/2 Seiten des Maschinenmanuskripts, also nicht allzuviel. Ich wäre sehr zufrieden so.

Gute Nacht – ja es ist gut sichs wieder sagen zu können. Aber  – ich kann wieder nicht sagen, was ich sagen möchte. Hab wieder genug mit dem Dein.

18.IV.20.

Liebes Gritli,  ich war mit Edith aus heute Vormittag, auf dem Friedhof und dann über den Forst zurück. Nach Tisch waren wir bei Tante Julie. Wir sahen ein paar wunderbare frühe Photographien von Tante Emmy; sie ist einmal ganz hinreissend schön gewesen, dabei eine geistdurchstrahlte Schönheit, wirklich die Mutter von Hans.

So waren wir wenig zuhause, nach dem Abendessen sogar oben, zum Nähen und Briefeschreiben, – und das war dann schon ein besserer Tag.

Im ganzen freilich – sag: muss man denn nicht das Gefühl haben, es wäre selbstverständlich, verheiratet zu sein, und mit dem, mit dem man es ist. Ich habe das Gefühl eigentlich nie, und wenn ichs mal habe, so zerreist es mir schon der nächste Augenblick (wirklich Augen = blick). I can’t help it. –

Morgen Abend kommen Rudi und Gertrud und Martha Kaufmann zum Essen zu uns.

Hat Eugen in der Frkftr. Ztg. Kerns Auslassungen gesehen? Es stimmt charakterlich zu dem, wie Weizsäcker sein Kriegsverhalten beurteilte. Überhaupt lese ich wieder Zeitungen. In Breslau, wo Pragers über die Festtage waren, wurden seit den dortigen Kapptagen in 8 jüdischen Familien Angehörige vermisst, z.T. spurlos, z.T. schon mit bekannten Détails. Man hat Leute einfach zuhause aufgegriffen und “beseitigt”.

Gute Nacht. Grüss Rudi, wenn er bei dir ist (ich meine: wirklich bei dir ist).

Dein Franz.

19.IV.20.

Liebe,  nur ein Gruss vor Schlafengehn. Es war ganz nett der Abend, so eine leichte obenhinnige Lustigkeit. Merkwürdig, Ediths “Nichtvorhandenheit” neben den beiden sehr vorhandenen und beiden wirklich sehr netten Martha K. und Gertrud R. Aber ich spüre freilich auch, wie ich schon unempfindlich dagegen werde. Es ist ein gewisses Stumpfwerden, und das gehört wohl dazu. Vielleicht, wenn du nicht wärest, würde ich es gar nicht mehr merken. Ich weiss nicht.

Aber ich will zu Bett. Ich muss auch erst wieder ein Wort von dir haben.

Gute Nacht.

Dein Franz.

20.IV.20.

Du Liebe – es war gut, dass heut Morgen so viel Briefe da waren, von Mayer, von Strauss (den schicke ich mit, schick ihn wieder; es ist ein richtiger losgelassener Brief, da hast du ihn mehr als damals im Februar), und von dir gar dreie, dabei der offne nach Frankfurt. Ach Liebe, nun bin ich wieder so viel freier als die letzten Tage; ich habe so gar keine Kraft übrig, und es wäre wohl schlimm, wenn ich dir mit meinen Überschüssen zum Gesundsein helfen müsste, sie sind ja einfach nicht da, es langt kaum für “hier”. So ist es auch weiter nicht schlimm, dass wir uns jetzt nicht sehen werden; durch Dithas Besuch wird es ja jetzt unmöglich; ich hätte sonst daran gedacht, dass wir am Montag oder Dienstag zu euch herübergefahren wären (denn in Frankfurt werden wir da wohl fertig sein; Sonntag ist eine Sitzung). Die V.h.sch. will mich erst auf I.VIII., damit ich von da an den Winter, der am 1.X. beginnt, vorbereite. So sind wir ev. bis dahin noch hier, die 5 Wildunger Wochen mal ganz sicher für uns; es wäre mir auch recht; ich würde mir dann das Vorlesungen Halten hier angewöhnen, sodass ich in Frkft. gleich als “Routinierter Dozent” anfinge; doch vielleicht wirds durch Löffler anders und wir müssen gleich nach Frkft. Z.T. ists ja auch Wohnungsfrage.

Du schreibst von unserm Nicht = Einsam = Sein so sicher als wäre das ein Besitz. Ich spüre jetzt täglich, dass es etwas eben so Heikles ist wie alle andern Geschenke, und dass es einem jeden Augenblick entzogen werden kann. Man ist eben nur zusammen, wenn man lebt; der Tod ist die Einsamkeit. Die Gleichung von Tod und Liebe ist heidnisch. Liebe und Leben gehören zusammen.

Gestern war mir so einsam, ich wollte zu Trudchen, um irgend jemanden zu haben; von dir war kein Brief da, an Rudi kann ich gar nicht denken. Um Edith laufe ich herum und wundere mich, dass sie immer da ist. Meine Verheiratetheit ist mir richtig unwahrscheinlich. Wenn ichs merke, dass ich es bin, so macht mich das nicht etwa unglücklich, durchaus nicht, beinahe eher glücklich. Aber von der Verwunderung komme ich auch dann nicht los. Diese Ehe war das tollste Wagnis meines Lebens. Das ist die Ehe wohl immer? man weiss es gewöhnlich nur nicht so genau. (Und dabei setzt sich für den Aussenstehenden diese doch aus “Garantien” gradezu zusammen).

Hansens Wirkung ist doch immer die gleiche; Rudi Hallo, der gestern vor Tisch 1/4 Stunde bei mir war, hatte ihn zweimal hier gesprochen und auch gar keinen Zugang zu ihm gefunden, er stellte ihn auch immer als etwas für sich auf die eine Seite,  mich, Eugen, Rudi auf die andre. Zu Rudi möchte er wieder – trotz der Predigten, denen er den Leichengeruch anriecht! so schlugen wir eine Spirale um den heissen Brei und als es uns heiss wurde, stand er auf, sagte ganz unerwartet, sie ässen um 1/2 1 zu Mittag und verschwand! Vorher, und abends wieder, redete er dauernd von Wiedersehen in Frankfurt, worauf ich ihm natürlich sagte, meines Wissens wäre ich hier und nicht in Frankfurt, was aber nichts half (ebenso natürlich).

Hansens Ehe mit Else – schon! aber Elsens mit Hans? sie hätte einen paschahaften Germanen nötig gehabt und keinen Christen aus guter jüdischer Familie. Was meinst du wie glücklich sie dann wäre.  Morgen nur 1/2 Tag Briefentfernung!

Dein Franz.

22.IV.20.

Geliebte  gestern schrieb ich nicht, wir fuhren Mittags und es war eine böse Fahrt durch eine wunderbar gute Frühlingslandschaft, ich fuhr aber mit finsterem Gesicht durch, ich war noch nicht recht heraus aus Kassel. Hier bin ichs nun, hier sind wir, trotz der alten Börnin richtig zu zweien – sie kann eben nicht zwischen uns hineinsehn. Gestern Abend als ich dir im Bett – wir schlafen in Borns pompösen eigenen Zimmer – also als ich dir noch ein paar Worte schreiben wollte, lag da ein wunderbares Buch, in dem Max grade las, und das vor bald 200 Jahren hier in Frankfurt geschehen ist. Ich will sehen, dass ichs kriege und euch schicke. Es handelt von Schutzengeln von damals. Es sind die Dokumente zum Leben von Goethes “Schöner Seele”. Ich las nur wenig, mehr konnte ich nicht. Es giebt wirklich keine “Geschichte”. Eugens Konstruktion in der “Tochter” (glaube ich) hätte mindestens schon da anfangen müssen, aber wahr wäre sie doch nicht geworden. Das lässt sich nicht historisch einkonstruieren. Wo es geschieht, geschiehts. Und dann heut früh dein Brief – o du geliebtes Herz

23.IV.20.

Liebes Gritli,  es ist nicht gut, des Morgens zu schreiben, es ist soviel zu erzählen, und dann liegt Post da und man kann nicht. Sag Rudi, dass die Sperre unübersteiglich ist, in jedem Sinn. Das Gedicht schicke ich zurück; seine Mitteilung an mich ist eine Indiskretion, da ich von den angedichteten Personenkeine kenne. Ich kann dich und Frau Picht nicht in einem Atem nennen; es macht  mir Qualen, dass es nun von Rudi geschieht, ich leide die ganze Zeit schon entsetzlich wenn ich an ihn denke und 99% meiner Unerträglichkeit kommen auf diesen Grund – was du dir ja wohl schon gedacht hast. Aber wenigstens soll er mich damit in Ruhe lassen; er hat früher den Takt gehabt, mir zu verschweigen, was bei ihm aus diesen Wurzeln kommt; wenn er das jetzt nicht mehr kann, so kann ich nichts tun als mir Ohren und Augen vor ihm zuzuhalten.

Hier gestern Strauss, Mayer, Sommers, Straussens. Der Besuch bei Mayer war sehr aufschlussreich. Es hat mir gar nichts geholfen, dass ich in der Broschüre die Wahrheit über mich sagte: sie wollen mich trotzdem, nicht wegen. Und ich werde zu allem Ja sagen. Bin ich erst einmal hier, so wird ja doch alles anders. Die V.h.sch. selbst wird dann eben nur ein Sprungbrett. Aber mit Löffler werde ich nun ganz sicher etwas ausmachen, schon um hier auf 2 Beinen zu stehen und ausser der V.h.sch., die tot von der Geburt an ist, noch eine andre, wenn auch an sich ebenso tote Organisation zur Verfügung zu haben.

– Wahrscheinlich fahren wir Anfang der nächsten Woche erst nach Heidelberg. Es wird sich wohl heut Vormittag entscheiden. Die entscheidende V.h.sch. sitzung ist Sonntag Vormittag.

Aber ich kann dir nicht von diesem dummen Zeug schreiben. Es wird ja was werden “und kein Ende”. Ich bin müde, ehe es überhaupt angefangen hat. Dazu die Stummheit über alles worin ich eigentlich lebe und das So = tuen = als = ob = mir  hier die Dinge auch nur einen Hauch Atem lohnten. Und doch muss ich so tun – was bleibt sonst von meiner “Ehe”.

Dein Franz.

23.IV.20.

Geliebtes Gritli,  ich muss dir nochmal schreiben heut Abend; mich drückt mein Brief von heute Morgen; ich kann ihn nicht zurücknehmen, aber man soll wirklich nicht alles sagen, was man in sich hat; es wird durch das Aussprechen gleich etwas andres. Ja: es ist wahr, dass ich seit Wochen und länger unter Rudis Sicheinfangenlassen von Greda leide; dies Verhältnis ist nicht umsonst eine Erbschaft aus seiner schlechtesten Zeit im letzten Halbjahr, aus dem Dezember (da fing es ja an), und nicht umsonst hat meine Angst es schon in den Monaten vorher als seinen symptomatischen Teufel an die Wand gemalt. Alles Schlechte in ihm kommt dieser Frau entgegen, daran können mich die schönsten Gedichte (das Gedicht war schön!) nicht irre machen. Dass sie seiner Massivität mit massivsten Mitteln (“glaubend” u.s.w.) zu Leibe gegangen ist und dass er diesen Mitteln erlegen ist, daran ändert alles nachträgliche Besingen des grossen allgemeinen Liebesmanschepanscheozeans gar nichts; wenn er drin ersäuft, soll er wenigstens die andern drin unersoffen lassen. Es ist ja, selbstverständlich, nur eine vorübergehende Sache, aber grade dass man das so genau weiss, ist das Widerwärtige daran. Das Gedicht heut Morgen brachte das Fass dieser Wochen zum Überlaufen. Vielleicht hätte ein einfaches “Prosa”wort anders gewirkt; aber ihm wird im  Augenblick bange vor der einfachen Prosa sein. Er braucht eben den poetischen Radau, um das brüderliche Grunzen von “H.U.”, das ihm jetzt im Ohr klingen muss, zu übertönen.

Mir ist so entsetzlich auch, dass ich all dies vor Edith nun in mich verschliessen muss. Sie fühlt natürlich, dass etwas in mir los ist (wirklich “los”, mein Räderwerk ist in Unordnung, und ich wundre mich, wenn es trotzdem, nach einigem Schlingern, wie heut Nachmittag wieder bei Löffler, wieder läuft.) Sie fühlt, dass etwas geschieht, aber sie geht fraglos und still darüber weg. Sie kann noch nicht fragen, und ich kann ungefragt nicht sprechen. Und so kann ich auch die schrecklichen beiden Anführungsstriche um das Wort Ehe, die mich noch mehr bedrücken, als die Rücksendung des Gedichts, nicht zurücknehmen, so wenig wie das Gedicht. Und doch wollte ich, ich hätte auch sie bei mir behalten. Ich weiss wohl, dass das keine Ehe ist, worin ich mit Edith lebe. Aber gesagt wird es noch schlimmer als es schon so ist. Ich kann mich nicht zum Reden zwingen. An ihrem stummen bloss zuhörenden Zuhören liegt mir nichts. Und zu nichts anderem ist sie fähig. Wir sind so unendlich weit auseinander. Aber dies ehrliche Auseinandersein ist mir ja immer noch lieber als die billige Illusion eines Zusammenseins, die ich mir ja leicht schaffen könnte.

Die Kraft ist von mir gewichen. Heut Nachmittag kam ein Brief von Hans, worin er meine (ganz toten) Tage mit ihm in Kassel als die Wiedergefundene Resonanz bejubelt! Du weisst, wie ganz anders ichs empfunden habe. Er meint, es Edith zu verdanken!!! Ich habe ihm gleich geantwortet und ihm rund heraus gesagt, dass ich in den Tagen in Kassel überhaupt kein Gefühl der Nähe gehabt hätte. Dann fügt er noch einen zweiten Bogen hinzu, den schicke ich mit. Was er da sagt, ist einfach wahr. Ich komme wirklich nicht mehr mit. Es lag ein Brief von Barth an Rudi dabei, den hab ich einfach nicht verstanden. Ich verstehe aber auch mich selber hier nicht mehr, und höre mir, wenn ich hier grosse Worte mache, manchmal zu wie einer Walze, die in mir abläuft. Dies überhitzte Scheinleben, was der Leichnam manchmal noch zeigt, ist wohl die Verwesung. Du würdest das wohl auch bald merken, wenn du mich sähest. Ich bin nichts mehr. Und in dem Augenblick kauft man mich für “etwas”. Es ist so beschämend, lebender Leichnam zu sein und es selber zu wissen!!

Dein Franz.

[ca 25.IV.20]

Liebes Gritli,  ich bin ja selber noch so wenig gewohnt, Rudi aus meinem Leben ausgefallen zu wissen, dass ich gestern noch an dich immer wieder mit dem Wort “Wir” mich, ihn, Eugen umschloss. Und doch ists damit zu Ende. Eugens Brief hat es mir gezeigt. Scheide ich nicht zwischen ihm und mir, so bin ich von euch allen geschieden. Denn die infernalische Theorie, als ob Gredas Vorbild nötig gewesen wäre, dir die “Freiheit, mich zu lieben” (!!!!!) zu geben – und diesen Mantsch Gritli = Greda, Greda = Gritli – braucht Rudi, um sich die wahre Bedeutung seines Erliegens vor Gredas allerprimitivsten Waffen eine Weile lang noch zu verschleiern – diese Theorie, die Eugen, dessen eigenes Verhalten zu Greda (ihr einfach unsichtbar zu bleiben) seine wahre Meinung über sie ausdrückt), – diese Theorie, die Eugen gutmütig genug sein darf anzunehmen, mordet wenn sie wahr wäre alles was je zwischen uns geschehen ist. Du selbst – weisst dus denn nicht beser, was diese Niederlage im gröbsten Waffenspiel (denn der Mann ist zu 9/10 Eitelkeit, und Greda hat sich gar nicht die Mühe gegeben, feinere Waffen als die der Schmeichelei hervorzuholen (und dann wärs auch noch nicht anders, sondern immer noch blosser Geschlechtskampf und =sieg, – eben “Greda” thriumphatrix, – oder meinethalben auch Rudi triumphator, das ist ja ganz egal) du musst es doch besser wissen, es war doch in deinen letzten Briefen einZittern um Rudi. Trau dir doch selbst, es war keine Eifersucht, es war die untrügliche, weil unbetrogene Stimme der Liebe, es war wirklich ein Zittern.

Ich kann mich nicht durch wahnsinnige Theorien von dir losreissen lassen. Ich weiss, du hast mir selber einmal so etwas gesagt oder geschrieben; ich habe es damals von mir abgeschüttelt, es war mir zu grotesk und zu sehr Nurtheorie, ein dichselbernichtkennendes Unterstreichen der Nachtseite in dir. Glaub mir mit diesen Kräften deiner Nachtseite, in der du dich mit Greda berührst, hättest du mich keinen Augenblick gehalten, hättest mich überhaupt nicht gesehn. Es ist zu wenig Gredasichtbares an mir, mit deiner Gredaigkeit hättest du an mir einfach vorbeigesehn. Dass du mit ihr befreundet bist, hat mich immer traurig gemacht, aber ich habe es an dir mit umfassen müssen. Ich hätte etwa, wenn ich auch gekonnt hätte, nie einen Keil dazwischen treiben mögen. +) Wer dich aber umfälschen will, wer diese Freundschaft aus dem was sie ist, aus einem verräterischen Symbol deiner natürlichen Mitgift, umlügen will zur Krone deines Wesens, der scheidet zwischen mir und dieser umgelogenen Gritli, so wie Rudi jetzt geschieden hat zwischen mir und diesem Gritli, das er jetzt zu lieben glaubt, und damit geschieden hat zwischen mir und sich.

Noch etwas: wie unsinnig ists, dass Eugen behauptet, ich müsste den hassen, der dir die Freiheit der Gestalt gegeben hat! Ausgerechnet Eugen!!

Da Edith mir Eugens Brief erst zeigte, nachdem sie mir das Gedicht gegeben hatte, so habe ich sie voreinnehmen müssen; ich hätte es nicht getan, wenn ich gesehen hätte, dass der Brief ihr die Freiheit liess, vom Gedicht aus die Dinge anders zu sehn als sie in der umgedichteten Wirklichkeit liegen.

Wir fahren Mittwoch nach Frankfurt zurück, Donnerstag nach Kassel. Die Wohnugssuche läuft. Gestern Abend Bertha Pappenheim, ein grosser Eindruck.

Ich werde ja Rudi in Heidelberg sehen und so gleich einen Vorschmack haben, wie dies Leben zwischen uns nun zukünftig sein wird.

Die äusseren Erfolge bei gleichzeitiger innerer Pleite scheinen ja überall zu sein. Eugen gewinnt Prozesse, ich “erobere Frankfurt” (beinahe ohne Anführungsstriche diesmal), es sollte mich nicht wundern, wenn Rudi doch noch Millionär würde.

Dein Franz.

+) zwischen Rudi und Greda stets, wenns möglich gewesen wäre

[27.IV.20.]

Liebes Gritli,

ich habe Rudi Unrecht getan. Das ist gewiss. Alles andre ist ja dagegen im Augenblick gleichgültig. Mein Bild von Greda ändert sich deswegen nicht; ich habe bloss gesehen, dass Rudi in dieser Gefahr nicht umgekommen ist, wie ich fürchtete und doch wohl fürchten musste, denn dass es eine Gefahr ist und seine Gefahr und dass er sich “hineinbegeben” hat, das wirst du doch selber nicht abstreiten.

Ich habe eben an euch telegrafiert; ich denke, wenn Eugen nicht etwasowieso hierher kommen will, so lasst ihr uns doch wohl kommen.

Das Böse hat auch wieder sein gutes gehabt (wie in Hansens 2tem Motto zum 2ten Band von Tr. und Kr.), aber davon kann ich noch nicht schreiben, es ist auch nur im Keim, aber es war nötig – morgen sind wir einen Monat verheiratet!

Liebes Gritli, lieber Eugen

– Euer Franz.

30.IV.20.

Liebes, mein liebes Gritli,  das Herz ist mir schwer und doch leicht. Es war ja so gut, wieder ein paar Tage mit dir und um dich zu sein, auch wenn es nur auf kurze halbe Stunden ein “bei dir” war. Das Bei = dir hab ich ja auch so, auf dem gelben Papier.

Ich sah ja auch, wie es dir war, im letzten Augenblick, und wir sind doch schon schwerer auseinandergegangen; es steht doch über allem jetzt ein Hoffnungsstern, – nicht mehr als ein kleiner Stern, aber der auch wirklich. Ich werde das eigentliche “Verzichten” nie lernen, und will es auch gar nicht lernen. Ich kann mich doch nicht dabei beruhigen, bei diesem Auseinanderleben meines Lebens in mehrere Leben. Ich kann Ediths Kirchlichkeit doch nicht lieben, ich kann sie höchstens schonen. Hier sitzt im Grunde doch die ganze Härte. (Grade weil sie, damit hier etwas Hartes, Widerstandsfähiges entstünde, hier ihre lebendige Seele eingemauert hat. Dies Mauerwerk muss ich zertrümmern, darf es freilich nur, wenn ich ihr jeden Stein, den ich abtrage, gleich wieder in einen neuen selbsterrichteten Tempel einbaue.

So war es heut Nachmittag einmal. Und da war sie so weich und aufgerührt, und doch von Trauer um das schöne harte Mauerwerk das da zerbröckelte, – dass Worte nichT nötig waren. Sie sind ja nie nötig, wenn man ein ehrlich zwiespältiges Gefühl hat. Dann schweigt doch jeder. Nur das Nichtsagen der einfältigen Gefühle, nur das lähmt.

Liebe, Liebe – ich bin im Grunde doch sehr einfältig

Dein.

Mai 1920

2.V.20.

Liebes Gritli,  die Einlage zeigt, dass es wirklich einen Druckfehlerteufel giebt (was ich übrigens dem Setzer zu der betr. Stelle an den Rand geschrieben habe. – Der Tag heute ging über Schwätzen mit Mutter und über einem langen Brief an Oldenbourg hin (ich habe nun doch den Stein ins Rollen gebracht und Oldenbourg auf Kauffmann gehetzt, schon um etwas Dampf hinter K. zu machen. Schade ists ja um die Bekleckerung, aber da K. sonst doch irgend ein Traktätchen oder “Kunst” = Blatt aus seinem Verlag hinten anzeigen würde, so änderts nichts.) Vor allem habe ich Oldenbourg auf sein Verlangen einen Waschzettel gedichtet, dass selbst du jetzt Lust auf das Buch bekämest. Ich habe Eugen als Rezensenten fürs Hochland genannt.

Denk, Tante Julie findet mich so jung geworden und ihr dadurch ferner gerückt. Oh si elle savait! Das “ferner gerückt” stimmt schon, aber der Grund ist ja grade der umgekehrte. Ich muss jetzt einmal allein zu ihr, ohne Edith.

Was sagst du zu diesem Papier? ich finde das Format wunderschön.

Ich habe Die schöne Seele gestohlen und werde euch nächstens Stellen daraus abschreiben.

Mutter reist Dienstag. Nachmittags werde ich dann die einleitenden Schritte für meine Kurse tun. Was ich ausser Hebräisch geben werde, weiss ich noch nicht.

Ich will noch mit Edith die Briefe fortbringen. Es ist mir so dürr heute Abend. Die seelenmörderische Tätigkeit dieses Waschzettelschreibens hat auch ihr Teil daran. Nimm mich wie ich bin, ich kann micht dir nicht besser geben, verstaubt, dürr und lahm. Nimm mich!

Dein.

[3.? V.20.]

Liebes Gritli,  ich kann dir kaum schreiben, so innerlich leer ist mir. Ich will euch ein bischen Klettenberg abschreiben. Aus einem Brief an Moser von Jan.1774.: mit Zuversicht meine ich Ihnen sagen zu könen: ich habe mich sehr geändert. Wie und in was, das wird ein kurzer Umgang bald lehren, – schreiben lässt es sich schwer – ich bin ein Christlicher Frey = Geist, alles Formenwesen, alles gemodelte, ist verschwunden – meine Brüderschaft sind alle Menschen, und das genaue Band der Freundschaft in dem (den ausgenommen an den ich schreibe) wenige oder vielleicht im eigentlichen Sinn gar keine stehen, sehe ich als eine Wohltat an, die mit dem Wesen der religion keine Connexion hat, und meine besten Freunde sind sogar Unchristen. In einem Papistischen Lande, hier, oder in Konstantinopel, zu leben wäre mir, insofern man mir meine Freiheit liesse, sehr gleich – Gott im Fleisch geoffenbart würde mir überall gleich nahe sein – und weiter brauche ich nichts. Ist das noch “Altchen”[?]? Freund! ich meine nicht – aber Ihre ganze treue Freundin ist es.

So nun steht doch etwas drin in diesem Brief, und freilich nichts von mir. Von mir lohnt es auch nicht. Wir gehen vielleicht heut Abend in einen Vortrag über Rafael! es ist auch ein Symptom. Ich kann selbst an den Stuttgarter Tag kaum recht denken. War ich eigentlich da? fast möchte ich so fragen.

Vielleicht wirds besser, wenn erst ein Brief von dir da ist. Auch rein äusserlich wüsste ich gern was.

Sogar Mutter merkt was und findet uns “so schauderhaft alt geworden”.

Dein Franz.

Der * hat neuerdings wieder Aussicht auf kleines Format. Es ist mir aber alles so fern.

4.V.20.

Liebes Gritli,  Mutter ist fort, mit Pech und Schwefelgeruch, und uns ist wohler. Ich habe heute die 2 Dämchen hier gehabt und mit ihnen die Kurse besprochen. Es wird wohl werden. Hebräisch für Anfänger, 3 stündig, Wissen und Glauben, Jüd. Gesch. im Rahmen der Weltgesch., und eine Arbeitsgemeinschaft, je 1 stündig. Das Ganze also 6 Stunden, und 6 – 8 Wochen, sodass ich Anfang Juli fertig bin. Morgen werden die nötigen äusseren Fragen (Saal, Bekanntmachung u.s.w.) geregelt. Eintritt wahrscheinlich für Hebr. 3, für die Vorlesungen 4, die Arbeitsgem. 5 M die Stunde. Für Ehepaare etwas ermässigt. Der Ertrag für die entstehende jüd. Bibliothek hier. Nächste Woche fang ich an. Die Weltgeschichte habe ich mir eben schon etwas überlegt. Von Wissen und Glauben weiss ich bisher nur den Anfang, die Geschichte von Zunz und Cohen (“ein ehemaliger Theologe ist immer…)

Zu allem kam auch dein Brief. Ich bin froh, dass ich [sic] euch aufgemacht habt. In Wimpfen bin ich mit Hans mal gewesen, da hab ich allerdings auch an [sic] die alte Kirche mit ihrem schiefen Chor (der an das geneigte Haupt des sterbenden Gekreuzigten erinnern soll in guter Erinnerung, besonders von aussen. Wir waren damals weiter nach Kamburg und Hall, und das war dann erst der ganz grosse Eindruck. Auf dem Hinweg sahen wir Maulbronn, auf dem Rückweg glaube ich Heilbronn. Es war wohl das einzige Mal, dass ich vor eurer Zeit im Württembergischen war.

Es ist spät geworden. Gute Nacht.

Liebes Gritli – Dein Franz.

5.V.20.

Liebes Gritli,  es ist wieder so spät. Aber es ist wirklich schon besser, seit wir für uns sind. Einfach weil wir dann doch auch das merken was schon da ist, und mag es noch so wenig sein.

Ich war bei Tante Julie heute, und habe mich ihr einmal wieder ganz geben können; ich tat es ohne Rücksicht, wie sie es “vertrug”, sie war erschüttert und doch froh, dass ich so zu ihr kam.

Mir ist über Mutter etwas klar geworden dabei. In der furchtbaren Umstellung bei der Nachricht von Vaters Tod, die sie ja zuerst auf mich bezogen hatte, hat sich ihr ganzes Leben umgestellt: von mir auf Vater. Daher lebt sie erst seitdem mit Vater in einer wirklichen Ehe; noch gröber: erst seitdem liebt sie ihn. Was ist die Ehe für eine verrückte Sache! keine gleicht der andern, und doch haben sie alle den gleichen Namen.

Die Kurse sind eingeleitet, nächste Woche, am Montag fange ich an. Ich werde wohl nur Damen haben; die meisten Herren können zwischen 5 und 7 nicht. Aber Abends wollte ichs nicht machen, es ist mir zu aufregend. Ich habe mir ja nun doch, faute de routine, wieder aufregende Themen gewählt, besonders an die Weltgeschichte gehe ich mit der bekannten Mischung von Angst und Freude. Übrigens nebenbei noch mit der privaten (ungemischten) Angst, über Ediths Kopf wegsprechen zu müssen (und nicht weil ich schlecht oder “zu hoch” sprechen werde).

Bei den Besprechungen heute habe ich einen ganz vergessenen Schulkameraden der in Quarta abgegangen war, kennen gelernt; er war ein ganz netter Kerl geworden. Ich wundere mich ja immer, wenn ich hier in Kassel jemanden kennen lerne.

Gute Nacht. Wirst du morgen wieder da sein? Gute, gute Nacht

– Dein Franz.

[6.V.20.]

Liebes Gritli,  heut Vormittag war ich auf Mutter hin bei dem Menschen, der hier die V.h.sch. macht gegen den üblichen Widerstand der Lehrer u.s.w. – ganz der normale Fall. Dr Bräuning = Oktavio, Oberhesse, Bauernrasse, sehr feingebaut, englisch und anglisierend und in England zum V.h.sch.mann geworden, dort als Civilgefangener. Mensch mit leichtem Zelt – “geht es hier nicht, so geh ich anderswo hin” (aber verheiratet und vor 14 Tagen ein Junge). Wir waren ganz mühelos d’accord. Als ich ihn nach Picht frage (denn er gehört zu den Leuten, ohne die alle Erlasse Hänischs[?] Erlasse bleiben): “Picht und ich sind Gegensätze”. Ich bohrte nach und es war wie ich vermutete: Picht hatte wieder mal sein Charakterschicksal gehabt, sich selber so gründlich im Licht zu stehen, dass er einfach unsichtbar geworden war, und unsichtbar für einen von den Menschen, denen sichtbar zu sein sein Beruf sein müsste. Natürlich ist dabei hart auf hart geprallt, von beiden Seiten. Picht war halb offiziell, halb unoffiziell, so richtig zum “Nichtklugdrauswerden”. Was für ein Mensch und Unmensch! Ich habe Br. erklärt, ich würde (ich! ausgerechnet) dafür sorgen, dass er und er zusammenkämen und habe Rudi telefonisch ins Bild gebracht, da muss sich nun das Weitere ergeben; Picht wird Montag vielleicht herüberkommen(ich bin sehr gespannt, ob er aus so einem Grund herkommt), ich werde ja wenig für ihn da sein, da Montag meine Kurse anfangen. Morgen liegen 300 bedruckte Postkarten in den Häusern. Mir ist schwummrig. Was werde ich sagen? nur für die Sprache ist es mir einigermassen klar, und selbst das wird eine Improvisation, denn ich will den Leuten ja keine Regeln erzählen, sondern ihnen zeigen, dass sie die grammatischen Regeln jeder Sprache in sich haben, sie brauchen bloss – zu sprechen. (Und ich rede mir ein, auf die Weise die Sprache lehren zu müssen, und dass es so besser gehen wird als nach der Methode der Schulmeister)

Dein Franz.

7.V.20.

Liebes Gritli,  es ist ja so etwas andres, deine “Leere” und meine. Meine ist eben nichts Zeitweiliges und wenn kein Wunder geschieht, so wird es nie besser, sondern nur immer schlimmer. Sie hat ja einen Grund, und keinen vorübergehenden. Es hat wohl so sein sollen.

Heut Vormittag war ich bei Trudchen und ging mit ihr nach Wilhelmshöhe, den kleinen Franz herauf zu Dithas Glaubensgenossen Konrad zu bringen. Es ist immer so erschütternd für mich, wenn ich mit irgend jemand zusammen bin, heute mit Trudchen, vorgestern mit Tante Julie, und es für eine Weile wie ein Auftauen durch mich geht, wirklich als wenn der Frost von mir wiche, der mich im Zusammensein mit Edith gefangen hält; ich kann plötzlich sprechen, leise sprechen, laut schweigen, alles. Es ist ja schrecklich, mit ihr spazieren zu gehn. Sie hat Freude daran, aber so eine ganz – ich weiss nicht, halb wie ein Schulkind und halb wie eine Lehrerin, aber nicht wie ich; ihre Worte wie ihr Stillschweigen lähmen mir das Herz.

Und bei allem weiss ich, dass sie mich liebt, obwohl ich wirklich nicht verstehe, warum. Frag dich einmal: weisst du, warum: Auch das gehört zu den Unbegreiflichkeiten bei ihr. Louis hat sich neulich zu Trudchen (als wir bei ihnen gewesen waren) auch darüber verwundert; man kann es wirklich nicht wissen.

Vielleicht ist das Wort des Rätsels, dass sie einfach – nicht 25, sondern 15 alt ist. Nämlich auch das “Erlebnis” ihrer 20er Jahre, die Enttäuschung durch und Fernschwärmerei für mich, ist ja so garnicht das Erlebnis einer 20 jährigen gewesen, sondern ein typisches 15 jähriges. Deshalb hat es so gar nicht auf sie gewirkt. Jedes Alter hat seine Erlebnisse; wenn man zwischen 20 und 25 ein typisches Halbwüchslings = Erlebnis hat, so ist es so gut wie gar keins.

Das alles ist leicht zu wissen und allenfalls zu verstehen, aber schwer darunter zu leben, einen Tag wie den andern, und mit den Resten von Leben die noch von vorher in einem sind, Geschäfte zu machen und “zu tun, als ob”. Ich komme mir vor wie Goethes Mann von 50 Jahren, der sich schminken liess um jung auszusehen. Ich bin alt geworden und passé. Was hast du noch an mir?

Dein Franz.

8.V.20.

Liebes Gritli,  Picht ist also in Göttingen und wünscht dass ich mich, womöglich noch mit meiner Frau, morgen bei ihm vorstelle, Ich habe dankend verzichtet.

Dass Rudi für die Unglaublichkeit dieser Form kein Gefühl hat! Picht selbst kann es natürlich, Juden gegenüber, nicht haben, aber Rudi müsste es doch wissen.

Hierher zu Bräuning kommt Picht natürlich nicht. Er ist “im Recht”. Was ich nie bezweifelt habe. Er ist sicher noch nie im Unrecht gewesen. Übrigens lag hier das Missverständnis wirklich auf beiden Seiten; Bräunings Denkschrift war Geschrei, kein Sprechen. Formell ists natürlich ein “Besuch bei Rudis”, aber da es mir morgen wegen der Kurse sehr wenig passen würde, so wäre es eben doch nur weil “Picht mich kennen zu lernen wünscht”. Ich danke –

Ich bin über die Unverschämtheit so verstimmt, dass ich dir schlecht schreiben kann. Ich bin Picht wirklich seit 1913 unverändert aufgeschlossen gewesen; ich weiss seit damals, was an ihm ist; die beleidigende Position des mich = erst = kennenlernen = müssens, auf die er (und seine Wortführer) sich mir gegenüber dauernd stellen, macht es mir aber wirklich schwer, noch zu wünschen mit ihm zusammenzukommen. Ich habe seine allergnädigste Genehmigung meiner Person genau so wenig nötig wie er meine. Will er mich “kennen lernen”, so soll er mich besuchen. Kassel liegt nah genug bei Göttingen, ich war lang genug gleichzeitig mit ihm in Berlin. Durch die Komplikation jetzt mit Edith schreit die Sache wirklich zum Himmel.

Ich bin froh, dass Weizsäcker sich besonnen hat. Ich hatte mich kräftig über ihn geärgert.

In den Kursen giebts aber nichts zu “lernen”. Die neuste Christin Ditha hat sehr wohl gespürt, dass man mit Hebräischlernen dem Judengott den kleinen Finger giebt. Nun ist sie ja aus aller Gefahr.

Also für deine “Lernlust” wärs keine Speise. Aber was sonst? mir ist so hundeelend, und ich weiss wirklich nicht, ob mich die Ereignisse so herunterbringen oder ich die Ereignisse.

Ja – es war im Krieg besser.

Dein Franz.

9.V.20.

Liebes Gritli,  die einliegenden Briefe habe ich nicht abgeschickt, gestern. Ich wolte Rudi nicht wieder Unrecht tun. In seiner Naivität hat er ja sicher gar nicht geahnt, was er uns zumutete. Ich habe nun eben meinen Besuch für heut Nachmittag telefonisch angesagt (da Picht, selbstverständlich, nicht herkommt!! Bräuning ist doch bloss ein Mensch, kein Paragraph!). Edith bleibt natürlich hier.

Ich erkläre nun aber Eugen, dass ich mit dieser Reise zu Picht das Äusserste an Selbstentwürdigung auf mich nehme. Ich tue es Eugen und Rudi zuliebe. Ich will Ruhe vor ihnen habe. Picht soll also heut Nachmittag durch Augenschein konstatieren, dass mir die allgemeinen Kennzeichen des Typus Mensch, trotzdem ich “bloss Jude” bin, nicht fehlen – 2 Augen, Nase, Mund u.s.w.  Wenn er dann immer noch nicht zufrieden ist, so liegt es jedenfalls nicht mehr an mir.

Die Reise kommt mir in jeder Beziehung sehr zu unpass. Korrekturen, die Vorbereitung auf die Kurse – alles bleibt liegen. Aber es muss sein, damit ich diese unsinnigen Vorwürfe nicht mehr hören muss, die die Schuld von Pichts Voreingenommenheit gegen mich – auf mich abwälzen.

Übrigens will ich dir mal den Badener Vortrag heraussuchen, damit du siehst, wieviel Recht eine selbst darauf begründete Abneigung eigentlich hat. Er wird dir nämlich ganz gut gefallen. Er ist jugendlich kernlos gewesen, aber ganz lebendig. Die lebendige Keimzelle, aus der dann die Totgeburt des Hegelbuchs gekommen ist. Aber Schluss (sonst kommt Barth gleich mit Kybeledienst angelaufen).

Die Leute sind entrüstet über meine hohen Preise. Ich lege eine Anzeige bei.

Dein Franz.

9.V.20.

Liebes Gritli,  ich bin zurück von Göttingen, es war sicher besser so als wenn ich den kränkenden Brief abgeschickt hätte. Die Unmöglichkeit, Edith mitheranzuzitieren hatte Rudi, wie mir Helene sagte schon selber eingesehen. Ich habe ihn selber gar nicht gesprochen. Picht habe ich nun also hinter mir, Gott sei Dank. Ich habe kein Bedürfnis ihn wiederzusehen. Objektiv war er mir ja ganz bekannt, es war mit nichts überraschend an ihm. Er ist ein ausserordentlicher Mensch – soweit er ein Mensch ist. Er ist mir tief unsympatisch im Ganzen – das hätte ich nicht erwartet. Denn alles Einzelne an ihm ist bewunderungswürdig. Aber sein Ganzes ist wie sein Gesicht: embryonenhaft. Man kann nicht sagen, dass er herzlos wäre, oder kalt, oder lieblos, oder seelenlos, aber das Sonderbare ist: er wirkt, als ob er das alles wäre. Und das kommt wohl so: es ist alles bei ihm ausgewogen und im Gleichgewicht, nun bleiben nirgends Über= (oder Unter=) schüsse. Die Wage neigt sich nicht, sie steigt auch nicht. Er ist ein Mensch ohne Gefälle, und auch ohne Auftrieb infolgedessen. Wenn er mal stirbt, wird seine Seele im Körper bleiben und weder gen Himmel noch nach unten fahren. Vielleicht kann man ihn lieben wie ein Kunstwerk. Wie einen Menschen nicht. Eugen liebt ihn nicht; das ist mir klar geworden. Eugen hat ihn aus Ehrgeiz oder Eitelkeit oder wie ers nennen mag, erobern wollen als eine Bestätigung und Befriedigung für sich.

Es war übrigens ein sehr angeregter Nachmittag. Ich habe auch nicht etwa mich künstlich verschlossen, sogar ruhig von jüdischen Dingen gesprochen, wobei er, wie überhaupt, tadellos Haltung bewahrte. Aber natürlich dass es unmöglich ist, sich in seiner Gegenwart zu geben – auch Rudi war ganz komisch, nicht zum Wiedererkennen. Die einzige, die sie selber blieb von uns dreien, war Helene; es war ordentlich, als stünde ein Öfchen im Zimmer, solange sie da war. Wie sie rausging, um die Kinder zu besorgen, ging ich mit und blieb einfach bei ihr, bis ich wieder allmählich Mensch wurde.

Aber glaub bitte nicht, ich wäre eklich zu ihm gewesen. Ich war so nett wie ich konnte, – nur eben “vornehm”. Und ich bin nicht [doppelt unterstr.] vornehm, Gott sei Dank ich bin es nicht. In all meiner Leere und Kaputheit ist mir doch wohler in meiner Haut, da darf ich doch schreien und flüstern wie mir zu Mute ist. Das verfluchte Mezzoforte!

Nein! [Zeichnung] noch nicht ff, aber doch f.

Dein.

[10.V.20.?]

Liebes Gritli,  ich bin sehr zufrieden, der Anfang der Kurse war sehr gut. Ich bin wohl von allen verstanden worden. Die “Klugen” fanden es sogar “zu einfach” und meinten, ich hätte populär sprechen wollen. Das ist aber gar nicht wahr. Ich kann diese Dinge jetzt gar nicht mehr anders sagen als ganz einfach und alles per Du: es bleibt nichts bloss = objektiv, nichts bloss wahr, es wird alles wirklich. Ich habe die ganze Stunde nur von Glauben und Wissen überhaupt gesprochen und es die Leute erleben lassen, dass sie alle im Leben fortwährend glauben und wissen, und dass sie um wissen zu dürfen, immerzu glauben müssen. Alles gruppiert um eine Gegenüberstellung von “Ich glaube dir” und “ich kenne ihn”. Dazu viel Anekdoten und überhaupt ein Durcheinander von Pathos und Drolerie. Vierzig Menschen, meistens Frauen. – Im Inhalt gar nicht spec. jüdisch, noch nicht einmal spec. theologisch. Im Sprechen zwar nicht entfernt so gut wie Hans, aber doch sehr gut, durchweg so gut (wenn auch ganz anders) wie Rudi in den Diskussionsantworten am Schluss des Todvortrags war. Ich hatte eben noch ein Notizblatt mit, will das zunächst auch weiter so machen; ich fühle dass ich jetzt wirklich Dozieren lernen werde. Die nächsten Stunden kommt nun jede Stunde ein Wissensbegriff und ein Glaubensbegriff, immer so dass der Wissensbegriff von dem Glaubensbegriff erst verwirklicht (aus dem blossen Kannsein = kannseinauchnicht des Wissens herausgerissen) wird. Und zwar werde ich, nächste Stunde, die “Naturphilosophie”, übernächste die “Geschichtsphilosophie” geben und wieder jedesmal es den Leuten zur Erfahrung machen, also nächste Stunde von ihrem Leib, übernächste von ihrem Leben sprechen – und nurnebenher von Sonn und Welten und von hinten weit in der Türkei. Weisst du was das Naturgesetz in den Gliedern ist? Der Tod. Und das Schöpfungswunder in den Gliedern: die Geburt. Und dann ists kinderleicht zu zeigen, wie man in jedem Augenblick sowohl aus dem Wunder wie unter dem Gesetz lebt. Und so ist dann die ganze Welt draussen auch. Wird das nicht schön?

Louis Oppenheim setzte aus: was ich “glauben” genannt hätte, wäre doch nur so, wenn man verliebt wäre. Du siehst also, es war richtig.

Es tut mir jetzt doch leid, dass du es nicht hören kannst.

Dann war heute Mittag Kaufmann hier und der * wird nun doch endlich gedruckt, im Gundolfformat, hier bei Gotthelft. Ich bin neugierig, wann ich den ersten Korrekturbogen habe.

Ich weiss nicht, wie du zur Zeitrechnung helfen kannst. Sowas weiss man doch nie im voraus. Ich habe ja übrigens, wie ich gestern, beim Erzählen davon bei Picht, merkte, noch immer meinen alten Einwand – und die Gewissheit, dass wenn Eugen an diesem Punkt zur Selbstkritik gekommen ist, es eine ganz grosse Sache werden wird.

Was du von dem Nichts = zu = überbrücken = haben schreibst, ist wohl wahr. Formen sind nur da nötig. Im Haus also normalerweise nur, wenn Eltern und Kinder da sind. Unser Fall, wo sie schon zwischen uns selber die Brücke schlagen müssen, ist abnorm. Übrigens aber und vor allem: es geht nur, wenn die eigenen Formen sich zuordnen zu bestehenden allgemeinen Formen. Will man dieeigenen Formen als eigene (und doch als Formen), dann wirds rettungslos – lächerlich. Nur die Vorstellung, “es” (die bestehende allgemeine Form) doch “recht schön” (also eigen oder wenigstens “selber”) machen zu müssen, giebt einem den nötigen Ernst. Übrigens ists auch für uns sofort furchtbar (nein nicht “furchtbar”, aber “lächerlich”) schwer, sowie wir eine Form erfüllen wollen, für die uns der wenn auch dünne Faden der Tradition überhaupt fehlt. So löste sich neulich einmal die “heilige Handlung” in ein befreiendes  Gelächter auf, das dann heiliger war oder jedenfalls heilsamer und heiler als die heilige Handlung.

Also: eure “Form” ist: ihr geht am Sonntag in die Kirche. Das ist (qua “Form”) das einzig Mögliche. Irgendeinen anständigen Pfarrer wird es in Schwäbisch = Stuttgart doch schon geben. Hausandachten könntet ihr nur in einer Form machen: wenn euer Mädchen mittäte. Dann wäre etwas zu überbrücken. Und dann würde es auch sicher gut.

Ich bin froh, dir einmal einen froheren Brief schreiben zu können. Guten Abend, liebes Gritli.

Dein Franz.

Edith Fromm (jetzt Frank) war gefährlich krank: Nierenbeckenentzündung während Schwangerschaft: jetzt ist sie ausser Gefahr, aber wegen des Zustands wird es langwierig sein.

10.V.20.

Lieber Eugen, Onkel Adolf und “Guttrie, Kenneth, Sylvan”[?] (sicher gut) sind bestellt, Kähler ums Placet angegangen. Im Fall Bräuning quant à “Fall” ist Picht ganz und gar im Recht. Aber dass es ein Fall werden musste, das ist (charaktermässig, nicht im Sinne irgend einer Zurechnung) ebenso ganz und gar seine Schuld. Er wird lauter solche “Fälle” haben, weil er selber – nicht fällt.

Ditha? meine Frage war eine pure Neugierfrage, im Sinne von “où est l’homme?”; ich habe also gar kein Recht auf eine Antwort. Das “Ärgste ihr nachzusehn”, wenn dus unter diese Kategorie bringst, bin ich natürlich gern bereit. Aber ebenso natürlich stehe ich heute zu Judentaufen anders als 1909 bei Hansens, ich habe auch das Recht dazu. Auch Ditha hat ja voriges Jahr gemeint, es mir gegenüber objektiv begründen zu dürfen, weil das Judentum doch so eine üble Religion sei u.s.w., ohne lieben Gott, ohne Vergebung der Sünden und was weiss ich, statt mir ehrlich und grob zu sagen (wie sie durfte): lassen Sie mich in Ruhe, was gehen Sie meine Privatangelegenheiten an. Wer diesen Schritt objektiv begründen zu dürfen meint, dem darf ich heute (ich, heute) ebenso objektiv sagen, dass er – mindestens leichtsinnig ist, wenn nichts Schlimmeres. Tut Ditha das nicht, sieht sies gar wie du als ein “nachzusehendes” “Ärgstes” an, so kann ich natürlich nur schweigen, – bei Ditha, die sich mir fern stellt, höflich, bei jemandem der mir nah steht, liebevoll.

Dass wir gestern in Göttingen ein (wie alles “sehr gutes”) Gespräch grade über dein Zeitrechnungsbuch hatten (als kommendes Buch!), ist doch drollig.

Gewiss wir sind alle “einzeln unglaubwürdig”. Aber Picht ist nicht bloss einzeln wie jeder “Mensch vom Weibe geboren”, sondern vereinzelt sich, – ich glaube sogar noch in dem Augenblick wo er “Bruder” sagt, hält er das Wort – dies Wort! an der Leine, damit es nur ja nicht aus seinem Gleichgewichtssystem WP [umkreist] herausläuft.

Dein Franz.

11.V.20.

Liebes Gritli,  es war ein schöner Nachmittag mit Martha Kaufmann, sie ist eine echte Person. Auch Edith war mehr dabei als sonst. (Ich meine nicht etwa, dass sie mehr gesprochen hätte). Vielleicht ist es einfach schwer für sie, “dabei” zu sein, wo ich einen Vorsprung vor ihr habe, und wo wir zusammen kennen lernen, fällt es ihr leichter. Das wäre ja ganz natürlich. Wie ich am Sonntag mit dem peinlichen Gesamteindruck von Göttingen zurückfuhr, hatte ich so gar nicht das Gefühl, nun “nach Hause” zu fahren; ich fühlte mich eigentlich heimatlos in der Welt umher pendeln, heimatloser als etwa voriges Jahr, wo meine Gedanken ja gleich wussten, wo sie ihre Heimat finden würden, weil sie eben gleich zu dir liefen; jetzt laufen sie dann zuerst natürlich zu Edith oder wollen es wenigstens, und dann merken sie dass sie da noch keine Aufnahme finden, aber dann stehen sie müde da und können kaum mehr den Weg bis zu dir machen. Das Anklopfen und Nichtgehörtwerden an der ersten Tür hat sie eben schon lahm gemacht. Dabei ists ja aber ein “erträglicher Zustand”.

Eugens Buch ist gekommen. Ich war erst so dumm, dass ich – die Widmung nicht verstand. Erst beim Blättern stiess ich auf die Stelle und wusste es nun. Allerdings hatte mich das “Wir” irre gemacht.

Etwas bange ist mir jetzt doch vor den Sprachstunden. Ich bin ja selber grammatisch gar nicht sehr sicher.

Martha K. war von der Stunde gestern auch nur mässig befriedigt. Es wird wohl wirklich nicht sehr gut gewesen sein.

Ist es nicht ein herrliches Papier? Ich kann es dir wohl noch besorgen, wenn es dir für dich gefiele.

Dein Franz.

12.V.20.

Liebes  heut und gestern nichts. Ich bin müde von dem Nachmittag. Es ging gut im Hebräischen; ich hatte nicht ganz 20 da, auch Louis, Trudchen, Paul Frank, Hans Mosbacher. Ich hörte noch allerlei über Montag. Von zweien, einer ganz entjudeten jungen Frau und einer jüdisch interessierten Bäumer = Schülerin, sie seien noch eine Stunde nachher zusammen herumgelaufen vor Aufregung; aber andre hätten es grade deshalb abgelehnt: es wäre nur Seele gewesen und in einem Vortrag dürfe man auch “Geist” verlangen. – Das Hebräische heute habe ich wohl sicher glänzend gemacht.

Ich bin müde. Gute Nacht.

Dein Franz.

13.V.  Heute ja wieder nichts. Tante Emmy rief eben an, enthusiasmiert von – gestern, und nun sehr offen abfällig über Montag. Ich nehme aber beides nicht an. Ich freue mich sehr auf nächsten Montag, es wird eine dolle Stunde. Ich werde Morgenstern Elef = anten = Gedicht aus den Galgenliedern deklamieren und ein gutes Wort für den – Storch einlegen.

14.V.20.

Liebes Gritli,  von Strauss war ein Brief da, dass Eugen am Freitag in Frankfurt wäre, da bist du also wohl in Heidelberg geblieben und dieser Brief und die vorigen erreichen dich erst – , aber nein am Sonntag seid ihr ja wohl sicher zurück.

Strauss schickte einen kleinen merkwürdig verbauten Aufsatz über seine Bibelstunde, den ich ihm eben etwas einzurenken versucht habe. Und nun kommen noch die – letzten – Korrekturen zum ersten Hegel = Band dran (das Titelblatt ist doch jeztzt ganz hübsch so?) und so wird das auch nur wieder ein “halber” Brief.

Rudi sprach ich schon am Telefon. Er weiss also inzwischen, dass es mit mir und Picht nichts ist. Für Picht wars natürlich anders. Er hatte ein Vieh erwartet und einen (für seinen Begriff) Menschen “kennen gelernt”. Ich hatte einen Menschen erwartet und einen für meinen Begriff Unmenschen gefunden. Ich habe ja seit ich ihn gesehen habe gar nicht mehr meine frühere sehr starke Kritik gegen ihn (die ich ja wirklich gegen ihn hatte wie gegen irgend einen meiner Nächsten). An ihm ist alles verloren. Er mag weiter vollendet schöne Aufsätze schreiben und aus dem Dunkel irgend eines Kabinetts die Welt regieren. Mit Menschen kann er ja gar nicht leben. Was ich früher dachte: warum macht er selber nichts von seinem Volksh.sch.programm, denke ich jetzt nicht mehr. Er kann es einfach nicht und wird es nie können. Es könnte ihm dabei doch einmal passieren, dass er einem Menschen von nicht vollkommenem ausgeglichenem Charakter, vielleicht gar einem  – Gott behüte! – “Albernen” begegnete. Und das könnte er sich doch nicht zumuten. Papier, schönes sauberes Papier, für Feuilletons einer= und für Akten andrerseits – mehr braucht er nicht. Ich freue mich, übermorgen Rudi wieder in natura zu sehen, nicht in der Zwangsjacke, die einem Picht schon durch seine “gepflegte Sprache” – und dazu das Kaulquappengesicht – anlegt.

Dein Franz.

15.V.20.

Liebes Gritli,  es war so ein schöner Tag von gestern Abend bis heute Abend. Das giebt einem doch immer wieder die Hoffnung, dass in diese Form doch auch einmal der Inhalt hineinfliessen muss. Manchmal habe ich das Gefühl, es läge vielleicht überhaupt nur an mir, dass es noch nicht geschieht, und gar nicht an ihr.

Wo magst du wohl sein? es war ja wieder ein Tag ohne ein Wort von dir. Mutter würde meinen, du wolltest mich jetzt endlich “entwöhnen”. So die Einzelheiten des Tages zu erzählen wird mir sogar wirklich schwer, wenn ich gar nicht recht dein Wo und Wie weiss.

Von Trudchen, die Feuer und Flamme für mein Hebräisch ist, habe ich schon eine Postkarte mit hebräischen Buchstaben!

Ich will noch vor Schlafengehen den endgültig letzten Bogen des ersten Hegelbandes korrigieren. Vom * ist wieder alles still! Aber doch wohl nur die Stille vor dem Korrekturensturm.

Dein Franz.

16.V.20.

Da ist doch wieder ein Brief von dir. Ich war ja etwas ausgehungert. Und selbst wenn sich ein Abgrund darin auftut zwischen uns, wie in dem wie du von Ditha schreibst und wie ich es empfinde, – so ist es immer besser, man sieht sich über einen Abgrund als man sieht sich gar nicht. Ditha – wenn ein Mann dabei wäre, so fände ich gar nichts dabei. So aber ist es für mein Gefühl eine glatte Abscheulichkeit. Ich habe zu gut in der Erinnerung wie sie voriges Jahr schleunigst retirierte, als sich ihr die Möglichkeit der Entchaoti-sierung ihres Lebens auf jüdisch zeigte. Eugen spricht zwar von der Ernsthaftigkeit der Geschwister Rosenstock in Glaubenssachen. Aber diese Ernsthaftigkeit beginnt,wenn sie beginnt, doch erst jenseits des Jüdischen. Das ist nun einmal deklassiert. “Er kann doch Pichts keine jüdische Frau vorsetzen” (Ernsthaftigkeit in Glaubenssachen!?). Schwamm (mit ungeweihtem Wasser) darüber. Nur von Überzeugung, Ernsthaftigkeit u.s.w. möchte ich in diesem Zusammenhang nichts mehr hören. Ich habe in diesem Fall auch genug zugesehn, um zu wissen, was – indiesem Fall – daran ist. Das “sie weiss nicht, was sie tut”, was Eugen und Hans damals zugutekam, kommt ihr nicht zu gute. Sie wusste es und tat es doch. Es ekelt mich, daran zu denken. Und dass es dich nicht ekelt, das ist eben ein Abgrund zwischen uns. (Dass Eugen nicht so frei sein kann, diesen Ekel zu verspüren, verstehe ich wohl. Das ist etwas andres. Du könntest es wohl.)

Werner – das ist kein Abgrund zwischen uns. Ich habe nichts andres erfahren als – was du längst erfahren hast. Denn ich begreife jetzt, was ich damals nicht begreifen konnte: dass du zu ihm nicht reden konntest wie zu einem Menschen, sondern ihm die “Akten” “zur Kenntnisnahme und allenfallsigen Rückäusserung” “einschicken” musstest. Das war mir damals unbegreiflich. Ich wusste ja wohl, dass das in ihm ist. Aber ich dachte doch nur, so wie in andern, meinethalben in allen Menschen, als ein Stück Ungelöstheit. Dass er so ganz hoffungslos, so ganz “Ischerith”[?] (“alter Goethe” schrieb ich an Mutter) ist, so dass du von vornherein darauf verzichten musstest ihn menschlich zu rühren, und wenn du ihn hineinziehen wolltest, es eben gar nicht anders konntest als auf dem Dienstwege – das hatte ich mir nicht vorstellen können. Jetzt sehe ichs.

Ob ihm freilich auch mit aktenmässigen Mitteilungen viel geholfen ist? Dass er z.B. bei Rudi vom Gedrucktem zu ihm selbst gekommen ist, bestreite ich rundweg. Rudi war so komisch anders in seiner Gegenwart – genau wie ich auch. Wir standen beide auf dem Theater (verstehst du: der Schauspieler arbeitet ja auch durchaus mit den Mitteln seiner “Persönlichkeit”, aber eben mit den Mitteln; er ist nicht er selbst. So waren wir beide Schauspieler, und er lag auf dem Sopha und erteilte mit “albern” oder “famos” seine oberstgeschmacksrichterlichen Zensuren zu. Weshalb er mich nicht so abgelehnt hat wie ich ihn, das schrieb ich dir ja schon. Es lag z.T. auch an meiner Schauspielerei. Hätte er mich einen Augenblick so gesehen wie ich bin, meinethalben hier in den Vorträgen oder so – er hätte sich mit gutgepflegtem Grausen abgewendet und sich in sein aristokratisches (100 jährige Aristokratie von Robespierres Gnaden!) Germanentum zurückgezogen.

Dass es schlimm ist, dass ich ihn nicht trotzdem lieben kann und dass auf mich hier zutrifft, was ich “christliche” Engherzigkeit nannte, muss ich freilich zugeben. Aber mit den verzweifelten Mitteln der Akteneinreichung oder des ihm schauspielerisch auf seinem Boden in der Maske des Gleichartigen,ebenso Gerechten, ebenfalls Uniformier-ten (man wundert sich immer: warum hat er keine Uniform – Uni=form – an?) Entgegentretens – mit diesen Mitteln, das sind eben “Mittel”. Liebe ist das auch nicht. Gott liebt ihn. Sonst hätte er nicht den 9.November 18 kommen lassen. Aber selbst diese göttliche Liebestat – hat sie mehr erwirkt als einige – ausgezeichnete – Litteratur? Wer ihn wirklich lieben könnte, müsste wohl die Kraft haben, ihn noch tiefer zu demütigen als ihn Gott damals demütigte und ihm nicht bloss den bunten Rock (ihm war Feldgrau jabunt) ausziehen wie es Gott tat, sondern die Uniform um seine Seele. Aber wer könnte das? Wer es könnte, müsste ja noch vollkommener, noch “tadelloser” sein als er. Eugen? Rudi? – es ist zum Lachen. Ich weiss niemanden.

Freilich man muss sehr geduldig sein. Ich spüre es täglich.

Zwischen dir und mir ist nie Geduld nötig. Es ist immer alles gleich da. So war es stets. Auch jetzt wieder. Ich brauche dir ja nur zu schreiben, so bin ich gleich wieder ganz nah, und selbst Abgründe mögen tief sein, aber doch so schmal, dass man kaum die Hand auszustrecken braucht, so reicht man hinüber.

Dein.

17.V.20.

Liebes Gritli,  Trudchen war noch bei uns, ich brachte sie dann heim; nun bin ich sehr müde. Ich schreibe dir wohl noch morgen früh mehr. Die Reise nach Göttingen war sehr nett; es war ein Zusammensein, wenn nicht zu vieren so doch immerhin zu 3 1/4 oder

3 1/2.

Heute die zweite Stunde Wissen und Glauben, sehr schön und diesmal auch für die voriges Mal nicht genügend geistbeschwerten genug.   Natur → Gesetz  →Tod

Schöpfung ← Wunder ←Geburt

Du merkst schon an dem Schema (das ich natürlich nicht gegeben habe), dass ich mich nicht etwa selbst plagiiert habe. Es war wirklich schön. Das Hebräische gelang weniger. Aber denk: Trudchen hat Edith gebeten, ihre Kinder zu unterrichten. Es wird vielleicht noch der kleine Baumann und zwei kleine Mosbachers dazukommen. Wir werden also eine ganz hebraisierte “Mischposha” hier zurücklassen.

Morgens

Ich komme doch erst nachher zum Schreiben, ich muss jetzt zu Prager.

Dein Franz.

18.V.20.

Liebes Gritli,  Seelenlos? ich kannte doch den Brief, du hattest ihn mir damals in Heidelberg, noch ehe du ihn an Eugen schicktest, fast ganz vorgelesen, ich hatte ihn genau in Erinnerung. Das, und vieles andre, und die Aufsätze, – das alles zusammen ist ja der Picht, den ich bis zum Sonntag vor 8 Tagen liebte; ich darf das Wort ruhig gebrauchen; ich liebte ihn wirklich, meine Kritik war Liebe, und nur weil ich ihn so sah (ehe ich ihn gesehen hatte) konnte ich ja damals dein Verhalten zu ihm nicht begreifen, denn so tut man ja nicht gegen einen Menschen. Seit ich ihn gesehen habe, begreife ich dein Verhalten, weiss dass ich in der gleichen Lage genau so gegen ihn handeln würde, weiss aber auch, dass ich ihn damit ausstreiche aus der Reihe der Lebendigen. Seelenlos – nein das habe ich nie gesagt; er ist seelenvoll wie ein Musikstück, aber (sowenig wie ein Musikstück) ein Mensch. Der seelenloseste härteste Mensch könnte mehr Mensch sein als er. Ich weiss mich wirklich frei von Gehässigkeit gegen ihn, er ist mir nur völlig “nicht existent im Eigensinn”, seit ich ihn gesehn habe. Ich lese den Brief, wie ich einen Humboldtbrief lese, lese ihn eigentlich mit dem Gefühl der Druckreife und habe gar nicht mehr wie vor einem Jahr das lebendige Gefühl, helfen zu müssen, ja und nein sagen zu müssen – was weiss ich. Es ist geformtes Leben, Musik der Seele, – aber eben Form, Musik – ein Kunstwerk auf zwei Beinen. Ich aber bin albern, das ist das Gegenteil vom Kunstwerk, und halte mich zu den Albernen, – ob Jud oder Christ, ob “Germane” oder “Semit”, einerlei, solange es nur Menschen sind, Menschen die ich hassen kann oder lieben, Menschen in deren Gegenwart ich atmen kann und leben und die nicht mir (und Rudi und – dir) Atem und Rede verschlagen.

Weisst du nicht mehr, was ich dir damals sagte von dem “Gott den Rücken kehren”? Ich würde das heute auch nicht mehr zu sagen wagen, nachdem ich ihn gesehen habe.

Ich habe den Brief noch einmal gelesen. Ich spüre selbst , hätte ich ihn nicht inzwischen gesehn, so würde er mir noch den gleichen grossen Eindruck machen wie damals als du ihn mir vorlasest, vielleicht noch grösseren, denn die ungeheure Klugheit (er ist ja einer der klügsten Menschen, die ich kenne) hat sich ja im Laufe dieses Jahres bewährt. Aber nun habe ich ihn gesehn und nun – spüre ich die Leine, an der er selbst das Wort “Bruder” noch hält ehe er wagt es hinauszuschicken. Ich könnte mit dem Finger auf die Stellen des Briefs weisen, wo diese Leine sichtbar wird, aber das ist gar nicht nötig; das Gefühl, das man in seiner Gegenwart hat, das Gefühl, das dich zur Akteneinreichung, mich zur Flucht zu Helene gezwungen hat, ist ja beweiskräftig genug.

Es war schön am Sonntag in Göttingen. Ich konnte Rudi auch ruhig von meiner Enttäuschung an (hier passt Eugens gehasstes Wörtchen, wirklich: an) Picht sprechen. Dass Picht mich, wie ich wirklich bin, nicht ertragen würde, fand Rudi selbst wahrscheinlich. “Was bedarf es weiter Zeugnis?”. Es kann wohl sein, dass ich einmal so würde, wie Picht mich ertrüge, mir ist ja in diesen Monaten immer bange davor, – aber in dem Augenblick wäre ich für dich nicht mehr da.

Aber wie zweierlei es ist, zu leben und zu schreiben – das hat mich der Tag auch mit schrecklicher Deutlichkeit gelehrt. Er schreibt christianissime und wie ich ihn sah, war mir immer, als spräche er “ich gehe des Herrn Wege im Schatten dieses Gerechten”, und Rudi sass bei seiner eigenen Figur und merkte es nicht.

Nun aber wirklich genug, von diesem Thema. Es ist nichts mehr darüber zu sagen. Und wenn er hoffnugslos ist, so ist er doch auch gar kein Grund sich zu sorgen. Er ist ja jemand, dem nichts passieren kann. Im Schneckenhaus ist es eine ungefährliche Sache, Seele zu haben. Er begiebt sich in keine Gefahr. So kann er auch nicht “umkommen”. Hätte ich mit der deutschen V.h.sch. zu tun, so würde ich jetzt, nachdem ich ihn kenne, seinen Einfluss bekämpfen. Denn seine Richtlinien sind nur die Folge seiner persönlichen Lebensfeigheit. Er möchte eine Elite von, möglichst wenigen, wohlgewaschenen, gutgezähmten Herrn Arbeitern, damit er nur ja das schmutzige, “alberne”, aber wirkliche Volk vergessen darf. Aber da ich mit der d. V.h.sch. nichts zu tun habe, so werden wir uns auch da nicht in den Weg treten. Ich habe wohl noch nie bei so vollkommener Konformität der Intellekte ein so vollkommenes Aneinandervorbeigehn der Menschen erlebt, wie hier. Es wäre mir wirklich lieber, wenn es anders wäre. Aber dann müsste er anders sein.

Dein Franz.

19.V.20.

Liebes Gritli,  es ist wieder spät geworden, wir waren nachher noch zu Trudchen mitgegangen. Sie ist ja meine getreuste Hörerin. Ausser ihr hab ich nur den Obersekundaner Levy, einen feinen Jungen, sehr klug, hübsch, ketzerisch, aber aus altstyliger (kleiner) Familie; der war auch in jeder Stunde. Heut war die erste Bibelstunde; ich werde, immer mit dem Wochenabschnitt, das 4. Buch durchsprechen, heut also bis 4,20, nächsten Mittwoch bis 7 einschl.  Ich mache es ganz anders als Strauss, nämlich ganz aus den alten Kommentatoren heraus, es kostet zwar viel Vorbereitung, das ist ja aber grade gut. Und bei dem heutigen Abschnitt hätte, glaube ich selbst Strauss nicht recht gewusst, was sagen. Es war dafür, dass es das erste Mal war, sehr lebendig und mehr als ich erwartete “Gemeinschaft”. Ich fragte nämlich viel und dabei kamen dann ganz von selbst, (natürlich durch mein Fragen gelockt) die Stimmen der alten Erklärer aus den ahnungslosen Mündern meiner 6 Leute heraus. Besonders schön ein Mal, wo in einem Zusammenhang dreierlei Liebe Gottes zu seinem Volk unterschieden wurde, die natürliche wie zwischen Vater und Kind, Mann und Frau, dann die Liebe die einen Menschen liebt, weil er gut und fromm ist und endlich die Liebe zwischen König und Volk, und von der zweiten Art gesagt wurde, das sei die Liebe, die Gott zu Israel gehabt habe nach dem Ereignis mit dem goldnen Kalb – und mir auf meine Frage a tempo ein Junge, ein Untersekundaner erklärte, es gäbedoch keinen Besseren als den Sünder der sich wieder zurückfände. Das wollte ich hören, denn so hatte es der alte Erklärer, aber ich hatte nicht erwartet, es zu hören.

An meinen Hebräern lerne ich mit Wasser kochen. Aber ich habe Trudchen da und Paul Frank und Hans Mosbacher – was will ich mehr.

Löwenbaums waren am Montag entsetzt, dass ich (im dazu einleitenden Gespräch) einmal “Schabbes” gesagt hätte, statt Sabbat. Ausserdem über meine schrecklichen Bewegungen. Seit ich nämlich jüdisch sichtbar werde, finden sie mich alle manscheln! Es ist auch wahr, aber vorher hätten sies nicht gefunden.

Gestern war Martha Kaufmann nachmittags wieder da. Diesmal hatte sie vom Montag eine “schlaflose Nacht” gehabt. Es war wunderschön mit ihr. Im Gespräch gab sichs sonderbarerweise, dass ich mein Leben erzählen musste (sie sprach von Strauss und fragte, ob wohl meine Vergangenheit ähnlich wäre wie seine); so hörte Edith eigentlich zum ersten Mal, wie ich als Schüler und junger Student war und wie ich dann zwischen 1906 und 1913 mich umstülpte, bis 1913 Eugen mich wieder ans Licht riss.

Am Sonnabend Nachmittag kommen Rudi und Helene mit Hilla. Der kalendarische Zufall des Zusammenfallens der beiderseitigen Feste muss in den 3 zuständigen Kirchen doch gefeiert werden. Dienstag fahren Edith und ich Nachmittags zu Mutter, auf ein paar Stunden.

Nun gute Nacht. Morgen noch die Weltgeschichte, von Achill bis Christus. Und dann “Ferien” bis Mittwoch. Ich erleb ja etwas die Sensationen des Privatdozenten im ersten Semester.

Dein Franz.

20.V.20.

Liebes Gritli,  ich schreibe dir wirklich gern gleich über Eugens nur zu natürliches Ditha = Verteidigen. Aber ich kann unmöglich, wegen heute Nachmittag; ich muss noch was dafür tun. So “rationell” gehts im Leben zu – nur bei Judentaufen gehts übernatürlich zu. Sonst täte es ja keiner und keine.

Eigentlich habe ich dir gestern Abend mit der Geschichte von Löwenbaums schon alles gesagt. In Dithas Fall habe ich gesehn, und genug gesehn, um zu wissen, dass dies der Grund war und alles was dazu kam undworan ich gar nicht zweifle (denn auch das habe ich gesehn), zu dieser“Entscheidung” nur führen konnte, weil jener Grund da war und vor der grossen Erschütterung, die ihm drohte, von Ditha selbst ängstlich beschützt wurde. Eugenmuss allen Wert auf das “Dazugekommene” legen, du tust es wohl leider, und der Pfarrer tuts von Berufswegen. Aber ich kann nicht davon ab, den Grund und Boden zu sehn, und danach richten sich in diesem Fall meine Gefühle, die nicht gehässig sind, sondern ganz rundweg Hass und Zorn, – eigentlich ja kaum auf Ditha, die eben wirklich nur “Fall” ist, sondern auf das ganze Geschlecht, Löwenbaums e tutti quanti. Und nebenher freilich noch auf die Christen, die doch eigentlich in diesem Punkt mit uns zusammenstehen sollten. Da begreife ich etwas nicht. Giebt es keine Christen? in dem Sinn wie es uns “giebt”.

Sag doch ein Wort. Verstehst du nicht was ich meine? Links Löwenbaums “Schabbes” = Ärger, rechts Käthes “er kann doch nicht..” – und da soll es einen in so einem Fall nicht ekeln?

Dein Franz.

20.V.20.

Liebes Gritli,  Eugen operiert in den tollen Konstruktionen seines Briefs mit dem Jahr 1919 monatweise. “Da war das” und “da war das noch nicht”. Aufs Einzelne mag ich nicht eingehn, es ist zu dumm; ich empfinde mich wirklich Ditha gegenüber nicht als “blamiert”. Aber ich weiss nicht, was ich von Eugen, Hans und all diesen Päpsten der Ketzerkirche halten soll. Die letzten Sätze von Eugens Buch unterschreibe ich. Sie sind, seit Ende 1919, auch meiner Weisheit letzter Schluss; ich habe sie am 28.XII. in dem zweiten Natanvortrag öffentlich bekannt oder wenigstens sie bekennen gewollt, denn es ist wohl nicht so deutlich herausgekommen wie es in mir war. Was steht bei Eugen? dass es auf das Menschsein ankommt und nicht auf Jud und Christ. Und dass die “tümer” nur die “dogmengetragenen Prunkbauten” sind, in denen wir wohnen mögen, die aber als blosse Häuser “langsam, langsam” zusammensinken. Gut und schön. Dazu stehe ich. Aber dann muss auf das Vergnügen von Judentaufen verzichtet werden. Denn jede Judentaufe, wenn sie nicht wie Käthes einfach zugiebt, dass sie “wegen Pichts” geschieht, oder wie die von Eugen erwähnten ungarischen, um den allzu innigen Umarmungen der christlichen Liebe zu entgehn, oder endlich um eines zu gründenden Hauses willen zwischen Mann und Frau (wo dann das eine so gut geschehn kann wie das andre, umgekehrte) – jede andre Judentaufe (und die meisten wollen ja “andre” sein und durch eure Beteiligung wird Dithas auf jeden Fall zur “andern” gestempelt) jede solche Judentaufe schlägt dem Eugenschen Buchschluss ins Gesicht. Denn sie giebt den Prunkbauten den Wert, den ihnen Eugen abspricht. Wenn man zwischen ihnen entscheidet, dann kommt es ebendoch auf sie an, und nicht auf den Menschen selber. Der Mensch selber könnte da bleiben wo er ist. Wenn er die Türe des einen Baus hinter sich ins Schloss fallen lässt und knieend über die Schwelle des andern rutscht, dann glaubt er eben an die Häuser mehr als an Gott. Und wenn Eugen wirklich zu seinen Worten stünde, hätte er, soviel es an ihm lag, Ditha jetzt verhindern müssen. Vor einem Jahr hatte ich das allerdings nicht erwartet. Denk doch, dass ich damals eine Nacht mit mir kämpfte, ehe ich überhaupt eingriff; so sehr respektierte ich damals Eugens Recht über seine Schwester und übrigens eben auch noch die “dogmengetragenen Kunstbauten”. Heute ists einfach ein Malheur (nicht für Ditha, Gott bewahre, wenn auch nicht das ungeheure Bonheur, für das sies jetzt halten mag; sie wird schon eines Tages merken, dass auch “Christi Blut” ihr die Schmerzen des Lebens nicht abnimmt, sowenig wie Abrahams). Aber ein Malheur für uns. Es erschüttert unsre gemeinsame Basis (eben die Basis der letzten Eugenschen Aufsatzschlüsse). So etwas darf nicht vorkommen. Noch dazu in dieser Form der Mitteilung, dass du mir eines Tages schreibst: “am 11.-13. sind wir in Heidelberg zu Dithas Taufe”. Das erste Wort, was ich davon höre. Ich war so entsetzt, dass ich drauf und dran war, trotz Picht, Kursanfang und

allem sofort hinzufahren, und mit Ditha zu reden. Nur das Gefühl, dass mit ihr zu reden, zwecklos war, (ich hätte zu Eugen fahren müssen und mit ihm reden – und ging das, wenn ers überhaupt wortlos soweit kommen liess?) so tat ichs nicht. Es ist toll, dass Eugen den Fall “Rudi Hallo” damit vergleicht. Erstens ists wirklich was andres, wenn einer geborener Jude ist und durch kein menschliches Band verchristet (glaub mir, wäre Eugen nicht durch die Ehe mit dir [doppelt unterstr.] wirklich Christ, die schönsten Bekenntnisse zu dem “gekreuzigten Nazarener” würden mich nicht im mindesten abschrecken, sein Christentum als eine blosse geistige Verirrung anzusehn; nun ists freilich anders; aber durch dich, durch die “leibhaftige Liebe”, nicht durch den geisthaftigen “Glauben”). Sowie ich glaubte, dass auch Rudi Hallo schon durch ein leibhaftiges Liebesband dem andern Hause angehöre, habe ich meine Hand von ihm genommen. Was aber jetzt mit ihm ist, weiss ich nicht. Er wird gesund, das ist sicher. Aber wo er sich anbauen wird, das weiss ich nicht. Und ich rühre keine Hand drum. Ich habe ihn lieb und will dass er gesund wird.

Ich nehme die Häuser nicht mehr tragisch. Den Hauslosen muss man sie aufschliessen. Ich zerstöre nichts an eurem Haus, auch wenn ichs könnte, – denn schon das hiesse zu viel Wichtigkeit dem Haus überhaupt beimessen. Eugen kann mir viel erzählen, der “gekreuzigte Nazarener” wäre der Messias. Ich weiss doch ohne ihn, dass das die Christen glauben. Oder: es widerspräche der jüdischen Verheissung, wenn ein Mensch ohne Judenblut ein sichtliches Kind Gottes wäre. Ich weiss lange, dass die Christen sich die “jüdische Verheissung” so vorstellen, so nach dem Schema “extra ecclesiam nulla salus”. Ich habe von Picht dem Menschen geredet, – Jude hin Christ her. Hätte er soviel Judenblut wie Hans – ich habe bei allem was ich schrieb, auch immer an Hans denken müssen, denn (in verkleinertem Massstab) passt es auch auf ihn und macht mir das Leben mit ihm schwer (“Ehrenbergs sind keine Menschen” sagte Eugen früher), aber dann spürt mans doch immer wieder, dass er einer ist – aber das Judenblut hat es mir bei ihm nie leichter gemacht. Doch ich will nicht mehr ins Einzelne. Da ist zu viel Unsinn. Aber schliesslich wie wärs, wenn ich mich einmal auf das hohe Ross setzen wollte, auf dem zu reiten ihr alle Picht als selbstverständlich zubilligt, und würde erklären (was ich mit gutem Gewissen kann:) “ein sehr angenehmer Mensch”. So macht ers ja. Dann könntet ihr zusehen. Oder wäret am Ende gar einmal gezwungen, eure Hebel auch einmal bei ihm anzusetzen. Ich bin ja alt und verheiratet genug dazu, um schliesslich so gut wie er das Recht zu haben, die Existenz des andern einfach zu konstatieren. Und nur Scheusal genug (er ist kein Scheusal, Eugen soll ihn nicht aus lauter Liebe so vermenschlichen, er hat höchstens Seele, Scheusslichkeit ist ihm fremd) – also nur Scheusal genug bin ich, mich damit nicht zu begnügen. “Weil ichs bin” – nicht “weil ers ist”.

Aber die Pichtelei beiseite, vielleicht lerne ich ihn mal näher und besser kennen (ich merke, ich fange schon mit seiner Methode an, – also doch lieber nicht) – aber wegen Ditha, oder vielmehr wegen Eugen schreib mir ein Wort. Es steht wirklich ähnlich wie im Juli und August wo ich nicht mehr recht wusste, wie ich mit ihm dran war und wo er plötzlich mit Taufbecken und Weihwedel um mich herum ging. Jetzt nicht um mich, aber doch wieder ein Herumgehen. Nächstens werde ich erklären, “meine Religion” verböte mir, mit euch zu essen.

Ich hatte nur etwas über 30 Leute heut in der Vorlesung, war selber wenig, die Leute sehr zufrieden. Ich habe schon beinahe Routine, heisst das doch. Ich schloss noch vor Christus. Zu Beginn deklamierte ich die Nänie und nahm die 3tt und 2tletzte Zeile als Text für den Griechen überhaupt. Aber ich glaube, ich werde nie wieder eine Geschichtsphilosophie vortragen. Es ist etwas Unanständiges dabei. Auf die Montagstunden freue ich mich; das ist das Rechte.

Schreib ein Wort. Wann gehst du denn nach Säckingen? ist die Hochzeit nicht bald? Der Druck des * scheint jetzt endlich zu beginnen.

Dein Franz.

21.V.20.

Liebes Gritli,  endlich ist der endgültige Druckauftrag für den * an Gotthelfts gekommen. Dienstag beginnt der Druck. Das kleine Format, wobei das Buch sicher 500 Seiten stark wird, aber mit dicken Überschriften über jeder Seite (das ist der Rest der Gundolffformat = Episode). Druck und Satz allein kosten 475 M! Also ohne Papier, Heften, Umschlag, schon 15000M, das Ganze also über 20000 unmittelbare Kosten. Also 60 M Ladenpreis! Weismantel hätte es bequem für die Hälfte machen können. Ich bewundere eigentlich Kauffmanns Mut. Dabei jetzt sinkende Preise und sinkendere Kaufkraft!

Unsre Wohnung in Frkft. hat sich verflüchtigt. Aber der “Seusal[?]” schwört, uns nicht im Stich zu lassen, und ich bin ganz ruhig, Edith nicht so ganz.

Heut war ein kleines Fräulein aus Berlin da, eine Bekannte von Edith, die nach Hessen kommt, um durch persönliches Zureden ostjüdische Kinder hier bei Landjudenfamilien über den Sommer unterzubringen. Sie ist den “Organisationen” um eine Nasenlänge vorausgefahren, auf eigene Faust, und wirds sicher fertigkriegen. Der Herr hier, der es voriges Jahr für hier versucht hatte, hatte auf seine Briefe meist überhaupt keine Antwort bekommen. Sie war ganz voll von unsrer Trauung, die sie mitangesehn hatte, es wäre die schönste ihres Lebens gewesen, sie wäre noch den ganzen Tag vergnügt davon gewesen, was eigentlich so schön daran gewesen sei, wisse sie nicht.

Wir fahren Dienstag auf ein paar Stunden zu Mutter nach Wildungen. Sie hatte Hexenschuss, dadurch war ihre Kur unterbrochen. Gestern waren Frau Löwenherz und Erna zu meinem Vortrag hier. Erna wird vielleicht ein paar Tage zu uns kommen.

Auch Prager war von gestern ganz begeistert. Mit irgend einer Nebenbemerkung hätte ich ihm das Wesen des Zionismus gesagt. So gehts also sogar, wenn man nicht mit vollem Herzen dabei ist. Geschichtsphilosophie istverboten. Ich versuche sie zwar, aus dem Historischen ins Deutsche zu übersetzten, indem ich, gestern z.B. wieder den Leuten zeigte, was der Grieche in ihnen ist, und so immer aus dem Historisch Vergangenen ins Menschlich = Gegenwärtige hinüberleite, – aber recht gelingen kann das wohl nicht. Es wird noch keine gaya scienza, was der Montag ganz und gar ist.

Immerhin ists besser als das Beifolgende, das Eugen lesen muss, vor allem den herrlichen Satz über den Kirchgang der Interessenten für Religionsphilosophie. Muss er da wirklich Juden taufen? Übrigens könnte ers für die Hochlands = Rundschau verarbeiten, obwohls zu schade dafür ist, denn da kriegen es die Interessenten für die Religionsphilosophie ja nicht zu sehn.

Dein Franz.

[22.V.20.]

Liebes Gritli,  nur ein Wort vor Schlafengehn. Rudi und Helene sind da, seit heut Nachmittag; Des Morgens war der kleine Levy da, der war sehr nett, zwar klug, aber doch verdummbar. Er bat uns zuletzt, ihn doch zu – dutzen (Er ist Obersekundaner, und macht einen sehr erwachsenen Eindruck im Benehmen u.s.w.)!  Diese Sabbate sind ja imer ganz richtige Sabbate und sehr schön. Mit Rudi und Helene haben wir dann Sabbatauss= und Festeingang gefeiert. Helene war sehr komisch angefeierlicht; so wie in der Kirche meinte sie wärs. Dann machte sie imerfort Pläne, sie wollte auch einen “Freitagabend” einführen. Es war aber abgesehn davon wirklich schön zu vieren.

Frag Eugen, ob ich ihm Rockinger, Briefsteller und Formelbücher des 11.-14. Jahrhunderts, München 1863 besorgen soll? Die eigene Vergangenheit muss man doch wenigstens im Bücherschrank komplett haben

Aber wirklich Gute Nacht

Dein Franz.

Guten Morgen und guten Feiertag!

23.V.20.

Liebes Gritli, wieder nur ein Gute Nacht, – aber es war ein schöner Tag, das zu Vieren, und Hilla so zwischendurch. Dazwischen grollte Mutter am Telefon zwar vernehmlich aus dem Hintergrund, (aber wir fahren Dienstag doch hin, und Edith die Arme muss über Nacht – improvisierter Weise, damits ihr auch “angerechnet” wird – bleiben und den Sturm auffangen. Sie zürnt nämlich, dass wir nur so kurz kommen. Sie kann sich nicht vorstellen, dass ich durch die Kurse nicht mehr so Herr meiner Zeit bin wie ichs ihretwegen sein müsste. Ich  habe ja nicht bloss in den 6 Stunden selber zu tun.

Sonderbar heute Abend. Wir sassen auf der Veranda und Edith las das Buch Ruth vor, das ja “du jour” ist. Helene, die ich erst bat zu lesen, kannte es gar nicht! Edith las es sehr schön. Und denk, sie verstanden es eigentlich beide nicht. Rudi noch eher, obwohl auch er nachher das zarte Gespinst nicht unzerrissen liess. Es ist eben so gar nicht “religiös” gepfeffert, und etwas wird einem wohl wirklich durch das N.T. der Sinn für so was einfaches verdorben. Durch “Thomas v.Kempis” ganz gewiss.

Aber es ist doch wunderschön dass sie da sind, es ist ein wirkliches Fest. Und gegessen und getrunken wird – gradezu passahhaft. Oder wie in Tante Deles besten Zeiten.

Dein Franz.

24.V.20.

Liebes Gritli,  du kommst in diesen Tagen schlecht weg – immer nur so ein müder Gutenachtgruss, ich freilich auch, ich hatte ja tagelang nichts von dir.

Ich hatte ein langes “Werner = Gespräch” mit Rudi heut Nachmittag. Er gab mir eigentlich die Bestätigung für das wie ichs selber mir zuletzt zurechtgelegt hatte; Rudi sagte, er hätte dir es selber auch so geschrieben: ich sei Werner wie eine Frau, er mir wie ein Mann entgegengekommen. Das stimmt einfach, und das war mein Fehler. Freilich habe ich nicht das mindeste Interesse daran, als “Mann” mit “Männern” zu verkehren; wahrscheinlich wäre ich vor 8 Jahren mit einem Zusammensein wie dem in Göttingen selber höchst zufrieden gewesen. Damals war ich ja noch ein “Mann”. Ich möchte aber keiner wieder werden. Und bis mir Werner also ebenfalls als “Frau” gegenübertritt, muss ich mich (und müsst ihr euch) gedulden. Denn “sachlich” ist er mir zwar interessant, aber doch höchstens so interessant wie seine Bücher, nicht interessanter.

Mir ist dabei klar geworden, dass ich wer weiss wie lange schon keinen Menschen mehr in dieser sachlichen (soi – disant “vornehmen”) Form auf mich habe wirken lassen – ihn wahrhaft von mir abgehalten – habe , wie es hier nötig gewesen wäre. Ich habe mich eigentlich über jeden irgendwie “aufgeregt”. Da konnte es ja zwischen mir und Picht nicht gehen. Er hat eben offenbar die, zum Leben ja ausserordentlich notwendige, Einteilung in sachliches und persönliches Verfahren. Und ich nicht. Das geht dann mit Notwendigkeit an einander vorbei.

Dass ich ihn objektiv falsch sehe, ist ja nach allem, was Rudi wie Eugen von ihm sagen beinahe sicher. Aber dass er so wirkt, dass ich ihn so sehen muss (oder dass du damals so gegen ihn handeln musstest, – was ja das selbe war), das gehört eben auch zu ihm. Es mag sein, dass es, wie Eugen sagt, sein früheresWesen ist, – sehr wahrscheinlich: denn es steht ja noch jetzt in seinem Gesicht zu lesen, in dem ausser den Augen noch alles Kaulquappe ist; aber dann ists ja nur um so erklärlicher; das sogenannte “frühere Wesen” tragen die meisten Leute ja noch einige Jahre lang als Regenmantel auf, und in meiner Gegenwart hat er dann eben den Regenmantel nicht ausgezogen, – vielleicht weil er fürchtete, der aufgeregte Jude könnte im Gespräch spucken, womit er vielleicht ja ganz recht gehabt hätte.

Es war doch wieder ein schöner Tag, und Rudi der von Werner spricht, ist auch viel mehr Rudi als der, der mit Werner spricht.

Dein Franz.

25.V.20.

Liebes,  wir sind auf der Rückreise von Wildungen, es war nicht schön, aber davon nachher. Es war ja doch schön, ich wurde den ganzen Tag so getragen von deinen beiden Briefen, die heut früh noch vor der Abreise kamen, liebes Gritli –

Ich habe den Anfang des * heut zur Druckerei gebracht, Initialen ausgesucht u.s.w. Ich bin wie entsetzt schon von der Einleitung, als ich sie im Mskr. wieder las. Jetzt in den Montagsvorlesungen sage ich das alles direkt und ohne Apparat.

Es war auch noch so ein schöner Abschied von Rudi diesen Morgen und von seinen beiden Frauen. Hilla ist ja auch schon eine; sie küsst die süssesten leichten Küsse auf den Mund, die man sich denken kann.

Pfui, wie unritterlich, das auszuplaudern. Sei nicht böse darüber

Deinem Franz.

26.V.20.

Liebes Gritli,  wir sitzen auf der Veranda, nach einem sehr heissen, schwülen Tag. Durch die Reise gestern hatte meine Vorbereitung gelitten, so sass ich schon etwas auf Kohlen des Nachmittags in der Bibelstunde (4,20-7 Schluss), und dann kam noch der junge orthodoxe (sehr tüchtige, von der ganze Jugend dort angeschwärmte) Rabbiner von Eschwege, Freier, und nun musste ich den Eiertanz der Formulierungen, die ihn nicht verletzten sollten und doch mein eigentliches Publikum packen, tanzen. Es waren ausser Trudchen auch Louis und Ida Frank da, dazu ihr Bruder Wilhelm, und ein reizendes 19 jähriges Mädchen, ausserdem Prager, und noch ein paar jüngere. Ich war durch alles sehr nervös, aber alle fanden es trotzdem sehr gut, und Prager meinte es wäre besser gewesen, ich hätte nicht versucht meine Formulierungen alle nach rechts zu “decken”, obwohl es für Frankfurt wohl eine gute Übung gewesen sei. Ich sprach übrigens nachher mit Freier selbst noch einen Augenblick darüber. Im Hebräischen wirds jetzt, nachdem ich mein Niveau heruntergeschraubt habe, endlich Licht; nach der vorigen Stunde war ich noch ziemlich unglücklich.

Ja also gestern. Also Mutter tobt – über uns. Edith und mich. Und natürlich über das, wo wir am ver = “und” = esten sind, über das Jüdische. Kunststück, dass sie nicht eifersüchtig war, solange sie das Gefühl hatte, keinen Grund dazu zu haben. Jetzt hat sie aber offenbar etwas Grund. Das ist das Gute dabei. Sie kleidet ihre Wut in die Form: wir hätten das doch in ihrer Gegenwart doch auch machen müssen. Sie hätte uns doch darum gebeten (ist wahr) und ich hätte es abgelehnt (ist auch wahr) unter der Begründung, ich wollte nicht Vaters Geist aus ihrem Hause vertreiben. Den toten Vater gäbe ich vor zu respektieren aber die lebende Mutter na u.s.w.  Wir haben es ihr mündlich und schriftlich so gut es ging auseinandergesetzt, weshalb es uns unmöglich wäre, wie sie es sich vorstellte, an ihrem Tisch “Freitag Abend” zu “machen”. Sie denkt sich das ja wie eine Theatervorstellung und ahnt nicht dass es doch nur Sinn hat, wenn man so wie wirs jetzt tun können, Sabbat und Festtage überhaupt feiert. Die Ceremonie ist ja nur der Rahmen für die Wirklichkeit des – nun eben des keine = Kisten = auspackens (um Eugens grosse Wort aus dem September zu zitieren). Das Tragikomische war aber wie bei allem dann doch auch Mutters eigentliches Entsetzen herausguckte. Erstens: die Mädchen sähen es! Zweitens: meinte sie, als Rudi und Helene dagewesen wären hätten wir es wohl gar nicht oder heimlich “gemacht”. Drittens: auf der Veranda – da hörten es ja Staatsanwalt Bärs! Nun haben wir ihr beide heut nochmal geschrieben, und sie müsste es eigentlich verstehen, wäre nicht die Eifersucht und die Judenangst zu stark in ihr. Das Hübscheste dabei war Ediths Brief, der richtig einen Schritt vorwärts für sie bedeutet. Denn sie verleugnet darin ausdrücklich die formale (“gesetzliche” nennt ihrs) Art wie sie sich früher einen Sabbat zusammenstückte und sagt, so würde sies jetzt gar nicht mehr können, so ohne das wirkliche Leben als Inhalt für die Form.

Heut früh waren wir freilich traurig; denn wir hatten plötzlich gleichzeitig die Vorstellung: nun, nach gestern, gehts nicht mehr, und wir müssen bis Frankfurt warten. Da als wir grade runter kommen, telefonierts. Das kleine Fräulein, das hier Judenkinder aufs Land unterbringt, telefoniert an: 20 Kinder schon, und von Donnerstag bis Sonntag möchte sie bei uns wohnen, um am Freitag noch hier herumzureisen und am Sonnabend bei uns zu sein. Da konnten wir nicht gut ablehnen; sie lud sich so selbstverständlich ein, und ihre Freude über die 20 Kinder war so famos. Nun hatte ich leider, im besten Glauben, Mutter gestern wieder erklärt, wir nähmen doch die Rücksicht auf sie, niemanden ins Haus zu lassen, der nicht ihr bekannt wäre. Und nun plötzlich unbekannter Logierbesuch! Ich musste sehr lachen, aber so gehts einem. Nachher schrieben wir die Briefe, und wollten bei ihr anrufen, das ging nicht, wegen Gewitter; so musste ihr Edith heut Abend beichten. Sie hat auf meinen Rat die “Konfession” unterdrückt, hat sie “in der sozialen Arbeit” kennen gelernt und sie bringt “Kinder” “hier auf dem Land” unter. Da der Name, Caspari, hier in Kassel auch christlich ist, so wirds Mutter vielleicht nicht merken und sich dann weniger aufregen als wenns eine Jüdin ist.

Ist das eigentlich zu glauben? aber es ist so. Wenn Kähler (du weisst wie sie ihn leiden mag) herkommt, so ists ihr ganz recht. Malgré tout “ehrt” das nämlich ihr Haus. Reserveleutnant, Theologensohn, Neffe von Stöcker – kurzum. Ich konnte ihn unbedenklich einladen. Um diese Jüdin muss ich mir 1000 Kopfzerbrechen machen. – Weisst du, der Antisemitismus der Christen lässt mich sehr kalt (mindestens quant à moi, nicht quant aux Chrétiens), aber dieser Antisemitismus der Juden geht mir ans Leben, ungefär so wie Eugen der Antisemitismus der Christen.

Vor lauter Erzählen ist das gar keine Antwort geworden.

Ich lege ein Stück Vergangenheit bei, das mir in die Hände fiel. Ist das nicht komisch? so weit auseinander!

Dein Franz.

27.V.20.

Liebe,  wieder nur rasch vor Schlafengehn. Denn wir hatten nach dem Vortrag noch Besuch, Martha Lazarus aus Frankfurt, die hier bei ihren Eltern ist; nachher kam unser Gast, das Frl.Caspari; es war sehr nett. Das Netteste aber war, dass heut früh, sich mit unsern Briefen kreuzend, ein schöner gelöster Brief von Mutter da war; ich möchte ihn dir wohl schicken; sie sagt so etwas Tiefes über sich selber und über das Leben.

Meine Geschichtsvorlesung hat mich heut zum ersten Mal selber befriedigt. Ich sprach ziemlich die ganze Stunde von dem Anfang des Christentums, ganz frei, gut fundiert, und ohne laute Töne. Ich glaube, heute würde es auch Christen nicht haben verletzen können, obwohl ich keinen Gegensatz ausglich und keine Härte verweichlichte. Ein Christ hätte wohl zu jedem Satz Nein sagen müssen und wäre doch wohl auch ergriffen gewesen. Meine Leute waren es. Sogar Louis Oppenheim. – Es sind ja die Sachen, über die Eugen im Sommer so entsetzt war. Aber ich glaube, diesmal wäre er nicht entsetzt gewesen. Es war alles einfach und ganz unpolemisch, eben einfach ungereizt. Es lief alles nachher auf die persönliche “Nutzanwendung” heraus, das “heute” jeder Mensch in seinem Lebensgefühl sowohl “jüdisch” als “christlich” sei, also sowohl exklusiv wie inklusiv. Das ist ja die neue Freiheit des Jahres 1919, die ich im Sommer damals noch nicht hatte; und dass ich auf diese Nutzanwendung lossteuerte, nahm auch dem Geschichtlichen schon die Schärfe, die es damals noch hatte.

Aber ich bin müde, müde. Wenn du wüsstest, wie wohl mir dein tägliches Wort tut. Der ganze Tag ist ja gleich anders. Ich brauche dir gar nicht zu “antworten”, du spürst es wohl schon an meinen Briefen.

Dein.

[28.V.20.]

Liebes Gritli,  ich war so verwöhnt durch den Briefsegen der letzten Tage, dass ich heute ganz unruhig bin, weil er ausgeblieben ist. Mir tut es ja wenig, ob die Briefe “dürr” sind oder nicht; ich merke es kaum, habe es in den letzten überhaupt nicht gemerkt, – das wird wohl an meiner eigenen Dürre liegen. Die ist ja da, trotz “Freitagabend und Lernen”. Manchmal denke ich, es wird nie mehr anders. In meinem Innersten ist etwas hohl geworden. Und doch hat es sein müssen und ich dürfte den 6.I. nicht wegwünschen aus meinem Leben, selbst wenn ich es könnte. Es ist mir ja auch allerlei Ersatz dafür geworden in den äusseren Schichten meines Lebens; eben “Freitag Abend und Lernen”, – aber ———–

Genug, und schon zuviel.

Kennst du Dostojewski, “aus einem Totenhaus”? es giebts in Reklam. Ich finde es nicht, sonst hätte ich es dir mitgeschickt.

Unser Gast ist heut nochmal über Land. Sie macht uns weiter viel Spass, eine so echte Person. An einem Ort hat sie ihren Erfolg erreicht, indem sie – es war grad Schabbes – nach dem Nachmittagsgottesdienst in der Synagoge eine Ansprache losgelassen hat. Im Osten ist das für Wahlreden u. dergl. (natürlich nur bei Mannsen) eine ganz übliche Form; ich habe es selber mal in Warschau miterlebt, dass plötzlich einer sich in die Mitte stellte und grossen Radau schlug wegen Unregelmässigkeiten der Mehlverteilung. Aber in Deutschland ists was Unerhörtes.

Dabei eine ganz einfache und stille, aber lustige und eben Herz = auf = dem = rechten = Fleck = Person.

Sowas giebts leider nur unter Zionisten.

Vormittags war ich bei Prager. Er war sehr weg von gestern der Stunde. Er habe doch immer wieder Angst, ich sei zu sehr christlich beeinflusst. Aber es sei ganz wunderbar gewesen. Und er findet andrerseits jetzt zum ersten Mal euch “gewissermassen entschuldigt”. (Ich hatte auseinandergesetzt, weshalb die Heiden nur Christen werden konnten und nicht Juden). Also!

Hab Nachsicht mit mir und meinen Briefen.

Dein.

Ich merke eben: ich bin heut 2 Monate verheiratet!

29.V.20.

Liebes,  denk wer heut früh, als wir zu dritt beim Frühstück sassen, anrückte – das scheint so in der Familie zu liegen – : der Sohn eures Pfingstgeists von neulich, Otto K. Er blieb den Tag über (d.h. nach Tisch ging er nach Wilhelmshöhe) und fährt morgen früh fort. Er ist auf einer Wanderung. Eine so genaue Kopie von Papa U.! “Klug”, “sso begabt”, raffiniert und naiv durcheinander, und da wo andre Menschen das sog. Herz haben, ein luftleerer Raum. Dabei sicher in dieser Schule noch gut untergebracht; denn bei seiner grossen “Assimilationsfähigkeit” kann er bis zu einem gewissen Grad auch ihm fremde Eigenschaften, da wo sie geschätzt werden, soweit nachmachen, dass gutgläubige Seelen es für echt halten mögen. Die beiden Weiberchen waren ebenso entsetzt wie ich und Hebe Caspari meinte, eine Musterkarte aller schlechten jüdischen Eigenschaften. (Z.T. sogar derer, die nur in den Büchern stehen, z.B. ein beständiges Berechnen aller Dinge auf den Geldwert; als er den Henschelschen Garten sah, sagte er: da werden die Erben zu lachen haben, die das mal verkaufen! und so in einem fort.) Er erzählte von einem Witzbrief, den er (über die Kappaffäre) an den Ulk geschrieben hätte und als ich auf eine Probe hin sagte: da scheint doch der Vater mitgeholfen zu haben, zog er die anfänglich behauptete Alleinverfasserschaft zurück, ja Vater hätte es mit ihm zusammen gemacht, und dann hätte “die Mutter auch ihren Senf dazugegeben”. Es kam in einem so trockenen Ton heraus, das es uns war um in die Erde zu versinken. Nein Gritli, auf dieses Glatteis gehe ich nicht: H.U.s “wunderschöne Briefe” nach dem Tod von Thea und neulich sein Eindruck auf mich – für die “histor. Zeitschr.” schreibt er gelegentlich auch einen Aufsatz (etwa über Dove), auf den der naive Redakteur vielleicht hereinfallen kann, weil er gutes  Talmi nicht von echtem Metall unterscheidet, aber mich kodderts auch bei solchen Aufsätzen; ich kenne den Stil zu genau, den er da imitiert, und er müsste nicht sein, der er ist, wenn er sich nicht aufs Imitieren verstünde – er ist ja darauf angewiesen!

Ich wollte dir neulich nicht auf das “rote Tuch” antworten, weil dus schon selber so genannt hattest (und weil ich durch Rudis Nachricht über den “wunderbaren” Brief an Greda schon auf diese Walze vorbereitet war), aber heut dies verkleinerte Ebenbild – c’est trop, nun musste ich doch reden.

Der Junge hats übrigens natürlich gut gehabt hier, ich habe mich viel mit ihm abgegeben, und er hat mein Entsetzen nicht gemerkt. Aber das Tischgebet konnte ich heut in seiner Gegenwart nicht sagen; es war mir genau so, als sässe der leibhaftige H.U. da, es ging nicht. Übrigens hatten wir Vormittags auch die kleine süsse schüchterne Hanna von Martha Lazarus da, neunjährig und waren zu fünfen in der Bildergallerie (wo der Otto hatte hinwollen, aber sehr enttäuscht war, denn er hatte ein Plakat gesehen, so ein abscheuliches, für eine “moderne” Ausstellung hier und da hatte er gemeint das wäre die Bildergallerie), und nachher war im Garten noch die 13 jährige Dora Frank, das schöne Pflegekind von Rubensohns, für das ich so schwärme, – und so war das kleine Schrecknis etwas übertönt.

Und ausserdem, als er kam, hatte ich ja grade einen Brief von “Tante Gritli” gelesen. Ach Liebe. – du schreibst mir heute, wie ich dir gestern Abend, welche Lücke so ein Tag gleich reisst wo kein Brief da ist. Ja es ist so, und “Dürre” spürt man gar nicht, wir sagen uns ja doch nur dass wir da sind.

Deine Not mit den Heiligengeschichten – das haben die ollen ehrlichen Kirchen von vor der Ketzerkirche so an sich. Wenn ich über einem Buch so recht gottsjämmerlich stöhne und lamentiere, dann fragt Edith auch schon bloss: na Franz was hast du, jammerst du wieder über die Juden?

Es lohnt sich aber immer, sich zu entjammern. Denn die eine Hälfte der Schuld liegt dabei doch immer an uns. Die Alten glaubten und lebten so vielhandgreiflicher – es ist immer ein Stück schlechtes Gewissen dabei, wenn wir über sie lamentieren. Wir zahlen eben für das was wir vor ihnen voraushaben mit dem schlechten Gewissen dessen was uns fehlt. Deshalb müssen wir unserm schlechten Gewissen Nahrung zuführen und – Heiligengeschichten lesen. Die “schöne Seele” brauchen wir nicht zu lesen.

Dein Franz.

31.V.20.

Liebe,  heut hatten mich die beiden allein gelassen und waren nach Hof gegangen, einem Dorf hier in der Nähe; die Kleine hat wieder einen grand succès gehabt: 15 Kinder, – nachdem der Lehrer ihr vorher gesagt hatte: ausgeschlossen, er habe es selbst versucht und nichts erreicht (“da kriegte ich Mut” erzählte sie nachher). Sie hat einach eine Versammlung einberufen: wer da nicht hinkam, den hat sie nachher besucht. “Frau Dr.Rosenzweig” wurde als Attraktion verwendet. Die beiden kamen erst Abends um 8 zurück, morgen früh fährt Hebe weg. Ich war den ganzen Tag auf der Verande und habe gelernt. Vor Tisch war Schafft eine Stunde da; aber schwer ist er, wenn er so spricht! man muss immer sein gutes Gesichtchen ansehn und sich dazu sagen: er meints ja ganz leicht, – sonst hielte mans nicht aus. Ich habe ihn für morgen in die Vorlesung dirigiert. Rudi wird wohl auch kommen. Und Bertha Strauss, die zur Erholung auf Wilhelmshöhe ist, mit der “Muttel” wohl auch. Es kommt morgen: Geschichte – Entwicklung – Ereignis – Offenbarung.

Am 29.Juni ist die Hochzeit in Berlin. Wir werden Freit.d.25. hinreisen und Donn. 1.VII. zurück, wenigstens ich (wegen Vaters Geburtstag). Vom 6.-21.VII. sind Regensburgs in Kassel (Tante, Winnie, und Walter “Reaburn”), die beiden ersten bei uns, Walter bei Tante Selma. Die Kurse werde ich Donn.24. schliessen, nur die Bibelstunde und möglichst das Hebräisch noch weiter machen, bis Mitte des Monats. Denn dann müssen wir ja ernstlich ans Umziehen gehen. Wohin?

So ein Tag allein hat noch ganz ähnlich demoralisierende Wirkung auf mich, wie damals als ich verlobt war; es wird wieder alles zur blossen unwahrscheinlichen Möglichkeit, und es ist als hätte mein Herz noch gar keine Wurzeln in ihr geschlagen so schmerzlos ist der Abschied, so freudlos das Wiedersehn. Ich hätte doch nie geglaubt, dass ich einmal in dieser Weise verheiratet sein könnte. Wer mirs gesagt hätte, den hätte ich ausgelacht.

Dein Dein.

Juni 1920

1.VI.20.

Liebes Gritli – bis morgen früh; ich bin wieder so müde, heut nach Tisch kam ja Rudi, ich schlief also nicht.

Es war, von mir aus, sehr schön. Rudi hat viel Ausstellungen. Morgen mehr. Wirklich bis morgen –

Dein Franz.

2.VI.20.

Liebes,  das ist ja schrecklich, dass du einen Brief zurückhältst, weil der “Wisch” die 40 Pf. nicht lohnt! du weisst eben immer noch nicht –  Ich schicke dir gleich alle 40er Marken, die grad im Haus sind, für die nächsten sechs solchen Fälle, wo es “nicht lohnt”.

Ich habe sie gleich auf schöne Couverts geklebt, damit du dann wenigstens das Gefühl hast, dass es sich doch lohnt – wegen des Couverts!

Du Böses!

Also gestern: die “Gesellschaft auf gegenseitige Bewunderung” hat mal wieder versagt. Ich hatte zuletzt ein richtig schlechtes Gewissen, dass ich Rudi hergelockt hatte, zumal wir vorher und nachher auch nicht viel von einander hatten, vorher hatte Edith, nachher ich Hebräisch und Abends danach waren wir müde, Rudi ist schon früh um 5 mit dem Rad wieder fort. Ich hätte auch Lust, mir mein Rad wieder bereifen zu lassen.

Ich hatte gestern nur noch 25 Hörer. Weggeblieben waren die 7 vom Pensionat Heine, und einige Alte. Die Jungen waren alle da, auf dies mir ja ankommt. Aber nach Rudi (und auch nach Trudchens Beobachtung) fürchte ich, es gelingt mir doch nicht mit ihnen. Rudi sagt: die Gefahr ist, das sie sagen, nun es ist eben ein temperamentvoller Mensch. Ich hätte zu schnell gesprochen, dann hatte er allerlei Einzelheiten aufbautech-nisch zu kritisieren, dann: ich wäre gleich Anfangs zu sehr ins Zeug gegangen, so dass ich nachher nur noch das Mittel gehabt hätte, die Stimme zu senken, statt zu steigern. Er hätte immer Angst gehabt, ich würde mich übernehmen vor Aufregung (das ist aber nicht wahr; ich spüre wie ich mich innerlich beherrschen lerne).

Ich war aber selber sehr zufrieden mit der Stunde; es war herrlich, zu sprechen. Trudchen war auch begeistert. Schafft hat mich inhaltlich kritisiert!! der verlehrte Esel! Statt zu verstehen, was er jeden Sonntag von der Kanzel herunter “lieset”, will er noch heute immer nur verstehen, was ihm die Esel auf der Universität vorgelesen haben. Er veranstaltet jetzt mit seinen Volkshochschülern “Einführung in Kant”! Ich hatte gedacht, ihm ein bischen auf seine eignen Beine zu helfen, gestern mit der Stunde; deshalb hatte ich ihn zu kommen gebeten. Aber er will noch nicht “darum reden” weil er glaubt, sondern meint durch viel ungläubiges Reden die Leute an den Glauben heranzureden. Der “Idealismus” als die Vorschule zum Glauben!

Ich freue mich so sehr auf die nächsten Montagsstunden. Jetzt auch auf die allernächste. (Politik und Erlösung).

Edith fährt gleich nach Wildungen. Mutter rief gestern an. Ich fragte, warum sie denn unsre Briefe ignorierte. Da kam raus, dass sie aufs neue einen Sturm bei ihr erregt hatten. Ich war sehr wütend gestern, nahm mir vor, organisierter Zionist zu werden; man kann die Scheidelinie gegen diese “Juden” nicht scharf genug ziehn. – Es handelt sich ja gar nicht um zwei Haushaltungen. Wenn Mutter da ist, sind wir einfach Gäste an ihrem Tisch,, weiter gar nichts. Ich würde genau so wenig auf den Gedanken kommen bei Mutter eine jüdische Revolution inszenieren zu wollen wie etwa in eurem oder Rudis aus [sic]. Aber wenn sie, wie jetzt, nicht da ist und Edith, wie selbstverständlich, die Hausfrau vertritt (das Haushaltungsgeld unter Verwahrung hat, mit Lina, soweit die das von Mutter her überhaupt noch gewöhnt ist, den Haushalt berät u.s.w.), dann führen wir hier unser Leben, – immer natürlich unter der Einschränkung, dass wir nichts veranstalten, was nicht bei Mutters Wiederkommen sofort aufhört, also z.B. Leute, die Mutter nicht will, laden wir (ausser in dem Fall neulich für den wir nichts konnten) nicht ein, damit solche gar nicht ins Haus gekommen sind, u.s.w.

Mirbt? lohnt denn Kösel der Krach mit den Eltern?

Ich muss zur Bahn, Edith bringen.

Dein Franz.

2.VI.20

Geliebte,  ich muss dir gleich schreiben, ich habe eben den Wächter unterm Galgen gelesen, ich bin ganz voll. Ich habe sicher nicht alles “verstanden”, aber das weiss ich: es ist grosse Dichtung, weiss es grade, weil ich die vielen kleinen Entgleisungen (fast durchweg nur sprachlicher Natur und leicht herauszubringen) wohl gespürt habe, aber immer sofort wieder ganz drin war. Ja, er ist zwar “bloss ein Künstler”, aber er gehört doch zu uns. Mit der gedichteten Clarissa hat er seine wirkliche Frau, die ihn uns fernrückt, ausgeglichen. Ich merke wohl, ich kann noch gar nichts “drüber” sagen, ich habe auch nicht das Bedürfnis  dazu, eher es nochmal zu lesen. Ich habe so von Phase zu Phase das mea res agitur gespürt, wie sonst nur bei Rudis Sachen, und nur ganz am Schluss warf mich die katholische Feigheit, dass er den Wächter nur Wartenden und Überliefernden +…+….+….+…. werden lässt, statt (wies der ganze Atemzug des Stücks verlangt) gleich ihn selber zu jenem König der Endzeit, der das Schwert aus den Händen des letzten Einsiedlers empfangen wird (denn wie könnte er diesem letzten König anders und besser überliefert werden als ihn aus Clarissens Hand!) – das warf mich im Augenblick aus dem Flugbogen der Handlung heraus. Aber das ist eine Schwäche, die ich doch so gut verstehe, die Angst vor der Verantwortung des Heute, aber W. hätte sie tragen dürfen, diese Verantwortung.

Es wird ein grosser Bühnenerfolg werden durch die sinnliche Herrlichkeit der Geschehnisse. Ich sehe eben, er nennts Tragödie eines Volkes – das ist unnötig, weil zu wenig. Es engt das Symbol ein. Dies Drama darf keinen Untertitel haben, selbst “Tragödie” ist schlecht, es ist mehr als Tragödie, es ist ja nicht tragisch, es ist göttlich, divina commedia, das Schauspiel der göttlichen Welt.

Liebe, ich fühle so sehr, was du mir bist. Ich bin Dein.

2.VI.20.

Liebe,  hast du gemerkt? ich schreibe schon Tage lang ein falsches Datum (Edith auch! sie hat ein Ersatzmädchen infolgedessen einen Tag zu früh entlassen!).

Der Inhalt des Wächters ist mir heut auch gedanklich ganz klar und aussprechbar aufgegangen. Das Grossartige daran ist ja, dass es doch trotz allem eine wirkliche Behandlung des Witwe von Ephesus = Stoffes geworden ist.

Gestern und heut kamen die ersten *korrekturen, 3 Bogen

(Einl. I und I 1). Das Titelblatt zum Ganzen sieht sehr schön aus, das Format (klein, etwas enggedruckt, aber mit dickem Strich und Titel über jeder Seite) auch.

Edith kam sehr zufrieden von Wildungen zurück. Sie hat offenbar gut mit ihr reden können.

Käme nicht am 14. Mutter wieder, so würde ich sagen, du solltest dich am 10. auf die Strümpfe machen und mal wieder auf eine Woche nach Kassel (+ Göttingen) fahren. Aber mit Mutter hätte ich selbst wenig Lust dazu. Aber so kann es lange lange dauern, bis wir uns wiedesehen. Vom 25.VI. – 1.VII. bin ich in Berlin zur Hochzeit meiner Schwägerin. Am 6.VII. kommen Regensburgs, bleiben bis 21. (da ist unser Haus also voll), und vielleicht dann Ilse. Am 1.VIII. Frankfurt, von Wohnung noch kein Wort. Schreib, Liebe, schreib, es bleibt uns ja nichts andres übrig. Ich schreibe morgen früh noch weiter, wenn ich nicht mehr müde bin (ich habe gestern bis 3 gearbeitet). Der erste Teil des * ist ein reiner Unfug, weiter gar nichts. Wie konnte ich dir das voriges Jahr zumuten? Aber umschreiben hätte ich ihn auch nicht gekonnt; das Buch ist aus einem Guss. Daher plagiiere ich mich jetzt auch nie.

Hör mal, hätte es vielleicht doch Sinn, du kämest hierher, vielleicht mit Eugen auf der Reise nach Landeshut, oder liessest dich von ihm wieder abholen? Es ist ja jetzt herrlich hier. Freilich – ich weiss nicht, was ich wünschen soll. Oder doch: Briefe, Briefe, Briefe, – es ist nur Ersatz, und doch!

Liebe Seele –

Dein.

3.VI.20.

Liebes Gritli,  eine schlechte, sehr schlechte Geschichtsstunde, merkwürdigerweise z.T. von den Leuten sehr goutiert. Rudi schickt mir eine Abschrift von seinem Brief an dich über Montag. Er mag in allem Einzelnen recht haben und im Ganzen sicher nicht. Ich bin sicher, du wärest von diesen Montagstunden ebenso entzückt wie ich. Auch im einzelnen stimmt aber nichtalles. Am meisten leider das mit der Wortarmut. Nicht das mit dem Tempo. Ich habe das Tempo, das mir die Hörer abzwingen, mal rasch, mal langsam, es giebt da keine absoluten Masse; so wie Rudi damals in Kassel sprach, hätte er ganz langsam sprechen können und wäre doch unverständlich geblieben. Ich wechsledas Tempo viel

Das “Versparen” der theologischen termini technici ist kein Trick, sondern die Vorstufe zum vollständigen Weglassen. Ich komme eben jetzt schonohne aus.

Nächsten Montag wirds wieder schön. Ich habe es heute Morgen ausgedacht und schon aufgesetzt.

Ich bin arg besetzt, durch Korrekturen dazu. Heut fängt auch Oldenbourg wieder an!

Wenn du aber etwa doch kämest? Mutter kommt ja erst am 14ten. Wenn du am Donnerstag d.10. von Säckingen abführest, wären wir doch bis zum Montag erst mal unter uns. Es wäre doch schön. Freilich so sehr nur schön, dass ichs gar nicht recht wage vorzuschlagen. Aber vielleicht kombiniert sichs mit irgendwelchen sonstigen Plänen, so will ichs wenigstens sagen.

Weshalb der Otto K. kam? Weiss ich? (muss man hier schon sagen). – Ich habe ja in dem Gesicht immer nach der Mutter oder gar nach Onkel Eugen gesucht, aber nichts gefunden. Jetzt fiel mir auf: auf dem Landeshuter Bild, bei der Leonore, ist doch die Rosenstocksche Seite durchgekommen.

Die G.= Geschichte – du spieltest ja schon neulich darauf an und ich ahnte gleich, um wen es sich handeln würde, aber freilich, dass es so verlaufen war, ahnte ich nicht. Jedes Wort darüber ist zu viel. Aber eins begreife ich nicht: was findet denn Greda an so etwas? Das ist doch nur furchtbar, weiter gar nichts. Das ist doch noch nicht mal der “gute Kerl”. Guter Kerl darf man zu allen möglichen Leuten sein, zu mir wenn ich meinen Hegel drucken will oder zu Eugen wenn Königshaus und Stämme zu konzis geschrieben ist oder was weiss ich, aber zu seiner Frau in so einer Situation! da ist doch der “gute Kerl” nicht bloss nicht “gut”, sondern einfach bös. Ich war auch bei Ottos gekränkten Gerechigkeits= und Schülerratsgeschichten immer auf der Gegenpartei und ertappte mich, wie er über Antisemitismus lamentierte, dabei dass ich auch grade voller Antigefühle gesteckt hatte in dem Augenblick.

Es ist schon wieder so spät geworden, über dem grässlichen *. Aber der Druck wird hübsch.

Dein Franz.

6.VI.20.

Liebes Gritli,  ich rief heut Mittag in Frankfurt an, es geht Tante Helene noch nicht besser; Hedi, die am Telefon war, sprach in einem sehr wenig hoffnungsvollen Ton. Rudi ist heut Mittag zurückgefahren.

Der Tag ging so hin mit Lesen und Korrigieren. In Hans das Apostelkapitel. Und das Christuskapitel nochmal, es ist mir aber wieder nicht gelungen. Vielleicht spricht das ja grade dafür. Aber wie kommts dann, dass ich meinetwegen Augustin oder von Heutigem eine noch so christologische Predigt von Rudi ohne dies gewisse Übelwerden lesen kann, das mich bei Hans ankommt (obwohl doch sein Ton gar nicht verzerrt ist, oder fast gar nicht). Ist das wirklich bloss, weil ich weiss dass ein getaufter Jude der Schreiber ist?? Aber dabei giebt er sich doch direkte Mühe, am Judentum viele gute Haare zu lassen, und bei dem sehr zufälligen Ausschnitt den er kennt (ich bin ja grossenteils die Quelle gewesen, und wo meine Mitteilungen zufällig aufgehört haben, da konstatiert er prompt ein “das Judentum aber kennt nicht” oder “der Jude hat nicht”), also bei dem zufälligen Ausschnitt den er kennt, ists alles Mögliche, wie dies Bild geworden ist. Es gehört schon Hansens ganze Lichtehöh = haftigkeit und beflügelte Unbeteiligtheit dazu, dass er so wenig angerührt ist von dem Bild wie es im Bewusstsein der Christen lebt und wie es von aussen gesehen ja richtig ist. Und trotzdem – ja es wird schon den Grund haben.

Die neue Form von Hansismen, – so nannten wir früher jene unnachahmbar persönlichen – Sprachverirrungen – ist ja reichlich häufig drin, die Anleihen an die Pfaffensprache. Aber dazwischen hinein dann immer wieder grosse Partien einfacher eigener Worte.

Die sind es wohl, die für euch so ein Kapitel wie das Chr.kap., zu einer grossen Sache machen?

Dass er da neue Worte findet, denen man anspürt: sie sind aus ihm gekommen, und die doch gleich einen so überpersönlichen Klang kriegen, als ob sie vor des Lesers Augen zu Dogmen würden. Ich habe bei keinem von uns allen so sehr das Gefühl, man müsste ihn “beim Wort” nehmen wie bei ihm. Er ist ebendoch ein kleiner Papst oder wenn du lieber willst ein kleines Konzilium. Er formuliert doch mit Bewusstsein das “neue Dogma”.

Weisst du, was der Grundfehler seiner Darstellung vom Verhältnis Jesu zum Judentum ist? dass er (alle christlichen Theologen machen diesen Fehler, – bezeichnenderweise) Jesus immer mit den “grossen Gestalten des Alten Bundes”, mit Moses und den andern Profeten vergleicht. Und nicht mit dem kleinen, dem Durchschnittsjuden. Die Profeten sind ja nicht mehr, sondern weniger als die “Pharisäer und Schriftgelehrten”. Sie sind grosse Menschen, aber eigentlich nicht grosse Juden. Allenfalls das Bild, das die pharisäische Überlieferung von ihnen zeichnet, das trägt jüdische Züge. Aber das kennt er ja nicht. Er liest in der Bibel und dann meint er, die grossen Männer darin, das müssten nun die Verkörperungen des jüdischen Wesens sein. Aber ich, selbst ich, bin mehr Jude als es Jesajah war, ich meine den Jesajah (und selbst den Moses) den Hans als Bibelleser allein kennen lernen kann. Selbst ich – von irgend einem einfachen Juden gar nicht zu reden.

Kannst du das verstehen? wohl kaum. Warum müssen wir uns damit plagen!?

Mein liebes Gritli –

Dein Franz.

7.VI.20.

Liebes,  dein Brief, wie wäre es denn, wenn Eugen am 21. über Kassel – Göttingen führe? oder du doch eventuell mit nach Landeshut? Ich schreibe es nur so als Vorschlag. Geht es nicht, so wollen wir nicht traurig sein. Zusammen hätten wir, auch wenn du am 11ten hier ankämst, ja doch nur die wenigen Tage bis zum Montag. Da käme dann Mutter wieder und am Dienstag und Mittwoch müsste ich auf den Mittwoch arbeiten und am Donnerstag mich vor der Donnerstagstunde grauen. (Nur auf den Montag freue ich mich ja wirklich. An “deinem” Montag käme die “Ethik” – nämlich: Tat, Freiheit, Gebet, Erfüllung, was ein Kreislauf ist, indem es bei der Tat anfängt, die Freiheit beansprucht, ins Gebet umschlägt und die Erfüllung findet. – Heute kommt die “Politik”. Da kommt das, was Eugen in der “Arbeitsgemeinschaft” bringt. Also Organisation, – Fortschritt oder Bolschewismus?, – Ehe, – Erlösung (nämlich die Ehe als das “media in vita in morte” sein). Kurzum die Politik des “Heute” und “Hier”, die Utopie des Topos. Ich freue mich sehr darauf.

Jetzt will ich zu Gotthelfts wegen der Satzanordnung der Überschriften. Das ist bequem diesmal.

Der einzige, der diesmal einen Wahlzettel ins Haus gekriegt hat, ist Jonas! und von den Deutschnationalen! – Übrigens hoffe ich, er wird nicht vor Mutter kommen.

7.VI.20.

Liebes Gritli,  es war eine herrliche Stunde heut Nachmittag und die nächste wird es auch. Es ist einfach schön, so eine Stunde lang dazustehen und die Wahrheit zu sagen. nachher das Hebräische war auch schön. Wir lasen den 113. und den 121.Psalm. Nachher war Bertha Strauss da und es war auch ganz hübsch.

Die Leute haben es verstanden, ich sah Tränen in manchen Gesichtern. Dabei sprach ich technisch sicher noch weniger gut als vorigen Montag. Aber es kommt wirklich wenig darauf an. Das Wort “Erlösung” kam nur einmal ganz beiläufig vor, ich habe doch ein ganzes Buch darüber geschrieben, das genügt (ausserdem sagt Hans, die Juden “glaubten” nur daran – und Hans muss es wissen).

Übrigens hat mich Hans gestern Abend wieder ins – Übersetzen hineingebracht. Ich musste mir einfach ein Gegengewicht holen zu seinen unsinnigen Konstruktionen und seinem Knochengerüst aus “Glaube”, “Offenbarung” und “göttlichen Befehlen”, das er Judentum nennt, damit er Liebe, Erlösung und das göttliche Wohlgefallen als christliches Vorbehaltsgut reklamieren kann. So übersetzte ich das was – nicht vor 2000 Jahren ein Mal am Jordan, sondern heute an jedem Freitag Abend im jüdischen Haus gesagt wird.

Warum kann kein Christ das Mass von Ehrlichkeit aufbringen, dass er versucht, nur an den Früchten zu erkennen und zu unterscheiden. Es ist das einzige anständige und wahrhaftige Verfahren. Ich habe die Vorstellung, ich würde dem Christentum gerechter als irgend ein Christ dem Judentum. Versteh: dem Dogma des andern kann man wohl nicht gerecht werden (das Wort gerechtwerden wäre da auch nicht am Platz); aber der Seele des andren kann mans. Und Hans wie alle dörrt schliesslich die jüdische Seele zu einem Gespenst aus, – in majorem Christi gloriam. Das kommt wohl davon, dass ihr den Menschen hier nicht Mensch bleiben lassen könnt. So muss ihm künstlich eine Ausnahmestellung geschaffen werden, – eigentlich kam das alte Dogma, wenn es ihn einfach zum Gott machte, der Wahrheit näher als diese im Grunde doch nur liberalen Versuche, im Menschen als Menschen den absoluten Unterschied gegen alle andern zu finden.

Ich merke, dass ich fast spreche wie Goethe zu Lavater; wir lasen den Brief neulich in Göttingen. – Tante Lene gings gestern Abend etwas besser. Gut Nacht, geliebtes Herz –

Dein Franz.

8.VI.20.

Liebes Gritli,  die schlechte Nachricht aus Frankfurt hat heut über dem Tag gelegen. Rudi ist mittags hin, ich hatte heut Nachmittag das Gefühl, er würde sie nicht mehr am Leben finden.

Ich war Nachmittags eine Stunde bei Tante Julie. In ihrer innereren Lichtigkeit sehen sich alle Dinge anders an, – dabei muss man ja meistens sie “trösten”, aber in Wirklichkeit gehts einem dabei umgekehrt. Dennoch fürchte ich mich auch für sie; sie fürchtet sich selber so sehr davor, dass sie eins ihrer Kinder überleben würde, – und es ist ja eigentlich ein unerhörtes Wunder bei dieser dreiundneunzigjährigen, die 5 Enkel im Krieg hatte, – dass es bisher noch nicht geschehen ist.

Grete Salomon, Ediths Tante, war Nachmittags bei uns, ich war aber ungeniessbar. Es ist ja keine gewöhnliche Frau. Sie sind leider fort, wenn wir in Berlin sind. Wir werden bei ihnen wohnen. (Das ist ja  – Amelith, Frankfurt, Kassel – “unsre Form”)

Müde, müde, –

Dein Franz.

9.VI.20.

Heut früh ist Tante Lene gestorben. Beerdigt wird sie wahrscheinlich in Göttingen. Mutter kommt heut Abend oder morgen mittag zurück hierher. Ehrenbergs auch. Wir hören Mittags noch Genaueres. Ich denke, Onkel Viktor wird nun nach Göttingen ziehen, zu Borns.

9.VI.20.

Liebes Gritli,  ich fahre wohl morgen Abend nach Frankfurt, denn wahrscheinlich ist die Verbrennung (die hatte sie gewünscht) dort. Mutter und Ehrenbergs fahren auch hin; Helene ist schon da.

Morgen wird mich also Edith wahrscheinlich von 7-8 im Hebräischen vertreten müssen! Heut die Bibelstunde war ganz besonders schön. Es war glaube ich für alle die da waren eine Erschütterung, eine Stimme aus dem 13.Jahrhundert, die ganz wie für heute klang. Es lässt sich nicht so in Kürze wiedergeben. Ich hatte in einem Kommentar wo ich gar nichts derartiges vermutete eine Auseinandersetzung mit der Tatsache des Christentums und der Tatsache der jüdischen Assimilation gefunden, zu der ich kein Wort hinzuzusetzen hatte.

Ich bin in den letzten Tagen gar nicht dazu gekommen, Hans weiter zu lesen. Vielleicht auf der Reise nach Frankfurt.

gute Nacht – Dein Franz.

10.VI.20.

Liebes Gritli,  heut Nachmittag kam der Hegel. Er sieht sowohl gebunden wie broschürt glänzend aus, broschürt fat noch schöner. Ich schicke an Eugen natürlich ein gebundenes Exemplar, aber mit der Auflage, dass er mir ein ihm etwa als Rezensionsexemplar vom Hochland oder so zugehendes broschürtes mir zuschickt. Denn ich habe masslos viel Leute mit diesem Buch zu beglücken.

Nachmittags die Geschichtsstunde (1000-1750) die vorletzte, ein Gebräu aus Eugens Revolutions = Rudis Todes = und Hansens Strindberg = Papst in der Jahrtausend..[?] = Theorie (vor allem aus Eugens und Rudis), war ein grosser Erfolg. Ich selbst hatte beim Sprechen sogar nicht das Gefühl, dass ich löge; sondern sprach mit so einem gewissen Genuss, als wäre es die Wahrheit.

Ich weiss nicht, was es mit dieser Vorlesung ist. Aber dass ich sie innerlich nicht kann, muss doch was bedeuten, grade weil mir sogar der gerechte äussere Misserfolg gnädig erspart bleibt. Sogut wie die Erlaubnis zu der vollkommenen Reinheit und Wahrhaftigkeit der Montagsvorlesung etwas bedeutet, sogut muss auch das etwas zu sagen haben. Bei der Montagsvorlesung habe ich so das Gefühl, als setzte jedesmal Gott sein Siegel unter den 6.I. Und bei der Donnerstag, als sagte er mir jedesmal: in der Welt bist du noch nicht auf dem rechten Weg. – Vielleicht (ich glaube es beinahe) meint er, ich müsste Zionist werden.

Gute Nacht, Geliebtes  –

Dein Franz.

[Einzelnes Blatt]

Ich freue mich, daß Eugen Hans dazu gebracht hat, die “christliche” in die “neue” volksordnung” umzuschreiben.

[10.? VI.20]

Liebes Gritli, in einem furchtbar wackligen Speisewagen, kurz vor Frankfurt. Ich fahre mit Paul zusammen, er ist ganz erträglich wenn man mit ihm redet.

Die Geschichtsstunde war wieder schlecht, obwohl ich eigentlich von schönen Dingen zu reden hatte. Vor allem – weil ich fort zur Bahn musste, kam ich nicht richtig zu Ende, sodass mir nun sogar der Rahmen für die beiden Schlussstunden (1500-1800, 1800ff.) gesprengt ist und ich wohl malgré moi nun Eugens 1000-1800 machen muss in der nächsten Stunde, und meinen konservativen Hang für 1453, 1492, 1517 und dergl. Daten verleugnen.

Gute Nacht.

Dein Franz.

11.VI.20.

Liebes Gritli,  heut früh war die Beerdigung. Dieser ganze Schluss des Lebens hat etwas Ekliges, aber Verbranntwerden, besonders so, ist sicher eine der unmöglichsten Formen dafür. Grade weil es mit allem Komfort der Neuzeit geschieht. Es hat etwas Theaterhaftes; alles “klappt”, und es ist ein abscheulicher Massenbetrieb, pausenlos eine hiner der andern. Wo die Verbrennung Volkssitte ist, da ist sie doch anders: da sieht man den Scheiterhaufen und sieht wie der Leichnam verbrannt wird, – aber hier –

Statt Erde wirft man Blumen hinterher, und das ist noch das Schönste.

Hedi war nicht mit, sie musste im Bett bleiben, hatte Fieber. So waren es ausser Rudi und Helene und Kurt nur O.Otto und T.Emmy, Mutter, Paul, Max und ich, und der Arzt. (Die Begrüssung von Arzt und Pfarrer bei so einer kleinen Beerdigung hatte sogar etwas Hochkomisches). Zuerst spielte die Orgel den Schlusschor der Mathäuspassion (Ruhe sanfte), dann sprach der Pfarrer fast unsichtbar aus einer Palmentribüne über dem Sarg heraus, und zwar zunächst las er auf Rudis Wunsch (Rudi hätte eigentlich selbst gern gesprochen, traute sichs aber nicht zu, natürlich, – und so sollte das der Ersatz sein) die Neujahrspredigt bis zu den “Herrgott…” = Absätzen (einschliesslich). Das war völlig unmöglich und ging an Toten und Lebenden vorbei, ein grosser Missgriff; es wirkte teils wie eine Abhandlung, teils wie “Kunstprosa”, ganz unmenschlich. Man wurde ganz erkältet dabei. Glücklicherweise hatte er dann noch 4 oder 5 Bibelstellen angegeben zum Vorlesen, nämlich die Hoheliedstelle, die Hoseastelle (Du hast uns geschlagen, du heilst uns wieder), Es werden nicht alle, die Herr Herr sagen u.s.w., eine sinnverwandte (auf die ich im Augenblick nicht mehr komme),

2 Seligpreisungen (die Barmherzigen und Die reinen Herzens sind) und I Kor.13.

Das war dann wieder schön. Dann das übliche kurze Gebet mit Vaterunser und Priestersegen. Dann Largo v. Händel, Versinken des Sargs, Nachwerfen der Blumen (Rosen), Onkel Viktor küsste eine Blume ehe er sie hineinwarf, und das war das Wirklichste von allem, wirklicher auch noch selbst als die Bibelstellen und überhaupt ist Onkel Viktor ein herrlicher Mann und ich bin wieder einmal ganz voll Liebe zu ihm, man möchte ihn immer umarmen. Er war ja so gar nicht bedacht bei der Feier, die eben so ganz von Rudi her kam und auch in den Bibelstellen eben auf Rudis Mutter mehr ging als auf Onkel Viktors Frau; und doch war in dem Augenblick wo er die Blume an den Mund drückte, die ganze Feier – “Verfehltes” und “Gelungenes” ganz gleichmässig – ausgelöscht und nur er war da mit der Toten. Die Heiden sind doch bessre Menschen. Die Christen höchstens, wenn sie es so sind wie Helene. Bei uns andern giebts falsche Töne. Dass ich Rudi in und mit den falschen Tönen genau so liebe als wenn er anders wäre, – nein mehr, – das brauche ich ja nicht zu sagen.

Wir waren dann bei Borns, und wie immer legte sich die allerlei Sorge um den nächsten Tag scheinbar rasch über das Geschehene. Wir fahren morgen alle zurück. Onkel Viktor über Kassel, um bei Tante Julie in der Nähe zu sein, wenn sie es gesagt kriegt. Auch Rudi bleibt so lang in Kassel. Wenn Hedi nicht bis dahin wieder so weit ist, so fährt am Montag Mutter so lange nach Leipzig mit, damit Onkel nicht allein ist, bis Hedi kommen kann.

Warum muss man doch immer wieder schaudern? Es ist nicht wahr, was über dem Eingang des Krematoriums steht (drinnen stehen dann Bibelsprüche): Des Todes rührendes Bild steht nicht als Schrecken dem Weisen  – die “Weisheit” muss immer wieder erschrecken, erst war der Mensch da und dann ist er plötzlich weg, da kommt man nicht drüber weg.

Über die letzten Tage weisst du ja nun auch von Rudi. Er hat ja etwas Verwandtes erlebt wie ich bei Vater, er sagt es selbst. Und trotzdem bin ich mit meinen Gedanken eigentlich nur bei Onkel Viktor, und möchte ihm etwas Gutes tun. Die Abweichung von der Ehrenbergschen Taktik des Schonendvorbereitens u.s.w. bei Tante Julie (in 8 Tagen allmählich Tante Helene krank und kränker werden zu lassen und schliesslich umzubringen), – dass also stattdessen der Sohn zur Mutter fährt und da ist, zu ihr kommt, habe ich auf dem Gewissen.

Hans ist leider abgewinkt worden herzukommen, auch aus so einer ehrenbergischen Vielüberlegerei.

Max ist über Mittag zu einem Vortrag nach Höchst.

Euer Franz.

12.VI.20.

Mein liebes Gritli,  ja ich war froh als ich heut Mittag hier beim Wiederkommen wieder einen Brief von dir fand.

Ich war unterwegs entsetzt, wie ich mich so gar nicht, keinen Augenblick, nach Edith sehnte. Erst als ich hier war und ihre Liebe spürte, war mein Herz wieder gerührt. Dabei ist es doch gar nicht hart, – warum nur grade gegen sie? Manchmal ist mir, als wäre noch nichts besser geworden (in mir). Ich entbehre sie so gar nicht, wenn sie nicht bei mir ist.

Die 2 Zimmerwohnung mit Küche? darauf käme es an. Zwei Zimmerwürde man ja auch in einer Pension kriegen. Und im August hätten wir zur Not Hedis vermietete Zimmer im Oberstock; da gehen die Mieter wahrscheinlich auf Reisen; eine kleine Notküche ist da dabei. Also wenns mit Küche ist, dann schreibe bitte an Frau Curtis.

Onkel Viktor war bei Tante Julie, und es ist sicher gut so gewesen, am besten.

Morgen mehr. – Der ganze 1te Teil des * ist gesetzt. Ich muss Manuskript für den 2ten vorbereiten.

Liebe, ich möchte dich sehen, ich habe Sehnsucht.

Dein.

13.VI.20.

Liebes,  Rudi ist heut Vormittag zu Ehrenbergs und Mittags fort. Wir gehen heut Abend noch zu Ehrenbergs hinüber. Onkel Viktor fährt erst morgen.

Schrieb ich dir schon, dass – Tante Emmy so begeistert von der Einleitung zum 1ten Teil vom * ist? Nun begriffe sie uns erst! Unser Verhältnis zu Nietzsche und Schopenhauer, u.s.w.!!

Du schriebst gestern von dem Fernstehen. Es liegt aber nicht bloss daran. Es ist eine geheime Geschwisterschaft zwischen allen die das Gleiche erfahren haben hier. Die Liebe allein hilft da nicht hinein. Auch Helene, die doch nicht gleichzeitig Hochzeit zu feiern hatte, hat übrigens gespürt, dass sie da mehr neben ihm als bei ihm war. Zwischen uns damals im März 18 wars ja wohl noch anders: da warst du nicht zu wenig, sondern zu viel bei mir, – mehr als ich es in jenem Augenblick ertragen konnte. Deshalb konnte ich dich damals nicht sehn.

Gestern Abend als wir zu Es  [=Ehrenbergs] gingen und Edith O.Viktor zum ersten Mal überhaupt sah, sah ich plötzlich, wie sie gewachsen ist. Sie machte eine mir ganz unerwartete und unvergessliche Bewegung, – die sie früher sicher nie gefunden hätte: sie beugte sich über seine Hände und küsste sie. In der Nacht ist mir daraus die letzte (übernächste) Montagsstunde entstanden.

Liebe – Dein Franz.

14.VI.20.

Liebe – heut war also die Vorlesung, die du gehört hättest wenn du hier gewesen wärest. Es war diesmal auch technisch im Sinne der Rudischen Kritik besser, im übrigen aber überhaupt wieder wunderschön. Ich hatte es sehr ausführlich aufgeschrieben, weil ich  vor Mutters Anwesenheit gêne hatte. Sie machte sich aber ganz klein hinter Trudchens augenblicklicher Breite, sodass ich sie gar nicht sah.

Tante Emmy war auch da, und von der Breite dieses Angriffs entsetzt; aber seitdem ich sie in der O.Viktor = Frage mit der Kassler Reise gesehen habe, habe ich nur noch ein gutes Gewissen. Denn da ist ja deutlich geworden, dass es wirklich nicht bloss ein Gegensatz von “Standpunkten” ist, sondern etwas, was in sehr praktischen Fragen wirksam wird. – Es geht Tante Julie “so überrachend gut”!! Die Wahrheit ist also, von allem andern abgesehn, sogar auch gesund!

Von Oldenbourg hatte ich eine Karte: die Freiexemplare sind unterwegs. (Hat er sich eigentlich an Eugen gewandt wegen einer Rezension? wohl nicht). Es wird nun also Ernst.

Im Hebräischen habe ich heute einen Psalm mit meinen Schülern – im Chor gesungen! Du siehst, ich komme imnmer mehr zu kindlichen Methoden. Aber ich bin jetzt auch wirklich über den Berg mit ihnen.

Gute Nacht.

Kommt Hedi zu uns herüber??

Dein Franz.

Mittwoch früh 15.VI.20.

Liebe,  Berlin? wir sind von Ende nächster Woche bis Mitte übernächster da. Da ist ein Trubel und unmöglich sich zu sehen. Ausserdem liegt es nicht an der Strecke nach Schlesien. (Es kann übrigens sein, dass wir, oder wahrscheinlich ich allein, über Frankfurt nach Berlin fahren (also Freitag od. Sonnabend in Frkft. sind und Sonntag erst in Berlin)). Das Natürliche ist also: wenn du nach Landeshut fährst, so fahre über hier. Das ist ja auch kein ganz wirkliches Sehen, aber immerhin, ich habe diesmal auch das Gefühl, als ob Mutter uns viel weniger antäte als in den Wochen nach Amelith, ein bischen wenn auch nur ein bischen Haut ist schon um uns gewachsen. Ich denke also, du fährst am Freitag wie du wolltest, von Säckingen weg und entweder mit Eugen hierher oder liessest dich von Eugen hier abholen. Zur Taufe kämest du dann bequem zurecht. Wir fahren von Berlin über Leipzig zurück, am 1.VII. (ich will am 2.VII. hier sein), Edith bleibt vielleicht einige Tage noch in Leipzig bei O.Viktor.

Also damit du aus den Daten klug wirst, ein Kalender:

Donn. 24.VI. Schluss meiner Vorlesungen

Freit. 25.VI. Abreise nach Berlin (ev. von mir allein nach Frankfurt)

Dienst.29.VI. Hochzeit in Berlin

Donn. 1.VII. Abreise nach Leipzig

Vielleicht ist dann auch Hedi da, wenn du da bist! Mutter schreibt ihr heute.

Ob ich noch an Lotti denke? –

Dein Franz.

15.VI.20.

Liebes Gritli,  wenn ich so die Überschrift schreibe, und mitten aus diesen eigentlich befriedigten Tagen heraus, ist es mir doch als müsste ich mit der Feder den Raum durchstossen, der uns trennt. Bloss der Raum? Ja doch! bloss der Raum.

Wann werden wir uns wiedersehen? es kann ja freilich nur ein Sehen sein, und mehr als je sind wir jetzt auf Briefe angewiesen und die sind dürftig. Auch wenn wir uns viel schreiben. In Frankfurt sind wir uns näher; das ist gut. Könntet ihr nicht doch nach Darmstadt gehn?

Hansens Inschrift in Trag. und Kr. ist aus dem Ketzerschluss, das weisst du doch? Ich bin auch noch nicht dazu gekommen, weiterzulesen.

Wir waren bei Tante Julie heut Nachmittag. Sie wird ja morgen 93 Jahr. Sie war ganz erhellt; es war nur ein leichtes Gespräch, aber so wie man es mit keinem andern Menschen auf der Welt führen kann.

Ich freue mich sehr auf Hedi, sie wird doch sicher kommen. Denk aber, die Geschichte – wenn der Mann nicht so alt wäre, so würde ich ernstlich wünschen, es würde doch etwas daraus. Ein Pfarrer, der mit der Bibel schmeisst, den findet man doch nicht alle Tage. Aber freilich weil er alt ist, ists eben so gegangen.

Mit Tante Emmy sprachen wir auch einen Augenblick. Sie hat natürlich doch nicht verstanden was ich ihr gestern gesagt habe. Aber sie hat eben auch nicht verstanden, was geschehen ist. Denk doch, ihre Version ist: sie hat an Tante Julie gedacht, ich an Onkel Viktor! Sie begreift gar nicht, dass man gar nicht daran denken kann, wen man wie am besten schonen könne.

Mutter goutiert jetzt Edith immer mehr. Der Besuch in Wildungen hat dies Wunder gewirkt. Sie erzählte mir gleich, dass schon die Tatsache, dass sie Blumen aus dem Garten, ein Körbchen voll, mitbrachte, ihr den Weg freigemacht hätte.

Aber das Zusammenleben ist jetzt ganz gut möglich. Die paar Wochen, die wir für uns waren, haben das gewirkt. Weisst du, es giebt jetzt manchmal schon die “stumme Verständigung”, und dann schadet der “Dritte” ja nichts mehr.

Ich lese viel, bin ja überhaupt in diesen Wochen zum ersten Mal seit Kriegsende und * = Ende wirklich fleissig. Heut hab ich für Kauffmann eine “Inhaltsangabe” vom * machen müssen.

Gute Nacht. Grüss Säckingen.

Dein.

16.VI.20.

Liebes Gritli,  die Stunde heut war nicht besonders gut. Dabei ersticke ich etwas unter Korrekturen u.s.w. – Ob du wohl kommst? Fast ist mir bange, ich würde vor lauter Zutunhaben gar nichts davon merken.

Weisst du nicht, ich schrieb dir schon einmal auf das Gleiche, was du mir heut vom Tod schreibst. Dass er uns zwingt, Menschenliebe und Gottesliebe auseinander-zuleben. Solange der andre lebt, leben wir beide Lieben als eine. Aber wenn er stirbt, dann wird es zweierlei. Denn zwar unsre Liebe kann seinen Tod überleben, – warum nicht! Aber seine nicht, denn sie wird dann in seine Gottesliebe aufgenommen. Und davor prallen wir dann schliesslich auch zurück. Einen “Seligen” kann man nicht lieben.

Ich bin mehr als müde heute von dem Tag, beinahe “kaput”. Ich bin das Arbeiten noch nicht wieder gewohnt.

Gute Nacht

Dein

18.VI.20.

Liebes Gritli, wie lang wird es nun dauern! ich hatte ja das nur als die auf lange einzige Möglichkeit gemeint. Das Rechte wäre es freilich nicht gewesen. Immerhin hättest du mich dabei sprechen hören, und wer weiss, ob mir so etwas wie diese Montagsvorlesungen in Frankfurt nocheinmal glücken wird; ich habe manchmal das Gefühl: so was kann man nur einmal. (ich fühle jedesmal wieder – und höre es auch immer wieder von den Hörern – dass es etwas Besonderes ist und dass Rudis Kritik nicht richtig war; das Technische mache ich sowieso jedesmal besser). Das hättest du nun noch gehört, darum ists schade. Und wie es nun in Frankfurt auch sonst werden wird? unser “Seusal” hat sich noch nicht wieder gerührt. Von Frau Curtis auch noch nichts (wars am Ende doch nicht mit Küche?)

Die Frage “Zionismus” springt mich jetzt, wie es so geht, aus allen Ecken an, aus jedem Buch in das ich hineinsehe, aus jedem Menschen, mit dem ich spreche.

Ich lese viel Maimonides. Er hat viel von dem, wofür “man” bei Spinoza schwärmt (“amore Dei – selig aus Verstand”), aber ohne das, was mir bei Spinoza unerträglich ist. Er ist eben “selig aus Verstand” und doch Jude, alsodoch ein Mensch geblieben.

Dein Franz.

19.VI.20.

Liebes Gritli,  heut Nachmittag war plötzlich Rudi da! Nun ist es ganz spät geworden, denn ich habe (auch Julie v.Kästner war da) den Wächter vorgelesen, diesmal mit mehr Eindruck bei allen, besonders bei Edith, auch wohl bei Rudi und ein bischen sogar bei Mutter.

Eugen sag Dank für Brief und Broschüre, ich habe sie schon gelesen, und schreibe ihm morgen, heut Abend ist es zu spät.

Dein Franz.

20.VI. 20.

Das Kommen der Londoner ist wieder ungewiss. (Ich glaube aber vorläufig noch daran).

Den wunderbaren Brief von Rudi an Tante Julie schickt bitte gleich an mich zurück. Wir waren gestern Nachmittag bei ihr. Sie ist ganz unbeschreiblich jetzt. Von einer Heiterkeit, in der keine Spur von Abstumpfung ist. Beim Abschied sagte sie zu Rudi: “und schreib Vater, dass ich gewiss ebensoviel – nein,nicht gewiss, aber dass ich viel an Helene und an ihn denke”.

20.VI.20.

Liebes Gritli,

von Hedi hatte Mutter heute leider eine Absage: sie sei zu kurz in Dillich. Offenbar will sie sich keinen Tag von der Freundin trennen. Sie will einen Tag nach Kassel mit ihr kommen, “um Wilhelmshöhe zu sehen”, da will sie auch Mutter einen Besuch machen, “um sie kennen zu lernen”. Schade.

Es sind jetzt so schöne stille Tage, und Mutter stört uns diesmal garnicht. Diese paar Wochen für uns allein haben uns soviel fester gemacht. Was fehlt, fühl ich ja genau. Aber es macht mich jetzt nicht unruhig.

Ich möchte dich einmal wiedersehen. Ich kann dir gar nicht mehr recht schreiben. Ich habe eine Sehnsucht, die gar keine erlösenden Worte findet, sie ist wie auf den Mund geschlagen. Selbst soviel kann ich ja niemandem sagen als dir selbst. Aber das versteht sich ja eigentlich, und war nie anders. Es ist doch überhaupt schon sonderbar genug, dass ich mich darüber wundre, dass ich es nurdir sagen kann und niemand sonst.

Ich lese viel Jüdisches und wachse immer breiter hinein. Aber es schmerzt, dass es so seitab von dir geschehen muss. Ich werde noch unter die Übersetzer gehen, pass acht! (Ich will wirklich jetzt in Berlin mit einem der neuen jüd. Verlage, der Übersetzungen sucht, sprechen. Ich will die Arbeit doch auch bezahlt haben).

Gute Nacht, liebe, liebe –

Dein.

21.VI.20.

Liebes Gritli,  die Montagsvorlesung habe ich heute geschlossen, Thema: die Gebärde. Es war eine Kombination von Ästhetik, Pädagogik und Metaphysik. Verbunden mit einer wüsten Polemik gegen die “Ideale”, unter teilweiser Vorlesung von Schillers Das Ideal und das Leben. Die Alten waren sehr entsetzt, und ich nähme ihnen doch das Einzige was sie hätten, wenn sie nicht mehr an das Wahre Gute und Schöne glauben dürften. So sagten Tante Emmy und Hennar Hallo.

Ich hatte Kopfweh tagsüber und bei der Vorbereitung war mir schwummerig, weil ich nicht wusste, ob ichs mehr pädagogisch oder mehr ästhetisch machen sollte. So machte ichs dann aus Verlegenheit beidlebig.

Es war übrigens die landesübliche Verbindung von Kirchentum und Ketzertum, – eigentlich ein unerklärlicher Mischmasch für den ders von aussen sähe. Der Gegenbegriff gegen die “Ideale”, mit dem ich schloss, war natürlich das “Himmelreich”.

So gut wie die andern Stunden war aber heut die nicht.

Die Vorlesungen sind übrigens das einzige, was diese Woche aufhört. Die Arbeitsgemeinschaft und das Hebräische geht nach Berlin weiter.

Gute Nacht.

Franz.

22.VI.20.

Liebe –  grade gestern hätte ich auch beinahe wieder im Ketzer angefangen; ich bin ja auch erst bis zu den Aposteln (die ich übrigens gut fand, wenn auch schwierig). Ich komme aber doch erst Freitag dazu, auf der Reise; wenn ich nicht da so viel Korrekturen u.s.w. zu machen habe, dass ich zu nichts anderem komme. Das u.s.w. ist ein – Toast (der offizielle!) aufs Brautpaar. Das wird ein wirklich offizieller, denn sie sind mir beide schnuppe. Aber ich bin das einzige männliche Wesen von “unsrer” Seite, ausser meinem Schwiegervater. Auch Salomons sind ja verreist. Wir wohnen übrigens bei ihnen (Dr. Salomon, Wannsee bei/Berlin, Kl.Seestr.11) draussen, es ist wunderschön da, ein Haus mit einem grossen gepflegten Garten (einer Wiese), der in den See herunter fällt, mit eignem Badehäuschen. Da sind wir also von Freitag Abend bis Donnerstag früh.

Dein Franz.

22.VI.20.

Liebes Gritli,

wir waren im Theater, in den Gespenstern. Es sind nämlich “Festspiele” hier, lauter Auswärtige, und dies war der einzige Abend, wo wir konnten. Es war ganz lustig, mal wieder im Theater zu sein, alles gut angezogen. Die Aufführung war aber stillos, trotz guter Schauspieler und trotzdem die Mutter von der Bartens prachtvoll gespielt wurde. Der Ibsenstil ist offenbar schon verloren gegangen. Ich habe ja all die Sachen noch unter Brakes[?] gesehen, das war das einzig Mögliche. Heute suchen die Schauspieler alle nach Ausbruchs = Gelegenheiten, sie sind alle viel zu sehr wieder auf Pathos gestellt, und das verträgt Ibsen ganz und gar nicht.

Dann ist der Theseninhalt doch nachgerade so komisch unmodern geworden, dass man es kaum mehr verträgt. In 20 Jahren, wenn er erst aus “veraltet” zu “historisch” geworden sein wird, wirds wieder geschehen. Denn gespielt werden die Sachen da sicher auch noch; die Arbeit ist zu gut. Aber heute! Knalleffekte wie der “gefallene Mann” und dergl. – und zu denken, dass schon die 50 jährigen im Theater doch noch ernst bleiben, wenn sie so was hören und erst unsereins einfach lacht!

Ibsen ist doch ein Dichter, ich bleibe dabei. Er ist nur jetzt in dem Stadium zwischen Modern und Klassisch, das das allergefährlichste für den Nachruhm ist.

Wenn man übrigens so lang nicht im Theater war, so ist ein Nichtkostümstück immer der schlechteste Wiederanfang.

Liebe, das Schreiben ist ja nur noch ein Ritus. Wo bleibst du selbst? Ich möchte immer an der Entfernung rütteln, aber sie bleibt bestehn. Es ist auch nicht bloss die Entfernung. Früher wäre ich ja einfach zu dir gefahren. Dass das jetzt nicht geht, ist doch nicht bloss eine “äussere Tatsache”.

Liebes Gritli — Franz, dein Franz.

23.VI.20.

Liebes Gritli,

die Bibelstunde (cap.19-21) war sehr schön, es ist ein ganz lebendiges Hin und Her. Nachher waren wir bei Tante Julie. Sie war müde, aber dabei trotzdem geistig ganz wach und verklärt. Sie ist jetzt immer wie verklärt.

Dann wieder eins der kleinen jetzt schon gewohnten Renkontres mit Tante Emmy, wegen der letzten Montagsstunden. Wobei sie aber immer sehr nett bleibt; denn sie liebt mich ja. Aber reden lässt sich nicht mit ihr. Dabei versteht sie uns schon, sie spürt das Bolschewistische und schliesslich ist es für das Renommée des lieben Gottes (“in majorem Dei gloriam”) besser, er gilt bei den Heiden für einen Patron der Revolutionäre als für ein Götzenbild der Reaktion.

Wobei mir übrigens einfällt: Was habt ihr gewählt? die Politik interessiert mich augenblicklich wieder und ich kucke manchmal in der Frkfter Zeitung verstohlen über den Strich.

Dein Franz.

24.VI.20.

Statt eines Briefs von dir kam heut früh ein Wutgeheul von Eugen mit einer Geldstrafe von 40 Pfennigen. Die habe ich bezahlt, aber das Wutgeheul muss ich ablehnen. Denn selbstverständlich habe ich den Zusatz auf dem Umschlag mitgezeigt, und er ist auch von Rudi voll in diesem Sinn, dass er “alles aufhebt” verstanden worden. Ich habe Rudi sogar meine Vermutung gesagt, wie der Zusatz wohl zustandegekommen ist: infolge eines Briefs von Rudi an Dich, den du weiter an Eugen geschickt hättest und durch den Eugens zunächst “mehr theoretisches” Mitgefühl (das war alles, was in dem Brief gestanden hatte, “mehr theoretisch” nämlich im Vergleich zu dem mit O.Viktor) sich enttheoretisiert hätte. So wird es ja wohl gewesen sein.

Aber ich hätte den Brief überhaupt nicht gezeigt, wenn nicht ich selbstdabei der viel Betroffenere gewesen wäre. Nur durch mich und meinen Frankfurter Brief erklärt sich doch Eugens Antwort. Rudi sollte also meine Schuldan Eugens Schweigen erfahren. Das hat er auch durchaus begriffen, und von mir und Eugen gesprochen. Wobei ich übrigens, obwohl ich einen vollen Eindruck von Rudi habe, mein ursprüngliches Gefühl duchaus nicht verloren habe und noch heute genau wie an dem Tag in Frankfurt mein eigentliches Mitgefühl auf O.Viktor geht. Ich bin viel zu sehr “Realist”, um es anders zu empfinden. Rudis Gefühle kann ich ihm sehr genau teils ja mit=, teils wenigstens nach = empfinden, aber bei O.Viktor sehe ich einen Zustand, und Zustand ist mehr als Gefühl, als selbst das stärkste Gefühl. Dabei bleibe ich.

Nun werde ich meiner ekligen Geschmackslosigkeit die Krone aufsetzen und Eugens Donnerwort (das aber nicht Ewigkeit ist), an Rudi schicken, damit er sieht, was er angerichtet hat, indem er sich von einem Reiter = über = den = Bodensee = Gefühl leiten liess bei seinem Brief an Eugen. Und werde michnicht begraben lassen. Und kriege nun grade einen Brief von Eugen mit einem bischen Eiei nach dem übereilten Wutanfall (wenns ein Eiei ist, darfs auch Strafporto kosten).

Und bin eigentlich nur etwas traurig, dass du dir an diesem Brief von Eugen genug sein liessest und nicht das Gefühl hattest, neben einem solchen Brief von Eugen erstrecht selber schreiben zu müssen. Bist du so weit weg von mir?

Dein Franz.

24.VI.20.

Liebes Gritli,  jetzt habe ich auch die Donnerstagvorlesung geschlossen; die Hörer begeisert, ich nicht. Heute 1889-1920. (Goethe, Judenemanzipation, Weltkrieg, Zionismus). Mein Verhalten zum Zionismus wird ja immer mehr à la Bileam: ich bin ausgezogen, um ihm zu fluchen, und segne ihn bei jeder Gelegenheit.

Auf Goethe habe ich so geschimpft, dass auch die Goetheanerinnen es vertragen haben, das hat mich gewundert.

Nun bin ich aber doch angenehm erleichtert, dass die Vorlesungen zu Ende sind. Es nimmt doch mit, – innerlich und äusserlich. Das Sprechen selber ist ja ein Genuss, und so freue ich mich doch auch in dieser Beziehung auf Frankfurt.

Morgen früh gehts also nach Berlin. Mir ist eingefallen: Eugen ist gar schon in Landeshut! das wäre mir unangenehm, wenn er meinen Brief dadurch (an dich heut morgen) dadurch erst viel später bekäme, und noch ein paar Tage lang seine Wut behielte. Eigentlich hätte er sich selber denken können, dass es nicht so war. Aber ich weiss ja von mir selbst, dass man in solchen Fällen plötzlich sich gar nichts mehr denken kann und nur noch wütend ist. Aber du hättest ihm eigentlich gut zureden können, – wozu ist er denn verheiratet?

Ich habe da grade den Brief im Umschlag liegen. Dabei fällt mir noch genau ein, was Rudi sagte, als er das auf dem Umschlag gelesen hatte: “na das will ich aber auch meinen“. – Du hast ja inzwischen Rudis Brief an Tante Julie gekriegt. Ich schickte ihn euch doch absichtlich, um euch etwas mehr von ihm selbst mitzuteilen, als ichs damals von Frankfurt aus gekonnt hatte. Aber der Unterschied bleibt. Rudi selbst hat ihn ja in dem Brief an Tante Julie ausgesprochen.

Es gehört wohl übrigens zum Bilde in sochen Fällen, dass einen grade die Teilnahme der Nächsten nicht befriedigt. Ich weiss, dass ich im April 18 in allen Antworten an meine Nächsten sie immer “richtiggestellt” habe, so Eugen, so Rudi, so Hans, dich ohnehin -. Während ich mit den im Grunde natürlich viel konventionelleren Teilnahmebezeugungen der Fremderen viel zufriedener war. So geht es jetzt auch Rudi.

Es ist ein Stück Bedürfnis nach dem bloss Typischen in einem in so einer Zeit. Und das können einem die Fremderen am besten leisten. Man sollte immer daran denken wenn man “Fremderer” ist, dass man dann grade etwas geben kann.

Aber schon zu viel. Nur dass ich von dir keinen Brief habe!

Grüss den wieder besänftigten Donnergott.

Nun weiss ich ja noch nichtmal, wo du eigentlich bist. Es ist wirklich sehr unrecht.

Dein Franz.

25.VI.20.

Liebes Gritli,  ich wollte dir eigentlich nicht schreiben heute, denn ich fühlte den ganzen Tag deutlich, dass du mich absichtlich mit Eugens Brief allein lassen wolltest, und ich war gar nicht verwundert, auch hier nichts von dir vorzufinden. Nun schreibe ich dir doch, ins Leere, ich weiss ja noch nichteinmal, wo du bist, ob in Stuttgart oder Hinterzarten oder Landeshut. Wenn du wüsstest, was du tust. Es kann sein, dass du deine Macht zum Guten über mich verloren hast, das weiss ich nicht. Aber zum Bösen hast du sie jedenfalls noch ganz und gar. Solche Tage, wo du mich im Stich lässt, machen mich mit einem Schlag zur Ruine, in der 1000 Teufel ihr Wesen treiben. An solch einem Tag wie heute stürzt das bischen Ehe was vielleicht schon da ist zusammen wie eine Theaterdekoration, und es umgiebt mich das reine Nichts. Ich sitze Edith gegenüber, wie heut den ganzen Tag in der Eisenbahn, und frage mich: wer ist das? Ich habe nichts mehr, um das ich keine Anführungsstriche mache. Ich kann vielleicht noch beten, aber nicht um die Wirklichkeit, nur um die Illusion der Wirklichkeit. Denn ich glaube an so einem Tag höchstens an Illusion.

Und warum das alles? Selbst wenn es hier nicht grade zufällig so läge wie es liegt, also selbst wenn Eugen recht gehabt hätte, – durftest du so mittun? dich einfach so mitnehmen lassen? ihn allein lassen? Gut, du konntest ihn schreiben lassen, wie er geschrieben hat; aber musstest du dann nicht von dir ein Wort dazu schreiben, selbst und grade wenn er recht gehabt hätte. Wär es nicht dann grade nötig gewesen? Und nun war es doch immer möglich, dass er unrecht hatte und sich von Rudis Götzendienst vor den eignen Gefühlen, den er doch kennt, hatte düpieren lassen, wies hier zufällig wirklich war. Wie musste dann dein Schweigen wirken.

Weisst du denn nicht, dass du mich trägst? Dass du  das einzige Leibhaftige in meinem Leben bist? Es ist furchtbar, das zu schreiben. Ich habe dich lange damit verschont. Aber so ein Tag wie heute, wo ich einfach in ein Nichts verwandelt bin, lehrts mich, selbst wenn ich es je vergessen könnte. Ich habe auf der Erde nichts ausser dir. Nichts, verstehst du? Ich weiss dass ich mit diesem “Nichts” meinem Leben das Urteil spreche, aber habe ich mir dies Leben selber gezimmert? Ich nehme die Schatten ernst, mit denen ich lebe, denn ich weiss, dass sie mir von Gott in mein Leben hineingeworfen sind, aber ich kann doch nicht vergessen, dass es nur Schatten sind. Mein Blut hat nichts andres zu tun als diese Schatten zum Leben zu wecken. Aber noch sind sie Schatten, dieser Tag lehrts mich. Du bist das einzige Wirkliche in meinem Leben. Vergiss das doch nicht! keinen Augenblick!

Dein Franz.

26.VI.20.

Liebe, dann lag heut auf dem Kaffetisch ein Brief von dir, und es waren nur Gespenster gewesen. Ich rief Eugen an, er kommt heut Nachmittag heraus, und es ist alles gut. Aber ich bin müde von gestern und wie zerschlagen. Was ich dir gestern Nacht schrieb, bleibt ja doch wahr; so sieht mein Leben aus, wenn die Schleier fallen. Von dem Brief könntest du nicht sagen, es wäre nur das Thema. Vielleicht, dass ich dir deshalb jetzt nicht schreiben kann, weil es solche Briefe werden müssten wie der, den mir gestern Nacht der irre Schreck abzwang. Der Schreck war irre, aber das Geständnis bleibt stehen. Deshalb (und ja überhaupt weils geschrieben ist) schicke ich es dir.

Heut morgen konnte ich dann auch zu Edith sprechen. An so einem Tag wie gestern ist mir ja der Mund verriegelt. Ich kann dann nur zu dir sprechen.

Denk, gestern in der Bahn habe ich grade die erste Hälfte vom * II 2 im Manuskript durckfertig gemacht; es war nicht schön. Das soll nun gedruckt werden! Es ist aber ein Buch mit mehr als sieben Siegeln. Obs ein Mensch verstehen wird? ich meine von denen, dies gedruckt zu sehen bekommen. Ich glaube, wirken wird nur III. Also grade das, was schon seit 1913 fertig war. Im Grunde war es ja ein Brief. Man kann es zu jedem sagen. Aber man muss es jedem ins eigne Gesicht sagen. So wie ich jetzt meinen 30 Montagshörern ins Gesicht gesprochen habe. Das wäre auch nicht druckbar.

Ich war überhaupt verzweifelt fleissig gestern in der Bahn. Heut bin ich wie lahm.

Es ist schön hier draussen. Ein flaches kleines wunderschönes Häuschen über einem Seitenarm des Sees, ich sitze auf der Veranda und esse Erdbeeren. Die Kinder sind famos. Gestern ertrug ich sie nicht.

Worauf du wartest und was uns hilft? Du schreibst es ja selber!: Auf Wiedersehn. Nur Wiedersehn hilft uns. Und wenn auch nur “auf” Wiedersehn, nämlich nur auf Wiedersehnsdauer. Ich glaube aber darum auch nicht an deine Kalender = Aufstellung, mit August und September. Nein, nein – auf Wiedersehn.

Dein.

27.VI.20.

Liebes liebes liebes Gritli,  so zerschlagen war ich gestern nun auch körperlich, in der Nachwirkung von dem schrecklichen Vorgestern, dass ich Abends um 8 ins Bett ging, wie ein kleines Kind, und durchschlief bis nach 7! Ich war noch so gar nicht beisammen, gestern den ganzen Tag, Eugen müsste es eigentlich gemerkt haben, ich war ja kaum für ihn da und habe an ihm herumgeredet, als wäre er kein lebendiger Mensch, sondern ein Stein, der nichts fühlt; ich habe es erst nachher gemerkt. Ich weiss noch nicht mal, weshalb er hierher fahren musste, ich konnte ihn nicht fragen, und er hatte recht, es mir nicht zu sagen. Das einzige was noch da war, war das Glück, dass das Vorgestern vorbei war, und die Sehnsucht nach dir. Die lässt mich keinen Augenblick. Sie ist stärker selbst als das Gefühl des Unrechts, das ich Edith in solchen Tagen wie den letzten tue (denn sie spürts doch natürlich, wenn ich den Mund nicht zu ihr auftun kann und sie kaum anreden kann und erst recht nicht mit ihr reden). Meine Hände sind nun bei ihr und suchen gut zu machen was wund ist, aber meine Gedanken laufen weg und wo anders hin.

Ach du, und nun schreibst du an jenem gleichen Vorgestern den Brief, den ich heut Morgen kriegte. Es ist so, mit dem Gastzimmer; aber “kümmerlich eingerichtet” brauchte es doch nicht zu sein. Ist es nicht merkwürdig? ich habe dir die letzten Wochen immer abends geschrieben, vor dem Schlafengehn und müde.

Es ist ja keine Aussicht, dass ihr von Stuttgart wegkämet, und wahrhaftig man dürfte es nicht wünschen; so gut wie dort mit Wohnung und Garten hättet ihr es so leicht sonst nirgends. Und so wird es mit den Entfernungen bleiben. Obwohl Frankfurt Stuttgart nur 5 Stunden sind; aber dafür habe ich in Frankfurt nachher soviel feste Pflichten, dass ich nicht jeden Augenblick loskann.

Aber das sind alles Sorgen für später. Heut kann ich wirklich nur an das nächste Wiedersehn denken. Wann wird es sein??

Du lasest am Freitag alte Briefe, und ich war am Freitag vielleicht zum ersten Mal ganz ohne einen Brief von dir in der Tasche, denn ich hatte alle vor der Reise herausgetan!

Die Mendelsohnübersetzung der Psalmen habe ich auch gerade vor kurzem gekauft, allerdings mit hebräischen Buchstaben gedruckt; ich habe das Bändchen wegen zweier alter Kommentare gekauft, die drin standen. Sie ist übrigens schön, und hat etwas was sich sogar neben der Lutherschen behauptet. Ich kenne sie noch wenig.

Ich werde Eugen am Montag nochmal anrufen, vielleicht sogar nochmal sehen. Edith bleibt da in der Stadt, um Gertrud am Hochzeitsmorgen zurechtzumachen.

Ich wollte, ich könnte ein bischen so gut zu ihr sein, wie sies um mich verdiente.

Ich bin bei dir.

Dein Franz.

28.VI.20.

Liebes Gritli,  ich rief eben noch bei Eugen an, aber er war schon fort, und wie das Fräulein behauptete: zur Bahn. Ich hätte ihn ganz gern nochmal in meinerseits etwas aufgewachterem Zustand gesprochen. Schade.

Wir hatten einen ganz besuchslosen Tag gestern. Vormittags waren wir ein bischen auf dem See. Ich las das herrliche Märchen von Hofmannsthal Die Frau ohne Schatten, etwas vom Bezauberndsten das ich kenne. Obwohl man die Zusammenhänge, ähnlich wie beim Goetheschen Märchen, wohl immer nur ahnen, nie verstehen wird.

Abends gingen wir dann zu vieren nach dem Abendessen durch die Gegend. Zuerst gerieten wir auf den Kirchhof der Kolonie. Ein Friedhof der reichen Leute. Lauter Familiengrabplätze, immer einer vom andern durch hohe, oft über mannshohe Buxbaumhecken geschieden, wunderschöne Gräber. In der Mitte wie ein üppig = verwilderter Garten für sich die Siemensgräber, gruppiert um das Grab des Schwiegervaters Helmholtz, das doch aus den 90 er Jahren ist, aber ganz vollkommen schön. (Drauf das A und Ώ und “der Geist der Wahrheit wird euch in alle Wahrheit leiten” und ein flacher Loorbeerkranz. Sonst noch von Merkwürdigem das Grab des Baumeisters  Joh.v.Otzen , des zweiten Schwiegervaters von Kurt Breysing, offenbar von Melchior Lichter, gotisierend mit einer kleinen bunten Glasscheibe in der Rückwand. Aber viel Schönes. Wir waren hinaufgegangen, weil der Vater einer Bekannten da liegt, der Frau Levy, von der ich Eugen zu erzählen anfing (der mit der Geschichte des Symbols). Ich erzählte Eugen nicht zu Ende. Sie hat sich also dann für sich so eine Art Ketzerjudentum zurechtgemacht, indem sie wöchentlich den Wochenabschnitt liest und viel im Gebetbuch, aber ohne Fühlung mit der Gemeinde. Aber sie hat bezwingende graue Augen, sodass sie keine Gemeinde nötig hat.

Dann durch Sand und Kieferwälder und endlich am See entlang da wurde es dunkel.

Heut müssen wir in die Stadt, – Civiltrauung. Es ist schade, es ist so schön draussen. Edith bleibt über Nacht in Berlin.

Zwischen mir und der Akademie ist es, bei gewahrtem Standpunkt, wieder zu einer Annäherung gekommen. Ich bin Mitglied der philosophischen Kommission geworden. Es ist mir, da es nach der Broschüre und trotz nochmaligem ausdrücklichen Hinweis darauf, geschehen ist, nur recht.

Leb wohl – bis zum nächsten Brief. Liebes liebes Gritli – Dein

28.VII.[=VI.]20.

Liebes Gritli,  es geht heut an deine Adresse ein Buch für Eugen zum Geburstag (7.VII.??) ab. Bitte fang es ab. Du wirst es auch lesen. Ich habe euch bloss nichts davon erzählt, weil ichs versparen wollte. Es ist das erste, was ich neben oder eigentlich über * III stellen muss. Es ist genauso entstanden wie so etwas entstehen muss: so, dass noch die Entstehungsart überall zu sehen ist; es löst sich nirgends von der Beschreibung der “Gesichter” und giebt doch darinalles. Die Zeichnungen sind ja künstlerisch wertlos, aber sie geben eben soviel wie gute Amateurbilder auch geben würden, und das genügt hier. Der Zweig hat natürlich seine Verdrehtheiten, er ist etwas Mensch seines Kreises, manches was auch an ihm ärgerlich sein wird, ist einfach Kreisschiboleth. Aber im ganzen ists ein grosses Buch.

Beim jüdischen Buchhändler war schon eine Bestellung (von – Schocken!) auf ein neues Buch von Franz Rosenzweig “Der Stern des Volkes” “oder so ähnlich” eingelaufen, gleich auf 3 Exemplare! Und in der einen Universitätsbuchhandlung stand der Hegel eingebunden ans Fenster gelehnt und sagte: Wenn doch einer käme und mich mitnähme.

Es war ein herlicher Abend überm See, wie ich wieder hier draussen ankam. Wie ich so auf das Wasser hinaussah und das Bild in mich hineinnahm, spürte ich plötzlich, dass ich zufrieden war, dass Edith nicht neben mir stand. Denn wir sehen nicht einerlei. Wir können uns höchstens ansehn, aber nicht zusammen sehen. Daher kommts ja auch, dass ich nie die mindeste Lust habe, mit ihr spaziehren zu gehen oder zu reisen. Denn da erfahre ich nichts als unser nicht Zueinanderstimmen. Das kann auch wohl nie anders werden. Ich darf wohl das Erstaunen oder gar Entsetzen über den 6.Januar nie verlieren. Dass mein Leben seine Erfüllung kriegen sollte grade um den Preis solch unüberbrück-barer Fremdheit, und solch lächerlicher Fremdheit, denn nicht etwa mit Vereinzelten, nein mit den Meisten die ich kenne stimme ich genauer zusammen als mit ihr; es gehört sozusagen gar nichts Besonderes zu solchem Zusammenstimmen. Es ist schon etwas Besonderes, wenn es einmal in einem Fall grade nicht ist. Und hier ist nun dieser Fall. “Ausgerechnet”. Wie soll man das verstehen?

Gute Nacht. Ob morgen ein Brief von dir da ist? Mein Herz drängt sich nach den Zügen deiner Hand auf dem selben Kouvert.

Dein

29.VI.20.

Liebes Gritli,  ich kam gestern gar nicht zum Schreiben, es war ja der Tag der Hochzeit. Vormittags war ich zum Rasieren im Dorf, da ist eine gelbe Backsteinkirche, wie man sagt; von Schadow, sehr schön, hinter einer, auch stilgemässen – Wand von Bäumen aufgebaut. Das Dorf selber so trostlos wie diese märkischen Halbdörfer meist. Dann ging ich noch eine Stunde zu Frau Lewy und sass bei ihr am Wasser; es war herrlich, sie ist etwas Wunderbares, freilich ganz Gepflegtes und nur in der Gepflegtheit Mögliches, aber in diesem Rahmen von Pflege steht nun nicht etwa ein Stück Kultur, sondern eine ganz reine Natürlichkeit. Von dem Gespräch kann ich schwer schreiben, wir kamen uns aber zum ersten Mal wirklich nahe, bis dahin hatte uns die Kirchengemeinschaft, wie es so geht, grade auseinandergehalten. Sie ist 37 Jahre alt, ihre jüdischen Anfänge, ganz ohne einen Faden Tradition, liegen schon 20 Jahre zurück, also in einer Zeit, die ihr noch nicht die geringste Stütze bot.

Dann fuhr ich mit Eva zur Hochzeit. Es war in einem Logentempel. Der Rabbiner traute, der auch uns getraut hatte, aber viel besser sprach er als bei uns. Es war ganz unpersönlich, aber grade dadurch gut; auch die Braut selber sagte, sie hätte eigentlich keinen Augenblick das Gefühl verloren, dass es für jede andre auch gepasst hätte, aber das wäre grade das Schöne gewesen. Beim Essen war etwas Nettes: im selben Saal an einem Tisch für sich die Dienstmädchen der beiden Familien.

Die Gegenfamilie ist doll, eine durch Inzucht potenzierte verkümmerte Zwergengesellschaft. Dagegen machten “wir” uns gradezu aristokratisch. Die kleine Hildegard, die Eugen ja gesehen hat, sah süss aus in ihem Blumenkränzchen. Mein Schwiegervater in all his glory, wie immer bei solchen Gelegenheiten, wenn ihm nicht wie bei uns durch den bösen Schwiegersohn das Betätigungsfeld eingeengt ist, – übrigens wirklich famos. Ilse entwickelte abgründige Schauspielerkünste (sie gab ein “Butterfräulein”[?]), und tanzen können die drei Schwestern ja alle; Edith sehe ich gar zu gern zu dabei (kannst du sie dir vorstellen?), ich kriege mit ihr sogar noch einen ganz passabeln Walzer heraus.

Nachts lag ein Brief von dir da, vom Sonntag. Aber Liebste, eure vielen Hochzeitstage – das ist eine Wissenschaft für sich, du darfst keinem dritten zumuten sich darin zurechtzufinden.

Hast du übrigens darauf geachtet, dass die Margarete, die ich unter allen in Frage kommenden, einzig für deine Schutzpatronin halte, Margarete Alacoque[?], vor kurzem heilig gesprochen ist? bisher war sie nur selig. Nimm dir ein Beispiel dran.

Dein Franz.

 

Juli 1920

[an Eugen?]

[Anfang fehlt]

[Juli 1920 ?]

…den ich hier nicht hätte nennen dürfen, er könnte vielleicht auch – als Christ vielleicht, aber nein: als Deutscher nicht. Ihn würde die Wut auf alles Deutsche, die das Buch durchzieht, unweigerlich zurückstossen; während du sie vielleicht kaum gemerkt hast. Es ist ja auch etwas Ekelhaftes; man fragt sich: hat so ein Kerl das Recht dazu? Trotzdem: wer dogmenbefreit ist, könnte sich ärgern und trotzdem sich gefangen nehmen lassen (so gehts mir sowohl mit dem Antideutschen wie mit dem Zionistischen in dem Buch), und so kannst dus lesen. Es giebt eine Brüderlichkeit über die Grenzen weg. Aber man bezahlt sie mit einem Stück Fremdheit in den Grenzen. Deshalb jammern wir alle über unsre Ketzerei, abwechselnd und reihum. Und entsetzen uns, dass man Donnerstagsvorlesungen von uns verlangt, wenn wir Montagsvorlesungen geben.

Das alles wussten wir voriges Jahr, am Anfang des “siebenten Jahrs” – weisst du noch, Eugen? – noch nicht. Ich möchte das Jahr nicht noch einmal erleben. Aber noch weniger möchte ichs nicht erlebt haben. Denn es hat mir gebracht, was ich vor einem Jahr für unmöglich hielt: ich kann heute, wenn du betest, Amen sagen, – lieber Eugen

Dein Franz.

1.VII.20.

Liebes Gritli,

wir waren bei Meinecke gestern Nachmittag. Es waren aber betrübte Stunden. Ich war ganz giedergedrückt nachher. Obwohl ichs natürlich nicht anders hätte erwarten dürfen. Aber schliesslich geht man doch nicht zu einem Menschen mit der Erwartung dessen, was man “erwarten darf”, sondern erwartet jedesmal wieder das Wirkliche, Nichtzuerwartende, sodass man dann doch nachher wieder ganz unvernünftig enttäuscht ist. Es war ja genau so damals mit Picht: Vernünftigerweise hätte ich gar nichts andres erwarten dürfen; aber wenn ich hingehe, so verleugne ich eben meine erwartende und weise Vernunft; sonst ginge ich besser gar nicht.

Bei Meinecke gabs also ein grosses “politisches” Gespräch über mein pessimistisches Vorwort. Ich habe ihm alles höflich aber deutlich ins Gesicht gesagt. Er – soi-disant “Historiker” – weiss aber nur von Jahrhunderten. Dass es auch Jahrtausende giebt, ist ihm eine Botschaft aus der Ferne und geht ihn nichts an. Seine Hoffnungen sind ganz klein; er lässt sich auch ruhig sagen, dass sie es sind, und giebt es sogar zu; aber ihm gehts wie dem König, der dem Profeten Jesaja auf die Verkündigung, dass seine Kinder nach Babel geführt werden werden, nur zu erwidern weiss: wohl! so wird doch also Frieden sein in unsernTagen. Um diese Frage “wird noch Frieden sein in unsern Tagen?” kreist sein ganzes Denken.

Das wäre nun alles noch hingegangen,denn es ist Generationssache. Aber das andre war das Furchtbare: er hat, obwohl ichs ihm mehrmals so hinschob, dass er nur den Mund hätte zur Frage auftun müssen, mich überhaupt nicht nach mir gefragt. Er wollte nur sehen, dass ich nicht Nachwuchs für ihn sein will. Aber was ich nun wirklich will oder bin, alles was hinter jenem “nicht” als Positives steckt, das wollte er einfach nicht berühren. (Ich hatte ihm schon in meinem Brief von der Frankfurter Sache geschrieben). Dabei spürte ich deutlich, dass er dieses Nicht ernster nahm als bisher, denn er sprach mir immer wieder seine Hoffnung aus, ich würde doch noch zu “unsrer Wissenschaft” zurückkehren. Ich wurde ein bischen Menetekel für ihn; insofern hatte sichs also “gelohnt”.

Ich war ganz bedrückt davon und bin es noch. Wieviel muss noch zugrundegehn? Und das sind nun noch die Besten. Denn er ist ja nicht alldeutsch; sein nahpolitisches Auge ist scharf und unverblendet. Aber das Leben will er nicht sehen. Und zur Fortsetzung der “Tradition” (des 19.Jahrhunderts) genügen ihm “ein kleines Häuflein”, und die werden wohl kommen. Ich fragte ihn, ob er meinte, dass diese Epigonen die Besten sein würden. Ja! Dass dieses kleine Häufchen dann ohne jeden Zusammenhang mit dem Ganzen leben würde, sah er wohl ein, aber fand, das wäre auch in andern Zeiten so gewesen. Und dass in diesen andern Zeiten neben dem gelehrten Mönch der Priester gestanden hat, und also nur dadurch, nur durch die organisierte Kirche für alle die ständische Vorbehaltung der Bildung für Wenige dem Ganzen nichts geschadet habe, das wollte er nicht sehen.

Wir bleiben heute noch hier, fahren erst die Nacht. Am Dienstag kommen Regensburgs. Leipzig lassen wir aus, denn ausser Helene ist auch Marga da, das Haus also voll und Onkel Viktor arbeitsüberlastet.

Ich war doch froh, als heut Morgen noch ein Brief von dir dalag.

Wie heisst denn das kleine Kind?

Und wann, wann, wann?

Dein Franz.

3.VII.20.

Liebe,  es ist zum ersten Mal dass ich dir Abends schreibe, heute. In Wannsee hatte ichs mir, nach dem schrecklichen ersten Abend, ganz angewöhnt, dir Tags, meist sogar Vormittags früh, auf der Terrasse zu schreiben. Das war besser, und es ist durchaus nicht so, dass es so sein müsste, mit dem Abends. Dass ichs heute tue, kommt ja nur daher, dass ich tagsüber soviel Arbeit hatte für die Bibelstunde, die ausnahmsweise heute Nachmittag war (cap.22 ff.). Sie war wieder sehr schön. Prager gab diesmal viel. Es ist sein Konfirmationsabschnitt gewesen.

Ich selber hatte das Schönste bei der Vorbereitung gefunden, es aber nicht vorgebracht, ich muss es noch erst in mir garkochen, ein Gleichnis von Mutter und Sohn.

Liebe Seele, bestimmte Pläne habe ich keinen. Vielleicht muss ich mal vor 1.VIII. schon nach Frankfurt (es hat sich immer noch nichts wegen Wohnung gerührt!), dann gäbe es sich ja von selber. Seit ich das Kleine bei dir weiss, ist meine Sehnsucht viel ruhiger geworden, ich kann nun wieder besser warten. So irgend ein hessisches oder fränkisches …heim wird es ja wohl werden.

Schrieb ich dir eigentlich, dass ich in Berlin bei einem der vielen neuen jüdischen Verlage war mit meiner Tischgebets = Übersetzung; es wird wahrscheinlich in einer (Nicht Luxus aber immerhin) 2 Farbendruck = Ausgabe von 2000 Exemplaren gemacht werden; ich erwarte noch den endgültigen Bescheid. Wir werdens wahrscheinlich Frau Löwenherz widmen – das ist doch eine pompöse Form des Danks.

Und nun gute Nacht. Das Zusammenleben zu dreien ist im Augenblick ganz lustig, wir lachen eigentlich immerzu. Heut Morgen ist Edith in Hosen an den Kirschbäumen im Garten herumgeklettert und hat Kirschen gepflückt.

An Eugen lag es aber gar nicht, heut vor einer Woche in Wannsee, – nur an mir, ich war einfach noch in Scherben.

Dein Franz.

5.VII.20.

Liebes Gritli,

nur ein gute Nacht, nach einem verarbeiteten Tag. Morgen kommen Regensburgs. Heut Vormittag war Bruno Strauss auf der Durchreise hier. Er sprach etwas aus, was ich mir manchmal nicht recht gestehen wollte: dass es zu Ende ist mit den deutschen Juden. Es ist ja nur ein Teil des deutschen Untergangs überhaupt. Die Zukunft wird auch hier in Russland und Amerika liegen.

Bei Bruno Strauss ist das wichtig, wenn ers sagt; denn er spricht ja als Antizionist, und letzter der Mohik= will sagen: Cohen = ianer, der er ist.

Ich habe noch nachgedacht über das, was ich gestern an Eugen schrieb. Dass ich mich vor einem Jahr da zurückzog, lag ja einfach daran, dass er damals das Amen als Consequenz des *s erwartete. Da hatte ich recht, abzulehnen. Zwischen Juden und Christen als Juden und Christen hat sich gar nichts geändert und wird sich auch nichts ändern. Aber im Juden, im Christen hat sich etwas geändert oder muss sich etwas ändern. Es lässt sich nicht propagieren, organisieren, dogmatisieren – das sind Hansens Sünden. Man kann und darf keine Bücher darüber schreiben, da wird alles unwahr. Man kann es nur erfahren und sagen. Also allenfalls dichten, aber nicht denken. Was Eugen im August, ich im Dezember erlebt habe, das gehört dazu, dass man dann nachher Amen sagen kann. Juli war noch vor August wie vor Dezember.

Aber nun wirklich gute Nacht.

Dein Franz.

6.VII.20.

Liebes Gritli,  das ist so schrecklich mit dem Kind; es ist ja bei uns in der Familie ein Kind so gestorben; ich fragte Onkel Adolf heut Abend, er sagte, es wäre etwas wo sich die Ärzte sehr häufig irrten in der Diagnose.

Ich hatte es mir ja schon so sehr bei euch gedacht, gar nicht als wäre es nur für ein paar Wochen.

Die Londoner kamen heute Mittag. Die Überraschung war Walter, den ich vor 9 Jahren gesehen hatte und der nun ein schöner riesengrosser 23 jähriger geworden ist. Winie ist unverändert, noch schöner vielleicht, leider freilich von einer nur durch gelegentliche Alsbergismen gemilderten Englischkeit des Wesens. Es ist ein barbarisches Volk, – ein wirkliches Unglück, dass sie gesiegt haben. Überhaupt ertrage ichs noch nicht, mit ihnen zusammen zu sein; die ganze Wut über den Kriegsausgang steigt mir wieder hoch.

Kähler kam Nachmittags, ich ging eine Stunde mit ihm spazieren, er war ganz (oder fast ganz) famos, – so hätte er euch auch besser gefallen; wir harmonisierten herrlich über Meinecke. Dann brachte ich ihn zu Hans Rothfels, lernte Rothfelsens Frau flüchtig (aber mit grossem Eindruck) kennen, ich werde nochmal hingehen, ehe wir weggehen.

Endlich brachte die Post mir – den ersten “Ruf”. Vom Ministerium für jüdische Angelegenheiten der Republik Litauen eine Anfrage, ob ich die Leitung des Lehrerseminars für Litauen übernehmen würde! In Litauen giebts nationale Autonomie für die Juden; deren praktische Ausnutzung ist von der Schaffung eines grossen Lehrerstandes abhängig. Das Seminar soll sich zu einer Art Hochschule entwickeln. Ich werde nicht einfach ablehnend schreiben, sondern ruhig mal sehen, ob sich die Anfrage vielleicht zu einem wirklichen Ruf entwickelt, mit dem ich dann in Frankfurt krebsen gehen könnte.

Was sagtest du aber, wenn ich wirklich in die Gegend von “Struck und Zweig” ginge? Es ist ein bischen weit, nichtwahr. Schon deshalb täte ichs nie. Eine Vortragsreise wäre was andres.

Aber es ist ja alles dummes Zeug. Wie mag es bei euch gehn??

Euer Franz.

8.VII.20.

Liebe,  wenn nur ein Wort von euch da wäre. Dass keins da ist, muss ja wohl bedeuten, dass es schlecht geht.

Ich habe gestern Abend nicht mehr schreiben können. Ich war zu verdonnert von einer Erzählung von Tante Ännchen.

Winie – du wirst von ihr wissen wollen – gefällt mir so wie sie istimmer weniger, aber ebenso mehr weiss ich, dass ich, wenn nicht u.s.w., ich mich wieder genau so in sie verliebt hätte. Jetzt tut ihre Art, so “lieb” sie ist, mir gradezu weh, so englisch verengt und versteift ist sie äusserlich, – natürlich steckt unter dieser Decke die ganze Alsbergsche Temperamentsnatur. – Aber Ännchens Erzählung ging auf Walter.

Auch sonst wars ein Tag der Erschütterungen. Zwischenhinein habe ich nachmittags die vorletzte Arbeitsgemeinschaft abgehalten (c.25-28), es war wieder sehr gut; ich werde in Frankfurt ganz sicher die Genesis so durchnehmen.

Muff habe ich nicht viel antworten können. An die Kr..[?] einen langen Brief geschrieben.

In der Frankfurter vom 6.VII. stand ein ganz überherrliches Kleines Feuilleton von Richard Koch (“Dr. R.K.”). Wenn ihrs nicht gesehn habt, so schreib bitte; ich habe es aufbewahrt und wills dann schicken. Das ist ein Arzt! Ein wahrer “Ketzerjude”, an dem kein Falsch ist. Die Gleichklänge, die bis ins Wörtliche gehn, sind ganz aufregend für mich gewesen.

Ich fahre heut Mittag wohl zu Rudis Vorlesung nach Göttingen.

Die Tischgebetübersetzung erscheint.

Verzeih das Fragmentarische. Wie mag es bei euch aussehn. Gieb dem Kleinen einen Kuss von mir, wenn es noch lebt.

Euer Franz.

9.VII.20.

Liebe,  ich bin so froh über deinen Brief; ich hatte schon gedacht, es wäre schlimm gegangen, weil du nicht schriebst.

Ich war also gestern bei Rudi. Das Kolleg hat mich nicht sehr befriedigt. Es ist noch gar nicht christliche Naturwissenschaft, es steckt noch alles im “Gleichnis”. Keinesfalls darf er das jetzt fürs Jahrbuch geben. Denn damit würde er sich den Weg verlegen aus seinen jetztigen Fremdworten (“Gestalt” und “Werden”!!!) heraus zu wirklichen eigennamentlichen Worten. Es ist noch nicht reif. Das wirds werden, aber erst auf dem Weg über allerlei “Fruchtbarkeit im einzelnen”. Vorläufig ists alles noch bloss witzig (und daneben bekennerhaft). Wenn ihm die Wissenschaft erst mal ganz vergleichslos, ganz unwitzig vom Munde läuft, dann wird er nicht mehr nötig haben, express zu “bekennen”. Vorläufig muss ers natürlich noch, denn die Steine schreien bei ihm eben noch nicht. (“Witz” nach dem Sprachgebrauch des 18.Jahrhunderts natürlich)

Abends war Walter da, Ännchen und Winie weg.

Von Hans kriegte ich ein christliches Volk mit dem viehischen Aufsatz über den Antisemitismus. Ehe er sich nicht diese Sorte Christentum abgewöhnt, ist er mir ungreifbar. An seine Mutter hat er geschrieben, an den Reden bei Max Webers Bestattung sähe man, dass er keinen Freund gehabt habe, und auch nicht hätte haben können, denn er sei – kein Christ gewesen. Ich weiss ja, wie er das meint. Aber es ist eine so ungeheure Engigkeit (und ein Zeichen dafür, wie von gestern noch dies sein Christentum ist), dass er noch übersetzt werden muss, damit man hinter den viehischen Worten das menschliche Herz spürt. – Und wie einfach unwissend, wie befangen in den pfäffischen Schematen ist er in dem Antisemitismus Aufsatz! Der Blutstolz, den er dem Judentum vor Christus erlaubt, ist vom jüdischen Standpunkt aus genau so unzulässig, genau so heidnisch wie ers nach Christus wäre. Wenn Jesus die Zurechtweisung des kananäischen Weibes wirklich nötig hatte, so wäre das ein Beweis dafür, dass er ein schlechter Jude gewesen wäre.

Für Hans bin ich glaube ich etwas ein Unglück. Ehe er mich “beachtete”, war er viel naiver, und hatte keine solche Paraxysmen des schlechten Gewissens nötig wie jetzt. Ich greife sein Christentum ja nicht an. Er bräuchts also auch nicht zu rechtfertigen. Seine schrillen Töne tun mir im Ohr weh.

Dein Franz.

10.VII.20.

Liebes Gritli,  der Aufenthalt der Londoner ist aufreibend für mich. Diesmal vor allem (vom Politischen abgesehn, das mich auch zum Kochen bringt, es sind ja doch die ersten vom andren Ufer die ich wiedersehe) aber vor allem durch Walter. Er steht dicht vor der Taufe. Er ist ein wunderbarer Mensch geworden, in jeder Beziehung und die anglikanische Kirche kann sich zu ihm gratulieren. Es ist ja an sich das Natürlichste von der Welt. Er hat stets nur christlichen Religionsunterricht gehabt, ist immer in Internaten gewesen, jeden Sonntag zur Kirche gegangen, hat nie Juden gesehen. Sein Christentum hat er offenbar von wirklichen lebendigen Christen bekommen, es ist eine erlebte Sache, die Taufe wird nur noch eine blosse Form sein. Ihr würdet eure Freude an ihm haben. Denkt ihn euch wie mich, aber in schön (äusserlich und innerlich). Alles was bei mir krank und halb und schwach ist, ist bei ihm wunderbar ganz und gesund und stark. Eine anima candida und grundgescheit.

Ist es nun unbegreiflich, dass sich alles in mir gegen dies fait accompli aufbäumt? Aber es ist so. Er will nichts von mir wissen, lässt mich nicht an sich heran. Ich könne ihm ja nur zersetzten was er habe, nichts geben. Ausserdem sei ich nicht der Mensch dazu. Er spricht mir das Gericht, auf meine mangelhafte Nettigkeit im Umgang mit meinen Tanten hin. Das klingt ja komisch, aber es ist ja was dran, und wenn er mich mehr kennte, müsste er mich mehr, und mit besseren Gründen verurteilen.

Edith ist, wie stets wenn ich jemanden neben mir brauchen würde, nicht vorhanden. Nachher wenn sie sieht dass ich mich in Verzweiflungen winde, ist sie verwundert und unglücklich darüber. Dann darf ich sie trösten und ihr sagen, es wäre alles gar nicht so schlimm.

In diese Situation hinein, kam gestern Hansens Aufsatz, der mich, wohl auch deshalb, mehr erregte als ers wert war. Denn es braucht am Ende keinen “christlichen Denker”, um zu entdecken, dass es keinen Antisemitismus gäbe, wenn die Juden Christen würden. Und was andres steht ja in der zweiten Hälfte nicht drin.

Walters Schicksal ist in England nur typisch für das Kind eingewanderter deutscher Juden. Nur die lassen ihre Kinder so aufwachsen. So ist auch diese Taufe, sogut wie Hansens und Eugens und Rudi Hallos eine Folge des deutschen Antisemitismus, vor dem die letzte Elterngeneration ihre Kinder ins Nichts flüchtete, wogegen die Kinder dann wieder revortieren mussten. Walter hat gegen seine väterliche Abstammung eine Art Hass, er will nicht von da kommen.

Sehr traurig – Dein Franz.

12.VII.20.

Liebe –  der Tag ist so herumgegangen, so ist es schon wieder Nacht geworden. Rudis Anwesenheit gestern hat mir wohlgetan, schon weil ich jemand da hatte, dem ich mich ein bischen ausschütten konnte. Auch sonst war es schön, wir waren zu Tante Julie, ich versuchte ihr das Kolleg von Rudi das ich gehört hatte, zu reproduzieren. Dabei ging es mir wohl als Konzeption mehr auf, aber trotzdem – es in dieser Form zu veröffentlichen (Rudi hatte mich ja kommen lassen, weil er ev. grade den Inhalt dieser Stunde für das Jahrbuch zurechtmachen wollte), nein, die Veröffentlichung wäre ein Mord an keimendem Leben. Auch ists grade bei naturphilosophischen Sachen besonders unmöglich, ein Nurprogramm zu veröffentlichen, und wo Rudi jetzt grade beginnt, mit den Gedanken ins Detail zu gehen – man muss ruhig 1 oder selbst 2 Jahre warten.

Ich war heut Nachmittag ein paar Stunden mit Walter spazieren. Mein Entzücken an dem Jungen wird nicht geringer, er ist der Höhepunkt unsrer Familie. Was zwischen uns steht, ist wohl, dass er von der wirklichen Sünde nichts weiss und deshalb die kleinen Sünden zu schwer nimmt. Immerhin konnte ich mich ihm heut sichtbarer machen, weil ich die Absichtlichkeit etwas verloren hatte, wohl dank Rudi gestern.

Abends las ich dann Jaakobs Traum vor. Mir hats diesmal besser gefallen, Mutter nicht, sie sagte: blosses Wortgeklingel. Ich bin freilich auch von dem Inhalt doch wieder sehr hingerissen gewesen. Lesen tat ichs gut.

Schrieb ich dir eigentlich, dass zwei Wohnungsaussichten in Frankfurt aufgetaucht sind? bei Hedi und bei Bertha Pappenheim? Bloss Aussichten, Hedi allerdings ziemlich wahrscheinlich (sehr kleine Küche, mit Gasherd, aber immerhin).

Tante Ännchen war heut den ganzen Tag krank im Bett, das war sehr hübsch, der erste ruhige Tag. Im übrigen sagts Mutter richtig: es ist wie Urlaub, vom ersten Tag hängts über einem, wie bald es aus sein wird.

Dein Franz.

13.VII.20.

Liebes Gritli,

es ist auch wieder spät geworden, Winie und Edith hatten sich zuletzt statt “sich zu Bett zu bringen”, verkleidet, und so sind wir mit den beiden “Jungen” Tante Ännchen die bei Trudchen gewesen war, noch entgegengegangen.

Die Fahnen von II 2 sind da, es ist ein sonderbares Gefühl, eigentlich siehts aber hübscher aus als in Schreibmaschine.

Kauffmann als echter Jude will “Im Jahre der Schöpfung 5680” nicht, sondern 1920. Ich glaube, bei Rütten u.Löning oder Insel oder so hätte ich diese Widerstände nicht. Ich habe an Eduard geschrieben, um ihn auf Kauffmann zu hetzen, ich glaube, K. fürchtet das “Unwissenschafliche”.

Überhaupt die Juden! Tante Ännchen (und Tante Selma) hatten von Jaakobs Traum grade soviel verstanden: es sei doch sehr “arrogant”, das mit dem “auserwählten Volk”. Manchmal möchte ich am liebsten den Kopf unter die Bettdecke stecken und nichts sehen, nichts hören.

Wärest du hier!

Dein Franz.

14.VII.20.

Liebes Gritli,

heut war die letzte Bibelstunde. Ich will aber, dass Prager es weiter macht; die nächsten beiden Stunden bin ich ja noch da und werde als Hörer dabei sein. Es wird natürlich weniger gut als bei mir, aber doch besser als nichts.

An Frankfurt denke ich jetzt wieder öfter, auch an die Details – Lehrplan und so. Ich werde wieder eine philosophische Vorlesung halten: “Vom Glauben”, nach einem ganz andern Schema als hier. Nämlich jede Stunde ein andres “Glauben und…” (Zweifel, Wissen, Schauen, Leben, Werke, Aberglauben, u.s.w.). Dann eine Vorlesung “Grundriss des jüdischen Wissens” – eine Art Enzyklopädie für Neugierige. Dann die Bibelstunde, wo der Zeit nach das 1.Buch dran ist. Strauss muss seine Bibelstunde und N.T. machen. Auf Nobel habe ich auch ein Attentat vor. Dann kann der Rest ruhig schlecht sein, und wahrscheinlich ist ers noch nichtmal. Gerne hätte ich Koch zu irgendwas.

Gute Nacht.

Dein Franz.

15.VII.

Liebe,  ich sehe es doch anders. Ich sehe in diesem Nichtglaubenwollen einfach einen Akt der Selbsterhaltung. Hans zu glauben ist, wenn man nur selberkein schlechtes Gewissen hat, sehr leicht. Aber für all die, für die er ein Mene Tekel ist und eine Widerlegung ihrer eignen Existenz, bleibt eben kein andrer Ausweg: sie müssen ihm seine Sichtbarkeit (die grösser ist als bei irgend einem von uns) einfach ins Angesicht hinein leugnen. Ich finde meinen Instinkt, der sich vor einigen Wochen gegen Ditha gewendet, herrlich gerechtfertigt, mehr als ichs ahnen konnte, durch diese Nachricht, dass sie gegen Hans “revolutioniert”; ich glaube schon, dass ihr der unangenehm ist.

Ich schrieb Hans eben deshalb nicht über den Antisem. Artikel. Der Ärger über alle einzelnen Entgleisungen ändert ja nichts daran, dass man ihm – jetzt – im Ganzen einfach glauben muss.

Auch um meine Sichtbarkeit ists mir nicht bange. Sie ist nicht zugering, sie ist den Leuten zu gross. Wäre ich irgenwo ein besserer Akademikus, karrieregetauft u.s.w., so würde mir niemand “nicht glauben”. Diese Mühe, einem nicht zu glauben, machen sich die Menschen immer nur dann, wenn irgend eine grobe Tatsache da ist, die ihnen als Stein in ihrem Wege liegt, solange sie sie nicht durch das billige Misstrauen “ich glaube ihm einfach nicht” aus dem Wege geräumt haben.

Weshalb glauben wir uns denn untereinander? obwohl wir doch viel mehr von einander “wissen” um uns nicht zu glauben (wenn wir darauf auswären) und uns mit viel schärferer Kritik gegenüberstehen, als die anderen uns. Weshalb? Weil wir den Mut haben, uns gegenseitig nicht aus dem Wege zu räumen. Weil wir uns einander exponieren. Weil wir uns – ernstnehmen. Was werfe ich denn Walter vor? oder Ditha damals? Dass sie nicht diesen Mut haben, sich zu exponieren. Dass ihnen ihr Christwerden nichts Centrales ist, sondern nur etwas was so mit anderm mitgeht. Dass sie nie im Leben an den Punkt kommen, wo ihnen klar wird: alles, alles muss hingegeben werden um der Ehrlickeit an diesem einen Punkt willen. Sein Englischwerden nimmt Walter so; aber wenn es geschehn könnte, dass Christus und die Hochkirche ihn auseinandertrieben, dann müsste Christus schweigen und nicht die englische Kirche. Das ist der Unterschied von mir damals. Ich war wirklich doch schon einigermassen ins Leben eingelebt. In dem Augenblick aber war ich bereit, alle meine Wurzelfäden loszureissen. Um der Wahrhaftigkeit willen. Und von vorn anzufangen. Die Umstellung meines Lebens seit damals ist ein verteufelt sichtbares Zeugnis für diesen Augenblick. Grade deshalb ist der, den es angeht, gezwungen mir nicht zu glauben, – sonst könnte es geschehn und es ginge ihn wirklich etwas an.

Mein Leben nach diesen Menschen zu richten, fällt mir gar nicht ein. Die werden nur bezwungen durch den äusserlichen Erfolg. Nicht mein Leben, meine Handlungen muss ich nach ihnen orientieren. Meine “Kirchenpolitik”. Denn um dieser Leute willen ist die “Kirchenpolitik” nötig. Meinem Gesicht würden sie nie glauben. Nur meinen Kleidern, Amtsketten und dergl; Habeant. (So ganz nebenher). Denn so jetzt stellen sie sich in den Fuchsbau mit zwei Ausgängen: über dem einen Ausgang steht: ich glaube ihm nicht, denn er ist ein schlechter Mensch; und wenn man ihm diesen Ausgang verschliesst, dann entwischt er durch den andern, über dem steht: ich glaube ihm zwar, aber das ist seine Privaterfindung, die er nur mit dem Namen Judentum behängt. Und diesenAusgang (und durch den geht jetzt, seit Montag, Walter) kann man nicht nackt verstellen, nur im Amtskleid, mit Bäffchen und Talar. Das ist aber eine Frage der Zeit. Ich habe mich anfangs gegen Mutter gesträubt, die das (mit dem fehlenden Amtskleid) sofort sagte; aber es stimmt, die Macht der Konvention ist über so einem Engländer noch besonders gross.

Es tut mir leid, wenn Eugen wirklich den Hegel noch einmal liest. Das soll er doch wirklich nicht. Er kann ruhig aus dem Gedächtnis rezensieren, es ist kaum etwas geändert an dem Mskr. das er von 1916 kennt. (Aber schicken soll er mir das broschierte Exemplar!)

Dein Franz

15.VII.20.

Liebes Gritli,  wie ich eben versuchen wollte, an Hans zu schreiben, merkte ich dass es nicht geht. Teils waren mir dann doch meine Einwände herausgeruscht, und teils weiss ich ja doch zu wenig, weshalb sich Wüsten gegen ihn wendet. Du musst etwas genauer noch schreiben (ich habe ja von ihm selbst nichts gehört). Von “Verquickung” schreibst du. Ich spreche von Verpfaffung. Er ist mir zu – wenig Ketzer! Er hätte sich das Ketzerbuch verkneifen müssen, bis es wirklich ein Ketzerbuch geworden wäre. Seine Glaubwürdigkeit und seine Christlichkeit sind noch zweierlei. Und Else vollkommen ernst zu nehmen, ist mir ganz unmöglich. Dazu gehört ein Eugen. (Und selbst er -?) Kurzum ich kann ihm auch nicht schreiben, so gern ichs möchte.

Mein Brief von heut Morgen drückt mich auch. Es war so ein Selbsterhaltungs = Hochmut drin (Ich gab ihn Edith, in der stillen – natürlich getäuschten – Hoffnung, sie würde ihn zurückhalten, aber dazu müsste viel geschehn, bis Edith das empfände.) Ich kann nicht von jedem solche Todesbereitschaft = Selbstmordbereitschaft verlangen, wie ich sie damals 1913 vom Juli bis Oktober allerdings hatte. Habe denn ich selber sie später noch einmal gehabt? Nein. Sondern später habe ich mich immer einfach wachsen lassen und auf nichts “verzichtet”. Wie kann ichs da von andern verlangen. Es ist eine Gnade Gottes, dass er mich einmal im Leben so aus dem Leben herausgerissen hat. Aber Regel kann das nicht sein. Die meisten Menschen haben nur einfach ihr Lebensschicksal, ihren Lebensgang und weiter nichts. Es ist das Besondere von uns fünf oder mit Eduard sechs Menschen (Eugen Hans Rudi Werner ich Eduard) dass sich Gott bei uns nicht begnügt hat, nur durch unser Leben zu uns zu sprechen, sondern einmal das Leben um uns hat einstürzen lassen wie Kulissen einer Theaterdekoration und auf der leeren Bühne mit uns geredet hat. Das muss man wissen, dass es etwas Besonderes ist, darf keine Regel daraus ziehn, und muss nur freilich um so fester miteinander zusammen halten.

Man kann von der Revolution zeugen, aber nicht sie dogmatisieren, erstrecht nicht sie kodifizieren. Wir sind auch nichts “Besseres”. Nur etwas “Besonderes”. “Auserwählt” – und das müssen wir wissen, grade um uns nicht zu entsetzen über die Gesichter, die uns angucken.

Schreib mir von Hans.

Dein Franz.

17.VII.20.

Liebes gutes Gritli,  ich musste sehr lachen heut Morgen über deinen Brief oder vielmehr dein Désinteressement an Eugens Brief. Das habe ich mit meinen Zuständen neulich am Tage der Reise nach Berlin auf dem Gewissen, – ich weiss schon. Aber diesmal wars gar nicht nötig, Eugens Brief war ja so nur gut (gemeint und wirklich). Verstanden habe ich ihn ja zwar auch nicht richtig. Du weisst meine Methode bei schwierigen Eugenbriefen: ich antworte. Im Antworten verstehe ich dann so ungefähr, was er gemeint hat.

Rudi kam schon gestern Mittag. Er brachte mir auch seine Gedichte, von denen doch wenigstens eins (das Flammenbild) ein Gedicht ist. Den andern wärs meist besser gewesen, sie wären Gedanke und Briefwort geblieben. Was Eugen ihm schreibt, das vom “reinen Genuss seines Schmerzes”, ist ja das was ich vom ersten Augenblick an empfand und weshalb ich nicht mitwollte. Grade um ihm das was ihm wirklich geschehen ist, mitzutragen, durfte ich (und will ich) den Riesenschatten, den er an die Wand wirft, nur als Schatten nehmen, nicht als Wirklichkeit. Ich bin ja nicht sein Leser (hier so wenig, wie bei den Predigten, – die Art wie das Buch jetzt auf Leute wirkt bleibt mir ganz oder fast ganz fremd). (Obwohl das ja kommen muss, und ich auch wünsche, dass es kommt.)

Aber etwas andres, (oder auch das selbe): lass du ihn nicht so allein, er hat es einfach nötig, dass du öfter einmal mit ein paar Briefworten zu ihm kommst. Ich kann nicht mehr sagen.

Von Hans hatte ich heut einen Brief, ich will versuchen, ob ich ihm nun schreiben kann.

Denk – von Rudi erfuhr ich, dass Mutter glaubt, Winies Hiersein fiele mir schwer. Es ist wirklich nicht wahr. Es ist genau so gegangen, wie mir am Tag ehe sie kam zu Bewusstsein kam; ich schrieb dir ja damals davon.

Liebes liebes liebes Gritli

Dein – immer dein.

18.VII.20.

Liebes Gritli,  ich bin nur noch zerschlagen; Gott sei Dank reisen sie morgen ab. Es ist ja ein Ende, und ich muss immerlich lachen über das Stück familiensentimentaler Anhänglichkeit, mit der ich grade an diese Verwandten während des Kriegs gedacht habe. Das Komischste ist, dass die Familie von nichts was merkt und die verachtungsvoll hingeschmissenen Brosamen von Höflichkeit für bare Münze nimmt. Hier bedeutet der Namenswechsel wirklich schon alles; die Kinder verleugnen Vater und Mutter ganz gleichmässig, und England einschliesslich seines nationalen Gottes namens “Kreist” bleibt übrig. Und die wollen mich die Pietät lehren!

Ich habe heut Mittag auf Mutters Wunsch das U = Boot = Stück vorgelesen (Ich fand es dabei doch wirklich gut, diesmal). Sie waren sehr ergriffen, Walter will es ins Englische übersetzen. So kann es sein, dass Walter für euch existieren wird, aber ich spüre dann den Abgrund, der auch uns trennt, denn für mich wird er dadurch, dass er Rudi sieht, um keine Spur existenter. Ich bin eben allein, in einer Welt in die ich nicht hingehöre. Ich kann auch Hans nicht schreiben, es ist mir alles ungreifbar, Abfall bleibt Abfall, Lüge Lüge und Verleumdung Verleumdung.

Wie unsinnig Eugens Konstruktion ist! Walters Familienmimik ist billig, sein liebenswürdiges Engländergrinsen hat er für jeden auf Lager. Überhaupt – was will Eugen? mein “Fleisch und Blut” ist gut aufgehoben, das braucht kein Streicheln. Aber dass die Erstgeburt des Geistes hier und dort und dort und überall wohin ich sehe verkauft wird um dreckige soziale Linsengerichte, Verlobungsanzeigen in der Kreuzzeitung und drgl. – das ists. Darum komme ich nicht herum, und wenn ich mir all dies Pack ansehe, dann weiss ich auch nicht wie es besser werden könnte. Ausser man giebt dem Pack was es verlangt: Orden zum * der Erlösung I.,II.,III. Klasse, mit Olivenzweigen, Professuren für Technologie an der Universität Jerusalem u.s.w.  Die Zionisten sind die einzigen auf dem richtigen Weg. Ich bin ein Schlag ins Wasser.

Warum soll ich noch anfangen. Ich bin am Ende, noch ehe ich angefangen habe. Was soll ich in Frankfurt? Und überhaupt auf der Welt.

Franz.

19.VII.20.

Gestern Nacht als ich dir geschrieben hatte, hatte ich noch solche Sehnsucht nach einem menschlichen Herzen, dass ich nochmal herunter zu Mutter ging. Sie fühlte auch gleich, warum ich kam, und war so gut und verständig= verständnisvoll, dass ich wirklich erleichtert wurde. Sie sieht das was ihr an dem Ganzen sichtbar ist (also das “Soziologische” der Sache) genau wie ich. Als ich sagte, dass nach Tante Ännchens Tod einmal alles aus sein würde, sagte sie, das wisse sie auch. (Dabei ist Walter natürlich auch zu ihr “reizend” gewesen; ich bin wirklich der einzige, bei dem er nicht ganz mit dieser Walze auskam). Das Einschnappen auf Rudi nahm sie noch viel “soziologischer” als ich; sie hatte da auch mehr Detail = Beobachtungen gemacht. Er sei ihnen ganz der “berühmte Mann” gewesen, so das was zum Weekend in die vornehmsten Familien eingeladen würde.

Bei alledem bleibt im Rahmen des Soziologischen das Wirkliche durchaus bestehen. Aber immer nur im Rahmen. Es ist eben doch ein furchtbares Volk, und dass sie die Welt regieren, ist das Ende der Welt und das Ende des abendländischen Christentums. Denn was bleibt von Christus, wenn er schliesslich doch nur ein Fremder von Distinktion ist, so eine Art von europäisch renommierter Virtuos auf der Geige der Seele. Dass Picht sich in dieser Rahmenkultur zuhause fühlt, ist wirklich nur ein andrer Aspekt für meine Reaktion auf ihn (Meine Reaktion ist sicher nicht auf den ganzen Picht gegangen, aber eben auf dies an ihm).

Das Schlimmste ist, dass dies Volk nun nicht bloss über die Welt herrscht, sondern auch über die Juden, sogar als unser “Wohltäter”. Unser Schicksal hängt davon ab, dass wir undankbar sind; ich habe Anzeichen dafür, dass wir es sein werden.

Ich müsste dir auch nochmal von Rudi schreiben. Aber du musst es nun selber fühlen. Auch bin ich zu abgespannt, um jetzt daran viel zu denken; solange er da war, wars anders.

Ich lege etwas für Eugen bei.

Dein Franz.

20.VII.20

Liebes Gritli,  das dicke Kouvert heute Morgen traf mich schon in einigermassen wieder beruhigtem Zustand. Mittags waren die Engländer abgefahren (eine widerwärtige Bemerkung über den Selbstmord Prinz Joachims und ein darauf folgender Losbruch meinerseits hatten die Kluft noch einmal aufgetan), und so war der Nachmittag in dem wieder leeren Haus eine Erholung. Schade ists, denn alle drei sind besondere Menschen. Aber auch ihnen wird jetzt wieder wohl sein. Die dreizehntägige Schauspielerei (für die Kinder, die Mutter brauchte nicht zu schauspielern) war doch eine schwere Last. Am schwersten ja für Walter.

Über Hans hast du mir jetzt so viel geschrieben, dass ich genau zu sehen glaube, wie es ist. Das Hinarbeiten auf den Pfarrer taugt aber auch nichts. Richtiger wärs, er könnte jetzt (“nebenher”) der Universität geben, was der Universität ist. Die Jungens (und Mädchen) wollen geschuhriegelt werden. Wer sie schlecht behandelt (Gundolf!), vor dem machen sie Kotau. Wenn er sich so einen “weiteren Kreis” schüfe, dann würden sie es wieder zu schätzen wissen, zu seinem näheren zu gehören. Und das (der “weitere Kreis”) müsste möglich sein. Er muss eben die christliche Wissenschaft mit dem ganzen hochnäsigen Weihrauchbrimborium der “Wissenschaft” zelebrieren. Das geht! In Berlin sitzt ein Privatdozent Tillich. Theologe. Mann der Zukunft. Unser Generationsbruder. Seit gestern mir bekannt, ich schicke das Programm durch Hans weiter an Eugen. Er programmiert das, was ich im * gemacht habe. Aber dabei jeder Zoll ein Privatdozent. Schwimmt in Terminologie und kann doch auch auf dem Festland der wirklichen Sprache gehen. Das ist der richtige Typ. Es giebt ja kein Bleiben. Es giebt nur Sichhindrängen oder Ab = fallen. Wer sich auf den hohen umdampften Tron setzt, wie der byzantinische Kaiser mit Lift beim Gesandtenempfang, zu dem drängt man sich hin. Wer selber zu den Leuten geht, der lässt ihnen nur die eine Tätigkeit übrig, abzufallen. Etwas tun muss man ja immer. So hat mans aber eigentlich schon in der Gewalt, den Leuten vorzuschreiben was sie tun sollen, je nachdem wie man sich hält. Aber im Ernst: ich meine, Hans sollte – aber nein, es geht ja nicht. Das “Geistige” wird heut in unserm Munde einfach zur Lüge.

Über den Holländer sind wir ja alle gleich erschrocken. Aber Eugens Rezept kommt erstens zu spät und zweitens ists ein Rezept. Rudi hat sicher gut geschrieben. Wie kann Eugen meinen: als Schriftsteller? sicher nicht. Und nun kommts auf den Holländer

  1. –  Ganz los kann Rudi ja von der “Kunst” nie. Das sieht man doch jetzt wieder an Tante Helenes Tod. Aber ganz unter kriegt sie ihn auch nie. Sondern plötzlich enthüllt sie sich ihm immer wieder als Weg zum Leben. So auch hier. Der er = dichtete Christ wird nun er selber. Wir wissen doch alle, dass die Forderungen, die an den Prediger gestellt werden, erst das Eigentliche sind, um wessentwillen das Buch geschrieben werden musste. Das ist ja der Grund, weshalb ich Eugens Hoffnungen auf Rudis Naturwissenschaft nicht mitmache, obwohl auch ich ihn nicht als “Dichter” will. Aber ich will, dass ihm sein Leben aus der Dichterei heraus wächst, aus, nicht neben. Ich will, dass die Predigten ihm leibhaftige Folgen kriegen. Und deshalb mussten sie als Roman erscheinen, und nicht als Predigten. Wer sie als Predigten gelesen hat und ihn daraufhin (als den Haber und Äusserer so schöner Gedanken) anspricht und beansprucht, derverdirbt ihn. Das war Gredas Verhältnis zu dem Buch. Ich habe das Buch seit 1912 sofort nur als Roman empfangen: nämlich nicht mit der Spannung: was sagt der Prediger nun? sondern was wird aus dem Prediger und damit aus Rudi (denn da wo der Prediger aufhören würde, musste – das wusste ich – Rudi dann anfangen). Die rechte Wirkung kann das Buch nur da haben, wo es so gelesen wird. Das hat der Hölländer getan. Und so muss es sein. Ohne diese “Mystifikation” wäre das Buch nur ein Zeugnis der “neuen mystischen Bewegung” und damit wirklich Mysti = fikation, nämlich grade der nicht Mystifizierten. “”Meister Ekhart” ist wieder da!” Nun wenn schon! [doppelt unterstr.] Mystische Schwätzer hats genug gegeben. Ein Mensch soll da sein, kein Prediger. Das Buch als ein Predigtbuch soll [doppelt unterstr.] wertlos werden. Für jeden, so wie es für uns wertlos geworden ist. Das ist die Aufgabe und Bestimmung dieses Buchs. Es soll nicht liebevoll als eine SonntagvormittagsLektüre im Bücherschrank aufbewahrt werden wie die “grossen Mystiker”, sondern man soll gleichgültig und ein bischen ärgerlich darüber werden und es irgendwo, und ziemlich achtlos, stehen haben. Man soll es nicht lieben. Sondern ihn. Nicht das Buch und nicht den Verfasser, sondern Rudi.

Eugen schreibe ich noch. Der Brief an Hamburger hat mich sehr getroffen. Obwohl ichs wusste, wie sehr ich sein Schüler bin; aber trotzdem: es so mal in nüchternen Sätzen vor Augen zu haben: so und so und so hat er damals gesprochen, als ich noch nichts davon wusste und 5/4 Jahr danach, nach ein 1/2 Jahr Zusammensein waren all jene Sätze auch meine Sätze geworden – da muss man doch einfach lieben, wenn man sich nicht unendlich blamiert fühlen will! Also schon lieber – lieben!

Dein, Sein, Euer.

Noch eins: du schreibst, ich litte bei meiner Familie nicht darunter, dass ich mich nicht sichtbar machen könnte. Das ist wahr, bei denen die mir nicht glauben, leide ich nicht darunter. Aber bei denen, die mir glauben möchten, also vor allem bei Trudchen, nebenher bei Mutter, bei Tante Ännchen und sonst noch, da leide ich drunter. Grade weil sie mir glauben. Da spüre ich den Abstand zwischen “mir und mir”. Aber um den Unglauben der andern wäre mir jede Träne zu schade.

21.VII.20.

Liebes Gritli,  ich wollte du hättest inzwischen einmal ein gutes Wort an Rudi geschrieben. Du dürftest ihn nicht schonen. Denn dann weiss er gar nicht mehr aus und ein mit dir. Es ist viel besser, du sagst ihm die Wahrheit selbst wenn sie ihn einmal “unverhältnismässig kränkt”, aber sagst sie ihm, wirklich ihm.

Auch unsre nur Angst (und gar kein Vertrauen) bei dem Holländer hat ihn – doch eigentlich mit Recht! – gekränkt. Er hat ihm in dem neuen Brief ganz spontan von seiner Frau erzählt! sodass Rudi ihm nun auch von Helene schreiben musste.

Ilse ist gestern gekommen.

Dann eine Antwort vom jüd. Ministerium Litauen, die ich euch schicken würde, wenn ich nach der Erfahrung mit dem Hegel noch auf Zurücksendung rechnen dürfte! Sie wollen “trotz meiner Bedenken über meine Eignung” nicht locker lassen. Ich soll auf litauische Staatskosten den “Herrn Minister” in Glotterbad (bei Freiburg) besuchen, wo er vom 5.VIII. ist.!! Ich werde die Sache weitertreiben. Vielleicht wird wirklich ein Ruf daraus, mit dem ich dann wieder in Frankfurt krebsen gehn kann. Dazu darf er nur nicht zu früh kommen. Etwa erst Ende des Jahres. Denn vorher kann man ja in Frankfurt noch nicht wissen, dass ich ihnen unentbehrlich bin.

Ach Gott, mir ist gar nicht so zumute.

Dein Franz.

22.VII.20.

Du liebes liebes Gritli,

ich schrieb dir ja in den letzten Tagen von Rudi, ich habe auch eigentlich keine Sorge, wenn du nur erst wieder die Worte findest, mit denen du das, was du mir da sagst, ihm ins Gesicht sagen kannst. Es giebt so Worte, verlass dich darauf, giebt sie jetzt mehr als es sie vor dem “21.I.” gab. Sieh ihn an und sprich zu ihm.

Gestern sah ich das erste Ausgedruckte vom *. Es wird doch sehrschön. Das Format durch sehr breiten Rand doch recht gross (so hoch wie der Hegel und breiter), aber dein Exemplar wird – “verzeihen Sie den harten Ausdruck” – beschnitten und dann kriegts das richtige Format, der Spiegel ist ja so klein. (Es geht doch nichts über jüdische Institutionen).

Ich korrigiere die Fahnen von II 2 und bin doch selber hingerissen.

Heut Vormittag war ich mit den beiden Schwestern auf Wilhelmshöhe, Ilse ist wirklich lieb.

Gestern war Pragers erste Stunde. Ich bin froh, dass auf die Weise wohl etwas Dauerndes übrigbleibt. Es war sehr gut, und hat den Leuten zugesagt. Es war V M 1-3 und Jes 1, 1-27.

Ich schreibe wohl nachher nochmal. Auch an Eugen, wegen der Relativ.Nummer, die heut kam.

Dein.

23.VII.20.

Liebes Gritli,  ich bin ganz dumm heute morgen; kein Brief weder an Hans noch an Oncken noch an den “Minister” will mir gelingen.

Von Rudi höre ich nichts, ich hatte eigentlich gestern oder heute eine Antwort erwartet.

Die Relativitätsnummer kommt mir zu schwer vor. Vor allem Weizsäckers Aufsatz. Mit einem blossen “Verdeutschen” von Worten wie “Koordinatensystem” ist noch gar nichts getan; damit macht mans dem Wissenden unverständlich und dem Unwissenden nicht verständlich. Ich finde die erste Abbildung, die von den Gehörgängen, charakteristisch für das Ganze. Da steht, auf “deutsch”, “halbkreisförmiger” Gang und was weiss ich, und dazu 7 anatomische Ausdrücke (alle auf “deutsch”), alle unnötig. Wenn man das Gleichgewichtsorgan erklären will, so ists eine unnötige und deshalb verwirrende Gelehrsamkeit, den Leuten zu erzählen, dass dort das Ding “Steigbügel” heisst. Es durften auf dem ganzen Bild nur die drei Gänge bezeichnet werden; alles andre durfte nur abgebildet, nicht benannt sein.

Auch Weizsäcker kann eben nicht aus dem Nichts aufbauen. Das ist aber das einzige was man können muss. Der Brunssche Vortrag ist auch viel zu schwer. “Beikreis” ist genau so dunkel wie Espizykel. Von den sämtlichen Lesern der Zeitschrift haben keine 100 eine anschauliche Vorstellung von einer Planetenbewegung, keinen 100 ist es geläufig, um wieviel Uhr der Mond aufgeht, wenn er voll, um wieviel, wenn er halb ist. Die Mehrzahl weiss nicht, dass die Gestirne auf und untergehn, nur vom Mond und von der Sonne ist das bekannt. Die Fachleute sehen kurioserweise all diese Dinge voraus. Aber ihre Theorien sind Gift für alle, die noch nie gelernt haben zu sehen. Die neuere Astronomie hat das Wissen um den gestirnten Himmel gradezu ausgerottet. Heut weiss jeder dass die Erde sich um die Sonne dreht, aber die wenigsten wissen, dass die Sonne im Sommer höher am Himmel steigt als im Winter. U.s.w. u.s.w.

Die “neue Wissenschaft” darf sich nicht zufriedengeben wenn sie wo anders aufhört als die alte, sie muss vor allem wo anders anfangen. Sonst könnte man sie ruhig weiter den Universitäten überlassen. Die Volkshochschule ist nur dazu da, dass sie den neuen Anfang erzwingt, das Anfangen bei der Erfahrung. Und die Aufgabe des neuen Lehrers ist nicht so sehr die, zum richtigen Ziel zu leiten (das, diese kritische Begabung war auch schon die des alten Lehrers), sondern aus dem Chaos der möglichen Erfahrungen die nötigen herauszuheben (also z.B. im Fall Weizsäcker: das erste Bild auf das Notwendige zu reduzieren, das Koordinatensystem “erleben” zu lassen u.s.w.)

Das wollte ich eigentlich an Eugen schreiben. Die Nummer ist dabei doch schön. Aber die einzelnen Aufsätze sind nicht genug zerredigiert. Übrigens bin ich gespannt, was Einstein selbst zum Ganzen sagt. (Und Max Born).

Ich habe dem “Minister” geschrieben, wollte ihn in Stuttgart treffen!!

Wann fahrt ihr denn nach Säckingen? und wielange bleibst du da?

?

Dein Franz.

24.VII.20.

Liebes Gritli,

Edith muss sich zu Bett legen, sie hat eine Halsentzündung, die möglicherweise – es grassiert grade in Kassel – Diphterie sein könnte; deshalb die Vorsicht.

Ilse ist noch da, wird nun aber wahrscheinlich schon morgen abreisen, schon wegen der Ansteckungsgefahr. Gestern waren wir zu dreien bei Pragers. Du weisst von deinem Kalender, dass morgen der Trauertag um die Zerstörung des Tempels ist; das geht schon durch die ganzen Wochen vorher und färbt sogar den Sabbat vorher, den mit Jes.1., schwarz. Diesmal ists ja gut mit meiner eigenen privaten Stimmung zusammengetroffen. Menschen wie Walter würden uns nicht verloren gehen wenn der Tempel noch stünde. Wir hätten uns freilich dann auch nie zu Gesicht bekommen und ich hiesse nicht Franz, sondern Lewi ben Schmuel, – aber aussehen würde ich genau wie ich jetzt aussehe; ist das nicht sonderbar?

Du Liebe  —

Dein

26.VII.20.

Liebes Gritli,  ich war recht ausgehungert nach einem Brief.

Es ist eine gewöhnliche Halsentzündung bei Edith. Sie sll aber noch im Bett bleiben.

Tillich mag “übel[?]” sein. Trotzdem ist er der einzige Universitätsmensch den ich weiss, von dem ich den * besprochen haben möchte. Ich weiss keinen andern, der verstehen könnte, was ich will. Und dass es so etwas überhaupt an der Universität noch giebt, ist einfach ein Mirakel. Oder auch kein Mirakel. Warum soll der “Zeitgeist” (und wir sind eben doch “Zeitgeist”) nicht auch die Universität belecken.

Aber dann müsste auch für Hans Platz an der Universität sein. Und das glaube ich wirklich. In diesem Sinne habe ich ihm neulich geschrieben. Umhabilitation in die Theologische Fakultät. Also nicht Pfarrer, aber Pfarrersbildner. (Allenfalls dann auch, wenn gepredigt werden soll, – Universitätsprediger). Meine “Psychologie” neulich war Unsinn, das schrieb ich ja gleich dazu. Aber hier ist das Richtige: Nicht eine innere Umstellung – das geht nicht. Aber die äussere Umstellung, durch die er ganz von selbst von der Schiefheit seiner jetzigen Stellung befreit würde. Denn es ist eine schiefe Sache, dass er äussere Mission treiben will. Das kann man nicht so berufsmässig, das muss immer Gelegenheitssache bleiben (und das wirds ja bleiben). Aber sein Fall ist die innere Mission (also an denen, die schon Christen sein wollen.) Vor einem Jahr hätte ich ihm das nicht gesagt. Aber Enttäuschungen sind dazu da, dass man Konsequenzen daraus zieht. Es ist gewiss ein Rückschrauben der Hoffnungen. Aber schadet das was? Als Pfarrer hätte er die gleichen, und schlimmere, Enttäuschungen zu erwarten. Nur als Theologie = Professor wird er die beiden Seiten die jetzt in ihm sind, beide gleichmässig haben dürfen. Dem Professor jetzt nimmt man den Pfarrer übel, dem Pfarrer würde man den Professor verübeln. Also Theologieprofessor! Pfarrer sind auch ein grässliches Volk, – weiss ich! Aber die haben wenigstens nicht das unbestreitbare Recht, ihm davonzulaufen, – was doch jetzt seine Studenten einfach haben.

Wenn Eugen, wie ichs ja schon dachte, den Vorkriegs Kulissensturz nicht erlebt hat, dann erklärt das, warum das Nachkriegsereignis bei ihm so katastrophal gewesen ist. Denn von der Stiftsmühle bis zum August, – das war eben in einer Folge die christliche Revolution und die ketzerische Reformation. Die Stiftsmühle war ja so sehr “Kulissensturz” wie irgend einer.

Übrigens giebts mehr Ketzer zwischen Himmel und Erde als unsre Universitäts-eingestelltheit uns sehen lässt. Gestern fiel mir ein Buch von Lhotzky in die Hände, ich hatte immer gedacht, der wäre ein Viech, statt dessen ists ein prachtvoller Mann und jedes Wort ist wahrhaftig und zum Ja = und Amen sagen. Das Buch heisst “Die Seele eines Kindes” und ist eine komplette Pädagogik. Er muss von Beruf Arzt sein.

Bei der Arbeitsakademie hatte ich natürlich auch gleich an Eugen gedacht. Der Weg wäre sehr einfach: Picht. Die Sache geht doch vom Kultusministerium aus. Der Sinzheimer, der sie betreibt, ist wohl der Münchener (dann kennt ihn Hans und er ist ein Ekel). Die Stelle des “wissenschaftlichen Sekretärs” scheint nach dem Artikel schon besetzt. Dann bliebe also nur: Umhabilitation nach Frankfurt. Wer in Frankfurt selbst sonst noch die Sache betreibt, weiss ich nicht. Die Universität betrachtet es wohl als ihre finanzielle Rettung. Eventuell wird Strauss wissen, wer in Frkft. in Frage kommt.

Für möglich halte ich es durchaus. Für das Richtige für Eugen auch. Der einzige der etwas dagegen hat, — bin ich. Verstehst du das? Ich kann nicht in derselben Stadt wie du wohnen. Vielleicht wird das mal anders. Heute noch nicht. So nah wie es ginge. Aber nicht so nah, dass es keine Reise mehr wäre. Ich spüre wie entsetzlich ich an dir hänge, – ja ich entsetze mich, bei dem Gedanken.

Aber das ist kein Grund, dass ihr ihn nicht bedenkenlos verfolgt.

Das andre wird sich dann “irgendwie” finden. Ich glaube ohnehin nicht an eine lange Dauer meines Frankfurt, höchstens 2 Jahre. Ich glaube überhaupt nicht mehr an viel. Es graut mich vor mir selbst, so sehr fühle ich mich in der Einzahl und nur in der Einzahl.

Dein Franz.

27.VII.20.

Liebes Gritli,  eh ichs vergesse: schick bitte das Heft des Juden, das du noch hast, an mich zurück; ich wollte den Jahrgang binden lassen, und es fehlt grade.

Edith ist aufgestanden. Es war zuletzt sehr schwer mit Mutter; sie war wieder komplett aus= und durcheinander. Was früher Gritli hiess, heisst jetzt Judentum. Es ist ihr nicht zu helfen. Übrigens gehts ja bei ihren “Gründen” auch immer so, dass sich Hass und Liebe mischen, so jetzt beim Jüdischen wie früher bei “Gritli”. “Gritli” – oh si elle savait! Wenn sie sich dann ausgetobt hat, gehts immer wieder, aber Edith, und auch ich, sind nachher ganz leergepumpt.

Gestern Nachmittags habe ich Edith “vertreten”, damit die Stunde nicht ausfiel. Es sind Agnes, Paul, die Elisabeth Baumann, Trudchen und Paul Frank. Ich hab zum ersten Mal Kinder unterrichtet. Es ist noch schöner wie Erwachsene. Ich will auf jeden Fall sehen, dass ich einen Kinderzirkel in Frankfurt kriege; die Eltern können ja dann meinetwegen gern zuhören.

Wir werden wohl erst um den 7. in Frankfurt sein. Da reisen nämlich Borns ab. Wir ziehen da zu ihnen. Am 15. reisen Hellingers ab, da ziehen wir rauf in ihre Möbel. Kommt dann der Ruf für Hellinger, so möblieren wir von Semesteranfang selbst; sonst müssen wir sehn, wo wir unterkommen. Es sind 3 Zimmer, also unbegrenzte Besuchs-möglichkeiten.

Eugens Aufsatz ist noch nicht gekommen.

Seit Wochen, seit Berlin schon habe ich ein kleines Buch für dich; es gehört zum Schönsten was ich je gelesen habe. Aber ich schäme mich, es dir zu schicken, ich kann es dir nur selber geben.

Es ist überhaupt schrecklich so. Käme doch wenigstens täglich ein Wort von dir. Und wenns ein leeres Blatt Papier wäre. Ich wäge ja deine Worte nicht, ich “zähle” sie. Auch das Herz zählt seine Schläge bloss, weiter nichts. Stark und schwach kennt nur der Arm. Das Herz tut nichts als schlagen, ohneMass der Kraft.

Dein.

28.VII.20.

Liebes Gritli,  so spät ist es geworden. Des Nachmittags war Pragers zweite Stunde, 5 M, 4-7. Es war ganz verdreht. Er hat ein zionistisches Arbeitsprogramm daraus gemacht und wollte gar nicht begreifen, dass was andres drin stünde. Ich bin noch wie erschlagen davon. Dabei fühlt er nicht, dass er seinem Publikum dabei sehr nach dem Herzen redet, nicht etwa als ob sie ihm glaubten, sondern sie sagen sich: also das Judentum ist eine Sache die jedenfalls uns nichts angeht. Ich hatte gedacht, die Aufgabe, vor diesem Publikum zu sprechen, würden ihn etwas innerlich ausweiten. Statt dessen spricht er so, als hätte er innerlich durch und durch jüdische Juden vor sich, denen weiter nichts fehlte als ein bischen “Aktivismus”. Da wärs recht, oder könnte jedenfalls nichts schaden. Aber er ist unfähig, sich in andre wirklich hineinzudenken und deshalb auch unfähig aus sich selber herauszugehn und über sich hinaufzusteigen.

Mutter war über nacht in Wilhelmshöhe bei Alsbergs und ist mit schwerer Migräne heruntergekommen.

Er ist eben auch – ich meine Prager – ein Mensch ohne Kulissensturz. Die mögen zu vielem gut sein, aber lehren können sie nicht. Das, nur das, wollte ich neulich sage. Ich habe ja gelernt, an die “Helenen” zu glauben. (Übrigens hat doch auch sie den 21.I. gehabt). Sie sind sicher die Bausteine des Tempels. Oder mindestens, wenn sie nicht das sind, doch der Mörtel. Oder der Bewurf. Oder wenigstens die Innenausstattung. Wir sind die Werkzeuge, mit denen der Baumeister arbeitet, Kelle, Lot, Winkelmass, vorher schon Haue und Meissel, Spaten und was weiss ich. Vielleicht auch seine Handlanger und Gesellen. Im fertigen Bau bleibt vielleicht nichts von uns als unsre Arbeit. Wir selber werden nicht mit hineingemauert. (Oder doch? so wie die Griechen in den Grundstein einer neuen Stadt einen Menschen lebendig einmauerten). Und doch möchte ich die Seligkeit, Werkzeug in seinen  Händen sein zu dürfen, nicht um den Platz eines Steins, und wärs ein Eckstein oder Schlussstein, vertauschen.

Ich las gestern Nacht im Jahrgang christliche Welt von 1908 oder 1909 (den mir Frau Ganslandt geschenkt hatte). Es war eine aufregende Lektüre, wie alles Vorkriegerische, worin man schon den Schritt des Verhängnisses herantrappen hört wie im Schlussakt des Don Juan. Viel Merkwürdiges über Deutschland und England. Über eingesperrte Sozialisten u.s.w. Es war doch ein sehr gutes Blatt.

Ich soll für Meinecke ein geschichtsmethodologisches Buch von Hermann Paul (dem Sprachpaul) besprechen. Frag Eugen, ob ich ihn gut oder schlecht behandeln soll (nämlich ob seine Sprachwissenschaft was taugt oder nicht; ich kenne sie ja nicht. Vielleicht lese ich sie aber jetzt mal).

Ich bringe den Brief noch fort. Gute Nacht. Ich bin so voll von Sehnsucht, während des Schreibens ja nicht, aber wenn der Brief zu Ende ist, dann ist sie wieder da, denn es ist eben nur ein Brief. Und doch weiss ich weniger als je, wann wir uns sehen werden, und kann kaum dran denken.

Dein.

29.VII.20.

Liebes Gritli,  ich schreibe auf der Post, ich habe eben – endlich – das Manuskript an Gurlitt geschickt, es drückte mir schon lang auf dem Gewissen, aber es fehlte noch ein Einschub; und auch die Schreibarbeit hatte ich mir immer verspart. Nun freue ich mich aber auf den Druck (und nebenher auch auf Kauffmanns Ärger, dass er es nicht gekriegt hat).

Seit ein paar Tagen lese ich das Nachlassbuch von Otto Braun. Beinahe hätte ich es dir zum Geburtstag geschickt. Glücklicherweise nicht. Denn es ist ganz zu Unrecht berühmt. Ein entsetzlich überbildeter, verwunderkindischter Mensch, aus dem noch nicht mal “nichts”, sondern bloss ein richtiger sehr guter Professor geworden wäre. Das Beste ist eben sein Gesicht. Aber auch in dem Gesicht keine Hoffnung, dass er nochmal dumm geworden wäre.

Ich habe meinem Schöpfer gedankt, dass er mich nicht in so einer geistigen Familienluft hat aufwachsen lassen. Es geht nichts über eine bourgeoise Atmosphäre für ein Kind. Das wollen die Heutigen nicht wahr haben. Aber es bleibt doch wahr.

Ich will noch zu Prager. Ich muss nochmal an diesen Stein schlagen, obwohl es hoffnungslos ist; wie hoffnungslos, weiss ich ja erst seit gestern.

Von Rudi seit der Karte garnichts.

Dein

31.VII.20.

Liebes Gritli,  ich fange die letzte Lage dieses Papiers an; dieser Kassler Sommer geht zu Ende.

Ich bekam gestern eine Karte von Mayer (dem Syndikus) mit einem grossen Fragezeichen; es ist also vielleicht ein Brief von ihm verlorengegangen; jedenfalls schrieb ich ihm gleich: wir kämen zwar an sich erst am 8ten, aber wenn etwas vorher wäre, wozu er mich haben wollte, eine Sitzung oder sonstwas, so käme ich allein vorher. – Und dann würde es sich ja von selber geben. Wo? es giebt ja so viele Orte im Hohenloheschen und Löwensteinschen, – meine Träume weisen in diesen Winkel zwischen Wimpfen und Hall (kennst du Hall!???) und am liebsten liefe ich 1 oder 2 Tage richtig mir dir.

Aber wenn ich nicht schon vorher nach Frankfurt gehen muss, sondern erst am 8ten fahre, so ists natürlich unmöglich, dass ich gleich wenn wir ankommen, Edith allein lasse; das geht nicht. (Möglicherweise schreibt auch noch der “Minister”. Wenn wir beide hinführen, dann kämen wir wenns passt, sicher auch noch weiter bis Säckingen. Aber das ist ja nicht was ich meine).

Es ist noch etwas. Ich muss es dir schreiben. Ich lebe dies Leben abseits von Edith. Ich spreche ihr nicht davon. Ich kann es nicht. Vielleicht weiss sie es. Ich glaube aber, sie weiss es nicht. Sie fühlt wohl, dass ich noch woanders bin. Aber sie weiss doch nicht, wie sehr.In den Augenblicken, wo sie einmal durch diesen Schleier sieht, muss es sie ja schaudern. So wars neulich, als sie etwas über Trudchen sagte, und ich mich in der Antwort beinahe vergass; ich verschluckte sogar, was ich sagen wollte, aber sie merkte es doch.

Ich kann also nicht zu dir fahren, ehe sie es weiss, wie mir ist und wie ich es brauche. (Ich kann doch nicht mit ihr ein Spiel spielen wie mit Mutter). Aber das muss von selber kommen. Nicht als Mitteilung. Wir leben ja sehr stumm nebeneinander. Wenn einem die Worte nicht wiedertönen, verlernt man sie zu gebrauchen.

Aber wir werden uns sehen, wir müsen ja. Könnte ich nur meine Briefe bis dahin so anfüllen, dass etwas von mir zu dir käme. Ich war ja gestern Abend eine Stunde bei Pragers, sprach erst mit ihr allein, dann mit ihm. Es war sehr gut, ich bin wieder leicht, wir sind doch wieder zusammen gekommen zur In magnis Unitas. Ich konnte ihm einfach seine Denkfehler zeigen, und die Dinge vom Kopf wieder auf die Füsse stellen. Sie waren beide prachtvoll. Die Frau hatte auch grade so etwas Schönes Tolles (“unmöglich!”) für ihn getan und sie waren beide voll davon.

Julie v.Kästner war gestern Abend da. Ganz besonders. Es war auch zugleich ein Adieusagen. Sie brachte uns noch etwas Wundervolles: eine goldene Kristallschüssel (d.h. Krystall mit Goldanstrich und darüber weisser Ölfarbe, so dass sie von aussen weiss aussieht, aber auf der Innenseite wie durchsichtiges Gold, ein herrliches Stück). Sie erzählte ein grosses Stück ihrer Lebensgeschichte, die Freundschaft mit dem Justizrat (Ludwig) Avenarius[?]; es war gar nichts Aussergewöhnliches daran, aber solch eine Lebensfrömmigkeit wie sie es erzählte, dass man jedes Wort trank als stünde es in der Bibel.

Das muss Katz beurteilen können, ob der “lic.” genügt, damit Theologen zu ihm kommen, auch wenn er nur in der philos. Fakultät ist. Aber ihr meint also auch, dass ich mit dem Ganzen (dass er Professor bleiben bzw. werden muss) recht habe? Übrigens etwas Niedliches und ein richtiger “Hansismus”: er bittet mich um eine hebr. Ausgabe der Genesis, “aber nur eine portugiesisch = hebräische”. Er meint also, nach 1/4 Jahr hebräisch und 2 Monate vor dem Hebraicum: man schreibe die Bibel verschieden je nach der Aussprache. Die Geschichte ist schön wie die berühmte Antwort des Kandidaten im Oberlehrerdoktors = Examen im Nebenfach Philosophie. “Womit haben sie sich denn hauptsächlich beschäftigt?”

“Mit Kaut, Herr Geheimrat”.

Haufen von * Korrekturen liegen da, Revision von II 1, Fahnen von II 3. Der 3te bis 8te Bogen ist ausgedruckt, es sieht sehr anständig aus.

Ich kann doch nicht schreiben.

Dein.

31.VII.20.

Liebes Gritili – so müde bin ich, das ich noch nichtmal deinen Namen mehr schreiben kann wie du siehst, ich habe den ganzen Nachmittag und Abend * korrigiert, ich habe immer noch keine Routine darin. Ein Glück dass im August nun alles fertig wird. So bald schreib ich nichts wieder.

Heut früh hatte ich einen Brief von Gredas Bruder, er macht mich auf eine Hegelspur aufmerksam (die ich “an sich” gern verfolgen würde, denn sie führt nach – Augsburg zu einem kathol. Pfarrer dort, Augsburg ist so schön). Mutter und Edith wollten nach dem Brief beide drauf schwören, es wäre ein ganz alter Herr, und wollten mir nicht glauben, dass er in unserm Alter ist. Das kommt vom Georgestil. Übrigens hatte ich einen Augenblick lang wieder beinah richtig philologisch Blut geleckt, und sah schon ungeahnte Manuskripte auftauchen. Als ob ich selber nie eins geschrieben hätte, so ein “ungeahntes Manuskript”.

Nachmittags las ich eine Bubersche Broschüre von 1919; sie ist der kurze Extrakt der 3 stündigen Ansprache, die er zweimal in Berlin und einmal in Wien auf Jugendtagen gehalten hat und über die ich schon von Hörern allerlei Grosses gehört hatte. Es ist eine Ketzerei, von der ich mich, bei fortwährender Zustimmung im Einzelnen, doch im Ganzen wie auf den Kopf geschlagen fühlte. Ohne dass ich recht weiss, warum. Oder doch. Sieh. Ein Zionist kann (wie ein Sozialist) eben noch ganz anders Ketzer sein als unsereiner (Hans ist keinSozialist, Hans ist bloss unter die Sozialdemokraten gegangen). Denn er braucht das Haus überhaupt nicht mehr. Weil er ja neubaut. So kann er das Verfallene ruhig weiter verfallen lassen, kann sich aus der Ruine sogar Steine für seinen Neubau holen. Für unsereins liegt es anders. Unsre Ketzerei ist ein Leben unter freiem Himmel. Ein Leben, kein Bauen. Wollen wir ein Dach überm Kopf haben, so müssen wir (über Nacht, zum Schlafen) immer wieder in die Ruine gehen, die ja immerhin noch ein paar ganz anständige und wetterdichte Räume enthält. Deshalb ists mir aber unheimlich wenn ich einen ganz ruhig die Steine davon abtragen sehe, weil er sie zu seinem Neubau braucht, und ich kann ihm doch das Recht dazu, das gute Recht, nicht bestreiten.

Gute Nacht       Dein.

August 1920

2.VIII.20

Liebes Gritli,  ich hatte noch auf Mayer gehofft, er würde mich nach Frankfurt zitieren, aber er antwortet gar nicht. So wird es nun sicher nichts. Denn von dieser wenn auch nur provisorischen Übersiedelung darf ich mich nicht drücken und Edith allein die Arbeit lassen (ich tue zwar nicht viel dabei, aber ich musss wenigstens “da sein”). Und so wird auch der ganze August noch verstreichen. Es ist eine Trennung wie im Krieg, ein volles halbes Jahr – denn das Wiedersehen im April war keins.

Ich merke aber dabei, dass ich doch wenigstens äusserlich gebunden bin (grade auch daran, dass ich vom 5.-7. könnte, aber nicht kann), – und darüber bin ich fast froh. Ich merke ja so wenig von einer wirklichen inneren Bindung, dass ich schon an den Zeichen der äusseren fast andächtig hänge; ich sehe mir auch manchmal meinen Ring an. Ich glaube, dir hat der Ring noch nie viel bedeutet. Mir muss er viel bedeuten. Er ist vorläufig noch das einzige Wirkliche.

Mit Edith selber könnte ich nicht davon reden; ich kann ja überhaupt so wenig mit ihr reden. Vieles “versteht sich” und das andre wird auch durch viel Reden nicht verständlich. Ich lebe ein sonderbares Leben mit ihr.

Wobei sicher ich der “schuldige Teil” bin. Denn sie giebt sicher, was sie hat. Während ich von mir selber nicht das Gefühl habe. Freilich auch das Gefühl, als ob ich nicht mehr geben könnte. Ich bin wie auf den Mund geschlagen. (Ich meine, innerlich. Die Schwätzmühle dreht sich und klappert, und wenn Korn da ist, laufen die Steine noch nicht mal leer, es kommt auch Mehl heraus dann, aber es ist doch nur eine Mühle. – Du würdest mich nicht erkennen.

Ich habe den Nachfolger heute investiert. Nachher brachte ich Trudchen noch zurück. Aber ich konnte auf der Strasse auch zu ihr nicht sprechen. Ich kann es nur zu dir. Du hörst doch zu?

Liebe  —  Dein.

3.VIII.20.

Liebes Gritli,  denk die Wohnung in Frankfurt ist doch nur sehr unsicher. Und zunächst ists nur ein Hausen bei Hedi und ohne eigene Küche, mit den Kindern und dem Kinderfräulein zusammen. Wir haben nämlich heut Abend bei ihr angerufen, weil sie nicht schrieb. Darauf haben wir dann ein Telegramm an den Seusal losgelassen, um den mal wieder etwas zu kitzeln.

“Das ist die Lage”. Eugen sagt: “1920 gelingen alle äusserlichen Dinge”. Es sieht nicht grade so aus. Und Eugen Mayer schweigt überhaupt.

Aber das ist ja alles so gleichgültig gegen das eine: mein jetzt = nicht = zu = dir = fahren = können und den Grund davon. Denn der Grund ist ja das Schlimme, – viel schlimmer als es selber. Ich kann ihr nicht sagen, in welchem Mass mein Leben in dieser ganzen Zeit an ihr vorbei geschah. Und das müsste ich ihr sagen… Alles andre wäre so gut wie Lüge. Denn es ist ja nicht so, dass ich dich “gern” “mal” “wieder” sehen möchte. Sondern es ist ein Schrei nach meinemwirklichen Leben, das mir täglich mehr zur Mythe wird, täglich mehr, jeden Tag, den wir uns nicht sehen. Und das kann ich ihr doch nicht sagen. Sie würde es vielleicht einfach nicht glauben. Sie kennt ja dies mein Leben nicht. Es ist in ihres hineingefallen wie ein Verhängnis von aussen, aber es ist nicht ihr Leben geworden, es gehört ihr nicht. Sieh, die Bücher vom * II, die ich in diesen Tagen korrigiert habe, – ich hatte ja nie wieder drin gelesen, sie hatten mir auch nichts mehr bedeutet, aber jetzt beim Wiederlesen wurden sie mir so sehr Boten aus einer Vergangenheit, in der ich einmal ganz war, und in der jetzt nur noch ein Schattenbild von mir ist, – und doch ist dies Schattenbild leibhaftiger als mein wirklicher Leib, der hier herumläuft.

Dabei spüre ich grade wenn ich dies schreibe, das ich sie liebe, aber freilich mit einer sonderbaren Liebe, mit einer Liebe, in der sehr wenig Gegenwart und Gegenwartsverlangen ist, fast nur Zukunft und Hoffnung, so wie man eine Blume liebt, die man im Topf hat, eine Hyazintenknolle und wartet auf das was aufgeht. Es ist so eine Liebe, des mit beiden Händen haltens und umgebens, – aber so ganz ohne alles an ihr hängen. Es will nichts in mir zu ihr.

Schrieb ich dir nicht einmal in der Verlobungszeit (nein: ihr selber sogar!): ich trage sie, aber sie trägt nicht mich. Und das macht jetzt das Leben mit ihr schwer, weil alles auf Geduld gestellt ist und auf Zukunft.

Else? du wirst ihr nicht helfen. (Wenigstens nicht an dem Punkt, wo du denkst). Denn die Lösung ihrer sämtlichen Rätsel ist nur dies eine: sie liebt Hans nicht. (Nicht bloss “nicht genug” – wer liebt “genug”! Sondern wirklich einfach: nicht). Alles was sie selber vor diese innerste Lücke ihres Lebens schiebt, dass es aussieht wie Gründe, das sind alles nur Vorwände. Nur dies eine dürfte man ernst nehmen. Auch nicht ihr “Egoismus” ist schuld daran. Sie dürfte ruhig sich selbst viel mehr lieben als sie tut (sie hofiert sich viel mehr als sie sich liebt; genauer: sie schmeichelt sich sogar, weil sie sich – hasst). Sie sollte sich ruhig mehr lieben. Dann würde sie vielleicht zu Hans das “noch mehr” der Liebe spüren, das sie eben vielleicht nur deshalb jetzt nicht spürt, weil sie die rechte einfache Selbstliebe nicht gelernt hat. Es gehört doch eine Portion Talent zum Glücklichsein dazu, dass man lieben kann.

Liebe, liebe –

4.VIII.20.

Liebes Gritli,  ich habe den ganzen Tag III 2 zum Druck vorbereitet; dieses “zum Druck vorbereiten” ist hauptsächlich nur ein Absätze machen, aber dazu muss mans ja grade genau lesen. Es ist doch ein besonders gutes Stück, und es soll mir recht sein, wenn das Buch mit diesem Abschnitt seinen Fuss in die Welt setzen wird, – wie ja wohl geschehen wird. Es geht mir so beim Wiederlesen auf, dass das eigentlich Ketzerische an dem Buch doch nicht III 3 ist, denn das ist eben auch nur ein Programm, etwas “über” “den Ketzer”, sondern der ganze II. Denn da wird doch eben einfach frisch drauf los geketzert, und die ganzen theologischen Begriffe werden zu Worten der Menschensprache gemacht. II isteben wirklich jenseits der tümer. Das Jüdische daran ist nur Produkt der Biographie. Wie es ja also auch sein soll.

Heut Nachmittag war wieder Prager. Er machte gut, was er das vorigemal verfehlt hatte, stellte die Dinge wieder auf die Füsse; ich hatte nicht umsonst gesprochen. Aber obwohl nun das Theologische da war, und das Politische nur noch das war was es sein darf – so war nun eben das Theologische zu theologisch und das Politische zu politisch. Mir fiel heut Abend ein, woran es liegt: er lässt den Arzt zu hause. Deshalb gelingt es ihm nicht, die Leute anzusprechen (Sie glauben ihm nicht. Auch mir selber kam er heute manchmal vor wie ein Rabbiner). Ich rief ihn noch “Nachts” an und sagte ihm das. Der Arzt ist schliesslich doch sein Beruf, er muss alles zunächst mal so zu sagen versuchen, wie ers dem Patienten in der Sprechstunde sagen würde. Dann darf er zusetzen: und das ist nun dasselbe wie (theologisch gesprochen:)….

Es ist immer und überall das Gleiche.

Der Seusal hat geantwortet: er hat noch nichts! Gut, dass wir wahrscheinlich doch nicht auf ihn angewiesen sind.

Es zieht und reisst in mir den ganzen Tag. Es ist nicht gut, dass ich es so hinunterdrücke. Das hab ich noch nie getan.

Liebe liebe –

5.VIII.20.

Liebes Gritli,  es geht eben nicht. Ich kann es ihr nicht sagen, nicht so sagen, wie es ist. Ich habe es ihr eben gesagt. Freilich kurz. Aber doch so, dass sie es wohl hätte hören müssen, – nein: aber wenigstens hätte hören können. Aber es fiel wie ins Nichts. Es geht also nicht. Wie kann sie es auch begreifen. Vielleicht, wenn sie eifersüchtig wäre, würde sie es eher begreifen können. Denn in Eifersucht steckt ja ein Stück Begreifen. Sie ist es aber, die Gute, keine Spur. Sie hat II 2 ohne jede heftige Reaktion gelesen. Ich weiss nicht, – oder vielleicht weiss ich nicht, was in ihr vorgeht.

Ich kann auch nicht in den September hinaussehen. Was mag da sein. Werde ich ihr näher sein, dass sie es begreifen würde?

Du verstehst doch recht? Ich hätte jetzt zu dir fahren können; sie hätte nicht widerstanden auch innerlich nicht. Sie hätte sich gebeugt, und aus Liebegebeugt. Aber das darf ich nicht von ihr annehmen. Nicht mehr. Einmal ja. Am 6.I. ja. Aber damals nur deswegen, dass es in Zukunft nicht wieder geschehe. Und dass es einmal aufhört, bloss ein Dulden von ihrer Seite zu sein. Sie muss mit mir sein, nicht bloss “für mich da”. Diese Tage waren so ein Augenblick, wo mir das klar geworden ist. Und wenn ich jetzt vor Sehnsucht, – der einzigen Sehnsucht die in mir ist, alles andre ist klein dagegen – wenn ich vor Sehnsucht zerspringe, es darf nicht sein, nicht so sein, wie es jetzt gewesen wäre.

Ich schicke dies schon nach Säckingen. Du wirst ja, auf meine letzten Briefe hin, schon abgereist sein. Ob ich Eugen in Frankurt sehe? Gar nicht als Eugen diesmal. Nur als ein Stück von Dir

Du —-

5.VIII.20.

Liebes Gritli,  nun ist es doch wie ein Abschied, nur ohne dass wir uns gesehen haben. Aber bis heute früh wäre es ja noch möglich gewesen. Fast bin ich erleichtert, dass nun die Gespanntheit und Auseinandergerissenheit dieser letzten Tage ein Ende hat; der weite Raum liegt nun zwischen uns, erbarmungslos, und doch fast erträglicher als die Möglichkeit, das Beinahe dieser letzten Tage. Beinahe und doch nicht nahe.

Ach, es ist alles Geschwätz, ich hätte dich wiedersehen können. Aber es ging nicht. Ich schrieb dir heut Morgen, da war Edith selbst im Zimmer. Es ging nicht. Aber manchmal schwindet mir alle Hoffnung, dass es je gehen würde.

Als ich dir grade geschrieben hatte da fand ich beim Durchsehn von III 3 diese Stelle:

Ist doch auch das Erleben eines Menschen, wie ein Mann seinen Freund erlebt, gar nichts weiter als das der eine versteht, was der andre zu ihm spricht; während es nicht möglich ist, zu erleben, was selbst der nächste Mensch an andern erlebt; davon und nur davon, nicht vom unmittelbaren Wechselverkehr der Menschen untereinan-der, gilt das harte Wort, dass keine Brücke führt von Mensch zu Mensch.

Ich war erstaunt; denn da hatte ich ja selber gesagt, dass es das was ich erhoffe, nicht geben kann.Und darauf müsste ich warten?

Ich war heut Nachmittag dann den ganzen Nachmittag bei Trudchen. Zum ersten Mal seit der Verheiratung. Ich habe mich einfach ganz ausgeschüttet, alles, auch meine Sehnsucht zu dir. Weshalb konnte ich es denn da? Aber jedes Wort fiel auf Grund, es verscholl nichts ins Leere.

Es geht ihr ja ganz genau so mit ihr wie mir und uns allen. Sie kann auch nicht mit ihr sprechen. Es ist dieselbe Antwortlosigkeit. Und wenn sie selber spricht, etwa von mir, dann muss sie sich immer ins Gedächtnis rufen, dass da von mir die Rede ist; so fremd klingt es ihr alles.

Eugens schöner Aufsatz kam heut Abend. Ich habe ihm gleich geschrieben. Er muss (mit einem richtigen Titel, nicht mit dem Witz an meine Adresse,) in die Frankfurter Zeitung, statt in die Arb.gem. “Auf die Gefahr hin”, dass sie ihn daraufhin nach Frankfurt wollen. Es ist ja so sehr das Gegebene für ihn.

Was freilich dann werden soll?

Ich kann nicht weiter denken. Ich liebe dich.

Dein.

6.VIII.20.

Liebe,  es war ein so grausames Schleierzerreissen in mir, diese Tage. Ich hatte ja doch nicht gewusst, wie es ist. Ich hatte immer noch an eine grössere Nähe geglaubt, auch gehofft, es wäre vielleicht schon etwas gewachsen, es wäre so etwas da wie eine wirkliche Gebundenheit. Nun, in der Unmöglichkeit jetzt so zu sprechen, dass sie mich gehört hätte, ist mir deutlich geworden, dass nichts, noch nichts da ist, nur Surrogate des Lebens, kein Leben selbst. Als ich dir das so ähnlich vor 6 Wochen, nach dem Tag der Reise nach Berlin, schrieb, war es ein Verzweiflungsschrei, heut ist es einfach eine Erkenntnis, an der sich nichts abmarkten lässt, eine lange und breite Erkenntnis. Und eine Erkenntnis, die ich für mich allein tragen muss; wie könnte ich es ihr sagen. (Wenn ichs ihr sagen könnte, wär es freilich nicht).

Aber ich kann nicht glauben, das die Verheissungen gelogen haben, nicht der 6.I. und auch nicht der 28.III. Und dass nur die Flüche jener Tage noch lebendig wären und nicht die Segen. Du warest doch beide Male mit dabei. Warum konnte ich jetzt nicht zu dir? Warum konnte ich ihr nicht sagen, dass dein Bild jede Stunde bei mir ist und dass ich zu dir muss.

Aber ich habe – einmal wieder – das Wunder gefordert. Rudis Osterpredigt-gleichnis vom Mann mit der Axt! Das zweite Wunder. Aber das zweite darf kein Wunder sein, sondern kann nur Werk sein, nicht Wunder.

Mir ist, als wäre auch zwischen dir und mir etwas verändert durch mein Nichtkönnen in diesen Tagen. Ich weiss nicht was. Es ist noch schwerer geworden. Aber mir ist, als hätte ich dich noch nie so geliebt.

Dein Franz.

8.VIII.20.

Liebes Gritli,  auf der Fahrt nach Frankfurt. Rudi und Helene sind in Kassel. Es ist ein herrlicher Tag, aber Kopf und Herz sind mir leer. Ich denke, wo ich heute sein könnte und wo ich bin. Dass ihr nur kurz in Säckingen bleibt, sagte mir Eugen am Telefon, ich mache aber keine Pläne, es giebt doch nichts. Neulich, wie ich Trudchen klagte, durchfuhr es mich plötzlich, dass ich wohl vergebens lamentiere und dass das einfach das Altwerden ist und nichts weiter, und Edith nur das unschuldige Symbol dafür. Das wäre ja dann die richtige Stimmung zum Anfangen in Frankfurt: mit kaltem Herzen und viel so = tun = als = ob; auf die Weise kommt man zu Erfolgen. Und so wäre es also gut.

Wir kommen in ganz provisorische Verhältnisse nach Frankfurt. Von nächster Woche an können wir auf 3 Wochen die Zimmer von Borns verreisten Mietern beziehen. Nachher kommen die (Anfang September) wieder, und wenn der Ruf nach Breslau, den sie erwarten nicht dann kommt, so haben wir gar nichts. Sonst können wir ihre Zimmer übernehmen. “Meine Juden” haben mich völlig im Stich gelassen. Von Mayer (und damit von der V.h.sch.) habe ich, ausser dem Postkartenfragezeichen auf der Fragezeichenpostkarte, nichts gehört. Von Löffler (Jugendverein) überhaupt nichts. “Verlasse dich auf Fürsten nicht..”

In Marburg sahen wir Kähler. Ediths schreckliche Freundin ist glücklicherweise verreist, wird uns freilich dafür wohl in Frankfurt beglücken.

Ich kann dir nicht schreiben. Es fehlt mir auch ein Wort von dir. Vielleicht finde ich in Frankfurt eins vor.

Dein Franz.

[9.VIII.20.]

Liebes,  ich habe so Kopfweh von dem ruhelosen Tag und der Hitze dazu, dass ich dir grade nur ein paar Worte schreiben kann und Dank für deine beiden Briefe, die ich gestern Abend hier fand. Ich kann dir erst morgen richtig schreiben, aber nur soviel: es ist besser. Ich kann noch nicht mehr sagen.

Die V.h.sch.sache wird schwierig. Es ist eben leider kein Schaffen aus dem Nichts mehr. Dadurch ist alles erleichtert, aber auch alles viel schwerer.

Mayers Frau, die Engländerin, gefällt mir sehr. Vormittags sah ich Strauss, der sehr beweglich ist. Eben waren wir noch bei Nobels.

Gute Nacht. Auf Morgen.

Und Dank.

Dein

10.VIII.20

Liebes Gritli,  es ist noch alles recht unklar. Angefangen von der Wohnung. Dass Borns den Winter noch hier bleiben, ist ganz sicher. So würden wir, wennwir Hellingers Zimmer kriegen (die an sich eine recht schöne Wohnung sind) doch sehr viel mit Hedi zu teilen haben, und das ist kein Vergnügen, eine so famose Person sie “an sich” auch ist. Heut Mittag gehen wir zum Seusal, vielleicht hat er doch was in Aussicht.

Mit Mayer werde ich auch einen nicht leichten Stand haben. Er begreift eben knapp, was ich will, und will selber was ganz andres. Ich muss also zwei ganz verschiedenen Sachen unter demselben Namen machen, die alte und die neue zusammen. Mayer will eben selber nur die alte. Die Notwendigkeit der neuen sieht er nicht recht, weil für ihn sich der linke Flügel der Gemeinde derjenseits des “liberalen Judentums” steht und für den ein liberaler Rabbiner was so Schwarzes ist, das sie sich gar nicht vorstellen können, es gäbe rechts davon noch was, – m.a.W.: Sommers – weil also dies alles für ihn sich völlig in Nebel verliert; er weiss gar nicht, dass es so Leute giebt. Auch ist er etwas wirr, und mischt sehr gute Gedanken mit ganz schlechten zusammen. Jedenfalls bin ich für das was er will die ganz falsche Person und das hoffe ich ihm nun allmählich beizubringen. Nun könnte ich ja einfach alles laufen lassen wie die verschiedenen vorgespannten Gäule ziehen, und daneben mit Diplomatie und ohne viel Worte das machen was ich will. Aber das wird mir, fürchte ich, auch erschwert werden. Wenn ich jeden guten Dozenten einem Ausschuss plausibel machen muss, der nur schlechte haben will! Ich habe gestern bei Mayer mal wegen Richard Koch auf den Busch geklopft, – er war ganz entsetzt. Dabei schätzt und respektiert er ihn, aber – er ist doch kein Fachmann. Dass ich auch keiner bin, will er mir einfach nicht glauben.

Also, das wird auch schwierig. Schlimmstenfalls mache ich neben der Mayerschen noch eine Konkurrenz auf. Der Separatismus scheint doch hier in der Luft zu liegen. Ich bin grad einen Tag da und schon plane ich einen.

Strauss – Eugen hat ihm ja von dem Tischgebet geschwätzt! das ist doch noch ganz diskret. Er hatte “Aphorismen zur Lebens = Weisheit” geschrieben, die er mir auswendig (!) hersagte und die wirklich gut zu sein scheinen. Die Form liegt ihm. Ob sie für die Werkzeitung geeignet sind, weiss ich nicht. Dann sprach er von seinem Relativitätsaufsatz, – wie ist denn der?

Liebe – es ist, wie du schreibst, geworden: wieder wie ein Anfang. Aber grade darum ist nichts davon zu schreiben. Ich wage es kaum zu berühren, so schwankend und umrisslos ist es und wage noch kaum zu hoffen, dass es diesmal nicht bloss beim “Anfang” (in jeder Beziehung) bleibt.

Dein Franz.

11.VIII.20.

Liebes Gritli,  Rudi ist seit gestern da. Jetzt holen wir Helene ab, und er fährt weiter. Wir waren gestern und heut mit Strauss zusammen. Er war Straussissimus. Etwas ungemütlich ist mir immer dabei. – Die Arbeit geht sehr sachte an. Vorläufig bin ich täglich mit Mayer zusammen. Er gefällt mir doch ganz besonders. Er würde euch auch gefallen. Ein Mensch ohne Falsch und, bei absolutem Mangel jeglicher “Durchtriebenheit” doch grundgescheit. Nachher mache ich das nötige Vorlesungsetat mit ihm. – Weisst du, es hat wenig Zweck, die Einzelheiten zu schreiben; es ist ja alles so vorläufig und giebt doch kein rechtes Bild.

Verzeih das kurze Geschreib.

Dein Franz.

Du schreibst besser nicht “m.Br.: Born” auf die Adresse. Sonst gehts eventuell über Italien!

12.VIII.20.

Liebes Gritli,  nun bist du im Inselhotel und mit Hamburgers! es ist ordentlich zum Traurigwerden. Aber wir werden uns nun bald sehen, es muss sein.

Ich fühle so deutlich wie hier einfach ein Schicksal ist, von dem ich nicht mehr erlöst werde. Diese Unmöglichkeit, zueinanderzukommen, wird bleiben. Immer, wenn ich wieder zu hoffen anfange, wird mir die Hoffnung in der Hand zerschmettert. Ein Wort – und wir sind meilenfern von einander. Und das ist eigentlich noch schlimmer als das blosse Vergessen, dass sie dabei ist. Diese beiden Erlebnisse habe ich jeden Tag. Wäre nicht auch noch das dritte da: dass ich sie trotzdem lieben muss in ihrer Hilflosigkeit und ihrem Es = doch = nicht = ändern = können, – es wäre nicht zum Aushalten. So ists zum Aushalten. Nur freilich wo ich selber Hilfe brauchte (ich meine: eine Seele, keine Hand), da greife ich ins Leere.

Als Rudi und Helene fortwaren, ging ich zu der jungen Frau Darmstädter, wo auch eine Freundin von Edith (die den Winter als Leiterin des Mädchenheims herkommen wird) war. Frau Darmstädter, reich schön klug und reizvoll, ist eine (übrigens zur rechten Orthodoxie gehörige) Gönnerin der V.h.sch., vielmehr des “Freien Jüdischen Lehrhauses Frankfurt” (so solls heissen!), und wird auch speziell meine Gönnerin sein. (Ich musste mir übrigens wirklich gewaltsam zurückrufen, dass auch Edith da war). Dann ging ich zu Mayer. Wir gebaren unter Assistenz von seiner Frau den neuen Namen – er ist doch schön? Abends war ich dann mit Edith in einer Sitzung des [J.L.I.= durchgestrichen] Ili (Jüd. Liber. Jugendverein). Das war eine dolle Sache. Ausser mir war noch Strauss eingeladen und die beiden liberalen Rabbiner Seligman und Salzberger. Ausserdem der Vorstand, bestehend aus Eseln einerseits, der Straussschen jungen Garde andrerseits. Und dann gabs eine Diskussion, die einen Stenographen wert gewesesn wäre. Strauss sprach herrlich aus dem Stegreif richtige Reden. Wir, er und ich, völlig als Zwillingsbrüder, ich war in einem richtigen Rausch, er leuchtete von echtem Pathos, das unechte brodelte nur noch zu seinen Füssen. Und das Schönste: die junge Garde stiess völlig in unser Horn. Die Parteipatrioten, vertreten duch einen Enkel von Abr.Geiger, kamen nicht gegen uns auf. Zum Zeichen unsres Sieges fielen die Rabbiner, die ja genaue Barometer zu sein erzogen sind, uns zu. Der Verein erwartet alles von uns. Die Schattenseite ist, dass ich gleich bei diesem ersten Schritt in Frankfurt meine Absicht, keine unbezahlte Arbeit zu tun, verleugnen musste; es ging aber nicht anders. Natürlich schäme ich mich etwas.

Seligmann hat mir in Wirklichkeit viel besser gefallen als damals bei Putzis Hochzeit, wo er die Liebe = ist = stark = wie = der = Tod = Salbe verschüttete. Salzberger sogar direkt gut.

Es war ein Stück Anfang. Und Ediths “Dabei” = und Nichtdabeisein gehörte auch dazu. Dabei belehrte sie mich dann auf dem Heimweg aus dem Schatze ihrer Erfahrungen, dass mir zumut war wie an dem 2.I. wo sie den Abend bei uns war; auch ihre Stimme klang genau wie damals. Sie fand, dass X und Y “von ihrem Standpunkt” aus durchaus recht gehabt hätten. Sie hatte nur die “Niederlage der Liberalen” gesehen, statt das was sich in Wirklichkeit (auch mir neu) gezeigt hatte: die Lebens = weil Belebebungsfähigkeit der “Liberalen”.

Vom * stehen 4/5 im Satz, über die Hälfte in Revision, und 1/3 ist ausgedruckt. Er wird also wohl im September erscheinen.

Dein Franz.

Versteh – ich lese eben nochmal was ich geschrieben habe – : es ist nicht so, dass keine Seele da wäre, das mögen andre glauben, ich weiss es besser. Aber sie ist nur da, sie braucht nur Hilfe, sie kann nicht helfen. Vielleicht wäre das alles anders, wenn ich sie mehr lieben könnte. Vielleicht hätte sie dann etwas zu vergeben, statt so in sich zu verstummen und zu erkalten.

13.VIII.20.

Liebes Gritli,  ich schreibe dir noch nach Konstanz. Wir werden uns sehen, diese Woche. Ich weiss noch nicht wann es gehen wird, denn es wird eine Sitzung sein, vielleicht am Dienstag, dann träfen wir uns Mittwoch früh, etwa in Heilbronn oder gleich in Hall, wenn man die Nacht durchfährt, kann man von hier früh da sein, und zurück kann ich etwa am Freitag früh fahren. Wenn die Sitzung erst am Donnerstag ist, dann in der ersten Wochenhälfte. Ich werde erst am Sonntag genau Bescheid kriegen, da bin ich wahrscheinlich mit Mayer (en quatre) im Taunus, er ist heut schon fort nach Homburg. Weisst du ein bequemeres Treffen, so sags, es ist eben alles was nicht Karlsruhe ist, schwer zu erreichen.

Ich stehe einmal wieder mit Edith auf dem nackten noch kaum bewachsenen Boden der Wahrheit. Ohne den ersten Abend hier hätte ichs gar nicht fertig gebracht, darauf zu treten. So konnte ichs gestern; sie selber half mir, denn sie fragte. Es war schwer und doch gut. Es – ich müsste mit ihr zusammen fahren können. Aber das kann ich nicht. Ich muss zu dir. Sie weiss es. Und ich bin ihr, ich fühle es im Augenblick wo ich dies schreibe, in diesem Augenblick nicht mehr so fern wie in den Kassler Tagen und wie – beinahe schon wieder jetzt hier, als dem ersten Tag kein zweiter folgte

Geliebte  –  Dein

14.VIII.20.

Liebes Gritli,  von den dehors dieser Tage, die bewegt und stereotyp zugleich sind (wie immer, wenn man “organisiert”) ist schwer zu erzählen. Ein inhaltsreicher Besuch bei Koch, der mittut (aber ich muss ihn nun erst durchsetzen bei den Eseln), heut Vormittag der Besuch bei dem Grossen Buch = Gelehrten Freimann hier, bei dem ich erschreckende Blicke in die Zerspaltenheit der Gemeinde tat, heut Nachmittag ein zufälliges Zusammentreffen mit dem liberalen Rabbiner Salzberger (ohne die zusammen-schliessende Wirkung der Aussenwelt hätten wir ja völlig zwei Kirchen wie ihr – und ich wäre und bliebe “Protestant”, – wie ihr -). Das war es ungefähr.

Die Sitzung ist nun am Dienstag, und leider Abends um 6, so dass ich nicht damit rechnen kann, noch um 8[:]40 abends fortzukommen. Träfen wir uns also in Heilbronn, so könnte ich erst Mittwoch um 4[:]04 Nachmittags da sein (und müsste Freitag früh wieder zurückfahren, sodass ich Freitag Abend hier wäre). So ginge es ja auch. Schreib oder telegrafier mir, wie du es willst. Eventuell auch einen andern Treffort, ich habe keine Karte und keinen Fahrplan hier im Augenblick und kann also nichts andres nachsehn.

Wenn Mayer morgen, wo ich ihn sehe, meint, die Sitzung wäre um 8 sicher zu Ende (ich glaube es aber nicht), so bliebe es natürlich bei der Nachtreise. Es wäre so schön, wenn wir zwei richtige ganze Tage hätten.

Ich bin unruhig und froh auf das Wiedersehen.

Dein Franz.

Hans schickt, zur Weiterschickung an Eugen, etwas Neues von Barth. Stark wie immer, aber doch mit seiner Lücke, der Kierkegardschen Lücke, dass er an das Wachstum, die Schöpfung, die Kirche u.s.w. nicht glauben mag, obwohl er davon weiss.

Ich würde wünschen, er gäbe sich einmal so breit gedanklich, wie es offenbar in ihm angelegt ist, statt in der Knappheit sybillinischer Sprüche. Er istein wirklicher Denker.

15.VIII.20.

Liebes Gritli,  das war ein schöner Tag; früh um 7 aus dem Haus und um 9 zurück, und etwa 8 Stunden gelaufen. Mayers trafen wir erst um 2. Sie hatten ihren Schwager mit, den jüngsten der 11 Bentwichs (der älteste ist Normann B., von dem jetzt in den Zeitungen stand, der Justizattaché von Herbert Samuel, dem Zivilgouverneur von Palästina), die neun mittleren sind Töchter, und offenbar wirklich 9 Musen. Mit ihm wars wieder famos; er gefällt mir so sehr; er ist gebildet, gut und etwas schrullig – grade wie man sein muss. Ich glaube, ich bin jetzt mit ihm so weit einig; mindestens, wo wir Verschiedenes wollen, ziehen wir nicht nach zwei Seiten auseinander, sondern zusammen nebeneinander. Dienstag ist also die erste Sitzung.

Und nun wir. Mayer sagt, die Sitzung wäre sogut wie sicher um 8[:]00 zu Ende. Da könnte ich also um 8[:]40 fahren. Es wäre ja soviel schöner. Denk, dass es doch nur um die zwei Tage ist; wenn ich Mittwoch früh nach Stuttgart fahre bin ich um 12 da; und du hast das Haus an dir hängen; ich möchte wenns ginge lieber einen Tag an einem fremden Ort mit dir sein, als zwei in Stuttgart. Aber es geht wohl nicht wegen dem Kind? du kannst es nicht zwei Tage Bertha anvertrauen? das geht dann freilich vor. Wenn es also doch geht, mit Heilbronn, Hall u.s.w., dann telegrafier bitte; ich fahre dann Dienstag Abends die Nacht durch, – und denk, des Morgens früh träfen wir uns in einer Stadt wo wir noch nie waren und die ganzen beiden Tage wären wir im Neuen. Liebe, ich habe so Sehnsucht nach dem Neuen. Es braucht nur noch 50 oder 60 Stunden zu dauern, dann bin ich bei dir –

Gute Nacht bis dahin –

Telegrafier wenn du kannst.

Was macht Eugen in Berlin??

Dein Franz.

Montag früh. Eben dein zweites Telegramm. Ihr bleibt also wohl noch Dienstag in Konstanz? Jedenfalls will ich gleich noch einen Brief dorthin schreiben.

16.VIII.20.

Liebes Gritli,  eben kommt das D Telegramm. Ich schreibe auf alle Fälle nach Konstanz dasselbe was ich gestern Abend schon nach Stuttgart schrieb: ich kann 8[:]40 Dienstag Abend fahren, und es wäre viel schöner, wir wären die kurzen zwei Tage irgendwo zusammen, wo du nicht haus zu halten hättest. Wenn es geht – ich weiss nicht, ob es geht, wegen der Maus – aber wenn es geht, so tus, und telegrafier mir noch. Wir treffen uns dann früh in Heilbronn (ich glaube, von Stuttgart geht der Zug früh zwischen 7 und 8 und ist nach 9 in Heilbronn) und dann giebt sich das Weitere, zunächst wohl Hall.

Machs, so wies geht.

Dein Franz.

22.VIII.20.

Liebes Gritli,  es ist Abend und der lange Tag, der heute früh um 5 angefangen hatte, ist herum. Es ist schon so lange her, bis heute Morgen. Wir haben ja selten so Abschied genommen. Aber es ist diesmal als müssten wir uns sehr bald wiedersehn. Und wir werden es.

Ich habe doch jetzt das Gefühl als könnte ich alles tragen und müsste nicht daran zu grunde gehn, wie ichs in den letzten Monaten meinte.

Der Tag war fruchtbar für das Semester. Es ist ein schöner Vorlesungsplan entstanden, ein encyklopädischer aus 6 Vorlesungen.

I Das klassische Judentum

1.) Das Gesetz

2.) Die Profeten

II Das historische Judentum

3.) Geist der Halacha

4.) Geist der Agada

III Das moderne Judentum

5.) Die jüdische Welt

6.) Der jüdische Mensch

Immer das Ungrade von einem Orthodoxen oder Zionisten

(1: Rabin, 3: Nobel, 5: Franz Oppenheimer oder sonst Mayer), das Grade von einem Liberalen oder Unsereinen (2: Salzberger, 4: Seligmann, 6.) Strauss oderich)

Wenn ich 6.) mache, dann wird es eine Gallerie von 8-10 Portraits, etwa: Der Zweifler, Der Fromme; Der Revolutionär, Der Aristokrat; Der Treue, Der Abtrünnige; Der Begabte, Der Einfältige; Der Heimkehrer, Der Sämann. Immer zwei zusammengehörig, und übrigens alle 10 eine Person, eben “der” Jude. Zu jedem eine Gestalt aus dem 19. scl. zur Erläuterung. (Buber, Cohen; Landauer, Disraeli; Hirsch, Stahl; Heine, Riesser; Birnbaum, Strauss. Oder andre. Es ist egal. Es kann so etwas Grosses werden wie die Kassler Montage. Denn ich muss von allen zehnen so reden, dass jeder merkt, dass er alle zehne in sich trägt.

Auf jeden Fall halte ich die Festrede zu Anfang über die ganze Vorlesungsgruppe, nämlich über “Klassisch” “Historisch” “Modern” – in ihrerGleichzeitigkeit und über die Aufgabe des Lehrhauses: die Gleichzeitigkeit dieser 3 Dinge den Menschen bewusst zu machen. Es giebt also eine Rede an meineMitlehrer, mehr als an die Schüler.

Nachmittags mit Heinemann aus Breslau. Er wusste nichts von der “Bildung”!!

Gute Nacht und Leb wohl und Auf Wiedersehn Geliebte

Dein Franz.

23.VIII.20.

Liebes Gritli,  ein ganzer Tag voller Betulichkeit. Vormittags ein vielstündiger Spazierganz mit Nobel bis nah an Offenbach heran; der Main ist ja ein herrlicher Fluss zum Dranentlanglaufen. Und zahllose Telefonate. Und noch viele Menschen. Und Mayer. Aber schliesslich doch ein wirrer Tag. Es hätte ein Wort von dir kommen müssen. (Du darfst nicht sagen: Franz jammert. Wenn nun etwa morgen ein Brief kommt, so ist er eben doch heute nicht gekommen. Und grade heute hätte ich ihn gebraucht. Das merke ich natürlich erst jetzt, wo der Tag zu Ende ist.

Es wächst schon jetzt eine Sehnsucht in mir auf zurück zu den beiden Tagen. Es ist noch gar keine Sehnsucht nach vorwärts, nur nach zurück.

Ich war erschrocken, wie mir Nobel sagte, er hätte mich gern für einen der Filialgottesdienste an diesen Feiertagen zum Predigen! wie dürfte ich das! Meine Füsse stehen in der Gemeinde. Aber mein Herz –

Mir graut es auch manchmal, wenn ich daran denke, wie du einmal diesen Zustand wie es jetzt zwischen mir und Edith ist, wie unveränderlich ansehen wolltest und als etwas, womit ich mich abfinden müsste. Dann wäre doch alles Lüge.

Und dann wären auch die scheinbaren Lügen meines Lebens (jenes Auseinander von Füssen und Herz) wirklich Lügen. Schon deshalb darf es nicht sein.

Der * ist fertig gesetzt! jetzt habe ich viel zu korrigieren! (Aber die letzte Hegelkorrektur geht morgen früh fort).

Vergiss den Meyrink nicht.

Und mich nicht. Liebste, warum bin ich so schwach? Nimm deine Hände nicht von meinem Herzen.

Dein Franz.

25.VIII.20.

Liebes Gritli,  ja – es ist wie du sagst. Aber doch mussten deine Worte kommen, damit ich es wirklich wusste. Es ist eben etwas in mir, das nur atmet von deinen Worten, und das erstickt ohne diesen Lebenshauch.

Denk doch nicht an das Leben in Frankfurt. Ich glaube noch nicht daran. Ich kann es einfach nicht sehen. Oder: ich sehe noch so viel dazwischen, dass mir das ganz nebelhaft in einem weitentfernten Irgendwo steht, so als ob es weder dich noch mich anginge.

Meine Wohnungsaussichten verdichten sich wieder ein bischen (immer wenn wir beim Seusal waren). Ich hatte wieder so einen rechten Allerleitag. Einen ekelhaften Liberalen. – Mein Verleger Kaufmann (denk, ich hätte wohl nur hier zu sein brauchen, so hätte ich die Dreibändigkeit durchgedrückt. Jetzt ists zu spät). (Und der Hegel wird auf dem *, der * auf dem Hegel angezeigt, mit ausführlichem Wischiwaschi).(Das erste, der Hegel auf dem *, ist schlimm!) Dann sah ich flüchtig den ungekrönten König der Gemeinde, den Justizrat Blau, der mir sehr gut gefiel. Und Mayer ist ein Trost, jedesmal wenn man ihm begegnet.

Rudi nimmt Hansens Sichselbstbelügen als ob es von heute wäre; es ist aber immer gewesen. Neu, von heute, ist dass er anfängt die Wahrheit zu sagen. Du musst Rudi den Vers in dem Brief zeigen; so hat Hans noch nie früher gesprochen, so hansich und doch wahr zugleich (früher war das Hansische immer ein “Hansismus”).

Die Frau ohne Schatten – so “freundlich” sieht es ja nur von aussen aus. Du wirst spüren, wie es das Buch dieses Sommers ist. Ich bin noch erschüttert wenn ich daran denke, und doch froh, dass du es nun hast.

Trag mich, Geliebte. Ich bin dein.

25.VIII.20.

Liebes Gritli,  wieder so ein Tag mit lauter Herumlaufen, nach Lokalen. Dabei ist Frankfurt dann nicht so schlimm, wie es dir neulich vorgekommen ist, sondern mehr so wie dus dir früher vorstelltest. Auf einem Kirchhof steht eine grosse wunderbare Kreuzigungsgruppe, offenbar aus dem 16. scl., sie muss von einem grossen Meister sein. Gefunden habe ich übrigens nicht was ich suchte. Zwischen hinein war ich bei Freimann, der mir Liebeserklärungen machte und mich vor dem was ich vorhätte warnte. Die Wissenschaft! die Wissenschaft!

Bei Kaufmann habe ich nun das Titelblatt mit dem grossen * über dem Titel durchgesetzt. Es ist zu schade, dass ich nicht hier war. Ich hätte ganz sicher auch die 3 Bände durchgesetzt.

Mit der Wohnung ists noch immer nichts. Die Eintragung auf dem Wohnungsamt machen wir nun doch.

Heut ist es schon eine Woche her. Ich hätte gern einen Brief von dir. Das Schweigen nach dem Zusammengewesensein ist nicht gut. Grade da braucht es Worte.

Dein Franz.

26.VIII.20.

Liebe – warum zerstörst du den Nachhall unsrer Tage, indem du ihnen solch tagelanges Schweigen folgen lässt? Ich meine, ich brauchte dein Wort nun grade und ganz besonders. Aber freilich, du brauchst dein Wort an mich nicht mehr. Du kannst auch so schlafen. Es ist nicht mehr das Siegel auf deinen Tagen. Und wenn es so ist – und weils so ist, so hilft mir alles Jammern darum nichts und ich muss mich daran gewöhnen und muss es als ein Stück in jenem unaufhaltsamen Erstarrungsprozess nehmen, der fortschreitet, mögen wir uns auch immer wieder darüber wegzutäuschen suchen. Auch dies Nichtmehrschreibenmüssen (und eines Tages wird es ein Nichtmehrschreibenkönnen werden) auch das gehört dazu. Es mag jeden Tag “Gründe” haben, im Grunde hat es doch nur einen Grund.

Auch mir wird dadurch das Schreiben schwer. Sieh, ich schreibe doch nicht “an” dich. Ich halte doch keine schriftlichen Reden. Ich erstatte doch keine Berichte. Wort muss Antwort sein, um Wort sein zu können. Ohne das Gefühl, dass du im gleichen Augenblick auch sitzest und mir schreibst, ohne dies Gefühl sind es nicht die rechten nahen Worte, die man findet. Dann gehts, wie es mir diesmal einen ganzen halben Tag lang ging (und früher doch nicht): ich finde auch wenn wir zusammen sind, das Wort nicht; denn 8 Tage lang hatte ich nichts von dir gehört, ich musste mir ja erst zusammensuchen, wo du warst; was hätte nicht alles in den 8 oder 10 Tagen passiert sein können! sollte ich sie einfach wie nicht gewesen nehmen? aber es waren doch deine Lebenstage. Ja das ist es: du entziehst mir dein Leben, wenn du mir deine Tage entziehst. Dann kann man noch Briefe wechseln, der Briefwechsel ist dann ein Märchenleben über dem eigentlichen Leben weg, ein Leben das seine eignen Tage hat, eben die Brieftage. Aber das wirkliche Leben, das nun einmal aus den Tagen der Welt besteht, das schenkt man einander nur zu eigen, wenn man es sich täglich schenkt. Ich muss dir täglich meinen Tag schenken können, aber wie kann ichs ohne dich. Und was bleibt von mir von mir = uns = dir, wenn uns diese Wirklichkeit, diese All = täglichkeit des Lebens fehlt. Das Briefhäuschen ist klein, aber es ist eine richtige Wohnung, es will täglich abgestaubt werden; Grossreinemachen kann dann seltener sein, aber das tägliche Abstauben gehört zur Wohnlichkeit. Und es muss uns doch wohnlich sein? Du bist die Frau, sorg ein bischen dafür. Und gieb mir täglich deine Hand und das Siegel.

Dein

27.VIII.20

Liebe – hätt ich dir heut Morgen den Brief nicht schreiben sollen, oder nicht schicken? Aber er war geschrieben, und wenn der Anfang nicht wahr war, der Schluss wars doch. Sieh, es ist gleich ein andres Leben, wenn wie heute ein Brief von dir da ist. Es ist ja gar nichts Bestimmtes was drin steht, es ist einfach das Gefühl des Getragen= und Gehaltenseins, wirklich nur die Schlüsseldrehung, die das braune Häuschen aufschliesst und mich zu dir einlässt.

Ich schreibe dir grad von Seusal aus. Eine möblierte Wohnung, ganz hübsch, zu gross (und ohne alles 600 M monatlich) ist in Sicht; mindestens zum Weitersuchen wärs etwas. Und auch beim Wohnungsamt melde ich mich jetzt.

Immer wenn man mit dem Seusal gesprochen hat, lässt sich wieder alles so sicher an, dass ich beinahe keine Lust habe, mich erst mit einer möblierten Wohnung zu behängen. Aber so spricht er nun schon ein halbes Jahr, und wir haben noch nichts.

Die Woche ist so schnell herumgegangen, ohne dass eine der drei Wohnunsnöte (meine, die des Lehrhauses und die des Büros) behoben wäre. Und alles übrige sammelt sich im Augenblick ja in den Wohnungsnöten. Sie sind das Symbol für das andre. Strauss habe ich wohl 14 Tage lang, oder länger, nicht gesehn! Martha K. könnte zufrieden sein.

Vor einer Woche kamen wir hier an.

Aber weisst du: Angst und Zweifel, das habe ich beides nicht. Nur bin ich schwerfällig zu glauben, und will es sein, denn ich will mich nicht umnebeln lassen und das Nichts zu einem Etwas aufschminken. Lieber ein ehrliches Nichts. Und es ist ja doch mehr als Nichts. Das weiss ich doch selber am besten, längst ehe es andre wissen können.

Leb wohl, ich denke an dich.

Dein

28.VIII.20.

Liebe, Liebe,  Rudi Hallo der eben auf der Durchreise ein paar Nachmittagsstunden da war, sagt es wäre ein Extrablatt: in Stuttgart Generalstreik. Überhaupt sieht es eigentlich in der Welt so aus, dass man keine Pläne machen sollte.(Dass man deswegen doch allerlei machen kann, nur eben nicht grade das Geplante, das haben wir ja nun allmählich gelernt. Was haben wir überhaupt für eine Erfahrung angesammelt in diesen Jahren. Du sprachst neulich selber von unsern Berliner Tagen während der Eroberung von Berlin C (durch die Reichstruppen und dem Generalstreik in Leipzig).

Unsre möblierte Möglichkeit hat sich etwas verdichtet. Mit voller Energie betreibe ich das nicht, weil ich immer noch hoffe dass der Seusal ein Wunder tut und uns eine richtige verschafft, und wenns auch eine Mansarde ist.

Ich rufe manchmal nach dir, um dir etwas zu sagen. Schreiben kann ich es nicht immer wieder. Grade der Schabbes ist ja der schlimmste Tag, grad wegender Form. Denn hohle Formen klappern; und wenn man keine Formen hat, klappern sie wenigstens nicht. Dass ich nichts mit Edith zu reden habe, merke ich ja sonst nicht, wo wir uns nach dem Essen jeder an irgend eine Arbeit machen. Aber am Freitag Abend giebts das nicht, da sitzen wir zusammen und dann ist eigentlich gar nichts. Denn auf die Aushülfen des Sichwasvorlesens oder so verzichte ich natürlich. Es ist auch nicht besser, wenn wir einen Gast haben. Entweder ich vergesse, dass sie dabei ist oder – ich merke es und leide unter der mir ganz fremden Art wie sie dann dabei ist. Hinterher merke ich dann wohl, dass ihr selber diese Art auch fremd war, dass es gar nicht ihre eigentliche Meinung war, die aus ihr herauskam. So eben bei Rudi Hallo, wo ich teils un = teils schlecht verheiratet war, und so eigentlich immer, ausser wo mir die Menschen ganz gleichgültig sind. Deshalb war mir ja neulich als du da warst, der Abend auch so schwer. Es ist eben so lächerlich wenig, was nötig wäre, bloss ein bischen Einklang. Aber dies Bischen fehlt.

Nun habe ich doch wieder davon geschrieben. Ich wollte eigentlich nicht. Du weisst es ja auch alles. Trotz der vielen “offiziellen” Beterei bete ich jetzt wirklich wie Philips sagt, “üimmer”, nämlich lauter kleine Stossgebete “hilf mir”, denn es reisst ja fortwährend an mir und wirft mich um, und ich weiss mir nicht zu helfen. Weisst du: gar nicht: hilf ihr, – das kommt schon mit, sondern ganz direkt für mich: mir mir mir. Das schweigt nicht, selbst in den Augenblicken nächster Nähe. Er müsste es eigentlich hören.

Gute Nacht. Dein Wort trägt mich und hilft mir tragen und warten und bereit sein. Du liebe Seele –

Dein.

29.VIII.20.

Liebes Gritli,  es ist spät. Wir waren Mittags heraus nach Falkenstein, das liegt wunderschön im Taunus. Wir wollten Blau, den König der Gemeinde, der dort wohnt, besuchen. Es ist ein ganz famoser Mann, wieder etwas ganz andres als sonst solche Gemeindekönige sind, auch wieder ein “sans phrase” = Jude. Es ist doch was Besonderes, dass in einer Gemeinde beisammen ein Ketzer wie Strauss, ein Pfaff wie Nobel, ein Premierminister wie Mayer und ein König wie Blau ist (und ein Hecht im Karpfenteich wie ich) (und eine ungenannte Gönnerin wie du). Es sind freilich auch lauter “keine hiesigen”, das gehört wohl auch dazu). Also ich verstand mich sehr gut mit ihm, natürlich. Ich war diesmal übrigens nicht überrascht, Mayer hatte es mir schon gesagt.

Bei der Post am Morgen war ein Brief von Meinecke, nach der Lektüre des Hegel, worin er mich dringend zur Habilitation auffordert, möglichst in Berlin. Ich habe ihm nun einen langen Brief geschrieben, noch nicht ganz fertig, worin ich ihm so viel von mir erzähle, dass er es nun hoffentlich wenigstens persönlich verstehn wird, und das genügt ja. Leicht ist es ja nicht für ihn, aber ich habe diesmal alles Sachliche ganz en bagatelle behandelt und ihn nur umpersönlich offne Ohren gebeten. Ich hätte nicht gedacht, dass ich nach dem Fehlschlag in Berlin es nochmal versuchen würde, mich ihm sichtbar zu machen. Schriftlich muss er mir ja aber still halten.

Ich war etwas erschrocken, dass ihr mit Hans geredet habt. Obwohl ihr ja nah wart und es also wissen müsst. Ich fürchte, durch diese herbeigeredete Katastrophe habt ihr ihm die echte, die jetzt von selber gekommen wäre, grade verdorben. Die Katastrophe hätte in ihm werden müssen; das hätte auch auf Else Eindruck gemacht. Jetzt wird er mit ihr reden, und das macht schon lange keinen Eindruck mehr auf sie, hat es wohl nie gemacht. Es ist ja so falsch, dass er sich heute anders zu ihr “verhalten” müsste; das ist grobschlächtigste Rudipsychologie. Dazu ist die Zeit einfürallemal verscherzt, wohl schon vor 7 Jahren. (Ich bin sicher, dass ers damals “versucht” hat und dass es ihm damals misslungen ist; da ist nichts nachzuholen). Nicht wie er sich zu Else benimmt, sondern was ihm in Elses Augen passiert, ist das Entscheidende. Ein neues Benehmen würde Else einfach zu ihren übrigen Leiden legen, eventuell auch, wenn Gelegenheit wäre, mit Davonlaufen beantworten.

Wie ich eben deinen Brief nochmal lese, sehe ich, dass du eigentlich nach der Aussprache erstrecht hoffnungslos bist. Also. Es war sicher nicht der Augenblick, Schleier zu zerreissen. Helene, die das Verhältnis zum ersten Mal aus der Nähe gesehen hat, hat euch alle angesteckt. Statt der natürlichen Krise hat Hans jetzt (wieder mal) eine künstliche, – die er ebenso illusionär lösen wird wie all die vielen künstlichen Krisen seines Lebens. Das war sicher nicht gut.

Morgen kommt Else hier durch und übernachtet bei uns. In Kassel will, offenbar auf einen Alarmbrief von Rudi hin “Tante Dele ihr Heil mit ihr versuchen”. Kurz – so geht es nicht. Wenn man mit jemand durchaus schleierlos sprechen wollte, so wäre noch eher sie die richtige dafür gewesen, als Hans.

Ich bin ganz müde. Aber es war doch eigentlich ein hübscher Tag; ich sah doch wieder Grund unter mir in Frankfurt. (Ausgerechnet an dem Tag, wo ich Meineckes Brief kriegte. Wie merkwürdig übrigens: er schrieb am Donnerstag, und am Donnerstag habe ich am Nachmittag zum ersten Mal seit wohl einem Jahr stundenlang ihn gelesen; es steht hier in Hellingers Büchern allerlei von ihm.

Gute Nacht, liebes Herz.

Dein Franz.

30.VIII.20.

Mein liebes Herz,  was war das für ein Tag. Durch ein Missverständnis glaubten wir, Hellingers Ruf nach Breslau wäre da (in Wirklichkeit ist er hierOrdinarius geworden und dadurch uns jede Hoffnung auf die Wohnung hiergenommen!) Ich rannte gleich und es liess sich alles so an, als kriegten wir die Wohnung; ich war so froh, und sehr down, als es sich dann herausstellte, wie es war.

Mittags war Hannah Karminski da, Nachmittags Onkel Viktor, Onkel Adolf (auf der Reise von Konstanz zurück), Else. Sie bleibt über Nacht. Weisst du , was es eigentlich ist? Sie ist ohne jeden Anschluss. Sie ist nie zu zweien, immer allein, immer steht sie wie ein unartiges Kind “in einer Ecke”. Es wirkt da auch immer ihre soziale Losgerissenheit mit. Vielleicht hat Hans da wirklich etwas versäumt; da wäre wohl etwas zu heilen gewesen. Sie ist übrigens sehr schwarz gestimmt und Hans wird nicht leicht mit ihr reden können, sie wird es nicht vertragen.

Müde? ach ich weiss schon was das ist. Aber muss man denn aus sich heraus in ein Aussen, um zueinander zu kommen. Doch wahrhaftig nicht. Wenn ich dir schreibe: “ich bin müde” – und schreibe es dir, so bin ich bei dir. Mehr ist wirklich nicht nötig.

Onkel Viktor war wieder so besonders. Es liegt etwas um ihn herum, wie eine Wolke.

Deine Briefe halten mich wie Hände.

Geliebte – Dein.

31.VIII.20.

Liebes Gritli,  der Tag hiess Eduard. Des Morgens war ich bei ihm im Institut, um mit ihm wegen der Sitzung seines Jugendvereins heut Abend zu sprechen. Er las mir aber dabei den Anfang seines Büchelchens vor, das nun nach einem Jahr endlich herauszuspringen scheint (Mystik, freier Geist und Offenbarung). Und siehe da: sehr gut! Eine Sprache an der man gar nichts korrigieren muss, weil man nichts dran korrigieren kann. Ein stilles gesättigtes Pathos, etwas verwölkt, aberschön verwölkt, wie so eine heroische Landschaft von Rottmann oder so. Es wird etwas sehr Gutes und der Durchbruch ist ihm nun auch da geschehn, er kann schreiben. – Freilich hat ers nicht nötig. Heut Abend in der Versammlung sprach er wieder so, wie ichs im Grunde doch noch von keinem andern gehört habe. Er ist nämlich obwohl er spricht, doch auch stets Redner; es steckt (auch) ein virtuoses Können darin. Er hob wieder eine öde Masse über sich selbst hinaus. Es war überhaupt gut. Ein sehr feiner ganz schlichter und kluger Verhandlungsleiter, der es zum Ausdruck brachte, dass der Verein wenn er weiter besteht es Strauss verdankt und verdanken will. Aus der Bibelstunde heraus ist ihm da eine wirkliche Gefolgschaft gewachsen, alle Tätigen in dem (freilich sehr grossen, 500 Mitglieder) Verein.

Ich las ihm heut Morgen zum Entgelt vor dem Abschicken meinen Brief an Meinecke vor. Ich will doch Mutter schreiben, dass sie euch die Abschrift schickt, lesen sollt Ihr ihn doch auch.

Edith war nicht mit. Das kleine “u.” hatte sich ein paar Tage zu früh eingestellt und heut war der schlechte Tag. Wenn sie mit ist, spüre ich ja immer, dass es mir nichts bedeutet; aber wenn sie wie heut gar nicht mit ist und ich sie nur zu Hause weiss, dann bin ich doch froh dass ich sie habe; es ist doch eine andre innere Existenz als früher.

Gute Nacht. Dein Wort hat diesem Tag gefehlt. Das giebt eine Unruhe über den ganzen Tag, ein Aufflattern der Gedanken, ohne dass sie wissen, wo sie sich niederlassen können, – wie sie es wissen, wenn ich das Couvert mit dem gelben Blatt in der Brusttasche trage.

Ich lege dir ein paar Couverts mit ein; ich fand noch keine schöneren wieder.

Dein Franz.

Oktober 1920

1.X.20.

Liebes Gritli,  es war noch eine wüste Arbeit, wir haben zu 8ten dran gesessen, “mein” Student und ich, dazu 3 zionistische Stundenten und 3 liberale Jugendvereinler (davon 2 kleine Mädchen, ein 12= und ein 14= jähriges), fast 2000 Couverts waren zu füllen, geschrieben waren sie schon und nachher mussten wir sie noch zu zweien bemarken (1000 Marken auf einmal aufkleben, in einer Stunde, das ist was – obwohl ich im Jahr an dich wohl ebensoviel aufklebe, aber da merkt mans nicht). Aber ich bin nun sehr gespannt auf den Erfolg (oder vielmehr sicher, dass der Anfangserfolg gross sein wird, aber nachher wieder nachlassen). (Heut Abend war Ediths Freundin hier, Hannah Karminski, die als Leiterin eines Geschäftsmädchen = Vereins hergekommen ist. Sie kam von Jena, wo eine Tagung war und wo sie eins von 3 Referaten über konfessionelle Jugendpflege gehalten hatte (Siegmund Schultze nachher das zusammenfassende); sie hatte grossen Beifall gehabt, aber das Referat war nur mittelmässig. Sie ist übrigens leider so dick, dass es schwer ist, ihr gut zu sein.

Es kommt mir vor wie lange Zeit, dass ich nichts von dir gehört habe. Dabei sind es nur 2 Tage. Jetzt wirst du ohnehin nicht zum Schreiben kommen.

Ist dir gut?

Dein Franz.

Eben Eugens Telegramm. Ich gehe gleich zur Redaktion und sistiere, falls noch möglich ist. Ich werde sagen, du würdest Anfang der nächsten Woche (so um den 10.X. herum) eine neue Fassung schicken.

Hans und ich stimmten in unserem Urteil ganz überein. Ich schreibe dir nach Stuttgart. Der Aufsatz ist viel zu voll und setzt viel zu viel (ungeschriebenen) E.R. voraus. Die herrlichen Eugenismen, die drin stehen, machen uns Freude, aber das Publikum stossen sie nur vor den Kopf, so vereinzelt und sprunghaft wie sie da stehen.

2.10.20.

Liebes Gritli,  ich war auf der Frankfurter Ztg. und habe den Aufsatz sistiert. Will Eugen eine Detailkritik? Aber ich glaube, er kann ihn auf Grund der Engroskritik neu schreiben; seine zweiten Fassungen sind doch gewöhnlich erst die richtigen. Es ist alles viel zu viel und ausserdem vor lauter Eugenscher Konkretheit viel zu – abstrakt (vor lauter deutsch “undeutsch” im Sinne Luthers, undeutlich). Ich dachte nicht, dass von dem Aufsatz etwas Wirkliches abhängt; sonst hätte ich ihm gleich geschrieben.

Ich war heut Vormittag noch eine Stunde bei Ernst Simon. Und heut Nachmittag über 3 Stunden mit Eduard, natürlich im Café. Die Tragikomik dieser Örtlichkeit für unser Zusammenleben scheint nicht enden zu sollen. Es war sehr schön, aber aber – ich merkte plötzlich, dass es ebensogut war, dass Edith nicht dabei war wie dass Alice; ihr lahmes Ja wäre ebenso unerträglich dabei gewesen wie Alices taubes Nein. Da wurde ich mittenhinein sehr traurig. Zumal dies etwas ist, was ich ihr nicht sagen kann.

Ich habe viele Pläne, manchmal schiessen sie sogar über die Grenze des Frühjahrs hinüber, mit der ich mir vor mir selber gewöhnlich mein Frankfurter Leben begrenze. Jetzt etwas noch für diese Woche: eine grosse Freude für Nobel, und wenns zustandekommt, mehr als bloss eine Freude für Nobel.

Trudchen hat ein Mädchen. Es hat sehr schwer gehalten diesmal, tagelang.

Dein Franz.

3.10.20.

Liebes Gritli,  ich schrieb dir zweimal nach Salzburg, du wirst es wohl noch gekriegt haben. Ich bin froh, dass ich wieder einen Brief von dir habe; es ist so ein Gefühl wie Austrocknen in mir, wenn er ausbleibt. – Der Student, den ich zur Hilfe habe, lässt sich ganz gut an. Er ist ein kleines Jüngelchen, das sich durchhungert, weil sein reicher Onkel – dem Zionisten nichts geben will! So im einzelnen Fall ist es eben meistens nichts mit dem “Die Kerls wollen glücklich sein”.

Wir waren heut Vormittag bei Henry Rothschild. Er hat vier Töchter zwischen 10 und 2, drei sahen wir, eine immer famoser als die andre.

Jetzt kommen noch 2 Feiertage und dann kommen die Anmeldungen u.s.w. Ich bin noch immer sehr gespannt darauf. Diese Nacht habe ich vor Spannung kaum geschlafen. Ist das nicht komisch? ich weiss doch genau, dass es nicht auf diesen Erfolg ankommt, aber Fleisch und Blut wissen es nicht. Sie möchten den Erfolg gern “auch” haben.

Dein Franz.

4.X.20.

Liebes Gritli,  ich schicke Eugen mein Exemplar des Aufsatzes. Auf der Zeitung neulich bekam ich es nicht, weil es sich grade irgendwo herumtrieb.

Eva Zetters Brief neulich war ja auch schon anders als ihr Bild. Aber dass sie verlobt ist, hatte ich keine Ahnung. Ist Karl von Norden nicht der Arzt? (denn der ist doch nicht dumm).

Ich erzähle dir von den Festtagen gar nicht richtig. Sie sind ja auch noch fragmentarisch. Schon durch die Unruhe und Unsicherheit wegen der Wohnung (hier müssen wir in 10 Tagen endgültig heraus). Heut das grosse Kinderhallo in der Synagoge war aber herrlich und überhaupt.

Bis morgen Abend. (Heut “darf” ich dir ja eigentlich gar nicht schreiben!) Morgen Abend habe ich Vorbesprechung mit meiner Jugendvereins= Arbeitsgemeinschaft, es sollen etwas viele sein, ich werde wohl gleich richtig anfangen, da ja nicht viel zu besprechen ist und ich etwas ausgehungert bin.

Bis morgen also.

Dein Franz.

Hast du gedacht, dass heut der 4. Oktober ist? zum vierten Mal seit wir uns kennen.

5.10.20.

Liebe,  es ist ganz spät geworden und ich bin sehr müde. Es war wieder ein schöner festlicher Morgen. Aber dann viel Lauferei wegen Wohnung. Es wird nun vielleicht eine in einem reichen Haus: zwei möblierte Zimmer, eine Notküche, noch notdürftiger als die jetzige, kein Mädchen unterzubringen – und doch werden wir vorlieb nehmen müssen. Von den möblierten Zimmern enthält das eine die Keramiken Sammlung des Mannes, an sich sehr schön, aber nie einzuwohnen, die Töpfe werden einen immer zudecken. Aber was tun!

Abends war dann die Stunde im Ili. Es ist ziemlich die selbe Zuhörerschaft wie in Straussens Bibelstunde, sehr minderwertig. Zwei Männer sah ich neu, die mir gefielen. Sie sassen aber hinten und schwiegen. Ich spreche über das Gebetbuch. Die Stunde heute war sehr gut, und es haben wohl alle gut verstanden. Trotzdem war ich gar nicht befriedigt, nur mit mir zufrieden. Ich hätte vor diesem Publikum lieber geredet, im Vorlesungsstil, also über sie hinweg, statt im Arbeitsgemeinschaftsstil mit ihnen.

Morgen ist nun der erste Bürotag des Lehrhauses. Ich bin jetzt schon auf eine Enttäuschung gefasst.

Gute Nacht. Es war so schön, sich ein paar Wochen lang nicht um die Wohnung zu sorgen, solange man denken konnte, die Mansarde sei uns sicher. Aber jetzt hoffe ich auf die gar nicht mehr.

Dein Franz.

Eben eure Briefe. Nur rasch: Eugen muss 3/4 der Gedanken aus dem Aufsatz herauslassen und das übrige Viertel so deutlich sagen, als ob er den Aufsatz für  – Riebensahm zu schreiben hätte. Welches das übrig bleibende Viertel ist, ist mir ganz egal. Meinetwegen die an Sinzheimers Adresse gerichteten Gedanken.

Eine Kritik hatte ich für überflüssig gehalten, weil Eugen mich, wie ich glaubte vor ein fait accompli stellte und ausserdem: weil ich nicht wusste, dass von dem Zeitungserfolg irgendwas abhängt. Wenn Eugen mir was schickt muss er dazu schreiben, ob zur Kritik oder zur blossen Kenntnisnahme. Diesmal ists reiner Zufall, dass ich ihn überhaupt so rasch gelesen habe. An sich hätte ich ihn vielleicht noch lange liegen lassen. So wenig eilig kam es mir vor. – Also gar nicht “mea culpa”.

6.10.20.

Liebes Gritli,  ich merke eben, dass Eugens Brief schon von Stuttgart ist, es steht gar nicht drin, ob mit dir? ich glaube aber wohl; es ist ja schon manchmal mit dem Schrecken vorübergegangen. Eugen hätte doch wohl ein Wort von dir geschrieben.

Es war heut der erste Tag im Büro – richtig wie bei einem jungen Arzt oder Anwalt, den ganzen Tag wartet man, und kein Mensch kommt. Auch mein schriftliches Verfahren, das ich zur Bequemlichkeit der Leute eingerichtet hatte, hat so gut wie vollständig versagt, und ich war so stolz darauf gewesen. Die Bestellungen werden sich also ganz auf die letzten Tage zusammendrängen.

Ich habe dir gar nicht recht von den letzten Festtagen erzählen können. Es war sehr schön, aber nicht recht zum Schreiben.

Von Walter hatte ich eine, leider recht lederne, Antwort. Ich frage mich, ob ich ihm auch so ledern geschrieben habe; ich glaube nicht. Das Englische ist aber doch eine furchtbare Scheidewand zwischen den Menschen. Unsereins kommt nicht hinüber. Picht, wenn ers kann und weil ers kann, ist eben nicht “unsereins”. Vielleicht steckt darin alles, was ich im Frühjahr, als ich ihn sah, verspürte.

Ich hatte einen sehr guten Brief von Hans. Nur ahnt er nicht, dass für mich diese gemeinsamen Tage gar nichts so verwunderliches waren. Die Fremdgefühle waren ja in den letzten Monaten so ganz einseitig, nur bei ihm; ich trug ihn wirklich im Herzen und wusste um ihn, – mehr selbst heut noch als er wissen kann. Aber immerhin ists gut so. Ich bin weder an ihn noch an Rudi bisher zur Antwort gekommen.

Ich hoffe sehr, dass ich morgen höre, es geht dir doch wieder gut. Freilich ists keine sehr zuversichtliche Hoffnung.

Heile heile Segen –

Dein Franz.

7.10.20.

Liebes Gritli,  es geht dir sicher nicht gut, anders kann ich ja heute den Tag Schweigen nicht deuten. Hoffentlich höre ich morgen etwas. Über uns wächst die Wohnungsnot jetzt immer gespenstischer auf. Ich gehe damit um, Edith nach Kassel zu schicken, ich allein werde schon ein Zimmer finden, könnte ja auch bei Borns im Fremdenzummer bleiben, eventuell. Ediths Fahrt nach Kassel soll (abgesehen von ihrer Erholung) den Zweck einer Demonstration haben. Sonst glaubts uns doch kein Mensch, dass wir keine Wohnung haben und nahher lässt man uns in einer Pension alt und grau werden – dann sind wir “untergebracht”.

Die Anmeldungen im Lehrhaus sind bei Nr.14 anglangt! nach zwei Tagen! (nicht etwa 14 Leute, sonder 14 belegte Veranstaltungen). Unter den 14 marschieren Strauss und ich und Nobel mit je 3 an der Spitze, wie es sich gehört.

Der Student und ich sind ganz vergnügt und warten auf den “Patient”. Dass ich selber auch sprechen soll, steht noch wie in mythischer Ferne vor mir, obwohl das doch in einer Woche anfängt.

Heut war hier ein richtiger ganz warmer Herbsttag; ob wohl bei dir in Stuttgart auch? Es war wie zum Gesundwerden. Werds doch bitte. Wenn es aber nicht geht, so ist Frankfurt nah und ich komme einen Tag herüber und sitze bei dir am Bett und halte dir die Hand. Liebes liebes Grilti   –

Dein Franz.

8.10.20.

Liebe,  ich war ganz erstaunt, wie ich heute noch einen Brief von dir aus München kriegte. Ich hatte auf eine Nachricht aus Stuttgart gewartet. Von Rudi kam eine neue kleine grosse Dichtung, ein Ausblick auf unser aller Leben von dem Punkt aus, auf dem er es in den Tagen mit Helene erlebt hat. Gewaltsam im Nein, aber überwältigend weil er das Nein nach allen Seiten richtet. Bei seinem Ja komme ich nicht mit, genau wie in den Tagen selbst, aber es ist mit einer Sicherheit gesagt, dass man ihm glauben muss, auch wo er über mein Verstehen hinausschiesst. Er schickt es dir selber (übrigens Eugen kommt gar nicht drin vor, sondern soviel ich sehe nur Er und Helene, du und ich, – und so hat ers ja in den Traifelberger Tagen auch gesehen.)

Die Anmeldungen halten bei Nr.29. Und dann kam heut die Korrektur des Tischgebets, noch nicht schön, weil der Drucker etwas missverstanden hatte. Aber es wird schön.

Es war ein schöner Abend. Hannah Karminski, die doch eine nette Person ist, war da. Sie hilft Edith viel an den Tagen vor Festtag und bleibt dann meist da. Heut erzählte sie eine himmlische Geschichte von der Bäumer und einem Eisenbahnschaffner.

Hab keine Schmerzen.

Dein Franz.

9.10.20.

Liebes Gritli,  es tut sich eine Wohnungsmöglichkeit auf, wohl eine sehr ungünstige aber immerhin eine Möglichkeit. Morgen früh werden wir näheres hören.

Ich habe ja bei Riebensahm immer bedauert, dass solche Leute bei uns nicht mit voller Selbstverständlichkeit in die Politik gehen. Da würde er jemand werden. In der Industrie? was ist schliesslich ein Industrieller.

Eugens Brief habe ich natürlich gekriegt, d.h. nein – warte mal, den kurzen mit Bleistift aus München, aber neulich bei dem Aufsatz? das weiss ich nicht mehr. Ich merke ja nun, dass der Aufsatz Eugen viel wichtiger ist als ich damals dachte; wir wussten beide nicht, dass noch etwas davon abhängt, Hans und ich. Trotzdem hätten wir beinahe Sinzheimer aufgesucht, um ihn zu sistieren, so wenig gefiel er uns.

Sprechstunde ist das ja eigentlich nicht, es werden eben die Karten verkauft, natürlich könnte es zur “Sprechstunde” werden, – wenn jemand käme; neulich wurde es einen Augenblick dazu, (ich merke das aber erst jetzt wo du danach fragst).

Ich bin so froh, dass es schon wieder besser geht. Ich habe heute mit Leidenschaft – Korrekturen gelesen, nämlich vom Tischgebet. Es wird schön, ich freue mich sehr darauf.

Mittags war Hannah bei uns, Abends Max.

Hab mich lieb!

Dein Franz.

10.10.20.

Liebes Gritli,  die Wohnungsfrage wird immer scheusslicher, wir sind schon wieder im richtigen Herumrennen mit Jammern zwischendurch. Heut den ganzen Vormittag beinahe, und nichts, nichts. Ich denke jetzt daran, Edith am Freitag nach Kassel fahren zu lassen, (sie hats als Erholung sowieso nötig, und kann sich dort um ihre Wintergarderobe kümmern) und am Sonntag bei der Eröffnungsvorlesung, wenn ihre Abwesenheit auffällt, demonstrativ zu erklären, weshalb sie fort ist; denn vorläufig denkt jeder: sie sind ja untergebracht; wenn ich dann damit klingle, ich würde auch fortgehen (was ja nur dann einigermassen wahrscheinlich ist), dann findet sich vielleicht etwas. Was für ein dünnes Vielleicht. Wir haben damals im April den ungeheuren Fehler gemacht, uns nicht eintragen zu lassen, aus dummem Vertrauen zu dem Seusal, der uns abriet; nun fragt uns jeder, ob wir auch die “Einweisung” haben, und so sind wir die Hereingefallenen. Ich bin gar nicht in der Stimmung, an die Vorlesungen zu denken; wenn man nicht weiss, wo man in 3 Tagen ist! Die Eintragungen halten bei Nr.40, Nobel und ich immer noch an der Spitze. Heut kommt Straussens Bibelstunden = Liste mit ca. 45 Nummern dazu. Aber sonst wars genau so still wie an den vorigen Tagen. Dafür gabs zwei Besuche, Ries vom Ili, und Ernst Simon, – also wieder “Sprechstunde”; es wird wohl malgré moi eine werden. Simon brachte mir auch das Gedicht an Nobel. Hier ists:

Matt ward dein Volk, ward ängstlich und genau,

Flieht edles Übermass, entsagt dem Schwung,

Lebt tausend Ängste, träumt Erinnerung

Gleich einer müdgewordnen alten Frau.

Man mischt aus Schwarz und Weiss ein kluges Grau,

‘           Schluckt Windesstaub, entbehrt des Glaubens Trunk:

Schon dorrt dein Volk – da schlägst du quellend jung

Den ewgen Felsen schöpferischer Schau.

In Tagen da der Mut zur Grösse starb,

Fandst du ein Wort, das uns durch Schönheit warb,

Und das uns auf des Herzens Kniee ringt  –

Nie flogen höher wir – und lagen tief

Gebeugt vor ihm, der aus dem Dunkel rief:

“Ich segne den allein, der mich bezwingt.”

Ist das nicht schön? und wahr.

Dein Franz.

  1. und 12.10.20.

Liebes Gritli, wie komisch, dass heute früh auf deinem Brief aussen von Eugen drauf geschrieben war, ob ihr statt nach Frankfurt nach Berlin solltet. Grade vorher hatten wir davon gesprochen, wie es wäre, wenn wir nach Berlin kämen statt hier blieben. Wir können uns also nicht entgehn. Es steht in den Sternen. Aber dir würde ich freilich Berlin noch weniger wünschen als Frankfurt.

Wir sind heut wieder den ganzen Tag jammernd nach Wohnung herumgelaufen. Das Jammern wirkt jetzt echt, und darum halte ich für möglich, dass sich vielleicht doch was findet. Jedenfalls wird Edith nach Kassel gehn. Ohne demonstrativen Lärm geht es nicht. Dass sie dann freilich grade zu Anfang nicht da ist und ich grade da wieder zum Budenleben zurückkehren muss, ist scheusslich. Wenigstens haben wir die Festtage Ruhe gehabt.

Ich weiss nicht, ob du das, was ich dir nach Salzburg schrieb, nicht überschätzt. Es ist doch sehr viel Resignation in dieser Geduld, wenn nicht gar Trägheit. Wir finden wohl eine Form des Zusammenlebens, aber es ist nicht viel Zusammen und nicht viel Leben dabei. Eben mehr modus vivendi als Vita. Das Leben selber lässt sich so über die Leerheit dieses Lebens wegtreiben, ohne viel nachzudenken, immerhin es vergeht doch kein Tag, wo es mich nicht graut vor dieser Leere. Ich bin eben der “tote Mann”, doch an einem ganz andern Punkte als in Rudis Dialog. Manchmal ist mir erst wenn ich an dich schreibe so, als finge langsam (sehr langsam) das Blut wieder an, durch meine Adern zu fliessen. Die Resignation, die ich gelernt habe, besteht nur darin, dass ich es bei dem Grauen bewenden lasse und mich nicht mehr dagegen aufbäume, sondern erwarte, es werde doch zu irgendwas gut sein. Aber ich vergesse kaum je, dass ich auf der Oberfläche treibe. Ich schreibe nur seltener davon und das Bedürfnis davon zu sprechen, habe ich hier gar nicht. Aber verwundern, dass ich verheiratet bin, und ausgerechnet mit ihr, tue ich mich eigentlich immer wieder. Es ist mir noch nichts selbstverständlich daran, und wenn es überhaupt mal ein Tönen giebt, so ists eine Disharmonie, nie was andres. Ich habe auch das Gefühl, dass wer mich jetzt kenne lernt, mich überhaupt nicht kennen lernt – “so bin ich ja gar nicht” möchte ich manchmal sagen, tue es aber nicht.

Dein Franz.

12.10.20. Eben dein Br